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No Future!: 12 SF-Stories

No Future!: 12 SF-Stories

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No Future!: 12 SF-Stories

Länge:
169 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 29, 2019
ISBN:
9783743873742
Format:
Buch

Beschreibung

Diese Anthologie enthält ein Dutzend Science-Fiction-Erzählungen, teils utopisch, teils dystopisch, angesiedelt zwischen sehr naher und sehr ferner Zukunft – und in einem Fall in der Vergangenheit. Mit dabei sind natürlich die üblichen Verdächtigen (Aliens, Astronauten und Zeitreisende), doch auch Menschen wie Du und Ich, die sich mit manchmal etwas zweifelhaften Errungenschaften von Technik und Gesellschaft herumschlagen dürfen ... Zehn Texte wurden bereits in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht; zwei sind Erstveröffentlichungen. Die ersten drei Geschichten sind unter dem gleichen Titel gesondert als Gratis-Leseprobe erhältlich. "Relokation" wurde 2018 für den Deutschen Science-Fiction-Preis als beste Kurzgeschichte nominiert.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 29, 2019
ISBN:
9783743873742
Format:
Buch

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Buchvorschau

No Future! - Olaf Lahayne

Schöne Träume!

»Und? Exposé schon fertig? Ist ja nur noch eine Woche bis Einsendeschluss.«

Ehe Mark antwortet, geht er ein letztes Mal mit dem Tuch über die verspiegelte Scheibe vor ihm. Endlich ist sie frei von Staub, Schlieren und Tropfenspuren; so kann er sich seinem Kollegen zuwenden: »Nö. Letztes Jahr, da dachte ich, ich habe mit dem sprechenden Löwen ’ne echte Traum-Idee. Aber wer gewinnt dann? Ella mit ihrem Drachen-Szenario. Ausgerechnet Ella! Und ich gab ihr sogar noch Schreibtipps, weil sie im Vorjahr bei ihrer ersten Teilnahme gleich in der Vorrunde ausschied.«

»Für dich ist es jetzt schon ... Wie oft warst du dabei?«

»Elf Mal«, stöhnt Mark. »Seit zwölf Jahren schreibt die Regierung den Wettbewerb aus; seit zwölf Jahren kann jeder Konzepte entwerfen für eine noch raffiniertere, noch phantastischere Gestaltung von Traum-Szenarien. Seit dem zweiten Jahr bin ich mit dabei; dreimal kam ich in die zweite, einmal sogar in die dritte Runde. Klasse Konzept eigentlich! Ich meine, warst du nicht auch oft enttäuscht von deinen Träumen? Von Träumen, die du vor Monaten beantragt, auf die du dich Wochen gefreut, für die du womöglich extra bezahlt hast ... Und dann war es doch nur ein abgegriffenes Krimi-Szenario, ein 08/15-Fantasy-Setting, eine stumpfsinnige Gewalt-Orgie ...«

»Stimmt; das kommt vor.«

»Eben. Da denkt man sich doch: Das kann ich besser! Und was habe ich mir nicht schon alles an Konzepten aus den Fingern gesogen: Interplanetare Reisen, schlüpfrige Szenarien, exotische Länder, raffinierte Heists, wilde und zahme Tiere ... Aber entweder hatten andere die gleiche Idee, oder es war noch nicht realisierbar wegen mangelnder Rechner-Kapazitäten, zu geringer Bandbreite im Dream Net und so, oder es fiel einfach durchs Raster.«

»Und wäret ihr nicht ein Paar gewesen, Ella hätte nie an dem Wettbewerb teilgenommen. Stimmt’s?«

Wieder stöhnt Mark auf: »Erinnere mich nicht daran! Jetzt hat sie auf ewig frei: Muss nicht mehr arbeiten, muss sich nicht mehr um die Knete sorgen ... Sie ist frei!«

Er pfeffert seinen Putzlappen derart schwungvoll in den Eimer, dass die vier Meter breite, aber nur einen Meter tiefe Arbeitsplattform ins Schwanken gerät.

»He, Vorsicht: Das sind 300 Meter bis unten! Stimmt schon, aber du musst zugeben: Eine klasse Idee, die sie da hatte! Hast du ihr neues Szenario schon genutzt? Ist zwar ziemlich ausgebucht, aber ab und an hat man Glück; ein Slot wird frei, und man bekommt zwei, drei Stunden Traumzeit.«

Mark reagiert mit einer wegwerfenden Geste: »Fantasy-Szenarien ... Klar, ich hab mich auch dran versucht, aber für meine Träume, da ist das nix: Da brauche ich Sport, Action und so. Freiheit, das ist für mich eine Tiefschnee-Abfahrt im Hochgebirge mit meinen Kumpels, ohne sich um Lawinen, Lifts und kaputte Knochen sorgen zu müssen!«

»Hast du eine Ahnung! Letzte Nacht konnte ich Ellas Szenarien mal erproben. Echt traumhaft: Ich war mit meiner Tochter unterwegs, an dem Gebirgssee, wo wir schon oft waren. Die Kleine schwimmt, droht zu ertrinken, und plötzlich rettet sie ein Wasserdrache. Der nimmt uns mit zu einem Rundflug über die Berge ... Unglaublich überzeugend, diese Flug-Sequenz, und auch die 3D-Efekte sind inzwischen perfekt! Was die an Soft- und Hardware im Dream Centre haben müssen; was da an Daten durchs Dream Net fließt ... Waren garantiert Tausende, die das Szenario gleichzeitig genutzt haben; vielleicht Hunderttausende! Und alles ausgehend von Ella als neue Dream Artificer. Fantasy liegt ihr echt.«

Fast synchron drehen sich die zwei auf ihrer Arbeitsplattform um. Um sie herum, aufwärts und abwärts wolkenkratzt es Meilenweit. Die Glas-, Stahl- und Alu-Fassaden reflektieren die Strahlen der tiefstehenden Sonne, doch im Schatten verbleiben die Straßenschluchten. Diese verbinden die City mit den Ghettos der Vorstadt, und wo Nebel, Smog und Dunst den Horizont verschmieren, da erahnt Mark sein Viertel. Dieser An- und Ausblick ist allzu deprimierend; so wendet er sich in die andere Richtung, wo sich die stockwerkprotzenden Doppeltürme einer Großbank erheben. Zwischen ihnen erahnt man eine Grünfläche, und in dieser – versteckt unter Bäumen – einen bunkerartigen Beton-Bau. »Das Dream Centre ... Da darf Ella jetzt träumen und Träume schaffen – rund um die Uhr. Gott, wie ich sie hasse!«

Sein Kollege schüttelt den Kopf: »Ich weiß nicht ... Ewiger Schlaf? Nichts für mich!«

Mark schnauft verächtlich: »Ach ja? Hier ein öder, mies bezahlter Job, bei dem wir täglich die Fenster von Gebäuden putzen, in die man uns nicht mal rein lässt. Dort die Herrschaft über eine Welt, die man selbst erschaffen hat. Hier Sklave, dort Gott! Da fällt mir die Wahl nicht schwer.«

»Aber es ist nicht echt. In Wahrheit, da liegt man irgendwo, angeschlossen an riesige Rechner ... Ohne Ende, ohne je wieder aufzuwachen!«

»Umso besser.«

Sein Nebenmann mustert Mark einen Moment; dann klopft er ihm lachend auf die Schulter: »Hast vielleicht recht. Und irgendwann klappt das auch bei dir. Mann, du bekommst sogar drei Tage frei zum Schreiben!«

»Na toll: Die drei Tage beginnen morgen, und ich habe null Idee! Ich bin 40; wer weiß, wie oft mir noch was einfällt, wie viele Jahre ich noch Fenster putzen muss, bis ich beim Wettbewerb zumindest statistisch eine Chance von wenigstens Fifty-Fifty habe, Ella im Centre Gesellschaft zu-«

Fifty-Fifty: Da kommt ihm die Idee. Vor Freude würde er am liebsten laut aufschreien, doch verkneift er sich das: Diesmal wird er niemandem etwas verraten! So dreht er sich wieder zu den Fenstern um: »Was soll’s! Na los; die Scheiben putzen sich nicht von allein.«

Sein Kollege stutzt, kichert dann aber belustigt: »Eigentlich sollten sie genau das tun; Lotus-Effekt und so. Glücklicherweise nutzt sich das ab; sonst müsste ich mir einen neuen Zweit-Job suchen – schon wieder.«

Mark nickt grimmig, als er zum Putzmittel greift: »Ich wünschte, ich käme mit zwei Jobs aus! Ich wünschte, es wäre wieder Nacht und Zeit zum Träumen!«

»Hey, nur zwölf Stunden, dann geht’s wieder ab ins Traumreich! Und diese Woche habe ich echt Glück: Gestern der Drachen-Traum, und heute früh bekam ich die Nachricht, dass unser Jagd-Traum bewilligt ist. Ich und die Kumpels meiner Dream Group haben den beantragt: Jagd auf Adler, Luchs und Steinbock im Hochgebirge; kitschiger Sonnenuntergang inklusive – und Besäufnis auf der Almhütte; garantiert ohne Kater! Dafür haben wir letzte Woche zehn Extrastunden in der Deponie geschuftet. Aber das ist es wert, meinte Fred; der kennt das Szenario schon. Und; was hast du geträumt letzte Nacht?«

»Hatte alles vergessen, wie ich aufwachte.«

»Was!? Das sollte mit den neuen Interfaces doch nicht mehr vorkommen.«

»Erzähl das dem Kundendienst vom Dream Service! Das dritte Mal diesen Monat! Aber wenn man halt nur das Standard-Gratis-Modell hat ...«

Marks Kollege ist unterdessen am Wienern. Um einen vermeintlichen Fleck auf den schimmernden Scheiben besser erkennen zu können, schirmt er die Stelle mit beiden Händen ab und starrt auf das Glas. Mark hat dafür nur ein spöttisches Kopfschütteln übrig: »Vergiss es! Durch die neue Verspiegelung siehst du von außen rein gar nichts mehr. Scheiben, durch die man nix mehr sieht, was Neid erregt, die schlägt man auch nicht ein.«

Sein Kollege nickt, versucht es aber trotzdem weiter: »Ich wette, die Typen hier haben schon die neue Interface-Generation. Ohne lästige Drähte und Hauben, die man jede Nacht aufsetzen muss.«

»Wozu brauchen die Träume? Die leben sie!«, erwidert Mark mürrisch. Innerlich freilich jubelt er: Statistik; Glücksspiel: Das ist die Idee für sein Exposé! Noch heute Abend – nach seinem Drittjob in der Gärtnerei – würde er sich ans Schreiben machen.

+++

»Also, nochmals Glückwunsch, Mark! Ich darf Sie doch Mark nennen?«

»Klar, Frau Professor.«

Der Angesprochene nickt und sieht sich zugleich um. Wie jeder, so hörte auch Mark allerlei Gerüchte über das Innere des Dream Centre; freilich hat er nie einen der Mitarbeiter persönlich gesehen oder gesprochen – ganz zu schweigen von einem Dream Artificer. Schließlich genossen diese das Privileg, auf Dauer im Dream Centre leben und arbeiten zu dürfen – falls man Kreation und Verbreitung von Traum-Szenarien Arbeit nennen kann. Auf ewig nicht nur in einer, sondern in seiner Traum-Welt zu leben, sie sogar gestalten zu dürfen, das war für Mark wortwörtlich der Wunschtraum. Dementsprechend euphorisch war er, als er wenige Tage zuvor die Nachricht erhalten hatte: Dieses Jahr ward sein Szenario ausgewählt; bald kann auch er ein Dream Artificer sein.

Von diesen wahrhaft traum-haften Aussichten ist momentan jedoch noch nichts zu erahnen: Er und jene Professorin sitzen in einem nüchternen Büro, an dem nur die Fensterlosigkeit irritiert.

»Fein; aber nenn mich einfach Julia! Also, Mark: Wir waren uns in der Jury rasch einig, dass dein Exposé den Preis kriegen musste. Ich will ganz offen sein, da du ja schon fast einer von uns bist. Das willst du doch, oder?«

»Klar! Ich meine, rund um die Uhr träumen ... Wer will das nicht!?«

»Wunderbar! Also: Meine Kollegen dachten seinerzeit, sie hätten den Stein der Weisen entdeckt, als sie das Dream Net kreierten. Früher haben sich die Menschen über die Literatur aus der öden Realität in andere, aufregendere, bessere Welten geflüchtet, aber jetzt ... Nach Arbeitstagen von zehn, zwölf Stunden und mehr, bei Analphabeten-Quoten von 30 % und steigend, bei sinkender Aufmerksamkeitsspanne ... Wer schafft es da noch, sich Abends hinzusetzen, um Hunderte Buchseiten zu lesen? Und was könnte einen sonst auf andere Gedanken bringen? Die visuellen Medien lassen der Imagination nicht genug Raum; die Umwelt ist kaputt; Urlaubsparadiese können sich nur wenige leisten; Drogen schaden der Gesundheit ... War es da ein Wunder, wenn die Leute unruhiger wurden, wenn die Kriminalität wieder stieg?«

Mark staunt: »So sah ich das noch nie.«

»Wozu sollte man so was an die große Glocke hängen? Aber dann kam ja das Dream Net: Körperliche Erholung durch gesunden Schlaf und Flucht in eine Traum-Welt nach Wunsch; zwei Fliegen auf einen Streich. Ein Geniestreich – und praktisch gratis!«

»Aber?«

»Ja, so ist es, Mark: Selbst in den Paradiesen, die unsere Dream Artificer hier im Centre schaffen, sind manche immer noch nicht glücklich. Sie ruinieren sich, laufen Amok, begehen Suizid. Für den Schläfer ist das katastrophal, nicht nur, weil sein Interface neu kalibriert werden muss: Einige erlitten gar Schlaganfälle im Schlaf.«

»Davon hörte ich noch nie.«

»Wozu auch? Es ist nur ein weiterer Beweis dafür, was wir schon längst wissen: Im Traum geht es irrational zu, unvernünftig eben. Daher funktioniert das Ganze auch nur mit menschlichen Dream Artificers; Computer sind einfach- Nun ja, nicht unberechenbar genug. Ein Szenario zu schaffen, wo man zum Beispiel in einem Casino den Zufall überlistet, das aber dennoch spannend bleibt ... So was schafft kein Computer; dafür braucht es immer noch fantasiebegabte Menschen wie dich, Mark. Wenn also demnächst jemand unbedingt im Traumreich noch einen Lottogewinn braucht, das Casino sprengen, eine Quiz-Show gewinnen will, schön, soll sein! Mit der nötigen Programmierung und Präparation sollte das schon in vier, fünf Tagen möglich sein – auf dass unsere Träume noch traumhafter werden! Und du darfst derjenige sein, der über das Dream Net die Grundlagen für dieses neue Traum-Szenario an alle interessierten Schläfer verbreitet. Sobald du diesen Wisch unterzeichnest. Unten, auf Seite Fünf.«

Damit schiebt sie Mark über den Tisch einige zusammengeheftete, dicht beschriebene Blätter zu, auf denen ein Füllfederhalter lockt. Mark nimmt beides entgegen, doch er blättert erst einmal einige Zeit im Vertrag.

»Das ist die Standard-Erklärung für alle Dream Artificer«, erklärt die Professorin nach einigen Minuten mit einem nun etwas bemühten Lächeln. »Nun? Niemand zwingt dich zu irgendwas!«

»Schon klar; nur mit Regeln und so, da hab ich’s nicht so. Was heißt denn das hier: ›erklärt sich mit allen notwendigen Adaptionen einverstanden‹.

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