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Im Bann des Mega-Tec (Ben Corrigan - die Endzeit-Saga): Cassiopeiapress SF

Im Bann des Mega-Tec (Ben Corrigan - die Endzeit-Saga): Cassiopeiapress SF

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Im Bann des Mega-Tec (Ben Corrigan - die Endzeit-Saga): Cassiopeiapress SF

Länge:
281 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
30. Jan. 2018
ISBN:
9783736803459
Format:
Buch

Beschreibung

Teil 2 der Endzeit-Saga
Ben Corrigans Abenteuer in einer nachapokalyptischen Welt - packend in Szene gesetzt von den Top-Autoren Alfred Wallon und Marten Munsonius.
Das Ende der Welt hat stattgefunden - und Corrigan muss um das nackte Überleben kämpfen.
Die legendäre Endzeit-Saga - endlich wieder verfügbar!
Herausgeber:
Freigegeben:
30. Jan. 2018
ISBN:
9783736803459
Format:
Buch

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CORRIGAN, die Endzeit-Serie

Band 2

Im Bann des MEGA-TEC

von Al Wallon & Marten Munsonius

ALTE RECHTSCHREIBUNG

Created by Al Wallon & Marten Munsonius

Exposé Marten Munsonius

© by Authors

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Prolog:

Morituri te salutant

Selten habe ich die Sterne weinen sehen.

Natürlich - sie weinen nicht wirklich. Aber wenn ich in meinen Raumanzug schlüpfe und in der Personenschleuse stehe, wenn ich - den Atem anhaltend - darauf warte, dass das äußere Schleusentor sich endlich öffnet, dann werde ich ungeduldig. In diesem einen Augenblick nur - wenn sich die Sterne unverhüllt im unendlichen Mysterium des Weltalls zeigen - ja, dann kann ich die Sterne wirklich weinen sehen.

Ich betrete die Oberfläche des uralten Marsmondes nur noch selten, denn Sie sehen es aus einem mir unerklärlichen Grund nicht gerne und erlauben es mir daher nur noch selten. Sie, die hinter den Sternen leben. Sie, die ich nie wirklich gesehen habe, geschweige denn weinen sah.

Sie hegen eine gewisse Abscheu vor dem Mysterium, als lauere etwas Größeres dahinter, das auch ihnen gefährlich werden könnte. Ihnen, die selbst schon aus den entlegenen Regionen kommen, wo die Sonnen bereits erkalten.

Sie raunen und wispern an den Traumrändern und sagen mir manchmal, was ich zu tun habe. Ihre Bitten sind Befehle! Ihnen nicht zu gehorchen, bedeutet unendliche Qual.

Mit zunehmendem Alter kann ich mich immer seltener auflehnen und kann mich nicht mehr gegen Sie zur Wehr setzen. Denn seit ich ihnen gefolgt bin - an den Rändern meiner unseligen Traumkleinode bis hinter die Mauern des Schlafes, macht mir das Wissen zu schaffen, das ich mit auf den Weg bekam. Denn ich habe auch die finsteren Regionen des Todes betreten, um noch einige Jahrzehnte zusätzliches Leben zu erhaschen. Dieses Wissen verändert ALLES.

Äonen gilt es dabei zu überbrücken. In all den Jahrmillionen hat dies niemals ein Mensch bewältigen können: die Schründe, die Kluft aus Schwärze und unendlicher Dunkelheit, die unauslotbaren Abgründe von Diesseits und Jenseits.

Ich - William I. - der letzte Herrscher von England, jener auf DAIMOS lebende letzte Nachfahre der Wahren Königin, ich habe es gewagt... und überlebt. Sie haben mir geholfen. Sie, die aus dem unstillbaren Verlangen längst entschwundener Abschnitte des Kosmos stammen und ihre Philosophie den jungen Welten vermitteln wollen.

Es muss ein Zufall gewesen sein - oder meine Leidenschaft für die neuen Medien und die Sterne, und ganz sicher auch meine Teilnahme an der dritten Marsexpedition im Jahre 2021. Jene Expedition, die zeitgleich auf den Beginn der katastrophalen Hungerrevolten fiel, die Sie auf mich aufmerksam machte. Selbst in jenen dunklen Zeiten, als auch meine engsten Vertrauten mir nicht mehr helfen wollen, haben sie ein Auge auf mich geworfen.

Später, lange... lange Zeit nach dem Beginn jener verhängnisvollen Unruhen, als der falsche Adept eine Zeit lang in England das Zepter schwang und meine Mutter, die Wahre Königin, zum Inbegriff des Bösen stigmatisiert wurde, da haben Sie mir erste Hinweise gegeben.

Die schier unermeßlichen Weiten des Alls wurden meine neue geistige Heimat. Und selbst heute - fast 80 Jahre später - spüre ich eine gewisse Dankbarkeit, fühle mich zu ihnen hingezogen und gleichzeitig aber auch abgestoßen. Sie unterscheiden sich nämlich von allem, was Menschen lieb und vertraut ist! Bei Gott und England, wer ihnen in den Regionen der Wirklichkeit standhält - und Sie zeigen sich nie, niemals! - der unterscheidet sich schon unmißverständlich vom Rest der Welt.

Sie haben mir später einmal verraten, dass sie Wesen der Zweiten Ordnung sind. Überlebende aus den Anfängen des Kosmos, als jene, die zur Ersten Ordnung zählten, schon fast vergangen waren. Von DEM DER ÜBER ALL DEM STEHT, ganz zu schweigen. Ich musste mich damals angesichts dieses enormen Wissens gleich übergeben, und mir schwindelte. Verlockung und Hass glommen gleichzeitig wie kleine Fünkchen brav nebeneinander und lauerten nur auf die Möglichkeit, mich endlich zu vernichten.

Ich habe mich später niemals wieder so nahe an jene Grenzbereiche gewagt, noch wollte ich mehr als das Licht der nahen Sterne sehen. Denn wenn immer Sie aktiv werden, so bedeutet es den Tod vieler Menschen.

Doch Sie halfen mir aber auch zu überleben. Ihre Anweisungen erschienen mir zuerst rätselhaft. Doch die Wunder, denen Sie mich danach aussetzen, hinterließen in mir nur Spuren einer eigenartigen Stimmung und eine gewisse Demut ihrer Macht gegenüber.

Ich bin nicht fähig, zu begreifen, was wirklich geschah. Doch ich bin mir immer ihrer Gegenwart bewusst und ziehe Schutz und Trost aus der ätherischen Anwesenheit der Wahren Königin - meiner Mutter. Und wenn mich dann unstillbares Verlangen nach Trost fast verzehrt, dann versuche ich ihnen zu entschlüpfen, gehe hinaus, um in den schwindelerregenden Abgrund des sternenübersäten endlosen Meeres wie an einem Strand zu sitzen. Immer wieder habe ich dann den Eindruck, kopfüber in eine bodenlose Leere zu fallen, und in meinen Ohren klingt ein fernes Rauschen, wie von der Millionen Meilen weit entfernten See auf der heimatlichen Erde. Ich suche Trost! Vielleicht aber auch nur Vergessen?

Langsam steigt die Erinnerung in mir auf. Ich sehe wieder den Sarg an einer gesichtslosen Menge vorbeidefilieren. Ich erkenne unseren Abschiedsgruß zwischen all den Blumen und bemerke die Last unzähliger Tonnen auf meinem jungen, noch schmächtigen Körper. Eine Last, die viel zu schwer für mich ist!

Mutter...du hast mir immer so sehr gefehlt. Warum warst du nicht an meiner Seite, als ich dich am dringendsten brauchte? Du bist gestorben und hast mich mit all meinen noch unerfüllten Träumen zurückgelassen. Was konnte ich da noch allein ausrichten?

Einige zerklüftete Felsen, die wie bizarre Finger in die ewige Leere greifen, versperren den direkten Blick zur Sonne. Doch DAIMOS dreht sich rasch - und wenn man zwischen den seltsamen Säulen aus kosmischem Gestein weiter nach Norden geht, dann kann man die ferne, schwache Sonne einen endlosen Lidschlag lang in ihrer unverhüllten Wirklichkeit sehen.

Ich fühle die totengleiche Düsternis hinter mir - und Sie sind mittendrin. Wieder habe ich eine tonnenschwere Last zu tragen. Wie damals, als ich vor vielen Jahrzehnten hinter Mutters Sarg marschierte.

Es hat sich viel getan nach der großen Katastrophe. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, weil die Eindrücke mittlerweile anderen gewichen sind, welche die ursprünglichen Empfindungen allmählich immer stärker überlagern.

Der Tag, an dem alles begann - an ihn erinnere mich jedoch noch in seltsamer Klarheit. Irgend jemand machte den Anfang. Ein Wort jagte das andere, Hetzparolen wurden von Drohungen abgelöst, denen dann die schrecklichen Taten folgten. Nukleare Angriffe an verschiedenen Punkten der Welt - gleichzeitig, als wenn sie das untereinander abgesprochen hätten. Nur ein winziger Knopfdruck - aber mit umso schrecklicheren Folgen.

Ich wünschte, ich wüsste genau, wie es jetzt dort aussieht - aber der Kontakt zu meiner Heimat ist erloschen. Nein, nicht ganz - es gibt noch die STATION, zu der ich Funkkontakt habe. Aber woher soll ich wissen, ob sie mir auch wirklich die Wahrheit sagen, wenn ich mit ihnen Kontakt aufnehme? Vielleicht haben sie gar kein Interesse daran - aber das kann ich von DAIMOS aus nicht einschätzen, denn unerklärliche, hochenergetische Schwankungen bei der Holoübertragung haben dafür gesorgt, dass kein Bildkontakt mit der STATION existiert. Ich höre nur Stimmen - und solange ich diese keinen real existierenden Gesichtern zuordnen kann, bin ich auch nicht sicher, was richtig ist, und was falsch.

So wie mir ergeht es auch der Handvoll Techniker. Männer und Frauen, die hier noch auf DAIMOS ihren Dienst versehen. Obwohl jedem von ihnen klar ist, daß ihre Aufgabe im Grunde genommen überflüssig ist. Denn die Mächte, deren Expansionsdrang die Existenz dieser Station zu verdanken ist, gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch das NICHTS und die vage Hoffnung, daß aus dieser Asche der Vernichtung vielleicht eines Tages eine neue, bessere Menschheit entstehen wird. Eine Menschheit ohne Haß, Neid und Kriegssucht! Wir haben alles leichtfertig aufs Spiel gesetzt - und wir haben verloren. Und nun muss jeder von uns einen sehr hohen Preis dafür zahlen...

Einsamkeit und Monotonie bestimmen mein Leben und das der wenigen anderen Menschen auf diesem gottverlassenen Flecken im Sonnensystem. Auch wenn in dieser abgeschotteten Gemeinschaft jeder auf den anderen angewiesen ist, so spüre ich dennoch die unsichtbare Mauer, die mich von den anderen trennt.

Ich merke es jedes mal, wenn die Gespräche der Männer und Frauen verstummen, wenn ich den Raum betrete. Eisiges Schweigen. Wahrscheinlich, weil sie mich als lebendes Fossil betrachten, das sich aus unerklärlichen Gründen in eine andere Zeit gerettet hat. Obwohl es im Grunde genommen keinerlei Existenzberechtigung mehr hat. Also bin ich für sie ein lebender Toter - jemand, dessen Befehle und Anweisungen zwar noch befolgt werden - aber nur aus logischen Sachzwängen.

Hätte meine Mutter, die Wahre Königin, länger gelebt, so hätte sie ganz sicher noch vieles von dem kommenden Unheil verhindert. Die Aufstände in England, die sich dann über den gesamten Kontinent ausbreiteten - auf welche die meisten anderen Regierungen nicht vorbereitet waren. Wie hätten sie denn auch ahnen sollen, dass schon wenig später die gesamte Welt in Schutt und Asche versinken sollte?

Die Männer und Frauen auf DAIMOS scheinen immer noch nicht begriffen zu haben, dass sie im Vergleich zur Situation auf der Erde das bessere Los gezogen haben. Unser Komplex auf dem winzigen Marsmond ist in einem der Krater ist gebaut, wohllgeschützt und trotzt immer noch den starken Energiestürmen, die seit einer Ewigkeit wie die Meeresbrandung unten auf der guten alten Erde gegen die Küsten ankämpfen. Wir sind autark und besitzen die technischen Voraussetzungen und Maschinen, um regenerative Energien zu gewinnen und synthetische Nahrung herzustellen. Sie mag vielleicht nicht sonderlich gut schmecken - aber sie ist nahrhaft und hält uns alle am Leben. Das ist viel unter diesen Umständen...

Natürlich beobachten Sie das alles. Ich habe den anderen davon niemals etwas erzählt, denn dieses Wissen um Dinge, welche die Grenzen des gewohnten Verstandes überschreiten, würde sie ganz sicher in den Wahnsinn treiben. Und das darf ich nicht zulassen...

Der alte Mann unterbrach seine vielschichtigen Gedankengänge und wandte sich schweren Herzens ab vom Bild des sternenerfüllten Kosmos. In Momenten wie diesen sehnte er sich mit einem fast schmerzenden Verlangen nach den grünen Hügeln seiner alten Heimat - obwohl er eigentlich wusste, dass dieses Land nicht mehr existierte. Aber um die Phobie seiner persönlichen Isolation wenigstens ab und zu durchbrechen zu können, unternahm er genau diese Spaziergänge außerhalb des wuchtigen Gebäudekomplexes, den man nur durch zahlreiche Schleusen und Tore passieren konnte.

Erst in Momenten wie diesen wurde er sich wieder bewusst, wie feindlich die Umgebung jenseits der schützenden Druckkammern wirklich war. DAIMOS war nicht geschaffen für Menschen - und doch waren sie seit vielen Jahren hier. Weil der damalige Aufbruch zu den Sternen für eine gewaltige Euphorie gesorgt hatte. Ein Gefühl, das längst verflogen war. Genauso wie die Hoffnung, jemals wieder ins Weltall vordringen zu können. Die Menschheit hatte sich praktisch selbst vernichtet - und sie hatte es konsequent durchgeführt!

Der alte Mann, den die anderen hinter vorgehaltener Hand manchmal SCHATTENKÖNIG nannten, wartete geduldig ab, bis sich das erste Schleusentor öffnete. Längst hatten ihn die Sensoren und Bildschirme registriert, abgetastet und als zugangsberechtigt identifiziert.

William I. betrat die Schleuse und sah geduldig zu, wie sich das Tor sofort wieder hinter ihm rasch schloss. Erst als dies geschehen war, setzte die Automatik der Bakterien-Scanner ein. Gelbliche Strahlen erfassten den in einen Schutzanzug gehüllten Körper und tasteten jeden Millimeter davon ab. Geduldig ertrug William I. diesen Prozess. Denn schließlich hing von dieser Behandlung das Leben der restlichen Bewohner des Komplexes ab.

Er betrat nach Beendigung dieses Vorgangs eine zweite Schleuse ( selbstverständlich erst, nachdem er abgewartet hatte, bis sich die erste hinter ihm wieder schloss ). Hier musste er seinen Anzug ablegen und eine Dusche betreten, die seinen Körper noch einmal mit einer Flüssigkeit desinfizierte, die irgendwie scharf roch. Danach erfolgte erneutes Checken und Prüfen der ermittelten Werte - und dann erst bestätigte ihm der Computer, dass er keimfrei war und den entscheidenden Durchgang zu den Arbeitsräumen und Quartieren betreten durfte.

Er spürte die Blicke von Morgan und Tate, die sich nach dem Passieren der Schleuse prüfend auf ihn richteten. Als wenn sie ihm damit sagen wollten, dass es ohnehin völliger Schwachsinn war, den Komplex zu verlassen und draußen planlos in der trostlosen Einöde unter einem Himmel der nur aus Abermillionen kalt funkelnder Sterne bestand, umherzuirren. Da draußen gab es nichts mehr von Interesse - für wen auch? Der Komplex mit seinen Schächten und verschiedenen Trakten - das war die einzige Welt, die noch Bedeutung hatte. Und natürlich auch die Tag und Nacht arbeitenden Maschinen, die für ein Überleben sorgten.

Habt Ihr den Sternenwind gespürt, Hoheit? erklang die lachende Stimme des hageren Morgan. Hat Euch der reine Geist des Universums wieder einmal erfüllt?

Auch Tate fiel in das Lachen des anderen ein. William I. ballte wütend die Fäuste und wollte im ersten Moment etwas erwidern. Dann aber unterließ er es, weil diese Idioten ohnehin nicht verstehen würden, um was es hier ging.

Stattdessen versuchte er das Gelächter zu ignorieren und zog sich in seine Räume zurück, die sich zum Glück ein Stück entfernt von denen der anderen befand. Ein weiteres Indiz für seine Sonderstellung.

Er war froh, als sich die automatische Tür hinter ihm schloss und er ein Stück Vertrautheit um sich herum spürte. Dennoch blieb die innere Unruhe, die jedes mal auftrat, wenn er nach DRAUSSEN ging. Seine Gedanken kreisten nach wie vor um Dinge, die nur ihm vorbehalten waren – und Ihnen, die mit ihren Stimmen aus dem Unsichtbaren zu ihm sprachen. Deshalb ging er zu seinem Computer und aktivierte ihn mit einem kurzen Fingerdruck.

Nur wenige Sekunden vergingen, bis er die entsprechenden Dateien aufgerufen und dann Kontakt mit einem Netzwerk geknüpft hatte, dessen Existenz hoffentlich nur ihm bekannt war. Eigentlich beruhte dies mehr auf einem unglücklichen Zufall, denn William war kein großer Computerexperte. Dennoch war ihm dieser - wenn auch winzig kleine - Hinweis im passenden Augenblick aufgefallen, und er hatte mehr wissen wollen.

Über verschiedene andere Netze, für deren Existenz die STATION nach wie vor als Katalysator fungierte, hatte er dann Kontakt mit KYOKO DATE bekommen. Oder anders ( und vielleicht zutreffender ) ausgedrückt: KYOKO DATE hatte ihn gefunden - das war erst vor wenigen Tagen gewesen.

Seitdem war William I., der Exilherrscher und SCHATTENKÖNIG von DAIMOS von einer unerklärlichen Unruhe ergriffen. Denn er ahnte, dass es sich bei KYOKO DATE um keine normale Sache handelte. Seltsam, dass er sich ausgerechnet jetzt daran erinnerte, dass im Japan der letzten Jahre des vergangenen Jahrhunderts auch schon einmal mit künstlichen Existenzen experimentiert worden war. Damals hatten sich keine schädlichen Folgen gezeigt. Aber konnte es sein, das im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts einfach die Technik des Cyberspace noch nicht weit genug fortgeschritten war? Aber jetzt?...

*

Viren sind unsichtbar und umso gefährlicher, wenn sie aggressiv sind und sich rasch ausbreiten – und oft sind ihre unglaublichen Eigenschaften einfach faszinierend. Manchmal genügt ein einziger Windhauch, um die Inkubation auszulösen. So breitet sich eine gefährliche Seuche rasend schnell nach allen Seiten aus, während die Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft noch darüber diskutieren, welche Präventivmaßnahmen man am besten in die Wege leiten sollte.

Gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts - insbesondere in den letzten zehn Jahren dieser Epoche - nahm die technische Entwicklung der neuen Medien und der virtuellen Technik einen solch rasanten Verlauf, das die Entwicklung von gestern heute schon wieder veraltet war.

Die Väter der Computertechnologie wurden von dieser rasanten Eigenbeschleunigung förmlich mitgerissen - insbesondere dann, als zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts die ersten Erfahrungen mit virtuellen Welten gemacht wurden. Eine Perfektion folgte der anderen - und CYBERSPACE war das Schlagwort mehrerer Generationen und deren neue Heimat.

Grenzen zwischen Realität und Traum verwischten immer stärker, und für viele ergaben sich daraus ungeahnte Probleme - insbesondere in den geradezu rasant wuchernden Metropolen wie New York, Berlin oder Tokio, wo das Abtauchen in virtuelle Welten von Hunderttausenden einem realen Leben auf engsten Raum und ohne Chance auf Selbstverwirklichung vorgezogen wurde.

Die daraus resultierenden Probleme ließen sich nicht mehr bewältigen - und in den meisten Fällen interessierte das die herrschende Klasse ( eine ungenaue Beschreibung der Entscheidungsträger der Spätdemokratien, genauer war der aufgetauchte Begriff vom SELBSTBEDIENUNGSLADEN... ) auch nicht mehr.

Das Volk bekam Panem et Circenses - und nur darauf kam es an. Die Massen ruhig stellen, ihnen eine Beschäftigung geben, damit sie nicht revoltierten - so lautete der Plan, die Hoffnung all derer, die dem Futtertrog mehr verfallen waren, als der Möglichkeit in entscheidender Position tatsächlich etwas zu bewirken.

Es schlug jedoch in dem Augenblick fehl, als KYKO DATE zu neuem Leben erwachte. Ein künstliches Leben aus der Steinzeit des Cyberspace und doch mit einer eigenen unvorstellbaren Dynamik, dem die Hardwareexperten später nichts entgegenzusetzen hatten. Sie ahnten nicht im entferntesten, was nun seinen Anfang nahm - und sie wären womöglich sehr besorgt gewesen, wenn sie die Ausmaße hätten abschätzen können...

KYKO DATE war ein Kind ihrer Zeit. Aber auch Kinder werden irgendwann erwachsen und lernen ihre Welt zu begreifen und zu verstehen. Und – sie sind abhängig von einer Reihe von Einflüssen von ausserhalb, von der Gemeinschaft sozusagen, von Zufällen und von natürlichen Prozessen die sie nicht steuern kann. Man reift daran – uneffizientes stirbt ab, doch plötzlich ist die Schwelle überschritten und gesammeltes Wissen und Verstehen lenken die nächsten Schritte. Die ersten KI’s reiften so heran und die Wissenschaftler die sie nie geboren, ahnten nichts von ihrer Existenz.

Die künstliche Intelligenz arbeitete im Verborgenen, lenkte Prozesse in von ihr gewollte Richtungen und löste dadurch weitere Probleme aus, deren Folgen erst viel später bemerkbar sein würden. KYOKO DATE dachte - also existierte sie auch!

Während einige Zeit später ein Großteil der Welt in Schutt und Asche versank und sich aus den Trümmern zweifelhafte Existenzen wieder zu formieren begannen, beobachtete KYOKO DATE, was weiter geschah. Das war selbst für dieses künstliche Wesen nicht immer einfach. Ein Großteil der alten Technologie, das WEB war zerstört, oder durch EMP-Schläge und dem global auftretenden Nuklearen Winter erheblich eingeschränkt.

Sie wartete. Eine lange Zeit. Selbst für eine KI drehte sich die Welt ein ordentliches Stück weiter.

Sie wartete auf ihre Stunde - und die kam in dem Augenblick, als das Neue WEB einen ganz bestimmten Namen erfasste und auszuwerten begann: CORRIGAN.

Kapitel 1

Was im WEITDRAUSSEN lauert...

Der SUCHER hatte sie ausgeschickt - winzige, aber umso perfektere Maschinen, die von weitem Vögeln glichen. Gläserne Vögel, die nur eine einzige Aufgabe zu erfüllen hatten: im DISTRIKT ROTER MOND alles zu beobachten und jede noch so verdächtige Bewegung sofort zu registrieren. Vor allen Dingen dann, wenn diese Bewegung im Einflußbereich des Bunkers stattfand.

Die Gläsernen Vögel schwebten hoch am wolkenlosen Himmel, von dem eine grelle Sonne heiß auf die dünendurchzogene Wüste brannte. Vereinzelt wuchsen hier und da noch einige spröde Gräser aus dem Sand, versuchten der immer rasch um sich greifenden Versteppung zu Widerstand zu bieten. Erfolglos, wie es schien. Und so war es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch diese letzten Pflanzen von der unbarmherzigen Sonne verdorrt wurden.

Die elektronischen Beobachter kannten weder Hitze noch Kälte - sie erfüllten lediglich eine Aufgabe. Gesteuert von winzigen, ferngelenkten Wasserstoffaggregaten, die es in einer modifizierten Version seit der großen Verheerung gab. An Bord erfassten ihre hochempfindlichen Kamerasensoren jede noch so winzige Bewegung im Umkreis von zwanzig Meilen - und deshalb hatte es auch nicht lange gedauert, bis sie die beiden Lebewesen lokalisiert hatten.

Zwei Gestalten, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Der erste von ihnen war groß und kräftig und von schwarzer Hautfarbe. Er trug Teile einer technischen Uniform, die einst die Zugehörigkeit zu den Technikern innerhalb des Militärs in einen Staatenverbund symbolisierte, den es schon lange nicht mehr gab. Dies hatten die Gläsernen Vögel detailgetreu registriert und gemeldet - ebenso wie das Aussehen des zweiten Menschen, der den Schwarzen um mehrere Häupter Länge überragte. Seine mächtige Gestalt war muskelbepackt - und er besaß vier Arme.

Diese beiden so unterschiedlichen Menschen verband ein einziges Ziel - aber das kannten die Gläsernen Vögel nicht. Sie zoomten die beiden Objekte näher heran, machten Dutzende von Aufnahmen und übermittelten diese in Bruchteilen von Sekunden an die Zentrale des Bunkers.

Plötzlich setzte die Kommunikation aus - die dutzendfach getesteten und in

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