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Gjon und Jasmin - Bebende Herzen

Gjon und Jasmin - Bebende Herzen

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Gjon und Jasmin - Bebende Herzen

Länge:
264 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 26, 2019
ISBN:
9783743838192
Format:
Buch

Beschreibung

Das Herzensprojekt der Autorin ist vorübergehend zum Sonderpreis erhältlich!

Eine tiefgründige, halbbiografische Erzählung von Flucht, Neuanfang und Liebe.
Drama, Sinnlichkeit und Herzschmerz inklusive.

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1998: Unter lebensgefährlichen Umständen flüchtet der neunzehnjährige Gjon aus seiner krisengeschüttelten Heimat Albanien. Der hindernisreiche Versuch, sich in Italien eine neue Existenz aufzubauen, wird die nächsten Jahre seines Lebens bestimmen. Als er am wenigsten damit rechnet, begegnet er unter dramatischen Umständen einer Frau, die all das wieder auf den Kopf stellt - und genau das ist, wovon er nie zu träumen gewagt hätte.

2002: Die junge deutsche Journalistin Jasmin bekommt nach einem verheerenden Erdbeben den Auftrag, in der italienischen Provinz für eine Story zu recherchieren. Was sie jedoch dort findet, ist etwas gänzlich Unerwartetes. Ein faszinierender Mann, der unbekannte Gefühle in ihr auslöst und ihre ganze Welt ins Wanken bringt. Doch kann sie alles für ihn aufgeben, oder ist sie zu sehr in ihrem Hamsterrad gefangen, um daraus auszubrechen? Oder ist er es, der am Ende alles für sie aufgeben muss? Wird ihre Liebe auch einen grausigen Schicksalsschlag sowie Anfeindungen und Vorurteile von außen überstehen?











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Bei diesem teilweise autobiografischen Buch handelt es sich um das Prequel zu dem im Sommer 2017 erschienenen Roman "Graffiti - The Art of Love". Beide Bücher sind jedoch in sich abgeschlossen, haben jeweils andere Hauptcharaktere und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Empfohlen für Leserinnen und Leser ab einem Alter von 16 +
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 26, 2019
ISBN:
9783743838192
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Gjon und Jasmin - Bebende Herzen - Isabelle Vannier

München

Über das Buch

Gjon und Jasmin - Bebende Herzen

Eine Geschichte von Flucht, Neuanfang und Liebe

1998: Der neunzehnjährige Albaner Gjon flüchtet unter lebensgefährlichen Umständen aus seiner krisengeschüttelten Heimat. Der hindernisreiche Versuch, sich in Italien eine neue Existenz aufzubauen, wird die nächsten Jahre seines Lebens bestimmen. Als er am wenigsten damit rechnet, begegnet er unter dramatischen Umständen einer Frau, die all das wieder auf den Kopf stellt – und genau das ist, wovon er nie zu träumen gewagt hätte.

2002: Die junge deutsche Journalistin Jasmin bekommt nach einem verheerenden Erdbeben den Auftrag, in der italienischen Provinz für eine Story zu recherchieren. Was sie jedoch dort findet, ist etwas gänzlich Unerwartetes. Ein faszinierender Mann, der unbekannte Gefühle in ihr auslöst und ihre ganze Welt ins Wanken bringt. Doch kann sie alles für ihn aufgeben, oder ist sie zu sehr in ihrem Hamsterrad gefangen, um daraus auszubrechen? Oder ist er es, der am Ende alles für sie aufgeben muss? Wird ihre Liebe auch einen grausigen Schicksalsschlag sowie Anfeindungen und Vorurteile von außen überstehen?

Anmerkung der Autorin

Bei diesem Buch, das mir aus persönlichen Gründen besonders viel bedeutet, handelt es sich um das Prequel zu dem im Sommer 2017 erschienenen Roman Graffiti - The Art of Love. Beide Bücher sind jedoch in sich abgeschlossen, haben jeweils andere Hauptcharaktere und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Über Feedback in Form einer Rezension in den Online-Shops würde ich mich sehr freuen.

Gewidmet ist dieser Roman meinem Mann, da ich darin halbautobiografisch einen kleinen Teil der Geschichte seiner Flucht und unserer Liebe erzähle.

Was davon Wahrheit ist und was Fiktion, überlasse ich der Fantasie meiner Leserinnen und Leser.

Wissenswerte Hintergrundinformationen sind im Anhang am Ende des Buches angefügt.

Die Beweggründe einer Flucht aus dem eigenen Heimatland zu schildern, war mir nicht nur anhand des Backgrounds meines Mannes und mir ein wichtiges Anliegen. 

Auch wenn meine Vorfahren keine geflüchteten Hugenotten gewesen wären und mein Mann sich nicht einst schweren Herzens von seiner ersten Heimat Albanien und (mir zuliebe) von seiner zweiten Heimat Italien hätte trennen müssen, läge mir das Thema Flucht und Migration einfach aus Gründen der Humanität am Herzen. Kein Mensch ist illegal und jeder sollte die Chance haben, sich vor den Folgen von Krieg, Waffenlieferungen, Ausbeutung und fatalen Klimaveränderungen in Sicherheit bringen zu können.   

Prolog

Das Land der Skipetaren, der Adlersöhne, so bezeichnen die Albaner stolz ihre Heimat. Auch Karl May übernahm in seinem Orientzyklus diese heroische Bezeichnung für ein raues, wildes Gebiet, das schon in uralten Zeiten blutig umkämpft worden ist.

Eine Gegend von urwüchsiger Schönheit, mit bemerkenswert einzigartigen Bewohnern, die ebenso temperamentvoll wie einfühlsam, und ebenso leidenschaftlich wie unnachgiebig sein können.

Dies ist die Geschichte eines dieser Menschen. Eines Mannes, den die widrigen Umstände seiner Zeit dazu trieben, schweren Herzens das Land seiner Vorväter zu verlassen, um in der Ferne sein Glück zu suchen.

Erzählt wird von geplatzten Träumen, neuen Chancen und einer hindernisreichen Romanze zwischen zwei Menschen aus unterschiedlichen Welten.

Kapitel 1

Es war kalt in dieser Spätwinternacht des 28. Februar 1998 und das vollbesetzte Schlauchboot schwankte gefährlich auf den dunklen, wilden Wellen. Die an diesem Abschnitt unbeleuchtete albanische Küste war schon wenige Meter nach deren Verlassen nicht mehr zu sehen gewesen.

Gjon, der seinen westlich klingenden Namen mit Stolz trug und mit seinen neunzehn Jahren einer der jüngsten Insassen war, warf noch einen letzten Blick in diese Richtung, nun doch mit einem Anflug von Wehmut im Herzen, bevor die raue Stimme eines der Schlepper ihn wieder in die brutale Wirklichkeit zurückholte.

»Haltet euch fest, wir ziehen euch nicht raus, wenn ihr über Bord geht«, brüllte dieser gegen das Tosen des adriatischen Meeres an und gab Gas.

Bei jeder Welle ging ein gewaltiger, ruckartiger Stoß durch das ganze Boot. Dadurch wurden die Insassen, etwa ein gutes Dutzend, die auf dem blanken, glitschigen Boden dichtgedrängt bis an den Rand saßen, immer wieder unsanft hochgeschleudert. Wer sich nicht krampfhaft am unnachgiebigen, rutschigen Gummi festhielt, lief tatsächlich Gefahr, hinauszufallen in die unendliche Schwärze, die außerhalb des Bootes herrschte.

Das Mondlicht und ein elektronischer Kompass waren die einzige Orientierung, hatten sie gesagt, bevor sie aufgebrochen waren. Sie mussten ohne Licht fahren, weil die italienische Marine die albanischen Küstenabschnitte überwachte, um die Schlepperboote bereits dort abzufangen und zu verhindern, dass Flüchtlinge nach Italien gelangen.

»Nicht etwa, weil sie um unser Wohlergehen besorgt sind, wenn wir über Bord gehen und zu Fischfutter werden«, hatte daraufhin ein Mann neben ihm zynisch gebrummt, mit dem typischen trockenen Humor der Albaner.

Gjon glaubte zwar nicht, dass er recht hatte, aber trotzdem kamen ihm Zweifel. Hatte er womöglich eine Riesendummheit begangen, die Flucht mit Hilfe der Schleuser zu wagen? Er hatte nicht gewusst, dass es so gefährlich sein würde, denn es war schließlich nicht so, dass er zuvor Gelegenheit und Zeit gehabt hätte, Erfahrungsberichte einzuholen. Zumal diejenigen, die die Überfahrt geschafft hatten, erst einmal nicht zurückkamen. Sie waren Illegale in Italien und an Heimatbesuche war vorerst nicht zu denken. Das war auch ihm bewusst. Seine Familie würde er eine Weile nicht wiedersehen. Dabei hatte er sich nicht einmal verabschiedet. Seine Eltern hatten nichts von seinen Plänen gewusst, aus gutem Grund. Sein Vater hätte alle Hebel in Bewegung gesetzt, ihn davon abzuhalten. Es war nicht, dass er seine Eltern nicht liebte, und sie hatten ihn dazu erzogen, dass Familie über alles ging. Außerdem musste er ihnen zugute halten, dass sie ihn, obwohl faktisch islamischen Glaubens, in diesem Sinne liberal hatten aufwachsen lassen. Ihm waren keine starren religiösen Doktrinen aufgezwungen worden, wie man es von anderen muslimischen Ländern hörte.

Nun war Albanien allerdings ohnehin kein muslimisches Land in dem Sinne, seit die freie Religionsausübung unter der sozialistischen Diktatur Enver Hoxhas viele Jahre lang unterdrückt worden war. So war das Land auch nach dem Sturz des Regimes laizistisch geblieben.  

Trotzdem, für ihn gab es dort nichts mehr, vor allem keine Arbeit und somit auch keine Zukunft. Nach den bürgerkriegsähnlichen Zuständen im vergangenen Jahr durch anhaltende politische Unruhen und Korruption war die Wirtschaft fast völlig zusammengebrochen. Dabei hatte er eine sehr gute Ausbildung an einer Fachschule für Elektromechanik absolviert. Das hatten ihm freundschaftliche Beziehungen seines Vaters ermöglicht, obwohl klar war, dass es keine Arbeitsplätze in dieser Branche gab.

Er hoffte, dass sich ihm in diesem Beruf, an dem er Gefallen gefunden hatte weil er seinen Interessen entsprach, in Italien eine Chance bot.

Außerdem war ihm sein eigenes Volk fremd geworden. Mit seinen knapp zwanzig Jahren war er freiheitsliebend und ungestüm. Die patriarchalischen Strukturen engten ihn ein. Sein Vater, zwar liebevoll, aber streng, duldete keine Form der Widerworte. Er schrieb ihm vor, wie er zu leben und zu handeln hatte, obwohl er bereits erwachsen war. Das ertrug er nicht mehr.

Außerdem wollte er nicht eines Tages gezwungen werden, eine Frau zu heiraten die er nicht liebte, wie sein vier Jahre älterer Bruder. Ebenso graute ihm vor seinem Militärdienst, den er in Kürze hätte absolvieren müssen. Er hatte gesehen, wie schnell es gehen konnte, dass Soldaten auf eigene Landsleute schießen mussten.

Anarchie und schockierende, kriegsähnliche Zustände mit vielen Toten im letzten Jahr, nach Zusammenbruch der gescheiterten Regierung, die Hoxhas Diktatur abgelöst hatte, hatten ihr Übriges getan, ihn zur Flucht zu bewegen.

Da war bereits der Gedanke in ihm gereift, Albanien den Rücken zu kehren. Als mit dem grausigen Kosovokrieg aus unmittelbarer Nachbarschaft die Flüchtlinge und mit ihnen die Schlepper ins Land strömten, war seine Chance gekommen.

Es war ein Leichtes gewesen, heimlich herauszufinden, wann er sich wo einfinden musste und was es kostete. Er hatte während seiner Ausbildung genug gespart, weil er nebenbei in der kleinen Bar seines Onkels gejobbt hatte. Genug, um einen neuen Anfang zu starten.

Und nun saß er hier, in einer überfüllten, glitschigen Nussschale, die der Gewalt der Wellen ausgeliefert war, und fragte sich, ob er überhaupt lebend hier herauskam.

Die unliebsamen Gedanken und die Kälte in seinen Gliedern vertrieb er sich schließlich mit den Erinnerungen an den weichen, warmen Frauenkörper, den er in der Nacht zuvor in seinen Armen gehalten hatte. Vjola. Er hatte sie in einer verlassenen Hütte am sumpfigen Ufer des Skutari-Sees geliebt, nachdem er ihr gesagt hatte, dass er fortgehen würde. Als seine gleichaltrige beste Freundin, der er alles erzählen konnte, war sie die einzige gewesen, die Bescheid wusste. Sie würde auf Drängen ihrer Eltern bald einen Mann heiraten, den sie nicht wollte. Zu Gjons Verblüffung hatte sie ihn tränenreich angefleht, mit ihm zu schlafen. Ihr Wunsch war gewesen, dass sie jemand zur Frau machte, der ihr etwas bedeutete, bevor er für immer aus ihrem Leben verschwand.

Er mochte sie sehr, hatte aber nie mehr als freundschaftliche Gefühle für sie gehabt. Doch er hatte insgeheim immer gewusst, dass ihr Herz an ihm hing.

Da auch er zuvor noch nie mit einer Frau geschlafen hatte, als junger Mann aber natürlich darauf brannte, stimmte er ohne Zögern zu. Seine männliche Ehre gebot ihm das außerdem. Sie war eine hilfsbedürftige Jungfrau in Nöten, wortwörtlich. Wie stände er denn da, wenn er einer Frau einen derartigen Wunsch abschlagen würde? Er käme sich wie ein jämmerlicher Schlappschwanz vor.

Wie sie ihrem Zukünftigen dann weismachen wollte, dass sie noch eine Jungfrau war, wie es erwartet wurde, und was sie ihrer Familie sagen würde, wo sie in dieser Nacht gewesen war, war ihm rätselhaft. Weder erklärte sie es ihm, noch fragte er sie danach.

Es hatte keiner weiteren Worte mehr bedurft, nachdem er sie an sich gezogen und sanft geküsst hatte, in der Hütte, in der sie von Kindesbeinen an so manchen Schabernack ausgeheckt hatten.

Weil er nicht wollte, dass sie fror, hatte er seine Jacke auf dem Boden ausgebreitet, zuvor rasch etwas Holz zusammengesucht und den uralten Kamin in Gang gebracht. Schnell hatte sich eine angenehme Wärme in dem einzigen Raum des kleinen, windschiefen Gebäudes ausgebreitet.

Es war seltsam gewesen, das Mädchen zu entkleiden, das für ihn immer wie die Schwester gewesen war, die er nie hatte. Doch er bemühte sich, es für sie so angenehm wie möglich zu machen und außerdem dafür zu sorgen, dass ihre Vereinigung keine fatalen Folgen für sie beide haben würde, was im Eifer des Gefechts nicht eben einfach gewesen war …

Die plötzlich stärker werdenden Boots-Schwankungen, verursacht durch eine noch unruhigere See und seltsame Manöver des Steuermannes, lenkten ihn von diesen wärmenden Erinnerungen ab. Er musste sich fest an das rutschige Gummi des Bootsrandes klammern, um nicht hin und her geschleudert zu werden, wie die meisten anderen. Seiner jugendlichen Behändigkeit und Muskelkraft, erworben durch die Ausbildung an schweren Maschinen, hatte er es zu verdanken, dass ihm das gelang.

»Hier ist Endstation. Springt und schwimmt zur italienischen Küste, wir hauen ab«, blaffte der Mann, der das Boot steuerte.

»Nun heißt es jeder für sich selbst. Wenn ihr schlau seid, werft ihr eure Pässe, wenn ihr welche habt, über Bord und sagt, ihr seid Kosovaren. Dann bekommt ihr als Kriegsflüchtlinge Asyl. Ansonsten: Gute Heimreise«, fügte sein Kollege mit beißendem Spott hinzu.

Das hatte Gjon nicht vor. Er wollte sein neues Leben nicht mit einer Lüge beginnen und vertraute darauf, dass er auch mit seiner wirklichen Identität als Albaner eine Chance erhalten würde, in Italien zu bleiben. Aber zunächst musste er erst einmal heil dort ankommen. Ungläubig sah er in die Schwärze hinaus, in die die Schlepper sie jagen wollten. Er wusste ja nicht, womit er hätte rechnen müssen, war aber davon ausgegangen, dass das Boot sie zumindest an den sicheren Strand bringen würde. Dieser war jedoch im diffusen Mondlicht kaum zu erkennen und schätzungsweise mindestens fünfzig Meter entfernt. Verdammt. Er war ein guter Schwimmer, erprobt an Albaniens schönen Stränden und in klaren Flüssen, das war nicht das Problem. Was ihm aber Sorgen bereitete waren die gewaltigen Wellen, die sich vor ihnen auftürmten und gischtspritzend an der Küste brachen. Zwar war er recht durchtrainiert, aber würde das ausreichen? War dort überhaupt ein Sandstrand, oder scharfkantige Felsen?

Doch ihm blieb wohl keine Wahl, denn der Tonfall der Männer ließ keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinten. Außerdem trugen die beiden unter ihren offenen Jacken, für alle sichtbar, Holster mit Pistolen darin. Unmissverständlich.

Seine Mitinsassen stießen Flüche aus, ebenso wie er selbst, bevor sich einer nach dem anderen in rascher Folge ins Wasser gleiten ließ. Auch er zögerte nicht. Er war schließlich nicht so weit gekommen, um jetzt aufzugeben.

Das Wasser umfing ihn wie ein eisiger Hauch, was aber bereits im nächsten Moment in den Hintergrund trat, weil ihn die erste Welle unter die Oberfläche presste. Jetzt hieß es, nicht nachdenken, sondern schwimmen. Ums Überleben schwimmen.

Gjon biss die Zähne zusammen und kämpfte so kraftvoll gegen die nassen Naturgewalten an, dass er spürte, wie sich jeder einzelne seiner nicht aufgewärmten Muskeln nahezu schmerzvoll anspannte. Das Gewicht seiner vollgesogenen Jacke machte ihm das noch schwerer, aber da es vorerst die einzige Jacke sein würde, die er besaß, behielt er sie an.

Weil ihn immer wieder hohe Wellen überspülten und er selbst zusehen musste, sich zu retten, konnte er keinen Gedanken an die anderen verschwenden und daran, ob es alle schaffen würden.

Auch das Boot, das sich rasch entfernte, verlor er schnell aus den Augen.

Es gab nur noch ihn und das Meer, das ihm keine Wahl ließ.

Er kämpfte sich verzweifelt unzählige Male wieder an die Wasseroberfläche, wenn die Wellen ihn hinunterdrückten, und glaubte irgendwann nicht mehr dran, das im Dunkeln liegende rettende Ufer zu erreichen. Trotzdem gab er nicht auf.

Als er irgendwann festen Grund unter den Schuhsohlen seiner Stiefel spürte, realisierte er im ersten Moment gar nicht, dass er es tatsächlich geschafft hatte.

Mit seinen letzten Kraftreserven und in stetigem Kampf gegen die Wellen ließ er seinen matten Körper an den Strand treiben, der, wie er zu seiner Erleichterung realisierte, tatsächlich sandig war. Wäre er felsig gewesen, hätten ihm scharfkantige Klippen unter Garantie durch die Kleidung hindurch Brust und Beine aufgeschnitten, weil er bis zuletzt ein Spielball der Strömung blieb. Keuchend ließ er sich schließlich rücklings auf den kühlen Sand sinken und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht, um sich das salzige Wasser aus den Augen zu wischen.

Noch bevor er zu Atem kommen konnte, war plötzlich überall um ihn herum Motorengeräusch zu hören und er wurde geblendet von gleißendem Licht.

Quietschende Reifen, die unweit seiner Position zum Stehen kamen, sandten augenblicklich einen Adrenalinstoß durch seinen Körper und er sprang auf. Er blinzelte, weil er mit seinen durch das Salz und das Licht gereizten Augen nur schemenhaft etwas erkannte.

»Umdrehen, Hände hinter den Rücken«, blaffte eine männliche Stimme unwirsch, erst auf Italienisch, dann in gebrochenem Englisch. Doch Gjon hatte schon die erste Aufforderung verstanden. Zu seinem Glück war unter anderem Italienisch ein Wahlfach in der Schule gewesen und er konnte ohne Arroganz behaupten, dass er aus gleichem Grund auch Englisch besser beherrschte als der Mann vor ihm. Dieser entpuppte sich als Carabiniere, der ihn mit gezogener Waffe bedrohte. Das rief bei Gjon nicht die Angst hervor, die es vielleicht sollte, denn zum einen durchströmte ihn noch das Hochgefühl, es lebend aus der nassen Hölle herausgeschafft zu haben. Zum anderen hatten ihn die Ereignisse des letzten Jahres dazu gebracht, beim unmittelbaren Anblick einer scharfen Waffe abzustumpfen, weil er sonst verrückt geworden wäre.

Vor genau einem Jahr waren bei dem Bürgeraufstand im ganzen Land Waffenfabriken und Militärstützpunkte geplündert worden. Auch seine Heimatstadt Shkoder war nicht verschont geblieben.

Wie entfesselt hatten viele Menschen zunächst wild um sich geschossen und ihrer Wut über das unfähige System, das das Land in den wirtschaftlichen Verfall getrieben hatte, freien Lauf gelassen. Die Rebellen hatten alles noch viel schlimmer gemacht, weil sie sich auch gegen staatliche Einrichtungen gewandt hatten. Dazu zählten unter anderem Regierungsgebäude, Krankenhäuser und Schulen, die zum Glück vorsorglich schon weitgehend geschlossen worden waren. Alles brach zusammen. Die Folge waren bürgerkriegsartige Unruhen gewesen, bei denen sich sogar teilweise Polizei und Militär gegeneinander wandten. Es gab über zweitausend Tote. Niemand konnte sich mehr sicher fühlen und man musste um sein Leben bangen, schon wenn man nur hinausging um sich etwas zu Essen zu besorgen. Auch das gestaltete sich immer schwieriger, weil viele Geschäfte geplündert und andere aufgegeben worden waren. Seine Mutter war Lehrerin und sein Vater Schuhmacher mit einer eigenen Werkstatt. Beide hatten ihre Arbeit nicht mehr ausüben können und das Schicksal seiner Familie hätte fast auf der Kippe gestanden. Nur das Eingreifen von UN-Truppen hatte schließlich all diesen Wahnsinn stoppen können. Die Schulen wurden wieder geöffnet und auch Gjons Vater konnte sein Geschäft wieder aufmachen. Die UN hatte Neuwahlen forciert, um das Volk zu besänftigen. Trotzdem hatte sich vor allem die Wirtschaft und damit der Arbeitsmarkt auch unter der neuen, demokratisch gewählten Regierung nicht wirklich erholt. Viele Albaner hatten bereits während der Unruhen ihr Heil in der Flucht gesucht.

Emigration, also die legale Einwanderung in ein anderes Land, das ihnen bessere Überlebens- und Zukunftschancen bot, war ihnen verboten, da sie keine Visafreiheit besaßen und nicht reisen durften, wohin sie wollten. Daher waren sie auf die Dienste der Schlepper angewiesen, die die geheimen Fluchtkorridore übers Meer, oder über unbewachte grüne Grenzen kannten. Danach blieb ihnen nur die Hoffnung, dass man sie nicht wieder fortschickte.

Obwohl alle Angstgefühle weitgehend von ihm abgefallen waren, nach allem, was er bereits durchgemacht hatte, lag es Gjon fern, dem Carabiniere Schwierigkeiten zu machen. Vielleicht ließ man dann Milde walten, hoffte er. Bedächtig drehte er sich um und tat, wie ihm geheißen.

Im nächsten Moment fühlt er fremde Hände, die unsanft nach seinen Handgelenken griffen, und kaltes Metall, das sich mit einem Klicken darum schloss, welches ihm durch Mark und Bein fuhr, obwohl er eigentlich damit gerechnet hatte.

Das zu erleben, war aber ungleich schlimmer, als es sich nur vorzustellen. Er war gefangen. Wie ein Verbrecher. Dabei hatte er gar kein Verbrechen begangen.

Naja, in den Augen der Italiener wahrscheinlich schon, weil er unerlaubt ihr Staatsgebiet betreten hatte, dachte er zynisch.

»Rein da«, knurrte der Mann hinter seinem Rücken und gab ihm mit einem Stoß zu verstehen, in den hinteren Bereich des Polizeitransporters zu steigen, der etwas abseits stand. Dieser bot Platz für etwa sechs Personen. Ein Stück entfernt standen zwei Streifenwagen, deren Scheinwerfer den Strand hell erleuchteten, sowie ein weiterer Transporter. Offenbar kannten die Polizisten bereits die Kapazität der Flüchtlingsboote genau. Doch hatten es überhaupt alle seiner Mitinsassen geschafft?

Er hob den Kopf und blickte zum Wasser, bevor er in das Auto stieg. Da erst sah er ein größeres Boot mit der leuchtenden Aufschrift Guardia Costiera nahe des Strandes, in das soeben einer der Männer hineingezogen wurde. Er zählte sieben weitere im Meer, die sichtlich erschöpft ebenfalls auf ihre Rettung warteten. Man hatte ihnen aber bereits Gummiringe zugeworfen, damit sie sich über Wasser halten konnten. Am Strand lagen, wie er zuvor, sichtlich erschöpft, die restlichen vier, die um Atem rangen. Sie waren tatsächlich vollzählig, was für ein Glück.

Er wollte sich soeben in den Wagen schwingen, als er mitbekam, wie

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