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Herbstmörder 2016: Vierzehn Krimis: Cassiopeiapress Sammelband

Herbstmörder 2016: Vierzehn Krimis: Cassiopeiapress Sammelband

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Herbstmörder 2016: Vierzehn Krimis: Cassiopeiapress Sammelband

Länge:
1.410 Seiten
16 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
21. Mai 2019
ISBN:
9783739677286
Format:
Buch

Beschreibung

Kriminalromane von Alfred Bekker, Cedric Balmore, A. F. Morland & Earl Warren.

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1228 Taschenbuchseiten.

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:
Alfred Bekker: Der Name des Mörders
Cedric Balmore: Ein Killer rechnet ab
Alfred Bekker: Todesfahrt (Kurz-Krimi)
A. F. Morland: Bombenauftrag für Joe Pearson
Alfred Bekker: Der einzige Mordzeuge
A. F. Morland: In Panik geraten
Alfred Bekker: Ungebetene Gäste
Earl Warren: Das Kung-Fu-Phantom
Alfred Bekker: Die toten Frauen
Earl Warren: Ein Geschäft mit Leichen
A.F. Morland: Trouble in Studio A
A. F. Morland: Höllenfahrt zum Nulltarif
Earl Warren: Stahlfaust
Earl Warren: Killer, Spieler, leichte Mädchen
Herausgeber:
Freigegeben:
21. Mai 2019
ISBN:
9783739677286
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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Buchvorschau

Herbstmörder 2016 - Alfred Bekker

Herbstmörder 2016 - Vierzehn Krimis

von Alfred Bekker, Cedric Balmore, A. F. Morland & Earl Warren

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1228 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Der Name des Mörders

Cedric Balmore: Ein Killer rechnet ab

Alfred Bekker: Todesfahrt (Kurz-Krimi)

A. F. Morland: Bombenauftrag für Joe Pearson

Alfred Bekker: Der einzige Mordzeuge

A. F. Morland: In Panik geraten

Alfred Bekker: Ungebetene Gäste

Earl Warren: Das Kung-Fu-Phantom

Alfred Bekker: Die toten Frauen

Earl Warren: Ein Geschäft mit Leichen

A.F. Morland: Trouble in Studio A

A. F. Morland: Höllenfahrt zum Nulltarif

Earl Warren: Stahlfaust

Earl Warren: Killer, Spieler, leichte Mädchen

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

DER NAME DES MÖRDERS

von Alfred Bekker

1

Kommissar Berend sah auf den Toten herab, der in den letzten Sekunden seines Lebens offenbar noch geschrieben hatte. Jedenfalls hielt er in seiner Linken einen Kugelschreiber fest umklammert.

Der Mann hieß Dirk Kroloff, war Inhaber der Kroloff-Werke, einem pharmazeutischen Unternehmen mittlerer Größe, und lag jetzt tot neben seinem Schreibtisch. Dort lag ein Zettel, auf dem in zitterigen Buchstaben stand: Andrea hat mich...

Berend wandte sich an Braun von der Spurensicherung. Hat der Tote das geschrieben?

Braun zuckte die Schultern. Keine Ahnung, meinte dieser. "Das muss noch festgestellt werden.

Aber immerhin hat es wahrscheinlich ein Linkshänder geschrieben. Und Kroloff war Linkshänder."

Berend nickte knapp und wandte sich dann an den Arzt, der gerade mit seiner Untersuchung fertig war. Und?, fragte der Kommissar.

Vergiftet, erklärte der Arzt im Brustton der Überzeugung, so als könnte es da nicht einmal mehr den geringsten Zweifel geben. Er deutete auf die Sektflasche, die auf dem Schreibtisch stand.

Daneben befanden sich zwei Gläser. Beide waren leer, aber nur aus einem war getrunken worden.

Um was für ein Gift handelt es sich?, fragte Berend den Arzt, der mit einem lateinischen Bandwurm antwortete.

Genaueres kann ich natürlich erst sagen, wenn die Laboruntersuchungen abgeschlossen sind.

Natürlich, brummte Berend.

Das Zeug wirkt nicht sofort, sondern erst nach einigen Minuten. Dann aber sehr plötzlich.

Hatte er noch Zeit etwas zu schreiben?

Der Arzt nickte. Durchaus möglich.

Dann ist der Hergang zumindest schon mal klar..., murmelte der Kommissar. Herr Kroloff hat Besuch bekommen.

Eine Frau mit dem Vornamen Andrea!, unterbrach Braun und der Kommissar stimmte zu.

Ja, so sieht es aus! Die beiden haben ein Glas Sekt zusammen getrunken. Dann hat sie ihn allein gelassen und als Kroloff merkte, dass mit dem Sekt etwas nicht in Ordnung war, hatte er gerade noch Zeit, den Namen seiner Mörderin auf einen Zettel zu schreiben...

Fingerabdrücke habe ich leider nirgends gefunden, bedauerte Braun.

Vielleicht brauchen wir die auch nicht, sagte Berend. Wir gehen einfach Kroloffs weibliche Bekanntschaft nach einer gewissen Andrea durch.

2

Kroloff war ledig und mit einer Abteilungsleiterin seines Unternehmens mehr oder weniger fest liiert. Doch die hieß leider nicht Andrea. Trotzdem suchte Kommissar Berend sie auf. Ihr Name war Christine Larsen. Sie war groß, schlank und blond und machte auf Berend einen ziemlich verwirrten Eindruck, als sie ihn in ihrem Apartment empfing.

Ich bin noch immer ganz durcheinander, berichtete sie. Mein Arzt hat mich zum Glück krankgeschrieben. Psychische Erschöpfung, so nennt man das. Sie hob die Schultern und setzte noch hinzu: Ich wäre jetzt auch beim besten Willen gar nicht in Der Lage, meine Arbeit zu machen!

Das kann ich gut verstehen, murmelte Berend vorsichtig.

Ich habe Dirk geliebt, sagte sie offen. Und ich kann es immer noch nicht so richtig fassen!

Haben Sie eine Ahnung, wer Andrea sein könnte?

Christine Larsen schaute Berend erstaunt an.

Nein, murmelte sie. Ich kenne keine... oder doch! Warten Sie, er hat eine Schwester, die so heißt. Seine einzige Verwandte. Er hat sich zwar nie sonderlich gut mit ihr verstanden, aber jetzt, da er tot ist, wird sie sicher bald auftauchen, um zu erben.

3

Andrea Kroloff hatte sich bereits im Haus des Ermordeten einquartiert, obwohl das Testament noch gar nicht eröffnet war. Es ist mein gutes Recht, erklärte sie, als Berend auftauchte.

Schließlich werde ich ohnehin alles erben.

Sind Sie sich da so sicher?, fragte Berend.

Ich bin die einzige Verwandte!

Kroloff könnte sein Vermögen auch einer gemeinnützigen Stiftung oder der Kirche oder wem auch sonst vermacht haben. Schließlich verstanden Sie beide sich doch nicht allzu gut...

Andrea hob leicht das Kinn und setzte einen hochmütigen Gesichtsausdruck auf. Ich weiß nicht, von wem Sie das haben, Herr Kommissar...

In diesem Moment klingelte es an der Tür. Andrea ging hin, um zu öffnen und kam einen Augenblick später mit einem grauhaarigen, hager wirkenden Mann im dunklen Anzug zurück. Das ist Dr. Bruno, Geschäftsführer der Kroloff-Werke. Sie haben sich vielleicht schon gesehen?

Nur flüchtig, sagte Dr. Bruno in schweizerischem Akzent und reichte Berend die Hand.

Herr Berend, ich habe mit Dr. Bruno Wichtiges zu besprechen. Es wäre nett, wenn Sie mir jetzt kurz und bündig sagen würden, was Sie von mir wollen und mich dann in Ruhe ließen!

Berend holte einen Zettel aus der Tasche und zeigte ihn Andrea. Sehen Sie, das hat Ihr Bruder kurz vor seinem Tod noch schreiben können.

Andrea wurde blass und schluckte. Sie meinen, er hat aufgeschrieben, wer ihn ermordet hat...

Ja, genau!

Aber ich war es nicht! Sehen Sie, wir haben uns tatsächlich nicht gut verstanden. Vielleicht wollte er mir eins auswischen.

Jemand, der gerade merkt, dass er vergiftet wurde und nur noch Sekunden zu leben hat - glauben Sie, der denkt daran, seine ungeliebte Schwester zu ärgern? Berend schüttelte entschieden den Kopf. Nein, fügte er noch hinzu, das halte ich für sehr weit hergeholt!

Andrea schien verzweifelt. Vielleicht sollte es gar nicht Andrea heißen, sondern Andreas. Könnte doch sein, daß Dirk es nicht mehr geschafft hat, den Namen auszuschreiben!

Nein, erwiderte Berend kühl. Es folgen ja noch ein paar Wörter. Außerdem hat der Pförtner kurz zuvor eine Frau hereinkommen sehen, die sich erkundigt hat, ob Dirk Kroloff im Hause sei. Die Vorzimmerdame war ja schon gegangen, aber wenn wir Sie dem Pförtner gegenüberstellen, bin ich ziemlich sicher, dass er Sie wiedererkennen wird! Tut mir leid, aber ich muss Sie vorläufig festnehmen.

4

Als Kommissar Berend eine Woche später im Büro- Trakt der Kroloff-Werke auftauchte, traf er auf einen ziemlich entnervten Dr. Bruno. Bitte, was wollen Sie denn? Ich dachte, der Fall ist für Sie so gut wie abgeschlossen! Er rang mit den Armen.

Wir hatten hier eine Buchprüfung und Sie können sich vielleicht denken, wie viel Unruhe das in ein Unternehmen hineinbringt!

Ja, das kann ich, erwiderte Berend. Vor allem, wenn man dabei herausfindet, dass der Geschäftsführer Gelder unterschlagen hat!

Dr. Bruno erstarrte. Woher wissen Sie das?

Ich habe mich bei den Kollegen von der Steuerfahndung erkundigt. Kroloff ist Ihnen auf die Schliche gekommen, deshalb musste er sterben!

Was? Ich dachte, Sie suchen eine Frau!

Berend nickte. Das dachte ich zunächst. Aber das Gift, an dem Kroloff gestorben ist, stammte aus den Beständen der Firma und da hatte seine Schwester keinen Zugang. Sie war zwar kurz vor seinem Tod noch bei ihm, um ihn um Geld zu bitten, doch der wirkliche Mörder kam erst danach! An Ihrem Türschild steht Dr. A. Bruno, nicht wahr?

Na, und?

Das A. steht für Andrea. Ich habe mich über Sie erkundigt. Sie stammen aus der italienischen Schweiz und im Italienischen ist Andrea ein Männername. Dr. Bruno, Sie sind verhaftet!

ENDE

EIN KILLER RECHNET AB

von Cedric Balmore

Ronald Sheridan, Norbert Bratton und Hank Lathien: Diese drei Zeugen hatten vor Gericht gegen Luciano Cuccimo, Auftragskiller der Mafia, ausgesagt, woraufhin dieser für zwei Morde lebenslänglich bekam. Dafür hatte Cuccimo tödliche Rache geschworen. Nachdem ihm die Flucht gelingt, wird Ronald Sheridan Opfer einer Autobombe. Da sich die beiden anderen Zeugen in Lebensgefahr befinden, soll Roberto Tardelli, Top-Agent einer geheimen US-Regierungs-Organisation, die beiden Männer, die untergetaucht sind, ausfindig machen. Dabei gerät der Mafia-Jäger selbst in Gefahr …

1

Die Überraschung traf Roberto Tardelli wie ein Faustschlag.

Er stellte sein Glas hart auf dem Tresen ab. Ein Teil des Orangensaftes schwappte über den Rand und sickerte klebrig über Robertos Handrücken.

Er zwang sich dazu, nicht den Kopf zu wenden. Wenn ihn nicht alles täuschte, was er in dem Reklamespiegel unter dem Flaschenregal sah, hatte soeben Lucky Cuccimo das Edelpub betreten.

Aber nein, das war ausgeschlossen.

Luciano Cuccimo war weg vom Fenster. Er war eingelocht. Lebenslänglich.

Der Mann, der hereingekommen war, verschwand aus dem Spiegelbild. Er tauchte neben Roberto auf. Der Barkeeper watschelte heran. Er hatte Halbglatze und ein Glasauge.

Sein Lächeln wirkte wie einstudiert.

„Zigaretten", sagte der Mann, der neben Roberto stand.

Roberto rührte sich nicht.

Die Stimme!

Sie räumte in Roberto die letzten Zweifel aus. Es sei denn, von Lucky Cuccimo existierte ein Zwillingsbruder.

„Sorry, Mister, sagte der Barkeeper. „Ich darf hier keine verkaufen. Ich hab‘ keine Konzession dafür.

„Eine Stange", sagte der Mann unbeeindruckt.

Seine Stimme klang auf Anhieb nur hell und kraftlos, sie war scheinbar unfähig, Autorität auszustrahlen. Und doch war etwas darin, das den Zuhörer irritierte und nervös machte. Das Lächeln des Barmixers verschwand. Er senkte den Blick seines gesunden Auges und demonstrierte totale Unterwerfung. „Ich kann Ihnen meine eigenen geben, murmelte er und griff unter den Tresen. „Luckies.

„Geht in Ordnung, sagte Cuccimo und grinste. „Ich bin ein Lucky Boy.

Er zahlte und ging. Roberto starrte in den Spiegel.

Luciano Cuccimo, Ex-Hitman der Mafia, zuletzt wohnhaft in New York. Überführt des zweifachen Mordes, und weiterer sieben Morde verdächtigt.

Lucky Cuccimo war etwas schmaler geworden, wie es Roberto schien.

Er hielt sich so kerzengerade wie damals. Seine Haltung erinnerte an einen Reserveoffizier in Zivil. Der Eindruck hölzerner Steifheit, den er verbreitete, hatte schon viele getäuscht; in Wahrheit war Lucky Cuccimo ein Mann mit brillanten Reflexen.

Roberto hatte ein flaues Gefühl im Magen.

Er war unbewaffnet. Hätte es Cuccimo gefallen, den Kopf zu wenden und den Orangensafttrinker anzusehen, wäre ein Drama nicht vermeidbar gewesen.

Ein Drama mit tödlichem Ausgang.

Tödlich für ihn, Roberto Tardelli.

Lucky Cuccimo verließ das Lokal.

Roberto stieß die Luft aus. Er spürte den Schweiß unter seinen Achselhöhlen. Es war ein merkwürdiges Gefühl, soeben dem Tod entronnen zu sein.

Roberto war Top-Agent des COUNTER CRIME, einer geheimen, dem Justizministerium unterstellten Organisation. Ähnlich den in achtzehn Großstädten der USA etablierten „Strike Forces" des FBI hatte COUNTER CRIME die Aufgabe, das organisierte Verbrechen mit ebenso unkonventionellen wie wirkungsvollen Methoden zu bekämpfen.

Roberto Tardelli hatte vor einem Jahr entscheidend dazu beigetragen, Lucky Cuccimo ans Messer zu liefern. Es gab keinen Zweifel, dass Lucky diesen Umstand im Gedächtnis behalten hatte und entschlossen war, daraus Konsequenzen zu ziehen.

Wusste Lucky, dass Roberto sich gegenwärtig hier in Indianapolis aufhielt?

War er hergekommen, um sich zu rächen?

Und wenn ja: Wie hatte er erfahren, dass sein Gegner sich in der Stadt aufhielt?

Roberto war seinerzeit nicht als Zeuge vor Gericht aufgetreten. Die Polizei hatte ihn gesucht. Steckbrieflich. Man warf Roberto damals noch vor, dass er einen Polizisten erschossen hatte. Inzwischen war geklärt, was COUNTER CRIME von Anbeginn gewusst hatte: Roberto hatte in Notwehr gehandelt. Der korrupte Polizist hatte auf der Lohnliste der Mafia gestanden.

Roberto glitt vom Barhocker.

Der Barkeeper kam herangewieselt und kassierte. Roberto zahlte und ging zur Tür.

Es war elf Uhr vormittags. Über der Stadt wölbte sich ein leicht bewölkter Himmel.

Lucky Cuccimo überquerte die Fahrbahn. Auf der anderen Straßenseite parkte ein dunkelblauer Cadillac de Ville, ein 76er Modell. Cuccimo warf die Zigarettenstange durch das offene Fenster und stieg ein.

Roberto ging in entgegengesetzter Richtung davon. Er hielt ein normales Tempo ein. Sein Leihwagen, ein Pontiac Bonneville, stand in der nächsten Seitenstraße. Roberto begann zu laufen, als er außer Sicht des Killers war.

Er erreichte die kaffeebraune Limousine, schwang sich hinter das Lenkrad und betätigte den Starter, aber die Maschine tat nichts, um diese Bemühungen zu honorieren.

Roberto zerquetschte ein paar unschöne Worte zwischen den Zähnen. Jede Sekunde zählte. Er startete erneut. Endlich sprang die Maschine an. Roberto wendete und ignorierte dabei die Tatsache, dass er sich auf einer Einbahnstraße befand.

Als er in die Meridan Street einbog, die die Stadt in Nord-Süd-Richtung durchschneidet und wie einen Apfel halbiert, empfing ihn das misstönende Protesthupen einiger aufgebrachter Autofahrer. Roberto kümmerte sich nicht darum und hoffte, dass ihn kein Polizist bei seinem riskanten Manöver beobachtete. Er erreichte die andere Straßenseite und gab Gas.

Der blaue Cadillac war aus Robertos Blickfeld verschwunden. Roberto verlangsamte an jeder Kreuzung das Tempo und versuchte festzustellen, ob der Cadillac die Meridan Street verlassen hatte.

Er wurde fündig, als er die 46te Straße erreicht hatte. Dort, wo sie, etwa fünfhundert Meter von der Meridan Street entfernt, sanft hügelan strebt, parkte auf halber Höhe ein blauer Cadillac.

Er fiel Roberto vor allem deshalb auf, weil er allein auf weiter Flur stand.

Roberto konnte die Nummer des Wagens nicht erkennen und hatte auch keine Ahnung, ob es sich um Cuccimos de Ville handelte, hielt es jedoch für zweckmäßig, nach rechts einzubiegen. Kurz darauf nutzte er eine Parklücke, die nur fünfzig Meter von dem Cadillac entfernt war.

Roberto stellte den Motor ab. Er überzeugte sich davon, dass er den Gesuchten gefunden hatte. Die Nummer stimmte.

Der Cadillac parkte vor der roten, mit Plakaten beklebten Mauer einer offenbar stillgelegten, auf ihren Abbruch wartenden Fabrik. Dieser Umstand erklärte, warum keine weiteren Fahrzeuge vor oder hinter dem Cadillac standen.

Roberto stieg aus.

Er konnte sehen, dass der Fahrer des Cadillacs sich zur Seite gebeugt hatte und etwas aus dem Handschuhfach zu holen versuchte.

In diesem Moment passierte es.

Aus dem blauen, sanft in der Sonne schimmernden Luxusgefährt wurde mit ohrenbetäubendem Krachen ein feuerspeiender Ball, aus dem scharfkantige, von Urgewalten verbogene und zerfetzte Metallteile wie Geschosse in alle Himmelsrichtungen pfiffen, wirbelten und jaulten.

Roberto fühlte sich wie von einer unsichtbaren Faust hochgehoben und landete im nächsten Augenblick unsanft auf den schmutzigen Steinplatten des Bürgersteigs.

Neben ihm krachte etwas auf den Boden und schlurrte schleifend davon.

Die Fensterscheiben der Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite gingen zu Bruch. Ein Splitterregen ergoss sich auf den Asphalt, dazwischen ertönten die Schreckensschreie entsetzter Passanten.

Roberto kam auf die Beine.

Der Cadillac, oder vielmehr das, was von ihm übriggeblieben war, hatte sich in ein Flammeninferno verwandelt. Es stand außer Zweifel, dass der Mann, der in dem Wagen gesessen hatte, von der Explosion ausgelöscht worden war.

2

„Oh, Mr. Sheridan!, hauchte die etwas knochige, aber keineswegs unsympathische Blondine, die in der verglasten Rezeptionsbox des Apartmenthotels 'Blue Skies' ihren Dienst versah. „Hatten Sie einen Unfall?

Roberto grinste matt. Auf seiner Schläfe klebte ein großes Heftpflaster und sein brauner Sportsakko war am Ärmel aufgeplatzt.

„Nichts von Bedeutung, winkte er ab. „Ein Autofahrer muss übersehen haben, dass ich nicht mit Stoßstangen ausgerüstet bin.

„Ihr Bruder war hier, Sir."

Roberto, der bereits auf dem Wege zum Lift war, blieb stehen. Er wandte sich langsam um. „Mein Bruder?", echote er.

„Ja, er hat nach Ihnen gefragt."

„Hat er eine Nachricht hinterlassen?"

„Nein, Sir."

Roberto kehrte an die Glasbox zurück. Er lächelte der Blonden in die porzellanblauen Augen. „Da liegt ein kleines Missverständnis vor, sagte er. „Ich habe keinen Bruder.

„Aber Mr. Sheridan sagte ..."

Roberto fiel der Blonden ins Wort.

Er lächelte immer noch. „Es gibt viele Sheridans in der Stadt, erklärte er. „Vielleicht sogar hier im Hause. Trifft es nicht zu, dass der Komplex dreihundert Apartments beherbergt?

„Ja, Sir, aber Sie sind der einzige Vincento Sheridan darin, sagte die Blonde. „Ich wage zu bezweifeln, dass es einen zweiten Mann dieses Namens in der Stadt gibt - und einen so attraktiven dazu, fügte sie lächelnd hinzu. Der Schmelz in ihren Augen machte deutlich, dass sie bereit war, ihre Feststellung durch ein ganz allgemeines Entgegenkommen zu untermauern.

Irgendjemand bei COUNTER CRIME hatte es gefallen, Roberto diesen aparten Namen zu verpassen. Die dazugehörigen Papiere waren von gewohnter Qualität; schließlich wurden sie von Vater Staat gedruckt.

„Er fragte ausdrücklich: Ist mein Bruder Vincento in seiner Suite?", erinnerte sich die Blondine.

„Es muss eine Verwechslung sein, erklärte Roberto. „Wie sah der Mann aus?

„Er war gut gekleidet. Sehr modisch. Er hätte durchaus Ihr Bruder sein können, Sir", meinte die Blondine und ließ erkennen, dass der Besucher recht südländisch ausgesehen haben musste.

„Danke", sagte Roberto und ging zum Lift.

Das war die dritte Bombe an diesem Tag.

Die erste war Lucky Cuccimos Auftauchen gewesen, die zweite das Ende des Gangsters.

Und die dritte war, dass man ihn, Roberto Tardelli alias Vincento Sheridan gefunden hatte, dass man wusste, unter welchem Namen er in Indianapolis abgestiegen war.

Der Lift brachte Roberto in die dritte Etage.

Er bewohnte die Suite 311.

Das 'Blue Skies' war ein Apartmenthotel der gehobenen Klasse. Es wurde hauptsächlich von Unverheirateten der Manager-Klasse bevorzugt. Von Leuten, die die Anonymität eines Wohnsilos mit dem Service eines Hotels zu verbinden wünschten.

Man musste gut verdienen, um sich diesen Luxus leisten zu können, durchschnittlich neunhundert im Monat für eines der Zwei-Zimmer-Apartments waren Standard. Roberto brauchte sich über seine Spesen keine allzu großen Sorgen zu machen; COUNTER CRIME war nicht kleinlich, wenn es darum ging, einen seiner Top-Agenten zu finanzieren.

Roberto betrat das Apartment und blieb in der winzigen Diele stehen. Er spürte, dass er nicht allein war.

Es gab keine erkennbaren Hinweise auf diesen Umstand, keine Veränderung in der Garderobe, keinen fremden Geruch, kein verdächtiges Geräusch. Und doch wusste Roberto, dass sich jemand in dem Apartment befand.

Sein Gespür trog ihn nicht. Als Roberto die Tür zum Wohnzimmer aufstieß, stand ein Mann zwischen den beiden Fenstern. Er hatte ihm den Rücken zugekehrt und hielt eine Pistole in der Hand.

Eine 22er mit Schalldämpfer.

„Hereinspaziert, sagte er. „Es ist nicht nötig, dass Sie die Tür schließen. Der Schalldämpfer arbeitet vorzüglich. Ihr Tod wird nicht lauter sein als das ,Plopp‘ eines Champagnerkorkens.

3

Roberto stoppte dicht hinter der Schwelle. Seltsamerweise hatte er keine Angst.

Ein Hitman mit klarem Auftrag würde sofort geschossen haben. Die Tatsache, dass der Besucher sich aufspielte und in makabrer Höflichkeit übte, ließ vermuten, dass er die zynische Demonstration seiner Überlegenheit fortzusetzen wünschte.

„Wer sind Sie?" fragte Roberto.

Der Eindringling war schätzungsweise fünfundzwanzig. Er war nicht ganz so groß wie Roberto, etwa eins fünfundsiebzig, aber vom gleichen, aus schmalen Hüften und breiten Schultern bestimmten Zuschnitt.

Der Mann trug einen leichten, blaugrauen Sommeranzug und ein Oberhemd mit abgerundeten Kragenenden. Die Krawatte war, der neuesten Mode entsprechend, nicht viel breiter als ein Männerdaumen.

Der Mann hatte ein schmales, markantes Gesicht mit dunklen Augen und blauschwarz schimmernden Haar. Es war glatt zurückgekämmt.

Italoamerikaner seines Typs neigten zur Dandyhaftigkeit, ihr männliches Aussehen war nicht frei von femininen Akzenten. Doch sobald sie aggressiv wurden, bestand kein Zweifel an ihrem harten und oft brutalem Kern.

„Jetzt darfst du raten, Sherryboy, sagte der Eindringling und verzog seinen roten, fleischigen Mund zu einem hässlichen Grinsen. „Ich gebe dir drei Versuche.

Sherryboy.

Den Namen hatte Roberto schon einmal gehört oder gelesen.

Aber wo?

Und in welchem Zusammenhang?

Roberto schaltete prompt. Es musste einen Vincento Sheridan geben, der in der Unterweltszene den Spitznamen Sherryboy trug.

Mit dem wurde er verwechselt.

Diese Feststellung erfüllte Roberto nur mit dünner Erleichterung. Er hatte keine Lust in die Kriminalgeschichte einzugehen als ein Fall, wo eine Namens oder Personenverwechslung zum Mord geführt hatte.

„Ich bin 'ne Niete im Raten", sagte Roberto und entspannte sich. Er schritt zu einem Sessel und ließ sich hineinfallen. Ihm entging nicht, dass ihm die behandschuhte Rechte des Gangsters mit der Waffenmündung folgte.

Roberto blickte hoch. Er war immer noch drei Schritte von seinem Gegner entfernt.

Der Gangster grinste. „Ich hab' mich als dein Bruder ausgegeben. Wie findest du das?"

„Ich sag's dir, wenn du mir mehr über die Hintergründe dieses großartigen Einfalls mitteilst", bemerkte Roberto kühl.

Die Zeit des Siezens war vorbei. Man kam endlich zur Sache.

„Offen gestanden mache ich mir nur selten die Mühe, großartige Einfälle zu produzieren, sagte der Mann. „Das überlasse ich denen, die dafür bezahlt werden. Ich führe aus, was man mir aufträgt. Nicht mehr und nicht weniger. Das tue ich perfekt. Weil man das weiß und schätzt, brauche ich mich über einen Mangel an Aufträgen nicht zu beklagen.

„Da bist du fein ‘raus", höhnte Roberto.

In ihm arbeitete es.

Sherryboy, Sherryboy. Wo, zum Teufel, war ihm dieser Name begegnet?

Plötzlich wusste er es.

Ein Mann namens Ronald Sheridan war einer der Hauptbelastungszeugen im Cuccimo Prozess gewesen.

Ronald Sheridans Spitzname: Sherryboy.

Genau wie den beiden anderen Zeugen hatte man Ronald Sheridan einen offiziell genehmigten Namenswechsel zugebilligt und ihm überdies Polizeischutz gewährt.

Er war mit unbekanntem Ziel aus New York verschwunden.

Er hatte gewusst, was ihm drohte.

Der Mozetti-Mob, in dessen Sold Cuccimo gestanden hatte, betrieb die Entlarvung und Bestrafung der Männer, die nach ihrer Zeugenaussage untergetaucht waren, mit beharrlichem Nachdruck. Das hatte gute Gründe.

Für die Mafia war es lebensnotwendig, jene zu vernichten, die den Nerv gehabt hatten, gegen einen der ihren in den Zeugenstand zu treten.

Zeugen mussten sterben - wenn sie sich nicht auf andere Weise zum Schweigen bringen ließen. Am besten war es, wenn man die Zeugen vor einem Prozess ausschaltete, aber es gab nun mal Fälle, wo man nachvollziehen musste, was sich nicht termingerecht hatte ausführen lassen.

Es war also kein Zufall, dass Luciano Cuccimo sich in der Stadt aufgehalten hatte. Er war hergekommen, um sich an Ronald Sheridan zu rächen.

Es gab ein paar Ungereimtheiten in Robertos Gedankenspiel. Warum überließ es Cuccimo einem anderen, den Racheakt zu begehen?

Ebenso offen blieb die bohrende Frage, wie Cuccimo es geschafft hatte, aus dem Gefängnis zu entkommen.

Die Bombe war vor einer halben Stunde hochgegangen. Möglicherweise wusste der Mann mit der 22er noch gar nichts von dem Schicksal, das Lucky Cuccimo in seinem blauen Cadillac ereilt hatte.

„Ich heiße Vincento Sheridan, sagte Roberto Tardelli. „Ich lebe seit zwei Monaten in der Stadt. Ich besuche hier einen Abendkurs am Indian Management Institute. Du kannst das gern überprüfen. Es ist für mich offenkundig, dass du mich mit einem anderen verwechselst.

Es stimmte übrigens, dass Roberto den Kurs besuchte. Die Schule war bekannt für einen ausgezeichneten Lehrkörper. Von ihm versuchten eine Menge Aufsteiger zu profitieren - nicht zuletzt ein paar Dutzend karrierehungrige Top-Gangster, die von ihren Chefs hierhergeschickt wurden, um der Organisation später in Spitzenstellungen als kommerzielle Lenker betrügerischer Manipulationen dienen zu können.

Die Tatsache, dass die Schülerschaft nach neuesten Erkenntnissen mit knapp vierzig Prozent Mafiosi durchsetzt war, hatte COUNTER CRIME dazu bewogen, Roberto Tardelli auf die Schule anzusetzen.

„Du hast deinen Vornamen geändert, mehr nicht, sagte der Gangster. Glaubst du wirklich, das würde genügen? Zugegeben, dein Einfall war nicht dumm. Weil du davon ausgingst, dass wir annahmen, du hättest deinen Zunamen über Bord geworfen, bliebst du bei Sheridan. Oder haben die Bullen dir diesen Tipp gegeben? Wie dem auch sei, du konntest dich von deinem dir liebgewordenen Familiennamen nicht trennen, du gabst lediglich dem Ronald den Laufpass. Vincento! Er lachte kurz. „Du hättest dir was Besseres einfallen lassen können", schloss er.

„Ich habe meinen Namen nicht geändert, knurrte Roberto und erhob sich. Er ballte die Hände. „Warum hätte ich das tun sollen?

Die Rechte des Gangsters vollzog Robertos Manöver mit. Die Waffenmündung hielt sich auf einer Ebene mit Robertos hämmerndem Herzen.

Der Gangster glitt zur Seite.

Er kehrte jetzt dem metallgerahmten Fensterquadrat seinen Rücken zu. Diese Position schien ihm mehr zu behagen. Sie baute vor ihm die schützende Barriere eines schweren Ohrensessels auf.

„Ich wüsste gern, wo Sheila lebt", sagte der Gangster.

„Dann frag' sie doch, raunzte Roberto. „Ich kenne keine Sheila.

„Nicht doch!, höhnte der Gangster. „Sie ist deine Puppe. Sie hat dich mit den Informationen gefüttert, die du später im Zeugenstand nicht für dich behalten konntest. Sie ist mit dir untergetaucht. Wir haben sie noch nicht aufgespürt, aber du wirst mir sagen, wo sie steckt.

„Ich wiederhole mich nicht gern, aber mir bleibt keine Wahl. Ich habe niemals den Namen Ronald getragen. Du verwechselst mich mit einem anderen."

Plötzlich krachte es. Das harte Bersten von Glas verband sich mit einem jähen Zusammenzucken des Gangsters.

Er brach in die Knie. Seine Lippen bewegten sich, und in den dunklen, auf einmal riesengroß erscheinenden Augen dämmerten Fassungslosigkeit und Entsetzen.

In dem von seinem Körper freigegebenen Fensterviereck gähnte ein winziges Loch. Von seinem Zentrum liefen gezackte Linien in alle Richtungen.

Der Gangster stöhnte. Sein Oberkörper bewegte sich schwankend, dann kippte er nach vorn. Roberto gab sich einen Ruck. Er erreichte mit einem Satz den Gangster und beugte sich über ihn.

Während Roberto mit raschem Griff die Pistole aus der behandschuhten Rechten des Mannes löste, sah er, wo es seinen Gangster erwischt hatte.

Ein Schultertreffer. Die Lage der Einschussöffnung gab dem Mann gute Chancen, mit einem blauen Auge davonzukommen. Er atmete keuchend. Sein Gesicht war dem Spannteppich zugekehrt. Seine linke Hand öffnete und schloss sich wie im Krampf.

„Ein Arzt, japste er. „Ich brauche einen Arzt.

Roberto richtete sich vorsichtig auf. Er trat ans Telefon und benachrichtigte Polizei und Notarztwagen.

Es hatte eine Zeit gegeben, wo Roberto es nicht hatte wagen können, die Polizei auf diese Weise zu kontaktieren, aber das war glücklicherweise vorbei. Trotzdem war er nicht darauf versessen, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Es gab in ihr zu viele undichte Stellen. Außerdem war Roberto als Mitglied einer Geheimorganisation verpflichtet, die notwendige Vorsicht walten zu lassen und weitgehend als Einzelkämpfer aufzutreten.

Er legte auf.

Das zweite Fenster hatte ebenfalls keine Gardine, aber es war von einer herabgelassenen Jalousie bedeckt. Sie ermöglichte es Roberto, einen Blick durch die Lamellen zu werfen.

Das gegenüberliegende Haus hatte zehn Stockwerke. Ein paar dutzend seiner Schiebefenster waren geöffnet. Hinter jedem von ihnen hatte der Schütze stehen können. Es war anzunehmen, dass er ein Gewehr mit Zielfernrohr benutzt hatte. Die Tatsache, dass es ihm nicht gelungen war, den Gangster zu töten, warf die Frage auf, wer dahintersteckte. Hatte der Schütze den Gangster nur warnen wollen, oder war der Schultertreffer eine Panne, das Ergebnis eines Amateurs?

Roberto ließ die zweite Jalousie herab. Dann beugte er sich wieder zu dem Verletzten herunter und erkundigte sich: „Haben Sie den Geschmack von Blut im Mund?"

Es war ein bisschen absurd, den Gangster plötzlich zu siezen, aber irgendwie erschien es Roberto nach Lage der Dinge ganz angemessen zu sein, zivilere Töne anzuschlagen.

Der Verletzte verneinte mit einem nur angedeuteten Kopfschütteln.

Roberto nahm dem Mann mit sicherem Griff die Brieftasche ab. Sie enthielt einen Führerschein auf den Namen Guilio Gambini. In dem Führerschein lag eine brandneue Tausendernote. Roberto nahm an, dass Gambini ihn als saftigen Vorschuss erhalten hatte.

Roberto steckte die Brieftasche mitsamt Inhalt in den Sakko und wartete. Fünfzehn Minuten später traf der Notarztwagen ein, kurz darauf die Polizei.

Roberto Tardelli wies sich aus. Er benutzte dafür die ihm von COUNTER CRIME gelieferten Papiere. Er gab zu Protokoll, was geschehen war, und Unterzeichnete mit dem Namen Vincento Sheridan.

Eine Stunde später war das Ganze wie ein Spuk vorüber. Roberto setzte sich ans Telefon und wählte eine Nummer in New York, die er auswendig kannte.

Der Mann, der sich meldete, nannte keinen Namen, aber Roberto wusste, dass er Colonel Myer, seinen direkten Vorgesetzten, an der Strippe hatte.

„Was ist mit Lucky Cuccimo?", fragte Roberto.

„Was soll mit ihm sein? Er sitzt", erwiderte der Colonel.

„Ihr Informationsstand bedarf einer Korrektur", sagte Roberto und berichtete, was er erlebt hatte.

Colonel Myer schwieg, nur eine Sekunde lang. Dann meinte er: „Bleiben Sie in der Nähe des Telefons. Ich rufe zurück."

Roberto legte auf. Er sah sich das zerschossene Fenster an und peilte durch die Jalousielamellen. Es lag auf der Hand, dass der Schütze längst das Weite gesucht hatte.

Erst Cuccimo, dann Gambini.

Wer war hinter den Männern her, die die Absicht gehabt hatten, sich an ihm zu rächen?

Das Telefon klingelte. Roberto blickte auf die Uhr. Seit seinem Anruf waren nur zehn Minuten vergangen. Es war nicht anzunehmen, dass Colonel Myer bereits fündig geworden war - es sei denn, das Gefängnis hatte gerade erst entdeckt, dass Luciano Cuccimo auf die Idee verfallen war, Urlaub zu nehmen.

„Mein Informationsstand bedarf keineswegs einer Korrektur, teilte der Colonel Roberto mit. „Lucky Cuccimo sitzt genau dort, wo er hingehört - in seiner Zelle.

„Okay, so sieht es aus. Aber der Mann im Gefängnis kann nicht Cuccimo sein. Es muss sich um einen Doppelgänger handeln, um einen, der sitzt, um dem wahren Cuccimo draußen freie Hand zu lassen."

„Ist es nicht denkbar, dass Sie einen Doppelgänger gesehen haben?"

„Halluzinationen gehören nicht zu meinen Standarderlebnissen, sagte Roberto. „Ich habe Lucky gesehen. Leibhaftig. Er stand neben mir. Ich konnte ihn buchstäblich riechen. Und ich war dabei, als er in die Luft flog.

„Wollen Sie der Gefängnisleitung unterstellen, dass sie schläft? Cuccimo sitzt!", meinte Myer.

„Ich habe die Stimme gehört. Es war Cuccimos Stimme, sagte Roberto. „Und da ist noch etwas. Man ist hinter mir her. Das heißt, man verwechselt mich mit Ronald Sheridan, der als Zeuge gegen Cuccimo aussagte.

„Fassen wir zusammen, meinte Myer, der nicht dazu neigte, langatmige Spekulationen anzustellen. „Wenn es stimmt, was Sie sagen, ist es Cuccimo gelungen, sich aus dem Gefängnis abzusetzen und einen ihm ähnlich sehenden Mann als 'Vertreter' agieren zu lassen. Cuccimos Ziel war es demnach, einen Rachefeldzug zu starten und sich gleichzeitig todsichere Alibis zu beschaffen - denn offiziell sitzt er ja hinter Gittern. Er muss erfahren haben ...

„ ...dass ich mich in Indianapolis aufhalte, ergänzte Roberto. „Ich wüsste gern, wie ihm das gelungen ist.

„Wenn Sie es wünschen, blasen wir das Unternehmen in Indianapolis ab, sagte Myer. „Ich habe nicht vor, Sie als enttarnten Agenten den Wölfen zum Fraß vorzuwerfen.

„Gambini hat mitgekriegt, was ich zu Protokoll gegeben habe, meinte Roberto. „Das ist unsere Chance. Die Gangster müssen inzwischen begriffen haben, dass ich mit Ronald Sheridan nicht identisch bin. Übrigens suchen sie dessen Freundin Sheila. Was wissen Sie über das Mädchen?

„Sheila Baxter, Endzwanzigerin. Ein Mädchen aus dem Nachtklubmilieu, mit allen guten und schlechten Eigenschaften der Branche, dozierte Myer. „Ich versuche herauszufinden, wo sie und ihr Freund Ronald Sheridan sich aufhalten. Außerdem kümmere ich mich um Cuccimo. Wir müssen feststellen, ob er es tatsächlich geschafft hat, einen Vertreter in seine Zelle zu lancieren. Ich rufe zurück, sobald ich Näheres weiß.

Roberto legte auf.

Er verspürte Hunger. Der Kühlschrank bot nichts, was ihn zu reizen vermochte, und er verließ das Apartment. Als er die Halle im Erdgeschoss durchquerte, war er froh, dass die Blonde in der Glasbox ihm beim Telefonieren den Rücken zukehrte. Er hatte keine Lust, eine detaillierte Erklärung über die Gründe abzugeben, die Arzt und Polizei in sein Apartment geführt hatten.

Er suchte ein nahes Restaurant auf und hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Er hielt unauffällig und behutsam Umschau. Er entdeckte niemand, der auf Anhieb verdächtig wirkte.

Roberto verzehrte ein Steak auf Toast und spülte den Zwiebelgeschmack mit einer Zitronenlimonade hinunter. Er kehrte in das 'Blue Skies' zurück und musste sich diesmal der Neugierde der Blonden stellen. Er erfuhr dabei, was ihm längst klar war: Der Gangster, der sich als sein Bruder ausgegeben hatte, war identisch mit Guilio Gambini.

Robertos Muskeln spannten sich, als er die Suite 311 betrat. Gambinis Besuch hatte bewiesen, wie leicht es war, in das Apartment einzudringen. Vermutlich bedurfte es nur des Diebstahls eines Generalschlüssels, von dem jede Etagenputzfrau einen besaß.

Roberto blickte sich gründlich in der Wohnung um. Das Telefon klingelte. Roberto nahm den Hörer ab.

„Sheridan", meldete er sich.

„Sie hatten recht, sagte Colonel Myer. „Unser Freund Cuccimo ist getürmt.

Roberto setzte sich. „Wie lange war er auf freiem Fuß?"

„Das wird noch geprüft. Für ihn sitzt ein Typ ein, der ihm nicht einmal sonderlich ähnlich sieht. Die Ermittlungen sind eingeleitet und werden Aufschluss darüber geben, wie der 'Tausch' vor sich gegangen ist. Schon jetzt steht fest, dass das Unternehmen nicht ohne die Beihilfe korrumpierter Beamter möglich gewesen sein kann. Sie müssen jetzt am Ball bleiben. In Indianapolis tut sich einiges. Ronald Sheridan und Sheila Baxter halten sich in der Stadt auf. Kann sein, dass die beiden Sie als Köder benutzten, um Cuccimo und seine Helfer aus dem Wege zu räumen. Sheridan hat uns zwar geholfen, Cuccimo zur Strecke zu bringen, aber wir wissen, dass Sheridan selbst kein unbeschriebenes Blatt ist. Wir haben keine Informationen darüber, was er nach dem Prozess angestellt hat und wovon er lebt."

„Woher wissen Sie, dass er sich augenblicklich in Indianapolis aufhält?"

„Ganz einfach, sagte Myer, „wir haben seine Mutter befragt.

„Hat sie seine Adresse?"

„Nein, aber sie konnte mir die Anschrift eines Mannes mitteilen, mit dem Ronald als GI in Übersee war und der in Indianapolis lebt. Es ist anzunehmen, dass er diesen Freund aufgesucht hat. Vielleicht kommen Sie durch ihn weiter. Hier sind Name und Adresse: Jack Lombardi, 123 Michigan Road."

Roberto notierte sich die Adresse. „Da ist noch etwas, fiel ihm ein. „Es gab immerhin drei Zeugen, die vor Gericht gegen Cuccimo aussagten und sein 'Lebenslänglich' zementierten. Was ist mit den beiden anderen?

„Ich kümmere mich um sie, versprach Myer. „Wenn Cuccimo tot ist, droht ihnen keine Gefahr.

„Das sehe ich anders. Gambinis Auftauchen beweist, dass Cuccimo keinen Alleingang plante."

4

Eine halbe Stunde später kletterte Roberto vor dem Haus Michigan Road 123 aus dem Wagen. Das Gebäude war ein Relikt aus den zwanziger Jahren. Erst kürzlich eingesetzte Fenster mit Metallrahmen dokumentierten einen resoluten Sanierungsversuch.

Roberto ignorierte den Lift und stieg die Treppe zur zweiten Etage empor. Seitdem sich gezeigt hatte, dass seine Mission in Indianapolis voller Tücken war, trug er seinen Revolver im Schulterholster. Er hasste es zwar, sich mit der Kanone zu bewegen, aber die Situation ließ ihm keine andere Wahl.

Er klingelte an der Tür, die Lombardis Namensschild trug. Die Tür der Nachbarwohnung öffnete sich. Eine ältere Frau mit grauem strähnigem Haar steckte ihren Kopf in den Flur und fragte: „Sind Sie der Fernsehmann?"

„Ja", erwiderte Roberto ohne Zögern.

„Ich soll Sie reinlassen, meinte die Frau und zog ihren Kopf zurück. Roberto hörte, wie sie die Kette ihrer Wohnungstür aushängte. Sekunden später tauchte die Frau mit einem Schlüssel auf. „Mr. Lombardi musste rasch noch mal weg, er bittet Sie, den Zeilenschalter zu überprüfen - oder wie das Ding heißt. Wenn Sie fertig sind, können Sie mir die Rechnung vorlegen.

„Danke", sagte Roberto und wartete, bis die Frau ihm Jack Lombardis Wohnungstür geöffnet hatte. Es war nicht immer so leicht, in eine fremde Wohnung zu gelangen. Hier sah er nicht einmal die Notwendigkeit für eine solche Aktion, andererseits hatte er gelernt, jede sich ihm bietende Chance auszunutzen.

„Brauchen Sie mich?, fragte die Frau. „Sie wissen ja, wo der Apparat steht.

„Ich klingele, sobald ich fertig bin", meinte Roberto und schloss die Wohnungstür hinter der Frau.

Roberto betrat das Wohnzimmer. Es machte einen sauberen, aufgeräumten Eindruck und war leidlich modern möbliert. Auf dem Fernsehgerät lag ein handgeschriebener Zettel mit Reparaturanweisungen. Roberto interessierte sich allerdings nur für die Briefpost, die in einem Messinghalter steckte, der auf der geöffneten Klappe des Schreibsekretärs stand.

Roberto zog die Briefe heraus und studierte die Namen der Absender. Er fand weder den von Ronald Sheridan noch den seiner Freundin Sheila darunter. Roberto schob die Briefe in den Halter zurück.

Plötzlich hörte er ein Geräusch. Es kam von der Wohnungstür. Jemand machte sich daran zu schaffen.

Wenn es kein Betrunkener war, der die Türen verwechselt hatte, war anzunehmen, dass jemand mit einem Nachschlüssel hantierte und einige Mühe hatte, ihn richtig einzusetzen.

Ein leises Schnappen verriet Roberto, dass die Person an der Tür endlich ihr Ziel erreicht hatte. Roberto holte für alle Fälle den Revolver aus dem Schulterholster. Die Waffe lag fest und sicher in der Hand und vermittelte ihrem Besitzer ein tröstliches, wenn auch trügerisches Gefühl von Sicherheit.

Roberto huschte zur Tür des Nebenzimmers. Er öffnete sie und schob sich lautlos in den Raum. Er vermied es, die Tür zu schließen.

In der Diele wurden Schritte laut. Sie strebten auf das Wohnzimmer zu. Dann wurde die Tür aufgerissen.

Roberto spähte durch den Türspalt.

Ein Mann betrat das Wohnzimmer.

Roberto glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Er kannte den Mann.

Es war Lucky Cuccimo.

Robertos Mund wurde pulvertrocken.

Er hatte dem Colonel gegenüber bestritten, an Halluzinationen zu leiden, aber das, was er sah, erlaubte ziemliche Zweifel an seiner Behauptung.

Lucky Cuccimo konnte die Explosion unmöglich überlebt haben. Wenn er sich jetzt leibhaftig vor Robertos Blicken bewegte, gab es dafür nur eine Erklärung.

Als Roberto unweit des de Ville geparkt hatte, war nicht Cuccimo, sondern ein anderer Mann im Wagen gewesen.

Wer war dieser andere?

Und was wollte Cuccimo in der Wohnung von Roland Sheridans Freund Lombardi?

Lucky Cuccimo trug eine Sonnenbrille. Er setzte sie ab. Roberto kickte die Tür auf und jumpte über die Schwelle. Cuccimos Kopf flog herum. Sein Mund öffnete sich und entblößte zwei Reihen perfekter neuer Zähne.

„Wenn das keine Überraschung ist", sagte er.

„Schade, dass es nicht Mitternacht ist, meinte Roberto. „Sie hätten dann eine gute Chance gehabt, von mir als Gespenst betrachtet zu werden.

„Roberto Tardelli, sagte Cuccimo. „Es freut mich, mit einem so prominenten Kollegen sprechen zu können.

Cuccimo legte die Sonnenbrille zusammen und steckte sie in seine Brusttasche. Der dunkelblaue Blazer war aus dünnem Tuch gefertigt und sah ebenso korrekt aus wie die helle, scharf gebügelte Hose und die sorgfältig geknotete Krawatte. Luciano Cuccimo ließ sich in einen Sessel fallen.

„Sie haben den Umgang mit Zweitschlüsseln und Dietrichen scheinbar nicht verlernt", stellte Roberto fest.

Cuccimo grinste. „Dazu besteht kein Anlass, sagte er. „Müssen Sie mir unbedingt mit der Kanone vor dem Gesicht herumfuchteln? Imponiergehabe ist mir zuwider, Tardelli. Es passt nicht zu Ihnen. Ein Mann Ihres Formates sollte darauf verzichten.

„Was treiben Sie in Indianapolis?"

Cuccimo lehnte sich scheinbar entspannt zurück. Er legte ein Bein über das andere und strich dabei sorgfältig die Bügelfalten der Gabardinehose glatt.

„Dasselbe wie Sie, nehme ich an, erwiderte er. „Ich jage Gangster.

„Eine ergreifende Geschichte, höhnte Roberto. „Sie hat bloß einen Nachteil. Es bleibt eine Geschichte. Mich interessieren nur Fakten.

„Sind Sie nicht überrascht, dass ich mich auf freiem Fuße befinde?"

„Ich war es", gab Roberto zu.

„Einem Mann meines Kalibers gibt man keine Chance, aus dem Gefängnis zu entkommen, meinte Cuccimo. „Oh nein, einer wie ich muss schon andere Wege finden, um in die Freiheit zu gelangen.

„Sie machen mich neugierig", sagte Roberto, der nicht aufhörte, seinem Gegenüber die Revolvermündung zu präsentieren.

„Ich arbeite mit dem FBI zusammen", grinste Cuccimo.

„Was Sie nicht sagen."

„Sie glauben mir nicht?, fragte Cuccimo. „Denken Sie doch einmal an Ihr eigenes Schicksal. Als Sie noch von der Polizei gejagt wurden, bot Ihnen auch jemand die Möglichkeit, sich zu rehabilitieren. Mit mir verhält es sich ähnlich. Ich muss ins Gefängnis zurück, sobald ich meine Aufgabe gelöst habe. Sie werden verstehen, dass ich nicht befugt bin, Ihnen nähere Einzelheiten zu geben. Mein Auftrag ist Top Secret.

Roberto stülpte die Unterlippe nach, vorn.

Er bezweifelte, dass Cuccimo die Wahrheit sagte. Obwohl FBI und Justizministerium immer häufiger gezwungen wurden, mit Doppelagenten zu arbeiten und den Gegner mit Männern aus dessen Lager zu unterwandern, erschien es unvorstellbar, dass sich das FBI dabei eines Burschen bediente, dem zwei Morde nachgewiesen worden waren und von dem man vermutete, dass sechs weitere auf sein Konto gingen.

„Wer ist heute mit Ihrem Wagen in die Luft geflogen?", fragte Roberto.

„Das kann ich nur vermuten, sagte Cuccimo. „Es ist der Kerl, der versucht hat, die Sprengladung mit der Zündung zu verbinden. Eine tödliche Panne hat ihn ins Jenseits geblasen.

„Wenn das zutrifft, wüsste ich gern, wer Ihnen auf den Fersen ist."

„Ich habe ein paar Vermutungen, aber noch keine konkreten Hinweise", sagte Cuccimo.

„Kennen Sie einen Mann namens Guilio Gambini?", erkundigte sich Roberto.

„Nein."

„Er war heute bei mir. Er hielt mich für Sherryboy", sagte Roberto.

„Was denn für Ronald Sheridan?, fragte Cuccimo und sah verdutzt aus. „Das ist absurd. Aber auch sehr merkwürdig. Ich muss dahinterkommen, was es damit für eine Bewandtnis hat.

„Was wollen Sie von Lombardi?"

„Nun, er ist, wie Ihnen bekannt sein dürfte, mit dem wirklichen Ronald Sheridan befreundet. Ich möchte von Lombardi erfahren, wo Sheridan sich aufhält. Er soll in der Stadt sein, zusammen mit seiner hochattraktiven Puppe Sheila Baxter."

„Sie wollen sich an Sheridan rächen?"

„Ja und nein. Sheridan ist einer der Männer, dem ich das 'Lebenslänglich' verdanke, sagte Cuccimo. „Aber das FBI hätte mich nicht auf ihn losgelassen, um mich mein Mütchen kühlen zu lassen. Nein, Sheridan ist inzwischen das geworden, was ich einmal war - ein skrupelloser Killer. Er arbeitet für eine Gruppe, die dem Mozetti-Mob, meinem ehemaligen Arbeitgeber, bereits großen Schaden zugefügt hat. Das FBI ist nun keineswegs daran interessiert, Mozetti Schutz zu gewähren - aber es will verhindern, dass es zu einem Shootout im Stil der zwanziger Jahre kommt. Gangsterkriege mögen dem Bürger das Gefühl geben, dass sich da nur ein paar Ratten gegenseitig umbringen. Für das Image von Polizei und Staat dagegen sind derlei Auseinandersetzungen tödlich. Sie geben der Öffentlichkeit das Gefühl, dass die Unterwelt nach Gutdünken um sich schlagen und den Behörden auf der Nase herumtanzen kann. Wie gesagt: Ich habe die Aufgabe, dies auf meine Weise zu verhindern.

„Stehen Sie auf!", forderte Roberto scharf.

Cuccimo runzelte die Augenbrauen. Er schien einen Protest äußern zu wollen, aber dann gehorchte er. „Sie kennen die Prozedur, sagte Roberto. „Stellen Sie sich mit dem Gesicht zur Wand und legen Sie die Hände auf die Tapete.

Cuccimo befolgte die Aufforderung. Roberto trat von hinten an ihn heran und tastete ihn ab.

Cuccimo trug erstaunlicherweise nur ein bescheidenes Klappmesser bei sich. Es steckte in seiner Gesäßtasche. Roberto nahm es an sich.

„Okay?", fragte Cuccimo.

„Okay", sagte Roberto und trat einen Schritt zurück.

Das Nachlassen seiner Spannung rächte sich. Cuccimo zuckte wie eine losschnellende Stahlfeder herum. Er setzte alles auf eine Karte, als er seine Handkante hochfliegen ließ. Ihre durchtrainierte Härte traf Robertos Gelenk mit der Wucht einer Eisenstange. Der Revolver flog ihm aus den Fingern und landete krachend auf dem Boden. Noch ehe Roberto die Schrecksekunde überwunden hatte, demonstrierte Cuccimo erneut sein Reaktionsvermögen.

Der Karateschlag traf voll.

Roberto ging zu Boden. Er war benommen. Er versuchte, sich hochzustemmen, aber in seiner Nervenzentrale war einiges in Unordnung geraten. Die Befehle, die er seinem Körper erteilte, versickerten wie Wasser im Sand.

Cuccimo hob den Revolver auf. Er ließ die Magazintrommel rotieren. „Eine wundervolle Waffe, höhnte er. „Exzellent gepflegt. Daran erkennt man den Profi. Er lachte kurz. „Aber zum Vollprofi ist für dich noch ein weiter Weg. Das erkennst du an der Tatsache, dass du jetzt auf der Schnauze liegst. Du musst noch viel lernen, Schnüffler."

Roberto wälzte sich auf den Rücken. Der Druck in seinem Magen war dumpf und quälend. Roberto hasste nichts so sehr wie selbstverschuldeten Misserfolg.

Roberto richtete den Oberkörper auf und schüttelte den Kopf. Er hatte es in der Hand gehabt, Lucky Cuccimo erneut zur Strecke zu bringen und musste sich vorwerfen, den Gegner unterschätzt zu haben.

Pannen gab es immer wieder, zugegeben. Aber eine von dieser Art konnte tödlich enden. Und sie würde tödlich enden, wenn Lucky Cuccimos Story nicht den Tatsachen entsprach.

„Davon habe ich oft genug geträumt, sagte Cuccimo und richtete die Waffe auf Robertos Kopf. „Mafia-Jäger Tardelli vor mir auf dem Boden! Wie ist das, wenn sich die Sekunden zu Ewigkeiten dehnen und wenn man darauf wartet, dass mit dem großen Knall das große Nichts beginnt? Hast du Angst vor dem Tod, Schnüffler?

Robertos Augen brannten. Der Magendruck verwandelte sich in akute Übelkeit. Roberto war bemüht, sich nichts davon anmerken zu lassen. Er hatte zu oft dem Tod ins Auge geblickt, als dass er willens oder imstande gewesen wäre, in einer solchen Situation das Handtuch zu werfen. Vermutlich gab es im Leben eines jeden Menschen nur eine einzige, wahre Mutprobe. Das war sein Verhalten in der Stunde der Wahrheit, kurz vor dem Ende.

Roberto quälte sich auf die Beine. Ihm war zumute, als hätte er seine Muskeln gegen Pudding ausgetauscht. Er ließ sich in einen Sessel fallen, streckte die Beine weit von sich und lehnte den Kopf gegen die Rückenlehne.

Lucky Cuccimo hielt alle Trümpfe in der Hand. Er konnte sie nach Belieben ausspielen.

„Was treibst du in Indianapolis?", erkundigte sich der Gangster. Er hielt den Revolver auf Roberto gerichtet. Der Finger hatte den Druckpunkt erreicht.

„Ich lerne", sagte Roberto.

Cuccimo hob die Waffe um einige Millimeter, er zielte und schoss.

Im Zimmer klirrte Porzellan. Die Fensterscheiben bebten. Das Projektil knallte hinter Roberto in die Wand. Roberto schien es so, als habe ihn die glühende Peitschenspitze des Teufels nur knapp verfehlt.

„Noch so eine saudumme Antwort, und du hast ausgelernt", drohte Cuccimo.

„Ich lerne wirklich, sagte Roberto. „Ich bin als Schüler im Indiana Management Institute eingetragen.

„Wofür?"

„Die Eckladen-Kriminalität hat ausgespielt, sagte Roberto wahrheitsgemäß. „Wer heute die Mafia bekämpfen will, muss Jurist, Börsenmanager und Kaufmann in einem sein. Er muss jeden kommerziellen Trick beherrschen, um es mit der Beweglichkeit seiner Topgegner aufnehmen zu können.

„Klingt vernünftig", nickte Cuccimo.

Er tat plötzlich etwas Überraschendes. Er holte die Patronen aus dem Revolver und steckte sie ein.

Dann warf er Roberto die Waffe zu.

„Ich musste dich unter Druck setzen, erklärte Cuccimo wie entschuldigend. „Verdammt, ich war es mir einfach schuldig, dich schwitzen zu lassen. Aber jetzt kehre ich zurück zu meiner Aufgabe. Ich hoffe und erwarte, dass du kein zweites Mal verrückt spielst, wenn ich dir über den Weg laufen sollte. Schließlich sind wir jetzt Kollegen. Wir sitzen in einem Boot.

5

Lucky Cuccimo ging.

Die Wohnungstür fiel dumpf hinter ihm ins Schloss.

Roberto blieb im Sessel sitzen. Er schob den Revolver ins Schulterholster und wartete darauf, dass sich die Schwäche in seinen Gliedern legte.

In einem Boot mit Cuccimo?

Das war nicht das, wofür er kämpfte. Die Justiz war legitimiert, sich jeder Informationsquelle zu bedienen, die sich ihr bot, aber es widersprach jedem Rechtsempfinden, wenn sie sich dabei eines Mannes bediente, der des zweifachen Mordes überführt worden war.

Aber alles sprach dafür, dass Cuccimo nicht log.

Wäre er nur ein Mann gewesen, der es mit einem raffinierten Trick geschafft hatte, aus dem Gefängnis zu entkommen, hätte er ihn, Roberto Tardelli, mit Sicherheit getötet. Es war für Cuccimo eine nicht wiederkehrende Chance gewesen, mit dem Mann abzurechnen, dessen Aktionen ihn vor den Kadi gebracht hatten.

Wenn Ronald Sheridan tatsächlich ein Gangster geworden war und den Mozetti-Mob bekämpfte, gab es immerhin einen Anhaltspunkt dafür, warum man auf ihn geschossen hatte.

Roberto spürte, wie seine Kräfte sich stabilisierten. Er erhob sich und machte ein paar Freiübungen. Sie fielen nicht gerade überwältigend aus, aber sie signalisierten ihm die Rückkehr seiner Spannkraft.

Im Schloss der Wohnungstür drehte sich ein Schlüssel. Die Tür wurde geöffnet. Schritte näherten sich dem Wohnzimmer. Der Mann stoppte abrupt, als er Roberto sah.

„Was treiben Sie denn hier?", stieß er hervor.

Der Mann war schätzungsweise vierzig. Er war hochgewachsen und trug zu Bluejeans ein beigefarbiges Polohemd. Roberto fand, dass der Mann mit seinem schütteren, glatt zurückgekämmten Haar eine leichte Ähnlichkeit mit Ex-Präsident Ford hatte.

„Ich bin Vincento Sheridan, stellte Roberto sich vor. „Können Sie mit dem Namen etwas beginnen?

„Ich bin mit einem Ronald Sheridan befreundet, sagte der Mann. „Mein Name ist Jack Lombardi. Ich wohne hier. Ehe wir weiterreden, wüsste ich gern, wie Sie in meine Wohnung gelangt sind.

Er ballte dabei die Hände. Seine Augen waren schmal geworden. Sie machten klar, dass er die Antwort rasch und präzise zu haben wünschte. Anderenfalls schien er entschlossen zu sein, die Antwort in Westernmanier aus dem Besucher herauszuprügeln.

Roberto lächelte dünn. „Ich bin durch einen glücklichen Zufall in die Wohnung gekommen, erklärte er. „Ihre Nachbarin hielt mich für den Fernsehtechniker. Ich habe sie in dem Glauben belassen.

„Was bedeutet das Ganze? Ich begreife nur, dass Sie sich widerrechtlichen Einlass verschafft haben. Ich bin nicht geneigt, das hinzunehmen. Ich werde die Polizei verständigen und Sie verhaften lassen!"

Er trat ans Telefon und griff nach dem Hörer.

„Wollen Sie mich nicht erst mal anhören?", fragte Roberto höflich.

Lombardis Augen verloren nichts von ihrer Feindseligkeit. Roberto konnte sie dem Mann nicht verübeln. „Fassen Sie sich kurz", sagte Lombardi und behielt den Hörer in der Hand.

„Ich wohne unter meinem Namen Vincento Sheridan im 'Blue Skies', erklärte Roberto. „Als ich heute Mittag nach Hause kam, befand sich ein Fremder in meiner Wohnung. Ich erlebte also die gleiche Situation, in der Sie sich jetzt befinden. Mit einem kleinen Unterschied. Der Eindringling bedrohte mich mit einer Kanone. Er hielt mich für Ihren Freund Ronald Sheridan. Wahrscheinlich hätte der Bursche mich mit Blei garniert, wenn es nicht jemand für richtig befunden hätte, den Mann mit einem Schuss durchs Fenster aus dem Verkehr zu ziehen. Sie werden verstehen, dass ich keine Lust habe, wegen einer Namensverwechslung ins Gras zu beißen. Ich möchte eine Wiederholung der Ereignisse vermeiden und versuche herauszufinden, was es mit Ronald Sheridan für eine Bewandtnis hat. Wie ich hörte, sind Sie mit ihm befreundet. Deshalb bin ich hier. Ich wüsste gern, wie und wo ich Ronald Sheridan finde.

Lombardi warf den Hörer auf die Gabel. „Warum fragen Sie mich? Ich habe seit mehr als einem Jahr nichts mehr von Sherryboy gehört. Dabei ist mir erst vorgestern seine Puppe über den Weg gelaufen."

„Sheila Baxter?"

„Baxter, richtig! Ich glaubte, sie hat Baker geheißen. Ist ja egal! Jedenfalls erkannte ich sie sofort wieder. Auf Anhieb, trotz ihres rot gefärbten Haares. Ich ging auf sie zu, ich berührte ihren Ärmel, ich zupfte daran. Ich sagte: 'Hallo, Sheila!', und dann fragte ich sie, ob auch Sherryboy in der Stadt sei. Sie musterte mich eisig. Sie blickte mich an, als hätte ich ihr einen schmutzigen Antrag gemacht. 'Sie verwechseln mich', sagte sie. 'Ich kenne Sie nicht. Mit diesen Worten ging sie weiter, hoch erhobenen Hauptes. Verdammt, ich habe mindestens ein Dutzend Male mit Sherryboy und seiner Puppe auf den Putz gehauen, deshalb weiß ich genau, dass es Sheila war, die mir gegenübergestanden hatte.

„Was geschah danach?"

„Ich folgte ihr. Ich wollte Gewissheit haben. Ich sah, wie sie im 'Wimbledon' verschwand - das ist ein Hotel in der Flackville Road, unweit vom Woodstock-Friedhof. Ich wartete ein bisschen, dann ging ich hinein und schob dem Portier ein paar Bucks über den Tresen. Er sagte mir, wer die Puppe war - oder wie sie sich nennt, um genau zu sein. Sheila Baxter ist in dem Hotel als Maureen Craft abgestiegen."

„Und Sherryboy?"

„Ich habe keine Ahnung, wo er sich aufhält. Anfangs hatte ich vor, nochmals mit Sheila zu reden, aber dann gab ich es auf. Wenn sie es wünscht, ein neues Leben zu führen, muss ich das respektieren. Natürlich finde ich es unfair von ihr und Sherryboy, mich zu schneiden. Aber ich verstehe, warum sie das tun. Sie fühlen sich verfolgt. Der Mozetti-Mob ist hinter ihnen her und hechelt nach ihrem Skalp. Er machte einen Schritt auf Roberto zu und forderte: „Zeigen Sie mir mal Ihren Ausweis.

Roberto befolgte die Aufforderung. Jack Lombardi beruhigte sich, als er feststellte, dass der Name, den Roberto ihm genannt hatte, sich mit dem deckte, der in den Ausweispapieren stand.

„Sie haben mir sehr geholfen", sagte Roberto.

Er wandte sich zum Gehen.

Ein kühler Luftzug in seinem Nacken ließ ihn auf den Absätzen herumschnellen.

Die Reaktion kam um keine Sekunde zu früh. Lombardis geballte Rechte sauste auf ihn zu. Roberto riss den Kopf zur Seite. Die Knöchel der gegnerischen Faust schrammten hart über seine Backen.

Roberto tänzelte auf Distanz. Er hatte noch nicht die altgewohnte Wendigkeit erreicht, war aber schnell und schlagstark genug, um kontern zu können. Sein linker Schwinger traf Lombardis Kinn.

Lombardi stolperte zurück, griff aber sofort wieder an. Seine wütende Hast kam dem nüchtern taktierenden Roberto entgegen. Er ließ Lombardi leerlaufen und nutzte jede Lücke, die sich ihm bot.

Lombardi konnte eine Menge vertragen, aber als Robertos Rechte exakt den Punkt traf, faltete er sich mit einem sanften Wehlaut auf dem Boden zusammen. Roberto klopfte den Gegner nach Waffen ab. Lombardi hatte keine bei sich.

Roberto wartete. Lombardi brauchte eine volle Minute, um zu sich zu kommen, und eine weitere Minute, um sich zu erheben. Er torkelte zu einem roten Plüschsessel und ließ sich hineinfallen. Sein Atem kam laut und keuchend. Ein rasselnder Unterton ließ vermuten, dass seine Bronchien defekt waren.

„Ich kann es nicht leiden, wenn ich grundlos von hinten attackiert werde", sagte Roberto.

Lombardi schluckte. Seine Augen funkelten. „Verdammt, mir ist zu spät eingefallen, wer Sie sind, sagte er und erklärte damit seinen so überraschend erfolgten Angriff. „Sie sind einer von Mozettis Leuten! Sie haben den Auftrag, durch mich herauszubekommen, wo Sherryboy steckt. Ich könnte mir die Zunge abbeißen! Ich hätte Ihnen nicht sagen dürfen, dass Sheila in der Stadt ist und im 'Wimbledon' wohnt.

„Ich kann Sie beruhigen, sagte Roberto. „Ich gehöre nicht zum Mozetti-Mob.

„Können Sie das schwören?"

„Das kann ich, aber Sie verlangen hoffentlich nicht von mir, dass ich dabei meine Hand auf eine Bibel lege", sagte Roberto.

Lombardi schüttelte den Kopf.

„Sie wissen, wie und wo Sie mich erreichen können, sagte Roberto. „Rufen Sie mich an, wenn Sherryboy sich meldet oder wenn Sie erfahren, wo er sich aufhält.

Roberto verließ die Wohnung.

Er fuhr mit dem Leihwagen geradewegs zum 'Wimbledon'. Das Stadthotel war nicht übermäßig groß. Es hatte fünf Etagen und klebte zwischen zwei wesentlich höheren Office Buildings. In der Lounge war kein Betrieb. Zwei alte Herren saßen in tiefen Sesseln und blätterten in druckfrischen Abendausgaben. Roberto bekam im Vorbeigehen die Schlagzeilen mit. Sie bezogen sich auf das traurige Ende des dunkelblauen Cadillac de Ville und des Mannes, der darin gesessen hatte. VICTIM NOT YET IDENTIFIED. Das Opfer war noch nicht identifiziert worden. Roberto trat an die Rezeption. Der Alte, der dahinter saß und mit einer Kartei beschäftigt war, blickte hoch. Roberto zupfte eine Zehndollarnote aus seiner Brieftasche und zauberte damit ein devotes, erwartungsfrohes Lächeln auf das Gesicht des Portiers. Obwohl er kein Jackett trug, sah er mit seinem blütenweißen Oberhemd und der schwarzen Schleife sehr korrekt und ordentlich aus.

„Noch mal dasselbe, wenn Sie mir ein paar Auskünfte geben", sagte Roberto und sprach dabei so leise, dass die alten Herren ihn nicht hören konnten.

„Worum geht es, Sir?"

„Um Maureen Craft, sagte Roberto. „Sie wohnt doch bei Ihnen?

„Ja, Sir."

„Was ist mit ihrem Freund?"

„Sie hat keinen, Sir. Jedenfalls erinnere ich mich nicht, dass sie jemals Herrenbesuch empfangen hat."

„Wie lange wohnt sie schon hier?"

„Vierzehn Tage, Sir."

„Was tut sie so den lieben langen Tag?"

Der Portier räusperte sich. Roberto blickte über seine Schulter. Ein knapp Fünfzigjähriger in grauem Flanell trat an den Tresen und streckte schweigend die Hand aus. Der Portier überließ ihm zwei Briefe. „Das ist alles, Sir", sagte er.

Der Mann entfernte sich.

„Sind Sie ’n Journalist?", fragte der Portier.

Roberto machte die zweite Banknote locker. „So was Ähnliches", erwiderte er.

„Miss Craft verlässt das Hotel selten vor zehn Uhr morgens, erklärte der Portier. „Sie ist immer prima in Schale. Sie hat das gewisse Etwas. Man merkt, dass sie aus New York stammt. Er machte eine unbestimmte Handbewegung. „Der Flair einer Weltstadt - das kann man hier bloß kopieren. Miss Craft hat's - aber das wissen Sie ja selbst, fügte er wie entschuldigend hinzu. „Ich habe keine Ahnung, wann sie abends oder nachts zurückkehrt. Mein Dienst endet um sieben Uhr abends, Sir.

„Empfängt sie Post?", fragte Roberto.

„Dies ist der erste und einzige Brief, der bislang für sie eingegangen ist", sagte der Portier und griff hinter sich in das Postfach. Es trug die gleiche Nummer wie Sheila Baxters Zimmer: 245.

„Darf ich mal einen Blick auf den Absender werfen?", fragte Roberto.

„Er hat keinen", erwiderte der Portier. Er hatte den Brief nicht herumgedreht und bewies mit seinen Worten, dass er längst die eigene Neugierde gestillt hatte.

„Eine Frauenhandschrift", meinte Roberto.

„Sieht so aus", meinte der Portier und legte den Brief in das Fach zurück.

„Ich danke Ihnen für Ihre Auskünfte", sagte Roberto und wandte sich zum Gehen.

Er fuhr zum 'Blue Skies'.

„Hallo, Sir, winkte ihm die Blonde aus der Glasbox zu. „Seien Sie nicht überrascht, wenn Sie die Handwerker in Ihrer Suite antreffen. Die Glaser setzen eine neue Scheibe ein.

Als Roberto die dritte Etage erreichte, verließen zwei Männer mit Werkzeugkästen sein Apartment. Sie trugen blaue Overalls.

Roberto betrat seine Suite. Im Wohnzimmer roch es nach Glaserkitt. Die Scheibe war ausgewechselt worden. Auf dem Teppichboden lagen noch ein paar Reste und Abfälle herum. Die kaputte Scheibe lehnte in der Ecke.

Roberto hatte ein ungutes Gefühl im Magen und war bestrebt, ihm auf den Grund zu gehen. Er blickte sich prüfend im Zimmer um, dann öffnete er die Tür zum Nebenraum. Obwohl die Männer hier nichts zu tun gehabt hatten, hing der gleiche, fremdartige Geruch in der Luft.

Roberto blickte unter das Bett. Dort entdeckte er ein Paket von der Größe eines doppelten Taschenbuches. Roberto fischte es behutsam hervor.

Das Paket war etwa ein Pfund schwer. Es entpuppte sich als mausgrauer Plastikbehälter, in dessen oberen Ende ein Einstellrad mit roten Ziffern befestigt war. Der Zeiger des Rändelringes wies auf die Siebzehn.

Roberto richtete sich auf. Er wusste, was er in der Hand hielt.

Das Paket war eine Bombe. Das Einstellrad bestimmte die Frequenz, mit der sich der Funkzünder fern auslösen ließ.

Roberto bekam feuchte Hände. Er trug die Bombe ins Wohnzimmer und schaffte es mit wenigen Handgriffen, den Zünder von der Sprengladung zu trennen. Dann hastete er zur Tür und rannte aus der Wohnung.

Der Lift brachte ihn in die Halle.

Die Blonde hatte ihren Tagesdienst quittiert und einem älteren, männlichen Kollegen übergeben. Der war gerade damit beschäftigt, den Inhalt seiner Imbissbox zu überprüfen. Roberto rannte zur Straße. Dort blieb er stehen.

Er sah sich um.

Die beiden Handwerker waren verschwunden.

6

Roberto kehrte zurück in seine Suite und griff nach dem Telefonhörer. Binnen weniger Sekunden hatte er Colonel Myer an der Strippe. Noch ehe Roberto loslegen und seine Probleme an den Mann bringen konnte, sagte Myer: „Ich habe im Laufe des Spätnachmittags zweimal versucht, Sie zu erreichen."

„Ich bin wahrhaft untröstlich, dass ich mich nicht melden konnte, meinte Roberto grimmig. „Um ein Haar wäre es mir für immer unmöglich gewesen, einen Anruf zu beantworten. Man ist nämlich bestrebt, mich in die Luft zu blasen.

„Cuccimo?, fragte der Colonel. „Nein. Der hätte mich abservieren können - aber er hat darauf verzichtet, erwiderte Tardelli und berichtete, was ihm widerfahren war.

„Ich lasse neue Papiere für Sie anfertigen, entschied der Colonel. „Der Name Vincento Sheridan erweist sich immer mehr als gefährlicher Fehlgriff. Sie müssen Quartier und Identität wechseln.

„Wissen Sie, was ich glaube?"

„Sie werden es mir sagen", meinte Myer.

„Sie haben den Namen Sheridan mit Vorbedacht für mich ausgesucht, sagte Roberto. „Ihnen war durchaus klar, welche Schwierigkeiten sich damit verbinden würden. Sie haben diese Schwierigkeiten gewollt und gefördert. Ich diene Ihnen als Köder.

„Als Köder wofür?"

„Möglicherweise wissen Sie längst, dass Luciano Cuccimo im Auftrag des FBI auf freiem Fuß ist. Sie dürfen bloß nicht darüber sprechen."

„Moment mal, meinte Myer irritiert. „Das ist nicht Ihr Ernst. Wovon reden Sie überhaupt?

„Von Lucky Cuccimo, meinem tüchtigen Kollegen, dem wackeren Streiter gegen das organisierte und etablierte Verbrechen, erwiderte Roberto bitter. „Lässt Cuccimo Ihnen Durchschläge seiner Erfolgsmeldungen zukommen? War er es, der auf Gambini geschossen hat?

„Sie machen Witze. Das FBI würde nicht mal im Traum daran denken, mit einem Killer wie Luciano Cuccimo zusammenzuarbeiten", sagte der Colonel.

„Wissen Sie denn, was Cuccimo möglicherweise dem Chef irgendeines Field Offices angeboten und versprochen hat?, fragte Roberto. „Vielleicht ist jemand Cuccimo auf den Leim gegangen. Während das FBI glaubt und hofft, eine besondere Trumpfkarte gezinkt zu haben, macht Cuccimo sein Spiel. Er führt die Burschen vom FBI an der Nase herum und kocht sein eigenes Süppchen.

„Hypothesen sind eine feine und zuweilen unumgängliche Sache, meinte der Colonel, „aber man sollte sie nur dann aufstellen, wenn keine Gefahr besteht, dass man sich durch sie lächerlich macht. Cuccimo hat Ihnen einen Bären aufgebunden.

„Er hätte mich töten können, sagte Roberto. „Warum hat er es nicht getan?

„Cuccimo ist offenbar daran gelegen, Sie an seine FBI-Story glauben zu lassen. Es ist ein Bluff, nichts weiter."

„Mehr haben Sie mir nicht zu sagen?"

„Doch. Ich habe Nachforschungen anstellen lassen. Wie Sie wissen, gibt es außer Ronald Sheridan noch zwei weitere Zeugen, denen Cuccimos Rachsucht gelten muss. Es sind Hank Lathien und Norbert Bratton. Beide sind seit einer Woche verschwunden. Da Lathien und Bratton unverheiratet waren, gibt es niemand, der uns sagen könnte, ob ihr Verschwinden mit Cuccimos Ausbruch zusammenhängt oder andere Gründe hat."

„Weiß man schon, wer in dem blauen Cadillac vom Leben zum Tode befördert wurde?", wollte Roberto wissen.

„Von dem Mann ist praktisch nichts übriggeblieben. Es wird schwer, wenn nicht gar unmöglich sein, seine Identität festzustellen."

„Sie haben ja mich, meinte Roberto. „Roberto Tardelli wird das Ding schon deichseln.

Er legte auf.

Eine halbe Stunde später verzehrte er in einem italienischen Restaurant Spaghetti

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