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RAYMOND CHANDLERS PHILIP MARLOWE: PHILIP-MARLOWE-Storys von den besten Krimi-Autoren der Welt - Herausgegeben von Christian Dörge

RAYMOND CHANDLERS PHILIP MARLOWE: PHILIP-MARLOWE-Storys von den besten Krimi-Autoren der Welt - Herausgegeben von Christian Dörge

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RAYMOND CHANDLERS PHILIP MARLOWE: PHILIP-MARLOWE-Storys von den besten Krimi-Autoren der Welt - Herausgegeben von Christian Dörge

Länge:
621 Seiten
8 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 27, 2018
ISBN:
9783743873230
Format:
Buch

Beschreibung

Raymond Chandler hat ihn erfunden, Humphrey Bogart hat ihn unnachahmlich gespielt: Privatdetektiv Philip Marlowe. Nun wird die Kultfigur der Krimi-Literatur in dieser einzigartigen, von Christian Dörge zusammengestellten und herausgegebenen Anthologie zu neuem Leben erweckt in 23 Kriminal-Geschichten mit Philip Marlowe, geschrieben von den besten Spannungsautoren der Welt: Max Allan Collins, Benjamin M. Schutz, Loren D. Estleman, Joyce Harrington, Jonathan Valin, Dick Lochte, W. R. Philbrick, Sara Paretsky, Julie Smith, Paco Ignacio Taibo II., Francis M. Nevins jr., Roger L. Simon, John Lutz, Simon Brett, Robert J. Randisi, Stuart M. Kaminsky, Robert Crais, Edward D. Hoch, Jeremiah Healy, Ed Gorman, James Grady, Eric Van Lustbader und Robert Campbell.

Ergänzt wird diese Anthologie durch ein Nachwort von Frank McShane.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 27, 2018
ISBN:
9783743873230
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

RAYMOND CHANDLERS PHILIP MARLOWE - Christian Dörge

Chandler

Das Buch

Raymond Chandler hat ihn erfunden, Humphrey Bogart hat ihn unnachahmlich gespielt: Privatdetektiv Philip Marlowe. Nun wird die Kultfigur der Krimi-Literatur in dieser einzigartigen, von Christian Dörge zusammengestellten und herausgegebenen Anthologie zu neuem Leben erweckt in 23 Kriminal-Geschichten mit Philip Marlowe, geschrieben von den besten Spannungsautoren der Welt: Max Allan Collins, Benjamin M. Schutz, Loren D. Estleman, Joyce Harrington, Jonathan Valin, Dick Lochte, W. R. Philbrick, Sara Paretsky, Julie Smith, Paco Ignacio Taibo II., Francis M. Nevins jr., Roger L. Simon, John Lutz, Simon Brett, Robert J. Randisi, Stuart M. Kaminsky, Robert Crais, Edward D. Hoch, Jeremiah Healy, Ed Gorman, James Grady, Eric Van Lustbader und Robert Campbell.

Ergänzt wird diese Anthologie durch ein Nachwort von Frank McShane.

Max Allan Collins: DAS PERFEKTE VERBRECHEN

  (The Perfect Crime)

Sie war der erste Filmstar, für den ich je arbeitete, doch ich war nicht sonderlich beeindruckt. Würde ich so leicht zu beeindrucken sein, wäre ich von Hollywood selbst hingerissen gewesen. Da ich jedoch wusste, wie Hollywood meinen Berufsstand auf der Leinwand darstellte, beeindruckte mich auch Hollywood nicht sonderlich.

Andererseits war Dolores Dodd die schönste Frau, die je meine Dienste in Anspruch nehmen wollte, und das beeindruckte mich nun doch. Genug zumindest, dass ich mich - als sie mich in jenem Oktober anrief und bat, zu ihrem Sidewalk Café hinaus zu fahren, das sich unterhalb der Klippen von Montemar Vista ans Steilufer schmiegte - sogleich auf die Socken machte und mich fragte, ob sie in Fleisch und Blut genau so schön sein würde wie auf Zelluloid.

Noch am selben Morgen war ich auf dem Pacific Coast Highway nach Norden gefahren. Es war ein klarer, kühler Morgen mit einem blauen Himmel, der sich hoch über dem weiten, glitzernden Meer wölbte. Pelikane spielten Fangen mit der hereinrollenden Brandung und segelten dicht unter der Gischt der weißlippigen Wellen. Jachten dümpelten dort draußen zwischen dem Horizont und mir, klein wie Spielzeugboote. Es schien mir, als könnte ich danach greifen, mir eine davon aus dem Wasser zu pflücken und sie begutachten, daran schnuppern vielleicht, wie King Kong an Fay Wrays Unterwäsche.

Dolores Dodds Sidewalk Café, schon von weitem durch eine riesige Reklamewand in der Steilwand oberhalb des Anwesens angekündigt, war ein mächtiger, einstöckiger Kasten im Hazienda-Stil, so groß wie ein gestrandeter Luxusdampfer. Über dem mittleren und größten der zahlreichen Bogengänge ragte wie ein gedrungener Leuchtturm ein zweites Stockwerk empor. Auf dem Parkplatz standen nur wenige Wagen - es war erst kurz vor zehn und noch zu früh für die Mittagsgäste, und nicht einmal Marlowe trank so früh am Tage Cocktails. Und wenn, dann würde er es nicht an die große Glocke hängen.

Sie erwartete mich in der sonst leeren Cocktaillounge, wo massive, dunkelgebeizte Deckenbalken in spanischen Stil im Kampf mit dem Leder und Chrom des Mobiliars und der chrom- und glasblitzenden Bar aus Ziegelsteinen lagen. Es sah nach einem Remis aus. Sie war eine großgewachsene Blondine mit mehr Kurven als der Küstenhighway draußen vor der Tür und genau der richtigen Zahl von Hügeln und Tälern. Sie trug ein hautenges weißes Sommerkleid und saß, die nackten Beine übereinander geschlagen, auf einem der Barhocker. Es waren nicht unbedingt die schönsten Beine auf diesem Planeten; das Gegenteil zu beweisen, wäre mir allerdings schwergefallen. Ein so guter Detektiv bin ich auch wieder nicht.

»Philip Marlowe?«, fragte sie, und ihr Lächeln zauberte zwei süße Grübchen auf ihre Wangen, die ihr herzförmiges Gesicht und die ganze Welt zum Strahlen brachten - und mich dazu. Sie blieb auf dem Hocker sitzen und streckte mir mit einer Geste die Hand entgegen, die leger und hoheitsvoll zugleich wirkte.

Ich nahm die Hand, unschlüssig, ob ich sie küssen, schütteln oder sie zwischen die Seiten eines Buchs pressen sollte wie eine Blüte fürs Poesiealbum. Ich betrachtete sie ein wenig verlegen. Sie war so schön, dass man nicht wusste, wo man zuerst hinsehen sollte, und man sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass vielleicht irgendetwas falsch daran war.

Sie hatte bleiche, cremefarbene Haut, und ihr Haar war fast weißblond. Sie nannten sie die Eiscreme-Blonde in den Zeitungen. Ich verstand, weshalb.

Dann wanderte mein Blick zu ihren Augen. Sie waren blau, natürlich, kornblumenblau und sehr groß, mit unglaublich langen Wimpern. Eine echte Klassefrau, die nichts von dieser geborgten, billigen Schönheit aus dem Kosmetikstudio an sich hatte. Aber sie hatte die traurigsten Augen, in die ich je gesehen hatte. Das Lächeln gefror auf meinem Gesicht, als hätte ich in das Antlitz einer Medusa gesehen und nicht in das einer neunundzwanzigjährigen ehemaligen Volksschullehrerin aus Massachusetts, die einen Talentwettbewerb gewonnen hatte.

»Ist was nicht in Ordnung?«, fragte sie. Dann klopfte sie mit der flachen Hand auf den Barhocker neben ihr.

Ich setzte mich und sagte: »Alles in Ordnung. Ich hatte nur bisher noch nie einen Filmstar als Klienten.«

»Verstehe. Sie sind mir wärmstens empfohlen worden.«

»Oh?«

Ihre Stimme war tief und kehlig, ohne affektiert oder unecht zu klingen. Sie war das, was Mae West gewesen wäre, hätte man sie nicht zu einer Parodie ihrer selbst gemacht.

»Von einem Freund im Büro des Bezirksstaatsanwalts. Er sagte, man hat Sie gefeuert, weil Sie zu ehrlich waren.«

»Eigentlich sehe ich die Sache lieber so, dass ich gekündigt habe. Und der Gedanke, dass ich zu ehrlich bin, gefällt mir auch nicht.«

»Oh?«

»Nur gerade ehrlich genug.«

Sie quittierte dies mit einem breiten Lächeln und prahlte dabei mit Zähnen, die weißer waren, als irgendeine Kamera dies zeigen kann. »Darf ich Ihnen einen Drink machen, Mr. Marlowe?«

»Es ist noch ein bisschen früh.«

»Das weiß ich. Darf ich Ihnen einen Drink machen?«

»Sicher.«

»Irgendwas Bestimmtes?«

»Alles, in dem keiner dieser kleinen Papierschirme steckt, ist mir recht.«

Sie verpasste mir einen Whiskey und goss sich dann selbst einen ein. So etwas gefällt mir bei einer Frau.

»Haben Sie schon mal was von Laird Brunette gehört?«, fragte sie, während sie zu ihrem Barhocker zurückkehrte.

»Gehört schon«, sagte ich. »Aber begegnet bin ich ihm noch nicht.«

»Was wissen Sie über ihn?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Großer Macker im Glücksspiel. Hat überall in Südkalifornien Casinos laufen. Jeden Tag mehr.«

Sie durchschnitt die Luft mit einem langen, roten Fingernagel, als verscheuche sie eine Fliege. »Vielleicht ist Ihnen der Turm über meinem Restaurant aufgefallen?«

»Sicher.«

»Ich wohne im ersten Stock, aber der Turm darüber ist ziemlich groß.«

»Groß genug für ein Casino, meinen Sie.«

»So ist es«, sagte sie und nickte. »Brünette ist deshalb schon mehr als einmal an mich herangetreten. Ich hab' ihn abblitzen lassen - mehr als einmal. Bei der Lage meines Restaurants und den Gästen, die zu mir kommen, könnte ein Casino zur Goldgrube werden.«

»Sie kommen auch auf legale Weise ganz gut zurecht. Weshalb sollten Sie sich auf illegale Geschichten einlassen?«

»Richtig. Und wenn ich mit dem Gesetz in Konflikt käme, wäre das ein furchtbarer Skandal, und Hollywood kann im Augenblick nicht noch einen Skandal brauchen. Busby Berkeleys Prozess steht unmittelbar bevor, wie Sie wissen.«

Der bekannte Regisseur und Choreograph, Schöpfer zahlloser Trivialfantasien, hatte sich vor Gericht wegen fahrlässiger Tötung zu verantworten, weil er in betrunkenem Zustand, gar nicht so weit vom Sidewalk Café, drei Fußgänger über den Haufen gefahren hatte.

»Aber seit einiger Zeit«, sagte sie, und ihre vollen Lippen, die so üppig waren, als habe sie eine Biene gestochen, zuckten nervös, »flattern mir ständig Drohbriefe ins Haus.«

»Von Brünette?«

»Nein. Eigentlich sind es Erpresserbriefe. Ich soll das Geld Artie Lewis geben, dem Bandleader. Sie kennen ihn vielleicht?«

»Warum ihm?«

»Brünette hat ihn in der Hand. Spielschulden. Und ich war mal mit Artie zusammen. Er lebt jetzt in San Francisco.«

»Verstehe. Haben Sie mit den Cops gesprochen?«

»Nein.«

»Weshalb nicht?«

»Ich will nicht, dass Artie Schwierigkeiten bekommt.«

»Haben Sie mit Artie gesprochen?«

»Ja. Er behauptet, er weiß nichts davon. Er will mein Geld nicht. Und an mir ist er auch nicht mehr interessiert. Er hat eine neue Freundin.«

Die Frau hätte ich gerne gesehen, die einen Dolores Dodd vergessen ließ.

»Sie wollen also, dass ich der Sache nachgehe«, sagte ich. »Kann ich diese Erpresserbriefe einmal sehen?«

»Nein«, sagte sie und schüttelte ihre weißblonden Locken wie den Mopp der Götter, »darum geht es mir gar nicht. Ich habe die Briefe verbrannt. Artie zuliebe.«

»Tja... Und was soll ich dann bei der ganzen Geschichte?«

»Ich habe den Eindruck, ich werde verfolgt. Ich hätte gerne einen Leibwächter.«

Ich widerstand der Versuchung, sie mit einem wölfischen Blick zu verschlingen und unterdrückte eine anzügliche Bemerkung. Sie war ein netter Kerl, und die Tatsache, dass sie einen Körper hatte, für dessen Bewachung jedes Spürauge der Welt liebend gern auf sein Honorar verzichtet und sogar noch einiges draufgelegt hätte, schien mir nicht der Rede wert. Mein Honorar allerdings schon.

»Fünfundzwanzig pro Tag und Spesen extra«, sagte ich.

»Schön«, sagte sie. »Und Sie können natürlich jederzeit hier im Restaurant essen, wenn Sie wollen. Drinks sind selbstverständlich ebenfalls frei. Sie brauchen nur zu quittieren, ich kümmere mich dann darum.«

»Großartig.« Ich grinste. »Ich hab' mich so und so schon gefragt, wie ich in dieser Branche jemals zu einer Sozialfürsorge kommen soll.«

»Sie können sich als mein Chauffeur nützlich machen.«

»Oh...«

»Sehen Sie da irgendwelche Probleme, Mr. Marlowe?«

»Ich habe zwar eine Lizenz als Privatdetektiv und einen Waffenschein, aber keine Lizenz als Chauffeur.«

»Ich denke, ein normaler Führerschein wird es auch tun. Was ist das wirkliche Problem, Marlowe?«

»Ich trage keine Uniform. Ich bin überzeugter Zivilist.«

Sie verzog das Gesicht zu einem gequälten Lächeln. »Na schön«, sagte sie. »Halten Sie an Ihrer Würde fest... Aber Sie müssen mir erlauben, die Unkosten für ein paar neue Anzüge zu übernehmen. Die steuere ich noch zu unserem Übereinkommen bei.«

»Schön«, sagte ich.

In den folgenden zwei Monaten war sie mein einziger Klient. Ich arbeitete sechs Tage in der Woche für sie - Montag bis Samstag. An den Sonntagen ruhten Gott, Marlowe und Dodd. Ich fuhr sie in ihrem apfelroten Packard-Kabriolett durch die Gegend - ein Wagen, gemacht für Blondinen mit wehendem Haar und Perlenketten. Sie saß hinten, natürlich. An den meisten Tagen fuhr ich sie ins Hal Roach Studio, zu den Dreharbeiten für ein Musical mit Laurel und Hardy. Dort wartete ich dann in einer dunklen Ecke des Tonstudios und beobachtete jede ihrer Bewegungen draußen im hellen Licht. In ihrem Spitzenmieder, dem um ihre Beine fließenden Zigeunerrock und der schwarzen Perücke war Dolores genau die Sorte von Mädchen, die man mit nach Hause nahm, um sie Mutter vorzustellen, und sollte sie Mutter nicht gefallen, dann zur Hölle mit Mutter.

An den Abenden machte sie ihre Runde durch die Clubs, meist ins Trocadero und ins El Mocambo. Ich setzte mich in die Cocktaillounge und genoß in Ruhe meinen Drink und wartete, bis sie sich mit ihren diversen Begleitern auf den Heimweg machte. Einige dieser Burschen waren tuntige Typen, mit denen sie sich in der Öffentlichkeit zeigte, um dem Studio einen Gefallen zu tun. Ein paar andere blieben über Nacht.

Ich plaudere nicht gern aus der Schule, aber es hat gar keinen Sinn, diese Geschichte erzählen zu wollen, wenn ich in einem nicht absolut offen bin: Dolores bumste ganz schon durch die Gegend. Später, als in den Klatschspalten Gerüchte über Alkohol und Drogen kursierten, zerrissen sie sich natürlich auch darüber die Mäuler. Aber Dolores war ein freundliches und liebenswertes Mädchen. Die Natur hatte sie großzügig mit Schönheit und allen anderen weiblichen Reizen ausgestattet, und genauso großzügig ging sie damit um.

»Marlowe«, sagte sie eines Nachts Anfang Dezember, als ich sie nach Hause gebracht hatte und sie wie immer zur Eingangstür des Restaurants begleitete, »ich glaube beinahe, ich habe mich in Sie verknallt.«

Sie war allein in dieser Nacht und hatte im Interesse von Louella Parsons und Konsorten wieder einmal die Freundin eines dieser Hollywood-Hanswursten gespielt. Allein, abgesehen von mir.

Sie legte einen Arm um meine Taille. Ihr Atem roch nach Alkohol, aber meiner sicherlich auch. Keiner von uns beiden war betrunken. Sie war in sanftes Mondlicht gehüllt und in Chanel Nummer Fünf.

Sie küsste mich mit ihren Bienenstichlippen, und ich fühlte den Stachel - sanft und tief.

Ich entzog mich ihrer Umarmung. »Nein. Tut mir leid, Lady.«

Sie zuckte zusammen. »Was haben Sie?«

»Ich bin bloß der bezahlte Lakai. Sie fühlen sich nur einsam heute Nacht.«

Ihre Augen, in die ich wegen der tiefen Traurigkeit, die dort schwelte, nur selten sah, wurden hart. »Fühlen Sie sich nie einsam, Sie Bastard?«

Ich schluckte. »Nein«, sagte ich.

Sie holte aus, um mir ins Gesicht zu schlagen, doch dann berührte sie nur meine Wange. Sanft wie die Brise, die vom Meer her wehte, und sie war sanft in dieser Nacht, die Brise - so sanft.

»Gute Nacht, Marlowe«, sagte sie.

Und sie schlüpfte ins Haus.

»Gute Nacht«, sagte ich zu niemandem. Und dann zu mir selbst: »Gute Nacht, Marlowe, du verdammter Idiot.«

Ich fuhr ihren Packard in die Garage, die an den Bungalow oberhalb des Restaurant-Komplexes angebaut war. Dazu musste ich einen Umweg über die Montemar Vista Road machen und dann nach rechts in den Seretto Way einbiegen. Der Bungalow im mediterranen Stil, der in der Cabrillo Street lag, erklomm, wie so viele Häuser in Montemar Vista, die Bergflanke wie eine Kletterpflanze. Er gehörte Dolores Dodds Partner im Sidewalk Café, dem Filmregisseur und Produzenten Warren Eastman. Eastman hatte auch eine Wohnung über dem Restaurant, gleich neben der von Dolores, und wie es schien, wohnte er abwechselnd mal dort, mal im Bungalow.

Es beschäftigte mich natürlich, welche Art von Verhältnis die beiden hatten, Eastman und meine Klientin, doch ich fragte nie danach - nicht direkt zumindest. Eastman war ein hagerer, eleganter Mann Ende Vierzig mit einem spitzen Kinn, einem dünnen Oberlippenbärtchen und ausufernden Geheimratsecken, an deren Front die Stirnlocke seines glatten, schwarzen Haars vergebliche Rückzugsgefechte gegen die sich ausbreitende Glatze focht, wodurch sein Gesicht karoförmig wirkte. Er saß oft in der Cocktaillounge, einen Bloody Mary in der einen und eine qualmende Zigarettenspitze in der anderen Hand. Ständig handelte er irgendwelche Verträge mit Leuten vom Film aus.

»Marlowe«, sagte er eines Abends und winkte mich zu sich an die Bar. Er saß auf demselben Hocker, auf dem Dolores an jenem Morgen gesessen hatte. »Das ist Nick DeCiro, der Agent für Nachwuchstalente. Nick, das ist der Plattfuß, den Dolores angeheuert hat, um sie vor dem großen, bösen Glücksspiel-Syndikat zu beschützen.«

DeCiro war einer dieser dunkelhaarigen, gutaussehenden Burschen, wie es sie in Hollywood zu Tausenden gibt. Etwas älter als Eastman, doch ohne dessen Schnurrbärtchen und Ansatz zur hohen Stirn. DeCiro trug einen weißen Anzug und ein schwarzes, am Hals offenstehendes Sporthemd, das einen dichten Pelz schwarzer Brusthaare freigab.

Ich schüttelte DeCiros Hand. Sein Griff war fest und feucht wie eine Handvoll Humus.

»Nicky hier ist der Exmann Ihrer Klientin«, sagte Eastman mit einem affektierten Wedeln seiner Zigarettenspitze, das jene mühelose Dekadenz zum Ausdruck bringen sollte, an der Hollywood so hart arbeitet.

»Dolores und ich sind nach wie vor gute Freunde«, sagte DeCiro, während er sich mit einem matt glänzenden silbernen Feuerzeug eine ausländische Zigarette ansteckte. »Wir haben uns in aller Freundschaft getrennt.«

»Soviel ich gehört habe, wurde die Ehe wegen seelischer und körperlicher Grausamkeit geschieden«, sagte ich.

DeCiro bedachte mich mit einem finsteren Blick, und eilfertig kam ihm Eastman zu Hilfe: »Glauben Sie nicht alles, was Sie in den Zeitungen lesen, Marlowe. Irgendeinen Grund braucht man schließlich, wenn man sich scheiden lassen will.«

»Aber das dürfte Ihnen in Ihrem Job nicht neu sein«, sagte DeCiro, und seine dünne Stimme klang gereizt.

»Ich übernehme keine Scheidungsfälle«, sagte ich.

»Sicher«, sagte DeCiro.

»Ganz sicher. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen...«

»Marlowe, Marlowe«, sagte Eastman und legte seine Hand auf meinen Arm. »Seien Sie doch nicht so empfindlich.«

Ich wartete, bis er die Hand von meinem Arm nahm, und sagte dann: »Wollten Sie etwas Bestimmtes, Mr. Eastman? Ich habe für dieses Hollywood-Geschwätz nicht viel übrig.«

»Mit gefällt Ihre Art nicht«, sagte DeCiro.

»Da sind Sie nicht der Einzige«, erwiderte ich. »Aber ich werde auch nicht so gut bezahlt, dass das von Belang wäre.«

»Marlowe«, sagte Eastman. »Ich versuche die ganze Zeit, Nicky hier zu überzeugen, dass mein neuer Film einer seiner Klientinnen praktisch auf den Leib geschrieben ist. Ich drehe einen Kriminalfilm. Über das perfekte Verbrechen. Den perfekten Mord.«

»So was gibt es nicht«, sagte ich.

»Oh, wirklich?«, sagte DeCiro, und seine Augenbrauen wölbten sich interessiert.

»Mord und Verbrechen sind sehr ungenaue Wissenschaften. Auch nicht der beste Plan der Welt kann dem menschlichen Faktor voll und ganz Rechnung tragen.«

»Und wie erklären Sie sich dann, dass in diesem Land Hunderte von Morden nicht aufgeklärt werden?«, fragte Eastman spöttisch.

»Die Polizeiarbeit ist zwar eine exaktere Wissenschaft als Verbrechen oder Mord«, entgegnete ich, »aber es gibt 'ne Menge korrupter Cops auf dieser Welt - und 'ne ganze Menge beschränkter dazu.«

»Dann gibt es also doch perfekte Verbrechen.«

»Nein. Allenfalls ungelöste Verbrechen. Und unzulängliche Polizisten. Schönen Abend noch, die Herren.«

Dies war das längste Gespräch, das ich während der Zeit, in der ich für Miss Dodd arbeitete, mit Eastman oder DeCiro hatte, obwohl ich hin und wieder hallo sagte, und sie ebenfalls.

Eastman war mit einer Schauspielerin verheiratet, die sich Marinda Daimond nannte, eine feurige Mexikanerin, deren Eltern aus Mexico City stammten, die jedoch in der Bronx aufgewachsen war. Sie hielt sich selbst für die kommende Lupe Velez, und sie stand dieser an üppiger Sinnlichkeit um nichts nach, obgleich die Linien ihres hübschen Gesichts hart wie ein Grabstein waren.

Eines Abends nagelte sie mich in einer Ecke der Cocktaillounge fest, wo ich mir in Ruhe meinen Drink schmecken ließ.

»Sie sind der Privatbulle, den sich dieses Flittchen angelacht hat«, sagte sie.

Wir hatten bis dahin noch kein Wort miteinander gesprochen.

»Ich hoffe, Sie meinen es nicht so, wie es geklungen hat«, erwiderte ich.

»Sie sind der Leibwächter von diesem Flittchen«, sagte sie und ließ sich neben mir auf die Ledercouch sinken. Ihre Nasenflügel bebten. Hätte ich ein rotes Tuch in der Hand gehabt, ich hätte es fallen lassen und wäre in Deckung gestürzt.

»Ja, Miss Daimond, Miss Dodd ist meine Klientin.«

Sie lächelte. »Sie kennen mich?«

»Oh, ja. Und ich bin auch soweit im Bilde, Sie in Gegenwart bestimmter Leute Mrs. Eastman zu nennen.«

»Mein Mann und ich haben uns getrennt.«

»Ah.«

»Aber ich könnte vor dem Scheidungsrichter ein bisschen Hilfe gebrauchen.«

»Welcher Art?«

»Fotos von ihm und diesem Flittchen im Bett.«

»Das würde Ihnen helfen?«

»Ja. Sie müssen wissen, mein Mann hat ähnliche Fotos von mir und einem Gentleman in einer sehr kompromittierenden Situation.«

»Das Leben steckt nun mal voller Risiken«, sagte ich und bot ihr eine Zigarette an. Sie nahm sie, und ich gab ihr und dann mir selbst Feuer. »Und wenn Sie ähnliche Fotos in Händen hätten, könnten Sie für sich günstigere Scheidungsbedingungen aushandeln.«

»Genau. Interessiert?«

»Ich übernehme keine Scheidungsfälle. Und ich falle meinen Klienten nicht in den Rücken. Außerdem käme ich in einen unlösbaren Interessenkonflikt.«

Sie lächelte und legte ihre Hand auf meinen Oberschenkel. »Ich könnte dafür sorgen, dass es sich für Sie lohnt. Finanziell und auch - in anderer Weise.«

Es war noch nicht Weihnachten, und bereits zwei Göttinnen der Leinwand wollten mich in ihr Bett locken. Ich musste wirklich eine große Nummer sein.

»Nein, danke, Señorita. Ich schlafe allein - nur ich und mein Gewissen.«

Daraufhin schlug sie mir vor, ich solle das, was sie mir soeben angeboten hatte, mit mir selbst machen. Sie steckte voller reizender Ideen.

Ich machte mir ebenfalls so meine Gedanken. Ich war mir ziemlich sicher, dass Dolores und Eastman ein Verhältnis hatten, doch offensichtlich war es eine diese Mal-ja-Mal-nein-Affären: An einem Abend turtelten sie ganz offen in dieser widerlichen Hollywood-Manier, Sweetie-Baby hier, Sweetie-Baby da; am nächsten Abend war er kühl und reserviert zu ihr; und am darauffolgenden Abend war sie kühl und reserviert zu ihm. Es war Liebe - das konnte ich sehen -, aber es war die Art von Liebe, die früher oder später mit einer Explosion endet wie ein heiß gelaufener Motor.

Zehn Tage vor Weihnachten gab ein bekannter englischer Schauspieler, der so bekannt war, dass ich noch nie was von ihm gehört hatte, im Troc eine Dinnerparty zu Ehren von Dolores. An einer Tafel für zwölf, oben im todschicken, gold- und cremefarbenen Speisesaal wurde Dolores von ihren Showbusiness-Freunden gefeiert, während ich unten an der Bar aus poliertem Kupfer in der eichenholz-getäfelten Cocktaillounge saß und einen Whiskey zur Brust nahm. Mir war absolut nicht nach poliertem Kupfer zumute - das war mal sicher. Ich fühlte mich eher wie ein Chauffeur mit Kanone, der von seiner schönen Brötchengeberin nicht gebraucht wurde.

Soviel war mir klar: Während der zwei Monate, die ich bereits für Dolores arbeitete, hatte ich niemanden ausmachen können, der ihr gefolgt wäre - von ein paar Fans einmal abgesehen. Und ich konnte es ihnen nicht einmal verübeln. Ich glaube fast, ich hatte mich selbst ein wenig in die Eiscreme-Blonde vergafft. Aber sie war meine Klientin, und sie bumste durch die Gegend, und weder das eine noch das andere war dazu angetan, dass mir eine Frau wirklich gefiel.

Der Abend war etwa eine halbe Stunde alt, als ich von oben einen Schrei hörte. Den Schrei einer Frau. Ein Schrei, der möglicherweise von Dolores stammen konnte.

Ich nahm vier Stufen auf einmal und hatte meine Kanone in der Faust, als ich die Tür zu dem prunkvollen Speisesaal auf stieß. Wenn ich mit der Kanone in der Hand in einen prunkvollen Speisesaal stürme, sind normalerweise sämtliche Augen auf mich gerichtet. Nicht dieses Mal.

Dolores war soeben im Begriff, ihrem Ex-Ehemann an die Kehle zu fahren, der ihr ins Gesicht lachte. Sie wurde von Patsy Peters, der dunkelhaarigen Schauspielerin mit dem Gummigesicht, die in zahlreichen Zweiaktern Dolores Partnerin gewesen war, zurückgehalten. DeCiro, in weißem Smoking, hatte eines seiner Starlets am Arm hängen, eine etwa 20jährige Blondine mit einem Dekolleté, das bis zu ihren Schuhen reichte. Das Filmsternchen sah ziemlich verängstigt drein, doch DeCiro wollte sich ausschütten vor Lachen.

Ich steckte meine Kanone weg und übernahm für Patsy Peters.

»Miss Dodd«, flüsterte ich ihr sanft ins Ohr, während ich von hinten ihre Arme umklammert hielt. »Tun Sie das nicht.«

Sie wurde einen Augenblick lang schlaff in meinen Armen, dann richtete sie sich auf und mit steifer Würde in der Stimme sagte sie: »Ich bin in Ordnung, Philip.«

Es war das einzige Mal, dass sie mich so nannte.

Ich ließ sie los.

»Was ist passiert?«, fragte ich. Meine Frage war zugleich an Dolores Dodd und an ihren Exgatten gerichtet.

»Er hat mich in eine peinliche Situation gebracht«, sagte sie ohne eine weitere Erklärung.

Und ohne weitere Umstände sagte ich zu DeCiro: »Gehen Sie.«

Um DeCiros Lippen zuckte ein Lächeln. »Ich wurde eingeladen.«

»Ich lade Sie aus. Gehen Sie.«

Sein Gesicht verfinsterte sich, und er spielte mit dem Gedanken, etwas zu sagen oder zu tun. Aber meine Augen klebten an ihm wie Magnete an Metall, und er besann sich eines Besseren, raffte seine Begleiterin mitsamt ihrem Dekolleté zusammen und machte sich aus dem Staub.

»Möchten Sie nach Hause gehen?«, fragte ich Dolores.

»Nein«, sagte sie mit einem scheuen Lächeln und drückte meinen Arm und ging dann an die Tafel der zwölf zurück, wo ihre Clique von Hollywood-Typen sie erwartete. Sie war schließlich der Ehrengast.

Zwei Stunden und zwei Drinks später brachte ich sie nach Hause. Sie saß im Fond ihres apfelroten Packards, in ihrem Nerzmantel und dem hauchdünnen malven- und silberfarbenen Abendkleid und dem Brillantkollier, und erzählte mir, was geschehen war, während der Wind an ihrem eisblonden Haar zerrte.

»Nicky hat sich einladen lassen, ohne dass ich davon wusste«, sagte sie und musste beinahe schreien, um gegen den Wind anzukommen. »Er hat den Gastgeber gebeten, ihm am Tisch einen Platz neben mir zu reservieren. Dann, als die Party schon längst begonnen hatte, kam er mit diesem Möchtegern-Starlet am Arm hereinstolziert und setzte sich an einen anderen Tisch, um mich während des Abends, der zu meinen Ehren gegeben wurde, in Gesellschaft eines leeren Stuhls sitzen zu lassen. Er schmuste ganz ungeniert mit diesem kleinen Flittchen herum, und ich stand auf und ging zu ihm hinüber und sagte ihm, was ich von ihm hielt. Ich - ich verlor ein bisschen die Selbstbeherrschung. Danke, dass Sie dazwischengetreten sind, Marlowe.«

»Dafür werde ich bezahlt.«

Eine Weile sagte sie nichts. Nur die Stimme des Winds war zu hören. Es war eine kalte Dezembernacht, kalt wie ein eisgekühlter Martini. Ich hatte sie gefragt, ob ich das Verdeck des Kabrioletts hochmachen solle, doch sie hatte nein gesagt. Während wir den Sunset hinabrollten, sah sie sich mehrere Male um.

»Marlowe«, sagte sie. »Jemand verfolgt uns.«

»Ich glaube nicht.«

»Ich sage Ihnen, jemand verfolgt uns.«

»Ich halte den Rückspiegel im Auge. Es ist alles in Ordnung.«

Sie beugte sich vor und umklammerte meine Schulter. »Drücken Sie drauf! Oder wollen Sie, dass ich gekidnappt oder umgebracht werde? Es sind vielleicht Brunettes Killer!«

Sie war der Boss. Ich trat aufs Gaspedal. Mit siebzig Meilen brausten wir den Boulevard in Richtung Westen hinab. An der Kreuzung Sunset und Coast Highway war eine Tankstelle, und ich fuhr hinein.

»Was tun Sie?«, rief sie.

Ich drehte mich zu ihr um und sah in ihre angstvollen blauen Augen. »Ich lasse auftanken und halte die Straße im Auge. So kann ich am besten feststellen, ob jemand hinter uns anhält oder ein verdächtiger Wagen vorbeifährt. Keine Angst. Ich bin bewaffnet.«

Ich sah mir jeden Wagen, der vorüberfuhr, genau an. Ich sah niemanden und nichts Verdächtiges. Dann bezahlte ich den Tankwart und lenkte den Wagen auf der Coast Highway nach Norden. Ich ließ es langsam und gemächlich angehen.

»Ich sollte Sie feuern«, sagte sie und zog einen Flunsch im Rückspiegel.

»Das ist ohnehin mein letzter Abend, Miss Dodd«, sagte ich. »Ich arbeite gerne für mein Honorar, aber in Ihrem Fall habe ich den Eindruck, dass ich nichts tue für Ihr Geld.«

Sie beugte sich vor und umklammerte wieder meine Schulter. »Nein, nein. Ich sage Ihnen doch, ich fühle mich bedroht.«

»Weshalb?«

»Ich - ich habe das Gefühl, dass ich Sie in meiner Nähe brauche. Sie geben mir ein Gefühl der Sicherheit.«

»Haben Sie wieder irgendwelche Drohbriefe erhalten?«

»Nein.« Ihre Stimme klang jetzt ganz schwach.

»Falls doch, rufen Sie mich an, oder die Cops. Oder beides.«

Es war zwei Uhr, als ich den großen Wagen auf den Parkplatz vor dem Sidewalk Café gleiten ließ. Ich zitterte vor Kälte. Eine steife Brise wehte vom Meer her. Der alte Zittergreis Winter führte seinen Rachefeldzug gegen Kalifornien. Ich drehte mich zu ihr um und lächelte sie an.

»Ich bringe Sie noch zur Tür, Miss Dodd.«

Sie lächelte zurück, doch diesmal konnte ihr Lächeln weder ihr Gesicht noch die Welt oder mich zum Strahlen bringen. Diesmal war ihr Lächeln so traurig wie ihre Augen. Trauriger.

»Das ist nicht nötig, Marlowe.«

»Sind Sie sicher?«

»Ja. Tun Sie mir einen Gefallen. Arbeiten Sie noch die nächste Woche für mich. Seien Sie noch für eine Woche mein Chauffeur, bis ich mich in Ruhe entschieden habe, ob ich mir einen anderen Leibwächter suchen soll oder - oder sonstwas.«

»Okay.«

»Gehen Sie jetzt nach Hause, Marlowe. Bis Montag also.«

»Bis Montag«, sagte ich und sah ihr nach, wie sie zum Eingang des Restaurants ging. Dann fuhr ich den Packard zur Garage hinauf und stieg in meinen verstaubten, uneleganten 1925er Marmon und fuhr nach Hollywood, zu meiner Wohnung im Berglund zurück. Mein Gefühl sagte mir, dass Dolores Dodd in ihrer Wohnung heute Nacht bestimmt kein Wandbett ausklappen würde.

Mein Gefühl trog mich nicht - doch aus einem ganz anderen Grund.

Am Morgen des folgenden Montags, einem sonnigen, doch kühlen, wenngleich nicht mehr ganz so kalten Tag, ließ ich meinen Marmon auf einem der Parkplätze vor dem Sidewalk Café ausrollen. Es war so gegen halb elf, und von meinem abgesehen, war weit und breit kein Wagen zu sehen. Die breite Eingangstür war noch verschlossen. Ich klopfte, bis mir die mexikanische Putzfrau aufmachte. Sie sagte, sie habe Miss Dodd heute Morgen noch nicht gesehen. Ich stieg die Treppe hinauf, die von der Küche des Restaurants zu den beiden Wohnungen im ersten Stock führte. Die Tür am Ende der Treppe war nicht verschlossen, und ich stand in dem Korridor, von dem die beiden Wohnungstüren abgingen. Ich klopfte an ihre Tür.

»Miss Dodd?«

Keine Antwort.

Ich versuchte es eine Weile, dann ging ich wieder nach unten und sprach noch einmal mit der Putzfrau. »Maria, haben Sie eine Ahnung, wo Miss Dodd sein könnte? In ihrer Wohnung ist sie anscheinend nicht.«

»Vielleicht sie ist oben bei Mister Eastman.«

Ich nickte und wandte mich zum Gehen. Dann fiel mir noch etwas ein, und ich fragte über die Schulter zurück: »Haben Sie sie gestern gesehen?«

»Sonntag ich nicht arbeiten.«

Vermutlich hatte auch Maria - wie Gott, Marlowe und Dolores Dodd - am Sonntag ihren freien Tag. Ich konnte es ihr nicht verübeln.

Ich spielte mit dem Gedanken, mit dem Wagen nach oben zu fahren, dann überlegte ich es mir jedoch anders und machte mich daran, die Betonstufen jenseits der Fußgängerbrücke, die sich direkt neben dem Restaurant über die Highway spannte, zu erklimmen. Diese Stufen, zweihundertachtzig an der Zahl und geradewegs die steilen Klippen emporsteigend, waren der einzige direkte Zugang, der von der Küstenstraße zu dem Bungalow in der Cabrillo Street führte. Der Wind hatte Sand über sie hinweggeweht, und das galvanisierte Geländer war kalt und feucht wie der Händedruck eines Lügners.

Ich keuchte den steilen Anstieg empor. Als junger Mann war ich losmarschiert, hatte bei Stufe einhundert die Midlifecrisis erreicht und war nun reif für das Altersheim. Ich ließ mich auf die kalte, feuchte letzte Stufe sinken und ließ aus meinen zerschrammten Florsheim-Tretern den Sand rinnen - froh, dass ich mir in den letzten Wochen nicht die Mühe gemacht hatte, sie zu wienern. Dann stemmte ich mich auf die Beine und sah über die schwindelerregende Stufenflucht zu meinen Füßen hinweg auf die Sichel der Bucht hinab, die im gleißenden Licht der Sonne lag. Der helle Sand des Strands blendete das Auge, und der Ozean glitzerte und funkelte. Es war wunderschön, doch es schmerzte hinzusehen. Mit heftigem Flügelschlag kämpfte eine Möwe in taumelnder Eleganz gegen den böigen Wind, wie ein Boxer, der die letzte Runde verliert.

Ich klopfte an Eastmans Haustür. Niemand machte auf. Ich ging zur Garage, um zu sehen, ob der Wagen meiner Klientin da war, und zog das mit schwarzen Nieten beschlagene Garagentor hoch. Der Wagen war da, das rote Packard-Cabrio stand neben Eastmans Lincoln.

Und meine Klientin war ebenfalls da.

Sie saß auf dem Fahrersitz, den Oberkörper gegen das

Steuer gelehnt. Sie trug noch immer den Nerz, das Brillantkollier und das malven- und silberfarbene Abendkleid, das sie Samstagabend bei der Dinnerparty im Troc angehabt hatte. Doch ihr Kleid war in Unordnung und verknittert wie ein ungemachtes Bett, und auf der Brust des Kleides war etwas Blut - geronnene Rubine unterhalb der matt glitzernden Brillanten. Und es war etwas Blut in ihrem Gesicht, ihrem weißen, weißen Gesicht.

Sie hatte immer eine blasse, cremefarbene Haut gehabt, doch nun war sie so weiß wie ein Hochzeitskleid. An ihrem Hals war kein Pulsschlag festzustellen. Sie war kalt. Sie war bereits eine ganze Weile tot.

Ich stand da und sah auf sie hinab und möglicherweise weinte ich auch. Aber das ist ganz allein meine Angelegenheit - oder? Dann ging ich nach draußen, stieg die Stufen zu der Wohnung über der Garage empor und klopfte den älteren Herren heraus, der dort lebte - einen gewissen Jones, der der Buchhalter des Sidewalk Cafés war. Ich fragte ihn, ob er ein Telefon habe. Er hatte, und ich machte einen Anruf.

Ich hatte meine Geschichte den Streifenpolizisten viermal erzählt, ehe die Beamten des Morddezernats auftauchten. Der diensthabende Detective hieß Lieutenant Randall, ein hagerer, düster dreinblickender und distanzierter Mitvierziger mit glattem, grauem Haar und eisigen Augen. Sein brauner Gabardineanzug war nicht das Teuerste, doch sorgfältig gebügelt. Seinen grünen, flachen Filzhut hielt er in der Hand - aus Respekt vor der Toten.

Er hörte sich meine Geschichte, die ich zum fünften Mal erzählte, geduldig an, schien jedoch nicht viel davon zu halten.

»Sie wollen mir also erzählen, dass diese Frau umgebracht wurde«, sagte er.

»Ich mache Sie nur darauf aufmerksam, dass die Burschen des Glücksspielsyndikats sie unter Druck gesetzt haben, und sie nicht bereit war, klein beizugeben.«

»Und Sie waren ihr Leibwächter«, sagte Randall.

»Prima Leibwächter«, sagte der andere Mann vom Morddezernat, Randalls ungeschlachter Schatten, und ließ seine

Knöchel knacken und lachte. Wir waren in der Garage, und das Lachen hallte hohl von den Betonwänden zurück wie ein Basketball in einer leeren Turnhalle.

»Ich war ihr Leibwächter«, sagte ich mit schmalen Lippen zu Randall gewandt. »Aber ich habe sonntags nicht gearbeitet.«

Randall nickte. Er ging hinüber und sah auf die Tote im Kabriolett hinab. Ein Fotograf des Dezernats machte Aufnahmen. Lichtblitze begleiteten Randalls Gang um den Wagen, als sei er der Star einer Hollywood-Uraufführung.

Ich ging nach draußen. Der Geruch des Todes ist schon schlimm genug, wenn es einen nicht persönlich berührt, ist jemand gestorben, den man kennt, fühlt man sich wie ein Asthmatiker in einer Sauna.

Randall fand mich gegen die weiß getünchte Außenwand der Garage gelehnt, als ich mir gerade meine zweite Camel ansteckte.

»Sieht wie ein Selbstmord aus«, sagte er.

»Klar. Soll es ja auch.«

Er hob eine Augenbraue und eine Schulter. »Die Zündung ist an. Kohlenmonoxid.«

»Der Motor lief nicht, als ich herkam.«

»Der Tank ist längst leer, höchstwahrscheinlich. Wenn es stimmt, was Sie sagen, dann liegt sie seit Samstagnacht hier - das heißt, seit dem frühen Sonntagmorgen.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Zumindest trägt sie dieselben Kleider.«

»Wenn wir den Zeitpunkt des Todes festgestellt haben, wird alles klarer werden.«

»Ach ja? Warten Sie ab, was der Arzt dazu zu sagen hat.«

Randalls Augen wurden noch eisiger. »Weshalb?«

»Die Kälte in den letzten, zwei, drei Tagen. Heute Morgen ist es wärmer, aber Sonntagnacht - Jesus. Dieser Wind vom Meer her war mörderisch, wenn Sie den Ausdruck entschuldigen.«

Randall nickte. »Vielleicht kalt genug, den Zerfall des Körpers zu verlangsamen, meinen Sie.«

»Vielleicht.«

Er schob sich den Filzhut wieder auf den Kopf. »Wir müssen diesen Eastman-Burschen sprechen.«

»Würde ich auch sagen. Er ist wahrscheinlich in seinem Studio. Paramount. Wenn er einen Film dreht, lässt er sich jeden Morgen vor Sonnenaufgang von einer Limousine abholen.«

Randall ging in die Wohnung des alten Jones hinauf, um zu telefonieren. Ich rauchte meine Zigarette.

Randalls vierschrötiger Kollege kam aus der Garage und legte einen Arm um die Schultern eines jungen Polizisten in Uniform, den so viel Aufmerksamkeit offensichtlich mit Unbehagen erfüllte.

»Die Eiscreme-Blonde, he?«, grinste der massige Bulle. »Davon hätte ich auch gern ein bisschen genascht.«

Ich tippte dem Schwein auf die Schulter, und er drehte sich zu mir um und sagte stupide »Hey?«, und ich verpasste ihm eine. Er sackte zusammen wie ein Hochhaus.

Doch er ging nicht k.o. . »Dafür wirst du bezahlen, du Bastard«, zischte er, und er klang wie der Schulhof-Rowdy, der er war. Er tastete nach dem Blut in seinem Mundwinkel und rappelte sich von der Betonauffahrt hoch. »Dafür gehst du in den verdammten Knast. Angriff auf einen Polizisten im Dienst.«

»Dafür brauchen Sie zunächst mal einen Zeugen«, sagte ich.

»Den habe ich«, sagte er, doch als er sich umdrehte, war der junge Cop in Uniform verschwunden.

Ich ging zu ihm und baute mich Schuhspitze an Schuhspitze vor ihm auf und lächelte ein Lächeln, das nichts mit einem Lächeln zu tun hatte. »Wann immer Sie Lust verspüren, es mir von Mann zu Mann zurückzuzahlen - ich bin nicht schwer zu finden.«

Er schmeckte das Blut und klapperte mit den Wimpern wie ein Schulmädchen, brummelte etwas Unverständliches und verzog sich dann in die Garage.

Randall kam die Holztreppe zu Jones' Wohnung herabgepoltert und blieb mit einem beharrlichen Grinsen auf dem Gesicht vor mir stehen. »Ich habe soeben mit Eastman gesprochen. Wir werden ihn natürlich noch offiziell vernehmen, aber die vorläufige Befragung bringt schon einiges Licht in die Sache.«

»Oh?«

Er nickte. »Ja. Er sagt, er hat sie Samstagnacht nach der Party nicht mehr gesehen. Anscheinend hat er die Treppentür ungefähr um Mitternacht verriegelt. Das ist die Tür, die zu den beiden Wohnungen über dem Sidewalk Café führt. Sagt, er dachte, Miss Dodd habe erwähnt, dass sie diese Nacht drüben bei ihrer Mutter schlafen wolle.«

»Sie meinen, sie konnte gar nicht in ihre Wohnung?«

»Richtig.«

»Und wenn schon... Sie hätte geklopft.«

»Eastman sagt, wenn sie geklopft hat, hat er es nicht gehört. Er sagt, es ging die ganze Nacht ein stürmischer Wind und die Brandung war so laut, dass sie wahrscheinlich alle anderen Geräusche schluckte.«

Ich grinste freudlos. »So? Sagt er das? Wie sieht also Ihr Szenario aus?«

»Na ja... Als Miss Dodd feststellte, dass sie nicht in ihre Wohnung konnte, muss sie sich entschlossen haben, über die Steintreppe zur Garage hinaufzusteigen. Sie setzte sich in den Wagen, um dort die Nacht zu verbringen. Wahrscheinlich wurde ihr kalt, und sie machte den Motor an, um nicht zu frieren. Sie schlief ein, und die Auspuffgase gaben ihr den Rest.«

Ich seufzte. »Vor einer Minute haben Sie noch von Selbstmord geredet.«

»Das ist nach wie vor eine Möglichkeit.«

»Und was ist mit den Blutspuren auf ihrem Gesicht und ihrem Kleid?«

Er zuckte die Achseln. »Sie ist möglicherweise auf das Steuer gefallen, als sie ohnmächtig wurde, und hat sich dabei verletzt.«

»Wenn ihr kalt war, weshalb hat sie sich dann in das offene

Kabriolett gesetzt? Der Lincoln direkt daneben ist verschlossen, und die Schlüssel stecken.«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen - noch nicht.«

Ich schüttelte den Kopf. Dann zielte ich mit dem Zeigefinger auf seine Brust. »Fragen Sie den alten Herrn über der Garage, ob er irgendwann zwischen zwei und dem Morgen die Garagentür oder den Motor des Packard gehört hat.«

»Das hab' ich schon. Er hat nichts gehört. Aber es war eine stürmische Nacht, und...«

»Ja, und die Brandung war ziemlich laut. Richtig. Werfen wir einen Blick auf ihre Schuhe.«

»Was?«

Ich deutete auf meine verstaubten Florsheimer-Treter hinab. »Ich habe mich vorhin die zweihundertachtzig Stufen heraufgeschleppt. Dieser Alptraum eines Schuhputzers ist das Resultat. Sehen wir nach, ob sie die Stufen ebenfalls hochgestiegen ist.«

Randall nickte und ging voran. Die Jungs von der Spurensicherung hatten sich den Wagen noch nicht vorgenommen, und der Lieutenant ließ daher die Wagentür zu und beugte sich nur vorsichtig darüber.

Dann richtete er sich wieder auf und dachte über das, was er gesehen hatte, angestrengt nach. Einen Augenblick lang schien es, als habe er mich völlig vergessen. Schließlich sagte er: »Sehen Sie selbst.«

Ich warf einen letzten Blick auf die wunderschöne Frau, die in dem geparkten Wagen eine Fahrt ins Nirgendwo gemacht hatte. Ihre Füße steckten in silbernen hochhackigen Abendschuhen. Sie waren so blank wie Aschenputtels gläserne Ballschuhe.

Der Polizeiarzt stimmte mir in einem Punkt seines Befunds zu: »Der heftige Wind und die sehr niedrigen Temperaturen während des Wochenendes dürften den körperlichen Zerfall über den normalen Zeitraum hinaus verzögert haben.«

Davon abgesehen war sein Befund ein Bündel von Widersprüchen und ungefähr so einleuchtend wie die jungfräuliche Empfängnis. Es ergaben sich jedoch einige neue, äußerst verwirrende Fakten. Sie hatte Verletzungen im Mund und im Rachen. Hatte ihr jemand mit Gewalt eine Flasche in den Hals gerammt? Ihr Blutalkohol -1,3 Promille - war höher und zwar wesentlich höher, als dies von den drei oder vier Drinks, die sie nach Aussagen der Zeugen im Troc getrunken hatte, möglich sein konnte. Und es war noch Benzin im Tank - mehrere Gallonen, wie sich herausstellte. Die Zündung war jedoch an gewesen...

Doch der abschließende Befund des Coroners kam zu dem Schluss, dass Dolores an Kohlenmonoxid-Vergiftung gestorben war, und sprach von unbeabsichtigtem Einatmen der Auspuffgase. Die Zeitungen nannten es jedoch Selbstmord, und die Losung in Hollywood lautete Vertuschen - und nur kein Aufhebens. Niemand wollte einen neuerlichen Skandal. Nicht nach Mary Astors Tagebüchern und Busby Berkeleys Sauftour mit tödlichem Ausgang.

Ich schluckte den Befund des Coroners ebenfalls nicht.

Ich wusste, dass sich an dem Montag, an dem ich Dolores gefunden hatte, drei Leute bei der Polizei gemeldet und ausgesagt hatten, sie hätten sie am Sonntag noch gesehen - also lange nachdem sie offiziell gestorben war.

Miranda Diamond, mittlerweile Eastmans Exgattin (ihre Scheidung war endlich über die Bühne gegangen, offenbar mit gütlicher Einigung), behauptete, Dolores am Sonntagvormittag hinter dem Steuer ihres unverwechselbaren Kabrioletts und in demselben Abendkleid und Nerzmantel, die sie bei der Dinnerparty getragen hatte, an der Ecke Sunset und Vine gesehen zu haben. Sie war, so versicherte Miranda der Polizei, in Begleitung eines großgewachsenen, dunkelhaarigen und elegant gekleideten jungen Mannes gewesen.

Mrs. Wallace Fort, Frau des bekannten Filmregisseurs, hatte am Sonntagnachmittag gegen vier von Dolores einen kurzen Anruf erhalten. Dolores hatte angerufen, um zu sagen, dass sie zu der Cocktailparty der Fords kommen würde, und ob es in Ordnung sei, wenn sie einen neuen, sehr attraktiven Freund mitbrächte.

Und schließlich war da, als Krönung des Ganzen, auch noch die Aussage von Warren Eastman selbst. Nachbarn hatten der Polizei berichtet, sie hätten so um die Frühstückszeit einen heftigen und handgreiflichen Streit zwischen Eastman und Dolores im Bungalow in der Cabrillo Street gehört. Als er dazu befragt wurde, erklärte Eastman, dass er sie aus der Wohnung geworfen habe, und dass sie zehn Minuten lang gegen die Tür getreten und ihm Obszönitäten an den Kopf geworfen habe (und die Polizei fand an der Tür des Bungalows tatsächlich Spuren von Fußtritten).

»Es war ein Streit zwischen Liebesleuten«, vertraute Eastman einem Zeitungsreporter an. »Ich hatte gehört, dass sie einen neuen Freund hatte - irgendeinen südländischen Knilch aus San Francisco -, und sie stritt es glattweg ab. Aber ich wusste genau, dass sie lügt.«

Eastman enthüllte in der Presse außerdem, dass Dolores am Sidewalk Café gar nicht wirklich beteiligt gewesen sei, sondern lediglich ihren Namen zur Verfügung gestellt und dafür fünfzig Prozent eingestrichen habe.

Nach der Bekanntgabe des gerichtsmedizinischen Befunds rief ich Randall an, und er teilte mir mit, dass der Fall abgeschlossen sei.

»Wir wissen beide, dass etwas daran faul ist«, sagte ich. »Wollen Sie denn gar nichts unternehmen?«

»Doch«, sagte er.

»Was?«

»Ich werde auflegen.«

Und das tat er auch.

Randall war ein guter Bulle in einer verkommenen Stadt, ein ehrlicher Mensch in einem korrupten System, das selbst die Borgias zu moralischer Entrüstung veranlasst hätte. Aber er konnte nicht viel gegen den Druck seitens der Film-Mogule tun. Los Angeles hat nur einen großen Wirtschaftszweig, und das ist die Filmindustrie. Und ich war nur ein Privatdetektiv mit einer toten Mandantin.

Andererseits jedoch hatte sie mich bezahlt, damit ich sie beschützte, und im Endeffekt hatte ich das nicht getan. Ich hatte ihr Geld genommen, für das sie eine Gegenleistung erwarten durfte, und ich hatte das Gefühl, ihr noch etwas zu schulden.

An einem Montagmorgen fuhr ich noch einmal hinaus - vier Wochen nach dem Tag, an dem ich die Eiscreme-Blonde so kalt wie nie zuvor auf dem Sitz ihres Kabrioletts gefunden hatte -, und in der Cocktaillounge des Restaurants, das sich noch immer mit ihrem Namen schmückte, saß Warren Eastman allein an der Bar und las im Variety, eine Bloody Mary vor sich auf der Theke. Er hatte seinen letzten Film beendet und den nächsten noch nicht begonnen und saß nur zwei Stühle von dem Hocker entfernt, auf dem sie gesessen hatte, als ich sie zum ersten Mal sah. Er trug einen blauen Blazer, eine cremefarbene Seidenkrawatte und eine weiße Hose.

Er ließ die Zeitung sinken und sah mich an. Er war überrascht, mich zu sehen, doch es war keine angenehme Überraschung, obgleich es ihm gelang, ein zahnreiches Lächeln unter sein zuckendes Oberlippenbärtchen zu zaubern.

»Was führt Sie hierher, Marlowe? Ich brauche keinen Leibwächter.«

»Seien Sie sich dessen nicht so sicher«, sagte ich jovial und setzte mich neben ihn.

Er starrte mich aus schmalen Augen verdrießlich an. Sein karoförmiges Gesicht wirkte auf manche vielleicht attraktiv, aber für mich war es ein kaltes, eckiges Ding, ein Jagdmesser mit Haaren drum herum.

»Was genau wollen Sie damit sagen?«, fragte er.

»Ich will damit sagen, dass Sie Dolores umgebracht haben«, sagte ich.

Er lachte und wandte sich wieder seiner Zeitschrift zu. »Hauen Sie ab, Marlowe. Und suchen Sie sich ein Schulmädchen, das sich gleich in die Hose macht - wenn Sie partout jemandem Angst machen wollen.«

Er ließ die Zeitschrift wieder sinken. Er nippte an seiner Bloody Mary. Sein Gesicht war hölzern, doch seine Augen flackerten unstet.

Ich stieß ein kehliges Lachen aus. »Sie und Ihre wirren Mordszenarien. Sie waren so clever, dass Sie sich um ein Haar selbst in die Gaskammer getrickst hätten,

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