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Der Extra Krimi-Koffer Juli 2016: Cassiopeiapress Thriller Sammelband

Der Extra Krimi-Koffer Juli 2016: Cassiopeiapress Thriller Sammelband

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Der Extra Krimi-Koffer Juli 2016: Cassiopeiapress Thriller Sammelband

Länge:
1.359 Seiten
15 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
4. Mai 2019
ISBN:
9783739656694
Format:
Buch

Beschreibung

Zehn Thriller von Alfred Bekker, Horst Weymar Hübner & A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1075 Taschenbuchseiten.

Zehn Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Zehn spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.
Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.


Dieses Buch enthält folgende zehn Krimis:
A. F. Morland: Der letzte Coup der Profi-Gang
Alfred Bekker: Der Kopf-Abhacker
A. F. Morland: Die letzte Zeugin schweigt
Alfred Bekker: Bluternte 1929
Alfred Bekker: Maulwurfjagd
Horst Weymar Hübner: Die Insel des roten Todes
Alfred Bekker: Central Park Killer
A. F. Morland: Angst bei der CIA
Alfred Bekker: Killer ohne Namen
A. F. Morland: Mugger, Mörder und Moneten
Herausgeber:
Freigegeben:
4. Mai 2019
ISBN:
9783739656694
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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Der Extra Krimi-Koffer Juli 2016

von Alfred Bekker, Horst Weymar Hübner & A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1075 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende zehn Krimis:

A. F. Morland: Der letzte Coup der Profi-Gang

Alfred Bekker: Der Kopf-Abhacker

A. F. Morland: Die letzte Zeugin schweigt

Alfred Bekker: Bluternte 1929

Alfred Bekker: Maulwurfjagd

Horst Weymar Hübner: Die Insel des roten Todes

Alfred Bekker: Central Park Killer

A. F. Morland: Angst bei der CIA

Alfred Bekker: Killer ohne Namen

A. F. Morland: Mugger, Mörder und Moneten

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Der letzte Coup der Profi-Gang

von A. F. Morland

Sie hatten Dinger gedreht, die sogar die Cops in Panik versetzten, aber was sie zum Schluss vorhatten, das ließ selbst Bount Reiniger das Blut zu Eis gefrieren ...

1

Es nieselte nun schon seit zwei Stunden. Mac Cesser rümpfte die Nase und sandte einen vorwurfsvollen Blick zum Himmel. „Scheißwetter, sagte er zu Abel Noon, seinem Beifahrer. „Immer wenn ich mit Sally ’ne kleine Spritztour vorhabe, pinkelt der Himmel. Langsam denke ich, dort oben hat einer was gegen mich.

Noon öffnete die Tür des flaschengrünen Lieferwagens und glitt auf den Beifahrersitz. Er war ein breitschultriger Bursche mit gutmütigen Augen. Cesser stieg auf der anderen Seite in den Wagen. Die nasse Straße war wie mit einem riesigen Besen leergefegt.

Als Cesser den Motor starten wollte, huschten - scheinbar aus dem Nichts kommend - zwei schemenhafte Gestalten auf den Lieferwagen zu. Die Türen wurden blitzschnell aufgerissen. Ehe Cesser und Noon richtig begriffen, was passierte, ließen die Gangster sie bereits in ihre großkalibrigen Kanonenmündungen starren.

„Los! Raus!", zischte einer der beiden Maskierten. Sie trugen Nylonstrümpfe über den Kopf, die ihre Gesichter zu seltsamen Fratzen verformten. Ihre Nasen waren plattgedrückt. Das Haar klebte an ihrem Schädel. Nässe glänzte auf ihren schwarzen Lederwesten.

Cesser schob sein kantiges Kinn vor. So leicht war er nicht einzuschüchtern. „Verdammt noch mal, was soll das?", blaffte er.

„Überfall!", zischte der Gangster.

„Das ist ein Überfall, falls du’s noch nicht gemerkt haben solltest, du Geistesblitz!"

„Bei uns gibt’s nichts zu holen!"

„Schnauze. Raus aus dem Wagen, oder es knallt!"

Noon wäre bereit gewesen, dieser Aufforderung nachzukommen, aber dann warf er Cesser einen schnellen Blick zu und erkannte, dass dieser nicht im Traum daran dachte, den Kerlen den Wagen widerstandslos zu überlassen. In derselben Sekunde handelten sie beide, als hätten sie es Hunderte Male geprobt. Sie schlugen die Waffen nach unten, warfen die Türen zu, Mac Cesser startete und ließ den Wagen mit einem mächtigen Satz davonschießen.

Mit dröhnendem Motor raste der grüne Lieferwagen die Straße entlang. Cesser warf einen Blick in den Rückspiegel. Er sah die Gangster immer kleiner werden und lachte sich von seiner Erregung frei.

„Diese Idioten! Was haben die gedacht, mit wem sie es zu tun haben?" Abel Noon fiel erleichtert in das Gelächter des Fahrers ein.

2

„Verdammt!", fauchte einer der beiden Maskierten.

„Wir hätten schießen sollen, Bill", knurrte der andere.

„Ich dachte, die beiden würden sich beim Anblick unserer Schießeisen in die Hosen machen."

„Jeder reagiert auf ’ne Kanone eben nicht so wie du."

„Was soll das heißen!", bellte Bill.

„Ach nichts. Sieh lieber zu, dass uns der Lieferwagen nicht durch die Lappen geht, sonst macht uns der Boss zur Sau."

Bill steckte seine Waffe weg und fingerte ein Walkie-Talkie aus der Lederjacke. Er drückte auf die Sprechtaste.

„Hank! He, Hank! Verdammt nochmal, so melde dich doch!"

„Ja, Bill?"

„Die Brüder haben Fersengeld gegeben. Wir konnten sie nicht festnageln. Jetzt seid ihr am Zug. Macht es besser!"

Hank lachte höhnisch. „He, wie habt ihr denn das Kunststück fertiggebracht? Ist es euch gelungen, den Typen einzureden, eure Pistolen wären mit Pralinen geladen?"

„Halt die Klappe und stopp den Wagen. Und unterlass in Zukunft diese Bemerkungen, sonst wirst du mich mal von meiner schlechtesten Seite kennenlernen."

„Liebe Güte, ich zittere förmlich vor Angst."

„Ach, leck mich am …" Bill steckte das Walkie-Talkie ein und riss sich wütend die Maske vom Gesicht.

3

„Dafür gebührt uns beiden ’ne Tapferkeitsmedaille, was?, sagte Mac Cesser aufgekratzt. „Wir werden Mr. Becker natürlich von diesem Vorfall erzählen. Wie ich den kenne, lässt er sich nicht lumpen und lässt ein paar nette Bucks als Belohnung zu uns rübertanzen. Immerhin haben wir Morphium im Wert von neunhunderttausend Dollar vor den Dreckspfoten der Ganoven gerettet. Das wird ihm garantiert ein paar schöne Scheine wert sein. Cesser klopfte lachend auf das Lenkrad. „Mensch, Abel, wir sind richtige Glückskinder. Vielleicht kann ich jetzt den tollen Eichenschrank kaufen, von dem Sally schon so lange träumt."

Abel Noon nickte mit einem breiten Grinsen.

Doch einen Augenblick später verging ihm dieses Grinsen. Ein Ausdruck namenlosen Schreckens breitete sich über seine Züge.

„Mac!, schrie er mit vollen Lungen. „Mac, pass auf!

Ein weißer Wagen schob sich von rechts auf die Fahrbahnmitte zu und blieb dann quer zur Fahrspur des Lieferwagens, der mit hoher Geschwindigkeit unterwegs war, stehen. Weder links noch rechts war genügend Platz, um an dem Fahrzeug vorbeizukommen.

„Ja, sind die denn wahnsinnig?", brüllte Abel Noon. Er stemmte seine Beine instinktiv gegen den Wagenboden. Mit den Händen stützte er sich auf dem Armaturenbrett ab. So erwartete er die Katastrophe, die seiner Meinung nach nicht ausbleiben konnte.

Mac Cesser nagelte das Bremspedal fest. Der Lieferwagen schlitterte mit blockierten Pneus über die spiegelnde Asphaltdecke. Cessers Finger waren um das Volant gekrallt. Die Knöchel traten weiß hervor. In seinen Augen stand Entsetzen. Auch er wusste, dass der Zusammenstoß nicht zu verhindern war. Er konnte nur noch hoffen, dass sich die Geschwindigkeit bis dahin so stark verringerte, dass der Aufprall keine tödlichen Folgen hatte.

Drei Männer sprangen aus dem weißen Wagen.

Cesser fuhr ein Eissplitter ins Herz, als er die Bernadelli-Maschinenpistolen sah, die die Verbrecher in ihren Händen hielten.

Und plötzlich war ihm eines erschreckend klar: So oder so - er schlitterte mit Abel Noon seinem sicheren Ende entgegen.

Entweder tötete ihn der Aufprall oder eine Garbe aus den MPis.

Eiskalter Schweiß brach ihm aus allen Poren. Er dachte an Sally, die er nie mehr wiedersehen würde. An die Belohnung, die er sich von John Becker, seinem Chef, erwartet hatte. Und alles glitt in eine schmerzende Bedeutungslosigkeit ab.

Der Lieferwagen kniete tief in den Federn.

Cesser hatte den Eindruck, sie würden ganz langsam, wie in Zeitlupe, auf den weißen Wagen zurutschen. So langsam, dass noch genügend Zeit war, die Tür aufzustoßen und hinauszuspringen. Er wollte es tun, aber er war wie gelähmt. Gebannt starrte er das Hindernis an, das ihm und seinem Beifahrer zum Verhängnis werden sollte.

Ein dumpfes, sattes Geräusch.

Mac Cesser und Abel Noon bissen die Zähne zusammen. Mit aller Kraft stemmten sie sich ab, doch die Wucht des Aufpralls war stärker als sie.

Sie wurden wie Strohpuppen nach vorn gerissen. Cesser spürte einen harten Schlag gegen das Brustbein. Das war die Lenksäule. Er schrammte mit dem Gesicht über den Seitenholm. Kein Schmerz. Ihm wurde nur schwarz vor den Augen.

Abel Noon durchstieß mit dem Kopf die Windschutzscheibe. Es prasselten glitzernden Glaskaskaden auf die Straße. Die Türen des Lieferwagens platzten auf. Abel Noon rutschte zur Seite und fiel auf die Fahrbahn. Ohne zu wissen, was er tat, kämpfte er sich auf die Füße. Er war blutüberströmt, doch der Schock ließ auch ihn keinen Schmerz fühlen. Wankend lief er zum Gehsteig. Torkelnd erreichte er ihn, und plötzlich fing er grell um Hilfe zu rufen an. Da zuckte der Lauf einer Bernadelli hoch. Ein kurzes Hämmern. Noon vollführte einen wilden Tanz und brach dann tot zusammen.

Die Schüsse weckten Cesser.

Verstört sah der Fahrer seinen Freund fallen.

„Mörder!, schrie er daraufhin mit Tränen in den fassungslos aufgerissenen Augen. „Ihr gottverdammten Mörder!

Er sprang aus dem Lieferwagen, aber er kam nicht weit. Die Einschläge einer Salve rannten hinter ihm her, erreichten ihn und streckten ihn nieder.

4

Die Zeitungen berichteten über dieses kaltschnäuzige Verbrechen mit zumeist reißerischen Artikeln, die je nach der allgemeinen Tendenz des Blattes eingefärbt waren. Man brachte Fotos vom Tatort. Es gab auch Bilder von Mac Cesser und Abel Noon, die sie fröhlich lächelnd zeigten. Ein Interview mit Captain Toby P. Rogers, dem gewichtigen Leiter der Mordkommission Manhattan C/II, wurde in mehreren Gazetten mit demselben Wortlaut abgedruckt und von Kommentatoren, die sich dazu berufen fühlten, zynisch zerpflückt.

Bount Reiniger hatte die meisten Blätter vor sich liegen und betrachtete soeben das wohlbekannte Gesicht seines Freundes Toby, das ihn aus einer Zeitung ansah, und er sagte nachdenklich: „Jetzt hast du mal wieder eine verdammt harte Nuss zu knacken, mein Lieber. Ich beneide dich nicht darum."

Er hörte die Vorzimmertür klappen.

June March war zurückgekehrt. Sie war von Staatsanwalt Billings zum Essen eingeladen gewesen. Sie hatte mit Freuden angenommen, denn erstens war der Staatsanwalt ein attraktiver Mann, und zweitens vermittelte ihr diese Einladung das Gefühl, in dem bevorstehenden Prozess, in dem sie als Zeugin der Anklage auszusagen hatte, für Billings ziemlich wichtig zu sein. Und vielleicht wollte sie gleichzeitig auch Bount eins auswischen, der mit ihr schon seit einer Ewigkeit nicht mehr ausgegangen war.

Außerdem gab es da noch diese verflixte Rothaarige, deren Namen June nicht einmal kannte, und bei der Bount garantiert schon zweimal über Nacht geblieben war ...

Eine Menge Gründe also, die Einladung des Staatsanwalts nicht auszuschlagen.

Aber die Sache schien nicht so gelaufen zu sein, wie June sich das vorgestellt hatte, das sah Bount gleich an ihrer gesäuerten Miene, als sie in sein Allerheiligstes trat.

Sie war blond, hübsch und sexy - aber im Moment sichtlich von den Männern enttäuscht.

„Wie war das Essen mit Billings?", erkundigte sich Bount und zündete sich eine Pall Mall an.

„Wir wollen es vergessen, okay?"

„War das Fleisch zäh?"

„Das Fleisch nicht, aber Billings. Er hat die ganze Zeit über nichts anderes als über die Verhandlung geredet, was ich sagen soll, wie ich mich anziehen soll, was ich besser nicht erwähnen soll. Wenn ich gewusst hätte, wie knochentrocken dieser Bursche ist, hätte ich einen Fasttag eingelegt. Das hätte meiner Figur gutgetan."

„Du hast eine hinreißende Figur", grinste Bount.

„Billings ist das bestimmt nicht aufgefallen, sagte June ärgerlich. Plötzlich fiel ihr etwas ein. Sie wies auf die Zeitungen. „Mein Gott, wo habe ich nur meinen Kopf? Ich war so sehr in Eile, dass ich ganz vergaß, dir einen Zettel auf den Schreibtisch zu legen. John Becker hat während deiner Abwesenheit angerufen.

Bount wies auf die Schlagzeilen. „Dieser John Becker?"

„Ja. Er bat mich, dir auszurichten, du möchtest so bald wie möglich zu ihm kommen."

„In sein Haus?"

June schüttelte ihre hübsche blonde Mähne. „In sein Büro. Tallman Boulevard 879."

Bount erhob sich. „Bin schon unterwegs."

5

Graue Wolken hingen über der Flushing Bay. Das Wasser sah aus wie altes Blei. Als Bount Reiniger sich aus seinem Mercedes 450 SEL faltete, brummte eine viermotorige Transportmaschine über seinen Kopf hinweg, direkt auf den gegenüberliegenden LaGuardia Airport zu.

Bount gab dem Wagenschlag einen leichten Schubs. Dann wanderte sein Blick über die ockerfarbene Fassade des pharmazeutischen Unternehmens, dem sein Besuch galt. Die Firma gehörte nicht John Becker allein.

Er hatte einen Partner namens Phil Palmer, wie Bount aus den Zeitungen erfahren hatte, und wenn man den Berichterstattern glauben durfte, dann war dieser Mr. Palmer ein ganz und gar unleidlicher Patron.

Bount hoffte, dass der Bursche nicht anwesend sein würde, wenn er sich mit Becker unterhielt.

Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht.

Ein mageres Mädchen geleitete den Privatdetektiv in Beckers Büro. Hier waren die Wände mit Mooreiche getäfelt. Auf dem Boden lag ein knöcheltiefer Spannteppich, kümmelfarben, und an den Wänden hingen abstrakte Malereien. Wäre der wuchtige Schreibtisch nicht gewesen, hätte man meinen können, in einen Livingroom zu kommen.

John Becker saß mit zwei Personen beisammen.

Ihre Unterhaltung stockte, als Bount hinter der Mageren eintrat.

Sechs Augenpaare musterten Bount Reiniger.

Ein Augenpaar gehörte einer jungen Frau, die das niedliche Gesicht einer Puppe hatte. Sie schien sich mit Zirkel und Lineal geschminkt zu haben. Jeder Strich und jeder Bogen war an Exaktheit nicht zu überbieten. Dadurch bekam das Antlitz allerdings einen starren, unnatürlichen Ausdruck, der an eine Maske erinnerte. Die Frau war rothaarig, hatte kleine Ohren und salzwasserblaue Augen. Ihr Hals war lang und weiß wie der eines Schwans. Sie saß im schwarzen Ledersessel so aufrecht, als hätte sie eine Besenstange verschluckt.

„Mr. Reiniger", sagte die Magere zu John Becker.

Dieser stand mit einem vitalen Ruck auf.

Er war schwer zu schätzen. Sein graues Haar verriet, dass er schon jenseits der Fünfzig sein musste, aber seine elastischen Bewegungen ließen ihn wesentlich jünger erscheinen. Er erweckte den Eindruck, ein Mann zu sein, der haargenau wusste, was er wollte, und dass er hartnäckig genug sein konnte, um sich in jeder Lage durchzusetzen. In dem dunkelblauen Anzug sah er noch schlanker aus, als er ohnedies war.

„Oh, Mr. Reiniger." Becker kam mit ausgestreckten Armen auf Bount zu.

Vorsicht, dachte dieser. Wenn du nicht aufpasst, küsst er dich auf beide Wangen.

„Mr. Becker", sagte Bount freundlich.

Sie schüttelten sich die Hand. „Darf ich Ihnen meinen Partner, Mr. Phil Palmer, und dessen Verlobte Miss Bella Jones vorstellen."

Bella warf Bount einen Blick zu, der ihn wissen ließ, dass sie von Privatdetektiven nichts hielt. Ihr Händedruck war kurz und kraftlos, und sie entzog ihm ihre Hand gleich wieder, als befürchte sie, sich schmutzig zu machen. Bount fand sich damit ab, dass Bella ihn nicht mochte. Aber man kann ja einfach nicht allen Menschen sympathisch sein.

Phil Palmer zog seine buschigen Brauen zusammen und ließ seinen Blick missbilligend an Bount auf und ab huschen. Er war mittelgroß, trug einen schlecht sitzenden Anzug, hatte eine verwelkte Nelke im Knopfloch und unregelmäßige Zähne, die vom vielen Rauch gelb waren.

„Sie sind also Bount Reiniger. Es klang höhnisch. „Wieso kommen Sie erst jetzt? John hat vor zweieinhalb Stunden bei Ihnen angerufen. Sind Sie überlastet?

„Meine Sekretärin hat vergessen, mich von dem Anruf zu unterrichten", gab Bount kalt zurück.

„So eine Sekretärin würde ich aber schleunigst gegen eine zuverlässigere Kraft auswechseln."

„Ich bin mit ihr zufrieden. Wir machen alle mal Fehler ..."

„Bitte, setzen Sie sich, Mr. Reiniger", sagte John Becker und machte eine einladende Geste.

Bount nahm in dem Sessel Platz, der Bella Jones gegenüberstand.

„Möchten Sie etwas trinken?", fragte Becker.

„Danke, nein, erwiderte Bount. Er warf Palmer einen durchdringenden Blick zu und sagte anzüglich: „Wenn wir jetzt gleich zur Sache kommen, können wir etwas Zeit wieder wettmachen.

Palmer schob sich eine dicke Zigarre zwischen die Zähne, zündete sie an, paffte mehrmals, betrachtete dann angelegentlich die Glut und brummte: „Die Sache sieht so aus, dass ich der Meinung bin, dass John Sie nicht herzubemühen brauchte."

Becker massierte seine Hände. „Bitte, Phil, fang jetzt nicht wieder damit an!"

„Ich habe ein Recht, hier meine Meinung zu sagen, John!, fuhr Palmer seinen Partner an. „Schließlich gehören mir neunundvierzig Prozent dieses Unternehmens, wenn ich dich daran erinnern darf.

„Das hast du mir weiß Gott schon oft genug gesagt!"

„Dann merke es dir endlich, mein Lieber. Du kannst hier nicht selbstherrlich Entscheidungen treffen. Was immer diesen Betrieb angeht - ich habe dabei mitzureden. Und ich denke nicht daran, mir dieses Recht von dir streitig machen zu lassen! Becker warf Bount einen verlegenen Blick zu. „Phil, wir wollen uns nicht in Mr. Reinigers Gegenwart zanken, okay?

„Warum nicht? Reiniger soll sehen, dass wir beide nicht ein Herz und eine Seele sind. Ich fände es falsch und verlogen, wenn wir ihm eine heile Welt vorgaukeln würden, die in Wirklichkeit nicht existiert."

„Phil, wir haben Probleme ..."

„Die wir auch ohne die Hilfe eines Privatdetektivs lösen können!, fiel Palmer seinem Partner ins Wort. „Verdammt noch mal, ich sehe nicht ein, weshalb wir Reiniger eine Menge Geld in den Rachen schmeißen sollen. Bount Reiniger ist nicht billig ...

„Er leistet etwas für sein Geld. Palmer winkte ab. „Das tut die Polizei auch, und die wurde von uns bereits im Voraus mit unseren Steuern bezahlt. Doppelte Ausgaben halte ich für eine reine Verschwendung, die uns letztlich doch nichts einbringen. Becker schoss eine Zornwelle ins Gesicht. „Herrgott noch mal, du weißt, dass ich’s nur ungern tue, aber wenn es unbedingt sein muss, dann werde ich dich mit der Nase darauf stoßen: Okay, dir gehören neunundvierzig Prozent dieser Firma. Der Rest gehört aber mir, und das sind nicht weniger als einundfünfzig Prozent. Für den Fall, dass du deinen Taschenrechner nicht bei der Hand hast, möchte ich dir hiermit mit aller Deutlichkeit klarmachen, dass das um ganze zwei Prozent mehr sind. Palmer zog die Mundwinkel verächtlich nach unten. „Lächerliche zwei Prozent!

„Somit habe ich um zwei Prozent mehr in dieser Firma zu sagen als du!, knurrte Becker. „Und ich sage, dass Mr. Reiniger engagiert wird - vorausgesetzt, dass er annimmt. Palmer sah Bount grinsend an. „Nun sehen Sie sich diesen sturen Schädel an. Immer wenn es hart auf hart geht, reitet er auf seinen dämlichen zwei Prozent herum. Bleibt mir nur noch zu hoffen, dass Sie an dem Job nicht interessiert sind."

Bount hätte den Auftrag selbst dann angenommen, wenn Becker ihm keinen Cent Honorar hätte zahlen können, bloß um Phil Palmer zu ärgern. Er grinste. „Sehen Sie, Mr. Palmer, es gibt Fälle, an denen ein Privatdetektiv einfach nicht vorbeigehen sollte ..."

„Ach, und Sie meinen, dies wäre solch ein Fall?"

„Ja. Immerhin mussten zwei Menschen ihr Leben lassen."

„Das ist natürlich äußerst bedauerlich, aber sind Sie in der Lage, solche Dinge ungeschehen zu machen?"

„Das nicht, aber ich kann mit dafür sorgen, dass die Schuldigen ihrer gerechten Strafe zugeführt werden."

„Sie gehören wohl auch zu jenen Leuten, die der Meinung sind, ohne sie geht es nicht und die Polizei besteht aus lauter Idioten, wie?", spottete Bella Jones.

„Absolut nicht. Ich bin lediglich der Auffassung, dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden sollten, wenn es darum geht, das Verbrechen in dieser Stadt zu bekämpfen, Miss Jones. Und ich halte mich für eine von vielen Möglichkeiten."

„Oh, wie bescheiden", höhnte die Rothaarige.

Bount zuckte mit den Achseln. „Ich kenne meine Grenzen."

Die feindselige Haltung, die Bella Jones und Phil Palmer dem Privatdetektiv entgegenbrachten, konservierte sich. Es störte Bount nicht weiter, dass er die beiden nicht für sich gewinnen konnte. John Becker hatte ihn hierhergebeten, und er war gekommen. Deshalb war ausschließlich John Becker der Mann, mit dem er zu verhandeln gedachte. Bella und ihren Verlobten ignorierte er, und wenn von ihrer Seite irgendeine bissige Bemerkung, ein giftiger Widerspruch oder ein lautstarker Protest kam, überging er das, als hätte er es nicht gehört.

Ganz klar, dass das die beiden noch mehr gegen ihn aufbrachte.

Aber Bount hatte eine dicke Haut.

Und einen breiten Buckel, den sie ihm hinunterrutschen konnten.

Becker erwähnte den Verlust des Morphiums, wodurch der Firma ein Schaden von 900.000 Dollar erwuchs. Der Pharmazeut war der Ansicht, dass die Gangster mit der gefährlichen Droge in der jetzigen Form kaum etwas anfangen konnten.

Bount überlegte. „Kann sein, dass man Ihnen einen Rückkauf vorschlagen wird."

„Neunhunderttausend Dollar!, schrie Phil Palmer dazwischen. „Das kommt doch überhaupt nicht infrage!

„Wären Sie in der Lage, das Geld für den Rückkauf aufzubringen, Mr. Becker?", fragte Bount, ohne Palmer eines Blickes zu würdigen.

„Nun ja ...", begann dieser.

Und Palmer wetterte: „Ich sage Ihnen, dass es niemals zu einem Rückkauf kommen wird, Mr. Reiniger. Das werde ich zu verhindern wissen. Wir pfeifen auf das Morphium, das uns die Gangster geraubt haben. Sollen sie damit tun, was sie wollen. Der gesamte Inhalt des Lieferwagens war versichert, also wird es Sache der Versicherungsgesellschaft sein, uns zu entschädigen. Die paar Kröten, die uns die Geschichte letztlich effektiv kosten wird, können wir verschmerzen."

John Becker leckte sich nervös die Lippen. „Phil, wenn wir einem Rückkauf nicht zustimmen, werden diese Gangster mit dem Morphium die Stadt überschwemmen, viele Menschen werden daran zugrunde gehen."

„Menschen, die selbst daran schuld sind, sagte Palmer hartherzig. „Wer keine Droge kauft, den kann sie auch nicht umbringen.

Becker schluckte trocken. „Phil, ich denke, ich muss dir jetzt etwas verdammt Unangenehmes sagen."

„Das tust du doch heute schon den ganzen Tag."

„Die Versicherung wird keinen müden Dollar herausrücken."

Phil Palmer lachte grell auf. „Das sollen die Brüder mal versuchen, dann mache ich ihnen ein Feuer unter den Hintern, das sie nie mehr vergessen!"

„Du würdest nicht die geringste Handhabe gegen sie haben, Phil."

„Das möchte ich doch mal sehen. John Becker räusperte sich. „Phil, es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber ... Nun ja, es ist nun mal nicht mehr zu ändern ...

„Was stotterst du da herum? Warum sagst du nicht klipp und klar, was los ist? Du bist doch sonst nicht so zimperlich."

„Phil, die Ladung war nicht versichert."

Für einen Moment herrschte Totenstille im Raum. Palmer wäre beinahe die Zigarre aus dem Mund gefallen. Er erwischte sie gerade noch mit zwei Fingern. Seine Augen versuchten, Becker zu erdolchen. „Was sagst du da? Mensch, John, das kann doch nur ein schlechter Scherz sein. Verdammt noch mal, gib zu, dass du einen Witz gemacht hast. Zum Teufel, gib es doch endlich zu, damit ich darüber lachen kann."

Becker seufzte geplagt und schüttelte langsam den Kopf. „Es tut mir leid."

„Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?, brauste Phil Palmer gereizt auf. „Dass es dir leid tut? Herrgott noch mal, träume ich, oder ist das alles furchtbare Wahrheit! Wieso war die Ladung nicht versichert, John?

„Ich glaube, wir sollten vor Mr. Reiniger offen reden."

„Rede! Rede!, schrie Palmer. Er stieß die Zigarre in den Ascher und holte sich einen Bourbon. „Nun rede endlich!

„Unser Unternehmen befindet sich seit einem halben Jahr in den roten Zahlen", sagte Becker zu Bount.

„Ein vorübergehendes Tief, sagte Palmer. „Bedingt durch die weltweite Rezession. Noch lange kein Grund, zum Strick zu greifen und sich aufzuhängen!

„Die schlechte finanzielle Lage unserer Firma hat mich veranlasst, über Sparmaßnahmen nachzudenken, fuhr John Becker fort. „Ein Betrieb von dieser Größenordnung hat eine Menge überflüssiger Ausgaben, und wenn man den Rechenstift zur Hand nimmt, kann man in vielen Bereichen erstaunliche Summen einsparen. Becker sah Palmer kurz an. „Seit Jahr und Tag sind unsere Lieferwagen in dieser Stadt unterwegs, Phil. Wir mussten jedes Mal einen Haufen Geld an die Versicherung bezahlen, ohne dass sie jemals zu einer Gegenleistung verpflichtet war. Seit Bestehen unserer Firma ist unseren Lieferwagen niemals etwas zugestoßen. Lieber Himmel, wie konnte ich denn wissen, dass ausgerechnet diesmal ... Ich dachte, wir könnten uns diese Ausgabe ersparen."

Palmer schüttelte fassungslos den Kopf. „Nicht versichert. Die Ladung war nicht versichert. John, du bist das größte Rindvieh, das mir jemals unter die Augen gekommen ist!"

Bount wollte wissen, womit John Becker das geraubte Morphium zurückkaufen wollte, wenn sich das Unternehmen in den roten Zahlen befand.

„Wir haben vor vier Jahren, als die Firma noch hohe Gewinne erzielte, eine Art Katastrophenfonds angelegt, sagte Becker. „Das geschah natürlich vor allem aus steuertechnischen Gründen, denn Phil und ich hofften, dass es niemals zu einer wirklichen Krise kommen würde.

„Und nun ist sie da!", murrte Palmer ätzend.

„Wie viel Geld befindet sich im Fonds?", wollte Bount Reiniger wissen.

„Fünfhunderttausend", sagte Becker.

„Gibt es sonst noch Kapital, über das Sie verfügen können?"

„Nein."

„Wie wollen Sie das Morphium dann zurückkaufen?", fragte Bount.

„Wenn wir Glück haben, begnügen sich die Gangster damit."

„Und wenn nicht?"

„Dann, sagte John Becker seufzend, „können wir zusperren.

6

Da hatte er’s nun. Der Fall, um den er Toby Rogers nicht beneidet hatte, hing nun auch an seinem Hals. Bount hatte Becker ein paar Tipps gegeben, wie er sich verhalten musste, falls sich die Gangster mit ihm in Verbindung setzen sollten. Vor allem hatte er John Becker geraten, alle diesbezüglichen Anrufe auf Band aufzuzeichnen und ihn umgehend zu informieren, wenn die Verbrecher ihn kontaktierten. Becker hoffte, sollte es zu Forderungen von Seiten der Ganoven kommen, den Preis für das Morphium auf fünfhunderttausend Dollar drücken zu können.

Doch er hoffte nicht nur das.

Vor allem hoffte er, dass Bount Reiniger ihm das bezahlte Geld wieder auf den Cent genau zurückbringen würde. Er war sehr zuversichtlich, dass Bount dazu in der Lage war. Und Bount Reiniger wollte nichts unversucht lassen, um den Gangstern das Morphium wieder abzujagen.

Er kehrte in sein Büro zurück und besprach sich mit June March, die nicht nur seine Sekretärin, sondern vor allem auch Detektiv-Volontärin war, was bedeutete, dass Bount sie nicht nur für die trockene Schreibtischarbeit heranziehen durfte, sondern sie auch in den wesentlich würzigeren Außendienst stecken musste. Dass er dabei darauf achtete, dass June während der Ausübung ihrer Tätigkeit keinen allzu großen Gefahren ausgesetzt war, verstand sich von selbst.

Sehr zum Leidwesen des quirligen Mädchens, das ganz gern ein bisschen mehr Verantwortung gehabt hätte.

Bount und seine hübsche Assistentin schwärmten fünfundvierzig Minuten später aus, um erste Erkundigungen einzuholen.

June bekam wieder einmal den Leichtdienst zugeteilt, während Bount Reiniger sich den Morast der Stadt vornehmen wollte.

Bount Reiniger stoppte seinen silbergrauen SEL in der Nähe der Triborough Bridge. Er blickte zum dunklen Grün des Ward’s Island Parks hinüber, der sich an das Manhattan State Hospital schloss, und er versuchte, sich daran zu erinnern, wann er zum letzten Mal dort drüben auf einer Bank gesessen, die Beine von sich gestreckt und einfach nichts getan hatte. Eine Ewigkeit musste das her sein.

Er marschierte los.

Unter der Brücke, im schwarzgrauen Schatten, lungerten ein paar üble Typen herum.

Als sie merkten, dass Bount auf sie zukam, stieß einer von ihnen einen schrillen Pfiff aus. Dann kam Bewegung in die Ratten. Sie flitzten davon, so schnell sie konnten. Jeder von ihnen hatte mehr Dreck am Stecken als die Polizei erlaubte, deshalb erschien es ihnen angeraten, das Weite zu suchen, wenn ein Gesicht auftauchte, das sie nicht kannten. Es konnte immerhin ein Bulle sein.

Bount entschied sich blitzschnell für einen von ihnen.

Er sprintete los.

Mit langen Sätzen jagte er hinter dem Burschen her. Der Kerl war knochendürr, die blaue Nylonjacke - sie sah aus wie eine zerknüllte Papiertüte - flatterte um seinen schmächtigen Körper, während die verfilzte Afro-Look-Frisur bei jeder Bewegung wippte.

Bount holte auf.

Der Junge warf einen gehetzten Blick über die Schulter, sah, dass er den Fremden auf seinen Fersen hatte, mobilisierte seine Kraftreserven und warf sich in das dichte Zweigwerk der Büsche. Die Blätterwand tat sich kurz auf und verschluckte das Knochengerüst. Hinter ihm klatschten die Zweige wieder zusammen.

Drei Sekunden später war Bount bei den Büschen.

Er hörte den Körper des Jungen durch die Zweige schleifen und folgte ihm mit forciertem Tempo. Wild schlug er die Zweige zur Seite. Einige davon klatschten ihm wie Peitschen ins Gesicht. Er achtete nicht darauf, kam an den Burschen auf Armlänge heran, erwischte die magere Schulter des Knabe, und riss ihn herum.

„He, Moment mal, nicht so hastig!", keuchte Bount Reiniger.

Der Junge stolperte über seine eigenen Beine und fiel. Mit furchtgeweiteten Augen rappelte er sich wieder hoch. „Ich ... ich habe nichts getan! Ich bin sauber! Lassen Sie mich in Ruhe!"

Bount packte mit festem Griff die Jacke. Er riss den Jungen an sich. „Dein Gewissen ist so rein wie das eines neugeborenen Babys, ich weiß."

„Das stimmt. Das stimmt!"

„Warum bist du dann so schnell davongerannt, dass du beinahe die Absätze verloren hast?"

„Ich mag keinen Ärger."

„So, magst du nicht."

„Außerdem haben die andern gesagt, ich soll laufen."

„Tust du immer, was man dir sagt?"

„Warum nicht? Ist das verboten?"

„Angenommen, einer sagt, du sollst aus dem vierten Stock auf die Straße springen. Machst du das auch?"

„Was wollen Sie von mir?"

„Nur eine kleine Auskunft. Du kannst schon wieder aufhören zu zittern. Ich werde dir nichts anhängen. Dafür sagst du mir, wo ich Sonny Moreno finde, okay? Bount griente. „Du weißt doch: Eine Hand wäscht die andere.

Der Junge versuchte sich dumm zu stellen. „Sonny Moreno?"

„Der Dealer. Sag jetzt bloß nicht, du kennst ihn nicht, denn damit würdest du mich maßlos ärgern. Die Triborough Bridge ist sein Revier."

„Sonny war heute noch nicht hier."

„Hör mal, ich will von dir nicht wissen, wo Sonny nicht ist!", sagte Bount schroff. Sein Griff wurde fester. Die Jacke zog sich um den Körper des Jungen zusammen.

„Sie tun mir weh!", gurgelte der Magere.

„Ich bin untröstlich. Soll ich dir verraten, was dir gleich noch alles passieren wird, wenn du nicht bald antwortest?"

„Wie soll ich denn wissen, wo Sonny steckt?", jammerte der Junge.

„Du weißt es, ich bin ganz sicher."

„Vielleicht ist er im Randall’s Island Park."

„Wo genau?"

„Möglicherweise beim Stadion."

Bount ließ den Jungen grinsend los. „Na also, sagte er zufrieden. „Warum nicht gleich?

Der Dürre blickte Bount flehend an. „Wenn ... wenn Sie Sonny sagen, dass Sie den Tipp von mir bekommen haben ..."

„Dann macht er dich zum Bluter, was?"

„Ja."

„Na schön, dann werd’ ich’s ihm verheimlichen."

Dem Jungen polterte ein riesiger Stein vom Herzen.

7

Bount Reiniger hatte Sonny Moreno bereits einmal etwas nachweisen können, seither hatte der Bursche mit den lackschwarzen Haaren und dem wüsten Dschingis-Khan-Bart großen Respekt vor ihm. Im Stadion lief die Generalprobe für ein großes Sportfest, das am kommenden Wochenende über die Bühne gehen sollte. Mit Feuerwerk und Fackelzug. Mit zahlreichen namhaften Sportlern. Unter dem Ehrenschutz des Bürgermeisters von New York - und wenn nichts dazwischenkam, wollte sogar der Vizepräsident der Vereinigten Staaten dabei sein.

Sonny Moreno hockte unter einem Baum im Gras und zählte Geldscheine, als Bount hinter ihn trat.

„Na, Sonny, wie gehen die dreckigen Geschäfte?"

Moreno flitzte mit einem heiseren Aufschrei hoch. Ein paar Dollar flatterten zu Boden. Er bückte sich hastig und hob sie auf. Nervös stopfte er die Banknoten in seine Hosentasche.

„Mr. Reiniger!, stieß der Dealer heiser hervor. „Großer Gott, haben Sie mich erschreckt.

Bount grinste. „Das war meine Absicht."

Moreno wischte sich die Hände an den Jeans trocken und wies dann auf das Stadion. „Möchten Sie sich die Generalprobe ansehen?"

Bount schüttelte den Kopf. „Ich bin deinetwegen hier, Sonny."

„Lieber Himmel, Sie machen mir Angst ..."

„Damit wird eine Schmeißfliege wie du schon irgendwie fertig. Sonny Moreno starrte Bount furchtsam in die Augen. „Sie ... Sie wollen mich schon wieder hochgehen lassen?

„Kann sein."

„Aber warum denn?"

„Das fragst du noch? Du gottverdammter Parasit kommst hierher und machst dein mieses Geschäft mit diesen jungen Leuten, die hier Sport betreiben."

„Sie wissen genauso gut wie ich, dass jemand anders das Geschäft machen würde, wenn ich es nicht täte."

„Deshalb habe ich ja auch nicht nur gegen dich, sondern gegen alle Dealer was. Was würde wohl passieren, wenn ich dich jetzt hochnehmen und kräftig schütteln würde, hm? Wie viel Stoff würde dann wohl aus deinen Kleidern fallen? Glaubst du, dass es ausreichen würde, um dich für einige Zeit hinter Schwedische Gardinen zu bringen?"

„Meine Güte, der Mensch muss doch von was leben, Mr. Reiniger."

„Warum versuchst du’s nicht mal mit anständiger Arbeit?", fragte Bount.

„Das hab’ ich ja. Es ist doch kein vernünftiger Job zu kriegen."

„Das ist noch lange kein Grund, diesen jungen Leuten die Möglichkeit zu bieten, mit dem verdammten Zeug, das du verhökerst, Selbstmord zu begehen."

„Es zwingt sie ja keiner dazu. Sie tun es alle freiwillig."

Bount seufzte. „Das ist ja das Verrückte an der Sache."

„Wer hat Sie auf mich angesetzt, Mr. Reiniger?"

„Niemand. Ich bin von selbst auf dich gekommen."

„Manche Menschen haben ihr Leben lang immer nur Pech. Ich gehöre zu ihnen."

„Mir kommen gleich die Tränen, sagte Bount spöttisch. „Hör zu, Kamerad, ich bin vielleicht bereit, ein Auge zuzudrücken ...

Dieser Lichtblick ließ Sonny Moreno wieder hoffen. „Ja?, sagte er erwartungsvoll. „Ja?

„Du bist doch ziemlich dick drin in der Branche."

Moreno schwächte mit einem verlegenen Lächeln ab. „Dick ist ein bisschen übertrieben, Mr. Reiniger."

„Halt’s Maul und hör zu."

„Okay, nickte Sonny Moreno hastig. „Okay, Mr. Reiniger.

„Ist dir was von einem Schub Morphium zu Ohren gekommen?"

„In welcher Größenordnung?"

„Ziemlich groß. Neunhunderttausend Dollar."

Moreno pfiff durch die Zähne. „Ich glaube, ich weiß, wovon Sie sprechen."

„Ich war schon immer der Meinung, dass dein Intelligenzquotient über dem eines Schweins liegt, gab Bount feixend zurück. „Hast du eine Idee, wer das Ding gedreht haben könnte?

„So etwas wird nicht an jeder Straßenecke hinausposaunt."

„Das nicht, aber es wäre immerhin möglich, dass es in den Rattenlöchern, in denen du dich herumtreibst, die Runde macht."

Moreno schüttelte den Kopf. „Nichts gehört."

„Was nicht ist, kann noch werden, erwiderte Bount. „Ich möchte, dass du dich an mich erinnerst, wenn in den nächsten Tagen von Morphium die Rede ist. Sollte ich dahinterkommen, dass du meinem Wunsch nicht entsprochen hast, sorge ich persönlich dafür, dass man dir mal wieder den Hahn zudreht. Alles klar?

Sonny Moreno wischte sich die kleinen Schweißtröpfchen von der Stirn und ächzte: „Ich denke, das war deutlich genug, Mr. Reiniger."

8

June Marchs Aufgabe war es, in erster Linie so viel wie möglich über Bella Jones und Phil Palmer herauszubekommen. Bount wollte es nicht richtig eingehen, dass die beiden in John Beckers Büro gar so viel Stimmung gegen ihn gemacht hatten. Ob da mehr dahintersteckte, als eine bloße Abneigung gegen Privatdetektive beziehungsweise gegen Reinigers Person? Möglicherweise gelang es June, einen diesbezüglichen Schleier zu lüften.

Während Bounts Mitarbeiterin die ihr übertragene Aufgabe so gewissenhaft wie möglich zu erledigen versuchte, kreuzte Bount Reiniger bei Jason Seilers in Manhattan Süd auf.

Seilers’ Haut war dunkelbraun, fast schwarz, und wenn er lächelte, entblößten seine wulstigen Lippen perlweiße Zähne, die in einem gesunden, rosigen Zahnfleisch steckten.

Jason Seilers war Bewährungshelfer.

Sein Office war klein und schäbig und mit alten Möbeln eingerichtet, doch das störte Seilers wenig. Er pflegte zu sagen: „Mit schönen Möbeln und teuren Tapeten kann ich den armen Schweinen, die zu mir kommen, nicht helfen. Im Gegenteil, die würden denken, ein Kerl, der inmitten eines solchen Luxus arbeitet, hätte kein Interesse, irgendetwas für sie zu tun."

Als Bount den kleinen Raum betrat, fing Seilers’ Gesicht zu strahlen an. Er telefonierte gerade, nickte Bount freundlich zu und wies auf den Besucherstuhl. Bount Reiniger nahm Platz.

Seilers kam zu einem Ende. „Pass auf, Tony. Ich finde, wir sollten uns darüber mal in aller Ruhe unterhalten ... Nein, nicht in meinem Büro ... Wie? Ja. Schlag du einen Treffpunkt vor. Mir ist jeder Ort recht ... Okay. Und wann? ... Einverstanden. Versuch pünktlich zu sein, Junge. Du weißt, dass ich in permanenter Zeitnot bin. Schließlich bist du nicht das einzige Schäfchen, um das ich mich zu kümmern habe. Der Bewährungshelfer ließ den Hörer in die Gabel klappern und streckte Bount dann die Hand über den Schreibtisch entgegen. „Freut mich, dass Sie mal wieder bei mir hereinschauen, Bount.

„Wie geht’s, Jason?"

„Die Arbeit wächst mir allmählich über den Kopf. Aber solange mich die Bürde nicht erdrückt hat, gebe ich nicht auf."

„Eine lobenswerte Einstellung. Die Jungs, die Sie unter Ihrer Obhut haben, können sich alle zehn Finger ablecken ..."

„Irgendjemand muss sich schließlich um sie kümmern. Kann ich was für Sie tun, Bount?"

„Vielleicht. Zigarette?" Bount holte seine Pall Mall Packung aus dem Jackett und klopfte die Stäbchen hoch.

Jason Seilers wehrte mit beiden Händen ab. „Führen Sie mich nicht in Versuchung. Ich hab’ das Rauchen vor drei Wochen aufgegeben."

Bount grinste. „He, Mann, was haben Sie vor? Möchten Sie, dass man Sie heilig spricht? Er steckte die Zigaretten wieder weg, rauchte aus Rücksicht ebenfalls nicht, und begann von dem Überfall auf den Lieferwagen der pharmazeutischen Firma zu erzählen. Nachdem er geendet hatte, lächelte er dünn. Er hob die Schultern und meinte: „Ich dachte, vielleicht können Sie herausbekommen, wer den Coup gelandet hat. Sie haben mit einer Menge Jungs zu tun, die immer noch über einen heißen Draht in die Unterwelt verfügen.

Seilers nickte ernst. „Ich bin sehr froh darüber, dass Sie zu mir gekommen sind. Ich stehe schon seit Langem in Ihrer Schuld, und es würde mich freuen, wenn ich diesmal etwas für Sie tun könnte, damit unsere Beziehung etwas von ihrer Einseitigkeit verliert. Ich werde mich mit ein paar Freunden unterhalten, die mir zu Dank verpflichtet sind. Vielleicht kriege ich etwas aus ihnen heraus, das Sie in Ihrem Fall weiterbringt."

Bount lächelte dankbar. „Mehr kann ich wirklich nicht von Ihnen verlangen, Jason."

9

Captain Toby Rogers saß an einem Schreibtisch, der über und über mit Papierkram bedeckt war. Protokolle, Notizen, Berichte ... Ein heilloses Durcheinander, in dem trotz allem System steckte - was man bei diesem chaotischen Anblick niemals angenommen hätte. Als Bount Reiniger das Büro des leicht übergewichtigen Leiters der Mordkommission betrat, kramte dieser gerade in einem dicken Papierwust herum und fetzte aus dem kleinen Gebirge mit verdrossener Miene ein Blatt heraus, das von oben bis unten mit eng zusammenstehenden Schreibmaschinenzeilen bedeckt war.

„Salve, Häuptling", sagte Bount.

„Ah, Bount. Es klang nicht begeistert. „Kommst du, um mitzuerleben, wie dein Freund in seiner Arbeit ertrinkt?

Bount setzte sich auf den Besucherstuhl und schlug die Beine übereinander. Er gab dem Captain eine Zigarette und verlangte dafür einen Whisky. Toby tauchte unter die Schreibtischplatte und zog die unterste Lade heraus. Als er wieder hochkam, war sein Kopf gerötet, und in seinen mächtigen Pranken hielt er zwei Gläser und eine Whiskyflasche, von der kaum noch der Boden bedeckt war.

Bount wies auf den Schnaps. „Wie willst du damit zwei Gläser vollkriegen?"

„Nimm, was du kriegst und meckere nicht. Du bist hier schließlich nicht in einer Kneipe."

Sie rauchten und benetzten ihre Lippen. Für mehr reichte der Whisky nicht. Anschließend sprach Bount Reiniger über den Grund seines Kommens. Toby Rogers' Stirn bedeckte sich mit Sorgenfalten.

„Das ist ein Fall, bei dem ich graue Haare, ein Dutzend Magengeschwüre und - wenn’s ganz schlimm kommt - auch noch ein paar Gallensteine bekommen werde", prophezeite der Captain.

„Wo steht ihr mit euren Ermittlungen?", erkundigte sich Bount.

„Etwa da, wo wir begonnen haben, knirschte Toby. „Es ist wie verhext. Was meine Männer auch immer unternehmen, sie geraten ständig schon nach wenigen Schritten in eine Sackgasse. Keine Spur vom Lieferwagen, keine Spur natürlich auch vom Morphium. Das Einzige, was wir haben, sind zwei Leichen - und die Kugeln, mit denen sie vollgepumpt waren. Geschosse aus Bernadelli Maschinenpistolen.

„Irgendwelche Augenzeugen?", fragte Bount.

Toby schüttelte den Kopf. „Jedenfalls keine, die bereit wären, mit uns darüber zu reden. Der Captain atmete tief ein. „Du kennst das ja. Die Leute haben Angst. Ihnen fehlt der Mut zu sagen, dass sie den Überfall mit angesehen haben. Sie befürchten, dass ihnen daraus Schwierigkeiten erwachsen könnten, vor denen sie die Polizei nicht schützen kann. Deshalb stecken sie den Kopf lieber in den Sand und behaupten, blind und taub zu sein. Dabei kannst du es bei einigen von ihnen in den furchtvollen Augen sehen, dass sie etwas wissen, das dir vielleicht weiterhelfen würde, aber krieg’s aus ihnen heraus - es ist unmöglich.

Bount berichtete dem Freund, was er inzwischen unternommen hatte. Er sprach auch über Phil Palmer und dessen Verlobte Bella Jones. Auch Toby war der Ansicht, dass die beiden auf den Raubüberfall nicht so reagiert hatten, wie es eigentlich die Regel hätte sein sollen. Aus diesem Grund hatte Rogers beschlossen - genau wie Bount -, sich den persönlichen Background der beiden genauer anzusehen.

Bount erwähnte die Möglichkeit, dass die Gangster, die sich das Morphium unter den Nagel gerissen hatten, die Droge zum Rückkauf anbieten könnten.

Toby schürzte nachdenklich die Lippen. „Das kann in meinen Augen lediglich eine von vielen Theorien sein, Bount."

„Warum nicht mehr?"

„John Becker ist der Auffassung, dass die Verbrecher mit der Droge in der jetzigen Form kaum etwas anfangen können ..."

„Das ist richtig."

„Deshalb hoffst du auf ein Rückkaufangebot."

Bount nickte. „So ist es."

„Die Tatsache, dass diese Kerle den Fahrer und den Beifahrer eiskalt abgeknallt haben, lässt mich annehmen, dass wir es hier mit kaltschnäuzigen Profis zu tun haben. Diese Annahme wird meiner Auffassung nach dadurch bestärkt, dass es uns nicht möglich ist, uns an die Brüder heranzutasten ... Profis haben - da erzähle ich dir nichts Neues - eine Menge zwielichtige Fachleute an der Hand, an die sie das Morphium zur Bearbeitung weiterreichen können. In vier bis fünf Tagen könnte das für den Handel aufbereitete Zeug auf der Straße sein. Ein paar Stunden später wäre es theoretisch möglich, dass die Kollegen von der Narcotic Squad bereits die ersten Typen aufgreifen, die von John Beckers Droge high sind. Toby Rogers hob die fleischigen Schultern. „Ich will dir ja die Hoffnung nicht nehmen, Bount, aber auf dieses Rückkaufangebot würde ich mich an deiner Stelle nicht allzu sehr verlassen. Du könntest dabei unter Umständen eine herbe Enttäuschung erleben.

10

Sie trafen sich um 19.00 Uhr in Musi’s Bar & Grill. Der kleine Armenier-Türke mit der olivfarbenen Haut bediente die willkommenen Gäste persönlich, und als June March und Bount Reiniger beim Nachtisch angelangt waren, schlüpfte das blonde Mädchen mit einer schmerzlichen Miene aus den hochhackigen Pumps. „Ich halt’s einfach nicht mehr aus", stöhnte Reinigers Assistentin entschuldigend.

Bount schmunzelte. „Tu dir keinen Zwang an. Wir sind hier ja so gut wie zu Hause. Darf ich dich jetzt um deinen Bericht bitten."

Die Detektiv-Volontärin blätterte kurz in ihrem kleinen roten Notizbüchlein und begann dann: „Bella Jones ist die Tochter eines texanischen Erdölarbeiters und einer kanadischen Sängerin ..."

„Eine außergewöhnliche Mischung", bemerkte Bount.

„Die Verbindung der Eltern hielt ganze zwei Jahre, dann ging sie in die Brüche. Bella zog mit ihrer Mutter durch die Lande. Ganz Nordamerika haben die beiden bereist. Bellas Mutter war keine Sensation, deshalb musste sie sich mit drittklassigen Engagements begnügen. Der Alkohol und das Rauschgift ließen die Frau immer tiefer sinken. Als sie im Keller anlangte, war Bella dreizehn. Ihre Mutter war kaum noch in der Lage zu arbeiten, brauchte - um Drogen zu kaufen - immer mehr Geld, und so kam sie eines Tages auf die Idee, ihre Tochter zu verkuppeln. Als sie fünfzehn war, starb ihre Mutter. Sie fing dann an, als Stripperin zu arbeiten, tingelte quer durch die Staaten, in Richtung Hollywood. Bella schien schließlich doch noch Glück zu haben: Sie erwischte in Santa Monica einen Industriellen, der jedoch drei Monate später an einer unheilbaren Krankheit starb. Aber sie hatte auf den Mann soviel Eindruck gemacht, dass er sie in seinem Testament mit einer größeren Summe bedachte. Dieses Geld gab sie Phil Palmer, damit er es in John Beckers pharmazeutisches Unternehmen steckte ... Musi kam, um die leeren Nachtischschüsseln abzuservieren. „Hat’s geschmeckt?, fragte er mit einem freundlichen Lächeln, das von seinem rabenschwarzen Schnauzbart weitgehend zugedeckt wurde.

„Es war wie immer ausgezeichnet, lobte Bount. „Sie bekommen von mir demnächst den goldenen Kochlöffel verliehen.

„Oh, das ist zu viel der Ehre", grinste Musi und schwirrte ab.

„Und nun zu Phil Palmer, sagte June March. Wieder blätterte sie in ihrem schlauen Büchlein. „Es gibt kaum etwas, das er nicht versucht hätte. Er ist der typische Mann aus der sozialen Unterschicht, der rücksichtslos seine Ellbogen gebraucht, um nach oben zu kommen, aber seine Freunde hat er immer noch da, wo er herkommt. Nachdem es ihm gelungen war, mehrere Partner übers Ohr zu hauen, hatte er etwas Geld beisammen, das er in seinen ersten eigenen Betrieb steckte. Er erzeugte ein ganzes Jahr lang irgendwelche Plastiksachen, die keiner haben wollte, und musste nach zwölf Monaten die Firma schließen. Aber er ließ sich dadurch nicht entmutigen. Mit dem verbliebenen Geld gründete er einen Verlag und brachte heiße Pornos auf den Markt. Da jedoch schöne Mädchen viel Geld verlangen, musste er sich mit der zweiten Wahl begnügen. Er konnte - bedingt durch die ausrangierten ,Modelle‛ - die hohen Auflagen nicht verkaufen, schuldete der Druckerei immer mehr Geld, und war schließlich gezwungen, den Verlag dichtzumachen und bei Nacht und Nebel ins Ausland zu verschwinden. Auf diese Weise entzog er sich all seiner Zahlungsverpflichtungen. Er lebte zwei Jahre in Marokko, machte undurchsichtige Geschäfte und kam wieder zu Geld. Damit kehrte er in die Staaten zurück. Er speiste seine Gläubiger mit Bagatellbeträgen ab, und als John Becker einen Partner suchte, kaufte er zunächst einmal dreißig Prozent von dessen Unternehmen. Weitere neunzehn Prozent kaufte er, als er vor einem Jahre Bella Jones kennenlernte.

Bella Jones und Phil Palmer blickten auf keine alltägliche Vergangenheit zurück, und June ließ sich deshalb zu einem gefährlichen Verdacht hinreißen: „Wenn mich jemand fragen würde, ob die beiden irgendwie hintenherum mit diesem Raubüberfall zu tun haben könnten - ich wäre nicht imstande, für Bella und ihren Verlobten die Hand ins Feuer zu legen."

Bount hob eine Braue. „Vorsicht, June. Noch gibt es keine schlüssigen Beweise, mit denen du einen solch schwerwiegenden Verdacht untermauern könntest!"

„Aber auf diese Weise ließe sich immerhin erklären, weshalb sich die beiden in Beckers Büro so offen gegen dich gestellt haben."

Dieser Einwand war nicht so einfach unter den Teppich zu kehren.

Bount beschloss, seine Aktivitäten zu verstärken. Je mehr Personen in dieser Stadt wussten, dass er hinter den Morphium-Räubern her war, desto größer war die Chance für ihn, einen brauchbaren Tipp zu bekommen. Er sagte, dass er auch Wilkie Lenning in die Ermittlungen einschalten wolle.

June lachte. „Wilkie? Der ist doch von seiner neuen Flamme nicht wegzukriegen. Er steckt Tag und Nacht mit ihr zusammen und zumeist unter der Bettdecke. So schlimm hat es den Jungen noch nie erwischt."

„Ich schaff’s schon, ihn von Carol loszueisen, erwiderte Bount Reiniger zuversichtlich. „Ist lediglich eine Frage der richtigen Argumentation.

Er verlangte die Rechnung und begab sich mit June anschließend noch einmal in sein Büro. Sie hörten sich gemeinsam den automatischen Anrufbeantworter an. Es war nichts Wesentliches auf dem Band: Ein Spitzel, der einen Hinweis zu einem Fall zu haben glaubte, den Bount Reiniger längst gelöst hatte, und ein Rechtsanwalt, der für Bount einen Caritas-Job gehabt hätte.

Anschließend rief Bount Reiniger John Becker in dessen Haus an.

Die Gangster ließen ihn schmoren. Bis jetzt kein Anruf.

„Wie läuft’s mit Ihren Ermittlungen?", erkundigte sich Becker.

„Ich bin gerade dabei, die Routinearbeit weiter auszubauen, antwortete Bount Reiniger. „Ein paar Fangeisen habe ich in der Stadt bereits ausgelegt. Morgen werden es doppelt so viele sein. Wenn wir Glück haben, tritt der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt in eines hinein.

„Mir ist bei der Sache ganz unbehaglich zumute. Ich werde in der kommenden Nacht kein Auge zutun, das weiß ich jetzt schon."

„Schlucken Sie zwei Schlaftabletten, dann schlafen Sie wie ein Bär im Winter", riet Bount dem Unternehmer, dessen Nerven so stark angegriffen waren, dass er die Ruhe dringend nötig hatte. Er legte den Hörer in die Gabel und schickte June nach Hause.

Kaum war sie draußen, schlug das Telefon an.

„Detektei Reiniger Büro für private Ermittlungen ...", sagte Bount Reiniger sein Sprüchlein auf.

Einen Lidschlag später rieselte es ihm kalt über den Rücken. Da sagte eine schnarrende Stimme verdammt feindselig: „Pass auf, du schnüffelnder Schleimscheißer, ich hab’ dir was zu sagen!"

11

Bount Reinigers Backenmuskeln zuckten. Seine Augen wurden schmal. Dies war die erste Reaktion der Morphium-Räuber auf seine Aktivitäten. Er wertete es als einen kleinen Erfolg. Der Anruf bewies ihm, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Die Gegenpartei wurde nervös. Bount konzentrierte sich auf die schnarrende Stimme. Er überlegte, ob er sie schon mal gehört hatte, doch er konnte sie mit keiner ihm bekannten Person in Verbindung bringen.

„Uns gefällt nicht, was du zur Zeit treibst, Kamerad!", sagte der unbekannte Anrufer.

„Ich bin untröstlich", höhnte Bount.

„Du glaubst wohl, einer aus der obersten Schublade zu sein, Reiniger ..."

„Bin ich das denn nicht?"

„In unseren Augen bist du nichts weiter als ein dämlicher Spannemann."

„Wessen Augen sind das?", fragte Bount.

„Möchtest du gern wissen, he?"

„Ja, das würde mich wirklich interessieren."

„Wünsch dir lieber nicht, es zu erfahren, denn gleich danach hätte dein letztes Stündchen geschlagen."

„Ach, das sollte jetzt wohl eine Drohung sein."

„Hat’s nicht so geklungen?"

„Nein. Es hörte sich eher wie ein Witz an, bei dem die Pointe danebenging."

„Hör zu, Mr. Superschlau! Wir sind es gewöhnt, unsere Arbeit ungestört verrichten zu können. Kerle wie du - Ehrgeizlinge und Imagejäger - kotzen uns an. Lass dir von mir einen guten Rat geben: Mach nicht so viel Wind, sonst könnte es sehr leicht passieren, dass du den Kürzeren ziehst. Mit Kackern, die wir nicht mögen, machen wir kurzen Prozess."

„Darf ich dazu auch was sagen?"

„Ich höre", knurrte der Anrufer unwillig.

„Ich weiß noch nicht, wer sich das Morphium unter den Nagel gerissen und wer Mac Cesser und Abel Noon eiskalt abgeknallt hat, aber ich bin sicher, dass ich’s herausbekomme, und dann präsentiere ich euch eine Rechnung, die euch die Tränen in die Augen treiben wird, verlass dich drauf. Glaub ja nicht, dass du mich mit diesem lächerlichen Anruf einschüchtern kannst, das haben schon viele vor dir ohne Erfolg versucht. Vielleicht lernst du einen davon schon bald im Zuchthaus kennen. Ich kriege euch, Freundchen, das ist für mich gar keine Frage. Geh und sag das dem, der dir aufgetragen hat, mich anzurufen."

Ohne dem Gangster eine Chance zu geben, darauf zu erwidern, drückte Bount Reiniger mit dem Zeigefinger die Gabel nieder.

12

Bount klingelte. Niemand reagierte darauf. Er ließ es eine halbe Minute ununterbrochen läuten. Das musste Wilkie Lenning einfach auf die Nerven gehen. Dass der Junge zu Hause war, verriet das leise spielende Radio. Endlich schlurfte jemand auf die Tür zu.

„Wer ist da?"

„Die Feuerwehr, Sir!, rief Bount grinsend. „Man hat uns angerufen und uns mitgeteilt, wir sollten nach dem Rechten sehen.

Wilkie öffnete lustlos. Er hatte Bounts Stimme sofort erkannt. Der schlaksige Junge mit den dunkelblonden Haaren - ein hervorragender Gitarrenspieler - trug nur seine Jeans. Füße und Oberkörper waren nackt.

Bount wies auf Wilkies Rippen und schüttelte besorgt den Kopf. „Freund, du solltest mal wieder etwas futtern. Siehst ja erschreckend aus. Lass dir doch nicht einreden, dass man von der Liebe allein leben kann."

Wilkies Blick huschte zur Schlafzimmertür.

„Ist Carol da?", fragte Bount.

Wilkie schob sein Kinn vor. „Weshalb interessiert dich das?"

„Ich möchte mit ihr reden. Sie darf dich nicht so lange kasernieren, das ist nicht gut für dich, Junge."

„Ich fühle mich sauwohl in meinen vier Wänden."

Bount nickte mit kummervoller Miene. „Die ersten Anzeichen von geistigem Verfall ..."

Wilkie holte Luft, doch Bount ließ ihn nicht zu Wort kommen.

Er sagte schnell: „Wilkie, ich brauche deine Hilfe."

Lenning blickte auf seine Zehen. „Das habe ich befürchtet. Geht’s denn nicht ohne mich?"

„Leider nein. Du solltest stolz darauf sein."

„Was hast du denn gemacht, bevor wir uns kennenlernten?"

„Da musste ich wohl oder übel ohne dich auskommen, aber die Zeit ist Gott sei Dank vorbei, jetzt habe ich einen tüchtigen Mitarbeiter, auf den ich jederzeit zurückgreifen kann, wenn mir die Arbeit über den Kopf zu wachsen droht. Es wäre nicht fair von dir, wenn du mich nach dieser Lobeshymne enttäuschen würdest. Seufzend resignierte der Junge: „Na schön, ich gebe mich geschlagen. Was soll ich für dich tun?

Bount berichtete von dem Morphium-Raub, bei dem es zwei Tote gegeben hatte. Er lieferte dem Jungen einen kurzen, aber präzisen Abriss von Bella Jones und Phil Palmer, erwähnte, was er und June bereits alles unternommen hatten und wie er sich eine Ausweitung der Ermittlungen vorstellte. Den Drohanruf ließ er unter den Tisch fallen. Er wollte nicht, dass Wilkie ihn möglicherweise überbewertete.

Wilkie nickte. „Okay, Bount. Gib mir dreißig Minuten."

„Wofür?"

„Ich muss Carol so schonend wie möglich beibringen, dass ich sie wegen eines Freundes sitzenlasse."

Bount lachte. „Übertreib nicht", und verließ Wilkies Wohnung.

Der Junge war Musiker und kannte eine Menge Bars und deren Besitzer. Er würde sich die kommende Nacht um die Ohren schlagen und die vielen Stunden damit verbringen, einem Haufen Leuten viele Fragen zu stellen. Fragen, die darauf abzielten, herauszukitzeln, wer Cesser und Noon kaltgemacht und das Morphium kassiert hatte.

Wilkie Lenning war an selbständiges Arbeiten gewöhnt.

Bount konnte sich darauf verlassen, dass der Junge seine Sache so gut wie er selbst erledigen würde.

Bount erreichte seine Silberschwalbe. Als er den Wagen aufschließen wollte, vernahm er hinter sich ein verräterisches Geräusch. Er fuhr herum.

Zwei Maskierte schnellten auf ihn zu.

Die Gang hatte - nach dem Drohanruf - bereits auf Stufe zwei geschaltet!

13

Vierschrötige Kerle waren es, die mit ihren Fäusten eine Menge Schaden anrichten konnten. Sie hatten scheunentorbreite Schultern und sehnige Stiernacken. Nylonstrümpfe deformierten ihre Nasen. Bount erkannte, dass die Zeit nicht reichte, um die Automatic aus dem Schulterholster zu reißen, deshalb ließ er das Schießeisen stecken und schlug mit der Handkante zu.

Der getroffene Gegner - er hatte sandfarbenes Haar - schrie auf. Sein Komplize rammte Bount Reiniger die Faust in den Magen. Bount spannte die Muskeln an und nahm dem Schlag so einiges von seiner Wirkung, aber es machte sich dennoch ein dumpfer Schmerz in seinen Eingeweiden breit. Blitzschnell verschaffte er sich mit einem Kopfstoß Luft, und landete einen Treffer. Sein Gegner wurde rasend vor Wut. Er wuchtete sich vorwärts. Seine Hände bekamen Bount zu fassen. Er riss Bount Reiniger an sich, hievte ihn hoch, fegte ihm mit dem rechten Fuß die Beine unter dem Körper weg und ließ sich mit ihm auf den Gehsteig fallen.

Die schmale, finstere Seitenstraße war menschenleer.

Niemand bemerkte den Überfall.

Der Kerl mit den sandfarbenen Haaren stieß einen wütenden Fluch aus. „Na warte, du verdammter Bastard! Jetzt machen wir dich fertig!"

Es gelang Bount jedoch im allerletzten Augenblick, dem Schuh, der auf sein Gesicht zusauste, auszuweichen.

Er kassierte einen Faustschlag. Sterne funkelten vor seinen Augen. Es kostete ihn viel Mühe, nicht schlappzumachen. Er mobilisierte alle seine Kräfte, und es gelang ihm, sich von dem Gegner, der ihn auf den Asphalt niederpressen wollte, loszustrampeln.

Wie eine Sprungfeder kam er wieder nach oben.

Sein gestrecktes Bein traf den dunkelblonden Verbrecher. Die enorme Wucht des Karatetritts beförderte den Mann weit nach hinten. Er knallte gegen die Hauswand und schüttelte benommen den Kopf.

Es war Bounts Aufmerksamkeit entgangen, dass der zweite Gangster einen Totschläger gezogen hatte. Mit diesem versuchte der Bursche, Bount Reiniger nun ins Aus zu schicken. Doch Bount unterlief den Schlag. Er rammte dem Kerl die Schulter in den Leib, hob ihn aus und ließ ihn über die Schulter abkippen.

Für wenige Augenblicke sah es sehr gut für Bount aus, aber dann wendete sich das Blatt - sehr zu seinem Nachteil. Eingeleitet wurde seine Niederlage mit einem Totschlägertreffer. Es gab eine Explosion in seinem Kopf, die er nur mit weichen Knien überstand.

Von diesem Moment an hatten die Verbrecher Oberwasser.

Der Typ mit den sandfarbenen Haaren legte seinen ganzen Ehrgeiz in seine Fäuste.

Bounts Arme waren bleischwer. Er bekam sie nicht mehr hoch genug. Seine Deckung ließ sehr viel zu wünschen übrig. Es pochte in seinem Kopf. Es brauste in seinen Ohren, und in seinem Brustkorb saß ein stechender Schmerz. Er pendelte zwischen den gewaltigen Hieben des Gangsters hin und her, baute bedenklich schnell ab, startete zwei Entlastungsangriffe, die ihn viel Kraft kosteten, aber nichts einbrachten, wurde an den Schultern gepackt und herumgerissen. Arme legten sich wie Stahlklammern um ihn. Er wurde von hinten festgehalten.

Der Bursche hinter ihm keuchte schwer, und sein Komplize baute sich breitbeinig vor Bount auf.

„Los, Mann!, zischte der Gangster hinter ihm. „Gib ihm den Rest!

14

Es sah schlecht für Bount Reiniger aus. Er konnte sich nicht bewegen. Es gelang ihm nicht, die Umklammerung zu sprengen. Der Gangster hielt ihn so fest wie die Backen eines Schraubstocks. Und der Totschläger hing bläulich-matt schimmernd über ihm.

Wie durch einen wabernden Nebel sah Bount Reiniger den Totschläger herabsausen.

Aus! Schluss! Ende!, dachte er.

Plötzlich ein Klatschen. Ein Fluch.

Der Totschläger geriet aus der Flugbahn und zischte haarscharf an Bounts Gesicht vorbei. Der Gangster, der zugeschlagen hatte, kippte zur Seite. Das brachte Bount wieder einigermaßen auf den Damm.

Er sah einen jungen Mann. Blond, wendig, ganz in Schwarz gekleidet.

So also sieht dein Schutzengel aus, fuhr es Bount durch den Kopf. Der Gangster mit den sandfarbenen Haaren ließ ihn los, um sich den Kerl zu kaufen, der sich hier ungebeten einmischte. Bount stellte dem Ganoven ein Bein. Er fiel nach vorn und genau in einen Uppercut, den der Schwarzgekleidete rasant hochgezogen hatte. Der gewaltige Treffer rüttelte den Burschen mächtig durch. Bount kaufte sich den andern. Seine Handkante sauste herab. Der Verbrecher stieß einen heiseren Schrei aus und ließ den Totschläger fallen.

Gemeinsam mit dem unerwarteten, aber äußerst willkommenen Helfer gelang es Bount Reiniger, die Gangster in die Flucht zu schlagen.

Als die Ganoven erkannten, dass sie verspielt hatten und für sie die Gefahr bestand, dass sie auf der Strecke bleiben würden, machten sie schleunigst auf den Hacken kehrt und suchten das Weite. Sie jagten die schmale Straße entlang, überkletterten in großer Eile eine Mauer und waren wenige Augenblicke später nicht mehr zu sehen.

Bount pumpte seine Lungen mit Luft voll. Er streckte dem Jungen in Schwarz die Hand entgegen. „Danke."

„Keine Ursache."

„Sie scheinen sich dessen, was Sie für mich getan haben, gar nicht bewusst zu sein."

„Ich denke, ich habe Ihnen das Leben gerettet."

Bount schmunzelte. „Hört sich so an, als würden Sie das mindestens jeden Tag einmal tun."

„Das nicht, aber ich bin der Ansicht, dass man so etwas nicht überbewerten sollte."

„Vermutlich sind Sie der Einzige in dieser Stadt, der darüber so denkt, Mister ..."

„Lodd. Paul Lodd."

„Möchten Sie wissen, wem Sie das Leben gerettet haben, Mr. Lodd?"

„Sie sind Bount Reiniger, nicht wahr? Bount grinste. „Ich muss gestehen, Sie verblüffen mich immer mehr.

„Ich kenne Sie aus der Zeitung."

„Wie haben Sie es bloß geschafft, im genau richtigen Moment hier aufzutauchen, Paul?"

„Ich wohne in dem Haus da drüben. Erster Stock. Eigentlich verdanken Sie nicht mir, sondern dem Zufall das Leben, Mr. Reiniger. Wenn ich nicht zufällig am Fenster vorbeigekommen wäre und zufällig einen Blick auf die Straße geworfen hätte, hätte ich nichts für Sie tun können."

„Nun, wenn Sie das so sehen, dann könnte ich auch behaupten, wenn diese beiden Kerle nicht zufällig von einer unverantwortlichen Mutter in die Welt gesetzt worden wären, hätte ich Ihre Hilfe nicht nötig gehabt. Bount holte das ganze Banknotenbündel, das er in seiner Tasche hatte, heraus und wollte es Paul Lodd geben. „Hier, mein Junge. Ich schätze, das sind ungefähr vierhundert Dollar. Ich möchte, dass Sie sie nehmen.

Lodd schüttelte heftig den Kopf. „Das kommt nicht in Frage, Mr. Reiniger. Hören Sie, ich habe Ihnen nicht geholfen, um Geld zu verdienen. Ich hätte dem ärmsten Schwein genauso geholfen wie Ihnen."

„Davon bin ich überzeugt, aber ..."

„Kein Aber, Mr. Reiniger. Stecken Sie Ihr Geld ein. Ich will es nicht haben!"

Bount schob die Banknoten wieder in die Hosentasche. Er zuckte die Achseln. „Tja, dann kann ich mich nur noch einmal herzlich für Ihre wichtige Hilfe bedanken, Mr. Lodd. Jetzt schulde ich Ihnen was."

„Quatsch."

„Doch, doch. Sollten Sie mal in der Klemme sitzen - was ich Ihnen bei Gott nicht wünsche -, dann geben Sie mir Gelegenheit, mich zu revanchieren, okay?"

„Okay", nickte Paul Lodd, wandte sich um und ging nach Hause.

Bount blickte ihm nachdenklich nach. New York war noch nicht ganz verloren, solange es noch solche Männer hatte.

15

Am nächsten Morgen lief in June Marchs Vorzimmer das Telefon heiß, während Bount im Apartment, das sich an sein Büro schloss, noch fest und tief schlief. Er hatte seiner Sekretärin einen Zettel auf den Schreibtisch gelegt, auf dem er sie wissen ließ: War bis zum Morgengrauen beruflich unterwegs. Bitte nur in ganz dringenden Fällen wecken, Küsschen Bount.

Um halb zehn wanderte Bount ins Bad. Gähnend betrachtete er sein Spiegelbild und hätte es gern ausgewechselt. Es hatte schon mal Tage gegeben, an denen er besser ausgesehen hatte als heute. Die Fäuste der Gangster hatten deutliche Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Hier eine Schwellung. Da eine Schramme. Dort ein kleiner Bluterguss. Fürs Restaurieren der Fassade benötigte Bount dreißig Minuten, dann begab er sich in sein Arbeitszimmer. Er drückte auf den Knopf der Sprechanlage, wünschte June einen guten Morgen, dankte ihr für ihr Verständnis und dafür, dass sie ihn nicht geweckt hatte, bat sie, ihm Kaffee zu bringen und ließ sich dann ächzend auf den Schreibtischstuhl nieder.

Als June mit dem Kaffee eintrat, hielt sie unwillkürlich die Luft an. „Bount", presste sie erschrocken hervor.

Er versuchte ein optimistisches Lächeln, merkte aber, dass es bereits im Ansatz misslang. „Hallo, June."

„Bount, dein Gesicht ..."

„Was ist damit?"

„Bitte, sei jetzt nicht albern. Was ist passiert?"

Bount erzählte dem Mädchen von dem Drohanruf und von seiner Begegnung mit den beiden Gangstern, die ihn erschlagen hätten, wenn sich Paul Lodd nicht uneigennützig und mutig dazwischengeworfen hätte. Wenn June die Kaffeetasse nicht bereits abgestellt gehabt hätte, wäre sie ihr vermutlich aus der Hand gefallen. Sie schaute Bount mit besorgten Augen an und sagte heiser: „Das tut sicher immer noch weh."

Bount schüttelte den Kopf. „Heute nicht mehr."

.„Bestimmt nicht?"

„Bestimmt nicht." Während Bount Schluck für Schluck seinen Kaffee trank, berichtete er dem Mädchen von seiner fruchtlosen Nachtarbeit, in deren Verlauf

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