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Umstritten, verspielt, gefeiert: Die Republik Österreich 1918/2018

Umstritten, verspielt, gefeiert: Die Republik Österreich 1918/2018

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Umstritten, verspielt, gefeiert: Die Republik Österreich 1918/2018

Länge:
464 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 11, 2018
ISBN:
9783709938607
Format:
Buch

Beschreibung

EINE REPUBIK AUF DER SUCHE NACH SICH SELBST: DIE GESCHICHTE ÖSTERREICHS NEU ERZÄHLT.

BLITZLICHTER, WENDEPUNKTE, KONSTANTEN
Was haben das Jahr 1945 und unsere gegenwärtige DEMOKRATIEKRISE gemeinsam? Welche Parallelen gibt es in der GENESE VON FEINDBILDERN zwischen gestern und heute? WAS BEWEGT ÖSTERREICH im Jahr 2018 - im Zeitalter der Globalisierung und Transnationalität - immer noch so sehr wie zu Beginn der NATIONSFINDUNG 1918? Geschickt stellen Hannes Leidinger und Verena Moritz bildgewaltige Brüche Kontinuitäten gegenüber und erzählen FUNDIERT, ANSCHAULICH UND MITREIßEND VON ÖSTERREICHS WEG IN DIE GEGENWART.

ÖSTERREICH 1918-2018: EINE REPUBLIK IN BEWEGUNG
Im Jubiläumsjahr 2018 feiert die Republik Österreich ihren 100. Geburtstag. EIN JAHRHUNDERT VOLLER TURBULENTER POLITISCHER, WIRTSCHAFTLICHER UND GESELLSCHAFTLICHER ENTWICKLUNGEN ist seit 1918 vergangen: der Übergang von der MONARCHIE zur REPUBLIK, unterbrochen von Jahren des FASCHISMUS, über das Jahr 1968 mit seinen tiefen Einschnitten auf allen Ebenen des Lebens bis hin zum Eintritt in die EUROPÄISCHE UNION und dem Österreich von heute. Ausgehend von den GROßEN MOMENTEN DER ÖSTERREICHISCHEN GESCHICHTE eröffnen die renommierten HistorikerInnen Hannes Leidinger und Verena Moritz ein WEITES GESCHICHTSPANORAMA, DAS MEHR IST ALS EINE REINE CHRONOLOGIE.
Herausgeber:
Freigegeben:
Sep 11, 2018
ISBN:
9783709938607
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Umstritten, verspielt, gefeiert

Buchvorschau

Umstritten, verspielt, gefeiert - Hannes Leidinger

Verlag

Das Konzept – Eine kurze Einleitung

1918 – 1938 – 1968 – 2018. Das historische Gedächtnis lebt von der Wiederkehr. Es hält sich an Ereignissen fest, benötigt sie, um den Fluss permanenter Veränderung zu strukturieren. Daraus entstehen Konstrukte, die Gefühl und Sinn verknüpfen, die gefestigt, bejubelt, hinterfragt oder gewissermaßen „verabschiedet" werden können.

Die „Nation ist in dieser Hinsicht ein Schlüsselbegriff. Sie beruft sich auf weit zurückreichende Traditionen, stellt sich bei näherer Betrachtung aber vor allem als Resultat von Entwicklungen seit der Französischen Revolution dar. Der Begriff „Österreich macht das deutlich. Von der Bezeichnung einer Herrscherdynastie und eines Kaiserreiches führt er im 20. Jahrhundert zu höchst unterschiedlich wahrgenommenen Republiken, einer Ersten, „gescheiterten, und einer Zweiten, „erfolgreichen. Das Ende der Letztgenannten haben allerdings einige Kommentatoren des Zeitgeschehens mittlerweile, wenn nicht bereits ausgerufen, dann immerhin zum Thema gemacht.

Periodisierungen verweisen auf mehr oder weniger tiefgreifende Umwälzungen und plötzliche Wendungen. Konstanten und zaghafte Veränderungen treten demgegenüber eher in den Hintergrund – trotz der Tatsache, dass etwa die Zeitspanne von 1934 bis 1945 vorherige und nachfolgende Perioden erklärt und überschattet. Die Republik „verstehen heißt demnach auch, jene dunklen Kapitel zu beachten, in denen sie nicht existierte. Obwohl sich keine direkte Linie von 1918 bis 2018 ziehen lässt und ein Schrägstrich, der die beiden Jahreszahlen im Untertitel des Buches trennt, das komplizierte Verhältnis zwischen Bruch und Kontinuität andeutet, kommt auf solche Weise besonders ein epochenübergreifendes Wesensmerkmal der jüngeren Geschichte Österreichs zum Vorschein: Speziell im Zeichen von ideologischen Gegensätzen und nationalen Vorurteilen, von Rassismus und Antisemitismus, zwei Diktaturen und Weltkriegen geht es immer wieder um die verhängnisvolle Suche nach der eigenen, lange „umstrittenen nationalen Identität. Letztlich mündet sie in ein Bekenntnis zum vormals „verspielten" Kleinstaat, das dann im Rahmen des europäischen Integrationsprozesses unterschiedliche Modifikationen erfuhr – ein Prozess, der nicht abgeschlossen ist und in Anbetracht augenscheinlicher Renationalisierungstendenzen innerhalb der Europäischen Union Schwierigkeiten mit der eigenen Positionierung nach sich zieht.

Indessen stellt sich die Frage, ob das Ende des Habsburgerimperiums oder die Folgen der „68er-Studentenbewegung in gewisser Weise Grund zur Freude sind. Darf, sollte oder muss angesichts von konstatierten Demokratisierungs- und möglicherweise auch Liberalisierungsschüben, in Anbetracht der Einführung des Frauenwahlrechtes, des Kampfes gegen ungerechte Einkommensverhältnisse und verkrustete Hierarchien, gegen Militarismus und Fremdenfeindlichkeit, nicht auch – wie im Titel gleichfalls ausgedrückt – „gefeiert werden?

Als Mahnung und Jubiläum gleichermaßen scheinen die „Achterjahre besonders geeignet zu sein, um längerfristige und widersprüchliche Entwicklungen ins Auge zu fassen. „Umstritten, „verspielt – mit beabsichtigter Tendenz zur Doppeldeutigkeit – und „gefeiert: Die vorangestellten Begriffe entsprechen der Vielschichtigkeit der Annäherung. Zudem erweisen sich „100 Jahre Republik per se als nahezu zwingender Anlass für eine Rückschau auf verschiedenen Ebenen. Unzählige Konferenzen, Fachpublikationen und Ausstellungen, Titelgeschichten, Serien und Dokumentationen in Tageszeitungen, Wochenmagazinen und elektronischen Medien widmen sich den einzelnen Forschungsfeldern. Donaumonarchie, Erste Republik, „Ständestaat, Nationalsozialismus, Zweite Republik legen Epochengrenzen fest, die wiederum das Bedürfnis nach der Ereignisgeschichte befriedigen. Die „Eckdaten" stehen im Mittelpunkt. Sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Zugänge verweisen indessen schon durch ihre Methodik eher auf Prozesse und Konjunkturen.

Das vorliegende Buch versucht beiden Ansätzen – Geschehnissen von kurzer und Entwicklungen von längerer Dauer – gerecht zu werden. Es besteht daher aus zwei Ebenen. Auf der einen folgt es bestimmten „Verlaufskurven. In bisweilen essayistischer Form wollten wir ausloten, wie die Österreicherinnen und Österreicher mit ihrer Vergangenheit umgingen, welche Eigendefinitionen und Feindbilder sie pflegten oder welches Verhältnis sie zu „Demokratie und „Liberalismus" entwickelten. Schließlich ging es uns auch um die Vermögensverteilung im 19. und 20. Jahrhundert sowie um die Position des Landes innerhalb internationaler Trends und Kräfteverhältnisse.

Alle diese von Hannes Leidinger verfassten „Längsschnitte – hier „Wege durch die Zeiten genannt – stellen außerdem Verbindungen zur Gegenwart her. Sie bilden dadurch Rahmen und Anknüpfungspunkte für die zweite Ebene der „Momentaufnahmen, der „Augenblicke, denen sich Verena Moritz über die Erinnerungskultur nähert. Zunächst wird deshalb auf zeitgenössische Filmaufnahmen Bezug genommen, zum Teil auf geschichtsmächtige (Lauf-)Bilder, die im sogenannten, nicht unumstrittenen „kollektiven Bewusstsein als Weichenstellungen und Zäsuren gespeichert sind beziehungsweise als gespeichert gelten. Das „visuelle Gedächtnis ist dann Ausgangsbasis eines Rekonstruktionsversuches, mit dessen Hilfe Vorbedingungen, Verlauf und Folgewirkungen einzelner „Wendepunkte" erfasst werden.

Ein solches Konzept entzieht sich einer rein chronologischen Narration. Es empfiehlt sich vielmehr, bestimmte Ereignisse und Prozesse mitunter wieder zu thematisieren und aufzugreifen, um sie aus unterschiedlichen Perspektiven und entlang spezifischer Entwicklungslinien mehrmals zu betrachten. Gefragt wird dabei nach Grundzügen der mentalen, kulturellen und ideologischen, sozialen, ökonomischen und politischen Verfasstheit eines Landes, das sich zugleich nicht in den Grenzen einer nationalen Geschichte allein, sondern auch durch lokale und regionale, kontinentale und globale Zusammenhänge erschließt.

Der Schwerpunkt der Texte liegt im Übrigen bei den „Momentaufnahmen auf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hier ist ungeachtet verschiedener Interpretationen und weltanschaulicher Einfärbungen eine Art Kanonisierung der herausragenden Momente eingetreten. Demgegenüber erscheint die Periode nach 1955 weniger von Zäsuren als von längerfristigen Entwicklungen gekennzeichnet, die wiederum in „Wege durch die Zeiten zusammengefasst wurden. Bei Weitem nicht alle Aspekte, die beachtenswert sind, konnten dabei (gleichrangig) berücksichtigt werden. Intendiert waren vielmehr Texte, die als Orientierung zu verstehen sind. Die einzelnen Kapitel sind nicht deshalb eine „short-read"-Lektüre, weil das Gegenteil davon angeblich mehrheitlich als abschreckend wahrgenommen wird, sondern weil eine möglichst kompakte Gesamtdarstellung beabsichtigt war. Fußnoten wurden, den Vorgaben entsprechend, äußerst sparsam gesetzt, weiterführende Literatur findet sich im betreffenden Verzeichnis.

Das Buch folgt rein formal dem Aufbau der von uns 2008 vorgelegten Publikation „Die Republik Österreich 1918/2008 – Überblick, Zwischenbilanz, Neubewertung". Wohlgemerkt gilt das für die grundlegende Struktur, die Gliederung beziehungsweise den Aufbau des aktuellen Buches, nur partiell aber für die Inhalte. Zehn Jahre später hat eine Unzahl mittlerweile erschienener zusätzlicher Arbeiten und Analysen die gründliche Überarbeitung aller Kapitel nötig gemacht. Hinzu kamen rasante gesellschaftliche Veränderungen: Ein ergänzender Epilog zu den Geschehnissen in der jüngsten Vergangenheit und zur Situation in der Gegenwart wurde ebenso notwendig wie die zum Teil tiefgreifende Modifikation der bisherigen Darstellungen. Ein anderes Buch entstand, das folgerichtig auch einen anderen Titel trägt.

Momentaufnahme: November 1918

Die Szenerie

Der 12. November 1918 ist ein regnerischer Dienstag. Viele sind mit Schirm unterwegs. Langsam bewegt sich die Menge entlang der Ringstraße in Richtung Parlament, wo der Festakt anlässlich der Ausrufung der Republik stattfinden soll. Der Kameramann, der die Szenerie im Auftrag des deutschösterreichischen Staatsrates festhält, scheint fasziniert von den schier unüberschaubaren Menschenmassen. Er zeigt sie uns als ein Meer stecknadelgroßer Köpfe, als eine mit schwarzen Punkten übersäte Fläche, die er in ein Bild zwingen möchte. In anderen Einstellungen sind Gesichter erkennbar. Arbeiter, Uniformierte, Männer mit Spazierstöcken, Frauen mit Hüten und Kopftüchern blicken ernst und in Erwartung dessen, was oben auf der Parlamentsrampe passieren wird. Zigarettenrauch steigt auf. Solche „Nebelschwaden sind auszumachen, soweit das Auge reicht. Die Bilder, die eingefangen werden, transportieren eine Stimmung voll Ungewissheit und Spannung. Sie verstärkt sich durch die starren Kamerapositionen. Der Masse wird schließlich ein Einzelner gegenübergestellt. Auf der Skulptur der „Rossebändiger ist eine Gestalt auszumachen. Fokussiert wird ein Mann, womöglich ein kommunistischer Agitator, der sich an die Anwesenden zu richten scheint. Sein auf Film gebannter Auftritt verweist auf das Kalkül der „Verführbarkeit" der Massen und gleichzeitig auf die unterschiedlichen Erwartungshaltungen, die damit verbunden waren.¹

Revolution?

Tatsächlich konnte die damalige Stimmung weiter Teile der Bevölkerung als „revolutionär wahrgenommen werden. Vor allem in der Hauptstadt. Dennoch verlief die „österreichische Revolution alles in allem ruhig. Die „Umwälzung" vollzog sich im Wesentlichen ohne größeres Blutvergießen.

Die Geschichtsschreibung hat es der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) als Verdienst angerechnet, die Gefahr einer politischen Radikalisierung abgewendet zu haben. Die „Russische Revolution" hatte sich keineswegs als nachahmenswert erwiesen.² In diesem Sinne entsprach auch die Eingliederung der „Roten Garde in das neue Heer, die Volkswehr, dem Versuch, das revolutionäre Potenzial zu domestizieren. Nichtsdestoweniger erwies sich diese spontan gebildete Gruppe, mit der nicht zuletzt der Name des Journalisten und Autors Egon Erwin Kisch verbunden wird, auch weiterhin als schwer kontrollierbarer und unberechenbarer Faktor. Die „Revolutionäre, „Schrecken aller Haus-, Auto- und sonstigen Besitzenden, hatten seit Anfang des Monats für zahlreiche Zwischenfälle gesorgt.³ Aufmerksamkeit erregten die „roten Soldaten freilich nicht nur aufgrund von Requirierungen. Eine Abordnung der Garde hatte bereits am 1. November vor dem Parlament eine rote Fahne hochgezogen und die Staatsratsmitglieder bedrängt, für Waffen zu sorgen sowie beispielsweise der freien Wahl von Offizieren zuzustimmen. Eine Aktion der Gardisten, die nach dem Vorbild der Russischen Revolution auf einen gewaltsamen Umsturz abzielte, konnte nicht ausgeschlossen werden. Die allseits wirren Verhältnisse schienen einer derartigen Entwicklung zuzustreben. Ein Volkswehrsoldat, Heimkehrer aus der Gefangenschaft, der in Russland Zeuge der Revolution gewesen war, erzählte nach dem 12. November in einem Bericht der Arbeiter-Zeitung von der Suggestivkraft, die an diesem Tag von den versammelten Menschenmassen auszugehen und Taten zu fordern schien. So als hätten die vor dem Parlament Aufstellung genommenen, verunsichert wirkenden Menschen auf ein Ereignis gedrängt, das konkretere Anhaltspunkte liefern sollte als die Ausrufung einer Republik, von der man nur eine vage Vorstellung hatte.

Die noch nicht einmal zwei Wochen alte Kommunistische Partei Deutschösterreichs (KPDÖ) hatte indes bereits durchaus klare Zielsetzungen vorzubringen. Gefordert wurde die Bildung einer Arbeiter- und Bauernregierung, eine diesbezügliche Proklamation sollte vor dem Parlament am 12. November verlesen werden. Die sozialdemokratische Führung hingegen hatte ihre Anhängerschaft davon überzeugen können, dass schon die Errichtung einer demokratischen Republik als revolutionärer Akt zu begreifen sei. In der Arbeiter-Zeitung bezeichnete man die Einsetzung einer rein sozialistischen Regierung „im gegenwärtigen Augenblick als „gefährliches Experiment. Die ungestümen Arbeiter wurden daran erinnert, dass unter solchen Bedingungen die Industriegebiete von den Bauern „ausgehungert würden. Außerdem vertröstete man die Befürworter einer sofort auszurufenden sozialistischen Republik auf die für Februar 1919 angekündigten Wahlen. Spätestens dann werde sich entscheiden, „ob die deutschösterreichische Republik bürgerlich oder sozialistisch werden soll.⁴ Dennoch ließen sich revolutionäre Bestrebungen nicht ganz unterdrücken. Gleich zu Beginn des eingangs beschriebenen kurzen Films über die Ausrufung der Republik Deutschösterreich ist ein Transparent zu sehen, das den Schriftzug „Hoch lebe die sozialistische Republik trägt und das Zentrum einer Aufnahme von der Parlamentsrampe bildet. Wenige Tage zuvor, am 9. November 1918, hatte der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann in Berlin die „Deutsche Republik ausgerufen. Noch am selben Tag proklamierte der spätere Kommunist Karl Liebknecht die „freie sozialistische Republik". Was sich dann am 12. November in Wien abspielte, zeigt recht deutliche Parallelen zu den Ereignissen im Nachbarland. Der Film, der die Ausrufung der deutschösterreichischen Republik dokumentieren sollte, lieferte Bilder von der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Vorstellungen über die Zukunft des Landes. Am Ende wird der Fahnenmast vor dem Parlamentsgebäude gezeigt. Ein Windstoß erfasst einen fetzenähnlich verknoteten Stoffstreifen, der anstelle der Staatsflagge befestigt wurde. Diese rote Fahne, die linksradikale Aktivisten hochgezogen hatten, nachdem der weiße Mittelstreifen der rot-weiß-roten Flagge entfernt worden war, verwies auf den überaus brüchigen politischen Konsens, welcher der Republikgründung vorausgegangen war.

Die Monarchie zerfällt

Die Menschen waren über die Zeitungen dazu aufgerufen worden, dem Festakt vor dem Parlament anlässlich der Proklamation der Republik am 12. November 1918 beizuwohnen. Dieses Gebäude hatte bisher die Abgeordneten des österreichischen Reichsrates beherbergt. Noch am 27. Oktober war eine neue kaiserlich-österreichische Regierung gebildet worden. Sie betrachtete sich allerdings nur mehr als eine Art Liquidierungsorgan. Die Ereignisse überstürzten sich. Es schien kaum noch möglich, all die Entwicklungen im In- und Ausland zu überblicken. Schon im September 1918 hatte Thomas Masaryk in Paris einen selbstständigen tschechoslowakischen Staat proklamiert. Kurze Zeit später konstituierten Slowenen, Kroaten und Serben einen Nationalrat. Die Monarchie zerbröckelte, und der Krieg, der auch das Hinterland mit Not und Elend überzogen hatte, ging seinem Ende zu. Darüber aber, wie der Frieden aussehen sollte und welche Gestalt die europäische Landkarte nun annehmen würde, ließ sich nur spekulieren. Manche schienen jedoch die Zeichen der Zeit nicht erkennen zu wollen beziehungsweise interpretierten sie auf ihre Weise.

Dem jungen Kaiser Karl legten seine Berater in Anbetracht der dramatischen Entwicklungen im Herbst 1918 nahe, rasch zu handeln, bevor andere das Heft in die Hand nehmen würden. Der Rat kam viel zu spät. Während der Monarch Mitte Oktober 1918 in einem Manifest „seinen Völkern das vage formulierte Angebot einer Umgestaltung Österreichs in einen Bundesstaat machte und damit den aktuellen Entwicklungen hoffnungslos hinterherhinkte, versetzte die Offensive der Alliierten in Italien den k. u. k. Streitkräften den Todesstoß. Die Fronten lösten sich auf. Massen von Soldaten unterschiedlichster Nationalität überfluteten Österreich auf ihrem Weg in die Heimat. Die Kriegsgefangenen – vor allem Italiener und Russen – verließen ihre Lager. Das Land drohte, im Chaos zu versinken. Noch dazu rückten Anfang November deutsche Truppen in Salzburg und Tirol ein. Wenn dieser „Einmarsch auch ein kurzes Intermezzo blieb, so zeugt er doch von einer insgesamt unübersichtlichen Situation. Vor diesem Hintergrund lässt sich begreifen, warum von den Gesichtern der Menschen, die am 12. November zum Parlament strömten, nicht zuletzt Skepsis abzulesen ist.

Die Republik entsteht

Mit den neuen Machtverhältnissen waren die meisten wohl nur oberflächlich vertraut. Erst in den letzten Oktobertagen hatte sich die provisorische Nationalversammlung Deutschösterreichs gebildet. An deren Spitze standen der Sozialdemokrat Karl Seitz, der Christlichsoziale Jodok Fink und der Deutschnationale Franz Dinghofer. Etwa eine Woche später konstituierte sich schließlich ein provisorischer Staatsrat, und eine erste deutschösterreichische Regierung, die von Karl Renner angeführt wurde, nahm ihre Tätigkeit auf. Am 3. November 1918 war der Waffenstillstand zwischen der österreichisch-ungarischen Monarchie und den Alliierten abgeschlossen worden. Am 9. November dankte der deutsche Kaiser Wilhelm angesichts der revolutionären Entwicklung im eigenen Land ab, und zwei Tage später unterzeichnete Kaiser Karl eine Erklärung, der zufolge er auf die Teilnahme an den Staatsgeschäften verzichtete. Überdies erklärte er, „im Voraus die Entscheidung anzuerkennen, „die Deutschösterreich über seine künftige Staatsform trifft. Mit diesem Schriftstück, in dem das Wort „Abdankung" sorgsam vermieden worden war, sah der Staatsrat alle Hindernisse für die Ausrufung der Republik beseitigt. Kaiser Karl verließ das Land allerdings erst Ende März 1919.

Im Gesetz vom 12. November 1918 über die Staats- und Regierungsform heißt es unter Artikel 2: „Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik."⁵ In einem der Entwürfe für die provisorische Verfassung war im Übrigen die Bezeichnung „Südostdeutschland vorgesehen gewesen, das in Gestalt eines Freistaates beziehungsweise eines „Sonderbundesstaates dem Nachbarland angehören sollte. Die genauen Rahmenbedingungen für die Eingliederung in die Deutsche Republik sollten jedenfalls noch gesondert geregelt werden. Doch entsprach es keineswegs den Interessen der Siegermächte, das niedergerungene Deutsche Reich gleichsam mit einem Gebietszuwachs zu belohnen. Frankreich, der alte „Erzfeind Deutschlands, hatte an so einer Lösung am allerwenigsten Interesse. Im September 1919 wurden die Weichen für eine eigenständige Existenz der deutschösterreichischen Republik gestellt. Die im Friedensvertrag von Saint-Germain enthaltenen Bestimmungen verlangten dem jungen Staat einen Verzicht auf die Vereinigung mit Deutschland ab. Hinzu kam die Enttäuschung über die territorialen Bestimmungen des Vertrags. Man musste sich mit dem Verlust Südtirols, Deutschböhmens, der deutsch besiedelten Teile Südmährens und des Sudetenlandes abfinden. In Anbetracht des verwehrten Anschlusses und der zurückgewiesenen Ansprüche auf die erwähnten Gebiete stellte sich auch die Frage des Namens für das kleine Land neu. Bevor die Entscheidung für „Österreich fiel, erwog Karl Renner unter anderem die Bezeichnung „Norische Republik".

Der Anschluss

Der per Gesetz zum Ausdruck gebrachte Anschlusswille machte den 12. November 1918 und damit die Ausrufung der Republik rückblickend zu einem belasteten Datum.

Die Absicht, sich Deutschland einzugliedern, lag im November 1918 hauptsächlich im Zweifel an der Existenzfähigkeit des Kleinstaates begründet. Immerhin musste der Zerfall des Habsburgerreiches auch als Verlust eines großen Wirtschaftsraumes begriffen werden, den es zu kompensieren galt. Das Bekenntnis zum Anschluss ist ohne diesen Hintergrund nicht zu verstehen. Der Staatsrat trug also auf der einen Seite ökonomischen Erwägungen Rechnung und agierte andererseits im Trend einer an nationaler Selbstbestimmung orientierten Neuordnung Europas. In Deutschland reagierte man jedoch auf die Absichten der eben erst gegründeten deutschösterreichischen Republik nicht zuletzt in Hinblick auf die eigene schwierige Position bei den Friedensverhandlungen mit den Siegerstaaten zurückhaltend. Im anschlussbereiten Österreich machte sich Verunsicherung breit. Ende November 1918 kündigte Karl Renner im Rahmen einer Staatsratssitzung an, sich nochmals an das deutsche Außenamt zu wenden, da bis dato keine Reaktion aus Berlin eingetroffen sei.

Politisch motivierte Überlegungen, die vor allem in Verbindung mit dem Anschlusswillen der Sozialdemokraten diskutiert wurden, können nicht ausgeblendet werden. Von der Vorstellung eines Zusammenwirkens mit der mächtigen deutschen „Bruderpartei ging eine in der Ersten Republik immer wieder debattierte Anziehungskraft auf die „Genossen in Österreich aus. Andererseits stand die Sozialdemokratie im Herbst 1918 nicht geschlossen hinter der Entscheidung, die Anbindung an Deutschland zu vollziehen. Dessen ungeachtet gab der für die außenpolitischen Belange der jungen Republik zuständige Sozialdemokrat Otto Bauer dem deutschen Nachbarn zu verstehen, dass das Land wünsche, „sich mit den anderen deutschen Stämmen, von denen es vor 52 Jahren gewaltsam getrennt wurde, wieder zu vereinigen".⁶ Bauer erinnerte damit an das Jahr 1866, als sich Preußen im Kampf gegen Österreich durchsetzte und auf die Schaffung des Deutschen Kaiserreiches zusteuerte.

Ebenso wie die Sozialdemokraten beriefen sich auch die Christlichsozialen auf das Selbstbestimmungsrecht. Im Parteiprogramm aus dem Jahr 1926 verlangten sie auf dieser Grundlage „die Ausgestaltung des Verhältnisses zum Deutschen Reiche".

1918 ersehnte Otto Bauer die „Wiedervereinigung. Sie, meinte er, werde „uns […] den Weg zum Sozialismus bahnen.⁸ Im März 1919 hieß es dann in der Schrift „Rätediktatur oder Demokratie?, die in ein Plädoyer für demokratische Verhältnisse mündete, ohne allerdings eine Rätediktatur „für alle Zeiten auszuschließen: „Wenn wir uns einerseits dem großen roten Deutschland eingliedern und andererseits in Gemeinden und Kreisen starke Burgen roter Herrschaft schaffen, führen wir das Proletariat auf sicherem Wege zur Macht.⁹ 14 Jahre später und als Reaktion auf Hitlers Machtübernahme in Deutschland hat man den Anschlussparagrafen aus dem sozialdemokratischen Parteiprogramm gestrichen. Karl Renner selbst trug jedoch mit seiner befürwortenden Stellungnahme zum „Anschluss 1938 wesentlich zum Vorwurf bei, dass großdeutsche Aspirationen der SDAP auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten fortgewirkt hätten. Untermauert wurden solche Anschauungen unter anderem mit dem Verweis auf die Zertrümmerung der Sozialdemokratie durch das Regime von Kanzler Engelbert Dollfuß und die daraus abgeleitete Neuorientierung eines Teiles der Arbeiterschaft in Richtung NS-Ideologie. Die seit dem Februar 1934 illegalen Sozialdemokraten appellierten noch im selben Monat an die Arbeiter, sich „nicht aus Haß gegen Dollfuß „von den Nazis einfangen zu lassen. „Eine Naziherrschaft in Österreich, warnte man damals, „könne dauerhafter, innerlich fester und darum gefährlicher sein als die Diktatur des blutigen Palawatsch des Austrofaschismus.¹⁰

Die Geschichtswissenschaft hat auf die Notwendigkeit, sich mit der lange Zeit tabuisierten Frage des Verhältnisses zwischen Sozialdemokratie und Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, reagiert. Demgegenüber war offenkundig der Patriotismus des „austrofaschistischen Regimes betont worden, das umso überzeugter vor allem als Bollwerk gegen Hitler beschrieben werden konnte. Die mit dem Jahr 1933 einsetzende autoritäre Politik sowie die daraus resultierenden Folgen für das innenpolitische Klima wurden vor diesem Hintergrund gewissermaßen als hinzunehmende „Kollateralschäden dargestellt. Der Wille, die Souveränität des Landes zu erhalten, und der Widerstand gegen eine völlige Vereinnahmung durch Hitler-Deutschland wurden zu Anhaltspunkten für eine generelle oder zumindest weitestgehende Pardonierung des Regimes. Darüber hinaus erwiesen sich bestimmte Verhaltensweisen seitens der Sozialdemokraten als denkbar untauglich, um solchen Interpretationen entgegenzuwirken. Karl Renner distanzierte sich zwar später von seinen Aussagen pro „Anschluss, die er 1938 getroffen hatte, blieb aber eine prinzipielle und unmissverständliche Korrektur des Gesagten schuldig. Der problematische Umgang mit den „Ehemaligen etwa von Langzeitkanzler Bruno Kreisky in den 1970er-Jahren verwies dann einigermaßen deutlich auf Lücken im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Vergangenheit. Den „braunen Flecken der Sozialdemokratie, die sich nach 1945 in Form einer unhinterfragten Integration ehemaliger NS-Mitglieder zeigten, widmete man sich innerhalb der Partei lange Zeit nur zögerlich. Dem „Willen zum aufrechten Gang – so der Titel einer 2005 publizierten „Offenlegung der Rolle des BSA [heute: Bund sozialdemokratischer AkademikerInnen] bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten – folgten allerdings nur wenige darüber hinausreichende Initiativen eines kritischen Rückblicks. Die Frage, ob das Thema „braune Flecken im Hinblick etwa auf andere Parteien erschöpfend behandelt wurde, stand bald ebenfalls zur Diskussion. Im Frühjahr 2018 wurde eine Studie „Zur Repräsentanz von Politikern und Mandataren mit NS-Vergangenheit in der Österreichischen Volkspartei 1945–1980" publiziert.¹¹ Eine Historikerkommission soll indessen der FPÖ zu einem neuen Umgang mit ihrer Geschichte verhelfen.

Panik vor dem Parlament

Belastet wirkt der 12. November 1918 aber nicht bloß im Zusammenhang mit der Anschlussproblematik. Im Zuge der Feierlichkeiten anlässlich der Ausrufung der Republik kam es zu Tumulten. Schon der erste Zwischenfall, das Hochziehen der roten anstatt der rot-weiß-roten Fahne, begleitet von empörten Pfuirufen ebenso wie von stürmischem Beifall, hatte Unruhe in den Ablauf des Festaktes gebracht. Nur mit Mühe konnte sich Staatskanzler Renner, der sich an die versammelten Menschen wandte, Gehör verschaffen. Nicht anders erging es den übrigen Rednern. Nachdem Karl Seitz gesprochen hatte, machten sich auf der Rampe immer mehr Rotgardisten bemerkbar. Als sich schließlich die Abgeordneten in das Parlamentsgebäude zurückziehen wollten, wurden sie von mehreren Männern attackiert, die erregt Einlass forderten. Der Kommunist Karl Steinhardt war in Begleitung von Rotgardisten erschienen, um den Staatsrat mit der Forderung nach Bildung einer Arbeiter- und Bauernregierung zu konfrontieren. Die Gardisten konnten nur kurzfristig zurückgedrängt werden. Dann wurden Fenster mit Gewehrkolben eingeschlagen und die hohe Glastür, die in die Säulenhalle des Parlaments führte, zertrümmert. Plötzlich hieß es, ein Schuss sei abgegeben worden. Aus den Presseberichten der kommenden Tage ging hervor, dass die Rotgardisten vermeinten, es sei aus dem Parlament gefeuert worden. Angeblich war beim Herablassen eines Rollbalkens ein Geräusch entstanden, das mit dem Krachen eines Schusses verwechselt wurde. Außerdem hatten Teilnehmer der Kundgebung das Gerücht verbreitet, auf dem Dach des Parlaments seien Maschinengewehre in Stellung gebracht worden. Vermutlich hatte man das Stativ eines Kameramannes, der die Feierlichkeiten filmte, irrtümlich für eine Gewehrvorrichtung gehalten. Daraufhin eröffneten mehrere Gardisten das Feuer. „Das Schießen, hieß es später in den Zeitungen, dauerte mehrere Minuten. Karl Seitz konnte schließlich eine Abordnung der Volkswehr davon überzeugen, dass sich im Parlament keineswegs bewaffnete „reaktionäre Putschisten verschanzt hatten. Tatsächlich wollten wohl einige an einen monarchistischen Gewaltakt glauben, der die Aktion der Rotgardisten als Verteidigungsmaßnahme erscheinen ließ. Umgekehrt ergab sich das Bild, dass man am 12. November Zeuge eines geplanten kommunistischen Putschversuches geworden war. In der Folge wurden mehrere Kommunisten verhaftet.

Die Schüsse hatten die Anwesenden in Panik versetzt. „In wilder Flucht", berichtete die Arbeiter-Zeitung am nächsten Tag, drängten die Menschen Richtung Burgtheater und Bellaria. Hilferufe von Frauen und Kindern wurden laut, viele der Fliehenden wurden zu Boden gerissen. In den Krankenhäusern mussten Dutzende Verletzte versorgt werden. Für zwei, einen Knaben und einen etwa 40-jährigen Mann, kam jede Hilfe zu spät. Man hatte sie förmlich zu Tode getrampelt.

Arthur Schnitzler notierte anlässlich der Ereignisse vom 12. November 1918 in sein Tagebuch: „Ein welthistorischer Tag ist vorbei. In der Nähe sieht er nicht sehr großartig aus."¹²

Konfliktzonen

Viele betrachteten die Republik als ein „Kind der Schande". Die Christlichsozialen hatten sich überdies nur zaghaft von ihrem ursprünglichen Wunsch gelöst, die Monarchie beizubehalten. In der Reichspost fielen jedoch deutliche Worte: „Mit dem alten System, das das ungeheure Weltgeschehen nicht zu überleben vermochte, muß auch die Fäulnis verschwinden, die es durchfressen hatte und seinen Zusammenbruch verschuldete."¹³

Nichtsdestoweniger führten die Ereignisse am 12. November vor Augen, dass die Einigung auf die Formel „Republik" keineswegs eine Überwindung unterschiedlicher politischer Bestrebungen und Zielsetzungen nach sich gezogen hatte. Noch dazu wurde deutlich, dass die Entscheidung für die Republik als reversibel angesehen wurde. So schlug die Reichspost bereits am 15. November vor, „das Volk möge in einem „Referendum darüber abstimmen, ob es nicht doch lieber in einer Monarchie leben wolle. Zunächst aber müsse sich, hieß es damals, in den Wahlen zur Nationalversammlung entscheiden, ob Deutschösterreich ein „nach christlich-germanischen Kultur- und Gesellschaftsidealen geordneter Rechtsstaat werden solle oder aber ein „Gemeinwesen, in dem Kommunismus, Bolschewismus, freimaurerische Altarstürmerei und deutschwidriges jüdisches Assimilantentum sich austoben werden.¹⁴ Das „Gespenst der Revolution geisterte durch den gesamten Wahlkampf 1919. Als bestimmendes Element erwies sich auch der Antisemitismus. Konkret bezog er sich auf zwei spezifische Feindbilder: auf sozialistische beziehungsweise kommunistische „Umstürzler und „Unruhestifter ebenso wie auf die Repräsentanten des „jüdischen Großkapitals. Letzteren galten auch die Angriffe der Sozialdemokraten, und zwar vor allem in Zusammenhang mit deren Kritik an den „Kriegsgewinnlern. Darüber hinaus polarisierten die höchst unterschiedlichen Anschauungen der beiden „Großparteien in Hinblick auf die Bedeutung der Religion. Hier boten nicht zuletzt die Bestrebungen der Sozialdemokraten bezüglich einer Eherechtsreform und der damit verbundenen Änderung gültiger Regelungen bei Scheidungen Anhaltspunkte für eine emotionell aufgeladene Gegenpropaganda. Da Volkswehrtrupps und Abordnungen der „Roten Garde in den Wochen vor dem Urnengang immer wieder Gottesdienste störten oder aber auf andere Weise gegen die katholische Kirche protestierten, schienen sich die Befürchtungen der Christlichsozialen, die im Falle eines sozialdemokratischen Wahlsieges vor der Zertrümmerung der katholischen „Sittenlehre warnten, zu bestätigen.

Was folgte, war eine Koalition zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen, die bis zur Jahresmitte 1920 hielt. Trotz des Wahlerfolgs der SDAP hatte sich die „Stimmzettelrevolution als Illusion erwiesen. Die Partei tat sich schwer, der eigenen Anhängerschaft die Koalition mit dem „Klassenfeind zu erklären. Auf der anderen Seite wollte man gegenüber den Christlichsozialen einen glaubwürdigen Verhandlungspartner abgeben. „Man entschied sich schließlich für einen Weg revolutionärer Phrasen und der Inangriffnahme sozialpolitischer Probleme."¹⁵

Bereits in den ersten Monaten des Bestehens der Regierung zeigte sich jedoch deutlich, dass revolutionäre Bestrebungen noch lange nicht abgeflaut waren. Im April und im Juni 1919 erschütterten blutige Unruhen, sogenannte „Kommunistenkrawalle", die Hauptstadt. Die Anziehungskraft der Kommunistischen Partei ging erst ab der zweiten Jahreshälfte zurück, um dann allerdings völlig zu schwinden. Die KP versank

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