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Glencoe - Fern der Heimat: Zeitreise-Liebesroman

Glencoe - Fern der Heimat: Zeitreise-Liebesroman

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Glencoe - Fern der Heimat: Zeitreise-Liebesroman

Länge:
424 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 26, 2019
ISBN:
9783739656267
Format:
Buch

Beschreibung

Das etwas andere Schottland-Zeitreiseabenteuer.

Dieser Bestseller ist vorübergehend zum günstigen Sonderpreis erhältlich!

- romantisch - sinnlich - spannend - gefahrvoll - römisch -


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Unter furchteinflößenden Umständen fällt Bonnie Campbell einem römischen Legionär der Antike vor die Füße. Doch sie muss nach kurzer Zeit erkennen, dass Quintus nicht nur der Einzige ist, der ihr in einer mehr als feindlichen Umgebung Schutz bieten kann, sondern auch all ihre Sinne in Aufruhr versetzt wie noch kein Mann vor ihm. Ohne es zu wollen, erobert der unnahbare Soldat das Herz der jungen Frau aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert – und verliert sein eigenes. Aber kann es überhaupt eine gemeinsame Zukunft für sie geben in einer Welt, die immer neue Gefahren birgt?

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Leseempfehlung: Ab 16 Jahren


Die beiden Bände der Glencoe-Bestseller-Reihe sind jeweils in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 26, 2019
ISBN:
9783739656267
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Glencoe - Fern der Heimat - Isabelle Vannier

München

Vorwort der Autorin

Dass Sie sich für mein Buch interessieren, freut mich sehr. Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen!

Im Anhang finden sich Worterklärungen sowie Infos zum geschichtlichen Hintergrund und zur Entstehung des Werkes.

Alte schottische Legenden haben schon mehrere namhafte Autorinnen und Autoren zu wunderbaren Geschichten mit Zeitreise- und Mysteryelementen inspiriert. Auch ich konnte mich diesem Zauber nicht entziehen, der meine Fantasie beflügelte. So reihe ich mich denn nun bescheiden in dieses Genre ein, und lasse zusätzlich meine Begeisterung für die Antike mit einfließen.

Mein Buch verbindet drei verschiedene Epochen, und die gründliche Recherche zu den historischen Hintergründen und Schauplätzen war für mich als Geschichtsinteressierte ein besonderes Vergnügen. Die sorgfältige Ausarbeitung der Hauptfiguren und ihrer aufkeimenden Beziehung zueinander bildet jedoch bewusst den Schwerpunkt dieses romantisch-sinnlichen Zeitreiseabenteuers.

Der Bezug zur realen historischen Figur des Quintus wird im Anhang erläutert. 

Prolog

Eine alte schottische Legende erzählt davon, dass die Kultplätze des Feenvolkes, auf nebligen Hügeln oder in verwunschenen Höhlen, unter bestimmten Voraussetzungen als Durchgang in andere Welten fungierten, welchen nur sie allein kontrollieren konnten. Sie hatten diese magischen Orte mit warnenden Zeichnungen markiert, von denen wissende Menschen sich fern hielten.

Nachdem die Feen irgendwann verschwunden waren, hatten die meisten dieser Portale im Lauf der Jahrtausende ihre Macht verloren, und die Funktion der Symbole als Warnung wurde vergessen.

Nichtsdestotrotz hielten sich, gerade im mythenreichen Land der Kaledonier, nach wie vor die Geschichten um verschollene arme Seelen, die unfreiwillig in einen solchen Durchgang geraten waren.

Doch vielleicht hat auch jede unverhoffte Reise durch ein solches Portal ihren ganz eigenen, schicksalhaften Grund, gelenkt durch die Fügung höherer Mächte? Diese Frage müssen sich in folgender Erzählung zwei Menschen stellen, die mittels mysteriöser Ereignisse zusammengeführt werden, welche sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätten ausmalen können.

Kapitel 1 : Quintus

Im Osten Caledoniums (heutiges Schottland), um das Jahr 130 unserer Zeitrechnung

Mit einem kehligen Kampflaut und der geballten Kraft seines Schwertarms stürzte sich der behelmte römische Soldat auf den Pikten, der ihn hatte angreifen wollen. Seine Waffe spaltete dessen Schädel, und sein Gegner sackte zusammen.

Bei Jupiter, sagte der Legionär sich insgeheim, manchmal überwältigte es ihn nahezu, wie sehr er den Triumph in solchen Momenten genoss. Es war seine Berufung, sein Leben, das, worin er gut war. Vivere militare est, wie es so schön hieß. Zu leben bedeutete zu kämpfen, und kaum einer nahm das so wörtlich wie er.

Ihm blieb jedoch weder Zeit noch Grund, das Hochgefühl auszukosten. Der Feind war in der Überzahl und daher wurde seine ihm unterstellte Legion langsam in die Enge gedrängt, obwohl die Männer entschlossen und gewohnt organisiert vorgingen. Ihre Lage wurde zu seinem Missmut durch den zähen, kaltfeuchten Nebel erschwert, der zwischen den Bäumen hing und sich nicht auflösen wollte. Die Strahlen der Mittagssonne drangen daher nur diffus auf die große Waldlichtung, welche Schauplatz der Schlacht war.

In dem erbitterten Gefecht verlor ein Römer nach dem anderen sein Leben durch die Hand der Pikten, die mit Gelände und Witterungslage vertraut waren. Immer wieder wussten die Wilden perfekt den Schutz der umliegenden Bäume und des Nebels zu nutzen, um dann aus der Deckung heraus noch härter zuzuschlagen. Dass ihnen nicht beizukommen war, ließ ihn fast aus der Haut fahren vor unbändigem Zorn. Trotzdem, aber vielleicht auch gerade deswegen, war sein Kampfgeist ungebrochen. Immer wieder brüllte er seinen Soldaten Schlachtparolen zu, um ihnen Mut zu machen.

»Centurio, gebt acht!«, warnte ihn soeben einer seiner Legionäre.

Blitzschnell wirbelte er herum und wurde eines grobschlächtigen Pikten gewahr, der die Streitaxt gegen ihn erhob. Bevor dieser zuschlagen konnte, durchtrennte er ihm mit einem einzigen gewaltvollen Schwerthieb die Kehle. Dann stieß er dessen Körper mit einem kräftigen Fußtritt von sich, bevor das hervorspritzende Blut ihn allzusehr besudelte. Doch im Grunde war das seine geringste Sorge. Wichtiger war, sich einen Überblick bezüglich ihrer Lage zu verschaffen, was er innerhalb eines Wimpernschlags auch tat.

Bitternis erfüllte ihn. Es war jetzt nicht mehr zu leugnen, dass ihre Gegner in Kürze endgültig die Oberhand gewinnen würden. Er und seine Männer würden jedoch nicht klein beigeben und nötigenfalls bis zum Tod ehrenhaft weiterkämpfen, schwor er sich grimmig, als er sich den nächsten Wilden vornahm.

In diesem Moment verfluchte er das römische Imperium und Kaiser Hadrianus, der ihn und seine Legion ohne Verstärkung in Feindesland, in den Osten Caledoniums, entsandt hatte, um die Grenzen des Reiches zu sichern. Dabei war allseits bekannt, wie zahlreich die wilden Ureinwohner waren, und wie grausam sie kämpften.

Der oberste Befehlshaber war im letzten Monat bei einer Schlacht weiter südlich getötet worden, und daraufhin war er selbst, Quintus Cornelius Priscus, Sohn eines angesehenen römischen Senators, Anführer der ruhmreichen Legio VIIII Hispania geworden. Er war der primus pilus, Centurio der ersten Zenturie innerhalb der ersten Kohorte der Legion, und der letzte noch Überlebende unter den Ranghöheren. Nach nunmehr zehn Jahren Kampferfahrung mit der neunten Legion kannten ihn seine Kameraden gut und hatten ihn vertrauensvoll als neuen Kommandanten akzeptiert, trotz seines für diesen Posten vergleichsweise jungen Alters von achtundzwanzig Sommern. Seine leicht überdurchschnittliche Körpergröße und sein bestimmendes Auftreten halfen ihm zusätzlich, sich Respekt zu verschaffen. Die Soldaten würden ihm bis in den Tod folgen. Daher schmerzte es ihn umso mehr, dass sie wohl tatsächlich alle ihr Leben lassen mussten. Sein eigenes Ende, ebenso unvermeidlich, schien ihm da fast nebensächlicher als das der ihm anvertrauten Legionäre. Es waren inzwischen nur noch rund zwanzig von ursprünglich dreitausend, die aber schon bei den Kämpfen im vergangenen Monat auf etwa tausend Mann dezimiert worden waren. Jetzt schien ihr Schicksal besiegelt.

Einer nach dem anderen fiel dem Gemetzel zum Opfer, bis schließlich nur noch Quintus selbst und zwei weitere Römer übrig waren. Sie bluteten aus vielen Wunden und waren von ihren Gegnern umringt, die sich finsteren Blickes anschickten, auch den restlichen Fremden, die in ihr Land eingedrungen waren, den Garaus zu machen.

Der Centurio stand mit beidhändig erhobenem Schwert da und sah den Pikten nacheinander wild entschlossen in die Augen, in der Gewissheit, dass sein Leben verwirkt war. Noch nicht einmal die germanischen Stämme hatten ihr Territorium so erbittert verteidigt wie diese blau bemalten, in Felle gehüllten Krieger. Er hatte versagt in seiner Aufgabe, Roms Nordgrenzen vor diesen zu schützen. Die Schmach darüber war übermächtig in ihm.

Dank des Reichtums seines Vaters hatte er vor seinem Militärdienst eine recht gute Bildung genossen, die ihm unter anderem einen tiefen Einblick in die Entstehung des römischen Reiches gewährt hatte. Ihm war daher klar, dass dieses ohne Expansion, wie der Kaiser seine Eroberungen gerne nannte, nie das geworden wäre, was es war: Ein mächtiges Imperium, das von den assimilierten Ländern in vielerlei Hinsicht genauso profitierte wie umgekehrt. Nur war das eben manchen Völkern nicht bewusst, wahrscheinlich deshalb, weil Rom seine Ansprüche nötigenfalls mit Gewalt durchzusetzen pflegte. Es lag nicht an ihm, als Soldat des Imperators, das in Frage zu stellen. Er führte Befehle aus, wissend, dass dies jederzeit sein Ende bedeuten konnte. Da es jetzt soweit war, zwang er sich, die unterschwellige Furcht, welche ihn beschämenderweise erfasste, mit dem ihm eigenen, entschlossenen Auftreten niederzukämpfen. Ihn überkam das Verlangen, den Wilden noch ein paar letzte Worte in deren Sprache entgegenzubrüllen. Selbige hatte er sich während der Jahre, die er jetzt schon in diesem verfluchten Land stationiert war, zwangsläufig angeeignet.

Mit einigen Siedlungen bereits eroberter piktischer Stämme wurde Handel getrieben. Da deren Bewohner aber kein Latein sprachen, im Gegensatz zu vielen Südbritanniern, war es für einen ranghöheren römischen Soldaten wie ihn unumgänglich, piktisch zu lernen. Außerdem beherrschte er ferner die Sprache der Britannier, sowie die der Stämme jenseits des Meeres westlich des britannisch-caledonischen Eilands, welche Scotii genannt wurden. Mit letzteren wurden ebenfalls Handelsbeziehungen gepflegt, obwohl einige von ihnen immer wieder Raubzüge an Britanniens Westküste durchführten.

»Kommt doch und kämpft, wir haben keine Angst, wir sind Römer!«, grollte er also auf Piktisch, schwang sein Schwert und riss herausfordernd seinen Helm herunter, den er achtlos auf den blutgetränkten Waldboden schmetterte. Sein Kopfschutz würde ihm angesichts der feindlichen Übermacht ohnehin nicht mehr dienlich sein, und hatte während der hitzigen Schlacht schon längst den quergestrahlten roten Federbusch verloren, die cresta transversa, eines der Zeichen seines Ranges.

Offenbar beeindruckte es die Pikten, dass er ihrer Sprache mächtig war, zumindest verrieten das deren Mienen. Einige begannen allerdings spöttisch zu grinsen, wie Quintus zornbebend bemerkte. Sie kamen näher, von allen Seiten, und er machte sich bereit.

Jupiter, betete er insgeheim, gib mir die Kraft, stolz und aufrecht zu sterben.

Plötzlich spürte er einen wuchtigen Schlag auf den Hinterkopf.

Im nächsten Moment fühlte er nichts mehr.

Wie ein Stein stürzte der Römer ohnmächtig zu Boden, nachdem ihm ein kräftiger Pikte seinen Axtstiel über den Schädel gezogen hatte. So bekam er nicht mehr mit, wie er und seine beiden letzten Legionäre, die ebenfalls bewusstlos geschlagen wurden, auf überlebende römische Pferde geladen und fortgebracht wurden.

Ein paar Stunden später kam Quintus stöhnend wieder zu sich. Sein Kopf dröhnte und schmerzte gewaltig. Als er sich an Selbigen fassen wollte, realisierte er dass es nicht möglich war, weil seine Arme bewegungsunfähig waren. Mühsam straffte er sich, wandte sich um und erkannte, dass diese rücklings an einen dicken Pfahl geschnürt waren. An diesem lehnte er in sitzender Position wie ein nasser Sack, die Beine von sich gestreckt. Er befand sich in der Mitte eines großen Platzes und um ihn herum standen ein paar einfache, kleine Steinhäuser, sowie ein großes Langhaus. Ein Blick gen Himmel zeigte ihm, dass der Nebel sich verzogen hatte. Welch grausame Ironie der Götter! Nun schien die Sicht nicht länger getrübt, da die Schlacht vorbei war. Aber wer wusste schon, wo die Wilden ihn hingebracht hatten, und wie weit es von hier zum Schauplatz des Kampfes war. Dem Sonnenstand zufolge neigte der Tag sich fast seinem Ende entgegen.

Der Römer schloss die Augen, atmete tief ein, und konzentrierte sich auf seinen Geruchssinn, sowie auf sein Gehör, um sich zu orientieren. Das würzige Aroma, das in der Luft lag, kannte er. Es war Kiefernduft, gepaart mit dem salzigen Odem des Meeres. Dies erklärte auch das stetige, entfernte Rauschen, welches an seine Ohren drang. Sie mussten sich also in der Nähe der Ostküste des Landes befinden, denn die Westküste war mehr als einen Tagesritt vom Ort der Schlacht entfernt, und er konnte nur wenige Stunden bewusstlos gewesen sein.

Er öffnete die Augen wieder, sah sich um und stellte fest, dass seine Kameraden rechts und links neben ihm ebenfalls an Pfähle gefesselt waren. Beide saßen scheinbar leblos mit dem Kopf vornübergebeugt da, halbnackt und übersät mit frischen, tiefen Wunden. Offenbar waren sie brutal misshandelt worden, wenn nicht sogar bereits getötet. Bitterkeit machte sich in ihm breit und er schnaubte wütend. Er sah an sich selbst herunter. Die Wilden hatten auch ihm die Rüstung, den Waffengurt und die Tunika ausgezogen, so dass er nur noch mit seinen feminaliae, den knapp knielangen Hosen aus verblichener Wolle, bekleidet war. Die Ledersandalen hatten sie ihm gelassen. Immerhin, sagte er sich zynisch. Sollte ihm die Flucht gelingen, konnte er damit wenigstens rasch vorankommen. Er versuchte seine Fesseln zu lösen, doch es war vergebens. Das Seil war zu fest.

In diesem Moment kamen drei der Pikten aus dem Langhaus und näherten sich ihm. Was hatten diese mit ihm vor? Noch nie hatte er gehört, dass die Wilden Gefangene machten. Er schob sich an dem Pfahl nach oben, weil er sich nicht vor ihnen erniedrigen wollte, indem er zu ihnen aufsehen musste. Es bereitete ihm einige Mühe, weil er sich noch leicht benommen fühlte, doch er ließ es sich nicht anmerken. Zu seiner vollen Größe aufgerichtet und hoch erhobenen Hauptes blickte er den Männern entgegen. Einer von ihnen trat vor und musterte ihn mit eisiger Miene. Quintus fiel auf, dass dieser einen langen Dolch vorn im Gürtel trug.

»So«, begann der Pikte. »Du sprichst also unsere Sprache. Das könnte uns sehr nützlich sein. Ich mache dir einen Vorschlag. Du verrätst uns alles über die römischen Festungen, was wir wissen wollen, und wir schenken dir einen schnellen Tod. Wenn nicht, leidest du wie deine Freunde, die ihr Leben qualvoll aushauchen mussten.«

Der Angesprochene runzelte grimmig die dunklen Brauen und knurrte auf Piktisch: »Ein Soldat Roms verrät seine Leute nicht.«

»So ehrenhaft, Römer«, entgegnete der Wilde mit beißendem Spott. »Wir wollen sehen ob dir deine Ehre noch etwas gilt, wenn wir angefangen haben.«

Mit diesen Worten zückte er den Dolch, setzte diesen an die bloße Brust des Römers und zog ihn mit einem kräftigen Ruck quer durch sein festes Fleisch. Der Legionär zwang sich, keine Schwäche zu zeigen. Er spannte alle Muskeln an und unterdrückte mit Mühe ein Stöhnen, indem er die Zähne fest zusammenbiss. Dabei entwich ihm lediglich ein schmerzverzerrtes Knurren. Warmes Blut strömte aus der klaffenden, brennenden Wunde. Ein Gefühl, das ihm nicht fremd war, als kampferprobtem Soldat. Er hatte schon schlimmere Verletzungen überstanden, und dabei so manche Narbe davongetragen. Alles was jetzt zählte war, ehrenvoll zu sterben. Er hoffte bei den Göttern, dass es ihm gelang.

»Und, immer noch standhaft?«, fragte der Pikte bissig und fuhr fort: »Du bist groß für einen deines Volkes. Ein würdiger Gegner. Dein gestählter Leib und deine eiserne Selbstbeherrschung werden dich vielleicht länger durchhalten lassen als die beiden anderen, aber umso härter wird es für dich, Mann. Sag uns, wo sich die Lager der Römer befinden und wie viele noch da sind.«

Der Centurio blitzte ihn aus seinen hellbraunen Augen kalt an und grollte: »Das tue ich nicht.«

Sein Feind näherte sich erneut, und ehe Quintus es sich versah, stieß ihm dieser unvermittelt so kräftig das Knie ins Gemächt, dass er vor Schmerz stöhnend zusammensackte. Darauf war er nicht vorbereitet gewesen. Übelkeit drohte ihn zu übermannen, doch als er gewahr wurde, dass der Wilde ihn losschnitt, riss er sich zusammen. Ein Plan reifte in ihm.

»Vielleicht wirst du gesprächiger, nachdem wir deinen Kopf in ein Fass voll Pisse gesteckt haben«, verhöhnte ihn der Pikte.

Der Legionär schnaubte unwirsch. Ihm waren derlei Foltermethoden nicht unbekannt. Er hatte sie schließlich selbst schon oft genug an seinen Feinden oder an Fahnenflüchtigen erprobt. Allerdings legte er keinen Wert darauf, seinerseits in den fragwürdigen Genuss zu kommen, in einen Gerbbottich getaucht zu werden. Er gab sich schwächer als er war, und tat so, als ob er kraftlos vor Schmerzen sei, was zu mimen ihm nicht schwerfiel. Sobald seine Arme frei waren, ließ er sich ächzend auf alle Viere fallen. Aus den Augenwinkeln erkannte er, dass die beiden anderen Wilden zu ihm kamen, wohl, um ihn aufzuheben. Er atmete tief ein, straffte sich und sprang mit einem Satz auf. Die sichtlich überraschten Männer hatten damit nicht gerechnet, ebenso wenig wie mit seinem Angriff, der daraufhin folgte. Blitzschnell entwand er dem ersten Pikten das Messer und rammte es diesem in den Hals, woraufhin ihm dessen Blut fast tröstlich warm über Hände und Arme strömte. Der Zweite kam nicht mehr dazu, seinen eigenen Dolch zu ziehen und keuchte verblüfft auf, als Quintus die Stichwaffe mit einer geübten Bewegung in seinem Herz versenkte. Der Dritte war etwas schwerer zu überwinden. Er führte eine Streitaxt mit sich, mittels derer er den Römer brüllend angriff. Dieser wich im letzten Moment aus, indem er sich auf die Knie fallen ließ. Aus dieser Position heraus stieß er dem Angreifer den langen Dolch in den Bauch und zog ihn quer durch dessen Gedärme, die hervorquollen, bevor der Totgeweihte neben seinen gemeuchelten Gefährten stöhnend zu Boden stürzte.

Quintus, noch immer auf Knien, atmete schwer. All das war innerhalb weniger Augenblicke geschehen, trotzdem fühlte er sich, als hätte er abermals stundenlang gekämpft. Der tiefe Schnitt auf seiner Brust blutete durch die Anstrengung jetzt stärker. Doch er schüttelte die Schwäche ab. Er musste einen klaren Kopf behalten und so schnell wie möglich fliehen, denn es würde nur eine Frage der Zeit sein, bis die übrigen Wilden erspähten, was er getan hatte.

Ächzend richtete er sich auf und nahm einem der Toten rasch dessen Waffengürtel ab, den er sich selbst um die Hüften schnallte. In diesen steckte er den langen Dolch und schlich dann vorsichtig am Langhaus vorbei, aus dem viele fröhlich grölende Stimmen drangen. Offenbar feierten die Pikten ihren Sieg über die Römer, sagte er sich voll Ingrimm. Dadurch, so hoffte er, würde seine Flucht zumindest länger unbemerkt bleiben. Das Piktendorf stand westlich eines kleinen Kiefernwäldchens. Als er dieses erreicht hatte, begann er in östlicher Richtung hindurchzulaufen, so schnell er konnte. Die Bäume würden ihm auf seiner Flucht einen vorläufigen Schutz bieten. Trotzdem hielt er auch dann nicht an, als er an einem kleinen Teich vorbeikam. Er hatte zwar furchtbaren Durst, aber es war zu gefährlich hier.

Er drehte sich nicht um, bis er das Wäldchen nach etwa mille passus, einer römischen Meile, hinter sich gelassen hatte. Vor sich sah er jetzt einen stattlichen, ausgedehnten Hügel, den er erklomm. Anhand des gewaltigen Rauschens, das die Luft erfüllte, vermutete er dahinter die See.

Und tatsächlich, auf der Anhöhe stehend sah er das weite Meer vor sich, an dessen flache, aber steinige Küste raue, geräuschvolle Wellen schlugen, welche auf den wenigen sandigen Abschnitten landeinwärts drängten. Erst jetzt wagte der Legionär einen Blick zurück. Zu seiner Erleichterung wurde er nicht verfolgt. Er sollte schnellstens versuchen, sich nach Süden bis zum Hadrianswall durchzuschlagen, wo sich die nächstgelegene römische Garnison befand. Doch zuerst musste er einen Moment innehalten, um Kraft zu schöpfen.

Quintus blickte auf die endlose Weite des Wassers und dachte mit Bitterkeit an die vielen Soldaten, die ihr Leben für eine im Grunde von vorneherein aussichts- und sinnlose Sache hingeben mussten. In Anbetracht dessen kümmerte ihn nicht einmal mehr, dass die Standarte, der Legionsadler, verloren war, obwohl es unter anderem die Pflicht seiner Kohorte gewesen war, dieses Sinnbild Roms mit allen Mitteln zu verteidigen. Was war schon ein Stück Metall gegen das Leben von dreitausend Mann? Zuletzt hatte er es irgendwo auf dem Schlachtfeld im Schlamm liegen sehen, besudelt mit dem Blut seines niedergemetzelten Trägers, des Aquilifers. Er stieß resigniert die Luft aus und machte sich kurzentschlossen auf den Weg zum steinigen Meeresufer, um die tiefe Brustwunde auszuwaschen. Das war alles, was er im Moment tun konnte, um die Verletzung zu versorgen, bevor er sich auf den Weg machen musste. Zwar hatte er sich durch die heutige Schlacht noch einige andere Wunden zugezogen, aber diese waren nicht viel mehr als Kratzer.

Nachdem er sich einen Weg durch die mit Strandhafer bewachsene Dünung gebahnt hatte, watete er ein Stück ins Wasser und schöpfte das kühle Nass über seine Brust. Das Salz brannte höllisch in seiner Wunde, doch er biss die Zähne zusammen und unterdrückte ein Stöhnen. Der Schnitt war wirklich tief, und er hatte viel Blut verloren. Konnte er es ohne die Hilfe eines erfahrenen medicus mit einer solchen Verletzung überhaupt schaffen, einen derart weiten Weg zurückzulegen? Zu Fuß würde er mindestens fünf Tage für diese Strecke benötigen, abhängig davon, wo genau er von den Wilden hingebracht worden war. Bald würde es außerdem dunkel werden und er brauchte zuallererst Schutz für die Nacht. Fieberhaft dachte er darüber nach, wie es jetzt weitergehen sollte, und sah sich sinnierend um.

Da fiel ihm plötzlich auf, dass sich am Fuße der grasbewachsenen Anhöhe, auf welcher er zuvor noch gestanden hatte, zur Meerseite hin einige kleine Höhlenöffnungen befanden, die offenbar irgendwann einmal von den Gezeiten aus dem Gestein herausgewaschen worden sein mussten. Vom Strandhafer halb überwuchert, hatte er diese zuvor nicht bemerkt.

Hoffnung überkam ihn. Sollten ihm die Götter am heutigen Tage ausnahmsweise einmal gewogen sein und seine stumme Bitte erhört haben? Zügig lief er über den unebenen Strand, um dorthin zu gelangen. 

Als er angekommen war, bemerkte er die verschlungenen fremdartigen Symbole, die das Gestein an den Eingängen der Höhlen bedeckten. Einige waren nur gemeißelt, und andere zusätzlich mit der blauen Farbe der Pikten ausgemalt worden. Dem Wenigen zufolge, was er über die Bewohner dieses Landes und deren Gebräuche gelernt hatte, wusste er, dass sie sich von Stätten, die so gekennzeichnet waren fernhielten. Es ging das Gerücht, dass es nur ihren Göttern gestattet war, diese zu betreten. Weil es nicht seine Götter waren, kümmerte ihn das im Moment nur soweit, als dass es ihm eine Zuflucht bot. Wenn er Glück hatte, würden die Wilden es aus diesem Grund nicht wagen, ihn dort drin zu suchen, sobald sie die Verfolgung aufgenommen hatten.

Er bog den Strandhafer zur Seite und betrat die größte der cavernae, welche aber immer noch nahezu winzig war, gerade hoch genug, dass er darin stehen konnte, wenn er leicht den Kopf neigte. Auch der Durchmesser betrug nur etwa das Doppelte seiner Körperlänge, wie er schätzte. Am gegenüberliegenden Ende konnte er im diffusen Licht erkennen, dass ein schmaler Gang offenbar weiter hinein in den Fels führte. Da er sicher gehen wollte nicht entdeckt zu werden, und ihm die Wahrscheinlichkeit dafür geringer erschien, wenn er sich tiefer in die Höhlen zurückzog, folgte er diesem Gang, der ihn in eine caverna von etwa gleicher Größe führte.

Quintus konnte gerade noch erfassen, dass bei dieser die Wände über und über mit seltsamen weißen Symbolen bedeckt waren, dann brach das Chaos über ihn herein. Plötzlich hatte er das Gefühl, alles würde sich um ihn herum drehen, sein Körper würde sich verflüssigen, und von einem Strudel aus tiefster Schwärze verschluckt werden, dem er trotz größter Kraftanstrengung nicht entfliehen konnte. Er war bewegungsunfähig und nahm nichts mehr um sich herum wahr. Dafür war die Empfindung, sich selbst in seine Bestandteile aufzulösen so präsent und furchtbar wie nichts, was er je zuvor erlebt hatte, nicht einmal in den schrecklichsten Schlachten. Fast sehnte er eine gnädige Ohnmacht herbei, um dem Gefühl zu entkommen. Etwas, das er von sich nicht kannte, stellte er sich doch stets heldenhaft jeder Gefahr.

Nach einer unendlich erscheinenden Weile in diesem grauenhaften Erlebnis gefangen, fiel er bäuchlings hart auf die Erde. Das Drehen hatte aufgehört, dieses schwarze Nichts war verschwunden, doch sein ganzer Körper schmerzte. Er fühlte sich wie ausgebeint und es fiel ihm schwer, sich zu rühren. Fassungslos fragte er sich, was mit ihm passiert war.

Kapitel 2 : Bonnie

Kirkcaldy, schottische Ostküste, ein Sommertag im Jahr 2014

»Mama, ich fahre jetzt los! Du hast sturmfreie Bude!«, rief die junge Frau schalkhaft die Treppe hinauf.

»Gut zu wissen, Bonnie«, schallte es amüsiert vom oberen Stockwerk herunter. »Aber denk daran, dass wir nachher bei deinen Großeltern zum Abendessen eingeladen sind. Bye!«

»Ich bleibe nicht lange weg! Bis nachher!«, erwiderte die Angesprochene gutgelaunt, nahm ihr Handy, ihr Portemonnaie, die Autoschlüssel, und machte sich auf den Weg.

Bonnies Ziel war die Ruine des Castle MacDuff, welche sie schon seit Kindertagen faszinierte. Diese lag nur zwanzig Autominuten entfernt von Kirkcaldy, wo sie derzeit mit ihrer Mutter aufgrund eines Kurzurlaubs weilte, welchen sie mit einem Besuch bei ihren Großeltern verband, die hier lebten.

Sie hatte mit ihren Eltern früher oft die Ferien verbracht, wo ihr Vater geboren war, und es geliebt. Die ruhige Atmosphäre des Hafenörtchens am Firth of Forth, ein Fjord nördlich von Edinburgh, war der genaue Gegensatz zu ihrer vergleichsweise quirligen Heimatstadt, der Studentenhochburg Oxford. Für die junge Frau waren die Aufenthalte stets erholsam gewesen, und sie liebte die einzigartige Natur der vom Tourismus unberührten Küste, die einen unverwechselbaren, rauen Charme hatte. Dem tat die rege industrielle Tätigkeit im Landesinneren keinen Abbruch, dennoch hatte es ihr Leben geprägt, dass ihr auf diese Weise schon früh die Folgen des Raubbaus der Menschen an der Natur vor Augen geführt wurden.

Seit ihr Vater vor zwölf Jahren bei einem Autounfall gestorben war, kamen sie allerdings aus finanziellen Gründen nicht mehr so oft hierher. Ihre Mutter hatte zunächst ihrer beider Lebensunterhalt allein bestreiten müssen, bis Bonnie neben Schule und Studium durch die Arbeit in einem Naturkostladen etwas beisteuerte. Von diesem Verdienst hatte sie sich schließlich die Miete für ein kleines Appartement in Oxford leisten können, in dem sie seit drei Jahren wohnte. Allerdings nicht mehr lange, denn mit einem neuen Job würde schon bald ein anderes Leben für sie beginnen.

Im letzten Monat hatte sie ihr Biologiestudium an der University of Oxford beendet. Sie hatte sich schon lange zuvor bemüht, einen Platz im Renaturierungsprogramm des hiesigen Kohletagebaus zu ergattern, das von Scottish Natural Heritage, der schottischen Naturschutzbehörde, ins Leben gerufen worden war. Zu ihrer Freude war es ihr gelungen.

Einst, lang vor ihrer Geburt, war das Landesinnere der Gegend eine Hochburg der Braunkohleförderung gewesen. Diese war jedoch mit wachsendem Umweltbewusstsein nach und nach zurückgebaut, und im Zuge der Energiewende schließlich nahezu komplett eingestellt worden. Jetzt sollten artenreiche Feuchtbiotope den hässlichen Kratern weichen, die der Tagebau in die Landschaft gerissen hatte, und gemeinsam mit weitläufigen Windparks das neue Gesicht der Region prägen. Ersteres war eine Aufgabe, welche die schottische Regierung in die Hände eines Teams junger, motivierter Biologen legte, zu denen Bonnie gehören würde.

Sie konnte es kaum erwarten, dieser Gegend, in der sie viele unvergessliche Momente verlebt hatte, etwas zurückzugeben, indem sie hier einen Beitrag zum Umweltschutz leistete. Bis sie eine Wohnung gefunden hatte, würde sie im Haus ihrer Großeltern leben. Aber zunächst würde sie ihren Urlaub mit ihrer Mutter auskosten.

Die beiden hatten sich ein kleines, zweistöckiges Ferienhäuschen am Rande von Kirkcaldy gemietet und genossen es, endlich einmal wieder etwas gemeinsam zu unternehmen. Bonnie liebte ihre Mutter sehr, zumal die Bindung zu ihr durch den schmerzlichen Verlust ihres Vaters noch enger geworden war. Sie hatten in den letzten Tagen bereits das vielfältige kulturelle Angebot der Kleinstadt genossen, in Form von Theater- und Museumsbesuchen. Außerdem hatten sie entspannende Shoppingtouren hinter sich, denn die Einkaufsmeile von Kirkcaldy nahe des Hafens war deutlich weniger überlaufen als ihr Pendant in Oxford, was die beiden sehr schätzten.

Heute würde sie jedoch alleine losziehen, denn ihre Mutter interessierte sich nicht sehr für alte Ruinen. Im Gegensatz dazu war Bonnie jedesmal aufs Neue begeistert von den alten Gemäuern des ehemaligen Macduff-Clansitzes bei East Wemyss, welche sagenumwoben waren und eine eigene Geschichte zu erzählen schienen, ebenso wie die Höhlen unter der Burgruine, in die geheimnisvolle piktische Schriftzeichen eingemeißelt waren, sowie Bildnisse von nordischen Gottheiten der Wikinger.

Historisches und Natur, vor allem Pflanzen, hatten sie schon immer interessiert, so dass ihr seinerzeit die Entscheidung schwer gefallen war, welchen Studiengang sie wählen sollte. Da die Arbeit als Biologin in ihren Augen reizvollere Zukunftsaussichten und Einsatzmöglichkeiten bot, entschied sie sich letztendlich für diese Fachrichtung. Sie hatte sich auf den Bereich Biodiversität und Umweltschutz spezialisiert, welcher ihr sehr am Herzen lag. Seit jeher hatte sie erschreckt, wie rücksichtslos die Menschen mit diesem kostbaren Planeten umgingen. Durch die Arbeit für SNH wollte sie etwas daran ändern und bewirken.

Aber Geschichte blieb ihr Hobby und so vergrub sie sich in ihrer Freizeit mit Freuden in Bergen von Geschichtsbüchern und, ihrer heimlichen Leidenschaft, historischen Romanen. Ihre Mutter rügte sie deswegen oft, sagte, sie verpasse das wirkliche Leben, wenn sie sich nur um die Vergangenheit kümmere, lieber solle sie mehr unter Leute gehen. Doch Bonnie ließ sich nicht beirren. So vernunftorientiert sie in allen übrigen Lebenslagen war, liebte sie es dennoch, in romantische, abenteuerliche Erzählungen einzutauchen. Sie war sich aber bewusst, dass ihre Mutter vielleicht recht hatte. War sie zu verwöhnt durch die starken, ritterlichen Helden in den Romanen, die ihre angebeteten Damen nicht nur sprichwörtlich auf Händen trugen und aus allerlei Gefahren retteten? Hatte aus diesem Grund kein Mann, mit dem sie bisher ausgegangen war, ihre Erwartungen erfüllt, infolgedessen sie mit ihren vierundzwanzig Jahren noch, beziehungsweise wieder, Single war? Dass sie vor ein paar Jahren eine herbe Enttäuschung erleben musste mit dem Mann, an den sie ihre Jungfräulichkeit verlor, hatte sie zudem vorsichtiger gemacht. Sie hatte geglaubt, es wäre die große Liebe, doch ihr Ex-Freund hatte sich nicht fest binden wollen. Ja, sie waren jung gewesen, beide, aber trotzdem war sie davon ausgegangen, dass eine Partnerschaft eine Art von tiefer Verbundenheit beinhalten sollte. Sie war nicht der Typ Frau für ein rein sexuelles Verhältnis. Im Nachhinein war ihr jedoch ohnehin klargeworden, dass ihr bei ihm von Anfang an etwas gefehlt hatte, vor allem die vielgerühmten Schmetterlinge im Bauch, und alles, was dazugehörte. Das war es, was sie wollte. Zwar war sie ein besonnener Mensch, erhoffte sich aber von einer Beziehung in jeder Hinsicht deutlich mehr Leidenschaft und Hingabe, als sie bisher erlebt hatte. Die beiden Männer, die sie in den letzten Jahren gedatet hatte, hatten das ebenfalls vermissen lassen, so dass es über Essenseinladungen und Kinobesuche nie hinausgegangen war. In ihr Bett und ihr Herz ließ sie keinen mehr. War sie zu wählerisch? Wartete sie auf etwas, das sie nie bekommen würde?

Bonnie haderte mit sich, als ihr diese Dinge auf der Fahrt mit dem alten, roten Mini-Cooper ihrer Mutter durch den Kopf gingen. Doch es war ja zwecklos, darüber nachzudenken, befand sie. Bald würde sie sich ohnehin erst einmal auf ihre Arbeit konzentrieren müssen. Sie stellte die Musik des nachträglich eingebauten CD-Players lauter und sang leicht schief, aber inbrünstig, den Herzschmerz-Song Wings der britischen Sängerin Birdy mit. Das traute sie sich aber nur, wenn sie allein war, denn im Beisein anderer war ihr das viel zu peinlich. Sie liebte dieses Lied und hörte es zur Zeit nahezu in Dauerschleife, obwohl es schon ein paar Monate alt war. Die Melodie in Verbindung mit der Stimme der Künstlerin war so kraftvoll wie schmerzlich, und der Text drückte viel von dem aus, was sie auch verspürte. Vom sich verloren fühlen, und dem Sehnen nach etwas, von dem sie selbst nicht wusste, was es war.

Nach zwanzigminütiger Fahrt nordwärts, vorbei an weitläufigen Feldern und den spärlichen Resten der Kohlegruben, war sie in East Wemyss angekommen. Sie steuerte den Wagen auf den Parkplatz des kleinen Friedhofs, an dessen hinterem Ende die Ruine nahe des Meeresstrandes auf einer Anhöhe thronte. Die Burg war im elften Jahrhundert vom Clanchief der Macduffs erbaut, und im vierzehnten Jahrhundert von seinen Nachfahren, der Adelsfamilie Wemyss übernommen worden. Letztere fungierten als Namensgeber der Ortschaft, welche erst im achtzehnten Jahrhundert entstanden war. Da der Clan Duff sich seinerzeit dem schottischen Freiheitskämpfer Robert the Bruce angeschlossen hatte, war von dessen Widersacher, dem damaligen englischen König Edward, die Zerstörung von deren Heimstatt befohlen worden. Sie wurde zwar etwa zweihundert Jahre später weitgehend wieder aufgebaut, doch da der Clan in der Zwischenzeit bereits einen neuen, prunkvolleren Herrschaftssitz weiter südlich in West Wemyss erbaut hatte, verlor die alte Burg an Bedeutung. Außerdem waren die Besitzer des Gemäuers von einer Gespenstergeschichte abgeschreckt worden. Es ging das Gerücht, dort spuke der Geist einer Lady in Grey, welche ein in der verlassenen Burg zu Tode gekommenes Bauernmädchen gewesen sein soll. Dieses hatte sich verzweifelt aus Furcht vor Strafe dorthin geflüchtet, weil es unschuldig des Diebstahls eines kleinen Laibs Käse aus der Küche des herrschaftlichen Schlosses Wemyss verdächtigt worden war, und ward fortan nie mehr gesehen. Eine typische Geistergeschichte, wie die Schotten sie liebten, aber insgeheim auch abergläubisch fürchteten, wusste Bonnie, die dergleichen nicht ernst nahm, obwohl es ihr natürlich um das Mädchen leid tat, was immer diesem auch zugestoßen war.

Die leerstehende Burg war dem Verfall anheim gegeben worden, weil viele deren Nähe fürchteten, und somit lange Jahre fast völlig in Vergessenheit geraten. Die Gegend um das alte Gemäuer war erst im Zuge der Industrialisierung besiedelt worden, etwa ab dem achtzehnten Jahrhundert, als die Braunkohleförderung und der Handel damit in alle Welt begann.

Die Zeichnungen der Pikten in den Höhlen unter der Burg hatten ebenfalls ihren Teil dazu beigetragen, dass das Areal lange gemieden worden war, denn auch zu diesen gab es eine mysteriöse Erzählung. Einst, zu den Glanzzeiten des Castle MacDuff, soll ein Dudelsackspieler musizierend tief in die Kavernen hineingegangen sein, plötzlich sei sein Instrument abrupt verstummt, und obwohl alles abgesucht

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