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Graffiti - The Art of Love

Graffiti - The Art of Love

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Graffiti - The Art of Love

Länge:
322 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 26, 2019
ISBN:
9783743813434
Format:
Buch

Beschreibung

Vorübergehend zum günstigen Sonderpreis!

Der junge Graffiti-Sprayer Chris und die schüchterne Lisa sind beide auf ihre Art Außenseiter in ihrer Welt. Unverhofft entdecken sie Gemeinsamkeiten, und aus Misstrauen wird Zuneigung. Doch die Schatten der Vergangenheit holen sie ein und ein bedrohlicher Racheakt, dessen Opfer sie werden, verlangt den beiden alles ab. Zusammen müssen sie lernen, über sich hinauszuwachsen und innere Stärken zu entfesseln. 


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Eine Erzählung von der ersten Liebe, von leichtsinnigen Entscheidungen, zweiten Chancen und dem Erwachsenwerden - sowie einer Kunstform, die oft zu Unrecht missachtet wird.


Empfohlen für Leserinnen und Leser ab 16+
Herausgeber:
Freigegeben:
Jul 26, 2019
ISBN:
9783743813434
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Graffiti - The Art of Love - Isabelle Vannier

München

Über das Buch

Inhaltsbeschreibung:

Der junge Graffiti-Sprayer Chris und die schüchterne Lisa sind beide auf ihre Art Außenseiter in ihrer Welt. Unverhofft entdecken sie Gemeinsamkeiten, und aus Misstrauen wird Zuneigung. Doch die Schatten der Vergangenheit holen sie ein, und ein bedrohlicher Racheakt, dessen Opfer sie werden, verlangt den beiden alles ab. Zusammen müssen sie lernen, über sich hinauszuwachsen und innere Stärken zu entfesseln. Wird ihre junge Liebe alle Widrigkeiten überstehen?

Eine Erzählung von der ersten Liebe, von leichtsinnigen Entscheidungen, zweiten Chancen, und dem Erwachsenwerden.

Vorwort der Autorin

Einige meiner Leserinnen und Leser, die meine ersten beiden veröffentlichten Romane mit historischem Hintergrund kennen, werden sich vielleicht fragen: Warum nun die Kehrwende zu einer modernen Graffiti-Geschichte? Die Gründe sind ebenso vielfältig wie einfach: Graffiti-Kunst, also das Malen von Namen und Botschaften auf öffentliche Gemäuer, ist mit eine der ältesten mitteilenden Kommunikationsformen der Menschheit, schon seit den alten Ägyptern und den Römern der Antike, und hat daher durchaus einen Bezug zur Historie. Aber darüber hinaus inspirieren mich auch aktuelle Themen, und nicht zuletzt bin ich schon seit geraumer Zeit fasziniert von der besonderen Ästhetik vieler Graffiti-Kunstwerke. Ich würde mich freuen, wenn mein Buch dazu beiträgt, dass dessen Leserschaft nach dem Schmökern mit offeneren Augen durch die Welt geht für die bunten Kunstschätze, die zum Beispiel den grauen Beton von Autobahnbrücken und Fußgängerunterführungen verschönern. Die Problematik, dass das Ganze leider auch oft eine illegale Seite haben kann, wird im Verlauf der Story zwangsläufig ebenfalls angesprochen.

Der Roman bildet den ersten Band einer zweiteiligen Reihe, in der jedes Buch in sich abgeschlossen sein wird, und, obwohl miteinander verflochten, auch unabhängig voneinander gelesen werden kann.

Dieses Werk ist reine Fiktion. Alle darin beschriebenen Vorkommnisse sind in dieser Konstellation frei erfunden, sowie die Rheingau-Schauplätze. Natürlich bin ich von bestimmten Gegenden, Bauwerken und aktuellen Entwicklungen meiner Wahlheimat Rheingau inspiriert worden, die ich wie in einer literarischen Collage zusammenfügte, habe aber bewusst einen fiktiven, nicht namentlich erwähnten Handlungs-Ort verwendet. Was den Frankfurt-Part angeht, habe ich mich aber ziemlich korrekt an die Örtlichkeiten meiner Geburtsstadt gehalten.

Wenn Ihnen das Buch gefallen hat, hinterlassen Sie doch gerne nach dem Schmökern eine objektive Bewertung in einem der Online-Shops.

Rezensionen sind gerade für Indie-Autor*innen notwendig, um überhaupt sichtbar zu werden. Wir stecken viel Zeit und Hingabe nicht nur in das Schreiben, sondern auch in die Korrekturarbeit, Formatierung, Covergestaltung, etc. Wenn das gewürdigt wird, ist das ein besonderer Herzenslohn.

Glossar

Graffiti- und Jugendsprache, Slang-Erklärungen

Diese werden zwar auch im Verlauf der Handlung erklärt, doch zum besseren Verständnis sind sie bereits hier vorab aufgelistet, da ich ein breitgefächertes Lesepublikum erreichen möchte, das, wie ich zu Beginn meiner Buchrecherche, vielleicht nicht mit all diesen Begriffen etwas anfangen kann. Deswegen werde ich damit auch sparsam umgehen, und nicht über Gebühr einfließen lassen. Für die Authentizität sind ein paar aber nötig. Echte Graffiti-Profis mögen mir verzeihen, wenn ich unbeabsichtigt trotzdem etwas nicht ganz korrekt dargestellt haben sollte.

Can: Farbsprühdose

Piece: Graffiti-Bild oder kunstvoller Schriftzug

Bomben: in einem Gebiet flächendeckend taggen

Writer: Graffiti-Sprayer, nicht nur auf Schriftzüge bezogen

Flow: Harmonie des Gesamtwerkes

Hall of Fame: Legale Sprühwand

Crossen: Übermalen von Pieces durch andere Writer, eigentlich tabu

Tag/Taggen: Graffiti-Namens-Schriftzug, meist Bezeichnung für Pseudonym-Namenskürzel als Unterschrift auf oder neben einem Piece, bzw. erstellen desselben

Caps: Je nach gewünschter Sprühintensität separat auswechselbare Sprühaufsätze (zB. fat für große Farbflächen und skinny für vergleichsweise feinere, meist schwarze Umrandungen, Outlines genannt)

Fame: Graffiti-Slang für erworbenen Ruhm durch besondere Werke, große Präsenz, oder Tags an Stellen, die besondere Herausforderung bieten

Jugendslang:

Darauf klar kommen – sich mit etwas arrangieren, abfinden

Jemanden abziehen – Diebstahl begehen, Raubüberfall

Prolog

Chaos - Die Identität eines Writers

Mit der Identität ist es so eine Sache. Jeder benötigt eine. Nicht nur, damit andere einschätzen können, mit wem sie es zu tun haben, sondern vor allem um für sich selbst zu wissen, was das innere Wesen und dessen Eigenheiten kennzeichnet. Es ist das, was uns Menschen Stabilität gibt, und einen Halt im Leben. Die meisten identifizieren sich über ihren Job, ihre Familie, ihre Religion, oder über ihre Nationalität, was ich für absolut dämlich halte, weil all das, vor allem Letzteres, nichts Individuelles ist. Aber viele haben eben diesen verfluchten Herdentrieb und brauchen das Zusammengehörigkeitsgefühl wie die Luft zum Atmen. Ich nicht. Ich bin der typische Einzelgänger, und bin auch lange gut damit gefahren.

Lange Zeit identifizierte ich mich nur über eines: Das Sprayen, und alles, was damit zusammenhing. Der Kick des Verbotenen, den es mir gab, vor allem aber, die Bilder, die in meinem Kopf entstanden, Realität werden zu lassen, und der Welt zu zeigen: Hey, es gibt mich, und hier seht ihr, wer ich bin. Doch dann brachte ein Moment der Unachtsamkeit eine Kette von Ereignissen ins Rollen, die meinem Leben eine völlig andere Richtung gaben und mir die Begegnung mit einem rätselhaften Mädchen einbrachten, für das ich über mich hinauswachsen musste. Mein Name ist Chris, doch in meiner Welt kennt man mich auch als Chaos. Dies ist meine Story.

Identität

Im sozialen Dschungel des menschlichen Daseins fühlt man sich ohne das Gespür für die eigene Identität nicht lebendig.

Zitat von Erik H. Erikson, deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, 1902 - 1994

Kapitel 1

Chris hatte eine Gänsehaut am gesamten Körper. Das feine, sanft zischende Geräusch, das der Sprühstrahl verursachte, wenn er aus der Dose herausströmte, war nur eine der Ursachen dafür. In Verbindung mit dem Rauschen der Fahrzeuge, die auf der Autobahn unmittelbar hinter ihm teilweise mit gefährlichen zweihundert Sachen vorbeirasten, gab ihm das einen Kick, der für ihn fast vergleichbar war mit sexueller Erregung. Das machte die Befriedigung, seiner größten Leidenschaft nachgehen zu können und sein neues Piece auf der grauen, glatten Betonmauer des Brückenpfeilers entstehen zu lassen, um ein Vielfaches geiler. Für das Fill-In hatte er ein leuchtendes Giftgrün verwendet, das er eigentlich am liebsten mochte und schon so etwas wie ein Markenzeichen von ihm geworden war. Genau wie sein Name, Chaos, mit dem er sich, obwohl Einzelsprayer, Fame und Achtung verschiedener Frankfurter Writer-Crews errungen hatte. Sein Name war Programm. Nicht, weil er Chaos verbreiten wollte mit seinen illegalen Tags, sondern weil wegen seines verworrenen Lebens Chaos in ihm herrschte. Nur wenn er sprayte, oder sich neue Styles für ein Piece ausdachte, bündelte sich das Chaos zu einem großen Ganzen, und es entstand jedesmal ein Bild, für das er mindestens zwei ganze Cans zu je vier Euro brauchte, meistens mehr. Doch das war es ihm wert, denn dafür lebte er, und für die Aura der Gefahr, die diese Aktion umgab. Ab und an hupte ihm ein vorbeifahrendes Auto zu, und er musste grinsen unter seiner Aktivkohle-Schutzmaske. Safety first war trotz aller Gefahr sein Motto, und ihm war durchaus bewusst, dass das was er da zum Sprühen benutzte, nicht unbedingt eingeatmet werden sollte. Die meisten Sprayer wussten das, es sei denn sie waren sogenannte Toys, Anfänger, die von noch nichts eine Ahnung hatten. Vor vielen Jahren war er auch einmal ein solcher gewesen, doch das war schon eine Ewigkeit her. Nun war er fast achtzehn und er könnte noch nicht einmal genau sagen, wie lange er schon taggte, aber es war definitiv verflucht lange. Irgendwann hatten seine Style-Ideen, die er in einem kleinen Notizbuch vorzeichnete, ihm keine Ruhe gelassen. Er hatte sie draußen, in den Straßen seiner pulsierenden Heimatstadt, die viel zu viele graue Ecken hatte, farbige Wirklichkeit werden lassen müssen, um darüber seine Identität zu finden.

So sehr er das hier gerade genoss war ihm stets klar, dass ihm die Zeit im Nacken saß und er damit rechnen musste, dass ein Bulle vorbeifuhr und ihn hier sah. Das war auch an einem derart extrem frühen Sonntagmorgen, seine liebste Zeit zum Sprühen, nicht unmöglich. Gerne trieben die sich auf der Autobahn ja auch in Zivil herum, und so musste er auf der Hut sein. Die Bedrohung, erwischt zu werden, war es ja gerade, was den Reiz noch erhöhte, selbst wenn er natürlich absolut keinen Wert darauf legte, in die Fänge der Cops zu geraten. Bisher war das zu seinem Glück noch nicht der Fall gewesen. Auch wenn er schon manchmal kurz davor gestanden hatte, entdeckt zu werden, hatte er noch immer rechtzeitig abhauen können.

Er arbeitete gewohnt zügig und präzise, und so entstand innerhalb kürzester Zeit in geschwungenen Buchstaben ein weiterer Schriftzug seines Namens vor ihm, den er mit einer schwarzen Outline umrandete. Die Ausarbeitung des 3D-Effekts, ein Muss für ihn um dem Piece sowohl Tiefe als auch Volumen zu geben, hatte er sich bewusst für den Schluss aufgehoben, denn man wusste ja nie, wieviel Zeit einem noch blieb, bis man stiften gehen musste. Nach einem kurzen Rundumblick wechselte er rasch die Caps auf einer Sprühdose aus, um feine Übergänge ausarbeiten zu können, und wollte soeben sein Werk fortsetzen, als mit quietschenden Reifen plötzlich ein dunkler Opel neueren Baujahres auf dem Standsteifen neben ihm hielt. Augenblicklich wusste er, was die Stunde geschlagen hatte, denn das war ein typisches Zivilbullenfahrzeug. Im ersten Moment war er paradoxerweise wie erstarrt. Sein Herz raste und sein panischer Blick glitt in Sekundenbruchteilen zu seinem klapprigen Fahrrad, das er ein Stück entfernt oberhalb der Böschung abgestellt hatte, weil es hier zu unwegsam dafür gewesen war. Er ließ alles fallen, was er in den Händen gehalten hatte. Gerade als der Fluchtreflex einsetzte, hasteten zwei Männer aus dem Auto und einer von ihnen rief: »Stehenbleiben, Junge, mach es dir nicht noch schwerer, als es ohnehin schon für dich ist.«

Ein paar Wochen später saß Chris in einem stickigen, kleinen Büro einem chronisch überlasteten Sozialarbeiter des Jugendamtes gegenüber und musterte ihn ausdruckslos. Der Junge hatte die zermürbende Erfahrung seines ersten Gerichtsprozesses hinter sich und sollte nun hier informiert werden, wie es für ihn weiterging. Zu allem Übel musste sich ausgerechnet jetzt ein neuer Vormund in seinen Fall einarbeiten, weil der alte in einen neuen Zuständigkeitsbereich gewechselt hatte. Verdammt, warum konnte der Mann nicht einfach zum Punkt kommen, fluchte er innerlich. Doch dieser tat ihm den Gefallen nicht, sondern führte nach einem Blick in seine Unterlagen mit ernster Miene weiter aus: »Außer Ihrem kürzlichen Konflikt mit dem Gesetz wegen des illegal gesprühten Graffito ist also Fakt, dass Ihre Mutter vor ein paar Monaten verstorben ist, ebenso wie Ihre Großeltern vor einigen Jahren, und Sie ziemlich mittellos dastehen, als Hilfslagerarbeiter in einer Fabrik, ohne Berufsausbildung, und mit einem miserablen Hauptschulabschluss. Die Zweizimmerwohnung, in der Sie und ihre Mutter gelebt haben, würden Sie ohnehin für eine kleinere aufgeben müssen, weil das Amt sie Ihnen nicht weiterbezahlen wird. Da Sie im nächsten Monat achtzehn werden, fallen gewisse staatliche Unterstützungsmaßnahmen weg, ebenso wie die gesetzliche Vormundschaft.«

Als der Sozialarbeiter bemerkte, dass seine ernsten Ausführungen scheinbar keine Reaktion bei dem jungen Mann hervorriefen, zuckte er resigniert mit den Achseln, sah noch einmal in Akten und fuhr nachdrücklich fort: »Wenn ich die Unterlagen richtig deute, war Ihre Mutter mit Ihrem Vater, einem wenige Jahre nach Ihrer Geburt im Irak gefallenen amerikanischen Soldaten, nicht verheiratet, konnte vor den US-Behörden nicht glaubhaft machen, dass er überhaupt Ihr Erzeuger war, und bezog daher auch keine Halbwaisenrente für Sie. Ihre Mutter hat sich vielleicht auch nicht genug Mühe gegeben, ihr Recht geltend zu machen, das werden wir jetzt wohl nie mehr erfahren. Sie müssen nun an Ihre eigene berufliche Zukunft denken, Christopher. Sie werden doch nicht ewig für einen Hungerlohn jobben wollen, und nachts weiterhin aus Frust Wände vollsprühen? Wissen Sie, manche Sprayer schaffen den Absprung und studieren Grafikdesign oder Kunst, und zwar erfolgreich.«

Abwartend musterte er ihn, doch Chris schnaubte nur und antwortete mit trockenem Spott: »Und wie soll das gehen, ohne Abi und Geld?«

Es war nicht, dass es ihn störte dass er sich alle Möglichkeiten verbaut hatte, weil er schon früh angefangen hatte, neben der Schule zu jobben, damit sie überhaupt etwas zu essen im Haus hatten. Daher war keine Zeit zum Lernen geblieben. Davon abgesehen hatte er sich ohnehin lieber draußen herumgetrieben, als zuhause mitanzusehen, wie seine Mutter vor sich hin vegetierte. Ihre Trauer um seinen toten, ihm unbekannten Vater, mit dem sie vor über achtzehn Jahren wohl eine kurze, aber heftige Affäre gehabt hatte, bevor der Soldat vom Wiesbadener Army-Airfield in den Irak versetzt worden war, betäubte sie mit harten Drogencocktails, für die fast ihre ganze Stütze vom Amt draufging, und schließlich sie selbst. Damit war zu rechnen gewesen, doch Chris befand sich trotzdem noch in einer Phase, in der er es nicht recht wahrhaben wollte, dass er jetzt so ziemlich allein dastand. Ein Funken Schuldbewusstsein kam noch dazu, weil seine erste Reaktion, als er seine tote Mutter gefunden hatte, Erleichterung gewesen war. Erleichterung, nicht nur, weil sie nicht mehr litt, sondern auch, weil er es nicht mehr mitansehen musste, und gewissermaßen frei war. Eine fragwürdige Freiheit. Daher fühlte er sich innerlich leer und ausgehöhlt, und erst recht nicht in der Lage, über seine Zukunft nachzudenken. In seiner Welt hatte er nicht einmal eine winzige Möglichkeit gesehen, je das Abi zu machen, geschweige denn zu studieren. Wenn man einen Background hatte wie er, lernte man, dass Träume sich nicht lohnten. Dann wurde man auch nicht enttäuscht. Ihm war nur wichtig, neben der Stütze vom Amt gerade so viel Geld zu verdienen, dass er ein Dach über dem Kopf, etwas zu beißen, und vor allem ein paar Euro für Farb-Sprühdosen, im Graffiti-Writer-Jargon Spray-Cans genannt, übrig hatte.

Es erforderte seine ganze Selbstbeherrschung, den Mann nicht merken zu lassen, wie wütend ihn dessen Bemerkung über das Sprayen gemacht hatte. Er tat das nicht aus Frust, ganz und gar nicht, aber er hatte keinen Bock, dem Typen das zu erklären. Er würde es sowieso nicht verstehen.

Sein Vormund gab ihm keine Antwort auf seine ohnehin rhetorische Frage, seufzte stattdessen missmutig und erklärte: »Wie Ihnen der Jugendrichter und Ihr Anwalt ja schon mitgeteilt haben, müssen Sie zwar keine Sozialstunden ableisten, und in Anbetracht der recht riskanten Stelle, an der Sie gesprüht haben, übernimmt der Staat zu gegebener Zeit selbst die Entfernung des Bildes. Zu Ihrem Glück wird dieses Verfahren nicht im Strafregister eingetragen. Sie sind aber wie Sie wissen durch eine Erziehungsmaßregel gerichtlich verpflichtet worden, eine Ausbildungsstelle anzunehmen. Doch seien Sie gewarnt: Wenn Sie diese nicht antreten oder noch einmal beim illegalen Sprühen erwischt werden, kommen Sie nicht so glimpflich davon. Bei Wiederholungstätern kennen die Richter keinen Spaß.«

Jaja, das wusste er doch schon alles, sagte sich Chris ungeduldig, mit steigender innerer Unruhe und auf heißen Kohlen sitzend. Das war schon beschissen genug. Er wollte endlich mehr erfahren, und ausgerechnet jetzt machte der Typ wieder eine Kunstpause, um in seinen Scheiß-Unterlagen zu blättern. Es war zum Verrücktwerden.

Endlich redete der Mann weiter und informierte ihn zynisch: »Aufgrund Ihrer, nun ja, unglücklichen Voraussetzungen würde sich die Suche nach einer regulären Ausbildungsstelle vermutlich schwierig gestalten. Da wir aber sicher gehen wollen, dass Sie dahingehend unterkommen, habe ich hier einen speziellen Stellenvorschlag für Sie. Diese befindet sich in einem kleinen Ort im Rheingau und sollte Ihren Fähigkeiten und beruflichen Erfahrungen entsprechen, die Sie bereits als Fabrik-Lagerarbeiter gesammelt haben.«

Er griff in die Akte, holte ein Blatt Papier heraus und legte es Chris vor die Nase, ehe er fortfuhr: »Hier finden Sie alle nötigen Infos, sowie die Adresse ihres Lehrbetriebes. Der Firmenbesitzer ist über Ihren problematischen Hintergrund im Bilde. Es handelt sich um einen Mann, der sich bereiterklärt hat, mit den Behörden zusammenzuarbeiten, um wegen kleinerer Delikte auffällig gewordenen Jugendlichen bei der Resozialisierung zu helfen. Er braucht Leute, die anpacken können, aber das dürfte einem drahtigen Kerl wie Ihnen ja nicht schwerfallen.«

Schelmisch zwinkerte der Sozialarbeiter, und der Junge verdrehte innerlich die Augen, zumal der Mann anfügte: »Sie können sich glücklich schätzen, denn Ihr neuer Chef bietet Ihnen darüber hinaus auch eine möblierte Unterkunft an. Problem gelöst.«

Als wäre dies das Tollste von der Welt, strahlte der Mann ihn nun an, und Chris kam das Kotzen.

Er runzelte mürrisch die Brauen und senkte zornerfüllt den Kopf. Ja, zupacken konnte er, denn er war ziemlich sportlich, dank der Arbeit im Fabrik-Lager, seinen Streifzügen mit dem Fahrrad und so manch halsbrecherischer Aktion beim Sprayen, doch er brauchte keine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die ihn in ein Kuh-Kaff ans Ende der Welt verschlug. Er ahnte, was dahintersteckte. Man wollte ihn aus seinem Revier, aus Frankfurt wegschaffen, weil man dachte, dass er dann zur Besinnung kam und das Sprühen aufgab. Aber das würde er nie tun. Sprühen war sein Leben. Sollten sie doch sehen, was sie davon hatten. Er würde dieses ganze Dorf mit seinen Schriftzügen, seinen Tags zubomben, bis es keine freien Flächen mehr gab. Er hob das Kinn und brachte mit zusammengebissenen Zähnen heraus: »Ok, geht klar, wann kann ich da anfangen?«

Kapitel 2

Lisa saß mit locker angezogenen Knien in ihrem Lesesessel am bodentiefen Fenster, hatte ein Buch auf dem Schoß und beobachtete mehr oder weniger heimlich den neuen Azubi ihres Onkels, der von diesem soeben auf dem Hof herumgeführt wurde. Der Mund des Jungen sah verkniffen aus und seine gerunzelten, hellbraunen Brauen gaben ihm etwas Verbissenes. Trotzdem war es unbestreitbar, dass er gut aussah mit seinen, trotz seines jugendlichen Alters, männlichen Gesichtszügen, den leichten Bartstoppeln und dem kurzen Haar, das einen verstrubbelten Out of Bed-Look aufwies. Außerdem schien sich unter seinem Kapuzenpullover und der lässigen Jeans eine sportliche Figur zu verstecken. Nicht, dass ihr so etwas wichtig gewesen wäre, denn sie ließ sich üblicherweise nicht von Äußerlichkeiten blenden.

Was ihre Aufmerksamkeit erregte war jedoch das unbestimmte Gefühl, sich in ihn hineinversetzen zu können. Sie spürte seine Unsicherheit in seiner ganzen Haltung, die wie ein Widerhall ihrer eigenen in solchen Situationen war. Eine verwandte Seele vielleicht? Trotzdem würde sie Abstand halten. Sie beobachtete lieber, als mit Menschen zu reden, und schon gar nicht mit Jungs. Die meisten Jungs waren ihr suspekt, großspurig meist und anbiedernd. Oder sie machten auf gelangweilt und benahmen sich rücksichtslos gegenüber anderen, auch Mädchen. Sie fragte sich, ob sie je einen finden würde, der anders war. Doch sie war ohnehin viel zu zurückhaltend, um auf andere zuzugehen, und hatte ihre Lektion schon früh gelernt, wie Menschen sich verhielten, wenn man anders war als die meisten. Sie war kein typisches Mädchen, das auf Shoppingtouren, Fernsehserien und Frauentratsch stand, sowie ständig in den sozialen Medien und am Smartphone herumhing. Sie vergrub sich lieber in ein fantasievolles Buch, streifte in der Natur umher, und das Lernen für die Schule war für sie immer an erster Stelle gekommen. Da lag es auf der Hand, dass sie schnell den Status Streberin innehatte, und demzufolge wenige Freundinnen. Ihr war es nur recht gewesen, hatte sie doch dadurch mehr Zeit für das Lernen gehabt. Wie ein Schwamm und mit ehrlichem Interesse hatte sie das Wissen aufgesaugt, das ihr vermittelt wurde. Aber was hatte es ihr gebracht? Sie war jetzt siebzehn, hatte ein glattes Einser-Abi in der Tasche und keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Zur Überbrückung absolvierte sie gerade ein freiwilliges ökologisches Jahr bei einer hiesigen Naturschutzorganisation und hoffte, dass ihr das eine Richtung weisen würde. Ihr heimlicher Wunsch war, Umweltschutz mit der Weiterbildung im Studiengang Bachelor of Education zu studieren, weil sie wusste, dass man dadurch wirklich etwas bewegen konnte. Aber ihr Problem bestand darin, dass sie dafür viel zu schüchtern war. Wie sollte sie ohne Angstschweißausbrüche vor einer ganzen Berufsschulklasse sprechen, oder Firmenbossen glaubhaft nahebringen, wie sie ihren Betrieb umweltfreundlicher gestalten konnten? Das traute sie sich nicht im Mindesten zu.

Warum konnte sie nicht so sein wie die meisten anderen Mädchen, selbstbewusst und lebensfroh? Es waren nun so viele Jahre vergangen seit jenem schrecklichen Erlebnis, sollte sie das nicht schon längst verarbeitet haben? Seit sie bei ihrer Tante und ihrem Onkel lebte, ging es ihr zudem besser als in den Jahren davor.

Lisa seufzte und widmete sich wieder ihrem Buch, einem ihrer vielen romantischen Fantasy-Schmöker. Sie konnte allerdings nicht verhindern, dass ihre Blicke dabei immer wieder verstohlen zu dem jungen Mann wanderten, der sich nach außen hin mürrisch gab. Aber sie konnte das Leuchten in seinen Augen sehen beim Anblick der schweren Bagger und Baumaschinen des Verleihbetriebes ihres Onkels. Die perfekten Männer-Spielzeuge, sagte sie sich belustigt und verdrehte schmunzelnd die Augen. Sogar ihr Onkel ging mit seinen fast vierzig Jahren noch völlig auf in seinem Metier und ließ es sich daher nicht nehmen, die Maschinen gemäß seiner Kenntnisse in der Elektrotechnik selbst mit in Stand zu setzen. Sie war ein bisschen stolz auf sich, dass sie ihn hatte überreden können, die benötigte Energie für den Betrieb größtenteils aus Solarkraft zu beziehen, in Form eines riesigen Panels auf dem Dach der Halle.

Das Mädchen wusste, dass der neue Azubi ein junger Straftäter war. Ihr Onkel hatte die Belegschaft, sowie sie und ihre Tante darüber informiert. Doch er hatte auch darauf bestanden, dass man ihm unvoreingenommen und mit Respekt begegnete. Sie vertraute ihrem Onkel, und wusste auch, dass er sie nie in Gefahr bringen würde, aber trotzdem war ihr mulmig zumute. Daher hätte es sie schon interessiert zu wissen, was der Junge getan hatte.

Chris war leicht überfordert. Die lässige Herzlichkeit seines neuen Chefs nahm ihm völlig den Wind aus den Segeln. Er hätte nicht erwartet, dass dieser ihn derart freundlich empfangen würde, da er doch wusste, dass sein neuer Azubi mit dem Gesetz aneinandergeraten war.

Er war so überrumpelt, dass er nur die Hälfte davon mitbekam, was dieser ihm erklärte, während er ihn herumführte, und fragte sich stattdessen, was für ein Landsmann der Firmeninhaber war.

Er selbst war in einer Stadt groß geworden, die ein bunter Schmelztiegel vieler Nationen war, und in jüngeren, geselligeren Jahren hatte er immer gute Kumpels mit Migrationshintergrund gehabt hatte. Daher war für ihn eine Nation so gut wie die andere. Trotzdem rätselte er, wie er das südländische Aussehen und den leichten, ihm unbekannten Akzent einordnen sollte. Dieser klang weder türkisch noch italienisch. Der Name, der Gjon Lushaj geschrieben wurde, laut des Wischs, den er von seinem ehemaligen Vormund bekommen hatte, und ähnlich wie John ausgesprochen wurde, sagte ihm herkunftsmäßig auch nichts. Sei es drum, das ging ihn auch nichts an.

Er hatte nur mit halbem Ohr zugehört, aber kapiert, dass sein neuer Boss Besitzer einer ziemlich großen Verleih- und Reparaturfirma für Baumaschinen und Spezialwerkzeuge war. Zugegebenermaßen war er beeindruckt von dem schweren Gerät. Dabei hatte Chris mangels Kohle noch nicht einmal einen Führerschein, aber das wusste der Mann zu seiner Verwunderung bereits. Noch größer wurde seine Verblüffung als dieser ihm mitteilte, dass er ihm die Fahrschule finanzieren würde. Warum tat er das alles? Ließ ihn, einen wildfremden Straftäter, in eine Firmenwohnung ziehen und wollte ihn einstellen, ohne ihn vorher kennengelernt zu haben. Das machte den Jungen misstrauisch. Er ließ sich seine Überraschung aber nicht anmerken, und brummte ein paar gepresste Begrüßungsworte, als er seinen neuen Kollegen vorgestellt wurde, die in einer riesigen Halle an einem großen Bagger herumschraubten. Wieder war er überrascht, weil die Männer ihn derart freundlich begrüßten, dass es ihm fast unheimlich war. Das war er von seiner alten Arbeitsstelle im Lager nicht gewohnt, wo sich jedermann anblaffte, und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Etwas erleichtert war er daher, als die Arbeiter anschließend ein paar fachbezogene Worte mit dem Chef wechselten, und dieser, der offenbar ziemlich gute praktische Kenntnisse hatte, in ein kurzes, angeregtes Gespräch mit ihnen verfiel.

Chris` Blick fiel indes sinnierend auf sein Fahrrad, das er am Hauptgebäude hatte stehen

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