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Was sich liebt, das killt sich: Mörderische Geschichten
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Was sich liebt, das killt sich: Mörderische Geschichten
eBook256 Seiten3 Stunden

Was sich liebt, das killt sich: Mörderische Geschichten

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Über dieses E-Book

Was sich liebt, das killt sich!

Ganz egal ob einsam oder zweisam, höchst kriminell geht es auf jeden Fall immer dann zur Sache, wenn das Ehepaar Lüpkes & Kehrer mit spitzer Feder Herzblut vergießt. Die beiden leuchten mit diabolischem Vergnügen die tiefsten Untiefen sperriger Beziehungskisten aus. Sie retten beispielsweise Kröten mithilfe von Wasserleichen, sie zählen voller Mordlust Kalorien und nehmen einen Kosenamen-Experten aufs Korn, der dafür morden würde, endlich einmal "Schatz" genannt zu werden. Jürgen Kehrers berühmter Fernseh-Serienheld Georg Wilsberg ist dabei ebenso mit von der Partie wie Sandra Lüpkes' taffe Kriminalkommissarin Wencke Tydmers. Versammelt in einem Band mit den besten Kriminalgeschichten dieses Dreamteams der deutschen Krimiszene.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum17. Sept. 2018
ISBN9783954414420
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    Buchvorschau

    Was sich liebt, das killt sich - Sandra Lüpkes

    Hammerhart

    SCHATZ, WIR MÜSSEN NOCH DAS VORWORT …

    Jürgen:Wir müssen noch das Vorwort schreiben, Sandra.

    Sandra:Ach! Ob ich das wohl schon letzte Woche gesagt habe?

    Jürgen:Aber es steht erst diese Woche auf meiner To-Do-Liste.

    Sandra:(rollt mit den Augen) Machen wir irgendwas mit Kriminalstatistik. Google mal!

    Jürgen:Das Internet ist hier im Wohnzimmer ganz schlecht. Aber die meisten Morde sind Beziehungstaten. Wie viel Prozent genau, weiß ich gerade nicht. Schreiben wir erst mal XY und recherchieren das später.

    Sandra:Du oder ich?

    Jürgen:Erst muss ich noch den Müll rausbringen, aber dann.

    Sandra:Wir beide fallen sowieso aus der Statistik. Weil wir uns fast nie streiten.

    Jürgen:Schreiben wir jetzt ein Vorwort, oder führen wir ein Beziehungsgespräch?

    Sandra:Die Leute denken bestimmt, dass wir uns ständig streiten, weil wir den ganzen Tag aufeinander hocken, zusammen leben, Drehbücher schreiben, Lesereisen machen – und jetzt wieder eine gemeinsame Krimisammlung rausbringen.

    Jürgen:Dabei sind Krimiautoren sooooo friedlich. Statistisch gesehen viel harmloser als Liebesromanautoren.

    Sandra:Sagt wer?

    Jürgen:Die Verlagsleute. Und ich.

    Sandra:Weil wir die Aggressionen in unseren Geschichten ausleben.

    Jürgen:Man kriegt ja genug mit, wenn man so viel unterwegs ist wie wir. Die Konflikte liegen quasi auf der Straße.

    Sandra:Ich liebe es, mit dir in einem Café oder im Hotel Leute zu beobachten und sich zu überlegen, was die wohl für Probleme haben. (überlegt) Aber was die wohl über uns denken?

    Jürgen:Dass wir total unterschiedlich sind. Ich bin zum Beispiel viel strukturierter als du.

    Sandra:Dafür fällt es mir leichter, ungewöhnliche Ideen zu entwickeln.

    Jürgen:Okay, dann haben wir das ja geklärt.

    Sandra:Aber noch mal kurz nachgefragt: Findest du mich wirklich so chaotisch?

    Jürgen:Nein! Natürlich nicht! Können wir jetzt weitermachen?

    Sandra:Die Leser wollen bestimmt erfahren, worüber wir uns streiten – wenn wir uns mal streiten.

    Jürgen:Meistens passiert das, wenn wir auf Reisen sind.

    Sandra:Stimmt. Und zwar über die Frage, wo man auf langen Autoreisen Pause macht. Du willst immer in diese unpersönlichen Raststätten.

    Jürgen:Ja, weil es da die leckersten Kohlrouladen gibt.

    Sandra:Hmm, und zwar bei dreißig Grad im Schatten. Es ist doch viel spannender, mal von der Autobahn abzufahren und einfach zu gucken, was da in diesen unbekannten Orten so los ist.

    Jürgen:Meistens ist da ja nichts los. Und es kostet viel mehr Zeit.

    Sandra:Einigen wir uns auf einen Kompromiss.

    Jürgen:Okay, Hinfahrt bestimme ich, Rückfahrt du.

    Sandra:Prima.

    Schweigen

    Sandra:Mann, sind wir öde.

    Sandra Lüpkes

    DER SCHATZ IM AASEE

    Akademiker i. R., 65, gut sit., sucht …

    Prof. Dr. Ottokar Krukenkamp legt den Füllfederhalter kurz zur Seite und denkt nach.

    Schatz ist an erster Stelle. Bei Männlein und Weiblein.

    Schatz, Schatzi, Schatzilein.

    Egal ob Norden, Süden, Osten, Westen.

    Egal ob Backfisch oder Goldhochzeitspaar.

    Schatz führt sie an, die Liste der beliebtesten Kosenamen Deutschlands.

    Dies ist schon so gewesen, als er begonnen hatte, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Und das liegt immerhin mehr als dreißig Jahre zurück. Genauer: Seitdem er seinen Lehrstuhl in Germanistik an der Westfälischen-Wilhelms-Universität zu Münster innehat, beschäftigt er sich mit Hypokoristika, also Worten oder Ausdrücken mit zärtlicher Bedeutungskomponente. Das ist sein Steckenpferd und seine Profession.

    Prof. Dr. Ottokar Krukenkamp erstellt Statistiken und Weiterentwicklungsprognosen, er untersucht Klanglaute und deren Wirkung auf Flora, Fauna, Säuglinge und Menschen unter Drogeneinfluss. Er vergleicht mit Schmeichelwörtern aus anderen Sprachfamilien. Er berechnet das Verhältnis von Konsonanten und Vokalen, auch in Bezug auf die Anzahl der Silben.

    Und trotzdem landet er immer wieder bei »Schatz«.

    Also: Akademiker i. R., 65, gut sit., sucht Schatz

    Schatzimausi, Schatzibärli, Schatzihasi.

    Es gibt jede Menge Kombinationsmöglichkeiten, wie man das Ganze noch – salopp ausgedrückt – aufpeppen kann. Nicht nur mit verniedlichten Tieranhängseln, sondern beispielsweise auch dank lokaler Note: Schätzgen, Schatzl, Schätzle. Oder als seltsame Reimkonstellation wie Schatzidatzi, Schatzelmatzel … die Variantenvielfalt versetzt ihn nach all den Jahren noch immer ins Staunen.

    Die Ordner, in denen er sein Wissen zusammengetragen hat, ergeben eine stolze Breite, die Regale seiner Villa am Aasee sind vollgepackt. Gern hätte er alles an der Uni gelassen, doch die sagten, man könne das Ganze inzwischen auch viel effektiver in eine Datei eingeben, das fände alles locker Platz auf einem einzigen USB-Stick. Dort könne man vernetzen und verdichten, verklausulieren und verwalten. Aber das bringt Prof. Dr. Ottokar Krukenkamp nicht übers Herz.

    Akademiker i. R., 65, aus Münster, gut sit., sucht Schatz, Chiffre 16072802

    »Da, Chiffre 16072802 klingt doch gut«, sagt ihre Freundin und tippt mit dem Finger auf die schmalste aller Annoncen.

    »Es wird nicht funktionieren.«

    Aber das will ihre Freundin nicht hören. Seit Wochen, wenn nicht sogar Monaten redet sie ihr ins Gewissen. Und das Schlimmste: Sie hat recht, wenn sie sagt, dass es nur diese eine Chance gäbe.

    »Er ist Akademiker. Was sollte er an mir finden?«

    »Du hast doch mal auf Lehramt studiert.«

    »Das ist lange her. Jahre bevor ich … na ja, du weißt schon.«

    »Aber du liest doch ganz gern. Und wenn er schon 65 ist, kann er nicht wählerisch sein und ist bestimmt froh, wenn sich überhaupt eine bei ihm meldet.« Ihre Freundin ist nicht gerade die Charmanteste. »Er lebt in Münster, schöne Stadt, habe ich gehört. Und weit genug weg. Er wird eine eigene Wohnung haben, in die du möglichst bald einziehst. Wir suchen dir einen neuen Namen, einen, der richtig anständig klingt, und dann wird endlich alles gut, du wirst sehen.«

    Da ist sie mehr als skeptisch. Aber das ist ihrer Freundin egal. Die weiß, es muss etwas passieren, und zwar schnell.

    »Außerdem, weißt du, was ich richtig süß finde?«

    »Was?«

    »Dass er einen Schatz sucht. Klingt doch romantisch.«

    »Jeder nennt jeden so, das hat nichts zu bedeuten.« Sie macht einen Bleistiftkreis um die Anzeige. »Sogar Roger nennt mich Schatz, selbst wenn er mich gerade in die Besenkammer sperrt.«

    Mit einer solchen Flut von Zuschriften hat Ottokar Krukenkamp nicht gerechnet. Im Grunde ist er ohnehin völlig unvoreingenommen an diese Kontaktanzeigengeschichte herangegangen. Tausend Antworten hätten ihn ebenso überrascht, wie wenn sein Briefkasten leer geblieben wäre. Die 23 Schreiben sortiert er penibel. Diejenigen, die die Kommaregeln nicht beherrschen, haben keine Chance. Dann teilt er in neue und alte Rechtschreibung – er persönlich bevorzugt natürlich die alte, und da es hier um etwas sehr Persönliches geht, sind die Daß-mit-zwei-ss-Schreiberinnen auch aus dem Rennen. Die übrig gebliebenen drei Briefe durchforstet er nach Stilblüten – und findet bei zweien einen wahren Dschungel.

    Mit der letzten Zuschrift trifft er sich heute zum Abendessen im Kleinen Kiepenkerl, einer traditionsreichen Gaststätte in der Nähe des Prinzipalmarktes, in der er schon als kleiner Junge mit seinen Eltern gespeist hat.

    Sie heißt Maria, das gefällt ihm irgendwie, auch wenn er nicht unbedingt streng katholisch ist, es klingt so anständig.

    Als Erkennungszeichen hat er sich etwas Verspieltes überlegt: Ein kleines Schatzkistlein liegt vor ihm auf der Tischdecke, ohne Inhalt noch, aber schließlich geht es bei diesem Treffen ja darum, den eigentlichen Schatz erst noch zu finden.

    Eine Frau kommt herein, schlank, im Haar schon ein paar graue Strähnchen, die Brille goldumrandet. Er erkennt sie vom Foto und nickt ihr einladend zu. »Gestatten, Ottokar Krukenkamp!«

    Sie bestellt drei Gänge und achtet dabei nicht auf den Preis. Er hingegen belässt es bei Leberbrot und Wurstebrot mit geschmortem Apfel, seiner Leib- und Magenspeise.

    »Und was erwarten Sie von einer Frau?«, fragt Maria zum Abschluss ihres doch überraschend angenehmen Gesprächs. Sie ist nicht aufdringlich mit ihrem Wissen und belästigt ihn nicht mit ihrer Biografie. »Wer so viele Jahre allein durchs Leben geht, dem wird es nicht so leicht fallen, auf einmal eine Partnerin an seiner Seite zu wissen.«

    Da hat sie durchaus recht, darüber hat er sich auch schon den Kopf zerbrochen. »Um es gleich klarzustellen: Für den Haushalt benötige ich niemanden, da habe ich eine junge Frau aus Polen, die kann putzen und bügeln und was sonst noch dazu gehört.«

    »Und kochen?«

    »Ich bevorzuge es, gepflegt essen zu gehen. Und für den Alltag bietet die Mensa eine hervorragende Auswahl.«

    Das scheint Maria durchaus zu gefallen. »Suchen Sie also nur eine Partnerin für Gespräche und Freizeitgestaltung?«

    »Eigentlich nicht«, antwortet Ottokar Krukenkamp, denn eigentlich hat er sich die bisherigen 65 Jahre auch ganz gut mit hoher Literatur und Selbstgesprächen unterhalten.

    »Oder … etwa nur für … Sie wissen schon …« Maria rückt merklich von ihm ab.

    »Wohin denken Sie, Gnädigste.« Er tupft mit der Stoffservierte über seine Mundwinkel. »Nein, ich suche eine Frau, die Schatz zu mir sagt.«

    »Wie bitte?«

    »Sie haben richtig verstanden. Sie dürfen mietfrei bei mir wohnen, es gibt ein geräumiges Zimmer mit eigenem Bad und Balkon. Haushalt und Verpflegung lassen Sie mal auch meine Sorge sein. Einzige Bedingung ist: Sie nennen mich Schatz.«

    Sie sieht ihn an, als habe er etwas höchst Unehrenhaftes von ihr verlangt. Doch nach dem kleinen Kräuterschnaps, den sie sich gemeinsam gönnen, stimmt sie zu.

    Und drei Wochen später zieht Maria bei ihm ein.

    »Wir können nicht mehr telefonieren, es ist zu gefährlich«, sagt ihre Freundin.

    »Beobachtet er dich?«

    »Wenn es das nur wäre. Er steht stundenlang vor meiner Tür, passt mich nach Feierabend vor der Firma ab. Und immer will er wissen, wo du steckst. Mann, der Typ geht mir so was von …« Ihre Freundin seufzt. Damit haben sie beide gerechnet. Roger würde es nicht einfach so hinnehmen, wenn sie von der Bildfläche verschwände. Wäre es so einfach, dann hätte sie auch bloß die Koffer packen und ein paar Wochen nach Mallorca abrauschen können. Doch mit Roger ist es nicht einfach. Er ist ein Arsch. Ein verdammt gefährlicher Arsch.

    »Und wie geht es so in Münster?«

    »Ist okay.«

    »Wird dein Ottokar nicht zudringlich?«

    »Überhaupt nicht.«

    »Super, dann hast du ja genau den richtigen … Verdammt, da ist Roger.« Man hört seltsame Geräusche durch den Hörer, die hektisch, fast panisch klingen. Sie erkennt Rogers Stimme. Er schreit nicht. Er schreit nie. Seine Aggressionen sind leise. Das macht sie nicht weniger bedrohlich. »Ich muss auflegen, hörst du? Und ruf mich nicht mehr an, das ist …«

    Die Kollegen haben geunkt, es würde nichts werden. Er solle aufpassen, Frauen seien oft nur am Geld interessiert und suchten lebensfremde Männer wie ihn, die sie dann nach Strich und Faden ausnehmen könnten. Oder sie bräuchten womöglich einen Versorger, ließen sich heiraten und verbrächten den Rest ihrer Tage mit hochgelegten Füßen auf dem Sofa.

    Nicht so Maria. Nein, das Leben mit ihr gestaltet sich angenehm. Bei gutem Wetter frühstücken sie morgens auf der kleinen Dachterrasse, von der man die Segelboote auf dem Aasee beobachten kann. Wenn sie dann den Tee einschenkt, sagt sie »Bitte, mein Schatz.« Und damit ist der Tag schon perfekt.

    Sie zeigt sich an Kultur interessiert. »Schatz, wollen wir heute ins Picasso-Museum?« Wie klingt das schön. Oder: »Mir ist heute nach einem Spaziergang auf der Promenade, kommst du mit, Schatz?« Ist es nicht gleich weniger ärgerlich, wenn man hört »Schatz, es regnet«?

    Je länger er mit dieser Frau zusammenlebt, desto besser versteht er, was es eigentlich auf sich hat mit diesen Hypokoristika. Da hat er jahrzehntelang wissenschaftlich mit Kosenamen gearbeitet, an ihnen herumgedoktert, ist Experte auf dem Gebiet wie kein anderer, doch worum es dabei eigentlich geht, versteht er erst jetzt, seit er privat Umgang damit pflegt. Und es macht ihn zufrieden, nein, wenn er länger darüber sinniert, macht es ihn sogar glücklich.

    Nur einmal, da hatte sie ein »i« angehängt. Es ist Maria wohl nur so herausgerutscht, als sie am Samstag über den Domplatz schlenderten und an den Marktständen nach frischem Gemüse schauten, da hatte sie gesagt: »Mir ist nach Spargel, Schatzi.« Und gelächelt hatte sie dabei. Sofort waren sie nach Hause gegangen. Ohne Spargel und gute Laune. Er hatte lang mit ihr darüber gesprochen, über die Hypokoristika und wie viel ein solch überflüssiger Buchstabe zunichte machen kann vom Zauber. Schließlich ist es eine ganze Silbe mehr. Das bringt alles aus dem Gleichgewicht.

    Maria ist folgsam. Nie wieder ist es ihr passiert. Nie wieder.

    Das findet er erstaunlich. Stets hat er gehört und gelesen, die Frauen seien kompliziert und wenig verständig. Doch Maria passt sich geschmeidig seinem Leben an, formt sich um das Bisherige herum, stört nicht.

    Bis er sie nach drei Monaten auch Schatz zu nennen beginnt.

    Sie hat damit gerechnet. Nachdem ihre Freundin das letzte Telefonat so abrupt beendet und sich nie mehr gemeldet hat, ist ihr Blick wieder wachsam geworden, hat die Bürgersteige der Stadt abgescannt, die Passanten näher ins Visier genommen, mit mulmigem Gefühl am Morgen durch den Spalt der Vorhänge gelinst.

    Und plötzlich steht er da, auf der anderen Seite der Annette-Allee, mit verschränkten Armen blickt er zu ihrem Fenster herauf und lächelt bösartig, als ihre Augen sich treffen. »Du entkommst mir nicht«, hört sie ihn denken. »Hast du tatsächlich geglaubt, du kannst in eine fremde Stadt gehen, bei einem fremden Mann einziehen, einen fremden Namen annehmen – und ich bin bereit, aufzugeben? Das müsstest du doch besser wissen. Keine gerichtliche Verfügung, kein Urteil, keine drohende Strafe hat mich je davon abgehalten, dir zu folgen, auf Schritt und Tritt. So ist es immer gewesen. So wird es immer sein.«

    Sie ist unfähig, sich zu bewegen, als sei die Kraft aus ihren Sohlen geflossen, an den Hausmauern hinab, um sich direkt zu seinen Füßen in einer Pfütze zu sammeln.

    Was soll sie tun? Um Himmels Willen, was soll sie bloß tun?

    An einem Tag Ende des Sommers kommt Maria nicht wie üblich zum Frühstück und Ottokar wird schon bange, ob jetzt die Zeit anbricht, vor der die Kollegen gewarnt haben, die Zeit mit den hochgelegten Füßen auf dem Sofa.

    Doch vielleicht ist sie auch krank, also klopft er am späten Vormittag sachte an ihre Tür. »Alles in Ordnung, Schatz?«

    Sie antwortet nicht. Auch nicht auf mehrmaliges Nachfragen. Ottokar hat keine Ahnung, wie man sich in einer solchen Situation verhält. Vielleicht ist sie einfach unleidlich, will ihre Ruhe. Doch was, wenn Maria Hilfe braucht?

    Eine halbe Stunde später hat er sich durchgerungen und drückt die Klinke. Im Zimmer ist es dunkel. Sie hat nicht nur die Gardinen vorgezogen, sondern auch die Außenjalousien heruntergelassen.

    »Schatz, ich bin es«, sagt er. Statt einer Antwort hört er ein Schluchzen aus der Ecke, in der das Bett steht. »Darf ich Licht machen?« Da sie nicht antwortet, entscheidet er sich, lediglich die Leselampe am Sessel anzuknipsen. Vielleicht hat sie ja etwas mit den Augen?

    Tatsächlich sind die rot und nass. Er setzt sich zu ihr auf die Bettkante und legt zögerlich seine Hand auf die Decke, unter der sie zusammengekauert liegt. Nie sind sie sich so nah gekommen. Körperlich eventuell schon, das meint er nicht. Sie ist sein Schatz, tatsächlich, das ist sie.

    Gleichzeitig erschüttert ihn die Tatsache, wie wenig er sie kennt. Ottokar hat nicht die leiseste Ahnung, warum sein Schatz sich die Augen aus dem Kopf weint. Und sie ist nicht in der Lage, es ihm mitzuteilen.

    Also steht er auf, kocht Tee, legt drei Nussplätzchen auf einen kleinen Teller und kommt damit zurück. »Du kannst mir alles sagen«, lautet der einzige Satz, der ihm passend erscheint.

    Sie schnäuzt sich. »Da draußen …« Sie trinkt einen Schluck Tee. »Mein Exmann. Roger. Der steht da und wartet auf mich.«

    Da zwickt etwas zwischen Ottokars Armen, wäre es nicht furchtbar pathetisch, würde er es für Herzschmerz halten. Das ist albern, es ist nicht schlimm, wenn sie schon einmal verheiratet gewesen ist. Sie hat es ihm schließlich nicht verheimlicht, sondern lediglich nicht erzählt. »Du kannst da ruhig hingehen. Das ist kein Problem für mich.«

    »Da täuschst du dich. Roger ist ein Problem, und zwar ein verdammt großes.«

    Es stört ihn nicht, dass sie so grob formuliert. »Soll ich hinuntergehen und mit ihm reden? So von Mann zu Mann?«

    »Mein Schatz!« Sie lacht, obwohl sie todunglücklich ist. Dann beugt sie sich zu ihm herüber und küsst seine Wange. Feuchtigkeit bleibt an seiner Haut kleben, Rotz und Wasser.

    Er steht auf, zieht seine leichte Strickjacke über und macht sich auf den Weg. Ottokar weiß, er ist kein Held, kein leidenschaftlicher Retter der Frauen. Er ist nur ein kopfgesteuerter Professor der Germanistik im Ruhestand, der sich zum ersten Mal verliebt hat.

    Was will der Typ da? Ist das wirklich dieser nullpotente Intellektuellenschwanz, mit dem seine Alte es inzwischen treibt? Eine Visage, runzelig wie der Sack zwischen seinen Beinen. Roger schnippst die Kippe weg, sie landet im nächstbesten Schickimicki-Vorgarten.

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