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Tagebuch eines Steins

Tagebuch eines Steins

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Tagebuch eines Steins

Länge:
168 Seiten
2 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
17. Dez. 2018
ISBN:
9783739629766
Format:
Buch

Beschreibung

Wer wollte nicht mal einen Stein nach seiner Vergangenheit ausfragen? Was könnte er berichten? Von der Entstehung des Mondes? Vom ersten Leben? Von Dinosauriern? Von einem Schamanen der Neandertaler? Wie wurde das Rad erfunden? Wieso wurde Franz von Assisi ein Mönch? Und warum wird auf dem Matterhorn ein Betonkreuz stehen? Was kommt nach dem Homo Sapiens?
Die Geschichte beginnt 4.5 Milliarden Jahre vor unserer Zeit und endet noch lange nicht mit der Gegenwart.
Dies ist die längste Geschichte aller Zeiten!
Herausgeber:
Freigegeben:
17. Dez. 2018
ISBN:
9783739629766
Format:
Buch

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Tagebuch eines Steins - Martin D. Mohr

Das Lied des Felsen

Ich habe Leben und Tod gesehen.

Ich habe  Glück erfahren, Sorge und Schmerz.

Ich lebe ein Felsenleben.

Ich bin ein Teil unserer Mutter, der Erde.

Ich habe ihr Herz an meinem schlagen gefühlt.

Ich habe ihren Schmerz gefühlt und ihre Freude.

Ich lebe ein Felsenleben.

Ich bin ein Teil unseres Vaters, des Grossen Geheimnisses.

Ich habe seinen Kummer gefühlt und seine Weisheit.

Ich habe seine Geschöpfe gesehen, meine Brüder

die Tiere, die Vögel, die redenden Flüsse und Winde,

die Bäume, alles, was auf der Erde,

und alles, was im Universum ist.

Ich bin mit den Sternen verwandt.

Ich kann sprechen, wenn du zu mir sprichst.

Ich werde zuhören, wenn du redest.

Ich kann  dir helfen, wenn du Hilfe brauchst.

Aber verletze mich nicht,

denn ich kann fühlen wie du.

Ich  habe die Kraft zu heilen,

doch du wirst sie erst suchen müssen.

Vielleicht denkst du, ich bin bloss ein Felsen,

der in der Stille daliegt auf feuchten Grund.

Aber das bin ich nicht,

ich bin ein Teil des Lebens,

ich lebe, ich helfe denen,

die mich achten.

Cesspooch (Dancing Eagle Plume)

Aus den Akwesasne Notes 1973

1. HADAIKUM

Das Feuer des Hades und das Wasser des Lebens

(vor 4,6 – 4 Milliarden Jahre)

Wann er sein Bewusstsein erlangte konnte er nicht sagen. Es muss schon einige Millionen Jahre her gewesen sein, als er sich seiner Umgebung gewahr wurde. Irgendwann lag er eingeklemmt im Fels. Erst viel später hatte er erfahren, dass er sehr langsam aus einer heissen Magmaschmelze hervorgegangen war, aber er konnte sich nicht daran erinnern. Wahrscheinlich konnte sich kein fühlendes Wesen an seine eigene Geburt erinnern.

Es war dunkel, heiss und ständig bebte es um ihn. Das Rütteln liess seine harte Kruste am Fels kratzen. Es knirschte und krachte. Der Stein kümmerte sich nicht weiter drum. Er existierte einfach und wusste von nichts, was um ihn herum vor sich ging. Es war ihm nicht langweilig, denn er wusste nicht was Langeweile war. Er sah nichts, denn er war tief in gigantischen Gesteinsmassen versteckt, welche über ein Meer aus Feuer rasten. Das kalte Licht der jungen Sonne erleuchtete nur schwach die Oberfläche des noch jungen Planeten.

Das Einzige, was er kannte war Bewegung. Das ständige Rütteln und Schütteln, das ihn zwischen seinen Nachbarn zu zerquetschen drohte. Doch war er hart genug um den rauen Kräften Widerstand zu leisten.

So konnte er auch nicht den Einschlag des riesigen Protoplaneten kommen sehen, den man 4,5 Milliarden Jahre später Theia nennen würde. Der Giant Impact!  Er konnte die gigantische Erschütterung spüren. War er die üblichen Bewegungen gewohnt, so riss ihn diese Explosion plötzlich aus den Gedanken. Welche das waren hatte er vergessen. Sie konnten nicht viel Inhalt gehabt haben.

Es war ein Schlag, ein Hinausschleudern und schliesslich ein Fallen. Er flog mit unvorstellbaren Massen an festem und flüssigem Gestein durch die giftige Atmosphäre aus Kohlendioxid, Methan, Ammoniak und Schwefelwasserstoff. Ein Tohuwabohu biblischen Ausmasses! Das Magma spritzte um ihn herum, Gesteinsmassen neben ihm begannen zu schmelzen und verschwanden im Innern des Chaos. Überall herrschte ein Feuerregen in der schwarzen Nacht. Stein, Feuer und Gase – mehr schien es in dieser aufgewühlten Welt nicht zu geben. Er beobachtete, wie riesige Felsen in der Ferne in die Höhe geschleudert wurden, schmolzen und sogar verdampften. Hoch oben in der tiefen Nacht kondensierten sie wieder zu glühendem Magma und ihr Glühen erleuchtete die aufgewühlte Szenerie.

Sollte er Angst haben? Er wusste nicht was Angst war. Ja er hätte wie die anderen Felsbrocken ins Magma fallen und schmelzen oder wie sie verdampfen können. Aber wäre das sein Tod gewesen? Das Ende seines Bewusstseins? Er hatte noch keine Erfahrung auch nur solche Fragen stellen zu können - er war erst ein paar Millionen Jahre jung. Im Moment war er auch viel zu sehr damit beschäftigt das Schauspiel um sich herum zu betrachten. Er flog mit anderen Steinen durch die dicke Luft, krachte mit ihnen zusammen und änderte seine Bahn. Während er wieder der Oberfläche entgegenraste, blickte er hinauf in den Himmel. Dort sammelte sich Magma und Gestein zu einer riesigen glühenden Wolke aus Fels, die der Erde immer weiter entfloh.

Unsanft schlug er auf dem Basalt auf und kam auf einer Insel zum liegen, welche über das Feuermeer fegte. Dort angekommen wurde er unsanft durch die Gegend geschleudert und seine Aufmerksamkeit konnte sich nicht mehr dem Himmel über ihm widmen. 

Der Planet war in Aufruhr. Durch den Einschlag des fremden Himmelskörpers hatten sich die Kerne der beiden Planeten verschmolzen und die Erdmasse hatte um 30% zugenommen. Gleichzeitig verdoppelte sich die Erdumdrehung von 8 auf 4 Stunden pro Tag, welches unglaubliche Kräfte freisetzte. Nur weil er in einer Felsspalte eingeklemmt worden war, war er nicht von der Insel ins glühende Magmameer geschleudert worden. Die Oberfläche bäumte sich auf und wölbte sich zu riesigen, flüssigen Bergen, welche sofort wieder in sich zusammenfielen. Langsam gewöhnte er sich an die unkontrollierten Kreiselbewegungen, welche ruckartig die Richtung änderten und sich dann doch langsam beruhigten.

Er konnte sich wieder die Zeit nehmen in den Himmel zu blicken. Ein leuchtend rot schimmernder Ring aus Staub und Steinen hatte sich um den Planeten gebildet. Staunend beobachtete Stein, wie sich die Gesteinsmassen am Firmament zu verdichten begannen. Zunächst klebten nur einige Magmaklumpen aneinander, dann zogen diese weitere Brocken an, bis sich eine kleine Kugel zu bilden begann. Durch die eigene Gravitation formte sich die Ansammlung glühender Steine und Magma zu einer immer grösseren Kugel, welche die Materie aus dem Ring förmlich aufzusaugen begann. Immer gigantischer wurde sie und entfernte sich weiter und weiter von der Erdoberfläche. Dies geschah in sehr kurzer Zeit - vielleicht wenige Jahre oder Jahrhunderte - ein Zeitgefühl hatte er noch nicht entwickelt. Was war Zeit? Die Dauer zwischen zwei Ereignissen? Welche Ereignisse kannte er? Der Great Impact, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. War da noch mehr? Und war die Zeit überhaupt wichtig? Stein wusste es nicht. Es war ihm nicht wichtig. Zeit war lediglich ein Faktor ohne Bedeutung. Noch!

Das Gebilde über ihm gewann immer mehr an Höhe, wobei es zunächst einen Abstand von 22.000 km erreichte. Es schien genauso zu glühen, wie seine Umgebung. Etwa tausend Jahre würde diese Kugel in einer elliptischen Bahn um den Planeten torkeln, bis sie sich 10 Millionen Jahre später in eine stabilere äquatoriale Bahn einpendeln würde, nachdem sich die Rotationsachse der Erde von 10° auf 23.5 verschoben hatte. Aber es würde fast zwei Milliarden Jahre dauern, bis sich die Umlaufbahn tatsächlich stabilisieren würde und 4.5 Milliarden Jahre, bis ein paar Steine von dort wieder auf die Erde gelangen würde.

Ein ganzes Leben lang würde er dieses Objekt vor Augen haben – auch dann wenn sich die Erde beruhigt haben würde. 

Der Stein lächelte in sich hinein und meinte, einen grossen Bruder gefunden zu haben. Er nannte ihn „Mond". Ein Bruder war es tatsächlich, denn viele Steine, die er gekannt hatte, lagen nun auf der Oberfläche des neuen Erd-Begleiters. Wäre er nur etwas näher am grossen Einschlag des fremden Himmelskörpers gelegen oder etwas höher hinauf geschleudert worden, hätte auch er sich dort befunden.

Nach Millionen Jahren der Finsternis und der Ruhe – nur gestört durch die Gewalt der Erdkräfte – hatte mit diesem Great Impact eine Zeit der Bewegung begonnen. Die Erde erbebte unter den neuen Mächten, welche die Gravitation des jungen Mondes auf sie ausübte. Es gab Gezeiten, die das Gestein aufbäumen liessen, ganz so wie es der Mond noch Milliarden Jahre später mit dem Wasser tat, wobei sich Ebbe und Flut bildete. 

Die Erdkruste verformte und erhitzte sich. Mal rollte der Stein hierhin, mal dorthin bis er eines Tages er an den Rand einer Klippe kugelte. Unter ihm brodelte die glühende Masse. Ein Sturz hätte für ihn fatale Folgen gehabt, wie er bei einigen anderen Steinen hatte sehen können. Immer wieder schleuderten die Erschütterungen Felsbrocken in die Tiefe, wo sie langsam aber unnachgiebig im heissen Brei aufgelöst wurden.

Zum ersten Mal dachte er wirklich über den Tod nach und fühlte etwas, welches er als ‚Angst’ bezeichnete. Angst vor dem Ende des Seins. Mit einem Blick nach oben erkannte er, dass es Geburt und dessen Gegenpart den Tod gab. Alles dazwischen bezeichnete er als Existenz. Das musste die Zeit sein! Die Spanne zwischen Geburt und Tod war die Zeit, welche gebunden war an der Existenz. Er unterteilte die Zeit nach dem ihm bekannten Masseinheiten: Tage, welche der Erdumdrehung und Jahre, welche dem Umkreisen der Sonne entsprach. 

Ihn beschäftigte nun die einfache Frage: was war danach? Was war nach der Existenz? Existierte dort auch die Zeit? Was ist das Nicht-Sein? Er versuchte sich das Nichts vorzustellen, brachte es aber nicht zustande. Das Nichts war nicht dunkel, es war auch nicht hell, es war nicht etwas, es war nichts. Konnte nach der Existenz das Nichts folgen? Ein Nichts ohne Zeit? War das Nichts überhaupt möglich? Nach so etwas wundervollem wie der Existenz? Was danach war, konnte er einfach nicht ergründen – egal wie viel Millionen Jahre er darüber philosophierte.

Nur durch Glück blieb Stein vor der Schmelze verschont. Am oberen Rand der Klippe war es zwar heiss, aber die paar hundert Grad machten ihm nichts aus. Erst bei 1450°C würde er Gefahr laufen zu schmelzen.

Als Stein die Schmelze anblickte, dachte er bei sich: „Wie kann es sein, dass so etwas hartes wie Steine weich werden?"

Er richtete seine Aufmerksamkeit nach Innen und betrachtete sich selbst. Was er sah waren viele kleine Teilchen aus denen er bestand. Sie waren alle unterschiedlicher Art. Im Zentrum erkannte er positiv geladene und ungeladene Teilchen, welche von negativ geladenen Wolken umschwirrt wurden. Sie verbanden sich zu einem Ganzen, die sich scheinbar nicht zerstören liessen. Sie waren so stabil, dass sie eigene Einheiten bildeten. Stein taufte sie Atome und die festen Strukturen, die sich aus ihnen wie ein Gitter zusammensetzten sollten Kristallgitter heissen. Je nachdem, welche Atome in den Kristallgittern sassen, handelte es sich um verschiedene Kristalle, welche zahlreiche Mineralien bildeten.

Stein erkannte, dass er hauptsächlich aus etwas bestand, welches er Quarz und Feldspat taufte. Weitere Mineralien vervollständigten sein Kristallbild.

Aber noch hatte er nicht verstanden wie diese festen Kristalle schmelzen konnten. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die kleinen Atome, welche in starrer Anordnung seine Kristallgitter bildeten und erkannte, dass sie schwingen konnten. Nach weiterer Beobachtung fand er heraus, dass sie bei höherer Temperatur viel stärker schwangen als bei niedrigen. Also, so dachte er sich, wenn die Temperatur immer weiter anstieg würden die Atome so stark schwingen dass die Kristalle ihre Struktur aufgeben würden und die ganze Materie würde weich und flüssig werden. Also schmelzen.

Zufrieden mit sich und seiner Erkenntnis

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