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Gegen den Krieg: Der Basler Friedenskongress 1912 und seine Aktualität

Gegen den Krieg: Der Basler Friedenskongress 1912 und seine Aktualität

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Gegen den Krieg: Der Basler Friedenskongress 1912 und seine Aktualität

Länge:
450 Seiten
4 Stunden
Freigegeben:
Mar 13, 2013
ISBN:
9783856165789
Format:
Buch

Beschreibung

1912 fand in Basel der 'Ausserordentliche Internationale Sozialistenkongress' oder auch 'Friedenskongress der Zweiten Internationale' statt. Höhepunkte bildeten ein riesiger Friedensmarsch durch die Stadt, Ansprachen bedeutender Sozialisten im Basler Münster sowie die Verabschiedung eines Friedensmanifestes. Die Forderungen des Kongresses sind bis heute aktuell geblieben. Anlässlich seines 100. Jubiläums widmet sich dieses Buch der Geschichte und Bedeutung des Kongresses, thematisiert den Zusammenhang mit der damaligen Friedensbewegung sowie das Scheitern der Bemühungen, den Ersten Weltkrieg zu verhindern.

Neben historischen Bezügen stehen heutige Forschungen zu Kriegsursachen sowie Konzeptionen zur Kriegsverhinderung im Mittelpunkt.
Freigegeben:
Mar 13, 2013
ISBN:
9783856165789
Format:
Buch

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Gegen den Krieg - Christoph Merian Verlag

Schenk

1 Der Friedenskongress der Zweiten Internationale in Basel

1.1 Vor dem Kongress

Bernard Degen

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts begann nach über einem Vierteljahrhundert relativer Ruhe die Kriegsgefahr in Europa wieder zu wachsen. Immer klarer bildeten sich die beiden Blöcke heraus, die sich im Ersten Weltkrieg gegenüberstehen sollten: auf der einen Seite die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn, auf der andern die Entente zwischen Frankreich, Grossbritannien und Russland. Der erste schwere Konflikt war die Marokkokrise von 1905/06. Hier trafen vor allem deutsche und französische Handelsinteressen aufeinander, in der Öffentlichkeit wuchs die Angst vor einem Krieg. Durch eine internationale Konferenz konnte der Konflikt vorübergehend beigelegt werden. Deutschland sah sich dabei weitgehend isoliert. Im Sommer 1911 erfasste die bisher gefährlichste Krisenwelle den Kontinent. Am Anfang stand eine weitere Marokkokrise, welche zwar Frankreich das Protektorat über das Land einbrachte, aber die Spannungen zwischen den Grossmächten weiter verschärfte. Kriege im sich auflösenden Osmanischen Reich – in Nordafrika und auf dem Balkan – schlossen sich an. Noch während der Friedensverhandlungen zur Beilegung des Konfliktes um Libyen, dessen Kontrolle Italien anstrebte, griffen Bulgaren, Serben, Griechen und Montenegriner gemeinsam das geschwächte Osmanische Reich an. Weil die Grossmächte auf dem Balkan gegensätzliche Interessen verfolgten, drohte der Krieg auf ganz Europa überzugreifen.

Durch die Kriegsgefahr wurden auch Gegenkräfte mobilisiert, von denen sich die Zweite Internationale [1] als eine wichtige Bewegung erwies. Sie war nicht zentral organisiert, sondern ein loser Verbund von sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien, vorwiegend aus europäischen Ländern. Für die Internationale standen – anders als für die nationalen Parteien – nicht kontinuierliche politische Aktivitäten im Vordergrund, sondern Debatten und Stellungnahmen zu Grundsatzfragen. Zu den am breitesten abgestützten Grundwerten gehörte der Widerstand gegen Militarismus und Krieg. Obwohl seit der Gründung im Juli 1889 immer wieder Beschlüsse zu diesem Thema gefasst wurden, trat die Friedenserhaltung erst mit der Marokkokrise 1905/06 ins Zentrum der Aktivitäten. Zur ersten breiten Debatte kam es auf dem Stuttgarter Kongress der Internationale von 1907. Besondere Sprengkraft besass die Frage, ob gegebenenfalls zum Generalstreik gegen den Krieg aufgerufen werden solle. Dem Kopenhagener Kongress von 1910 lag ein entsprechender Antrag vor, dessen endgültige Beschlussfassung jedoch vertagt wurde.

Am 28. Oktober 1912 – der Balkankrieg befand sich in seiner blutigsten Phase – tagte in Brüssel die Exekutive der Internationale, das Internationale Sozialistische Bureau (ISB). Nach einer kontroversen Diskussion beschloss man, noch vor Ende des Jahres in Basel oder Zürich einen ausserordentlichen Kongress durchzuführen und den für 1913 in Wien vorgesehenen ordentlichen auf 1914 zu verschieben. [2] Zwei Tage später meldete der ‹Basler Vorwärts›, die lokale Arbeiterzeitung, dass zum Protest gegen den Krieg ein Kongress der Internationale in der Schweiz geplant sei. Am folgenden Tag erfuhr die Leserschaft, dass sich die Sozialdemokratische Partei Basel beim ISB erfolgreich um die Durchführung beworben habe. Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) behandelte die Frage allerdings erst am 1. November. Obwohl manche bezweifelten, dass die Stadt am Rheinknie tausend Personen sowie die internationale Presse unterbringen könne, erhielt Basel vom ISB den Zuschlag. [3]

Die Basler Arbeiterbewegung konnte damit bereits zum zweiten Mal eine wichtige internationale Tagung durchführen. Im September 1869 hatte im Tanzsaal des heutigen Café Spitz ein Kongress der Internationalen Arbeiter-Association stattgefunden, dessen 40. Jahrestag 1909 selbstbewusst gefeiert wurde. Die lokale Sozialdemokratie hatte nach der Wahlrechtsreform von 1905, als das Verhältniswahlrecht das Mehrheitswahlrecht abgelöst hatte, einen gewaltigen Aufschwung erlebt und sich 1908 als stärkste Partei im Kantonsparlament etabliert. Bereits 1902 war mit Eugen Wullschleger (1862–1931) einer der Ihren in die Regierung eingezogen, 1910 folgte mit Hermann Blocher (1872–1942) ein zweiter Regierungsrat. Damit besetzte die Linke im Herbst 1912 zwei von sieben Sitzen in der Regierung.

Die Kongressvorbereitungen verliefen nicht nach den Vorstellungen der Basler Organisatoren, die mit einem Termin Ende Dezember 1912 gerechnet hatten. Das ISB verlegte die Tagung aber angesichts der Zuspitzung der internationalen Lage auf den 24. November vor. Bereits am 9. November veröffentlichte es die Einladung, die auch die Aufforderung enthielt, am 17. November in allen Grossstädten Europas Meetings gegen den Krieg zu organisieren. Weiter informierte das ISB darüber, dass der Kongress am 24., 25. und eventuell 26. November in der Burgvogtei – dem heutigen Volkshaus – stattfinden werde. Einziges Traktandum: die internationale Lage und die Vereinbarung für eine Aktion gegen den Krieg. [4]

Spätestens am 9. November 1912 fragte Nationalrat Johannes Frei (1870–1932), Redakteur beim ‹Basler Vorwärts›, den für Kirchenangelegenheiten zuständigen Regierungsrat Carl Christoph Burckhardt (1862–1915), ob der Sozialistenkongress unter Umständen im spätromanisch-gotischen Münster tagen könne. Burckhardt leitete die Anfrage an den ehemaligen Antistes und Hauptpfarrer des Münsters Arnold von Salis (1847–1923) weiter. Der am 11. November 1912 tagende evangelisch-reformierte Kirchenrat erklärte sich für nicht zuständig, da der Instanzenweg nicht eingehalten worden war. Zufällig trat am nächsten Tag die Synode, das gewählte Parlament der Kirche, zusammen. Dort beantragte der sozialdemokratische Grossrat und Synodale Gottfried Krebs (1860–1930) zusammen mit zwei weiteren Sozialdemokraten, die Überlassung des Münsters sofort zu diskutieren. Die Versammlung lehnte zwar die Dringlichkeit ab, zeigte aber Sympathie für das Begehren. Unter dem Eindruck dieser positiven Stimmung beschloss der Kirchenvorstand der Münstergemeinde am Nachmittag des 13. November oppositionslos, dem Gesuch zu entsprechen. Gottfried Krebs wurde umgehend telefonisch unterrichtet, und am nächsten Tag folgte die schriftliche Bestätigung.[5] Der ‹Basler Vorwärts› verbreitete den Beschluss zehn Tage vor dem geplanten Ereignis: «Es sei zum Zweck der Friedenskundgebung des internationalen Arbeiterkongresses in Basel die Benützung der Münsterkirche am 24. November von nachmittags 3 Uhr an zu bewilligen, in der Voraussetzung, dass die Würde des Ortes sowohl durch die Redner als auch durch die Versammlung durchaus gewahrt werde.»[6]

Damit hatten die Organisatoren ihr schwierigstes Problem gelöst. Arnold von Salis liess sich noch die Texte der vorgesehenen Lieder unterbreiten, der sozialdemokratische Regierungsrat Hermann Blocher genehmigte als Vorsteher des Polizeidepartementes das Geläut. Die Aktivistinnen und Aktivisten der Sozialdemokratie waren nun dermassen beschäftigt, dass sie die am 23./24. November 1912 stattfindenden Wahlen des Weiteren Bürgerrates völlig vernachlässigten. Am 13. November bildeten sie fünf Ausschüsse: ein Organisationskomitee, präsidiert von Regierungsrat Eugen Wullschleger, ein Empfangskomitee, präsidiert von Regierungsrat Hermann Blocher, ein Quartierkomitee, präsidiert von Grossrat Oskar Türke (1854–1928), ein Zugskomitee, präsidiert von Grossrat Tobias Levy (1850–1926), sowie ein Kongresskomitee, präsidiert von Marius Fallet (1876–1957).

Die Abrechnung ermöglicht einen Einblick in wichtige Aktivitäten der Organisatoren. Insgesamt kostete der Kongress gut 14 000 Franken, wovon in Basel selbst durch den Verkauf von 12 367 Festabzeichen und 3762 Festpostkarten sowie durch einen Beitrag der lokalen Sozialdemokratie gut ein Fünftel aufgebracht wurde. Den Rest übernahm die Internationale, die ihrerseits wiederum knapp ein Viertel der gesamten Kosten verursachte. Fast die Hälfte der verbleibenden gut 10 600 Franken ging auf das Konto der Tagung in der Burgvogtei. Knapp 2500 Franken verschlang die Organisation, vor allem die Herstellung von Plakaten und anderen Drucksachen. Der Demonstrationszug kostete 1600 Franken, wovon allein 1000 an Musiker und Tambouren flossen. Die Feier im Münster dagegen erwies sich mit Ausgaben von 850 Franken als geradezu billig. [7]

Damals waren es Sozialisten in vielen Ländern gewöhnt, verfolgt, zensuriert oder zumindest schikaniert zu werden, wie etwa 1907 beim Kongress in Stuttgart. In Basel dagegen beschloss die Regierung am 20. November 1912 auf Antrag des Konservativen Paul Speiser (1846–1935), ein Begrüssungsschreiben an die Delegierten zu richten, worin es hiess: «Die Behörde der Stadt […] wünscht von Herzen, dass Sie Ihr Ziel erreichen möchten, und entbietet Ihnen ihren Gruss.»[8] [Quelle 6] Zwar erhielten die Basler Polizisten die Anweisung, die Stadt nicht zu verlassen. Zum Einsatz wurden aber nur wenige von ihnen aufgeboten, und auch die Kompetenzverteilung dürfte Erstaunen hervorgerufen haben. Der sozialdemokratische Grossrat Arnold Jeggli (1874–1927) konnte bei Bedarf die neun Mann auf dem Claraposten nach der nahe gelegenen Burgvogtei beordern, dem sozialdemokratischen Grossrat Tobias Levy standen drei Berittene zur Verfügung, um dem geplanten Demonstrationszug den Weg frei zu machen, und weitere fünfundzwanzig Mann, um den Münsterplatz abzusperren. [9] [Quelle 5]

Der Protest gegen den Krieg sollte nicht Angelegenheit der führenden Persönlichkeiten bleiben, sondern von der gesamten Arbeiterbewegung getragen werden. In seiner Einladung hatte das ISB deshalb alle sozialistischen Parteien, Gewerkschaften und Arbeiter-Genossenschaften aufgefordert, selbst aktiv zu werden. Dabei konnte es sich auf die Erfahrung vom Vorjahr stützen, als von Juli bis September anlässlich der zweiten Marokko-Krise und Anfang November anlässlich des osmanisch-italienischen Krieges Arbeiterorganisationen auf internationaler Ebene demonstriert hatten. Bereits ab Oktober 1912 fanden an verschiedenen Orten Demonstrationen gegen den Krieg statt. Den Höhepunkt dieser ersten Welle bildete die Massenkundgebung vom 20. Oktober im Treptower Park in Berlin mit rund 250 000 Teilnehmern. [Quelle 2] Auch in Wien und anderen österreichischen Städten folgten am 10. November Grosskundgebungen. Selbst in der Berner Reitschul-Halle und im Zürcher Velodrom strömten Anfang November Tausende zusammen, um gegen den Krieg zu protestieren.

Der Höhepunkt der vom ISB organisierten Demonstrationen war am 17. November erreicht, eine Woche vor dem Basler Kongress. Die Arbeiterbewegung protestierte in Böhmen, Ungarn, Italien, England, Schweden, Dänemark, Spanien, Deutschland, Frankreich und in den Niederlanden in zum Teil eindrücklicher Zahl. Im Vordergrund stand diesmal Paris mit rund 100 000 Beteiligten. Bewusst wurden Redner über Staaten und sogar über politische Blöcke hinweg ausgetauscht. So sprachen etwa in Rom der Russe Georgi Plechanow (1856–1918), in Berlin der Franzose Jean Jaurès (1859–1914) oder in Paris der Deutsche Philipp Scheidemann (1865–1939). Insgesamt wurden 63 Versammlungen in 43 Städten mit geschätzten 300000 Teilnehmende registriert.

Bild 1 Anmeldeschein für Hotelliste und Postdienst

Bild 2 Begleitbrief für die Sendung einer Eintrittskarte zur Friedenskundgebung im Münster

Bild 3 Begleitbrief für die Sendung einer Journalistenkarte

Bild 4 Reguläre Eintrittskarte

Bild 5 Eintrittskarte für die Mitglieder des Münsterkomitees

Bild 6a Endgültige Zulassungskarte zu den Verhandlungen des Kongresses, Aussenseite

Bild 6b Endgültige Zulassungskarte zu den Verhandlungen des Kongresses, Innenseite links

Bild 6c Endgültige Zulassungskarte zu den Verhandlungen des Kongresses, Innenseite rechts

Bild 7 Quartierkarte

Bild 8 Journalistenkarte

Bild 9 Festzeichen

Bild 10 Die ‹Hotel-Liste› für die Delegierten und Gäste des Kongresses

Bild 11 Informationsschreiben an die Mitwirkenden in der Münsterkirche

Bild 12 «Krieg dem Kriege!» Plakat zur Friedensdemonstration und -kundgebung am 24. November 1912

1.2 Basel im Zentrum der Friedensbewegung

Bernard Degen

Am Sonntag, dem 24. November 1912, begann im Saal der Burgvogtei der Kongress mit 555 Delegierten aus 23 Ländern. Über der Bühne hingen die Losung der Internationale «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!» und das Motto des Kongresses «Krieg dem Kriege!». Von den überfüllten Galerien grüssten die roten Fahnen der schweizerischen Arbeiterorganisationen. [Quelle 4] Nach 10.30 Uhr erschienen, von stürmischem Jubel begrüsst, prominente Delegierte wie August Bebel (1840–1913), Herman Greulich (1842–1925), Victor Adler (1852–1918), Karl Kautsky (1854–1938) und Jean Jaurès. Um 11 Uhr eröffnete der Belgier Edouard Anseele (1856–1938) für den krankheitshalber abwesenden Präsidenten der Internationale Emile Vandervelde (1866–1938) die Tagung. Regierungsrat Eugen Wullschleger überbrachte die Grüsse der Regierung. Nach der Wahl des fünfköpfigen Präsidiums unter Herman Greulich vertagte sich der Kongress um 12 Uhr auf Montagvormittag. [10]

Für den Sonntagnachmittag war eine Friedenskundgebung angekündigt, die den glanzvollen Schlusspunkt der europaweiten Demonstrationen und Versammlungen des vorangegangenen Wochenendes bilden sollte. Die Arbeiterorganisationen hatten ihre Mitglieder und Nahestehende für einen möglichst wirkungsvollen Auftritt mobilisiert. «Keine Grütlifahne – gleichviel, ob politischer Verein, ob Sänger, Turner oder Schützen –, keine Fahne einer Union, einer Mitgliedschaft oder eines Arbeitervereins, kein Gewerkschaftsbanner, kein Berufsemblem bleibe zu Hause», hiess es etwa im Aufruf der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS). [11]

Schon mit den Morgenzügen kamen Scharen von Arbeiterinnen und Arbeitern aus der ganzen Schweiz sowie aus den Nachbarregionen Elsass und Baden nach Basel. Man sammelte sich ausgerechnet im Hof der Kaserne und in den umliegenden Strassen. Um 14 Uhr setzte sich der Zug – angeführt vom Arbeiterradfahrerverein Solidarität – in Bewegung, zuerst via Klybeckstrasse, Feldbergstrasse, Hammerstrasse und Clarastrasse zu einer Runde durch Kleinbasel, dann via Greifengasse, Mittlere Brücke, Eisengasse, Freie Strasse, St.Alban-Graben und Rittergasse zum Münster. Die dichten Sechserreihen wurden aufgelockert durch einen bekränzten Wagen mit der Friedensgöttin und Kindern, weiss gekleidete Mädchen und Jungen mit Palmzweigen, etwa ein Dutzend – mehrheitlich bürgerliche – Musik- und Tambourencorps sowie Hunderte von Fahnen. Ausländische Beobachter überraschten vor allem die Buntheit und die Farbenpracht des Zuges. Der Vorbeimarsch der 10 000 bis 20 000 Teilnehmenden dauerte trotz zügigen Schritts über eine halbe Stunde. Zehntausende von Neugierigen säumten die Strassen. [12] [Quelle 12] Der Münsterplatz war lange vor der Ankunft des Zuges abgesperrt worden, und nur Besitzer von Eintrittskarten erhielten Zugang.

Den europaweit aufsehenerregenden Höhepunkt des Kongresses bildete die Friedenskundgebung im Münster. Um 15 Uhr begann der Festzug die grosse Kirche – die über 5000 Personen aufnehmen konnte – zu füllen, was nahezu eine halbe Stunde dauerte. Neben den Delegierten waren der Grosse Rat, der Bürgerrat, die Kirchensynode und der Kirchenrat geladen. Auch die internationale Presse fand sich ein. Tausende von Lichtern erhellten den Raum vom hohen Kranzgesimse. Unter dem vom Münsterorganisten gespielten ‹Donna pacem› aus Beethovens ‹Missa solemnis› bezogen die Gäste ihre Plätze. Dann begrüsste der sozialdemokratische Regierungspräsident Hermann Blocher – zugleich Präsident des Empfangskomitees – die Anwesenden. Er pries die Arbeiterschaft als starke Friedensmacht, da sie frei von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Interessen am Krieg sei. [13]

Anschliessend stiegen nacheinander die Repräsentanten des europäischen Sozialismus auf die Münsterkanzel. Den Anfang machte der Reichstagsabgeordnete Hugo Haase (1863–1919), einer der beiden Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Er vertrat den gesundheitlich angeschlagenen, unten im Mittelschiff sitzenden August Bebel, der sich vor dem Kongress angesichts der ständig wechselnden politischen Lage ausserstande erklärt hatte, selbst zu sprechen. Haase liess mit seinem nicht sehr deutlichen und wenig packenden Vortrag den alten und einst feurigen Bebel nicht vergessen. Ausgehend von den Gräueln des Balkankrieges skizzierte er die Aufgaben der Arbeiterbewegung. Diese müsse den Herrschenden klarmachen, dass sie im Kriegsfall nicht auf die begeisterte Unterstützung der Arbeiterschaft zählen könnten.

Eine glänzende Ovation empfing James Keir Hardie (1856–1915), dessen zusammen mit Édouard Vaillant (1840–1915) am Kongress der Internationale in Kopenhagen 1910 eingereichter Antrag für einen Generalstreik gegen den Krieg noch immer nicht behandelt worden war. Der weisshaarige Vorkämpfer der britischen Arbeiterbewegung hielt die schärfste Rede, er sprach englisch mit schottischem Akzent. Als Einziger schlug er konkrete Massnahmen zur Verhinderung des Krieges vor. Falls die politische Aktion nicht ausreiche, so sei vom internationalen revolutionären Generalstreik Gebrauch zu machen. [Quelle 7.1]

Der älteste Redner war der siebzigjährige Schweizer Herman Greulich, der schon am Basler Kongress der Internationalen Arbeiter-Association 1869 dabei gewesen war und dort an einer Abendveranstaltung für die direkte Volksgesetzgebung geworben hatte. Als Einziger bekundete er volles Vertrauen in die Regierung seines Heimatstaates. Die Schweizer Armee diene nicht dem Kriege. Ihren Aufmarsch zu verhindern hiesse, fremde Heere einzuladen, die Schweiz zum Kriegsschauplatz zu machen. [Quelle 7.2] Seine Aussagen wurden in den Kongressverhandlungen in einer gemeinsamen Erklärung der sozialdemokratischen Parteien Schwedens, Norwegens, Dänemarks, Finnlands, Belgiens, Luxemburgs, der Niederlande und der Schweiz durch den Niederländer Pieter Jelles Troelstra (1860–1930) stark relativiert.

Der Bulgare Janko Sakasow (1860–1941), der einzige Sozialist im bulgarischen Abgeordnetenhaus, befand sich auf dem Höhepunkt seiner Popularität. In einer tumultuösen Sitzung hatte er im bulgarischen Parlament als Einziger gegen die Kriegskredite gestimmt, was ihm in der internationalen Arbeiterbewegung grosses Ansehen verschaffte. In gebrochenem Deutsch schilderte er die Schrecken des Balkankrieges. Er hoffe auf die Unterstützung der europäischen Sozialdemokratie, um die Menschenschlächterei zu beenden. [Quelle 7.3]

Victor Adler, der als Nächster auf die Kanzel stieg, war zwar ein gewandter und temperamentvoller Redner, und er sprach auch mit seinem österreichischen Tonfall die Zuhörerschaft an. Er brachte aber nicht mehr wie die anderen ein unbegrenztes Vertrauen in die Stärke der Arbeiterbewegung auf. Zudem ahnte er, dass ein Krieg unabhängig vom Ausgang das Ende der Donaumonarchie einläuten würde. Die Antwort auf die Frage, ob die Arbeiterschaft widerstandslos auf die Schlachtfelder geschickt werden könne, liess er bewusst offen. Seine abschliessend geäusserte Hoffnung, dass die Arbeiterbewegung einmal das Schwert gegen die Kriegstreiber erheben werde, klang zu diesem Zeitpunkt eher resigniert. Betrachtet man die Ereignisse von 1917/18, als einige der am Krieg beteiligten Regime gestürzt wurden, war diese Hoffnung aber keineswegs unrealistisch. [Quelle 7.4]

Den Höhepunkt der Kundgebung setzte der Franzose Jean Jaurès, seit Jahren der eindringlichste Warner vor einem kommenden Krieg. [Quelle 19] Mit seiner klangvollen Stimme und in prächtigem Französisch elektrisierte er die Versammlung geradezu. Lebhafter sei wohl noch nie auf der Münsterkanzel gestikuliert worden, meinte der Berichterstatter der ‹Basler Nachrichten›. Immer wieder unterbrach tosender Beifall den Redner. Er wies auf die inneren Widersprüche der herrschenden Klasse hin und unterstrich in diesem Zusammenhang die Bedeutung einer breiten Kampagne der Arbeiterbewegung für den Frieden. Abschliessend rief er die Regierungen auf, daran zu denken, dass die Völker zu dem Schluss kommen könnten, eine Revolution koste sie weniger Opfer als der Krieg.

Nach diesem rhetorischen Feuerwerk hatte der letzte Redner, der spätere polnische Ministerpräsident Ignacy Daszyński (1866–1936), einen schweren Stand. Er beschwor den Bankrott von Diplomatie und Militärwissenschaft im Balkankrieg und hoffte auf eine bessere Zukunft. Etwa um 17.30 Uhr wurde die Kundgebung mit dem in pazifistischen Kreisen populären Lied ‹Denn die Völker wollen Frieden, Frieden jedes Menschenherz› abgeschlossen.

Rund 10 000 bis 15 000 Personen hatten im Münster keinen Platz gefunden. Da damals das Geschehen nicht mittels Lautsprecher übertragen werden konnte, boten die Organisatoren den Draussengebliebenen ein eigenes Programm; sie hatten zu diesem Zwecke in der Nähe des Münsters vier Tische als Rednertribünen aufgestellt. Vor dem Mentelinhof gegenüber dem Hauptportal des Münsters sprachen, eingeführt von Nationalrat Fritz Studer (1873–1945) aus Winterthur, unter anderen Pieter Jelles Troelstra aus den Niederlanden und Édouard Vaillant aus Frankreich. Die zweite Tribüne mit Rednern aus Polen, Dänemark, England und Frankreich präsidierte vor dem Reinacherhof Nationalrat Paul Pflüger (1865–1947) aus Zürich. Der ehemalige Basler Arbeitersekretär und jetzige Chefredakteur der ‹Berner Tagwacht›, Nationalrat Robert Grimm (1881–1958), erteilte das Wort vor der Lesegesellschaft vor allem Vertretern osteuropäischer Parteien sowie der für England sprechenden Dora Montefiore (1851–1933). Schliesslich kündigte Emil Angst (1861–1941), Präsident der Verwaltungskommission des Allgemeinen Konsumvereins, auf der Pfalz unter anderen die Russin Alexandra Kollontai (1872–1952) und Hjalmar Branting (1860–1925), später erster sozialdemokratischer Ministerpräsident in Schweden, an. Einige der Rednerinnen und Redner warnten die Regierungen, im Falle eines Krieges drohe ein Generalstreik oder gar eine Revolution. Etwa um 16.30 Uhr löste sich die Menschenmenge auf dem Platz langsam auf.

Die eigentlichen Verhandlungen am Montag, dem 25. November, in der Burgvogtei warfen keine hohen Wellen. Bereits am Vorabend des Kongresses hatten im Nobelhotel ‹Drei Könige› über dem linken Rheinufer Jean Jaurès, Édouard Vaillant, August Bebel, James Keir Hardie, Victor Adler, Ilja Rubanowitsch (1860–1920) und Camille Huysmans (1871–1968) – die ‹Weisen der Internationale›, wie sie damals genannt wurden – getagt. Sie hatten vor allem versucht, die Spannungen, die wegen des 1910 von Vaillant und Keir Hardie in Kopenhagen eingereichten Generalstreik-Antrages entstanden waren, intern abzubauen. Die Kommission hatte hinter verschlossenen Türen gearbeitet und nach langen, heftigen Debatten den Entwurf eines Manifestes verabschiedet. Dieser wurde – ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit – vom Internationalen Sozialistischen Bureau überarbeitet. [14]

An der Plenarsitzung des Kongresses am Montag stellten Jaurès das Manifest [Quelle 1] auf Französisch, Adler auf Deutsch und Keir Hardie auf Englisch vor. Schon bei der Eröffnung ermahnte der Vorsitzende Greulich die Delegierten, Meinungsverschiedenheiten zurückzustellen. Tatsächlich blieben lebhafte Debatten wie an früheren Kongressen aus. Einzig der alte Kämpfer Vaillant wies auf die Differenzen innerhalb der Kommission hin. Nur weil eine schärfere Formulierung andere Delegierte in ihren Heimatländern in Gefahr gebracht hätte, könnten die französischen Entsandten dem Manifest zustimmen. Vaillants Stellungnahme wurde übrigens im deutschsprachigen Protokoll entschärft. [Quelle 8] Die Delegierten nahmen das Manifest einstimmig mit grosser Begeisterung an [Quelle 7.5] und sangen danach die ‹Internationale›. [15] Zum Abschluss dankte Bebel in einer launigen Ansprache den Organisatoren, den Behörden und der Kirche. [Quelle 7.6]

Bild 13 Die Vereinschronik im ‹Basler Vorwärts› vom 23.11.1912 mit Aufrufen zur Demonstration

Bild 14 Die Burgvogtei an der Rebgasse, der Tagungsort des Kongresses (heute Volkshaus). (Foto: Carl Hoffmann)

Bild 15 Demonstrationszug zum Sozialistenkongress in der Freien Strasse (Foto: Bernhard Wolf-Grumbach)

Bild 16 Demonstrationszug zum Sozialistenkongress auf der Mittleren Brücke. Zu sehen ist der ‹Friedenswagen›, im Hintergrund links die Kaserne.

Bild 17 Die Friedenskundgebung auf dem Münsterplatz. (Foto: Bernhard Wolf-Grumbach)

Bild 18 Diese und die nachfolgenden Zeichnungen entstanden während der Vorträge von der Münsterkanzel am 24.11.1912. Hier: Hugo Haase

Bild 19 James Keir Hardie

Bild 20 Herman Greulich

Bild 21 Janko Sakasow

Bild 22 Victor Adler

Bild 23 Jean Jaurès

1.3 Frauen am Kongress und die Frauenversammlung im Bernoullianum

Sandrine Mayoraz

Kurz nachdem die Einberufung des Ausserordentlichen Kongresses der Sozialistischen Internationale nach Basel verkündet worden war, veröffentlichte Clara Zetkin (1857–1933) einen Aufruf ‹An die sozialistischen Frauen aller Länder›, der im ‹Basler Vorwärts› vom 17. November 1912 publiziert wurde. [Quelle 9] Sie forderte ihre Genossinnen auf, trotz der kurzen Vorbereitungszeit unverzüglich alles zu unternehmen, um so viele weibliche

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