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Kleine Basler Weltgeschichte

Kleine Basler Weltgeschichte

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Kleine Basler Weltgeschichte

Länge:
147 Seiten
2 Stunden
Freigegeben:
Jun 29, 2012
ISBN:
9783856165697
Format:
Buch

Beschreibung

Was die Chaostheorie mit dem Schmetterling beschreibt, der mit seinem Flügelschlag einen Tornado auslöst, illustriert die "Kleine Basler Weltgeschichte" an konkreten Beispielen aus der Geschichte. In Basel gab es Ereignisse, Entdeckungen und Ideen, die anfangs klein und unbedeutend erschienen, letztendlich aber die Welt verändert haben: die Entdeckung von LSD oder DDT, das Wirken der Basler Mission, Hans Holbein, Karl Jaspers und Friedrich Nietzsche, der Zionistische Weltkongress, Frick and Frack, Hermann Hesses 'Steppenwolf' u.v.m.
Freigegeben:
Jun 29, 2012
ISBN:
9783856165697
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Kleine Basler Weltgeschichte - Matthias Buschle

Hagmann

«Zucker … Spinat … Hämoglobin». Die Messung von Gustav von Bunge

«100 g Trockensubstanz enthalten mg Eisen: Zucker …0 / Blutserum …0 / Weisses vom Hühnerei … Spur / Honig …1,2 / Reis …1,0–2,0 / Gerstengraupen …1,4–1,5 / Birnen …2,0 / Datteln …2,1 / Kuhmilch …2,3 / Frauenmilch …2,3–3,1 / Pflaumen …2,8 / Hundemilch …3,2 / Feigen …3,7 / Himbeeren …3,9 / Geschälte Haselnüsse …4,3 / Gerste …4,5 / Kohl, innere gelbe Blätter …4,5 / Roggen …4,9 / Geschälte Mandeln …4,9 / Weizen …5,5 / Trauben (Malaga) …5,6 / Heidelbeeren …5,7 / Kartoffeln …6,4 / Erbsen …6,2–6,6 / Kirschen, schwarze ohne Stein …7,2 / Bohnen, weisse …8,3 / Karotten …8,6 / Weizenkleie …8,8 / Erdbeeren …8,6–9,3 / Linsen …9,5 / Mandeln, braune Häute …9,5 / Kirschen, rothe ohne Stein …10 / Haselnüsse, braune Häute …13 / Aepfel …13 / Löwenzahn, Blätter …14 / Kohl, äussere grüne Blätter …17 / Spargel …20 / Eidotter …10–24 / Spinat …33–39 / Schweineblut …226 / Hämatogen …290 / Hämoglobin …340»

Es war eine dieser Tabellen des Basler Physiologen Gustav von Bunge (1844–1920), die den Siegeszug des Spinats als das Gemüse mit dem höchsten Eisenanteil begründen sollte. Gedruckt wurde sie in seinem ‹Lehrbuch der Physiologie des Menschen›, in der ersten Auflage von 1901. In dieser Liste steigen die Eisenwerte mit den Substanzen an: Zucker enthält kein Eisen, Hämoglobin, also der Farbstoff der roten Blutkörperchen, am meisten (übrigens ist das Hämatogen ein Stoff, dem von Bunge selbst erst auf der Spur war; die Wortbildung ‹Hämatogen› – als Übergangsbegriff von ihm geprägt – heisst übersetzt ‹Bluterzeuger›). Spinat ist das letzte Gemüse auf der Liste, also das Grünzeug mit dem meisten Eisen.

Es gibt jedoch eine entscheidende Einschränkung, und die steht in der ersten Zeile der Liste: «100 g Trockensubstanz enthalten». Nun essen wir nicht Spinatpulver, die Pflanze besteht zu gut neunzig Prozent aus Wasser. Das heisst: Was wir zu uns nehmen, enthält nur 3,3 bis 3,9 mg Eisen pro 100 g – das macht Spinat zwar zu einem eisenreichen Gemüse, ergibt aber nicht die überragenden Werte der Pulverform.

Ein Denkfehler. In Fachtexten ebenso wie in Zeitungsartikeln wird das Spinat-Beispiel gerne angeführt, wenn von einem Denkfehler berichtet werden soll. Die Auswirkungen dieses Irrtums waren schliesslich weitreichend: Über Generationen wurden Kinder mit Spinat gefüttert, obwohl nur die wenigsten dieses bitter schmeckende Gemüse mögen. Es gibt sogar Erzählungen, dass die Mutter Vanillepudding mit Spinat gekocht habe, um in dieser süssen Tarnung das gesunde Essen den Kleinen genehm zu machen.

Einen ähnlichen Trick stellte 1929 in den USA die Erfindung der Comicfigur Popeye dar, die es ein Jahr später sogar in die Kinos schaffte. In kritischen Situationen – nicht in seinen ersten Jahren, sondern erst, als Popeye in Ernährungskampagnen eingesetzt wurde – öffnet der Matrose eine Büchse mit Spinat und verschlingt diesen. Prompt wandelt er sich zum Kraftprotz, der dank Spinat-Kraft seine Gegner besiegt. Sicherer Gewinner dieser frühen PR-Aktion war in jedem Fall die Herstellerfirma des Dosenspinats: Sie verzeichnete in der Folge eine Steigerung des Dosenspinatkonsums um einen Drittel.

Ein Denker. Doch zurück nach Basel, zu Gustav von Bunge. Er war gebürtig aus Dorpat (heute Tartu, Estland), die Familie gehörte der schmalen deutschen Oberschicht an. In Dorpat schloss er auch das Studium der Chemie ab und habilitierte sich in Physiologie. Anschliessend studierte er Medizin in Leipzig und Strassburg und wurde an der Universität Leipzig als Mediziner promoviert. 1885 erhielt er einen Ruf an die Universität Basel. Hier lebte, forschte und lehrte er bis zu seinem Tod.

Gustav von Bunge war ein ausgezeichneter Wissenschaftler von exzellentem Ruf. Obwohl ihm andere Professuren angeboten wurden, zog er es vor, in Basel zu bleiben. Auf vielen Forschungsgebieten der Physiologie gilt er als Wegbereiter: So legte er Grundlagen in der Vitaminforschung, er war ein Pionier der Erforschung der Milch- und der Mineralstoffe und ein früher Warner vor Industriezucker wie auch vor Alkohol und Nikotin. Heute allerdings wird von ihm meist nur in zwei Zusammenhängen gesprochen: wegen der Spinat-Frage und wegen seines Eintretens für die Abstinenzbewegung. Denn von Bunge war der Meinung, dass übermässiger Alkoholkonsum zu einer möglichen Schädigung des Erbguts führe.

Ein Gedanke. Eine bedeutende Entdeckung Gustav von Bunges war die Rolle von Eisen in der Ernährung. Im Laufe seiner Forschungen zur Milch stellte er fest, dass dieses Getränk an sich sehr wenig Eisen enthält (siehe die obige Tabelle). Da Eisen jedoch bereits damals als lebensnotwendiger Stoff galt, forschte von Bunge an neugeborenen Tieren. Er stellte sich die Frage, woher Jungtiere das wichtige Eisen erhielten. Und er kam – auch hier untersuchte er die Trockenmasse – zu erstaunlichen Ergebnissen: Bei Säugetieren bekommen die Neugeborenen eine grosse Menge an Eisen von der Mutter mit. In den ersten Lebenswochen wird dieses Depot abgebaut, aber es reicht so lange aus, bis die Jungen selbst eisenhaltige Nahrung zu sich nehmen können. Von Bunges Paradebeispiel waren die Meerschweinchen: Sie fressen sofort nach der Geburt Grünzeug, weshalb ihr Vorrat an Eisen gering ist.

Aus diesem Grund untersuchte der Physiologe den Eisengehalt verschiedener Lebensmittel. Seine Ergebnisse publizierte er in insgesamt drei erfolgreichen Lehrbüchern, die mehrere Auflagen und Übersetzungen erlebten. Auf diese Weise kam auch seine Tabelle mit Eisenwerten unters Volk. Er war nicht nur Theoretiker, ihm lag ebenso die Umsetzung am Herzen. Deshalb machte er konkrete Ernährungsvorschläge.

Zum Beispiel fand von Bunge heraus, dass Weissmehl nur sehr wenig Eisen enthält: «Nächst der Eisenarmuth der Milch ist die überraschende Thatsache die Eisenarmuth der wichtigsten vegetabilen Nahrungsmittel, der Cerealien [also Getreide], wenigstens in der Form, wie sie gewöhnlich genossen werden, d.h. befreit von den Samenschalen, der sogenannten Kleie. Das Reiskorn, wie es in den Handel kommt, ist bereits von der Schale befreit; es entspricht nicht dem Gerstenkorn oder Weizenkorn, sondern den Graupen oder dem Weissbrodmehl. Beim Beuteln des Mehles wird die Schale, die sogenannte Kleie, von dem Mehl getrennt. […] Das Eisen der Cerealien steckt in den Schalen. Die Weizenkleie enthält 5mal soviel Eisen wie das Weizenmehl.» Aus diesem Grund propagierte von Bunge das Vollkornbrot: «Das Kleiebrod hat einen 4fachen Vorzug vor dem Weissbrod: 1. ist es eisenreicher, 2. ist es kalkreicher […], 3. regt es durch seinen Cellulosegehalt die Darmperistaltik an […], 4. reinigt es die Zähne.» Als Hauptquelle von Eisen schlug er Fleisch vor, ergänzend dazu Gemüse: «Dahin gehören ausser dem bereits erwähnten Kleiebrod die Kartoffel, die Karotte, der Kohl, die Leguminosen.» Seine Anliegen illustrieren die veränderte Rolle der Ernährung in der Industriegesellschaft: nicht mehr definiert von Hunger und Sättigung, Mangel und Vorrat, sondern auch von gesundheitlichen Überlegungen.

Ein Erfolg. Von Bunges Vorschläge fanden weite Verbreitung. Stellvertretend sei hier eine Stimme auf einem Medizinerkongress von 1895 zitiert, ein Professor Heubner: «Ich kann wohl sagen, dass ich persönlich sehr glücklich gewesen bin, als ich die erste Arbeit des Herrn Bunge in dieser Beziehung kennen lernte und mit grösstem Interesse alle seine Untersuchungen verfolgte. Es hat sich mir inzwischen als von ausserordentlichem Vortheil erwiesen, diesen jungen Kindern frühzeitig sogar Gemüse zu geben. Ich bin in meinem Wirkungskreise – wo man sich ja das Vertrauen erst zu erwerben hat – in dieser Beziehung manchmal ausserordentlich grossem Erstaunen begegnet, wenn ich Eltern, die mich consultirten, sagte: Geben Sie dem Kinde – das vielleicht 8 Zähne hatte – jeden Tag ein Löffelchen Spinat oder Möhren oder dergleichen. Ich habe das aber auf Grund einer langen und gründlichen Erfahrung gethan. Ganz neuerdings muss sich auch in Berlin die Wahrnehmung von dem Nutzen dieses Verfahrens doch verbreitet haben.»

Und hier – von Bunge selbst führte diese Stimme in seinem Lehrbuch an – kommt durch die Hintertür der Spinat doch noch zu seinem unverdienten Ruhm aus des Mitforschers Mund, denn von Bunge liess in diesem Zitat den Spinat unwidersprochen stehen. Ganz unschuldig ist er an den Spinat-Qualen so vieler Kinder also nicht.

Ein Gedankenexperiment. Aber es hätte schlimmer kommen können. Denn eigentlich schlug Gustav von Bunge ein anderes Lebensmittel als Eisenquelle vor – zum Glück, ohne damit Gehör zu finden: «Ein Stückchen Blutwurst leistet dieselben Dienste.» Man stelle sich vor: Vanillepudding mit Blutwurst. Bu.

Bunge, Gustav von: Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Leipzig 1905.

Féron, François: Spinat enthält viel Eisen. In: Bouvet, Jean-François u.a. (Hg): Vom Eisen im Spinat und anderen populären Irrtümern. Beliebte Volksweisheiten und kuriose Denkfehler unter die Lupe genommen. München 1999, S. 183–186.

Schmidt, Gerhard: Das geistige Vermächtnis von Gustav v. Bunge. Basel 1973.

Winkler, Willi: Die grosse Spinat-Verschwörung. In: Süddeutsche Zeitung, München, 7. August 2010.

‹Der Stoff, aus dem die Träume sind›. Die Entdeckung von LSD

Ist es auch Zufall, so hat es doch System: Die Entdeckung der halluzinogenen Wirkung von Lysergsäurediäthylamid (besser bekannt unter dem Kürzel LSD) verdankt sich einem Laborunfall. Am 16. April 1943 kehrt der Chemiker Albert Hofmann (1906–2008) nach der Mittagspause in sein Labor im Basler Pharmaunternehmen Sandoz zurück. Er will an seinen Versuchen mit dem Wirkstoff weiterarbeiten. Dazu muss er diesen in einem Syntheseverfahren erneut herstellen. In der Schlussphase dieser Synthese passiert es: Hofmann kommt mit der Flüssigkeit in Berührung. Vorerst bemerkt er nichts, im Laufe des Nachmittags aber wird ihm etwas sonderbar zumute. Er muss seine Arbeit abbrechen und nach

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