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Feindkontakt: Gefechtsberichte aus Afghanistan
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eBook368 Seiten5 Stunden

Feindkontakt: Gefechtsberichte aus Afghanistan

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Über dieses E-Book

Der bundesdeutschen Öffentlichkeit wird mit einem Schlag klar, dass deutsche Soldaten fast 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Rahmen des ISAF-Einsatzes kämpfen. Welche Gedanken gehen in den Männern und Frauen vor, was bedeutet Krieg für die Menschen vor Ort, egal ob einfacher Soldat, Planer oder militärischer Führer? Einige wenige sind bereit, darüber zu sprechen und schildern in authentischen und packenden Geschichten den Kriegsalltag in Afghanistan, wie man ihn sich hier, auf sicherem Boden, nicht vorzustellen vermag.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum7. Mai 2015
ISBN9783813210156
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    Buchvorschau

    Feindkontakt - Joachim Hoppe

    Inhalt

    Einleitung

    Geleitwort

    Teil 1 – Im Gefecht

    Isa Khel, Karfreitag 2010

    Drei Jahreszeiten in Kunduz

    Verwundung – ein Kampf, auf den ich nicht vorbereitet war

    Operation »Halmazag«

    Operation »Freies Tal« – Landung aus der Luft

    Selbstmordattentäter

    Teil 2 – Planung und Analyse

    Der Gegner im Raum Kunduz

    Lage und operationelle Gedanken des taktischen Planers

    Mit Recht kämpfen

    (K)einer bleibt zurück

    Dulce et decorum est – Soldatisches Töten und Sterben

    Abkürzungen und Erläuterungen

    Autorenverzeichnis »Feindkontakt – Gefechtsberichte aus Afghanistan«

    Im Gedenken an unsere 2010 gefallenen Seedorfer Kameraden

    Hauptfeldwebel Nils Bruns

    Stabsgefreiter Robert Hartert

    Hauptgefreiter Martin Kadir Augustyniak

    Oberfeldwebel Florian Pauli

    Wir werden sie niemals vergessen!

    Sascha Brinkmann, Joachim Hoppe, Wolfgang Schröder

    Einleitung

    Afghanistan, Karfreitag 2010: Die Gefechte zwischen Bundeswehr und Aufständischen erreichen einen neuen Höhepunkt. Während die Fallschirmjäger in Kunduz immer stärker unter Druck stehen, bereiten sich ihre Kameraden in der Heimat voller Anspannung auf einen schwierigen Einsatz vor. Aber wie dachten und fühlten die Männer und Frauen in einem Jahr, das wie kein anderes von einem verbissen um jeden Meter Boden kämpfenden Gegner geprägt war, der das Duell mit den ISAF-Truppen nicht scheute?

    Dieser Frage gehen Herausgeber und Autoren im Anschluss an ein Geleitwort des damaligen Kommandeurs des Regionalkommandos Nord, Generalleutnant Hans-Werner Fritz, mithilfe einer ausgewählten Sammlung von Texten nach und führen den Leser in Innen- und Außenperspektive durch das Afghanistan von 2010. So machen sie begreifbar, was Krieg für den Menschen im 21. Jahrhundert bedeutet – ob für den einfachen Soldaten, Planer oder militärischen Führer.

    Ausgangspunkt des Buches bilden die Ereignisse am und um den Karfreitag des Jahres 2010. An diesem Tag erleben die deutschen Soldaten im 15 Kilometer westlich von Kunduz gelegenen Isa Khel die bis dahin vermutlich schwersten und verlustreichsten Kämpfe im Verantwortungsbereich

    der Bundeswehr in Afghanistan. Drei Soldaten fallen, vier weitere werden schwer verwundet und müssen fortan zum Teil mit erheblichen körperlichen Einschränkungen leben. Neben Leid und Schicksal steht dieser Tag auch für Mut und Tapferkeit. Zahlreiche der Männer, die verbissen im Ort kämpfen, und andere, die ihnen als Verstärkung zu Hilfe eilen, erhalten nach ihrer Rückkehr in die Heimat vom Bundesminister der Verteidigung das

    Ehrenkreuz für Tapferkeit. Über diese Ereignisse berichten Hauptmann S., der seine Kompanie in und um Isa Khel geführt hat, sowie Major Andreas Trenzinger, der nach Beginn der Gefechte im Feldlager Kunduz alarmiert wurde und folgend in die Geschehnisse eingriff.

    Unter dem Eindruck der Ereignisse in Isa Khel bereiten sich die Nachfolger dieser Einheiten in Deutschland auf ihren Einsatz vor. Sie erleben eine bewegende Trauerfeier für die gefallenen Kameraden, an der auch erstmals die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland teilnimmt. Ab Juni 2010 stehen sie vor der Aufgabe, sich einem Gegner entgegenzustellen, dem es gelungen ist, die Bewegungsfreiheit der deutschen Soldaten im Raum Kunduz innerhalb eines Jahres immer weiter einzuschränken.

    Hauptmann W., Kompaniechef einer Infanteriekompanie im Feldlager Kunduz, die ab August 2010 Teil des neu aufgestellten Ausbildungsschutzbataillons, genannt Taskforce Kunduz, wird, führt den Leser durch sieben Monate in Kunduz und Baghlan, mit allen Höhen und Tiefen, militärischen Erfolgen und Rückschlägen, Hoffnungen und Zweifeln. Er berichtet in »Drei Jahreszeiten in Kunduz« von Gefechten und Anschlägen, erläutert dabei sein taktisches Rational und seine Analyse über die Taliban, spart aber das Zwischenmenschliche innerhalb seiner Kompanie nicht aus.

    In »Verwundung – ein Kampf, auf den ich nicht vorbereitet war« wird aus der Perspektive des einzelnen Soldaten von einem der Gefechte berichtet, die im vorherigen Beitrag dargestellt wurden. Oberstabsgefreiter Tim Focken kämpft an diesem Tag in einem Dorf, 15 Kilometer westlich von Kunduz, entschlossen gegen die Taliban. Er wird von einer gegnerischen Gewehrkugel getroffen und erlebt mitten im tosenden Gefecht die Hilflosigkeit des Verwundeten. Danach führt ihn sein Weg aus dem Gefecht heraus ins Feldlager Kunduz und weiter vom Feldkrankenhaus in Mazar-e Sharif nach Deutschland. Hier geht sein Kampf weiter, um die eigene Zukunft, ohne Gegner, aber mindestens genauso fordernd wie im Gefecht bei Kunduz, für das er später vom Bundesminister der Verteidigung mit dem Ehrenkreuz für Tapferkeit ausgezeichnet wurde.

    »Operation Halmazag«: Zahlreiche Monate mit intensiver operativer Tätigkeit der Taskforce Kunduz sind bereits vergangen und manches Gefecht ist überstanden. Die Kompanien haben in kleinen Schritten ihre Bewegungsfreiheit erweitern und Vertrauen bei der Bevölkerung sowie bei den afghanischen Sicherheitskräften aufbauen können. Unter dem Druck der sich immer weiter vortastenden Infanterie und zahlreicher nächtlicher Spezialkräfteoperationen sind die Taliban in ihren Rückzugsräumen mehr und mehr zu Absicherungsmaßnahmen gezwungen. Dennoch, sie halten ihren Raum und viele im Feldlager Kunduz spüren, dass der entscheidende Durchbruch noch nicht geschafft ist, obwohl der Winter bald vor der Tür steht. Da eröffnet sich die große Chance: Nach vielen Gesprächen gelingt es dem Kommandeur der Taskforce Kunduz, die afghanische Armee und die Polizei zusammen mit deutschen und amerikanischen Kräften zu einer gemeinsamen Großoperation tief in das Talibangebiet hinein zu bewegen. Hiervon berichtet der Kommandeur der Taskforce Kunduz, Oberstleutnant Christian von Blumröder.

    »X-1: Fertigmachen« lautet die Anweisung des Piloten einer amerikanischen CH-47 an die deutschen Fallschirmjäger, bevor er sie in den späten Abendstunden des 27. Dezember 2010 weit hinter den feindlichen Linien der Taliban im Zweistromtal nordwestlich von Kunduz absetzt. Hier geht die Offensive der internationalen Schutztruppe weiter. Diesmal sind es amerikanische Kräfte, unterstützt durch eine Kompanie der Taskforce Kunduz, die im Rahmen der Operation »Freies Tal« in einen der ältesten Rückzugsräume der Taliban im Raum Kunduz eindringen. Hauptmann L., Kompaniechef eben jener deutschen Kräfte, berichtet über den Weg seiner Fallschirmjäger »aus dem Himmel auf die Erde ins Gefecht«. Er skizziert dabei nicht nur den Fortgang der Operation, sondern erläutert ebenfalls seine Vorbereitung und spart dabei auch kritische Lagen und Friktionen nicht aus, die für nahezu jede militärische Operation kennzeichnend sind.

    Ein Blick zurück in den Herbst 2010. Am 7. Oktober befindet sich eine Kompanie der Taskforce Kunduz zur Unterstützung der deutschen Kräfte in Baghlan. Es ist die zweite Kompanie in Folge, die dorthin abkommandiert wird, um nach schweren Gefechten der deutschen Quick Reaction Force wichtige Zugangswege zu einem von Amerikanern und Afghanen besetzten Außenposten offenzuhalten. Viele Tage vergehen ereignislos, dann greifen die Taliban schnell und entschlossen an. Während sie den Außenposten direkt attackieren, versuchen sie zeitgleich, die zur Verstärkung herannahenden deutschen Kräfte zu binden. Dazu greifen sie mit einem Selbstmordattentäter einen deutschen Zug der Taskforce Kunduz an, der an der Brücke von Kotub zur Sicherung eingesetzt ist. Oberfeldwebel Florian Pauli stirbt sofort durch die Wucht der Explosion, viele weitere werden verwundet. Der Zugführer, Hauptfeldwebel Martin Müller, berichtet, wie die Soldaten ihren anfänglichen Gefechtsschock überwinden, um das Überleben der Kameraden kämpfen und dann in das Gefecht eingreifen, um das Blatt zugunsten der ISAF-Kräfte zu wenden.

    Mit den folgenden Beiträgen wechselt das Buch die Perspektive. Nun kommen militärische Planer und Spezialisten zu Wort. Sie ordnen die vorher beschriebenen Ereignisse in den erweiterten Kontext der Lage in Nordafghanistan 2010 ein. Zunächst schreibt der Nachrichtenoffizier der Taskforce Kunduz. Der damalige Hauptmann Karsten Goy erläutert dabei nicht nur die militärische Vorgehensweise und Struktur eines facettenreichen Gegners, sondern zeigt, wie er auf die Bevölkerung und die Sicherheitsorgane der afghanischen Regierung wirkte. Er macht klar, wie »kriegsentscheidend« ein umfassendes Lagebild und konkret operativ umsetzbare Informationen sind. Dabei fasst er zusammen, wie sich die Gegnerlage innerhalb knapp eines Jahres operativer Tätigkeit der internationalen Schutztruppe sowie afghanischer Sicherheitskräfte im Großraum Kunduz zum Positiven verändert hat.

    Hinter jeder Operationsführung steht eine umfangreiche und detaillierte Planung. Sie berücksichtigt nicht nur den militärischen Auftrag und den Gegner, sondern insbesondere das Umfeld, in dem der Einsatz stattfindet. Der heutige Oberstleutnant Oliver Henkel, Chefplaner der Taskforce Kunduz 2010, erläutert seine operationellen Gedanken und die damaligen Rahmenbedingungen in Nordafghanistan. Er skizziert Gelände und Umweltbedingungen, beschreibt das Verhalten der afghanischen Bevölkerung und analysiert die afghanischen Sicherheitskräfte und weitere Verbündete. Dabei geht er am praktischen Beispiel eigener Operationsführung auf den Zusammenhang zwischen Aufstandsbekämpfung im Sinne der Counterinsurgency-Doktrin und den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen sowie den damit verbundenen Rück- und Wechselwirkungen ein.

    Am 16. April 2010 stellt der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof seine Ermittlungen gegen den damaligen Oberst i. G. Georg Klein anlässlich des Luftangriffs gegen zwei Tanklaster in der Nähe von Kunduz im Herbst 2009 ein. Nach heftigen Reaktionen in Deutschland ist damit amtlich: Keiner der beteiligten Soldaten hat sich strafrechtlich relevant verhalten. Mit der Bewertung, bei den Auseinandersetzungen zwischen den aufständischen Taliban und der afghanischen Regierung sowie den NATO-Truppen der ISAF in Afghanistan handele es sich eindeutig um einen sogenannten »Nicht-Internationalen bewaffneten Konflikt«, verändert der oberste Ankläger der Bundesrepublik in Strafsachen die Fremd- und Eigenwahrnehmung der rechtlichen Rahmenbedingungen für die Soldaten erheblich. Nur zwei Wochen zuvor, in Isa Khel, haben sie noch unter deutlich anderen Regeln gekämpft. Leitender Regierungsdirektor Gerhard Stöhr, Wehr- und Einsatzrechtsexperte, erläutert in seinem Aufsatz »Mit Recht kämpfen – Über den verfassungsmäßigen Auftrag zum Ethos des Soldaten« die Tragweite der Entscheidung und ihre konkreten Folgen für den Soldaten vor Ort und im Gefecht. Darüber hinaus beschäftigt er sich grundsätzlich mit dem Bestimmungszweck von Streitkräften und diskutiert dessen Perzeption in der Bevölkerung. Hierbei spricht er aus, was viele Soldaten bewegt. Ein klares und engagiertes Plädoyer für die Sache und den Auftrag des Soldaten heute!

    »(K)einer bleibt zurück«: Wunsch und Sorge jedes militärischen Führers in einem Halbsatz zugleich, der sich nur durch einen Buchstaben unterscheidet, aber in seiner Konsequenz doch so unterschiedlich ist. Am 7. Oktober 2010 passiert wieder, wovor viele sich gefürchtet haben. Oberfeldwebel Florian Pauli fällt in Baghlan, ein halbes Jahr nach dem schicksalhaften Karfreitag. Die Bestürzung unter den Kameraden ist überall zu spüren. Ja, es hatte in den vergangenen Monaten viele leicht Verwundete gegeben, aber das Soldatenglück war bis hierhin aufseiten der deutschen Soldaten geblieben. Hauptfeldwebel Thomas Sikorsky, Kompaniefeldwebel der in Baghlan eingesetzten Einheit, beschreibt in diesem Artikel seine unmittelbaren Erlebnisse und Gedanken am und nach diesem denkwürdigen 7. Oktober.

    Sascha Brinkmann, seinerzeit Hauptmann und Planungsoffizier im Stab der Taskforce Kunduz, spürt in diesen Tagen die Stimmung unter den Männer und Frauen in Kunduz. In seinem Beitrag »Dulce et decorum est – Soldatisches Töten und Sterben« sucht er, ausgehend vom Zitat des römischen Dichters Horaz, nach Antworten auf die elementaren Fragen des Soldaten im Angesicht von Tod und Verwundung. Dazu geht er einen auf den ersten Blick ungewöhnlichen Weg. Er reflektiert das Thema anhand von drei Begriffen: Ehre, Vaterland und Sterben. Hier enden seine Reflexionen jedoch nicht. Weit über althergebrachte Denkmuster hinaus zeigt er kritisch auf, vor welchen Herausforderungen der Soldat heute steht, wenn er sein Handeln letztendlich vor sich selbst begründen muss.

    Der Einsatz in Kunduz und Baghlan endet im Januar 2011 für die Soldaten, die in diesem Buch berichten und über die berichtet wird. Manche von ihnen waren oder sind bereits wieder dort. Und viele von ihnen schweifen in ihren Gedanken immer wieder dorthin zurück, besonders wenn über Gefechte und Anschläge berichtet wird.

    Wir, die Herausgeber und Autoren, widmen daher dieses Buch allen gefallenen und an Leib und Seele verwundeten Kameraden unseres Einsatzes sowie jenen, die vor und nach uns in Nordafghanistan ebendieses Schicksal erfahren haben. Wir hoffen, dass sie und ihre Angehörigen sich wie wir den Glauben an den Sinn ihrer Aufgabe bewahren können.

    Generalleutnant Hans-Werner Fritz

    Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr

    Geleitwort

    Mit »Feindkontakt – Gefechtsberichte aus Afghanistan« erscheint ein Buch, das sich mit dem inzwischen mehr als zwölf Jahre währenden Einsatz deutscher Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan auseinandersetzt – und zwar auf eine neue, so noch nicht nachzulesende Weise.

    Die in diesem Buch zusammengeführten Gefechtsberichte vermitteln dem Leser einen Eindruck aus erster Hand über die fordernde Aufgabe, die Komplexität des Umfelds und die besondere Belastung, tatsächlich kämpfen und sein Leben aufs Spiel setzen zu müssen – eine Herausforderung, die trotz zwölf Jahren ISAF-Einsatz nicht für jeden Bundeswehrsoldaten in Afghanistan alltäglich war und ist. Die hier zu Wort kommenden Soldaten schildern einerseits ihre persönlichen Erlebnisse bei Gefechtssituationen im Raum Kunduz/Baghlan in den Jahren 2010/2011, andererseits reflektieren sie ihr eigenes Handeln, ihr soldatisches Ethos und den rechtlichen Rahmen ihres Einsatzes. Das Buch geht allerdings noch weiter, denn die Autoren erlauben dem Leser einen unverstellten Blick in ihr Innerstes, in ihre Gefühlswelt und ihr Seelenleben.

    »Feindkontakt – Gefechtsberichte aus Afghanistan« ist eben nicht nur ein weiteres Buch über den Soldatenalltag in Afghanistan, vielmehr nimmt es den Leser mit; er wird Teil der Truppe im Einsatz, Teil einer Gefechtssituation. Es zeigt Zusammenhänge und Hintergründe auf und es regt zum Nachdenken an.

    Mich persönlich berührt dieses Buch in mehrfacher Weise.

    Als Kommandeur der Division Spezielle Operationen war ich in Deutschland Vorgesetzter der bei den beschriebenen Karfreitagsgefechten gefallenen Hauptfeldwebel Nils Bruns, Stabsgefreiter Robert Hartert und Hauptgefreiter Martin Kadir Augustyniak sowie des am 7. Oktober 2010 gefallenen Oberfeldwebel Florian Pauli. Die Bilder der bewegenden Trauerfeier, die Worte des damaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg und die Ansprache der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel werden mir immer in Erinnerung bleiben. Gleichermaßen aber auch das Gedenken an unsere gefallenen Kameraden im Camp Marmal selbst. Wer jemals ein Ehrenspalier – meist frühmorgens – gestanden hat oder den Särgen gefolgt ist, um den Gefallenen die letzte Ehre zu erweisen, bevor sie in die Heimat geflogen werden, wird dies in seinem Leben nicht mehr vergessen. Gleichzeitig eint diese Erinnerung – so traurig sie auch ist – alle, die damals dabei waren.

    Ab Juni 2010 war ich selbst für mehr als neun Monate als Kontingentführer des deutschen Einsatzkontingents ISAF und als Kommandeur des Regionalkommandos Nord verantwortlich für über 5.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten, rund 5.000 US-Soldaten und 1.000 Soldatinnen und Soldaten anderer Partnernationen.

    Bei der Lektüre des Buches wurden unglaublich viele Erinnerungen an diese bisher intensivste Zeit meines beruflichen Lebens wieder wach. Ich fühlte mich hineinversetzt nach Afghanistan im Jahr 2010.

    Das Jahr 2010 war das bis dahin verlustreichste Jahr der internationalen Militärpräsenz in Afghanistan. Die Bewegungsfreiheit der ISAF Truppen im Verantwortungsbereich des Regionalkommandos Nord, besonders im Kunduz-Baghlan-Korridor, war in Teilen eingeschränkt, einige Bereiche waren fest in der Hand regierungsfeindlicher Kräfte. Dort war an den Aufbau staatlicher Strukturen oder die Umsetzung von Hilfs- und Entwicklungsprojekten zu Gunsten der Bevölkerung dieses geschundenen Landes nicht zu denken. Es kam deshalb darauf an, die Operationsführung auf die aktive Bekämpfung regierungsfeindlicher Kräfte auszurichten, um damit die Voraussetzungen für erfolgreiche Regierungs- und Entwicklungsarbeit zu schaffen, ganz im Sinne der neuen »Counter Insurgency«-Strategie. Die beschriebene Operation »Halmazag« im November 2010 oder die Luftlandeoperation im Zweistromland nordöstlich von Kunduz in der Weihnachtszeit desselben Jahres sind Teil der Umsetzung dieser Strategie.

    Alle in den nachfolgenden Aufzeichnungen erwähnten oder berichtenden Soldaten durfte ich in Deutschland oder später vor Ort in Afghanistan persönlich führen. Sie waren Fallschirmjäger, Zugführer, Kompaniechefs, Stabsoffiziere und Bataillonskommandeure in meiner Division. Ich habe Entscheidungen getroffen, die von »meinen« Soldaten umzusetzen waren, damit konnte ich Teil des Teams sein. Der Leistungswille und die Professionalität, mit der die deutschen und die internationalen Soldatinnen und Soldaten, aber auch die afghanischen Sicherheitskräfte ihren Auftrag ausgeführt haben, erfüllten mich schon damals mit Stolz und großem Respekt. Wir haben gemeinsam um gefallene Kameraden getrauert und ich erinnere mich an jeden verwundeten Kameraden, den ich am Krankenbett besucht habe. Meinen Teil zum Auftrag beigetragen zu haben und, wie man diesem Buch entnehmen kann, bei dem einen oder anderen Kameraden einen persönlichen Eindruck hinterlassen zu haben hat für mich besondere Bedeutung.

    Als Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr trage ich erneut Führungsverantwortung für die mir anvertrauten Männer und Frauen in den Einsatzgebieten der Bundeswehr. Auch die Konfrontation mit Tod und Verwundung deutscher Soldatinnen und Soldaten ist damit wieder unmittelbarer Teil meines beruflichen Lebens, wie es mir der Tod eines Kameraden Anfang Mai 2013, nur wenige Tage nach meinem Amtsantritt, schmerzhaft vor Augen führte.

    Auf der operativen Führungsebene ist es meine Aufgabe, politische Absichten, Zielsetzungen und Vorgaben, die ihren Ausdruck in der Regel in einem Bundestagsmandat finden, sowie militärstrategische Weisungen so umzusetzen, dass sie von den taktischen Führern vor Ort, beispielsweise in Afghanistan, in erfolgreiches militärisches Handeln umgesetzt werden können und die erforderliche Handlungssicherheit entsteht. Das zu berücksichtigende Spektrum umfasst dabei alle militärischen Disziplinen: Personal, Nachrichtenwesen, Ausrüstung, Logistik bis hin zur Rechtsberatung. So werden beispielsweise die für den Einsatz zur Verfügung stehende Ausrüstung oder die Zusammenstellung der Truppe vor Ort durch meinen Stab im Einsatzführungskommando der Bundeswehr in enger Abstimmung mit den Verantwortlichen im Einsatzland geplant und letztendlich verantwortet. Für das Einsatzführungskommando der Bundeswehr gilt daher die Maxime »Vom Einsatz her denken und handeln« in ganz besonderer Art und Weise.

    Meine persönliche Einsatzerfahrung aus den Jahren 2010/2011 in Afghanistan kann ich hier unmittelbar einbringen, sie ist mein innerer Kompass. Ich bin ausgesprochen froh darüber, dass die Angehörigen des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in weiten Teilen ebenfalls über ihr persönliches Maß an Einsatzerfahrung verfügen und dieses zum Wohl unserer Kameradinnen und Kameraden im Einsatz in die tägliche Arbeit einbringen.

    Der ISAF-Einsatz in der bekannten Form neigt sich seinem Ende entgegen. Neben den in diesem Buch geschilderten Ereignissen können und müssen aus den Erfahrungen in Afghanistan Lehren gezogen werden, die allerdings nicht auf das militärische Engagement begrenzt bleiben dürfen. Die vorliegenden Schilderungen vom persönlichen Erleben einer Verwundung oder dem Tod eines Kameraden sind Mahnung, dass der Einsatz militärischer Gewalt auch weiterhin zwar nicht das letzte, aber das äußerste Mittel der Politik ist und dass der Einsatz militärischer Mittel stets in ein Konzept gesamtstaatlichen Handelns eingebunden sein muss, um nachhaltigen Erfolg zu haben. Militär kann der Politik Zeit verschaffen, aber politische Lösungen nicht ersetzen.

    In meiner nun fast vierzigjährigen Dienstzeit hat mich selten eine Phase so stark geprägt wie der Einsatz in Afghanistan. Selten habe ich die Verantwortung für die mir anvertrauten Menschen so stark gespürt wie als Kommandeur im Regionalkommando Nord. Genauso stark war aber das Empfinden für die gelebte Kameradschaft aller Dienstgrade untereinander und füreinander. Sie hat uns alle über vieles hinweggeholfen. Mein persönlicher Dank geht an alle, die damals täglich mit uns zusammengearbeitet haben und deren Unterstützung ich mir jederzeit sicher sein konnte. Ich denke noch oft an sie.

    Ich hoffe, dass dieses Buch eine breite Leserschaft findet und seinen Beitrag dazu leistet, dass die ethischen und menschlichen Aspekte des militärischen Einsatzes durch die Öffentlichkeit an konkreten Beispielen diskutiert werden. Ich danke den Autoren, dass sie sich die Zeit genommen haben, einen sehr persönlichen Blick zurück auf ihren Einsatz in Afghanistan zu werfen und ihre Erlebnisse mit Offenheit und Ehrlichkeit in Worte zu fassen.

    Teil 1 – Im Gefecht

    Hauptmann S. und Andreas Trenzinger

    Isa Khel, Karfreitag 2010

    Hauptmann S. – Kompaniechef der 1. Infanteriekompanie des PRT Kunduz

    Als sich Mitte Februar 2010 die Fallschirmjäger aus dem niedersächsischen Seedorf im Rahmen eines feierlichen Appells in den Afghanistan-Einsatz verabschiedeten, hatte auch ich, Hauptmann S., die Gelegenheit, zu den Soldaten meiner Kompanie und deren Angehörigen ein paar Worte zu sprechen. Ich ließ zunächst die mehrmonatige, intensive Vorbereitung auf diesen Einsatz Revue passieren und wollte damit vor allem eines deutlich machen: Für die bevorstehenden Aufgaben in Afghanistan sind wir gut gerüstet. Ich nutzte die kurze Ansprache aber auch, um unmissverständlich klarzumachen, wie gefährlich unser Auftrag ist. Schließlich war es die Infanteriekompanie, die außerhalb des Feldlagers unterwegs war und Tag für Tag Kontakt mit der afghanischen Bevölkerung hatte. Jeder, auch die Angehörigen meiner Soldaten, sollten sich dieser Tatsache bewusst sein. Dass keine zwei Monate später die Kämpfe mit den Aufständischen ein bis dahin ungeahntes Ausmaß annehmen und dabei drei unserer Kameraden in den Tod reißen würden, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand.

    Der Einsatz in Afghanistan begann für mich und meine Kompanie mit ihren rund 130 Frauen und Männern Ende Februar 2010. Die 1. Infanteriekompanie war, neben der 2. Infanteriekompanie und der Schutzkompanie, eines der operativen Elemente des Regionalen Wiederaufbauteams (Provincial Reconstruction Team, PRT) Kunduz. In dieser Funktion hatte sie zahlreiche Aufgaben zu erfüllen. Sie musste den Raum um die Provinzhauptstadt Kunduz gegenüber Aufständischen behaupten, die Bewegungsfreiheit auf den Hauptverkehrsstraßen sicherstellen, mit afghanischen Sicherheitskräften zusammenarbeiten und das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen. Das bedeutete, ständig mit eigenen Kräften im Einsatzraum präsent zu sein und den Kontakt zur Bevölkerung sowie zu den afghanischen Sicherheitskräften zu suchen. Keine einfache Aufgabe. Der Einsatzraum des PRT Kunduz umfasste neben der Provinz Kunduz auch die Nachbarprovinz Takhar und war mit einer Fläche von über 20.000 Quadratkilometern schwer zu kontrollieren. Die afghanischen Sicherheitskräfte waren dabei nur bedingt in der Lage, ihren Aufgaben zum Schutz der Bevölkerung nachzukommen. Sowohl die afghanische Armee (Afghan National Army, ANA) als auch die Polizei (Afghan National Police, ANP) waren personell nicht besonders gut aufgestellt, auch ließen Ausrüstung und Ausbildungsstand zu wünschen übrig. Immerhin war die Bereitschaft zur Zusammenarbeit vorhanden.

    Im Schwerpunkt der Operationsführung stand im Frühjahr 2010 der Distrikt Chahar Darrah. Ein Raum, der sich auf über 1.200 Quadratkilometer westlich der Stadt Kunduz erstreckte und als eines der Hauptoperationsgebiete der Aufständischen in der Provinz galt.

    So kontrollierten verschiedene Gruppierungen der Aufständischen, die nur zum Teil den Taliban zugeordnet werden konnten, einzelne Gebiete und Dörfer. Immer wieder wurden Angriffe und Hinterhalte gegen deutsche und afghanische Sicherheitskräfte durchgeführt. Nicht selten wurden dabei auch Sprengfallen (sogenannte IEDs, Improvised Explosive Devices) eingesetzt. Zur ortsansässigen Bevölkerung bestanden vielfach ethnische und familiäre Verbindungen, aufgrund derer den Aufständischen Tarnung, Unterschlupf und Versorgung gewährt wurden. Ihre Rückzugsräume wurden gegen Eindringlinge verteidigt und waren mit Sprengfallen gesichert. Ziel der Aufständischen war es, eine Art Schattenregierung zu installieren. Oft war es dazu notwendig, die Bevölkerung einzuschüchtern und das Vertrauen in die Sicherheitskräfte zu untergraben.

    Am Morgen des 31. März verließ die Kompanie mit ihren drei Zügen, benannt nach den Buchstaben des NATO-Buchstabieralphabets Foxtrot, Golf und Hotel, sowie weiteren Unterstützungskräften das Feldlager und marschierte mit ihren gepanzerten Fahrzeugen nach Chahar Darrah. Ziel war das Polizeihauptquartier (PHQ) des Distrikts, in dem die Kompanie für die folgenden fünf Tage ihre Operationsbasis haben sollte. Vor Ort wurde die Fahrzeugkolonne bereits erwartet. Die 2. Infanteriekompanie freute sich, nach mehreren Tagen Aufenthalt in diesem unruhigen Gebiet wieder in das Feldlager zurückkehren zu können. Bevor es aber für die abzulösende Truppe losgehen konnte, wurden noch schnell Informationen ausgetauscht. Ich besprach mit meinem Kompaniechefkameraden die Lage. Vor allem ging es um jüngste Erkenntnisse über den Gegner, die Aufständischen. Aber auch aktuelle Informationen über das Verhalten der Zivilbevölkerung und der afghanischen Polizei wurden an die frischen Kräfte weitergegeben. Gerade die unübersichtliche Gemengelage verschiedenster Akteure machten das Gewinnen und Weitergeben eigener Erkenntnisse als Grundlage für eigenes Handeln im Raum notwendig.

    Nach und nach verließen dann aber die Fahrzeuge der alten Truppe die Polizeistation und meine Kompanie richtete sich in einem schäbigen Rohbau, der unmittelbar neben dem neu erbauten Hauptgebäude der Polizei errichtet worden war, ein. Es wurden aber nicht nur Feldbetten aufgestellt und Vorräte sowie Wasser von den Fahrzeugen abgeladen, auch fanden weitreichende Waffen und Beobachtungsgeräte ihren Weg in ausgebaute Stellungen auf dem Dach der provisorischen Unterkunft. Auch wenn ein Angriff Aufständischer auf diesen von einer zwei Meter hohen Mauer umgebenen Komplex eher unwahrscheinlich schien, so beobachteten doch einige meiner Soldaten ständig die Umgebung. Keine drei Kilometer weiter südlich, auf den Höhen 431 und 432, übernahmen ebenfalls Kräfte der Kompanie die Stellungen und richteten ihre Waffen ein.

    Wie bei jeder Ankunft im PHQ suchte ich zuerst das Gespräch mit dem lokalen Polizeichef. Bei einer Tasse Tee tauschte man wie gewohnt zunächst einmal Höflichkeiten aus. Darüber hinaus war die allgemeine Sicherheitslage im Distrikt Gesprächsthema.

    Nach

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