Genießen Sie von Millionen von eBooks, Hörbüchern, Zeitschriften und mehr - mit einer kostenlosen Testversion

Nur $11.99/Monat nach der Testversion. Jederzeit kündbar.

Künstlerpech: & 13 weitere Kurzkrimis
Künstlerpech: & 13 weitere Kurzkrimis
Künstlerpech: & 13 weitere Kurzkrimis
eBook294 Seiten3 Stunden

Künstlerpech: & 13 weitere Kurzkrimis

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Ein junger Mann, tot, mitten im Baumarkt, ein kleiner Junge, verrückt nach Facebook-Likes, ein verschwundenes Mädchen im Park oder ein Suizid in der Badewanne. ¿ Viele Szenarien für die Ermittler, welche in komplizierten und amüsanten Fällen versuchen, den Tathergang aufzudecken. Manche sind konfus, manche logisch oder gar von Wahnsinn getrieben, aber immer eines: spannend! Tauchen Sie mit unseren vielversprechenden Autoren in spannende Polizeiarbeit ein. Ermitteln Sie mit und finden Sie heraus, ob auch in Ihnen ein kleiner Detektiv steckt.
SpracheDeutsch
HerausgeberHybrid Verlag
Erscheinungsdatum8. Jan. 2018
ISBN9783946820208
Künstlerpech: & 13 weitere Kurzkrimis
Vorschau lesen

Mehr von Britta Bendixen lesen

Ähnlich wie Künstlerpech

Verwandte Kategorien

Rezensionen für Künstlerpech

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Künstlerpech - Britta Bendixen

    Walter

    Künstlerpech – Britta Bendixen

    11.45 Uhr

    Es roch nach Holz und Gummi. Aus den Lautsprechern drang der neueste Song von James Blunt.

    Kriminalkommissar Lasse Bertram drängelte sich durch die Menge der neugierigen Kunden des Baumarkts, die tuschelnd und mit langen Hälsen an der Absperrung standen. Dort angekommen, hob er das gestreifte Plastikband an, ging darunter hindurch und weiter bis zu der Beamtentraube, die sich um den Toten gebildet hatte.

    Die Kollegen machten Platz und gaben ihm so Gelegenheit, einen kurzen Blick auf die Leiche zu werfen, die mit offenen Augen auf der Seite lag und förmlich in Blut schwamm. Es handelte sich um einen noch relativ jungen Mann mit dunklen, etwa kinnlangen Haaren. Er war schlank, fast zart, was der dünne, schwarze Rollkragenpullover noch unterstrich, und nicht besonders groß. Höchstens eins-fünfundsiebzig, schätzte Bertram, der selbst nicht wesentlich größer war.

    Dann ließ er sich von Meier, dem altgedienten Leiter der Spurensicherung, informieren.

    »Julian Sommer, 34 Jahre alt. Hier ist die Adresse. Der Notarzt hat drei Stiche in den Bauchraum festgestellt. Vermutlich ist er verblutet.«

    »Das kann er jetzt schon sagen?«, wunderte sich Bertram und reichte den Zettel mit der Adresse an seine Assistentin, die Kommissaranwärterin Ulla Steinhoff weiter, die schon vor ihm am Tatort eingetroffen war.

    »Natürlich nicht mit Sicherheit«, erwiderte Meier mit leicht gerunzelter Stirn. »Vielleicht trafen die Stiche auch wichtige Organe. Gewissheit hast du erst nach der Obduktion.«

    »Schon klar.«

    Bertram wandte sich an Ulla: »War das Opfer allein hier?«

    »Sieht ganz so aus.«

    »Was ist mit der Mordwaffe?«

    Meier schüttelte den Kopf.

    »Bisher haben wir nichts gefunden.«

    »Zeugen?«

    Erneutes Kopfschütteln, diesmal von Ulla.

    »Er war offensichtlich bereits tot, als er entdeckt wurde. Wir wurden informiert und haben natürlich sofort angeordnet, dass niemand den Baumarkt verlässt. Im Augenblick werden die Personalien aller Anwesenden aufgenommen.«

    »Auch die von den Gaffern da drüben?« Bertram sah hinüber zur Absperrung, wo sich noch immer etwa zehn Personen die Hälse verrenkten.

    Ulla folgte seinem Blick.

    »Wenn nicht jetzt, dann gleich.« Sie winkte einen der uniformierten Beamten zu sich und bat ihn, die Leute fortzuschicken. Zufrieden beobachtete Bertram, dass die sensationslüsternen Baumarktkunden mürrisch abzogen. Er wandte sich wieder an Ulla.

    »Wer hat die Leiche gefunden?«

    »Eine Kundin. Ihr Name ist Birgit Todsen.«

    »Na, dann werde ich wohl mal mit ihr anfangen.«

    »Sie können sie nicht verfehlen. Sehr kurze, blonde Haare und von oben bis unten in Jeans.«

    Die Kunden, Angestellten und einige Polizisten standen nun in der Gartenabteilung und sprachen halblaut miteinander. Bertram sah sich um und entdeckte nach kurzer Zeit eine Frau, auf die Ulla Steinhoffs Beschreibung passte. Birgit Todsen, eine robust wirkende Mittvierzigerin mit kräftigen Händen schob sich einen Streifen Kaugummi zwischen die Zähne, als Bertram sie um ihre Aussage bat. »Ich wollte mir nur ‘nen neuen Briefkasten besorgen«, versicherte sie. »Bin umgezogen und der vom Vormieter war echt ‘n hässliches Teil. Wie ich in den Gang abbiege, seh‘ ich jemand am Boden liegen. So komisch auf der Seite. Ich also da hin und bemerke das viele Blut. Mir ist tierisch schlecht geworden, das können Sie mir glauben. Na, und dann kam, Gott sei Dank, einer von diesen Baumarkt-Heinis vorbei. Ich hab‘ ihm die Sauerei gezeigt und er hat sofort den Krankenwagen gerufen.«

    »Welcher Angestellte war das?«

    Frau Todsen sah sich um und zeigte schließlich auf einen großen, gestählt wirkenden dunkelhaarigen Mann mit der typischen Baumarkt-Weste, die sich eng um seine breiten Schultern spannte: »Der dort.«

    Bertram bedankte sich und steuerte den Mann an.

    »Guten Tag, ich bin Kriminalkommissar Bertram. Wie ist Ihr Name?«

    Der Verkäufer musterte ihn kritisch.

    »Malte Schuster.«

    »Sie haben den Krankenwagen gerufen, nicht wahr?«

    »Ja. Eine Kundin sagte mir, der Mann sei bewusstlos und würde bluten.«

    »Hat er noch gelebt, als Sie den Notarzt gerufen haben?«

    Schuster hob die Schultern. »Das weiß ich nicht. Ich hab nicht den Puls gefühlt oder so. Irgendwie ging ich davon aus, dass er noch lebt. Doch als der Arzt kam, hat er gleich gesagt, der Mann wäre tot. Und dann hat er die Polizei gerufen.«

    »Sie wollen also sagen, Sie haben einen stark blutenden Mann gefunden und haben nicht versucht, ihm zu helfen? Sie wissen schon, dass Sie damit den Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung erfüllen?«

    Schuster verzog das Gesicht. »Ich kann kein Blut sehen. Nicht mal ein bisschen. Ich bekomme dann Panikattacken und Kreislaufprobleme. Und bei der Blutlache …«

    Bertram schüttelte unwillig den Kopf.

    »Nun gut, das werden wir später klären. – Kannten Sie den Toten? War er häufiger hier im Baumarkt?«

    »Nein. Ich habe ihn noch nie hier gesehen.«

    »Woanders schon?«

    Schuster kratzte sich nachdenklich die Nase.

    »Nicht, dass ich wüsste.«

    »Er war also zum ersten Mal hier im Baumarkt?«

    »Keine Ahnung. Mir ist er noch nicht begegnet, aber ich arbeite auch erst seit Kurzem hier.«

    »Wissen Sie, ob er allein hier war oder ihn jemand begleitet hat?«

    »Das kann ich Ihnen nicht sagen. Bevor die Kundin mich gerufen hat, war er mir nicht aufgefallen.«

    12.30 Uhr

    Die Dachgeschosswohnung von Julian Sommer war spärlich, aber modern eingerichtet und mit großen Fenstern ausgestattet, die viel Licht spendeten. Überall standen Farbpaletten, Leinwände und fertige oder angefangene Bilder herum. An den Wänden hingen ebenfalls Gemälde, die jedoch zum größten Teil nicht von Sommer stammten, wie Bertram vermutete, als er dessen Kunstwerke mit den aufgehängten verglich.

    »Manet, Degas, Cezanne, Renoir – offenbar war Sommer ein Bewunderer der Meister des Impressionismus«, bemerkte Ulla Steinhoff.

    Bertram staunte seine Kollegin an. »Sie kennen sich mit Malerei aus?«

    Sie zuckte mit den Achseln. »Ein bisschen. Früher wollte ich mal Kunstgeschichte studieren.«

    »Und wieso haben Sie sich umentschieden?«, fragte er interessiert.

    »Ach, ich weiß nicht. Da gab es verschiedene Gründe«, wich Ulla aus und sah sich weiter in der Wohnung um.

    Bertram musterte sie verstohlen. Ihm wurde klar, wie wenig er eigentlich von seiner Kollegin wusste, obwohl sie bereits ein halbes Jahr zusammenarbeiteten. Ihm war nur bekannt, dass sie sich eine Wohnung mit einer Freundin teilte und einmal in der Woche diesen komischen, neuartigen Frauensport ausübte.

    Wie hieß das noch mal? Zamba oder Zombie oder so ähnlich.

    »Kein PC, kein Fernseher«, bemerkte Ulla verwundert. »Er hatte nicht mal ein Handy bei sich. Julian Sommer lebte wirklich in seiner ganz eigenen, buntgepinselten Welt.«

    »Ist vielleicht nicht die schlechteste Art zu leben«, gab Bertram zu bedenken und sah sich in der Küchenzeile um, die offen an den Wohnbereich angrenzte. Auf der mit allerlei Geschirr und Essensresten vollgestellten Arbeitsplatte entdeckte er einen Stapel Briefe. Er nahm ihn zur Hand und betrachtete die Absender. Aus einem Umschlag zog er ein Schreiben und überflog es.

    »Hier ist eine Abrechnung von einer örtlichen Galerie«, informierte er Ulla. »Vielleicht erfahren wir dort etwas mehr über ihn.«

    13.15 Uhr

    Der Galerist André Wiczorek, ein bunt gekleideter Mann mit Halstuch und blondem Seitenscheitel, war fassungslos.

    »Ich kann es nicht glauben. Herr Sommer war so ein netter Mensch. Wer tut so etwas?«

    »Das versuchen wir herauszufinden.«

    Bertram sah sich aufmerksam um. Die Galerie war hell und schön geschnitten. An den Wänden hingen unzählige Bilder in allen Größen und Farben.

    »Hängen hier viele Werke von Sommer?«

    »Oh ja, einige. Dies zum Beispiel, das daneben, und weiter hinten finden Sie einige herrliche Landschaftsbilder. Er war ungemein fleißig und seine Werke werden sehr gern gekauft. Erst vorletzte Woche veranstalteten wir in unserem Hause eine äußerst erfolgreiche Ausstellung seiner Bilder.«

    »Ist er allein zu der Ausstellung gekommen?«

    »Nein, das erste Mal seit Langem war er wieder in weiblicher Begleitung.«

    »Können Sie mir sagen, wie die Dame hieß?«

    »Puh, da muss ich nachdenken.«

    Wiczorek kräuselte die Lippen. Dann leuchteten seine blassblauen Augen für einen Moment auf.

    »Oh, jetzt erinnere ich mich. Sie hieß Beatrice. Wie die Stewardess auf dem Traumschiff.«

    »Einen Nachnamen haben Sie nicht für uns?«, fragte Bertram und ahnte die Antwort.

    »Herr Sommer hat sie nur mit ihrem Vornamen vorgestellt. Tut mir wirklich leid.«

    Ulla sah sich die Bilder an der Wand neben ihr an.

    »Waren denn Gäste hier, die diese Beatrice kannten?«, fragte sie.

    André Wiczorek überlegte: »Also, wenn da jemand in Frage käme, dann Dr. Bärfeldt und seine Frau. Er ist Kunstsammler und ein großer Bewunderer von Herrn Sommer. Die vier haben sich an dem Abend ausführlich unterhalten.«

    13.50 Uhr

    Sie suchten den gut situierten Kunstsammler in seiner Stadtvilla auf. Dr. Bärfeldt erinnerte sich zwar nicht an den Nachnamen von Sommers Begleitung, aber seine Frau, eine modebewusste Endfünfzigerin mit fülliger Figur und kunstvoll hochgesteckten Haaren, half Bertram und Ulla weiter.

    »Beatrice Jacob ist die Besitzerin der Boutique am Steindamm. Ich bin seit einiger Zeit Stammkundin bei ihr«, berichtete sie. »Eine sehr nette Frau.«

    »Und wie gut kannten Sie Julian Sommer?«, fragte Ulla Steinhoff.

    »Ich schätze sein Talent, sein Können«, antwortete Dr. Bärfeldt. »Wir haben uns oft unterhalten, aber nur über Kunst. Von ihm persönlich weiß ich praktisch gar nichts.«

    »Und ich weiß nur, dass seine Eltern früh verstorben sind, und dass er geschieden ist«, berichtete die Kunstsammlergattin. »Seine Ex-Frau kam mit seiner Art zu leben auf die Dauer nicht zurecht und hat ihn vor die Wahl gestellt: Entweder sie oder die Malerei.«

    »Und er hat sich gegen seine Frau entschieden«, nickte Bertram.

    »Natürlich! Einem Künstler die Kunst zu nehmen ist, als würde man ihm die Luft zum Atmen entreißen. Er wäre wie ein Fisch ohne Wasser. Seine Frau hat das nicht begriffen.«

    »Und Beatrice Jacob versteht das?«, erkundigte sich Ulla.

    Frau Bärfeldt nickte langsam.

    »Ich denke schon. Sie schien stolz auf ihn und seinen Erfolg zu sein und hat – soweit ich es mitbekommen habe – nie versucht, ihn in irgendeiner Form zu bremsen. Sie erzählte mir, ihr letzter Freund sei ein oberflächlicher Muskelprotz gewesen. Sie war froh, mit Julian das absolute Gegenteil gefunden zu haben.«

    »Seit wann war Julian Sommer geschieden?«, fragte Bertram.

    Sie dachte nach.

    »Ich glaube, seit vier oder fünf Jahren.«

    »Was du alles weißt!«, wunderte sich Dr. Bärfeldt lächelnd.

    »Du wüsstest ebenso viel, wenn du den Leuten auch dann zuhören würdest, wenn sie nicht über Malerei reden«, tadelte seine Gattin sanft.

    14.15 Uhr

    Bertram und Ulla fuhren zum Steindamm. Dort angekommen, ließ er den Motor laufen.

    »Ich schlage vor, Sie gehen allein in diesen Männeralbtraum aus Seide und Kaschmir«, schlug Bertram vor. »Ich werde mich derweil mal mit Sommers Ex-Frau unterhalten. Vielleicht hat sie einen Hinweis für uns.«

    Ulla schmunzelte. »Sie wollen doch nur nicht dabei sein, wenn Beatrice Jacob vom Tod ihres Freundes erfährt.«

    »So ein Unsinn«, brummte Bertram. »Ähnliche Gespräche habe ich schon unzählige Male geführt.«

    »Ja, ich weiß. Entschuldigung.« Ulla öffnete die Beifahrertür und stieg aus.

    Bertram sah ihr nach, als sie auf den Eingang der Boutique zuging. Er musste seiner Kollegin ja nicht unbedingt auf die Nase binden, dass sie mit ihrer Einschätzung richtig lag. Diese Gespräche nahmen immer einen unschönen Verlauf, doch bei frisch verliebten Frauen waren sie am schlimmsten. Darauf konnte er gut verzichten. Abgesehen davon wusste er, Ulla Steinhoff würde sehr viel feinfühliger vorgehen, als er es könnte.

    Nur wenig später saß Beatrice Jacob zusammengesunken und mit bebenden Schultern auf einem kleinen Sofa bei den Umkleidekabinen und schnäuzte sich die zierliche Nase.

    »Es ist so furchtbar. Er war so ein wunderbarer Mann. Wir wollten nächsten Monat zusammenziehen.« Dicke Tränen kullerten über die Wangen der Boutiquen-Besitzerin. Ulla reichte ihr wortlos ein weiteres Taschentuch.

    Eine Kundin betrat den Laden. Ulla stand rasch auf und ging ihr entgegen.

    »Kommen Sie bitte später wieder, im Augenblick ist es schlecht.«

    Indigniert sah die Kundin sie an, doch dann erblickte sie die aufgelöste Beatrice.

    »Ist etwas passiert, Frau Jacob?«, erkundigte sie sich und bemühte sich erfolglos, ihre Neugier als Mitgefühl erscheinen zu lassen.

    »Ja«, antwortete Ulla knapp. »Danke für Ihr Verständnis. Auf Wiedersehen.«

    Damit wies sie zur Tür. Beleidigt zog die Kundin ab und Ulla ging zurück zu Beatrice, die sich erneut die Nase putzte.

    »Wissen Sie, ob Julian Sommer allein zum Baumarkt wollte?«, fragte Ulla vorsichtig.

    Beatrice sah sie mit großen rot geweinten Augen an.

    »Baumarkt? Julian war in einem Baumarkt?«

    »Ja. Warum fragen Sie?«

    »Na ja, weil er Baumärkte nicht mochte. Ich kenne keinen Mann, der handwerklich so unbegabt war wie er. Julian war Künstler und hat die schönsten Bilder gemalt, doch er konnte nicht mehr als bestenfalls einen Nagel in die Wand schlagen. Schon beim Anbringen einer Jalousie oder dem Zusammenbau eines Nachttisches war er hoffnungslos überfordert. Solche Dinge habe ich gemacht.«

    »Nun, er war dennoch dort. Wir fanden ihn vor einem Regal mit Briefkästen.«

    Beatrice schluchzte auf, ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen.

    »Briefkästen! Also hat er … Er wollte …« Ulla sah sie fragend an. »Ich habe ihn immer … mit seinem Briefkasten … aufgezogen, weil er alt, hässlich und angerostet war«, erklärte Beatrice stockend. »Ihn störte das nicht, doch nun … wollte er einen Neuen kaufen – für mich! Und dann hat ihn jemand einfach …« Sie begann bitterlich zu weinen.

    14.50 Uhr

    Bertram saß mit Ulla Steinhoff im Büro und rekapitulierte die bisher bekannten Fakten.

    »Der Tod trat ein durch mehrere Stiche, vermutlich mit einem Messer. Es gibt keine direkten Zeugen, niemand hatte ein Motiv, nicht mal eine Mordwaffe liegt vor. Es ist zum Kotzen.«

    Ulla hatte beide Hände um ihren Kaffeebecher gelegt und nippte vorsichtig daran.

    »Hat die Befragung von Sommers Ex-Frau keine neuen Erkenntnisse gebracht?«

    Bertram schüttelte den Kopf.

    »Die beiden haben sich vor mehr als drei Jahren das letzte Mal gesehen. Seitdem gab es keinerlei Kontakt.«

    »Wer profitiert eigentlich von seinem Tod?«, überlegte Ulla.

    »Hm, da Sommer keine Kinder hat, seine Eltern bereits tot sind und die geschiedene Ehefrau kein Erbrecht mehr hat – höchstens seine Geschwister, Großeltern oder andere Verwandte zweiten oder dritten Grades«, antwortete Bertram.

    »Dann sollten wir herausfinden, ob es solche Verwandten gibt.«

    Bertram griff zum Telefon.

    »Die Ex-Frau wird es wohl wissen«, vermutete er und wählte die entsprechende Nummer.

    Während er telefonierte, stöberte Ulla ein wenig im Internet.

    »Das ist interessant«, murmelte sie, nachdem ihr Chef aufgelegt hatte.

    Bertram, der gerade etwas notierte, hob den Kopf.

    »Was?«

    »Jeder Baumarkt-Angestellte trägt ein Messer bei sich«, antwortete sie. »Sie brauchen es zum Auspacken von neuer Ware und so was.«

    »Haben Sie ein Bild davon?«

    »Ja.«

    Bertram umrundete die Schreibtische und sah Ulla Steinhoff über die Schulter. Ihr Parfüm kroch in seine Nase und lenkte ihn für einen Augenblick ab, doch dann konzentrierte er sich auf die Abbildung des Messers, das auf dem Bildschirm zu sehen war. Es hatte einen roten Plastikgriff und war etwa so groß wie ein übliches Klappmesser.

    »Die Klinge ist lang genug, um jemanden damit ins Reich der Toten zu schicken«, murmelte er. »Ich denke, ich sollte noch einmal den Baumarkt aufsuchen.«

    »Und was ist mit mir?«

    Bertram sah sie nachdenklich an.

    »Da hätte ich eine Idee.«

    15.20 Uhr

    Er ging direkt zum Filialleiter Herrn Carstens und bat ihn, alle Mitarbeiter an einem Ort zu versammeln. Nur eine Kasse und der Informationsstand durften besetzt bleiben.

    Das wird den Kunden kaum auffallen, dachte Bertram und verkniff sich ein Grinsen, schließlich sind Baumärkte dafür bekannt, dass nie ein Angestellter da ist, wenn man ihn braucht.

    Wenige Minuten später fanden sich alle im großen Aufenthaltsraum ein.

    Bertram verschränkte die Arme hinter dem Rücken und musterte die Männer und Frauen mit ihren rot-grünen Mitarbeiterwesten. Sie sahen neugierig oder gelangweilt zurück.

    »Ist einem von Ihnen noch etwas eingefallen, was uns bei uns Ermittlungen helfen könnte?«, begann Bertram. Die Angestellten schwiegen oder schüttelten den Kopf.

    »Nun denn. Das Opfer wurde durch Messerstiche getötet. Da jeder von Ihnen ein Messer bei sich führt, möchte ich Sie bitten, dass Sie uns Ihre Messer für eine Weile aushändigen.«

    Gedämpftes Gemurmel erklang. Bertram begann links und ging dann von einem Mitarbeiter zum anderen. Jedes Messer landete in einer Plastiktüte, die jeweils mit dem Namen des Angestellten versehen wurde.

    Währenddessen sah sich Ulla im Baumarkt um und wartete darauf, dass die Angestellten ihre Arbeit wieder aufnahmen. Es dauerte nicht lange, bis die ersten in kleinen Grüppchen aus dem Aufenthaltsraum zurückkehrten.

    »Wir wären doch bescheuert, wenn wir die Kunden abstechen«, ereiferte sich ein schlanker Glatzkopf mit randloser Brille in gedämpfter Stimme. Ulla verbarg sich hinter einer Dusche und lauschte.

    »Allerdings. War bestimmt ein Kunde, der abgehauen ist, bevor die Bullen hier waren.«

    »Klar. Aber ob sie den finden?«

    Die Stimmen wurden leiser. Ulla ging in die Richtung, aus der die beiden gekommen waren, bis sie zu einer Tür gelangte. ›Nur für Angestellte‹ stand auf einem gelben Schild. Sie sah sich um. Niemand nahm Notiz von ihr. Rasch öffnete sie die Tür einen Spalt und schlüpfte hindurch.

    16.00 Uhr

    Bertram hatte die Messer mit der Bitte um sofortige Untersuchung an die KTU weitergegeben. Nun saß er im Auto an einer roten Ampel und dachte an Ulla Steinhoff. Ob sie etwas herausfinden würde? Er lächelte in Erinnerung an ihre Aufregung, als er ihr vorgeschlagen hatte, sich als Kundin getarnt ein bisschen im Baumarkt umzuhören. Sein Handy klingelte. Er erkannte die Nummer und ging ran.

    »Ja?«

    »Die Untersuchungen haben nichts ergeben«, sagte der Leiter der KTU.

    Bertram war enttäuscht.

    »Überhaupt keine Blutspuren?«

    »Keine. Tut mir leid. Das war wohl ein Schuss in den Ofen.«

    »Sieht so aus«, seufzte Bertram. Am liebsten hätte er laut geflucht. Es wäre aber auch zu schön gewesen. »Trotzdem danke. Ihr könnt mir die Messer wieder ins Büro raufschicken.«

    »Wird gemacht. Schönen Feierabend!«

    »Danke gleichfalls. Aber bei mir dauert das wohl noch ein Weilchen.«

    Die Ampel schaltete auf Grün und Bertram gab Gas. Möglicherweise brachte der Besuch bei Julian Sommers einziger Schwester, deren Adresse Bertram von der Ex-Frau des Opfers erhalten hatte, neue Anhaltspunkte.

    16.20 Uhr

    Lilian Sommer war ebenso kreativ wie ihr Bruder, nur verdiente sie ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Liebesromanen und Schicksalsgeschichten für Zeitschriften.

    »Ist das denn lukrativ?«, erkundigte sich Bertram und sah sich in der kleinen, nur notdürftig möblierten Wohnung um. Überall standen Kartons.

    »Wie bei vielen Kreativen ist es zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig«, antwortete Lilian Sommer seufzend und zündete sich eine Zigarette an. »Setzen Sie sich doch.«

    »Danke.« Er nahm auf einem Korbstuhl Platz. »Ziehen Sie gerade aus?«

    »Ja, ich will mit meiner Freundin zusammenziehen. Am Wochenende geht es los.«

    »Verstehe. Wann haben Sie Ihren Bruder das letzte Mal gesehen?«

    Sie blies den Rauch steil nach oben Richtung Stuckdecke. »Vor eineinhalb Jahren ungefähr. Wir hatten nicht viel Kontakt und auch nie ein inniges Verhältnis. Er kam nicht damit klar, dass ich Frauen mehr mag als Männer. Ich habe mich immer gefragt, wie ein Vollblutkünstler gleichzeitig derart spießig sein kann.« Sie schnippte etwas Asche auf eine mit Kippen gefüllte Untertasse. »Verstehen Sie mich nicht falsch, es tut mir sehr leid, dass er tot ist. Er war eigentlich ein netter Kerl. Doch uns beiden fehlten diese gewissen Bande, wenn Sie wissen, was ich meine.«

    »Sie wussten, dass er geschieden ist?«

    »Ja, klar. Warum?«

    »Weil damit Sie zu seiner Erbin geworden sind. Ich schätze, nach seinem Ableben wird der Wert seiner Bilder in die Höhe schießen. Das muss Ihnen doch sehr gelegen kommen.«

    Lilians Augen wurden schmal. »Glauben Sie etwa, ich hätte meinen einzigen Bruder umgebracht, damit ich seine Pinseleien erben kann?«

    Bertram hielt ihrem Blick stand.

    »Und? Haben Sie?«

    Sie stand auf und drückte verärgert die Zigarette aus. Ihr dunkler Pferdeschwanz schwang dabei hin und her.

    »Natürlich nicht! An so etwas wie die Möglichkeit, seine Bilder zu erben, habe ich nie auch nur nachgedacht. Das ist einfach lächer…«

    »Hallo Maus, ich bin wieder da!«, erklang in diesem Moment eine Stimme von der Haustür.

    Wenige Sekunden später betrat eine kaugummikauende, blonde Frau in Jeanskluft die Küche.

    Bertram staunte.

    »Ach, hallo! Das ist aber eine Überraschung!«

    16.55 Uhr

    Als Bertram ins Büro kam, wartete Ulla Steinhoff bereits aufgeregt auf ihn.

    »Sie haben etwas für uns«, ahnte er, als er ihre funkelnden Augen bemerkte. Sie nickte.

    »Gut möglich. Ich bin mir zwar nicht sicher, aber …«

    »Erzählen Sie schon!« Bertram setzte sich

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1