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1283 Seiten Krimi-Paket - Wenn Mörder zurückkehren

1283 Seiten Krimi-Paket - Wenn Mörder zurückkehren

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1283 Seiten Krimi-Paket - Wenn Mörder zurückkehren

Länge:
1,596 Seiten
18 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 20, 2019
ISBN:
9781386789901
Format:
Buch

Beschreibung

1283 Seiten Krimi-Paket - Wenn Mörder zurückkehren

von Alfred Bekker, Uwe Erichsen & A. F. Morland & Rolf Michael & Hendrik M. Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1283 Taschenbuchseiten.

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Rolf Michael: Der Todeskuss des Gänseliesels

Alfred Bekker: Der Mörder irrte

Uwe Erichsen: Travers im Netz des schwarzen Satans

A. F. Morland: Die Rückkehr des Mörders

Alfred Bekker: Der Hollywood-Killer

Uwe Erichsen: Travers und die Jagd auf Cora

Alfred Bekker: Wir fanden Knochen

A. F. Morland: Der Mann mit den 1000 Gesichtern

Alfred Bekker: Den Tod vor Augen

A.F.Morland: ...dann werde ich dein Henker sein

Hendrik M. Bekker: Liebe bis zum Schluss

Uwe Erichsen: Schlafende Hunde

Hendrik M. Bekker: Wissen und Nichtwissen

A.F.Morland: Warten auf Kempowsky

Herausgeber:
Freigegeben:
May 20, 2019
ISBN:
9781386789901
Format:
Buch

Über den Autor

Über Alfred Bekker: Wenn ein Junge den Namen „Der die Elben versteht“ (Alfred) erhält und in einem Jahr des Drachen (1964) an einem Sonntag geboren wird, ist sein Schicksal vorherbestimmt: Er muss Fantasy-Autor werden!  Dass er später ein bislang über 30 Bücher umfassendes Fantasy-Universum um  “Das Reich der Elben” schuf, erscheint da nur logisch. Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten und wurde Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen.   Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', ‘Ragnar der Wikinger’,  'Da Vincis Fälle - die mysteriösen Abenteuer des jungen Leonardo’', 'Elbenkinder', 'Die wilden Orks', ‘Zwergenkinder’, ‘Elvany’, ‘Fußball-Internat’, ‘Mein Freund Tutenchamun’, ‘Drachenkinder’ und andere mehr  entwickelte. Seine Fantasy-Zyklen um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' ,die 'Gorian'-Trilogie, und die Halblinge-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt.  Alfred Bekker benutzte auch die Pseudonyme Neal Chadwick,  Henry Rohmer, Adrian Leschek, Brian Carisi, Leslie Garber, Robert Gruber, Chris Heller und Jack Raymond. Als Janet Farell verfasste er die meisten Romane der romantischen Gruselserie Jessica Bannister. Historische Romane schrieb er unter den Namen Jonas Herlin und Conny Walden.  Einige Gruselromane für Teenager verfasste er als John Devlin. Seine Romane erschienen u.a. bei Lyx, Blanvalet, BVK, Goldmann,, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt., darunter Englisch, Niederländisch, Dänisch, Türkisch, Indonesisch, Polnisch, Vietnamesisch, Finnisch, Bulgarisch und Polnisch.


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1283 Seiten Krimi-Paket - Wenn Mörder zurückkehren - Alfred Bekker

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von Alfred Bekker, Uwe Erichsen & A. F. Morland & Rolf Michael & Hendrik M. Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1283 Taschenbuchseiten.

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Rolf Michael: Der Todeskuss des Gänseliesels

Alfred Bekker: Der Mörder irrte

Uwe Erichsen: Travers im Netz des schwarzen Satans

A. F. Morland: Die Rückkehr des Mörders

Alfred Bekker: Der Hollywood-Killer

Uwe Erichsen: Travers und die Jagd auf Cora

Alfred Bekker: Wir fanden Knochen

A. F. Morland: Der Mann mit den 1000 Gesichtern

Alfred Bekker: Den Tod vor Augen

A.F.Morland: ...dann werde ich dein Henker sein

Hendrik M. Bekker: Liebe bis zum Schluss

Uwe Erichsen: Schlafende Hunde

Hendrik M. Bekker: Wissen und Nichtwissen

A.F.Morland: Warten auf Kempowsky

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors /Cover

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Der Todeskuss des Gänseliesels

Kriminalroman aus Göttingen

von Rolf Michael

Der Umfang dieses Buchs entspricht 233 Taschenbuchseiten.

Beim traditionellen Kuss des ‚Gänseliesels′ vor dem alten Göttinger Rathaus bricht der frisch gebackene Doktorand Felix Kramer zusammen und stirbt kurze Zeit später.

Wer hat den Mordanschlag auf den Chemiker verübt, der an der Formel für ein neues Schmerzpräparat gearbeitet hat? Oder hat Kramer am Ende gar selbst die Möglichkeiten, die ihm die Forschung an der Universität geboten hat, für dunkle Zwecke missbraucht?

Eine wilde Jagd um die heiß begehrte wissenschaftliche Entdeckung Kramers entbrennt ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Widmung

Meinem weisen Mentor auf dem Weg zur Antike,

Josef Funke,

Lehrer für alte Sprachen in Göttingen,

der mich lehrte, Geschichte durch das Lesen der

Originale antiker Autoren zu begreifen,

und

Otto Kampe,

dessen „Göttinger Jugendbücher über

Hannibal, Cäsar und Armin den Cherusker‟

in mir als Kind das Interesse an der Vergangenheit weckten,

in dankbarer Erinnerung gewidmet.

1

Nacht über Göttingen .

Die Uhr auf dem kleinen Rathaustürmchen zeigte bereits die zweite Stunde des neuen Tages an. In den gotischen Fenstern des altehrwürdigen Gebäudes aus dem 13. Jahrhundert spiegelte sich das silberne Licht des vollen Mondes. Der am Tag so belebte Marktplatz mit dem Gänselieselbrunnen vor dem Rathaus war jetzt völlig menschenleer. Nur die kugelförmigen Lampen und die schwach erleuchteten Schaufenster in der Fußgängerzone spendeten der dunklen Gestalt Licht, die einsam durch die Johannisstraße dem Markt zustrebte.

Der Mann war ungewöhnlich klein und trug zu einer ausgebleichten Jeans eine Jacke aus grobem, dunkelgrauen Segeltuch. Trotz der lauen Sommernacht hatte er die Jacke bis zum Hals zugeknöpft und den Kragen hochgeschlagen. Frisur und Haarfarbe waren durch eine schwarze Baseballkappe mit dem Label der LA Raiders völlig unkenntlich gemacht. Das Gesicht des nächtlichen Wanderers offenbarte einen südländischen Typ, dessen Wiege jedoch nicht in Europa gestanden hatte.

Felipe Gomez wurde nicht nur in seiner Heimat Kolumbien, sondern auch in den USA, steckbrieflich gesucht. Also hatte er sich nach Europa abgesetzt und war in Frankfurt am Main untergetaucht. Durch bereits in seiner Heimatstadt Bogota geknüpfte Beziehungen fand Felipe Gomez in der Mainmetropole rasch eine Arbeit.

Jedenfalls das, was er als Arbeit betrachtete. Denn seine Geschäfte waren Mord und Gewaltverbrechen. Ein Gewissen hatte er nicht. Wenn der Preis stimmte, brachten seine Hände den Tod. Schnell und diskret, wie es von seinen Auftraggebern gefordert wurde, die in den oberen Etagen der hohen Glaspaläste von Mainhattan residierten und deren dunkle Geschäfte und Machenschaften die Polizei niemals durchschaute. Die Bosse weltweiter Unternehmungen, die das Geld ihrer illegalen Geschäfte wie Rauschgifthandel, Prostitution oder Wirtschaftskriminalität durchaus mit seriösen Unternehmungen zu verbinden wussten. So sehr sich auch der Generalbundesanwalt bemühte, und das Bundeskriminalamt offen oder verdeckt ermittelte, niemals gelang es, genügend Beweise zu sammeln, um das Schlangennest des Frankfurter Syndikats auszuräuchern.

Und Felipe Gomez war auf dem Weg, einen Auftrag des Syndikats auszuführen. Fünfzigtausend Euro waren in seinen Augen ein guter Preis für ein Menschenleben. In seiner Heimat Kolumbien hätten schon fünfzig US-Dollar ausgereicht, einen Mord zu befehlen. Eine Waffe war einfach zu bekommen und die Munition billig zu haben. Genaugenommen war für Gomez in seiner Heimat das Leben eines Menschen maximal einen US-Dollar wert. So viel berechnete er für die Munition einer Salve mit der Maschinenpistole.

Doch Felipe Gomez gehörte zu der Sorte Menschen, die ihre Tätigkeit zu einer Art Kunst erheben wollen. Die einfache Art, das Opfer aus einem vorbeifahrenden Auto einfach abzuknallen, widerstrebte ihm. Er beobachtete lieber sein Opfer einige Tage, bevor er zuschlug. Und in seinem Verbrechergehirn entstanden meist bei den Beobachtungen gefasste Pläne, die den Tod seines Opfers wie einen Unfall aussehen ließen.

Durch Straßengangs in Bogota hatte er Kontakte zu den kolumbianischen Rauschgiftkartellen bekommen und einige „Aufträge‟ zur vollsten Zufriedenheit erledigt. Die Drogenbarone waren entzückt, einen Spezialisten gefunden zu haben, der seinen Ehrgeiz einsetzte, den Tod eines Menschen so in Szene zu setzen, dass weder dessen Angehörige, noch die Polizei Verdacht schöpften. Und so wurde Felipe Gomez bald einer der gefragtesten Killer jener „Geschäftsleute‟, die im Inneren der kolumbianischen Dschungel kleine Fürstentümer regierten, auf deren Feldern der schleichende Tod der Glückseligkeit für die dekadente Bevölkerung wohlhabender Staaten der westlichen Welt wuchs.

Angelo del Muerte, den Todesengel, nannte man Felipe Gomez in den Kreisen jener Männer, die ihre unermesslichen Reichtümer auf dem Leben und der Gesundheit Tausender Süchtiger aufgebaut hatten. Und auf diesen Namen war der in den Slums von Bogota groß gewordene Kolumbianer besonders stolz. Immer wieder führten ihn seine Aufträge in Sachen „Mord‟ in die großen Zentren der USA. In Aufträgen der Drogenbarone Kolumbiens schaffte er Dealer, Polizisten oder Staatsanwälte und unbestechliche Richter aus dem Wege, die den Bossen im Hintergrund ein Dorn im Auge waren. Und da er nach Erledigung seiner Aufträge sehr rasch untertauchte, oder mit der nächsten Maschine das Land verließ, dauerte es sehr lange, bis die ermittelnden Polizisten die vorgefundenen Leichen nicht nur als Mordopfer erkannten, sondern auch über das FBI festgestellt wurde, dass es sich bei den Fällen in New York, Chicago, Miami oder Los Angeles stets um den gleichen Täter handelte.

Schließlich gelang dem New Yorker FBI ein groß angelegter Schlag, und einige Kolumbianer, die sich zu „Geschäftsverhandlungen‟ mit einheimischen Großdealern in Manhattan aufhielten, wurden festgenommen. Dabei fielen dem FBI Datenträger in die Hand, aus denen das ganze Spinnennetz des organisierten Rauschgifthandels im Osten der USA erkennbar war. Eine Welle von Verhaftungen war die Folge, und bei dieser Gelegenheit kam man auch auf die Spur des Angelo del Muerte. Bevor die Schlinge um Gomez aber zugezogen werden konnte, gelang es ihm, sich mit einem Motorboot von Florida aus nach Kuba abzusetzen. Dort beschaffte er sich falsche Papiere, die ihn als Spanier auswiesen, und setzte sich nach Europa ab. Deutschland erschien Gomez als neue Operationsbasis geeignet.

Die Geschäftsverbindungen seiner früheren Arbeitgeber in Kolumbien reichten auch bis nach Frankfurt am Main. Im riesigen Rhein-Main-Flughafen war die Drehscheibe für die Einfuhr des tödlichen Stoffes. Hier war die Zentrale für die Koordination der Verteilung von Heroin und Kokain in ganz Europa. Die offenen Grenzen der Europäischen Union, und die damit weggefallenen Kontrollen an den Grenzen, sorgten dafür, dass die Ware überallhin gelangte. Hier in Frankfurt am Main gab es für Leute wie Felipe Gomez immer etwas zu tun. Wie seinerzeit Al Capone in Chicago überließen die Verbrecher im weißen Kragen das Geschäft des Tötens stets einem Spezialisten. Und Felipe Gomez, dieser traurige Ruhm war ihm bereits vorausgeeilt, war einer der Besten. So hatte er nach seiner Ankunft in Frankfurt keine Probleme, Kontakte mit der geheimnisvollen Persönlichkeit zu knüpfen, die hinter dem Syndikat stand.

Man nannte ihn den Patriarchen. Dieser Name war Gomez schon aus Kolumbien bekannt. Die Drogenbarone sprachen ihn teils mit Hochachtung, teils mit Furcht aus. Niemand kannte das wahre Gesicht des Patriarchen, weil er es stets hinter einer silbernen Maske aus Seidenstoff verbarg. Doch seine verbrecherischen Geschäfte umspannten den ganzen Globus, und man wusste nur, dass es das höchste Ziel dieses Phantoms der Verbrecherwelt war, alle großen Organisationen unter seiner Führung zu vereinen, um sich durch diese konzentrierte Macht aus dem Untergrund einst zum Herrn der Welt zu erheben.

Felipe Gomez hatte davon gehört, ohne sonderlich beeindruckt zu sein. Er hatte dem Patriarchen niemals gegenüber gestanden, sondern bekam seine Aufträge im Allgemeinen durch die normale Hauspost oder durch besonders vertrauenswürdige Mittelsmänner. Und das Blutgeld für die Morde wurde in gebrauchten Scheinen in bar an geheimen Briefkästen ausgezahlt.

In dieser Nacht war der Todesengel im Auftrag des Syndikats unterwegs, um in Göttingen einen Mord zu begehen. Warum dieser junge Wissenschaftler sterben sollte, interessierte ihn nicht. Der Patriarch würde schon wissen, warum er sich den Tod eines Menschen, der vor einer glänzenden Karriere stand, fünfzigtausend Euro kosten ließ.

Seit Tagen hatte Felipe Gomez sein Opfer schon heimlich beobachtet. Denn sein Auftrag lautete wie üblich, dass ein Gewaltverbrechen auf den ersten Blick nicht erkennbar sein durfte. Und dazu musste Felipe Gomez sein Opfer genau studieren und seine Gewohnheiten erforschen. Erst dann schlug er zu.

Seit mehr als zwei Wochen hatte er sich im Göttinger Stadtteil Grone in einem Hotel einquartiert, das direkt an der Kasseler Landstraße und in unmittelbarer Nähe der Autobahn lag. Von hier aus konnte er sich am schnellsten absetzen, wenn die Polizei seine Spur fand. Durch Hacker des Syndikats, die es verstanden, die Computer des Bundeskriminalamtes anzuzapfen, war bekannt, dass Felipe Gomez bei der Polizei kein unbeschriebenes Blatt war. Etwas von dieser Information war zu Gomez durchgesickert und hatte den Verbrecher vorsichtig gemacht. Direkt warnen wollten die Auftraggeber des Todes den Angelo del Muerte nicht. Er wusste nur sehr vage, für wen er arbeitete, und konnte mit seinen Aussagen weder die „Geschäfte‟ noch die Hintermänner gefährden. Nahm ihn die Polizei fest, war es nicht weiter tragisch. Ein so spektakulärer Erfolg würde die Ermittler erst einmal von den wahren Drahtziehern ablenken.

Seit mehr als zwei Wochen hatte sich der Todesengel unauffällig auf die Spur seines Opfers gesetzt. Ein glücklicher Zufall half Gomez, einen Plan zu entwickeln, der in die Annalen der raffiniertesten Verbrechen eingehen musste. Wenn seine Tat überhaupt als Verbrechen erkannt wurde. Denn es ging um ein Gift, das in der heutigen Zeit völlig unbekannt war. Und Gomez war sehr interessiert, wie dieses Gift, dessen Zubereitung er zufällig von einem betrunkenen Studenten in der Junkerschänke gehört hatte, wirken würde. Brachte es tatsächlich den Erfolg, den sich Gomez davon versprach, würde es ihm bei weiteren Aufträgen gute Dienste leisten. Und das Geheimnis der Substanz würde er so bewahren, wie man in Atlanta die Zusammensetzung des Grundstoffes für Coca Cola hütete.

In dieser Nacht sollten die Vorbereitungen für den Anschlag durchgeführt werden. Den Opel Omega mit dem Frankfurter Kennzeichen hatte Felipe Gomez aus Gründen der Tarnung am Bahnhofsparkplatz abgestellt und war in südliche Richtung gegangen. So lange er sich in Göttingen aufgehalten hatte, hatte sich sein Opfer doch kaum vom Universitätsgelände entfernt, das nördlich an die von der mittelalterlichen Wallanlage umgebene Innenstadt grenzte. Mit der reizvollen Innenstadt von Göttingen hatte der Gangster seine Probleme. Und in der Dunkelheit war es besser, sich gut zu orientieren. Als markanter Punkt dienten ihm dabei die charakteristischen Türme der St. Johanniskirche, die mit den beiden verschiedenen Dachaufsätzen das Göttinger Stadtbild prägen.

Mit raschen Schritten schritt Felipe Gomez die Berliner Straße entlang. Zu seiner Rechten ragte der mächtige dreigeschossige Bau des Zoologischen Institutes mit seiner monumentalen neoklassizistischen Fassade auf. Ein Hauch von penetrantem Fischgeruch drang in die Nase des Südamerikaners. Der kam sicher von dem Walfisch, den man dort bereits seit einem Jahr präparierte, um ihn dann als Prunkstück des Zoologischen Museums einer staunenden Menge zu präsentieren.

Über die Hirtenbrücke, die es im Mittelalter sicher einmal gegeben hatte, aber heute verschwunden war, bewegte sich Gomez, jeden dunklen Winkel der Straße zur Tarnung ausnutzend, in Richtung auf die Innenstadt. Er hatte keinen Blick für das schöne Standbild eines Hirten mit seinem treuen Schäferhund, das an die guten, alten Zeiten am Beginn des vergangenen Jahrhunderts erinnerte, als man in den Hinterhöfen der Göttinger Bürgerhäuser noch Stallungen für Kühe, Schafe oder Ziegen hatte, die in den Sommermonaten von einem Gemeindehirten zum Grasen auf den grünen Anger vor der Stadtmauer getrieben wurden.

Hinter der einstigen Kommandantur des Deutschen Ritterordens und der an den Gebäudekomplex anschließenden St. Marienkirche überquerte der Kolumbianer den Leinekanal, der sich quer durch die Altstadt zieht, und durch dessen Wasser in früheren Zeiten die Odilienmühle und die Lohmühle unmittelbar hinter der alten Wallanlage betrieben wurden. Einige Herzschläge später hatte er die Johannisstraße erreicht, die in der Verlängerung direkt zu seinem Zielpunkt führte.

Und dieses Ziel war der Marktplatz, wo das Gänseliesel seit fast hundert Jahren allen Menschen, die zu ihr aufblicken, ein unschuldiges Lächeln schenkt.

Ein Lächeln, das nach dem Willen des Angelo del Muerte in wenigen Stunden einem Menschen den Tod bringen sollte ...

2

Mit einem Fluch schleuderte Werner Haller die leere Whiskyflasche von sich. Er hatte Glück, dass sie zufällig in einem der beiden Sessel mit den abgeschabten Bezügen landete, die der Student einmal vor dem Sperrmüll gerettet hatte, und die den einzigen Komfort seiner Studentenbude unter dem Dach bildeten. So blieb die Flasche heil, und Haller konnte sich weder an den Scherben verletzen, noch wurde durch das Klirren das ganze Haus aufgeschreckt.

Haller war schwer betrunken. Das war er immer, wenn er über die Welt im Allgemeinen und sich im Besonderen nachdachte. Und der Student der Theologie, dessen kleines Appartement sich unter dem Dach eines der Häuser befand, die genau gegenüber dem Rathaus lagen, dachte täglich über diese Dinge nach. Also brauchte er auch täglich sein Quantum Alkohol, um dieses Denken in seiner Meinung nach förderliche Bahnen zu lenken.

Von Kindheit auf hatte Werner Haller in sich die Berufung verspürt, von der Kanzel herab das Wort Gottes zu verkünden. Das war seiner Meinung nach die beste Möglichkeit, die Aufmerksamkeit und die Achtung seiner Mitmenschen zu erlangen. Denn Hallers Psyche brauchte den Beifall und die Anteilnahme von Freunden wie Fremden als eigene Selbstbestätigung. Denn von Haus aus war er in vielen Dingen ein Versager, dem grundsätzlich alles schiefging. Einer jener Menschen, von denen man sagt, dass sie das, was sie mit den Händen aufbauen, mit dem A ... wieder umwerfen. Und das berühmt-berüchtigte „Murphy‘sche Gesetz‟, dass im entscheidenden Augenblick alles schiefgeht, was überhaupt schiefgehen kann, fand in Werner Haller den Höhepunkt seiner Bestätigung.

Als zukünftiger Pfarrer aber war er eine Person, über die niemand lachen durfte. Das war einer der logischen Gründe für Hallers Berufsentscheidung, als er das Abitur mit einem mehr als mäßigen Abschluss hinter sich gebracht hatte. Ein Blick auf den Notendurchschnitt führte die Chancen auf fast jeden Studienplatz ad absurdum. Doch durch fleißige Mitarbeit innerhalb der Pfarrgemeinde, die von der Kirchenreinigung über das Austragen der Gemeindebriefe bis hin zur gelegentlichen Vertretung der Kantorin an der Orgel ging, hatte sich Werner Haller die Beziehungen geschaffen, die es ihm ermöglichten, am Theologicum in Göttingen einen Studienplatz zu erhalten. Dass sein Gemeindepfarrer den Bischof fast unter den Tisch trinken musste, um die notwendigen Unterschriften für eine Fürsprache von höchster Stelle zu erhalten, hatte man Haller niemals erzählt.

Doch während des Studiums wurde alles nur noch schlimmer. Was Werner Haller auch anfasste, es missriet ihm. Die Kommilitonen lachten heimlich oder sogar offen, wenn ihm ein Missgeschick passierte. Bald war Werner Haller zum Clown des ganzen Theologicums geworden, über den jeder lachte. Man las hier zwar die Worte Christi und diskutierte darüber, dachte aber nicht daran, sie in abgewandelter Form zu beherzigen. So blieb Werner Haller die ständige Zielscheibe des Spottes. Dozenten und Professoren beachteten ihn nicht, und die Mädchen sahen durch ihn hindurch, als sei er Luft. Wer wollte sich schon mit dem unfreiwilligen Komiker sehen lassen.

Werner Haller vereinsamte in seiner Studentenbude im Dachgeschoss des Hauses am Markt, wenn die Vorlesungen vorbei waren. Bei den Klausuren reichten die Ergebnisse immer gerade für den Schein, um ein weiteres Semester studieren zu können. Doch irgendwann würde Haller die Uni verlassen müssen. Und damit die Geborgenheit seiner Studierstube, um sich der rauen Wirklichkeit des Lebens zu stellen.

Hinzu kam der nagende Zweifel, ob die Botschaft, die er einmal den Menschen verkünden sollte, überhaupt die richtige war. In seiner Kindheit und der Enge der Kleinstadt im Sauerland, wo er aufgewachsen war, hatte es niemals eine Frage nach der Echtheit der christlichen Lehre gegeben. Doch hier in der Weltoffenheit studentischen Denkens überkamen ihn Fragen, die er sich vorher niemals zu stellen gewagt hatte. Werner Haller verglich die verschiedenen Übersetzungen der Heiligen Schrift und stellte fest, dass sie verschiedene Auslegungen zuließen, wenn man die griechischen Urtexte nach dem Denken der Zeit, in der sie geschrieben wurden, frei interpretierte. Nach seiner Definition hatte Jesus eine Synthese zwischen dem jüdischen Glauben, der altägyptischen Lehre und dem Denken griechischer Philosophie gefunden und diese Botschaft verkündet. Weil er damit die Freiheit der Seele vor Gott und die direkte Gegenüberstellung des Menschen vor dem Allerhöchsten als Vater-Sohn-Verhältnis zugrunde legte, und die starren Dogmen des mosaischen Glaubens durchbrach, war er der damaligen Amtskirche ein Dom im Auge. Wie später die Ketzer im Mittelalter brachte man Jesus zum Schweigen und schlug noch zwei Fliegen mit einer Klappe, indem man ihn den Römern als Rädelsführer eines geplanten Aufstandes der Zeloten während des Passahfestes präsentierte. Je mehr sich Werner Haller in der Enge seiner Studierstube mit Religionswissenschaften, antiker Philosophie und Historie beschäftigte, um so mehr stellte er die Welterlösung durch den Kreuzestod Jesu Christi in Frage. Jede Vorlesung und jede Nacht des Studierens ließen neue Zweifel in ihm aufkommen. Doch wagte er weder mit Professoren oder Dozenten, noch mit seinen Kommilitonen offen darüber zu reden. In sich selbst verschlossen rang er auf geistiger Basis mit Gott und suchte eine Wahrheit, die in keinem der Bücher geschrieben stand, die er las. Wie sollte er, dessen einst so gefestigter Glaube brüchig geworden war, den Menschen noch reinen Herzens die Worte des Evangeliums als unverrückbare Tatsache verkünden?

Aber dann fand Werner Haller seinen Seelentröster. Erst war es nur ein einziges Glas gewesen. Als Belohnung, wenn er mit seinen Studien und den Vorbereitungen für die nächste Vorlesung fertig war. Aber weil man auf einem Bein nicht stehen kann, folgte bald ein zweiter Schluck aus der Flasche mit dem hochprozentigen Inhalt. Wenig später hieß es dann „Aller guten Dinge sind drei‟ und weiter „Auf vier Rädern rollt das Wägelchen‟.

Danach brauchte Werner Haller keine Ausrede mehr vor sich selbst, wenn es darum ging, den Weltschmerz seiner Seele zu bekämpfen. Die Medizin für sein sensibles Gemüt wurde zur Krankheit seines Körpers. Der Theologiestudent wurde zum Alkoholiker, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Nach außen hin wusste Haller diese Sucht sehr gut zu verschleiern. Im Theologicum ahnte niemand etwas von seiner Krankheit. Man wunderte sich bloß, warum er sich kaum mehr zu einem Tee in der im Zentrum des Theologicums gelegenen Cafeteria überreden ließ. Hier fand ein reger Gedankenaustausch auch mit Studenten anderer Fachbereiche statt, der kein starres, dogmatisches Denken zuließ. Und diese Gespräche in den ersten Semestern waren es, die Zweifel in Werner Haller über die Wahrheit der Lehre, die er einst verkünden sollte, aufkommen ließen.

Seine Alkoholfahne übertünchte er mit Mentholbonbons und dem gelegentlichen Rauchen einer Pfeife mit starkem Aromatabak. Und die Whiskyflasche, die er eben von sich geschleudert hatte, war billigster Grain-Scotch, den ein wahrer Whiskyliebhaber höchstens zum Einreiben benutzen würde. Es war die letzte Flasche gewesen, die ihm das gütige Schicksal zugespielt hatte. Denn jener Fremde mit dem südländischen Aussehen und dem spanischen Akzent in der Stimme hatte es sich etwas kosten lassen, dass ihm Werner Haller ein bestimmtes Geheimrezept nicht nur noch einmal haarklein verriet, sondern auch bei der Beschaffung der Zutaten zur richtigen Mischung behilflich war.

Jener Fremde hatte Werner Haller geglaubt, als er bei einer feuchtfröhlichen Geburtstagsfeier eines Kommilitonen in der Junkerschänke damit geprahlt hatte, ein Gift aus der Zeit der Renaissance zu kennen, das sich auch heute noch nicht lokalisieren ließ. Den Fragen der Chemiestudenten in diesem Kreis war er dadurch begegnet, dass er die genaue Rezeptur erläuterte. Dies hatte bei den Studenten uneingeschränkte Heiterkeit ausgelöst.

Die geheimnisvolle Person am Nebentisch, vor der das Rotweinglas fast unberührt stand, war erst aufmerksam geworden, als Werner Haller den Namen der Familie nannte, die angeblich dieses Gift entwickelt, und der Person, die es im Verlauf ihres Lebens oft genug benutzt hatte.

Cesare Borgia. Der Sohn von Rodrigo Borgia, der als Papst Alexander VI. eine unrühmliche Rolle in der Kirchengeschichte spielte. Seinen Sohn Cesare hatte er trotz seiner Jugend zum Kardinal erhoben und verfolgte den Plan, das in unzählige Fürstentümer zerteilte Italien der Renaissance unter der Macht der Kirche, oder besser gesagt der Borgia-Familie, zu vereinen. Oft genug wurden Kriege vom Zaun gebrochen, die dann mit dem päpstlichen Segen im Namen von Gottes heiliger Kirche geführt wurden. Gelegentlich wurde Lucrezia Borgia, Cesares Schwester, mit einem einflussreichen Fürsten verheiratet, der aus dem Wege geräumt wurde, sobald sich für Lucrezia eine Verbindung anbot, die besser in das tückische Ränkespiel Cesares passte. Immer wieder starben im Umfeld des Papstes und seines machtgierigen Sohnes Menschen an sonderbaren Krankheiten, für die kein Arzt ein Mittel wusste. Man munkelte von Gift, ohne jemals den Beweis erbringen zu können.

Der Giftmord war in jenen Tagen das sicherste Mittel, sich politische oder sonstige Gegner rasch vom Halse zu schaffen. Die Adligen der damaligen Zeit nahmen täglich geringe Portionen aller bekannten Gifte ein, um ihre Körper gegen die tödliche Wirkung zu immunisieren. Doch gegen die geheimnisvolle Substanz, die Cesare in seinem geheimen Alchimistenlabor entwickelt hatte, gab es kein Gegenmittel. Es wirkte wie eine schleichende Krankheit natürlichen Ursprungs, die doch unweigerlich in kurzer Zeit zum Tode führte. Bis zum heutigen Tage rätseln die Wissenschaftler über die Zusammensetzung des Todestrankes der Borgia, dessen Geheimnis Cesare mit ins Grab genommen hat. Und von der Historiker Gunst und des Hasses verzerrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte. Die einen sehen in ihm den machtbesessenen Bastard eines unwürdigen Papstes, der mit brutaler Gewalt und heimtückischem Mord seine Ziele verfolgt, die anderen den weitblickenden Politiker, der das kriegsdurchtobte Italien einigen und die Macht der tyrannischen Fürsten und Adelsfamilien der Stadtstaaten brechen wollte.

Das Leben und der Tod des Cesare Borgia sind geheimnisumwittert und voller Rätsel. Das größte Rätsel jedoch ist das tödliche Gift der Borgia.

Während eines Aufenthalts in Rom hatte Werner Haller die Gelegenheit gehabt, in der Geheimbibliothek des Vatikans seine Studien betreiben zu können. Obwohl über diese Bibliothek viel spekuliert wird, finden sich in ihr doch nur alte Urkunden und Dokumente, die dem Wissenschaftler die Kirchengeschichte erhellen. Die Existenz von verbotenen Zauberbüchern und Hexentraktaten, sowie das geheimnisvolle „Buch von Eibon‟ oder das verfluchte „Necronomicon‟ des wahnsinnigen Arabers Abdul al Hazred in der Geheimbibliothek im Keller des Vatikanpalastes sind reine Erfindungen zeitgenössischer Horror-Literatur.

Und doch kommt es immer wieder vor, dass man zwischen den uralten Buchseiten handgeschriebene Blätter findet, die besser vom Hauch der Geschichte hinweg geweht wären. Es war das Schicksal, das Werner Haller auserwählt hatte, eines der schrecklichsten Geheimnisse vergangener Zeiten wieder ans Licht des Tages zu bringen.

In einem der uralten Folianten fand er einen Zettel mit einer seltsamen Mischung aus lateinisch klingenden Worten, die eigentlich keinen Sinn ergaben. Aber das Wappen mit dem Stier auf dem Zettel war der untrügerische Beweis der Urheberschaft der Borgia. Werner Haller hatte sich eingehend mit der Kirchengeschichte befasst, und der Name, wie auch das Wappen, dieser unseligen Familie war ihm nicht fremd. Welches Geheimnis mochte diese Schrift bergen, wenn man nur den Schlüssel zu diesen Worten fand? In einem unbewachten Augenblick schob der Student den Zettel in seine Tasche und schmuggelte ihn nach draußen.

Lange grübelte er über dem Text, der auf den ersten Blick keiner der bekannten Sprachen entsprach und dem Lateinischen nur ähnelte. Doch das tat das Italienische oder die spanische Sprache auch. Und die Familie der Borgia kam ursprünglich aus Spanien. Haller wusste, dass Cesare Borgia sie vorzüglich beherrschte.

Damit war der Schlüssel für die Enträtselung des geheimnisvollen Dokumentes gefunden. Der Student änderte die lateinisch klingenden Änderungen in die ihm bekannte spanische Umgangssprache ab – und erstarrte, als er das Ergebnis vor Augen hatte. Eine eisige Faust schien sich um seinen ganzen Körper zu legen, als Werner Haller erkannte, dass er zufällig über eines der ungelösten Rätsel der Geschichte gestolpert war. Dieser handschriftliche Zettel, vielleicht von Cesares eigener Hand geschrieben, enthüllte die Zusammensetzung des geheimen Borgia-Gifts.

Werner Haller erschrak, wenn er daran dachte, wie viel Unheil dieses vergessene Geheimnis anrichten konnte, wenn es in die falschen Hände geriet. Einen kurzen Augenblick dachte er daran, den Zettel zu verbrennen. Doch dann beschloss er, dieses Geheimnis für sich zu behalten und sich den Trank zu mischen, wenn ihm einmal ein Arzt eine tödliche Krankheit sicher diagnostizieren würde. Denn nur Tiere erlöst man von ihren unheilbaren Leiden. Der Mensch wird trotz unsäglicher Schmerzen mit den Mitteln der heutigen Medizin am Leben gehalten, bis ihn der Tod erlöst. Mit dem Gift der Borgia hoffte Werner Haller, diesem Schicksal zu entkommen, wenn ihm eine heimtückische Krankheit den Rest seines Lebens zur Qual werden ließ.

Aber wenn in Gesellschaft der Alkohol Hallers Zunge löste, redete er über sein Geheimnis. Im Allgemeinen wurde er von seinen Zuhörern verlacht. Selbst wenn er alle Zutaten bekannt gab, glaubte ihm niemand, dass diese tödliche Substanz einst dazu beigetragen hatte, die Feinde des mächtigen Adelsgeschlechts diskret aus dem Wege zu schaffen.

Cesare Borgia. Der Name dieses Renaissancefürsten war jenem Herrn, der sich bei Haller als Doktor Gomez von der Universität Sevilla vorstellte, bestens bekannt. Und als Sammler antiker Schriften war er an der Handschrift, die der Theologiestudent vor einem guten halben Jahr in Rom gestohlen hatte, sehr interessiert. Die tausend Euro, die Gomez dafür bot, waren eigentlich eine lächerlich geringe Summe für den wahren Wert dieses einmaligen Papiers. Aber ein stolzer Preis für einen Wisch, der bei Werner Haller in der Schreibtischschublade rumlag, ohne vorerst Nutzen zu bringen. Die Rezeptur hatte er sich bereits an anderer Stelle notiert, und der Besitz der Handschrift war nicht mehr notwendig. Von dem gebotenen Geld konnte Werner Haller endlich alle seine Schulden bezahlen und außerdem einige Zeit die Kosten seines Alkoholkonsums bestreiten.

Der schwere Rotwein, zu dem Doktor Gomez den Theologiestudenten einlud, tat ein Übriges dazu, Werner Haller zu bewegen, die handtellergroße Handschrift aus seiner Studentenbude zu holen. Rasch drückte ihm der Spanier dafür zehn blaue Hunderter in die Hand und verließ dann mit einigen raschen Worten die Gaststätte, während die Kommilitonen am anderen Tisch Werner Haller bereitwillig halfen, den ersten Hunderter an diesem Abend zu vertrinken. Das war vor gut einer Woche gewesen, und das Geld war inzwischen alle. Werner Haller verwünschte den Umstand, dass er nicht clever genug gewesen war, mit Dr. Gomez zu handeln und den Preis in die Höhe zu treiben. So aber waren gerade mal die Schulden bezahlt und einige Whiskyflaschen zur Tarnung in unauffälligen Leinenbeuteln in die Dachwohnung transportiert worden.

Mit einer Verwünschung erhob sich der Student von dem altersschwachen Bettgestell, das sicher noch Adenauers Zeiten erlebt hatte, und taumelte zum Fenster. Tief unter ihm lag der Marktplatz mit dem Gänselieselbrunnen in tiefstem Dunkel. Werner Haller konnte erkennen, dass die Uhr auf dem Rathausturm die zweite Stunde des neuen Tages anzeigte.

Der Zauber der nächtlichen Stille schlug Werner Haller in seinen Bann. Nur das leise Plätschern des Wassers aus dem Brunnen war bis hinauf zu seiner Dachwohnung zu vernehmen. Weit öffnete er das Fenster, damit die kalten Rauchschwaden einer reichlich genossenen Pfeife abziehen konnten. Dies waren die Augenblicke, in denen der Theologiestudent früher immer zu beten pflegte.

Beten? Zu welchem Gott soll jemand beten, den der Satan des Alkohols bereits fest in seinen Klauen hat. Der an sich selbst, an der Welt und an der Vaterfigur des allmächtigen Schöpfers zweifelt. Außerdem wurden Hallers Gedanken aufkommender Andacht brutal durch den Gesang dreier Studenten unterbrochen, die eben von einer Zechtour kommend quer über den Marktplatz taumelten. Die sprachlichen Verhaspelungen beim Gaudeamus igitur hätten den Zorn eines Cicero hervorgerufen, und der lautstark in allen Tonlagen gegrölte Gesang war ganz sicher eines Kaiser Nero würdig.

Mit komischen Verrenkungen machten die drei Zechbrüder eine theatralische Verbeugung vor dem Gänseliesel und zogen dann in Richtung der St. Johanniskirche davon. Noch einen Augenblick wehte ihr Gesang zu Werner Haller hinauf. Dann wurde es wieder still auf dem Rathausvorplatz.

Eine Stille, die der Theologiestudent noch eine Weile genießen wollte.

Und so kam es, dass er Zeuge eines Verbrechens wurde, das auf Anhieb nicht zu erkennen war ...

3

Drei stark angeheiterte junge Männer, offensichtlich Studenten, die ihre Unterkunft in der Innenstadt hatten, trieben Felipe Gomez in den schützenden Schatten eines liebevoll restaurierten Fachwerkhauses, in dessen unterem Geschoss sich eine alteingesessene Göttinger Zoohandlung befindet. Die Schaufenster waren hier wegen der Tiere in den Geschäftsräumen nicht erleuchtet. Dicht an einen der Balken gepresst, wartete der Südamerikaner ab, bis die drei jungen Männer verschwunden waren. Er hatte schon gehört, dass sich in einem der Türme Unterkünfte für Studenten befanden. Vielleicht hatten sie hier in luftiger Höhe ihre Zimmer. Gewiss etwas rustikal und nicht den Anforderungen des heutigen Wohnkomfort entsprechend, aber für den schmalen Geldbeutel eines Studenten erschwinglich.

Die Gewissheit, dass der Kirchturm ihre Wohnung war, kam Felipe Gomez, als einer der drei Angeheiterten das schöne alte Lied „Wenn ich ein Vöglein wär‟ dahin umtextete, dass er gern jetzt ein Vogel sein möchte, um sich das Treppensteigen im Turm zu ersparen.

Der Kolumbianer knirschte mit den Zähnen und hoffte, dass diese drei Störenfriede bald verschwunden waren. Zumal der Sänger das Talent hatte, jede Opernbühne der Welt zu betreten  –wenn auch nur als Requisiteur. Schlimm wurde es erst, als seine beiden Kumpanen bierselig in den Gesang einstimmten, dass Altmeister Schubert bestimmt im Grabe rotiert wäre, hätte er diesen Kunstgenuss ertragen müssen. Hoffentlich weckten diese drei Sangesbrüder nicht die ganze Gegend auf. Denn sonst war der kluge Plan des Felipe Gomez gescheitert.

Endlich hatten die drei Störenfriede das niedrige, gotische Turmportal erreicht. Umständlich kramte einer von ihnen einen altertümlichen Schlüssel aus der Tasche und schaffte es mit einiger Mühe, das Schloss zu öffnen. Kreischend wimmerten die Scharniere nach einer Ration Öl, als die Tür aufgerissen wurde, damit die Studenten zu ihrem Nachtlager hoch über den Dächern von Göttingen aufsteigen konnten.

Leise vor sich hin fluchend verließ der Südamerikaner sein Versteckt. Santo Diabolo, jetzt war wirklich keine Zeit mehr zu verlieren. Mit raschen Schritten ging er links an der Kirche vorbei, wo ein kleiner Platz mit Spielgeräten darauf wartete, in einigen Stunden wieder frohes, unbeschwertes Kinderlachen zu hören. Hohl hallten die Schritte durch die Nacht, als Felipe Gomez jetzt das alte Rathaus passierte und sich der freie Platz vor ihm auftat.

Das Licht einer altertümlich wirkenden Lampe an der linken Seite des Rathauses wies Felipe Gomez den Weg. Grimmig blickte der steinerne Löwe von seinem hohen Podest auf die mit raschen Schritten dem Marktplatz zustrebende Gestalt hinunter. Der Südamerikaner warf nur einen kurzen Blick auf die Stühle und Tische vor dem Ratskeller, die man in der warmen Jahreszeit ganz selbstverständlich draußen stehen ließ.

Nichts regte sich. Der Marktplatz war völlig ausgestorben. Die Bürger der Stadt schliefen einem neuen Arbeitstag entgegen. Vielleicht ging es in den Studentenkneipen oder den Häusern der Burschenschaften noch hoch her. Denn am morgigen Tage begannen die Semesterferien. Aber die Göttinger, die hier lebten und arbeiteten, hatten einen anderen Tagesablauf als jene jungen Menschen, die sich hier das geistige Rüstzeug für ihr weiteres Leben holen und sich dann in ihren Heimatstädten oder dem Rest der Welt eine Existenz aufbauen. So sehr die Universität mit Göttingen verwurzelt war, sie blieb für die normalen Bürger doch immer eine fremde, in sich geschlossene Welt, zu der man nur schwer Zugang gewann.

Für einige Studenten endete in dieser Nacht auch die Zeit des Lernens. Die Examina waren geschafft, die Dissertationen geschrieben und gedruckt, nun wartete das Berufsleben auf diese jungen Menschen. Und auf viele von ihnen das Gespenst der Arbeitslosigkeit ...

Auf einen der Glücklichen, für den die Zeit des Studierens endete, aber wartete bereits der Tod ...

Werner Haller glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er die merkwürdige Gestalt tief unter sich erblickte, die vom Rathaus her zielstrebig auf den Gänselieselbrunnen zuging. Einige rasche Blicke in die Runde, dann stieg diese sorgsam vermummte Gestalt auf den Rand des Brunnenbeckens. Mit einem kühnen Schwung schaffte er es, über das Wasser zu der Skulptur zu kommen.

Werner Haller schüttelte den Kopf. Für das, was dieser seltsame Fremde vorzuhaben schien, war es eigentlich noch viel zu früh. Denn nach einem fast hundertjährigen Brauch wurde jeder neue Doktor, der in Göttingen promoviert hatte, unmittelbar nach der Verleihung seiner Doktorwürde in der altehrwürdigen Aula am Wilhelmsplatz von den ehemaligen Kommilitonen durch die Straßen zum Platz vor dem Rathaus geführt, wo er den Mund des Gänseliesels zu küssen hatte. Und bei den Studenten war es üblich, den kalten Mund der Bronzemaid mit Senf oder anderem scharfen Zeug zu beschmieren, damit dieser Kuss besonders heiß und herzhaft wurde.

Für diese Vorbehandlung mit Senf war es aber um diese Zeit noch viel zu früh. Der war bis zur Mittagsstunde, wenn eine Zeremonie dieser Art üblicherweise stattfand, bereits trocken und weitgehend abgefallen.

Was, zum Teufel, tat dieser Mann mit der Gänselieselfigur? Denn ganz deutlich erkannte Werner Haller, dass der Fremde Handschuhe aus Plastik überstreifte und dann eine kleine Dose aus der Tasche hervorzog. Vom Inhalt dieser Dose strich er eine cremige Substanz auf die Lippen des Gänseliesels.

Der Zufall wollte es, dass sich seine Baseballmütze in einem der Rankengebilde aus Schmiedeeisen, die wie ein Baldachin die Skulptur krönten, verhedderte und ins Wasser fiel. Der leise unterdrückte Fluch des Mannes in spanischer Sprache war wegen der Stille bis hinauf zu Hallers Fenster zu vernehmen. Als der Mann auf dem Brunnen sich nach unten bückte, um die Kopfbedeckung wieder aufzufischen, erhellten die Strahlen des Mondes das Gesicht des Unbekannten.

Der Theologiestudent hätte vor Entsetzen fast aufgeschrien, als er feststellen musste, dass ihm der nächtliche Besucher des Gänseliesels bekannt war. Sehr bekannt sogar. Immerhin war er es gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass Werner Haller seine Schulden bezahlen und einige Tage den notwendigen Alkoholvorrat kaufen konnte.

„Doktor Gomez, murmelte er tonlos. „Was um alles in der Welt ...?

Tief unter sich sah er, wie Gomez vom Brunnenrand absprang und federnd wie eine Katze den Boden erreichte. Flüchtig sah er sich um, ob seine Tat bemerkt worden war. Dann setzte er sich schnellen Schrittes auf dem Weg, den er gekommen war, wieder ab.

Vergeblich versuchte Werner Haller, Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Wie kam es, dass ein Doktor sich für die Vorbereitung eines altbekannten Göttinger Studentenulks hingab? Er war offensichtlich fremd in der Stadt und hatte vielleicht einen Forschungsauftrag. Denn Haller konnte sich erinnern, ihn einige Male auf dem Unigelände gesehen zu haben.

Was für eine Substanz hatte er auf die Lippen der Bronzefigur aufgetragen? Das konnte doch nur ...

Eine eiskalte Hand griff nach dem Herzen des Theologiestudenten. Diesem Mann hatte er für wissenschaftliche Zwecke oder um seine Sammlung alter Handschriften zu erweitern ein Dokument verkauft, auf dem das Rezept für ein tödliches Gift vergangener Jahrhunderte aufgeschrieben war. Ein Elixier des Verderbens, das niemals wieder der Menschheit zugänglich gemacht werden durfte.

Das Gift der Borgia. Zwar hatte Werner Haller nicht einmal im Traum daran gedacht, die tödliche Mischung aus halb vergessenen Ingredienzen zu mischen, doch zweifelte er nicht daran, dass bei der richtigen Synthese der Zutaten sich die tödliche Wirkung auf jeden Fall einstellen musste.

Was war, wenn dieser sonderbare Doktor Gomez das Gift gemischt hatte. Haller dachte daran, dass er Handschuhe aus Plastik übergestreift hatte, bevor er die Substanz aus der Dose auf den Mund der Bronzefigur strich. Das konnte nur bedeuten, dass er plante, einen Menschen aus dem Wege zu räumen.

Das Gift des Cesare Borgia ließ den Kuss des Gänseliesels tödlich werden.

Das musste Werner Haller verhindern. Unter allen Umständen. Er machte sich sonst mitschuldig am Tode des Unschuldigen, der als Nächster die Bronzefigur küsste. Haller musste hinab und das Gift von den Lippen der Skulptur waschen, bevor der neue Tag anbrach.

Alles drehte sich in Hallers Kopf, als er durch die Wohnstube und den kleinen Flur zur Tür torkelte. Aus der kleinen Küche griff er eines der Geschirrtücher, mit dem er das Gift abwaschen wollte. Mühsam kämpfte er sich die Treppe hinab. Mehrfach half nur ein impulsiver Griff am Geländer, einen schweren Sturz zu vermeiden. Und dann kam das Problem, mit benebeltem Kopf den Schlüssel in das Türschloss einzupassen. Denn die Haustür war in der Nacht selbstverständlich verriegelt.

Werner Haller spürte, wie die bleierne Müdigkeit, die durch den reichlichen Alkoholkonsum verstärkt wurde, in ihm empor kroch. Die kurze Strecke von der Haustür bis zum Brunnen erschien ihm unendlich lang.

„Reiß dich zusammen, Alter. Du musst es schaffen. Das Gift muss runter, sonst stirbt ein Mensch. Und du bist schuld", versuchte der Theologiestudent mit sich selbst zu reden, während er im Stadium schwerer Trunkenheit vorwärts taumelte. Doch für das menschliche Ohr waren seine Worte ein einziges, unartikuliertes Lallen, das keinen Sinn ergab.

Und auch die beiden Polizeibeamten, die eben auf ihrer Fußstreife durch die Innenstadt die Barfüßergasse verließen und durch die Weender Straße zum alten Rathaus gingen, vernahmen nur die Sprachfetzen eines sinnlos Betrunkenen. Sie forcierten ihren Schritt, um zu sehen, ob sie helfen konnten oder sonst handeln mussten.

Der junge Mann, der da im fortgeschrittenen Delirium auf den Brunnen mit dem Gänseliesel zutaumelte, war absolut nicht mehr Herr seiner Sinne. Die völlig unverständlichen Worte, die sein Mund brabbelte, ergaben keinen Sinn. Und was zum Teufel wollte dieser Besoffski mit dem Geschirrtuch? Hatte er etwa vor, in irgendwelchen pervers-sexuellen Gelüsten den bronzenen Mädchenkörper zu waschen?

Auf jeden Fall konnte man diesen Mann hier nicht schutzlos rumtorkeln lassen, das ging auf gar keinen Fall. Der brachte es fertig, im Suff bei seiner Reinigungszeremonie im Gänselieselbrunnen zu ertrinken.

Mit raschen Schritten gingen die beiden Ordnungshüter auf den total betrunkenen Studenten zu und nahmen ihn in ihre Mitte. Die lallenden Antworten auf ihre Fragen waren absolut unverständlich. Papiere oder sonst ein Anhaltspunkt auf eine Identität in seinen Taschen waren nicht vorhanden. Es war sicher das Beste, diesen Mann vor sich selbst zu schützen, indem man ihn für eine Nacht in die Ausnüchterungszelle des Polizeigewahrsams steckte. Hatte er seinen Rausch ausgeschlafen, konnte man ihn morgen wieder laufen lassen.

Was sollte der Blödsinn, den der Kerl vor sich hin faselte. Und er wollte unbedingt zum Brunnen? Den Typ konnte man doch auf gar keinen Fall sich selbst überlassen. So gut es ging hakten die beiden Polizisten den Betrunkenen unter und führten ihn mit sanfter Gewalt die kurze Strecke bis zum Wilhelmsplatz, wo sie ihren Streifenwagen geparkt hatten.

Noch bevor man den Studenten auf den Rücksitz des Polizeiautos verfrachtet hatte, forderte bei Werner Haller die Natur endgültig ihr Recht. Die Müdigkeit des übernächtigten Körpers und der übertriebene Alkoholgenuss sorgten dafür, dass er übergangslos in einen todesähnlichen Schlaf fiel.

„Das Gänseliesel ... das Todesgift der Borgia ...", brabbelten seine Lippen, während er hinüber in die Traumwelt des Vergessens glitt. Doch diese Worte wurden von den beiden Polizeibeamten, die in diesem Augenblick zudem einen Anruf über Funk erhielten, nicht verstanden.

Der Plan des Felipe Gomez schien aufzugehen.

4

Die Glocken von St . Johannis sangen die Mittagsstunde über Göttingen. Mit vollem Klang antwortete das Geläut von St. Jacobi. In der Oberen Karspüle wurde der weihevolle Glockenklang jedoch von der lauten Musik einer Street-Jazz-Band übertönt. Die „Dixi-Five-Street-Walkers" entlockten ihren Instrumenten Töne, die in die Innenstadt von Göttingen einen Hauch der Bourbon-Street von New Orleans brachten.

Fünf junge Burschen mit Trompete, Klarinette, Saxophon und einem Sousaphone für die Bässe führten mit langsamen, gemessenen Schritten einen seltsamen Aufzug an. Der fünfte Mann war eine wandelnde Rhythmusmaschine und schlug den Takt der schwermütigen Bluesstücke, die den Blasinstrumenten entlockt wurden. Die Basstrommel und eine Charleston-Hi-Hat hatte er sich auf den Rücken geschnallt und bediente sie mit Seilzügen, die hinten an seinen hochhackigen Stiefeln befestigt waren. Die Snare-Drum mit einem kleinen, daran angebrachten Becken war, wie bei den Spielmannszügen üblich, an den Gürtel geschnallt, und der Takt zu der getragenen Melodie wurde auf dem Trommelfell mit Jazzbesen gerührt.

Man fühlte sich an eine Begräbniszeremonie in New Orleans erinnert, wenn die Farbigen einen der Ihren mit schwermütigen religiösen Gospel-Melodien zu Grabe tragen, um nach der Beerdigung die Trauergemeinde mit fröhlichem Dixieland-Jazz aufzuheitern. Göttingen ist ein wahres Mekka der Jazzmusik, und aus den Studentenkreisen formieren sich immer wieder Bands, die traditionellen oder modernen Swing und Jazz spielen. Mit Wehmut erinnern sich nicht nur die Jazzfreunde in Göttingen, sondern auch die aus dem weiten Umkreis, an das inzwischen legendäre Blue-Roseland-Orchestra. Diese Formation im Stil der Ballroom-Orchestras kopierte den Big-Band-Sound der zwanziger und dreißiger Jahre in Perfektion. Und jedes Konzert des Blue-Roseland-Orchestra wurde zu einer nostalgischen Reise in die Zeit von Fletcher Henderson, Benny Motet oder den McKinney‘s Cotton Pickers. Inzwischen war die Studienzeit dieser brillanten Musiker beendet, und man hatte sich getrennt. Doch jedes neue Semester brachte neue Studenten, die ihre Instrumente perfekt beherrschten. Weniger für Geld, als für die Freude am Spielen, und natürlich auch für ein ordentliches Bier, fanden sich neue Bands in Jam-Sessions zusammen, die nach Ende der Studienzeit auseinandergingen.

Das unverwüstliche Studentenlied „Gaudeamus igitur‟ hatten die neugierig stehenbleibenden Passanten noch nie in solch schwermütiger Blues-Fassung gehört. Aber jeder wusste, dass der bunte Zug junger Leute, der in seiner Mitte eine kleine, von weißen Shetlandponies gezogene Kutsche führte, einem neuen Doktor auf dem Weg von der Akademie der Wissenschaften zum Gänselieselbrunnen auf dem Rathausplatz das Ehrengeleit gab. Am Institut für Chemie in der Kammerstraße hatte man sich getroffen und formiert. Jetzt zog man zum Klang herzerfrischender Jazzmusik zum Wilhelmsplatz, wo nach der würdevollen Weihehandlung eine feuchtfröhliche Feier ihren Anfang nehmen sollte.

Das war in Göttingen keineswegs ungewöhnlich. Doch die Ponykutsche und vor allem die Jazzband waren es wert, dass man mal einen Moment verweilte und zusah. Auch die Menschen, die eiligen Geschäften nachgingen, oder zu ihren Einkäufen in der Fußgängerzone strebten, fanden einen kurzen Blick zu dem fröhlichen Zug, der eben mit betont gemessenen Schritten in die Friedrichstraße einbog. Von den Klängen der Musik abgelenkt, blieben sogar einige Leute stehen, die bei der Hauptpost wichtige Dinge zu erledigen hatten. Zwar gingen sie das Risiko ein, dass die Post wie üblich auf den Glockenschlag zur Mittagspause schloss und sie dann nach 15 Uhr noch mal kommen durften, aber wer denkt bei so einem lustigen Treiben an solch profane Dinge? Und einige Touristen, die mit ihren Kameras die wunderschönen Fachwerkhäuser der Altstadt knipsten, schlossen sich an, um Zeuge zu sein, wenn ein neuer Doktor den Brunnen erstieg, um dem Gänseliesel den traditionellen Kuss aufzudrücken.

Der Kuss auf die kalten Lippen des Bronzemädchens war Dank und Erinnerung für und an die erfolgreiche Studienzeit zugleich. Seitdem im Jahre 1901 die Burschenschaften eine recht hohe Summe zur Anschaffung der in schlichter Schönheit anmutigen Brunnenfigur beigesteuert hatten, wurde es zur höchsten Pflicht eines jeden Doktoranden der Göttinger Universität, das Gänseliesel nach bestandenem Examen und Überreichen des Diploms zu küssen.

Das im Jahre 1926 erlassene Kussverbot des Göttinger Stadtrates wurde seinerzeit überall belächelt. Es wurde von einem der damaligen Studenten sogar ein Prozess angestrengt, um die Tradition des Kusses aufrecht zu halten. Das Berliner Kammergericht entschied gegen den Willen der Studenten – doch der Richterspruch stand eben nur auf dem Papier und wurde bald vergessen. Obwohl auch heute noch offiziell das Verbot besteht, die schöne Gänsemagd auf dem Marktplatz zu küssen, hält sich niemand mehr daran. Und die Ordnungshüter sehen einfach beiseite oder haben gerade Dienst in einer anderen Straße, wenn sie einen Zug der Studenten zum Gänselieselbrunnen bemerken.

Und somit ist das Göttinger Gänseliesel das meist geküsste Mädchen der Welt. Auch wenn dieser Kuss im allgemeinen recht herzhaft ausfällt, da sich immer ein Spaßvogel unter den Studenten findet, der die Lippen der Bronzemaid mit scharfem Senf, Cayennepfeffer oder Tabasco präpariert.

Doch alle Erfindungen studentischen Einfallsreichtums waren nichts im Vergleich zu der Substanz, die sich jetzt unsichtbar auf den kalten Lippen des Mädchens mit dem Unschuldsblick befand ...

5

Das Mittagsläuten der Glocken drang nicht bis in die Arrestzelle des Polizeigewahrsams. Dennoch erwachte Werner Haller genau um diese Zeit.

Er brauchte eine ganze Weile, um sich zurecht zu finden. Ein einfaches Eisenbett mit Matratze, ein Tisch mit Stuhl, und ein Toilettenbecken mit Waschgelegenheit als Einrichtung. War es das Ende eines Alptraums oder der Beginn der Realität? Und was sollten diese Gitter vor dem Fenster?

Stöhnend erhob sich der Theologiestudent und wankte hinüber zum Waschbecken. Sein Schädel schmerzte, als würden zehntausend kleine rotschwänzige Teufel darin Holz für das Höllenfeuer sägen. Und dazu diese Übelkeit, die angetan war, sich die Speisefolge des Vortages noch einmal in halbverdauter Form zu betrachten.

Das Schlimmste aber war der brennende Durst. Sein Gaumen war ausgetrocknet wie das Zentrum der Wüste Sahara, und die Zunge pelzig wie ein Fuchsschwanz. Jede Faser von Werner Hallers Körper lechzte nach Wasser. Und das sprudelte Gott sei Dank in ausreichendem Maße aus dem Hahn über der Wasserleitung. Der Theologiestudent trank in tiefen, durstigen Zügen und spürte, wie seine Lebensgeister wieder erwachten. Dann steckte er, so gut es möglich war, den Kopf unter den Wasserstrahl. Die Kühle des Lebenselements vertrieb etwas die bohrenden Schmerzen in seinem Schädel.

Mit triefend nassen Haaren wankte er zur Tür. Natürlich war sie abgeschlossen. Aber warum? Und was war das hier überhaupt für eine Behausung? Eine andere Studentenbude, in der man gelegentlich auch mal nach durchzechter Nacht aufwachte, ohne rekapitulieren zu können, wie man da hingekommen war, war es ganz sicher nicht.

„Aufmachen! Ich will hier raus!" Mit beiden Fäusten hämmerte Werner Haller gegen die Tür und bereute diese Tat sofort, weil die Teufelchen in seinem Kopf, die während der Wasserbehandlung im Sinne von Altväterchen Sebastian Kneipp ihre Mittagspause gemacht hatten, nun mit frischer Kraft die Arbeit wieder aufnahmen.

„Raus wollen sie alle hier", brummte eine gemütliche Stimme von draußen. Dann wurde ein kleines Schiebefenster in der Tür geöffnet. Die grüne Schirmmütze über dem Gesicht in der Öffnung, das Werner Haller neugierig musterte, ließ den Studenten Übles ahnen. Diese vergitterten Fenster? Langsam dämmerten in Hallers Bewusstsein die Erinnerungen auf. Hatte das tödliche Geheimnis der Borgia am Mund des Gänseliesels bereits ein Opfer gefordert? Und hatte man ihn als den wahren Urheber dieses Verbrechens bereits ermittelt?

„Na, ausgeschlafen, du versoffener Penner?", schallte es ihm mit einer Fröhlichkeit entgegen, die in Werner Hallers Zustand schmerzhaft wirkte.

„Wo bin ich hier?", pressten die Lippen des Studenten hervor, obwohl er sich mit etwas logischem Denken die Antwort eigentlich selbst geben musste.

„Im Knast, kam die lakonische Antwort. „Im Polizeigewahrsam. Da, wo Saufbrüder deiner Sorte hingehören. Mannomann, wie kann man sich so voll schütten. Du warst total zu, als du eingeliefert wurdest.

Heinrich Stracke war seit Jahren im Dienst ergraut und pflegte eine saloppe Redeweise mit den Insassen des Gewahrsams. Das waren ja im allgemeinen keine Schwerverbrecher, sondern irgendwelche vollgedröhnten Alkis oder krakeelende Randalierer, die von den Kollegen sicherheitshalber für eine Nacht von der Straße genommen werden mussten. Im Falle dieses „Stallhasen" mussten die Kollegen im Außendienst noch ermitteln, ob er im Zustand der Volltrunkenheit irgendwelche Straftaten oder sonstigen Unfug begangen hatte. Der blieb erst einmal vierundzwanzig Stunden hinter Schloss und Riegel. Danach konnte er wieder auf die Menschheit losgelassen werden.

„Ich muss aber raus, stieß Werner Haller hervor, „sonst passiert ein Unglück.

„Ach was?"

„Wenn heute einer das Gänseliesel küsst ..."

„... ist er selber Schuld, wenn er sich kein Mädel aus Fleisch und Blut anlacht, vollendete Heinrich Stracke. „Selbst eine Gummipuppe von Beate Uhse stelle ich mir anschmiegsamer und wärmer vor als dieses Püppchen aus Bronze.

„Gift ... Gift ... Cesare Borgia ..., krächzte Haller verzweifelt. Verdammt, warum wollte dieser Uniformierte vor der Tür nicht verstehen, dass es um Leben und Tod ging. Für den braven Wärter aber waren die Worte des Studenten völlig unverständlich. Das Wort „Gift hatte Stracke nicht mitbekommen, weil Werner Hallers Zunge die Worte noch nicht so formen konnte, dass sie verständlich klangen. Und was sollte dieser seltsame Name? Heinrich Stracke konnte zwar alle Bundesligaergebnisse runterbeten und kannte auch die kompletten Mannschaftsaufstellungen von Bayern München und Borussia Dortmund, aber von einem Spieler namens Cesare Borgia hatte der Beamte noch niemals gehört. Spielte der jetzt bei Real Madrid, Inter Mailand oder Lazio Rom?

„Borgia ist kein Fußballspieler, sondern ein Mörder‟, schrie Werner Haller verzweifelt.

„Dann geht er mich nichts an, sondern ist ein Fall für die Mordkommission", unterbrach ihn Heinrich Stracke unwirsch und schloss das Fenster. Teufel noch eines, was diese besoffenen Studenten alles für Gedankengänge hatten. Er hatte ja schon viel erlebt, aber was dieser Fliegenfranz hier nach dem Fusel der letzten Nacht faselte, war einfach unbegreiflich.

Cesare Borgia. Das war sicher so einer von den jungen Itakern, die sich in der Bundesliga profilieren wollten, um dann bei einem finanzstarken Verein in Italien richtig Geld zu verdienen. Und bei der nächsten Europameisterschaft würde dieser Cesare Borgia dann im fröhlichen Kreise munterer Azzuris Bundestrainers-Fußballbuben die Abseitsfalle am praktischen Beispiel erläutern oder durch gekonnte Darbietungen des sterbenden Schwans ohne Ballberührung den Intendanten der Mailänder Skala auf seine Schauspielkünste aufmerksam machen.

Von dem von Ehrgeiz zerfressenen Machtmenschen aus den Tagen der italienischen Renaissance, der seinerzeit viele seiner Gegner mit einem speziellen Gift aus dem Wege räumte, hatte Heinrich Stracke noch nie etwas gehört. Dieser Spinner in der Zelle sollte sich erst einmal richtig ausschlafen. Auf ein weiteres Gespräch hatte Heinrich Stracke einfach keinen Bock mehr. Außerdem hatte er noch das Göttinger Tageblatt auf dem Schreibtisch liegen, und der Sportteil war noch lange nicht gelesen.

Dass er damit dem Tod die Chance gab, ein Leben, früher als es von der Natur vorgesehen war, zu beenden, ahnte der Wärter des Göttinger Polizeigewahrsams nicht.

6

Das helle Licht der Mittagssonne überflutete die klassizistische Fassade des Zentralgebäudes der Göttinger Universität, das im Göttinger Volksmund nur als die „Aula" bekannt ist. Hier befindet sich neben der Universitätsleitung im ersten Stock des Hauses auch der Sitzungssaal der Akademie der Wissenschaften und die eigentliche Aula, der Festsaal für feierliche Zeremonien. Im Mittelalter standen hier das St. Annen-Kloster und die Stadtwaage. Wilhelm IV., König von Großbritannien und Hannover, dessen Standbild in majestätischer Pose den ganzen Platz beherrscht, stiftete das imposante Gebäude zum hundertjährigen Bestehen der Göttinger Universität. Durch die auf der Frontseite angedeuteten Säulen und die Giebelplastik, die den Genius der Wissenschaften in der Gesellschaft der vier Fakultäten zeigt, gleicht das Zentrum des Gebäudes einem griechischen Tempel. Ein heiliger Weiheort, wo die Wissenschaft dadurch geehrt wird, dass man auf Erkenntnissen aufbauend weitere Wege unermüdlicher Forschung geht.

Die Aula selbst beansprucht die Höhe von zwei Stockwerken und ist durch doppelte Säulenordnung in ein Hauptschiff und zwei Seitenschiffe untergliedert. In diesem mit reicher Ornamentierung geschmückten Festsaal werden in feierlicher Handlung den Kandidaten, die ihre Examina erfolgreich abgeschlossen haben, und deren Dissertationen vom Prüfungskollegium für würdig befunden werden, der schwarze Talar und der Doktorhut ihrer neuen Würde verliehen.

Eben war die feierliche Handlung beendet, an deren Schluss man Felix Kramer vom Katheder vor der sogenannten Königswand, von der fünf ehemalige Landesherrn aus ihren Porträtgemälden herabsehen, das Doktordiplom überreichte. Die Dissertation des ehemaligen Studenten der Naturwissenschaften hatte überall großes Aufsehen erregt und wurde im Kreis der Professoren und Dozenten bereits heftig diskutiert.

Summa cum laude, mit höchstem Lob, hatte Professor Dr. Raimund Eggers, Kramers Doktorvater, die Dissertation des Kandidaten bewertet. Und das Prüfungskollegium hatte sich diesem Urteil des bekannten und beliebten Wissenschaftlers angeschlossen.

Summa cum laude. Das höchste Prädikat, das für eine Dissertation überhaupt zu vergeben ist. Die Erkenntnisse, die Felix Kramer bei der Bewältigung seiner vom Doktorvater gestellten Aufgabe gewann, mochten bahnbrechend für weitere Forschungen auf dem Gebiet der Pharmazeutik sein. Professor Eggers hatte Kramer in der Anfangszeit bei der Laborarbeit unterstützt, bis dieser tatkräftige Hilfe in einer gewissen Andrea Maurer fand. Eine sehr hübsche Studentin und sehr begabt, wie Eggers herausfand. Da wollte der Professor dann weiter nicht stören und zog sich zurück, um die Lösung der gestellten Aufgabe in der Dissertation abzuwarten. Aber er sorgte dafür, dass Felix Kramer seine Arbeit am Max-Planck-Institut fortsetzen konnte, wo ihm modernste Laboratorien eine optimale Forschungsarbeit garantierten.

Mit schwarzem Talar angetan, und den markanten Doktorhut auf dem Kopf, schritt Felix Kramer die Treppe von der Aula herab und blickte noch einmal kurz in den Gang, der mit steinernen Büsten besonders geschätzter Professoren geschmückt war. Gelehrte Pädagogen, die in vergangenen Zeiten ihr Wissen an die Jugend weitergegeben hatten, damit man auf die Erkenntnisse ihrer Arbeit aufbauen konnte. Dankbare Schüler hatten einst diese lebensechten Bildnisse ihrer Mentoren gestiftet, deren Lehren für sie der Grundstein für den Erfolg des vor ihnen liegenden Lebens war.

Professoren, die Felix Kramer auf seinem Weg vom ersten Semester bis zur Exmatrikulation als Lehrer ihres Wissens zur Seite gestanden hatten, gaben dem neuen Doktor auf diesem Weg das Ehrengeleit. Doch in der Halle verabschiedeten sie sich. Denn obwohl viele von ihnen in ihren Jugendtagen die gleiche Zeremonie erlebt hatten, war es doch mit der Würde eines Professors nicht vereinbar, an der ausgelassenen Fröhlichkeit teilzunehmen, die jetzt auf Felix Kramer wartete. Denn von draußen waren bereits die Klänge der „Alten Burschenherrlichkeit" zu vernehmen, die in verjazzter Form fröhlich über den Wilhelmsplatz klang.

Weit riss der alte Hausmeister die beiden Flügeltüren auf. Das helle Licht der Mittagssonne flutete in das Foyer des Akademiegebäudes und ließ die in symmetrischen Formen angelegten Einlegearbeiten des Fußbodens erglänzen. Ein letzter Händedruck an Professor Eggers, den Mentor seiner Studienzeit, dann trat der frisch gebackene Doktor der Naturwissenschaften durch die mit kunstvollen Schnitzereien verzierte Tür.

Tosender Beifall empfing ihn draußen. Mit einer würdevollen Geste grüßte der Geehrte seine ehemaligen Kommilitonen, die der steinerne König Wilhelm zu Lebzeiten sicher nicht besser gemacht hätte. Mit raschem Blick sah Felix Kramer, dass das Korps der „Corporationa Cimmeria vollständig angetreten war. Das war die schlagende Verbindung, der er seit seinem ersten Semester angehörte. Und sie waren im vollen Wichs erschienen. Auch Vertreter befreundeter Verbindungen waren anwesend. Sie trugen die schwarz silbernen Farben der „Cimmeria neben anderen bunten Freundschaftsbändern anderer Göttinger Verbindungen am Gürtel. Felix Kramer erkannte in den Gesichtern, dass Vertreter der, „Frisia, der „Brunsviga und der „Hannovera erschienen waren. Auch die „Holzminda und die „Germania" hatten kleine Abordnungen entsandt, den neuen Doktor mit ihrer Anwesenheit zu ehren.

Gut, dass Felix Kramer für so viele illustre Gäste Vorsorge getroffen hatte. Fünf „Füchse der „Cimmeria schleppten jeweils einen Kasten herbei, deren Inhalt sich als Sektflaschen entpuppte. Und noch bevor der neue Doktor begonnen hatte, die Stufen hinabzusteigen, waren die Flaschen bereits verteilt. Korken knallten und flogen durch die Luft, und der Schaumwein spritzte in lustigen Fontänen.

„Ergo bibamus!", rief Felix Kramer auf Lateinisch. Und das lässt sich ein Student, egal in welcher Fakultät er eingeschrieben ist, nicht zweimal sagen. Und diese Worte werden auch von jenen Studiosi verstanden, denen das große Latinum mangels Geisteskraft oder Lernfaulheit den Bach runtergegangen ist.

„Ergo bibamus! – Nun muss getrunken werden!" Und das tat man dann auch. Dass der edle Spender von dem kostbaren Nass nichts abbekam, lag nur daran, dass die Flaschen irgendwo ein Loch hatten, durch das dieses köstliche Gesöff auslief. Dass an diesem Loch zufällig Lippen hingen, war sehr praktisch. Denn dadurch wurde das Pflaster nicht genässt und der arbeitsgeplagte Hausmeister des altehrwürdigen Gebäudes brauchte den Scheuerlappen nicht zu bemühen.

Mehr als sechs Jahre hatte Felix Kramer am Institut für Chemie eifrig seine Studien betrieben und kaum eine Vorlesung versäumt. Professor Raimund Eggers hatte erkannt, dass Kramer außergewöhnlich begabt war, sich seiner angenommen und ihn gefördert, so gut er es vermochte. Den Kommilitonen war es unbegreiflich, wie Kramer die Energie aufgebracht hatte, nach bierfreudigen Kommersabenden am nächsten Tag im Hörsaal den Ausführungen der Professoren und Dozenten zu folgen und am späten Nachmittag noch Professor Eggers im Max-Planck-Institut bei seiner Arbeit zu assistieren. Gewiss, Kramer hatte sich immer nach dem offiziellen Teil eines Kommers zurückgezogen und den harten Teil des unweigerlich folgenden Umtrunkes versäumt, aber dennoch war auch das eine reife Leistung. Denn schon während der Autoritativa, der üblichen Zeremonien am Beginn eines Kommers, wurde mancher „Salamander" getrunken. Und das bedeutete nach dem Trunk ein leeres Glas. Und so kam beim offiziellen Teil ein ganz beachtliches Quantum an Alkohol zusammen, der sich anschließend beim geselligen Beisammensein in ungeahnte Höhen steigerte. Aber da hatte sich Felix Kramer immer bereits abgesetzt und in seine Studentenbude verkrochen, um noch für die erste Vorlesung am nächsten Morgen zu büffeln.

Später glaubten die Studenten der „Cimmeria", einen Grund für Kramers Arbeitseifer gefunden zu haben. Ein sehr schöner Grund sogar. Er hieß Andrea Maurer, war Chemiestudentin im vierten Semester und assistierte Kramer bei den Versuchen, die er dem Vernehmen nach mit besonderer Dispens namhafter Professoren im Max-Planck-Institut durchführen konnte. So genau ließ sich Felix Kramer nicht in die Karten sehen. Und außerdem, wen interessierte es schon, an was dieser Streber arbeitete, wenn man in geselliger Runde die sangesfreudigen Kehlen mit schäumendem Bier laben konnte.

Andrea Maurer war tatsächlich der eigentliche Grund, warum Felix sich absetzte, bevor die Zecherei begann. Zwar hatten die Kommilitonen der „Cimmeria" im Anfang niemals bemerkt, dass zwischen Andrea und Felix mehr lief als rein kollegiale Zusammenarbeit, aber irgendwann hatte ein Bier zu viel Felix Kramer doch im Kreise der Studenten zum Reden gebracht.

Andrea Maurer war ein Mädchen, dessen Bild sich auch andere „Cimmerianer in ihren Träumen wünschten. Und nachdem Felix ihnen brühwarm erzählt hatte, welcher Genuss ihr schlanker, geschmeidiger Körper im Bett war und wie kompromisslos sie sich in sexueller Ekstase hingeben konnte, da waren diese geheimen Träume von Andrea Maurer sündig geworden. Mehr als einmal hatten „Cimmerianer versucht, auf irgendwelchen Studentenfeten an Andrea ranzukommen. Doch sie ließ alle diese Reserve-Don-Juans und Bonsai-Casanovas abblitzen. Für sie schien es nur Felix zu geben. Das sah man schon an dem verliebten Blick, den sie ihm immer zuwarf, wenn sie zusammen in der Mensa ihr Essen einnahmen.

Andrea Maurer und Felix Kramer waren also fest zusammen, auch wenn sie getrennte Studentenbuden hatten. Dass sie gelegentlich zusammen schliefen, ohne sich sofort die Ringe anzustecken, war völlig normal.

Und deshalb hatte jeder der Studenten angenommen, dass Felix Kramer, als er mit dem traditionellen schwarzen Talar als Symbol seiner neuen Würde angetan durch das Tor der Aula trat und gemessen die sechs Stufen herabschritt, die hübsche Studentin küssen würde, die ihn am anderen Ende der Treppe erwartete.

Andrea Maurer war eine mädchenhafte Schönheit, die es nicht nötig hatte, ihre natürliche Ausstrahlung mit den Errungenschaften femininer Parfümerie und Make-Up-Artikel zu unterstreichen. Sie war zierlich gebaut, nicht besonders groß und trug zu ihrem T-Shirt eine verwaschene Jeans und hochhackige Stiefel im Western-Look. Das lange, dunkle Haar, das sie während der Arbeit stets zusammenband, wallte jetzt wie ein Schleier auf ihre Schultern. Ihr ebenmäßiges, etwas blasses Gesicht hatte beim Nachdenken und Grübeln den Ernst einer reifen Frau. Im Zustand der Freude jedoch strahlte Andrea Maurer wie ein Teenager. Dieses Mädchen hatte ein wonniges Gemüt, wollte am liebsten die ganze Welt umarmen, und geriet in tiefste Depressionen, wenn sie merkte, dass sie ausgenutzt oder hintergangen wurde.

Heute aber war Andrea Maurer glücklich. Felix hatte es geschafft. Er hatte endlich das Ziel erreicht, für das er so hart und kompromisslos gearbeitet hatte. Doktor der Naturwissenschaften war er nun. Und sie, Andrea Maurer, hatte ihm in den letzten Monaten eifrig assistiert. So eifrig sogar, dass sie dabei gelegentlich ihre eigenen Vorlesungen versäumte. Aber sie war sich bewusst, dass ihre Hilfe zum Erfolg des Felix Kramer gewiss ein gutes Stück beigetragen hatte.

So wunderte es keinen der Anwesenden, als sich Andrea Mauer impulsiv aus den Reihen der Studenten löste, als sich die mächtigen Türen des Aula-Gebäudes öffneten. Während man im stimmgewaltigen Chor das Bundeslied der „Cimmeria" sang, schritt Andrea wie eine Ehrenjungfrau zur Treppe, um den Sieger mit einem Kuss willkommen zu heißen. Wer wollte es ihr verwehren, den jungen Mann, dem sie Tage und Nächte in Nerven zermürbenden Versuchen wie ein treuer Famulus zur Seite gestanden hatte, im Überschwang der Freude öffentlich zu umarmen und zu küssen.

Zum Unverständnis aller Kommilitonen und Gäste schob Felix Kramer Andrea lachend zurück. Ohne das Mädchen weiter zu beachten, schritt er an ihr vorbei, um die Glückwünsche der ehemaligen Studienfreunde entgegenzunehmen.

Einen Moment stand Andrea wie vom Donner gerührt. Was sollte diese abwehrende Bewegung? Warum tat Felix Kramer jetzt so, als sei sie gar nicht vorhanden oder eine Bettlerin, die man besser gar nicht

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