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Scham: Die vielen Facetten eines tabuisierten Gefühls

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Scham: Die vielen Facetten eines tabuisierten Gefühls

Länge:
304 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 19, 2018
ISBN:
9783903072732
Format:
Buch

Beschreibung

Wer kennt das nicht, das Gefühl, vor Scham am liebsten am Boden zu versinken zu wollen. Scham, das geheimnisvollste aller Gefühle – woher kommt es, wie entsteht es? Die vielen Facetten dieser universellen, doch oft tabuisierten Emotion beschreibt der Bestsellerautor Boris Cyrulnik. Auf der Basis von Erkenntnissen aus Hirnforschung und Psychologie erarbeitet er ein neues Verständnis der Scham. Auf sehr persönliche Weise wie auch anhand von vielen Fallgeschichten erklärt er, wie Menschen mit Scham, Schuldgefühlen und Traumatisierungen besser umgehen und wieder zu innerer Freiheit und Würde finden können.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 19, 2018
ISBN:
9783903072732
Format:
Buch

Über den Autor


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Scham - Boris Cyrulnik

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ERSTES KAPITEL

AUS DER SCHAM HERAUSTRETEN WIE AUS EINEM ERDLOCH

DAS MERKWÜRDIGE SCHWEIGEN DER SEELEN-VERWUNDETEN

»Ich erfuhr im Alter von 16 Jahren, dass ich eines Tages mein Augenlicht verlieren würde. Getrieben vom wütenden Eifer, meine Krankheit zu besiegen, und von der Liebe zu meinen Angehörigen beschloss ich, niemandem etwas davon zu sagen, nicht einmal meinen Eltern.«¹ Völlig am Boden zerstört von dieser Nachricht kam Jacques nach Hause; er brauchte mehr als ein Jahr, bis er den Mut aufbrachte, über seine drohende Erblindung zu sprechen! Denn er wusste: Dies hätte augenblicklich die Seele der Menschen, die er liebte, mit dem allergrößten Kummer belastet.

Die Dinge aussprechen ist ein Fehler, ist unerträglich.

Es beruhigt den Verwundeten, zum Opfer Gewordenen, wenn er seine Emotion mitteilt,² aber es verursacht bei den Menschen, die er liebt, großes Leid. Schließlich ist er an sie gebunden.

Welches Recht hätten wir als Opfer, unsere Angehörigen in unsere Verzweiflung hineinzuziehen? Also schweigen wir, doch das trübt unsere Beziehung; zwischen ihnen und uns entsteht etwas Störendes. »Zu der Scham, die mich veranlasst zu schweigen, kommt noch das Gefühl der Schuld, wenn ich spreche und euch dadurch in mein Unglück hineinziehe.«

Alle Theaterstücke, Romane und auch jede künstlerische Darstellung haben Emotionen zum Thema; es geht immer darum, ihnen eine Kunstform zu verleihen, die eine intime Bindung zu fremden Menschen herzustellen vermag. Es ist leichter, sich einem Unbekannten anzuvertrauen, den man anschließend nie mehr sieht, als einem nahestehenden Menschen, der in unserer Existenz eine wesentliche Rolle spielt. Die Worte haben dann ein anderes Gewicht.

Eine Emotion zu teilen – mitzuteilen – kann angenehm oder angst-einflößend sein, je nach Art der affektiven Bindung. Es ist nicht schwierig, Freude oder Glück mit dem Menschen zu teilen, mit dem man Umgang hat. Ja, es kann einem sogar eine gewisse Befriedigung verschaffen, wenn man den Schmerz anderer Menschen mitträgt, weil man sie beruhigen und trösten kann.³

Aber wer möchte an der Scham teilhaben? Wer würde nicht verlegen, wenn eine junge Frau von den »sexuellen Fallen« erzählen würde, die der eigene Vater ihr stellte? Dieser Mann war in ihrem Wohnort ein bekannter Funktionär, der für seine humanitären Aktionen geschätzt wurde. Er war eloquent, sah gut aus und engagierte sich großzügig für soziale Belange. Er wurde allgemein sehr geachtet. Doch derselbe Mann machte sich abends am Türschloss des Zimmers seiner Tochter zu schaffen und manipulierte es so, dass sie sich nicht einschließen konnte; oder er tat so, als schliefe er in seinem Sessel, und wenn sie an ihm vorbeiging, packte er sie plötzlich und hielt sie fest. Wie sollte sie das jemandem erzählen, ohne ungläubiges Staunen hervorzurufen? »Aber ich kenne doch deinen Vater – er könnte dir nie und nimmer so etwas antun!« So oder ähnlich wären die Reaktionen der Zuhörer gewesen.

Verblüffung, Ekel oder eine obszöne Neugier prägen die Emotionen des Zuhörenden. »Inzest gehört einfach nicht zu einer Lebensgeschichte«⁴ – über die sexuellen Übergriffe des eigenen Vaters, der gesellschaftlich so sehr geachtet wurde, kann man nicht offen sprechen.

Es gibt viele Situationen, die Vorstellungen hervorrufen, die man nicht mitteilen kann. So etwa einen sexuellen Übergriff, den eine Frau beging. Stellen Sie sich vor, ein Vater, der mit seinen Kindern am Tisch sitzt, würde Ihnen, während er die Speisen austeilt, erzählen, dass er im zarten Alter von zwölf Jahren, als er in einem Internat wohnte, erleben musste, wie eine Hausangestellte hin und wieder abends zu ihm kam, ihm die Bettdecke wegzog, ihn zur Erektion brachte, sich auf ihn setzte und auf ihm »ritt«, danach ohne ein Wort zu sagen wieder wegging und ihn vollkommen fassungslos zurückließ. Ein einziges Wort von dieser Frau hätte eine menschliche Beziehung hergestellt, doch das schmerzliche Fehlen von verbaler Kommunikation verstärkte in dem Jungen das Gefühl, das sexuelle Objekt einer Unbekannten zu sein. Wie viel Scham ruft das in einem Menschen hervor! Wie wollen Sie das erklären? Und dazu noch Ihren eigenen Kindern? Undenkbar! Ihren Freunden? Unmöglich! Ihre verblüfften oder spöttischen Reaktionen wären eine zusätzliche Demütigung gewesen. »Selbst in der Psychoanalyse fiel es mir schwer, darüber zu sprechen. Ich bat darum, die Sitzung im Café an der Ecke zu beenden … Als hätte ich gegen ein Gesetz verstoßen wollen … Das ist doch nicht normal … Ich schäme mich dessen, was mir zugestoßen ist … Ich bin einfach nicht wie alle anderen Menschen.«

Der Beschämte hält das, worüber er Scham empfindet, geheim, um die Menschen, die er liebt, nicht in Verlegenheit zu bringen, um nicht verachtet zu werden und um sich selbst zu schützen – denn er will ein bestimmtes Bild von sich aufrechterhalten. Diese Reaktion, diese berechtigte Abwehr führt zu einer merkwürdigen Redeweise. Der Beschämte spricht lieber über das, was unbedeutend, unpersönlich, oberflächlich ist; er spricht über Dinge, die ihm kein Unbehagen bereiten. Ganz plötzlich, bei einem Wort oder einem bestimmten Anlass, entsteht ein beängstigendes Schweigen, das die Beziehung belastet. Diese Spannungen, die immer wieder auftreten und für die Umgebung unerwartet und unbegreiflich sind, kosten viel Energie. Nichts erschöpft einen Organismus mehr als eine Hemmung, als der Zwang, sich nicht bewegen zu dürfen, nicht reden zu dürfen, wie ein gejagtes Wild zu sein, das in Alarmstellung erstarrt.

Ein solches Schweigen in Verhalten und Worten bietet da Schutz, wo Aggression herrscht. Aber diese Stummheit verwandelt sich in einen inneren Angreifer, sobald keine äußeren Angriffe mehr erfolgen. Die Anpassung, die berechtigte Verteidigung in einem Umfeld, in dem Krieg herrscht – oder einer Situation, die als kriegsähnlich wahrgenommen wird –, gräbt sich als unauslöschliche Erfahrung ins Gedächtnis ein und stört jede Beziehung. Warum schweigen wir immer noch, auch wenn wir das Schweigen nicht mehr zu unserem Schutz brauchen? Warum verharren wir in Alarmstellung, wenn unsere Umgebung uns zu einer friedlichen Beziehung auffordert? Unser Gedächtnis erweist uns einen Bärendienst, wenn wir weiterhin auf einen lange zurückliegenden Angriff reagieren, obwohl wir jetzt in einer Umgebung leben, die gewaltlos ist. Man müsste sich zur gleichen Zeit verändern wie die äußere Umgebung, doch leider geht das nicht immer.

Kinder lernen so leicht, dass sie auch dann, wenn ihre Umgebung sich ändert, weiterhin auf das reagieren, was sie einst in sich aufgenommen und verinnerlicht haben. Meistens stempelt man diese kleinen Verwundeten als »schwierige Kinder« ab, und da man ihnen nicht zur Seite steht, werden sie schwierig. Aber wenn man sie auffordert, ihre Emotionen in Worte zu fassen, und sie dadurch innerlich zur Ruhe kommen, und wenn das äußere Umfeld ihnen ermöglicht, die Gefühle zu ändern, die die Vorstellung von der eigenen Verwundung hervorrufen, dann verwandelt sich die Scham in etwas anderes. Also hängt ihr Schicksal davon ab, wie ihre Umgebung, die Gesellschaft, auf sie, die Beschämten, reagiert.

DER INNERE GEGNER

Es fällt schwer, von diesem Gift in der eigenen Seele zu sprechen, weil man sich, indem man den Grund seiner Scham »eingesteht«, dem anderen ausliefert und ihm die Macht verleiht, einen zu verurteilen. Es kommt nicht selten vor, dass ein beschämter Mensch, der »sich jemandem anvertraut, eine kritische Reaktion von diesem Gesprächspartner bekommt«.⁵ Da das Schweigen eine defensive Funktion hat, bringt die Enthüllung des Geheimnisses den, der es ausspricht, in Gefahr. Wie sich seine Scham entwickelt, hängt von der Reaktion seiner Vertrauensperson, von den Leitbildern seiner Gesellschaft und von ihren Vorurteilen ab. Da es ein Opfer gibt, muss eine körperliche Nähe zwischen dem Angegriffenen und dem Angreifer existiert haben, könnten die beiden sogar Komplizen gewesen sein. In vielen Ländern verurteilt man auch heute noch den »Partner« eines Angriffs, also den, der »mitgemacht« hat.

Der Beschämte, durch die Aggression depersonalisiert, hatte nicht die Kraft, sich dem zu widersetzen, der ihn dominierte, ja, er war nicht einmal imstande, sich ihm gegenüber zu behaupten. Daher fühlt er sich dem anderen unterlegen, er fühlt sich erniedrigt, herabgesetzt. Merkwürdigerweise erzeugt diese große innere Zerrissenheit ein moralisches Gefühl: »Der andere zählt mehr als ich. Ich beobachte den Angreifer, um ihn besser beherrschen zu können; und ich stelle mich den Menschen zur Verfügung, die, wie ich, Opfer von Angriffen wurden.« Diese Solidarität mit anderen ist ein »Zeichen dafür, dass keine perversen Neigungen entstanden sind«.⁶ Wenn Narziss ausruft: »Ich bin der Schönste auf der ganzen Welt, weil es nur mich gibt«, so murmelt der Beschämte: »Nur der Blick des anderen zählt. Wenn er entdeckt, wer ich bin, werde ich vor Scham im Boden versinken. Deshalb meide ich seinen Blick – das wird mich schützen. Ich weiche vor dem aus, den ich als dominierend wahrnehme.« Aber wenn es darum geht, seine Mitmenschen zu schützen, fühlt sich der Beschämte in der Lage, gegen den Angreifer vorzugehen. Mit Hilfe dieser Verteidigung, die durch einen Angriff geschieht, kann er sich selbst beweisen, dass er nicht so erbärmlich ist, wie er glaubte. Wenn er dem Opfer hilft, es versteht, sich mit ihm identifiziert, gibt ihm das die Möglichkeit, den Angreifer zu stellen und gleichzeitig die schlechte Meinung, die er von sich selbst hat, zu korrigieren. Der Beschämte ist ein Anti-Narziss, die Uneigennützigkeit ist seine Waffe. Sein Credo lautet: Um andere Menschen zu schützen, greife ich Narziss an, der nur an sich selbst denkt und den ich, wie ich zugebe, ein wenig verachte. Er sollte sich dafür schämen, dass er immer nur an sich selbst denkt.

Indem der Beschämte den Opfern hilft, indem er Narziss angreift, bringt er seine eigene narzisstische »Blutung« zum Stillstand. Uneigennützigkeit und Moral wirken zusammen, um Narziss, den Perversen, zu töten.

Auch mit der schriftlichen Dokumentation kann man Opfern helfen. Die Geschichte eines Leidenden aufzuschreiben oder zu erzählen ist eine Art der Verteidigung, ein Plädoyer, mit dem man versucht, die Gründe für seine eigene Schwäche zu erklären: Dadurch ist der Blick der anderen weniger vernichtend. Die Scham ist leichter zu ertragen, wenn die Umgebung zu verstehen sucht und nicht verurteilt. Erzählt man die Geschichte eines Menschen, der Stellvertreter für einen selbst ist, der eine Art Sprachrohr darstellt, den man erklären lässt, warum man kein »Untermensch« ist, rettet man einen »anderen, der so ist wie ich«, und fühlt sich angesichts dieses Spiegelbilds weniger beschämt.

In der Seele eines Beschämten lebt ein quälender Gegner, der ständig murmelt: »Du bist erbärmlich«, während in der Seele eines Schuldigen ein Gericht tagt, das ihn unablässig verurteilt und ihm einredet: »Es ist deine Schuld.« Der Beschämte versteckt sich, um weniger zu leiden, oder er versucht, sich in den Augen des anderen aufzuwerten. Der Schuldige bestraft sich, um seine Schuld zu sühnen. Die Melancholiker meinen, sie verdienten den Tod, weil sie ihre eingebildeten Verbrechen für so groß halten. Und wenn der Urteilsspruch sie nicht vernichtet, bestrafen sie sich durch Selbstkasteiung oder durch Verhaltensweisen, die zu Misserfolgen führen. Sie wundern sich darüber, dass sie die Beziehung zu einer Frau, die sie lieben, zerstören, und fragen sich, warum sie vergessen, den Wecker an den Tagen zu stellen, an denen sie eine Prüfung ablegen müssen, für die sie doch eigentlich gut vorbereitet sind. »Du hast nur das, was du verdienst«, behauptet das Gericht in ihren Wahnvorstellungen.

Glauben Sie ja nicht, das Gefühl der Schuld habe mit dem der Scham nichts gemein. Dass beide nicht denselben Ursprung haben, hindert sie nicht, sich miteinander zu verbünden. Ich denke da an Madame M., die ihre Mutter pflegen musste, seit diese an der Alzheimer-Krankheit litt. Fast 20 Jahre lang war sie ihrer Mutter die Mutter gewesen – was sie daran gehindert hatte, ihren Kindern eine gute Mutter und ihrem Mann eine wirkliche Ehefrau zu sein. Gefangen von der Zuneigung, die ihr die Verantwortung aufoürdete, hätte sie sich vor sich selbst geschämt, wenn sie nicht dieses Opfer für ihre kranke Mutter gebracht hätte. Als die Mutter endlich gestorben war, löste dieser Verlust überwältigenden Kummer in ihr aus – und gleichzeitig ein Gefühl geradezu ekstatischen Glücks. »Endlich frei! Ich kann heute Abend mit meinem Mann ins Kino gehen!« Furchtbare Freude! Sogleich fühlte sie die Last der Scham. »Ich schäme mich, weil ich glücklich bin, dass meine Mutter tot ist.«

Es ist ethisch korrekt, unter dem Tod der Menschen zu leiden, die man liebt; es ist beschämend, Freude über ihr Ableben zu empfinden.

Man überwindet das Schuldgefühl nicht, man passt sich daran an, um weniger zu leiden. Also wendet man aufwändige Strategien der Buße, der Selbstbestrafung oder des oberflächlichen Loskaufs an. »Ich tue mir weh, weil ich jemandem weh getan habe«, denkt ein Mensch, der sich an den Urteilssprüchen seines inneren Gerichts orientiert. Er versteht nicht, warum er sich bestraft; er ist sich nicht darüber im Klaren, weil so viel Verdrängung verhindert, dass er sich dessen bewusst wird. Und wenn er das Bild seiner Schuld aus dem Nebulösen hervortreten lässt, schlägt er sich an die Brust und erklärt immer wieder: »Es ist meine Schuld, meine große Schuld.« Ich habe noch nie jemanden sagen hören: »Es ist meine Scham, meine große Scham«, aber ich habe oft gesehen, wie Beschämte ihr Gesicht hinter den Händen verbargen, als wollten sie mit dieser Geste sagen: »Es ist mir unerträglich, dass Sie mich in diesem Zustand sehen. Ihr Blick durchbohrt mich, er dringt bis zu meinem erbärmlichen Inneren durch.«

DIE SCHAM UND IHR GEGENTEIL

Man passt sich an die Scham an – indem man ausweichende Verhaltensweisen annimmt, sich vergräbt oder sich zurückzieht. All das beeinträchtigt die Beziehungen. Und doch wird man am Ende immer aus der Scham heraustreten, wie man aus einem Erdloch heraustritt. Mit zunehmendem Alter wird sie schwächer, weil man selbst stärker und selbstsicherer geworden ist und die eigene Persönlichkeit ausgeprägter zutage tritt; man akzeptiert sich so, wie man ist, und gesteht damit dem Blick der anderen weniger Macht zu. Die Scham ist weniger heftig, weil die nun abgeschwächten Emotionen leichter zu beherrschen sind. Aber es kommt sogar vor, dass die Scham sich in ihr Gegenteil verkehrt und den Ausdruck von Überlegenheit annimmt.

Neulich abends in Bordeaux erzählte eine Frau bei einer Zusammenkunft in der Synagoge, dass sie als Kind während des Zweiten Weltkriegs ihren Namen ändern musste, um dem Tod zu entgehen. Sie konnte nur überleben, weil sie ihre jüdische Herkunft verbarg, aber sie verging fast vor Scham, wenn sie täglich hörte, wie die rechtschaffenen Bauern, die ihr Schutz gaben, darüber klagten, wie schlecht es ihnen finanziell wegen der Juden gehe, die Schuld an diesem Krieg hätten. Nach der Befreiung von der deutschen Besatzung verbarg sie, die einzige Überlebende ihrer Familie, auch weiterhin ihr Judentum, weil sich so viel Scham in ihr Gedächtnis eingegraben hatte. Vage dachte sie: »Ich habe einer jüdischen Familie angehört, die für das Unglück dieser rechtschaffenen Menschen verantwortlich war – der Menschen, die mich bei sich versteckten. Es genügt, nicht zu verraten, dass ich Jüdin bin, damit alle Welt mich liebt. Aber wenn ich über meine Herkunft sprechen würde, müssten mich die Menschen, die ich liebe, mit Feindseligkeit betrachten.« Vom Geheimhalten, das ihr während des Krieges das Leben gerettet hatte, war sie zum Verschweigen übergegangen; so konnte sie in Harmonie mit den Menschen leben, die ihr nahestanden. Sie hätte lieber ihre Herkunft offenbart und kein Geheimnis mehr daraus gemacht, aber dazu hätte ihre Umgebung ihr das Recht, darüber zu reden, geben müssen.

Eines Tages, mit 60 Jahren, als sie gerade bei ihrer Nachbarin Tee trank, sagte sie plötzlich: »Wissen Sie, ich bin Jüdin.« Da dieses »Geständnis« keinerlei Bezug zu dem Thema hatte, über das die beiden Frauen gerade sprachen, war die Nachbarin einfach darüber hinweggegangen und hatte die Unterhaltung fortgesetzt. Aber anhand dieser simplen Erklärung war der jüdischen Frau soeben bewusst geworden, dass ihr innerer Gegner endlich zum Schweigen gekommen war. Und bei jeder Zusammenkunft sagte sie seitdem: »Wissen Sie, ich bin Jüdin.« Die Nachbarinnen begannen nun, sich für die Schoah zu interessieren, denn auch die Gesellschaft hatte sich geändert und mit ihr die Berichterstattung über das, was sich damals in dieser Region zutrug. Einige Menschen meinten, diese Frau wolle unbedingt Aufmerksamkeit auf sich ziehen; sie hielten das für Arroganz, was für sie selbst einfach nur Freude über ihre neu entdeckte Freiheit war.

Das Wort »Scham« kann aber auch genau das Gegenteil bedeuten: Stanislas Tomkiewicz kam 1925 in Warschau auf die Welt – eine ungünstige Zeit, um als Jude geboren zu werden. In der Zeit der Verfolgungen wurde er ins Warschauer Ghetto gesperrt und danach in ein Vernichtungslager deportiert. Nach der Befreiung wurde er, ein Jugendlicher, der damals fast im Sterben lag, vom Roten Kreuz nach Frankreich gebracht. Einige Jahrzehnte später erhielt er, jetzt Psychiater von internationalem Ruf, eine Einladung nach Jerusalem. Entsetzt, ja versteinert musste er mit ansehen, wie israelische Soldaten die Araber kontrollierten, und murmelte: »Es fängt wieder an … Es fängt wieder an …« Er, der gewöhnlich so heiter war, wurde mürrisch und verdrießlich. »Ich empfinde Scham darüber, Jude zu sein«, sagte er. Aber das Wort »Scham« bezeichnete bei ihm durchaus nicht dasselbe Gefühl wie bei der Frau aus Bordeaux. Wenn sie »Scham« sagte, rief sie eine Emotion gefährlicher Schwäche wach, die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die gedemütigt und in den Schmutz gezogen worden war. Aber wenn Stanislas dieses Wort verwendete, wollte er sagen, dass er stolz war, Scham zu empfinden – so, als habe er erklärt: »Ich stelle mich nicht auf die Seite der Angreifer. Ich weiß nur allzu gut, was das ist. Es erinnert mich an Warschau, es fängt wieder an.« Indem er sagte, er fühle sich beschämt, brachte er seinen Stolz darüber zum Ausdruck, dass er Partei für die Unterdrückten ergriff. Obwohl er einer Gruppe von Herrschenden angehörte, distanzierte er sich mit dieser Äußerung von

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