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1870/71: Die Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges erzählt in Einzelschicksalen

1870/71: Die Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges erzählt in Einzelschicksalen

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1870/71: Die Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges erzählt in Einzelschicksalen

Länge:
971 Seiten
12 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 17, 2019
ISBN:
9783955101763
Format:
Buch

Beschreibung

Im Juli 1870 ziehen Hunderttausende in einen Krieg, der die Landkarte Europas verändern wird. Manche von ihnen erwarten ein Abenteuer, andere haben Sorge um ihr Leben oder die Zukunft ihrer Familie, doch die meisten Männer auf beiden Seiten tun einfach nur das, was sie für ihre Pflicht halten.
Der Deutsch-Französische Krieg von 1870 bis 1871 rundet als letzter der drei sogenannten "Einigungskriege" den blutigen Weg zur Gründung des deutschen Nationalstaats ab. Bewusst von Otto von Bismarck provoziert, erklärt das Second Empire Napoleons III. Preußen den Krieg. Doch die preußische Militärmacht besiegt gemeinsam mit den Verbündeten – u. a. aus Bayern, Württemberg und Baden – in großen Schlachten die Truppen des Kaiserreichs. Dieser Krieg wird von beiden Seiten mit äußerster Brutalität geführt und in vielen Punkten verweist er schon auf den technisierten und nationalistisch aufgeladenen Horror des Ersten Weltkriegs. Für die Gründung des Deutschen Reichs und die Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles sterben bis Ende des Krieges fast 200 000 Menschen.
Im kollektiven historischen Gedächtnis der Deutschen ist der Krieg von 70/71 von der Erinnerung an die Weltkriege beinah vollständig überlagert worden. Dabei prägen bis heute Bismarckstatuen, Weißenburgstraßen, Sedanplätze, Denkmäler mit brüllenden Löwen, Lorbeerkränzen, "Eisernen Kreuzen" den öffentlichen Raum vieler deutscher Städte und Dörfer.
Das Buch zeichnet ein Panorama des Krieges aus Sicht der "kleinen Leute" und der "großen Lenker". Es macht komplizierte Zusammenhänge verständlich und lässt vor allem Menschen und ihre Geschichte wieder lebendig werden. So begleiten den Leser viele Zeitzeugen: Könige, hohe Militärs, einfache Soldaten,Krankenschwestern, Maler, Geistliche, Diplomaten, Gesellschaftstheoretiker, Journalisten und Literaten.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 17, 2019
ISBN:
9783955101763
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

1870/71 - Tobias Arand

Personenverzeichnis

Vorgestellte Personen

François-Achille Bazaine, Marschall von Frankreich

Sarah Bernhardt, Schauspielerin in Paris

Otto von Bismarck, preußischer Ministerpräsident, preußischer Außenminister, später Kanzler des ›Deutschen Reichs‹

Albert Böhme, Braunschweigisches Infanterie-Regiment Nr. 92

Friederike Böhme, Arbeiterin in der Druckerei und Verlagsbuchhandlung Westermann Braunschweig

Paul Bronsart von Schellendorf, Oberstleutnant, Chef der Operations-Abteilung im ›Großen Generalstab‹

Dr. Moritz Busch, Bismarcks persönlicher Pressereferent

Baron Athanase Charles Marie de Charette de La Contrie, Offizier der ›Päpstlichen Zuaven‹

Dr. Wilhelm Dähne, Praktischer Arzt in Ketzin, Unterarzt im Magdeburgischen Füsilier-Regiment Nr. 36

Wilhelm Dinesen, Leutnant der dänischen Armee, Abenteurer, Kriegsfreiwilliger, Hauptmann im Stab des XVIII. französischen Armeekorps

Friedrich Engels, Journalist, Gesellschaftstheoretiker, Revolutionär

Eugénie, Kaiserin der Franzosen

Jules Favre, Vizepräsident und Außenminister in der ›Regierung der nationalen Verteidigung‹

Theodor Fontane, Schriftsteller und Journalist

Friedrich Wilhelm von Preußen, Kronprinz, Oberbefehlshaber der 3. Armee

Edmond de Goncourt, Schriftsteller

David Guyot, Linienregiment Nr. 73

Heinrich Heidemann, 5. Brandenburgisches Infanterie-Regiment Nr. 48

Paul von Hindenburg, Leutnant im 3. Garderegiment zu Fuß

Maurice d’Irisson, Comte d’Hérisson, Diplomat und Reserveoffizier der Mobilgarde

Karl Klein, Pfarrer der evangelischen Gemeinde von Fröschweiler

Hans von Kretschman, Major im Generalstab des III. Armeekorps der 2. deutschen Armee

Alfred Krupp, Industrieller in Essen

Florian Kühnhauser, Königlich-Bayerisches Leibregiment

Heinrich Lang, Kunstmaler im Stab des II. bayerischen Armeekorps

Friedrich Mampel, freiwilliger Fuhrmann aus Kirchheim bei Heidelberg

Napoleon III., Kaiser der Franzosen

Friedrich Nietzsche, Professor für Klassische Philologie an der Universität Basel

Martin Nowak, Westfälisches Füsilier-Regiment Nr. 37

Ludwig Pietsch, Reiseschriftsteller, Maler, Berliner ›Gesellschaftslöwe‹

Franz Plitt, 3. Kurhessisches Infanterie-Regiment Nr. 83

William Howard Russell, Kriegsreporter der ›Times‹

Siegismund Samuel, Vizefeldwebel, dann Leutnant, Westfälisches Füsilier-Regiment Nr. 37

Charles Sarazin, Professor für Chirurgie an der Universität Straßburg, Leitender Militärarzt

Philip Henry Sheridan, General der US-Streitkräfte

Anton von Werner, Historienmaler

Wilhelm I., König von Preußen, Vorsitzender des ›Norddeutschen Bundes‹, später ›Deutscher Kaiser‹

Julie von Wöllwarth, Diakonissin im Diakonissenhaus Stuttgart, freiwillige Helferin in der Verwundetenpflege

Johann Zeitz, Geschäftsmann, Vater von Karl und Theodor Zeitz

Karl Zeitz, 2. Thüringisches Infanterie-Regiment Nr. 32

Abb. 1: Anton von Werner, Die Proklamierung des deutschen Kaiserreichs, sog. ›Friedrichsruher Fassung‹, 1885

»Hurra!« – Die Geburt des Reichs aus dem Geist des Krieges

18. Januar 1871, Schloss Versailles, besetztes Frankreich, einen Tag vor einem weiteren vergeblichen Ausbruchsversuch des belagerten Paris, etwas mehr als eine Woche vor dem Waffenstillstand: Im berühmten Spiegelsaal des französischen Königsschlosses kommen die Mitglieder des deutschen Hochadels aus Preußen, Württemberg, Sachsen, Baden, Bayern, Hessen sowie der übrigen Staaten des ›Norddeutschen Bundes‹ zu einem feierlichen Akt zusammen. Mit dabei sind die militärischen Eliten ihrer Länder, Oberkommandierende, Generale, Offiziere. Einige einfache Soldaten sind ebenfalls anwesend. Insgesamt versammeln sich um die 600 Militärs in der ›Galerie des Glaces‹. Die meisten Anwesenden in Versailles sind Vertreter der weitaus größten deutschen Militärmacht: Preußen. Wenige ausländische Gesandte sind ebenfalls geladen. Auch ein irischstämmiger Journalist, von dem in diesem Buch noch häufiger die Rede sein wird, ein junger preußischer Offizier, der als alter Mann verhängnisvolle deutsche Geschichte mitgestalten sollte, und ein Maler am Beginn seiner großen Karriere wollen dem Festakt beiwohnen. Sie alle nehmen an einer Zeremonie teil, von der einige Beteiligte später berichten werden, dass sie überaus nüchtern, kalt und prunklos verlaufen sei.

Zuerst verfolgen die Anwesenden eine langatmige protestantische Predigt. Anschließend betreten die Fürsten am Ende des Saals ein provisorisches Holzpodest. In ihrem Rücken stehen die Fahnen der siegreichen deutschen Regimenter, zu ihren Seiten wachen preußische Gardekürassiere. Unterhalb des Podests stellt sich nun Otto von Bismarck, der preußische Ministerpräsident und Kanzler des ›Norddeutschen Bundes‹, in die Mitte der wartenden Militärs und verliest mit einer für seinen mächtigen Körper überraschend hohen Stimme eine Proklamation, an deren Inhalt sich später kaum einer der Beteiligten noch zu erinnern vermochte. Nun aber naht der Höhepunkt des Tages: Nachdem Bismarck geendet hat, treten der preußische König, Wilhelm I., sein Sohn, Kronprinz Friedrich Wilhelm, und der Großherzog Friedrich I. von Baden auf dem Podest hervor. Der Großherzog wirft seinen rechten Arm in die Luft und ruft: »Kaiser Wilhelm lebe hoch!« Das deutsche Kaiserreich ist proklamiert. Die Menge jubelt, brüllt »Hurra!«, schwenkt mit begeistert gezogenen Säbeln Helme und Mützen. Die Hochrufe pflanzen sich vom Spiegelsaal durch die Reihen deutscher Soldaten im riesigen Schloss bis hinaus in den Park fort, wo Tausende weiterer Soldaten warten. Nur der preußische König, nun auch ›Deutscher Kaiser‹, schaut grimmig und würdigt den Architekten des neuen Reichs, würdigt Bismarck keines Blickes.

*

Der erwähnte Maler in der Menge der freudigen Militärs heißt Anton von Werner. Im Jahr 1871 mit 27 Jahren noch wenig bedeutend, wird er während des Ersten Weltkriegs als der einflussreichste deutsche Historienmaler sterben. Er hält das Ereignis mit jenem Monumentalgemälde fest, das wohl als die ›Ikone‹ zur Kaiserproklamation bezeichnet werden darf. Diese sogenannte ›Friedrichsruher Fassung‹, die von Werner im Auftrag des Kaisers als Geburtstagsgeschenk für Bismarck im Jahre 1885 anfertigte, prägt bis heute die Vorstellung des Ereignisses und spiegelt zugleich die damals offiziell gewünschte Sicht auf dieses Ereignis wider. Das Gemälde fehlt bis heute in keinem deutschen Geschichtsschulbuch. Hier sehen wir das deutsche Militär in seiner ganzen Pracht. Im ›bunten Rock‹ jubeln die Vertreter der aristokratischen, mehrheitlich preußischen Elite über ihren Sieg und über die ›von oben‹ vollzogene deutsche Einheit. Sie jubeln außerdem über die endgültige Überwindung der revolutionären Ideale von 1848/49.

Doch so interessant wie bezeichnend ist auch, was das Gemälde nicht zeigt: Die feierliche Proklamation fand eigentlich in einem Lazarett statt. William Howard Russell, der irischstämmige Kriegsberichterstatter der ›Times‹, berichtet darüber in mitfühlenden Worten und ganz ohne britisches Understatement: »Der Spiegelsaal, noch vor zwei Tagen Schauplatz imperialer Prachtentfaltung, ist nun ein Jammertal. Schmale Bettgestelle, mit jeweils einem schwer verwundeten Insassen, stehen nebeneinander an der Wand, und die unparteiischen, fühllosen Spiegel, die den Saal schmücken, zeigen bleiche Gesichter oder reglose Gestalten und Schwestern und Krankenpflegerinnen, die geisterhaft die Straße des Schmerzes und des Leidens entlang huschen.«¹

Für den jungen preußischen Offizier Paul von Hindenburg war der Tag der Proklamation im Spiegelsaal von Versailles einer der Höhepunkte seines Lebens, wie er sich noch als alter Mann und zweiter deutscher Reichspräsident erinnern wollte: »Am erhebendsten und zugleich ergreifendsten wirkte selbstredend die Person meines Allergnädigsten Königs und Herrn. Seine ruhige, schlichte, alles beherrschende Würde gab der Feier eine größere Weihe als aller äußerer Glanz. Die herzenswarme Begeisterung für den erhabenen Herrscher war aber auch bei allen Teilnehmern, welchem deutschen Volksstamme sie auch angehörten, gleich groß.«²

*

Die hier am Beispiel der Kaiserproklamation geschilderten Widersprüchlichkeiten zwischen dem blutigen Geschehen, seiner Wahrnehmung und der Erinnerung sind typisch für die Ambivalenz des ganzen Krieges von 1870/71. So ist er für fast 190 000 französische und deutsche Männer ein todbringendes, für weitere Hunderttausende ein traumatisches Erlebnis, aber auch das Mittel zur sehnsüchtig erwarteten Einheit. Er ist das als glorreich erinnerte Erlebnis aus ›Eisen und Blut‹, in dem die deutschen Einzelstaaten zu etwas Gemeinsamem verschmolzen, und zugleich für viele gleichermaßen die verfluchte Einigkeit von lediglich fürstlichen Gnaden. Der Krieg nimmt Frauen und Kindern den Ehemann und Vater, er gibt vielen Deutschen alljährlich Anlässe zu Gedenkfeiern, Denkmalsenthüllungen, Trinksprüchen und -gelagen.

*

Der Krieg von 1870/71 rundet als letzter der drei deutschen sogenannten ›Einigungskriege‹ eine Entwicklung ab, die in der Gründung jenes ›Deutschen Reichs‹ gipfelte, das für den Gang des 20. Jahrhunderts von verhängnisvoller Bedeutung werden sollte. Betrachtet man das deutsche Kaiserreich von seinem Ende her, muss man es als gescheitert betrachten. Am Tag der erzwungenen Abdankung Kaisers Wilhelms II. und einen Tag vor seiner Flucht ins niederländische Exil wird am 9. November 1918 die deutsche Republik ausgerufen. Zwei Tage später, am 11. November 1918, unterzeichnen zivile Vertreter der provisorischen, nun republikanischen deutschen Regierung im Wald von Compiègne den Waffenstillstand und beenden so vorerst den vom Kaiserreich hauptsächlich, wenn auch keineswegs allein vom Zaun gebrochenen Ersten Weltkrieg. Im Juni 1919 erfolgt dann in einem Akt der Revanche im Spiegelsaal von Versailles die endgültige Demütigung des ›Deutschen Reichs‹ durch die Siegermächte England, USA, Italien und Frankreich. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit werden die deutschen Vertreter beim Akt der Unterzeichnung nicht nur protokollarisch entwürdigt, sondern zugleich gezwungen, einen Vertrag zu unterschreiben, den die große Mehrheit der Deutschen, quer durch die Parteien und gesellschaftlichen Schichten, als schändlichen ›Diktatfrieden‹ empfindet. Diese Demütigung trifft die junge Republik, meint aber doch das im Kriegstriumph gegründete Kaiserreich und seine alten Eliten. Als entscheidende Kraft bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 gebrandmarkt, erlegt der Frieden von Versailles Deutschland nicht nur große moralische Schuld, sondern auch hohe Reparationen und erhebliche Gebietsverluste auf. Nach nur 47 Jahren kaiserlicher Herrschaft sind die Deutschen wirtschaftlich ausgeblutet, um Millionen verwundeter oder getöteter Männer sowie ungezählte durch Kriegswinter und englische Seeblockade verhungerte Zivilisten ärmer, von der Welt verachtet, verschuldet, territorial verkleinert und von tiefer innerer, revolutionärer Zerrissenheit geprägt.

*

Wäre die verhängnisvolle ›Machtergreifung‹ Adolf Hitlers, der schließlich zu Beginn ganz wesentlich mit dem Versprechen Erfolg hatte, das vermeintliche ›Schanddiktat‹ und seine Folgen zu revidieren, ohne Versailles 1871 denkbar gewesen? Diese sicher etwas überspitzte Frage ist schon ähnlich gestellt worden. In diese Richtung dachte zum Beispiel der deutsche Historiker Fritz Fischer, der in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts eine nach ihm benannte berühmte Kontroverse begann, als er behauptete, schon im Ersten Weltkrieg habe das Kaiserreich den Nationalsozialismus vorwegnehmende Weltmachtpläne geschmiedet. Und die Mantelnote des Versailler Friedensvertrages von 1919 machte vor allem auf französische Initiative hin tatsächlich den ›preußisch-deutschen‹ Militarismus für den Ersten Weltkrieg und seine Auswüchse verantwortlich. Darüber, dass der Erste Weltkrieg die unbedingte Voraussetzung für den Zweiten Weltkrieg war, herrscht heute Einigkeit. Manche Historiker zogen aber auch direkte Kontinuitätslinien von Friedrich II. von Preußen über Otto von Bismarck, Kaiser Wilhelm II. bis zum ›Führer‹ Adolf Hitler und verknüpften auf diese einseitige Weise das Preußen des 18. Jahrhunderts mit dem sogenannten ›Dritten Reich‹. Die spezifische Rolle des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 als militärisches Ereignis, als Erfahrungsraum mehrerer Millionen Männer und einer ungenannten Zahl von Zivilisten sowie als Gegenstand kollektiver wie individueller Erinnerung ist bei diesen Überlegungen zu den Wurzeln des ›Hitlerismus‹ jedoch nur am Rande bedacht worden.

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Dennoch soll hier nicht der negative Fixpunkt deutschen Geschichtsbewusstseins, der ›untote‹ Hitler, im Mittelpunkt stehen oder eine einfache Erklärung für komplexe Zusammenhänge gefunden werden. Es geht um den drittletzten Krieg, den Deutschland in Europa geführt hat und der zugleich der letzte Sieg des Reichs war. Dieser Krieg wird als militärisches Ereignis dargestellt, dabei aber eingeordnet in den politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Kontext seiner Zeit. Wie bei jeder Geschichtsschreibung werden dabei nur Interpretationsangebote gemacht, denen andere, sicher ebenso gültige Angebote mit gleichem Recht gegenüberstehen könnten. Es gibt nicht die Geschichte eines historischen Ereignisses.

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Eine präzise und zusammenhängende Gesamtdarstellung des in vielen Punkten und Details erstaunlich modern und aktuell wirkenden Krieges von 1870/71 als militärisches Großereignis fehlt für den deutschen Sprachraum seit Jahrzehnten. Nach Theodor Fontanes zeitgenössischer Darstellung, die bis heute stilistisch unerreicht ist, den Tausenden von Regimentsgeschichten, Jubelbüchern, Quellensammlungen und persönlichen Erinnerungen, die in der Kaiserzeit erschienen sind, widmeten sich deutschsprachige Werke, die aus Anlass des 100. Jahrestages im Jahr 1970 vor dem Hintergrund des damals noch nicht lange überwundenen ›Dritten Reichs‹ publiziert wurden, insbesondere kritisch dem preußischen Militarismus sowie den diplomatischen Zusammenhängen. Operationsgeschichte fand 1970 lediglich in einem vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt herausgegebenen Sammelband statt. Ein Band mit Einzelstudien zu militärischen Problemen des Feldzugs 1870/71 ohne Anspruch einer Gesamtdarstellung wurde auf Deutsch zuletzt 2009 veröffentlicht. Eine umfassende moderne Darstellung des Krieges im Rahmen politischer, wirtschaftlicher, sozialer und militärischer Fragen wurde nicht zufällig von einem englischen Autor populär-militärgeschichtlicher und biografischer Werke herausgebracht. 1965 stellte der Journalist Alistair Horne sein dickleibiges Werk ›The Fall of Paris‹ vor, das 1967 unter dem Titel ›Es zogen die Preußen wohl über den Rhein‹ auch in Deutschland bekannt wurde. Hornes Buch – in Teilen ähnlich anekdotisch wie Fontanes Darstellung – bot ein buntes und packendes Panorama des Krieges und der Ereignisse der Pariser ›Kommune‹. Im Jahr 1970 legte der deutsche Publizist und Historiker Franz Herre eine 318 Seiten umfassende, populärwissenschaftliche Darstellung vor, die den Titel ›Anno 70/71‹ trug. Größeres Interesse als in Deutschland findet der Krieg von 70/71 bis heute in Frankreich, wo man diesen allerdings häufig irreführend als ›guerre franco-prussienne‹ bezeichnet. Hier erschienen in den letzten Jahrzehnten mehrere Überblickswerke.

Das Interesse an Militärgeschichte ist nach zwei verlorenen Weltkriegen und einer entsprechend kritischen Geschichtskultur in Deutschland – anders als im europäischen Ausland – nicht ohne Grund auch gegenwärtig wenig ausgeprägt. Doch wie stünde die deutsche Geschichtswissenschaft da, wenn sie sich nur solchen Themen widmen würde, die sie glaubt, moralisch verantworten zu können? Man muss Kriege nicht mögen, um in ihrem Studium trotzdem Erkenntnisse zum Verständnis der Gegenwart und zu ihrer kritischen Beurteilung zu gewinnen.

*

Dieses Buch wendet sich weniger an den professionellen Geschichtswissenschaftler, sondern an jeden historisch Interessierten. Es versucht, komplizierte Zusammenhänge ohne unnötigen Ballast verständlich zu machen und so den Vorbildern Fontanes und Hornes nachzueifern. Dabei kommt es zwangsläufig zu Verknappungen, Auslassungen, vielleicht sogar zu unstatthaften Verkürzungen. Auch auf die im wissenschaftlichen Kontext üblichen Literaturverweise durch Fußnoten im Text wird hier – außer bei direkten Zitaten – im Interesse der Verständlichkeit und Lesbarkeit verzichtet. Die gesamte Literatur und alle Quellen – darunter vor allem gedruckte Erinnerungsbücher, Regimentsgeschichten, edierte Briefe –, die hier Verwendung fanden, werden in der angehängten Literaturliste aufgeführt. Selbstverständlich stützt sich jede historische Erzählung auf Quellen, aber ebenso auf die älteren historischen Erzählungen anderer. Dieses Buch versteht sich weniger als ein wissenschaftliches Werk, es will ein Lesebuch im Wortsinne sein.

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Nicht nur Verknappung, auch Personalisierung ist eine mit Recht in der Fachwissenschaft kontrovers diskutierte Methode, um das Handeln und Fühlen schon lange verstorbener Menschen dem heutigen Leser näherzubringen. In der Personalisierung liegen die Gefahren der Eindimensionalität, der übertriebenen Emotionalisierung und des Verlustes eines scharfen Blicks für die Strukturen. In der Personalisierung liegt aber überdies der Vorzug, nicht von Abstraktionen, sondern Menschen, die tatsächlich gelebt haben, ihren Sorgen, Freuden, ihrem Alltag für jedermann verständlich schreiben zu können. Und wie soll eine solch fundamentale Erfahrung, wie sie ein Krieg darstellt, geschildert werden, wenn nicht über die Erlebnisse, Gefühle und Ansichten der unmittelbar am Krieg beteiligten Menschen? So begleiten den Leser nun viele Zeitzeugen, die den Krieg von 1870/71 erlebt haben: Könige, hohe Militärs, Krankenschwestern, Maler, Geistliche, einfache Soldaten, Diplomaten, Gesellschaftstheoretiker, Journalisten, Literaten, Handwerker … Hören wir ihnen zu und schauen, was sie uns noch zu sagen haben.

»Es prickelte mich ordentlich […]« – Menschen ziehen in den Krieg

Eine scharf kritisierende Darstellung des Kriegsausbruchs und der Stimmung in Paris im Juli 1870 gibt wenige Jahre später der berühmte literarische Chronist des Zweiten Kaiserreichs, Émile Zola. Wie schon in seinen anderen Werken, zum Beispiel im Bergarbeiterepos ›Germinal‹, schildert er auch in seinem 1879 erschienenen Roman ›Nana‹ mit genauem Blick die Jahre unter Kaiser Napoleon III. ›Nana‹ erzählt das Leben der gleichnamigen Kurtisane, die sich durch die moralisch verdorbene, dekadente Pariser Oberschicht des Kaiserreichs ›schläft‹. Die vergnügungssüchtigen letzten Jahre des Second Empire, angefüllt von Jacques Offenbachs Operettenmelodien und Cancan-Tänzen, finden hier ihre ätzende Kritik. Während die an den Blattern qualvoll verstorbene Nana auf dem Totenbett liegt, dringt der durch die Kriegserklärung an Preußen verursachte patriotisch-lärmende Aufruhr auf den Straßen von Paris in ihr Sterbezimmer. Nanas schon verwesender Körper ist das Symbol für das gleichsam verwesende Kaiserreich und die Schreie der Kriegstobenden sind nur die letzten Zuckungen eines Regimes, das in wenigen Wochen in einem Chaos aus Tod, zerrissenen Körpern und Kanonendonner versinken wird. Die Kurtisane Lucy blickt nachdenklich aus dem Fenster zum Boulevard hinunter: »Traurigkeit schnürte ihr nach und nach die Kehle zu, als stiege eine tiefe Melancholie von dieser heulenden Menge auf. Noch immer zogen Fackeln vorbei und sprühten einen Funkenregen hinter sich her; in der Ferne wogten die Menschenhaufen und drängten sich bis weit in die Finsternis hinaus wie Viehherden, die man des Nachts zur Schlachtbank führt; und dieses Getümmel, diese wirren Massen, dahingetragen von der Flut, hauchten Entsetzen und maßlose Angst vor künftigen Metzeleien aus. Sie betäubten sich, ihre Schreie zerschellten in fiebrigem Wahnsinn, und so stürzten sie auf das Unbekannte zu, das dort fern hinter der schwarzen Wand des Horizonts lag: ›Nach Berlin!, Nach Berlin!, Nach Berlin!‹«³ Es sind die letzten Worte des Romans, die mit dem Zweiten Kaiserreich bildhaft abrechnen: »Nana blieb allein, das Gesicht nach oben gekehrt im hellen Schein der Kerze. Es war nur noch ein schmählicher Überrest, eine feuchte, blutige Masse, ein Haufen verfaulendes Fleisch, das dort hingeworfen auf dem Kissen lag. Die Blattern hatten das ganze Gesicht überzogen, eine Eiterbeule saß dicht neben der andern; vertrocknet und eingesickert wirkten sie schon, wie wenn Schimmel über die Erde wächst auf diesem formlosen Brei, der keine Gesichtszüge mehr erkennen ließ. […] Und über diese grauenhafte, groteske Maske des Nichts flutete das Haar, ihr herrliches Haar, und schimmerte noch immer in seinem Sonnenglanz wie ein Geriesel von Gold. Venus löste sich auf. Es schien als wäre das Gift, das sie vom Aas aus der Gosse mitgebracht, dieser Gärstoff, mit dem sie ein Volk verseucht hatte, ihr jetzt ins Gesicht gestiegen und hätte es in Fäulnis zersetzt. Das Zimmer war leer. Ein ungeheurer Hauch der Verzweiflung stieg vom Boulevard empor und bauschte den Vorhang: ›Nach Berlin! Nach Berlin! Nach Berlin!‹«⁴

Als in der zweiten Julihälfte 1870 der Krieg erklärt ist, werden in Frankreich und in allen deutschen Ländern Millionen Männer im wehrfähigen Alter in Bewegung gesetzt, um sich auf den noch unbekannten Schlachtfeldern gegenseitig umzubringen. Am Ende des Krieges werden insgesamt fast drei Millionen Männer mobilisiert worden sein. Sie bilden die größten Armeen ihrer Zeit. Pathetische Proklamationen in Frankreich, nüchterne Appelle an die Pflicht, aber auch die Beschwörung göttlichen Beistands in Deutschland gehen der Mobilisierung voraus. Die Propaganda beider Seiten gibt jedem Kämpfer die Argumentation für seine Kriegsteilnahme vor. Napoleon III. lässt am 22. Juli in gewagter Logik verkünden, Krieg führen zu wollen, um künftige Kriege zu verhindern – ein so unaufrichtiges wie naives Konzept, unter dem Jahrzehnte später im Ersten Weltkrieg wieder alliierte Soldaten in den Kampf gegen die Mittelmächte gehetzt werden sollten. Wie schon die Truppen der Französischen Revolution des späten 18. Jahrhunderts werden auch Napoleons Soldaten dazu aufgerufen, den Deutschen die ›Zivilisation‹ zu bringen: »Wir führen den Krieg nicht gegen Deutschland, dessen Unabhängigkeit wir achten. Wir sind von dem Wunsche beseelt, daß die Völker, welche die große germanische Nationalität ausmachen, frei über ihre Geschicke verfügen sollen. Was uns angeht, so verlangen wir die Herstellung eines Standes der Dinge, der unsere Sicherheit gewährleistet und die Zukunft sichert. Wir wollen einen dauerhaften, auf die wahren Interessen der Völker begründeten Frieden erobern und diesem prekären Zustand ein Ende machen, in welchem alle Nationen ihre Hilfsquellen darauf verwenden, sich gegeneinander zu töten. Die glorreiche Fahne, die wir noch einmal denen gegenüber entfalten, die uns herausfordern, ist dieselbe, die durch Europa die zivilisatorischen Ideen unserer großen Revolution trug. Sie vertritt dieselben Prinzipien; sie wird dieselben Gefühle der Hingebung einflößen.«⁵ Der Aufruf Wilhelms I. vom 31. Juli atmet hingegen preußische Nüchternheit und protestantische Frömmigkeit. Um die innere Einheit herzustellen, erlässt er eine Amnestie für politische Gefangene: »Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr für Deutschlands Ehre und für Erhaltung unserer höchsten Güter zu kämpfen, will Ich, im Hinblick auf die einmütige Erhebung Meines Volkes, eine Amnestie für politische Verbrechen und Vergehen erteilen. […] Mein Volk weiß mit mir, daß Friedensbruch und Feindschaft wahrhaftig nicht auf unserer Seite war [sic!]. Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unseren Vätern und in fester Zuversicht auf Gott, den Kampf zu bestehen zur Errettung des Vaterlands.«⁶

Auf beiden Seiten kämpfen aktive Wehrpflichtige, Berufssoldaten, Freiwillige und Reservisten. Im ›Norddeutschen Bund‹ und in den Ländern, die mit Preußen ab 1867 Militärkonventionen abgeschlossen haben, herrscht theoretisch Wehrpflicht für alle Männer vom vollendeten 17. bis zum 45. Lebensjahr. Nach der aktiven Zeit, die je nach Truppengattung zwei bis drei Jahre beträgt, hat jeder ehemalige Wehrpflichtige noch eine Reservepflicht von in der Regel vier bis fünf Jahren abzuleisten. Da allerdings mehr Wehrpflichtige als Wehrstellen zur Verfügung stehen, wird gelost, wer zum Wehrdienst antreten muss. Durch das Los bestimmte, taugliche Wehrpflichtige eines Jahrgangs unterliegen bis zum 32. Lebensjahr der Ersatzreservepflicht. Allerdings sind es häufig junge Männer aus dem gehobenen Bürgertum, die von der Wehrpflicht freigestellt werden. Von den wehrpflichtigen Jahrgängen werden in Friedenszeiten nie mehr als 50 Prozent in die Kasernen einberufen. Alle ehemaligen Aktiven und Reservepflichtigen treten nach Ablauf ihrer Dienstpflichten dem Landsturm bei. Im zivilen Leben vielleicht Lehrer, einfacher Arbeiter oder Bankkaufmann müssen viele Reservisten nun ihre vor Jahren im Wehrdienst erlernten militärischen Kenntnisse bemühen, wollen sie den Krieg überleben. Auch die körperliche Verfassung vieler ›Teilzeitsoldaten‹ wird jetzt durch Gewaltmärsche und die Unbilden des Wetters häufig auf die Probe gestellt. Doch nicht nur Menschen, ebenso Pferde, Munition, Verpflegung und Gerät müssen in kurzer Zeit organisiert und an die Grenze des jeweiligen Feindes gebracht werden. Reservisten erhalten eine Nachricht von der für sie zuständigen Dienststelle, den sogenannten ›Gestellungsbefehl‹. In ländlichen Gebieten ergeht der Gestellungsbefehl für die Männer eines Dorfes oft an den jeweiligen Ortsvorsteher, der dann von Haus zu Haus geht, um die Nachricht zu überbringen. Der Gestellungsbefehl gibt genaue Angaben, zu welchem Ort der Wehrpflichtige kommen muss, um gemustert, eingekleidet und für den Kriegsfall vorbereitet zu werden. Viele Reservisten trifft der Gestellungsbefehl im Ausland oder bei wichtigen Geschäften. Dem Gestellungsbefehl ist jedoch unter allen Umständen Folge zu leisten. Fernbleiben gilt als Fahnenflucht und wird mit Gefängnis, manchmal mit dem Tod bestraft.

Für viele Familien ist der zeitweilige Verlust des Ernährers ein großes Problem, so zum Beispiel für die Familie des Tischlergesellen Albert Böhme. Böhme ist 24 Jahre alt und hat gerade seine Frau Friederike geheiratet. Friederike ist schwanger. Ein erstes, noch uneheliches Kind der beiden ist bereits verstorben. Beide Eheleute müssen hart arbeiten, um sich einen sehr bescheidenen Lebensunterhalt am Rande des Existenzminimums sichern zu können. Friederike Böhme, geborene Oppermann, arbeitet in der Buchdruckerei und Verlagsbuchhandlung von Georg Westermann in Braunschweig. Die Böhmes leben im Herzogtum Braunschweig, dessen Truppen als Teil des norddeutschen Kontingents preußischem Oberbefehl zugeordnet sind. Am 16. Juli wird auch im Herzogtum Braunschweig mobil gemacht und Albert Böhme rückt nach kurzer Übungszeit als Soldat der 1. Kompanie des 1. Bataillons des Braunschweigischen Infanterie-Regiments Nr. 92 am 28. Juli mit der Eisenbahn aus Braunschweig aus. Für die schwangere Friederike ist die Todesgefahr, in der sich ihr junger Ehemann nun befindet, eine existenzielle Bedrohung. Nicht einmal verabschieden kann sich Friederike von ihrem Mann. Albert und Friederike Böhme verpassen sich. In einem Brief an ihren Mann vom 4. August 1870 beklagt sich Friederike Böhme: »Mein lieber Albert ich hätte dich doch so gern nochmal gesehen doch mir war die Freude nicht vergönt denn Deine und meine Mutter und die Tante wir standen auf der anderen Seite nach Deiken seiner Fabrick hin wo Du heraus sehen wolltest und es doch nicht getan hast es wahr ja aber nicht zuändern denn wir konnten dich nicht wieder umrufen und musten also zu Haus gehen ohne Dich noch einmal gesehen zu haben.«⁷ Im Hause Böhme herrscht keine Begeisterung, bestenfalls duldender Gehorsam gegenüber den Autoritäten, die den Kriegseinsatz befehlen. Völlig anders sieht es bei vielen Kriegsfreiwilligen aus, die sich im patriotischen Überschwang zu den Waffen melden. Diese rekrutieren sich aus unterschiedlichen Gruppen von eigentlich nicht wehrpflichtigen, zurückgestellten, wehrdienstbefreiten oder nicht wehrfähigen Männern. Nicht allgemein wehrpflichtig sind zum Beispiel Studenten der katholischen Theologie und alle süddeutschen Jahrgänge vor Abschluss der Militärkonventionen mit Preußen. Die Kriegsfreiwilligen, die zumindest im ›Norddeutschen Bund‹ und in Bayern wegen der ausreichenden Zahl regulärer aktiver Wehrdienstleistender und Reservisten eigentlich überflüssig sind, werden nicht überall mit Begeisterung in die Armee aufgenommen. Sie besitzen meistens keinerlei militärische Vorbildung und werden deshalb am Anfang häufig von Offizieren und Ausbildern als Ballast wahrgenommen. Länder, die es sich leisten können, lehnen viele Kriegsfreiwillige anfangs als untauglich ab. Im Verlauf des Krieges werden allerdings bald Freiwillige auch in den zunächst kriegskritischen Ländern mit größerer Bereitschaft ausgebildet und in die kämpfenden Truppen integriert, da sich auf diese Weise die enormen und nicht vorhergesehenen Verluste ausgleichen lassen, ohne die älteren Jahrgänge zu stark zu belasten. Das Königreich Württemberg nimmt sogar Freiwillige auf, die in anderen deutschen Ländern zuvor ausgemustert worden sind.

Auch Karl Zeitz meldet sich freiwillig. Der 26-jährige Zeitz stammt aus Salzungen im Herzogtum Sachsen-Meiningen und hat im Jahr 1870 schon eine bewegte Jugend hinter sich. Vor dem Abitur vom Gymnasium geflohen, hat der Sohn aus gutbürgerlichem Haus erst eine kaufmännische Lehre absolviert, bevor er für einige Jahre in wechselnden Berufen in französischen Handelshäusern tätig war. Als der Krieg ausbricht, verdient Zeitz mit dem Vertrieb ›Nürnberger Zinnsoldaten‹ in Frankreich sein Geld. Als er einige Jahre vor der ›Julikrise‹ in Frankreich durch einen väterlichen Brief in die Heimat zur Musterung gerufen wurde, konnte er sich vom Militärdienst freikaufen. Freikauf ist in vielen deutschen Ländern vor Gründung des ›Norddeutschen Bundes‹ und dem Abschluss der Militärkonventionen mit Preußen eine übliche Praxis höhergestellter junger Männer, den Wehrdienst zu vermeiden. In manchen deutschen Ländern können Bessergestellte obendrein Stellvertreter zum Dienst schicken. Zwar hat auch Sachsen-Meiningen 1867 als Mitglied des ›Norddeutschen Bundes‹ mit Preußen eine Militärkonvention abgeschlossen, mit der die allgemeine Wehrpflicht eingeführt und Freikauf unterbunden wurde, doch Zeitz wurde vorher gemustert und kehrte glücklich noch am Tag der Untersuchung nach Paris zurück. Die Möglichkeit für Zeitz, sich mit einem nicht unerheblichen Betrag vom Wehrdienst freikaufen zu können, zeigt seinen gehobenen sozialen Status. Doch einige Jahre später, im Sommer 1870, will Zeitz endlich doch noch Soldat werden. Er reist über Nacht aus Frankreich ab in seine Heimatstadt. Dort muss er sich im Rathaus Papiere besorgen, die ihm bestätigen, nicht wehrpflichtig zu sein. Anschließend fährt er sofort nach Mainz, wo das Regiment seines Bruders Theodor, das 2. Thüringische Infanterie-Regiment Nr. 32, kurz vor der Abfahrt an die Front steht. Heimatstandort des Regiments ist Meiningen. Mit knapper Not erreicht Zeitz das Regiment mit einem späten Zug noch rechtzeitig. In Zivil tritt der durch das Kaufmannsleben in Frankreich an gutes Essen gewöhnte, körperlich untrainierte Zeitz auf dem Kasernenhof vor den Bataillonskommandeur. Zuvor hat er sich über Beziehungen an den Regimentskommandeur gewandt und dessen Einverständnis zur Feldzugsteilnahme abgeholt. Zeitz schildert die Szene in seinen ›Kriegserinnerungen‹: »›Feldzugsfreiwilliger?‹, fragte er mich. ›Ja‹, antwortete ich. ›Wo haben Sie früher gedient?‹ ›Ich habe noch gar nicht gedient.‹ Der Major drehte sich nach dem Regimentsadjutanten herum: ›Noch gar nicht gedient? Da kann ich ja den‹ – es war mir, als hörte ich etwas von ›Kerl!‹ – ›garnicht gebrauchen.‹ ›Verzeihung, Herr Oberstwachtmeister, Befehl vom Herrn Oberst,‹ entgegnete der Regimentsadjutant […]. ›Ja, wenn es Befehl vom Herrn Oberst ist, dann muß ich freilich den‹ – jetzt hörte ich ganz deutlich – ›den Kerl mitnehmen,‹ sagte unwillig der mürrische Bataillonskommandeur.«⁸ Der mürrische Major hat gute Gründe, von der Aufnahme des unausgebildeten, keine körperliche Anstrengung gewöhnten und durch die Fürsprache eines Vorgesetzten protegierten Zeitz nicht begeistert zu sein. Zeitz hat von Krieg und Militär keine Ahnung und ist somit eine Belastung für seine Kompanie. Selbst die Funktionsweise eines Gewehrs muss er sich erklären lassen. Zeitz tritt nach dem Gespräch mit dem Bataillonskommandeur vor den Hauptmann seiner Kompanie: »›Nun, dann will ich sehen, einen tüchtigen Soldaten aus Ihnen zu machen. Kennen Sie das Zündnadelgewehr?‹ ›Nein, ich habe noch keins gesehen‹, mußte ich betreten zur Antwort geben. ›Kapitän d’armes!‹ rief der Hauptmann. Es erschien ein Mann in Uniform auf der Bildfläche, in dem ich später einen preußischen Sergeanten entdeckte. ›Ihr Gewehr!‹, befahl ihm der Hauptmann. Diese Scene spielte sich mitten auf dem Kasernenplatz ab, der Hauptmann saß dabei hoch zu Roß. Der Sergeant reichte ihm das Gewehr auf das Pferd. Der Hauptmann nahm es regelrecht, immer hoch zu Roß, in die linke Hand und sagte mir, indem er, wo dies zur Erklärung nötig, mit der rechten die betreffenden Griffe stramm durchmachte: ›Sehen Sie, das hier ist ein Zündnadelgewehr.‹ […] ›Das nehmen Sie so in die Hand!‹ Ich nickte. ›Schlagen die Kammer auf!‹ Ich nickte wieder. ›Legen so die Patrone ein!‹ Ich nickte nochmals. ›Schlagen die Kammer zu!‹ Ich nickte weiter. […] ›Dann brauchen Sie nur zu schießen!‹, schloß der Hauptmann seine kurze aber inhaltsschwere Instruktion. […] Der Musketier war fertig.«⁹ Dass Zeitz auch nach dieser peinlichen Vorführung noch nicht im Geringsten ahnt, worauf er sich eingelassen hat, wird er rasch erfahren.

Doch der Großteil der Einberufenen besteht nicht aus Kriegsfreiwilligen, sondern neben den aktiven Jahrgängen und Berufsoffizieren aus Reservisten wie Albert Böhme, die im Alltag einer Arbeit nachgehen und meist Familien zu ernähren haben. Die Reservisten werden zu den Kasernen ihrer ›alten‹ Regimenter einberufen, die in der sogenannten ›Friedensstärke‹ nur aus den jeweiligen Wehrpflichtjahrgängen und ihren Berufsoffizieren bestehen. Mit den Reservisten und den Freiwilligen zusammen haben die Regimenter dann die erforderliche ›Aufwuchsstärke‹.

Nach Sammlung aller Männer eines Regiments und nach einigen Tagen Drill in Übungslagern werden die Kämpfer, ihre Waffen, Pferde, Verpflegung und Munition so rasch wie möglich mit Zügen an die Grenze gebracht. Die Mobilisierung in den deutschen Ländern läuft nach präzisen Plänen und in bedeutend rascherem Tempo ab als von den Franzosen erwartet. Ein Grund für die deutsche Geschwindigkeit ist unter anderem die typisch preußische Präzision in Planung und Durchführung der Mobilisierung. Zwar verlaufen die Mobilisierung und der Truppentransport der Deutschen in äußerst geordneten Bahnen, doch überall, wo derartige Mengen von Menschen und Material bewegt werden müssen, passieren Unfälle, die sogar den besten Plan behindern können. So werden zum Beispiel am 27. Juli durch ein Zugunglück in Wallhausen im Harz sieben Mann des Füsilierbataillons des 26. Infanterie-Regiments getötet und 40 Männer verletzt. Der Militärtransport entgleist durch den Zusammenstoß mit einem leeren Waggon, nachdem eine Weiche falsch gestellt worden war. Bedeutsamer für die Schnelligkeit der deutschen Mobilisierung ist jedoch die Ausrichtung der Eisenbahnstrecken. Während die französischen Eisenbahnlinien konsequent mit Zielrichtung Paris konzipiert worden sind und so sternförmig auf die Hauptstadt zulaufen, wurde in Preußen beim Eisenbahnbau bereits weit vor dem Krieg strategisch gedacht. Die Grenzregion zu Frankreich ist gezielt mit Eisenbahnstrecken erschlossen worden, von allen Winkeln Preußens aus ist sie gut und rasch mit Zügen zu erreichen. Als problematisch erweisen sich jedoch an den innerdeutschen Grenzen unterschiedliche Spurgrößen zwischen den preußischen und den süddeutschen Bahnen.

Ab dem 23. Juli, nur wenige Tage nach der französischen Kriegserklärung, rollen auf sechs norddeutschen und drei süddeutschen Eisenbahnlinien die Truppentransporte. Jede Form nicht militärischen Eisenbahnverkehrs ist für diese Zeit dort verboten. Die deutschen Bahnlinien werden in jede Richtung mit zwölf bis 18 Zügen belastet, die aus Sicherheitsgründen in mäßiger Geschwindigkeit und in Abständen von einer Stunde hintereinander herfahren. Jeder Zug umfasst um die 50 Waggons. Um Unregelmäßigkeiten durch Unfälle oder Verzögerungen ausgleichen zu können, gibt es auf allen Strecken Ruhepausen von sechs bis zwölf Stunden. Die Kämpfer werden in Güterwagen, aber auch in normalen Personenwaggons transportiert. Das geringe Tempo der Züge und die Pausen werden von vielen Soldaten als große Strapaze erlebt, da in den letzten Julitagen 1870 große Sommerhitze herrscht. Vom 23. bis zum 31. Juli befördern die deutschen Eisenbahnen mit rund 900 Zügen 460 000 Mann in die Ausgangsstellungen nahe der französischen Grenze. Damit ist der deutsche Aufmarsch für die ersten Operationen abgeschlossen. In den folgenden zwei Wochen, also schon nach Beginn der Kämpfe, werden dann mit 600 nachfolgenden Zügen 180 000 weitere Soldaten als erste Reserve über den Rhein gebracht. Insgesamt werden so in einer großen Kraftanstrengung innerhalb von drei Wochen 640 000 Mann und 170 000 Pferde mit 1500 Zügen transportiert. Im Verlauf des Krieges folgen noch knapp 390 000 Mann Landwehr und Ersatzreserve. Die Landwehr dient vor allem für den Einsatz in der Etappe und in der Heimat, zum Beispiel bei der Bewachung von Kriegsgefangenen. Auch bei Belagerungen kommt die Landwehr zum Einsatz. Der massive Verlust an wehrfähigen Männern in den ersten Monaten des Krieges macht mit der Einberufung der Landwehr zusätzlich ältere Männer zu Kriegsteilnehmern. Ihr Fehlen wirkt sich im Verlauf der Kämpfe auf die Wirtschaft, vor allem auf die Landwirtschaft, in den deutschen Ländern aus.

Desgleichen müssen wehrpflichtige Männer im Ausland ihrem Gestellungsbefehl Folge leisten. So reisen auf Befehl der preußischen Botschaft am 17. Juli, abends um halb neun, in Paris lebende norddeutsche Staatsbürger mit einem Zug 3. Klasse von der ›Gare du Nord‹ über Belgien zurück in die Heimat. Vor allem in den Pariser Geschäfts- und Bankhäusern arbeiten 1870 zahlreiche Deutsche. In diesem Zug befindet sich auch der junge Franz Plitt. Plitt stammt aus einer wohlhabenden Familie im vormals kurhessischen, seit dem Krieg von 1866 preußischen Kassel. Nach Lehre und einigen Jahren Berufstätigkeit in London meldet sich Plitt am 1. November 1866 als ›Einjährig-Freiwilliger‹ bei der preußischen Armee, in welche die alte kurhessische Armee erst kurz zuvor aufgegangen ist. ›Einjährig-Freiwillige‹ werden Wehrpflichtige mit höherem Schulabschluss aus wohlhabenden Kreisen genannt, die nur ein Jahr dienen und dabei ihre Ausrüstung und Unterbringung aus eigener Tasche bestreiten müssen. Je nach Truppengattung können die Kosten für die ›Einjährig-Freiwilligen‹ enorm sein. Sie dürfen ihre Einheit selbst auswählen und nach dem Dienstjahr den Posten eines ›Reserve-Offiziers‹ antreten. Den Dienst in der Kavallerie können sich allerdings nur Adlige leisten, während Bürgersöhne meist den Dienst in der Artillerie oder der Infanterie wählen. Als Reserveoffiziere müssen ›Einjährig-Freiwillige‹ auch nach der Dienstzeit den Militärbehörden zur Verfügung stehen und für diese erreichbar bleiben. Plitt tritt dem Infanterie-Regiment (3. Kurhessisches) Nr. 83 bei. Schon seit den faszinierenden Berichten von der Pariser Weltausstellung 1867 ist es Plitts Traum, einige Zeit in Frankreichs Hauptstadt zu verbringen. Er spricht gut Französisch und reist daher wohlgemut und gespannt auf neue Eindrücke im Februar 1870 nach Paris. Er will dort für ein Jahr arbeiten. Vorher hat er sich von seiner Militärbehörde für ein Auslandsjahr beurlauben lassen. Allerdings hat er die Vorgabe erhalten, sich im Falle einer Mobilmachung ohne Warten auf einen Gestellungsbefehl zurück in die Heimat zu begeben. Franz Plitt findet in der Maschinenfabrik Petteau in Paris-Passy rasch eine Anstellung. Mit seinen Kollegen versteht sich der junge Franz sehr gut, sie zeigen ihm die Stadt und laden ihn zum Essen ein. Doch dann kommt der Juli: »Ich begann mich dort recht unheimlich zu fühlen; als aber die Regimenter durchkamen und nach den Bahnhöfen abrückten, da dachte ich, jetzt ist es die höchste Zeit, abzureisen, da ich befürchten musste, durch Hemmungen des Verkehrs nicht mehr rechtzeitig die Grenze erreichen zu können. Ich nahm von meinem Principal und dem Geschäftspersonal Abschied und fuhr den 17. abends vom Nordbahnhof über Belgien ab.«¹⁰ Unter Plitts Mitfahrern befindet sich auch mancher Deutsche, der nach Jahren in Frankreich heimisch geworden ist und dort eine Familie gegründet, dabei aber nicht die französische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Unter Tränen müssen diese Deutschen nun ihre Liebsten in Frankreich verlassen, um gegen die zweite Heimat zu kämpfen.

Abb. 2: Maurice d’Irisson, Comte d’Hérisson, Fotografie, o. J.

Der Schutz deutscher Staatsbürger in Frankreich wird mit Abgabe der Kriegserklärung durch die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika übernommen, für Franzosen in Deutschland ist ab diesem Zeitpunkt die englische Vertretung zuständig. Viele ausländische Bürger werden jedoch ausgewiesen, so zum Beispiel der deutsche Schriftsteller Adolf Ebeling, der schon seit fast 20 Jahren in Paris lebt.

Auch die von Émile Zola im Roman ›Nana‹ beschriebenen Kurtisanen diskutieren am Sterbebett der Protagonistin die Folgen der Einberufungen auf beiden Seiten. Für die Damen sind die guten Geschäfte vorbei: »Blanche de Sivry ereiferte sich: ›Sprich bloß nicht schlecht von den Preußen! … Das sind Menschen wie alle anderen, wie deine Franzosen auch! … Eben hat man den kleinen Preußen ausgewiesen, mit dem ich zusammen war, ein reiches, nettes Kerlchen, das keinem was zuleide tun konnte. Das ist eine Gemeinheit, ich bin ruiniert!‹«¹¹

Einen besonders weiten Weg zurück in die Heimat hat Maurice d’Irisson, Comte d’Hérisson. Im Auftrag des französischen Handelsministeriums befindet sich der dreißigjährige Graf, der in der Mitte gescheiteltes Haar und einen zu beiden Seiten ausladenden, pomadisierten Schnauzbart trägt, in Washington D. C. Dort erreichen ihn die Kriegsnachrichten. Bald nach Verkündung der offiziellen Kriegserklärung schifft sich Hérisson am 27. Juli von New York mit dem schnellsten Schiff der Cunard-Line, dem Segeldampfer ›Scotia‹, über Cork in Irland nach Frankreich ein. Er ist Reserveoffizier der Mobilgarde und zögert keinen Augenblick, seinem Vaterland zur Seite zu stehen. In New York wird der Comte Zeuge deutschfreundlicher Demonstrationen, ist doch in den Vereinigten Staaten von Amerika Frankreichs mexikanisches Abenteuer weder vergessen noch vergeben. Dazu kommt, dass viele Amerikaner deutsche Wurzeln haben. Auch viele Deutsche eilen von Amerika aus zu den Fahnen, wie der wenig erfreute Graf auf dem Schiff feststellen muss: »In den Schenken, den Straßen, auf den Märkten und in den Handelshäusern, überall zeigten sich Kundgebungen für Deutschland. Man mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht die Fäuste zu ballen, und ich entsinne mich, daß ich die letzten Augenblicke vor meiner Abreise von den Vereinigten Staaten in wüthender Erbitterung einsam in meiner Kabine zubrachte. Ach, auf dem Dampfboote fand ich leider ganz dieselben Gesinnungen wieder! Alle Plätze waren überfüllt von den Deutschen, die sich zum Dienst stellen wollten. Es prickelte mich ordentlich, ganz auf eigene Faust die Feindseligkeiten zu beginnen […].«¹² Trösten kann sich der erzürnte Edelmann immerhin mit der unterhaltsamen Reisegesellschaft eines berühmten, wenngleich wenig erfolgreichen Nordstaaten-Generals des amerikanischen Bürgerkriegs. Ambrose Burnside, der Verlierer der Schlacht von Fredericksburg 1862, reist mit Hérisson, um im bevorstehenden Feldzug militärische Studien zu unternehmen. Außerdem soll Burnside mit Segen des amerikanischen Präsidenten Ulysses Grant zwischen den kommenden Kriegsparteien vermitteln. Doch nicht alle Franzosen eilen so bereitwillig wie der schneidige Comte d’Hérisson zu den Waffen. Weil es auf der französischen Seite keinen genauen Eisenbahnplan für die Mobilmachung gibt, dauern die Vorbereitungen dort wesentlich länger als auf der deutschen Seite. Die Züge sind häufig nur zu 60 Prozent ausgelastet, weil viele Reservistengruppen keinen eindeutigen Gestellungsbefehl erhalten haben. Manche der Einberufenen können ihre Stammtruppenteile nicht erreichen. Tausende Reservisten treffen erst bei ihren Regimentern ein, als die großen Grenzschlachten des Augusts schon geschlagen sind. Bei Kriegsbeginn hat Frankreich aber immerhin etwa 350 000 Mann an den Grenzen zu den deutschen Ländern stehen.

»Eisen und Blut« – Die Vorgeschichte des Krieges

Was ist eigentlich passiert, dass es im Sommer 1870 zu den dramatischen Ereignissen kommen musste, die all diese Menschen in Bewegung setzen und dann als der ›Deutsch-Französische Krieg‹ oder ›70/71er-Krieg‹ bekannt werden sollten? Schauen wir zuerst auf die sehr spezifische deutsche Entwicklung einer ›verspäteten Nation‹:

Der deutsche Weg zur Einheit

Der ›Deutsche Bund‹

Im September 1862 wird Otto von Bismarck – ein als etwas hinterwäldlerisch-ruppig geltender, stockkonservativer, 47 Jahre alter Junker – preußischer Ministerpräsident. Innerhalb von neun Jahren wird er Preußen in das Deutsche Reich überführen und die von vielen sehnsüchtig erwartete Einheit vollziehen. Allerdings wird es sich dabei nur um eine ›kleindeutsche‹ Einheit handeln und werden die Widerstände und Unvorhersehbarkeiten enorm sein. Der äußere Rahmen, in dem sich dieser Prozess ereignet, ist zunächst der ›Deutsche Bund‹. Im Unterschied zu manch anderer Nation in Europa, zum Beispiel Frankreich, war es den Deutschen bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht gelungen, eine staatliche Einheit unter zentraler Regierung und mit gemeinsamer Identität zu bilden. Seit dem 10. Jahrhundert lebten die ›Deutschen‹ in einem sprachlich, kulturell und ethnisch sehr heterogenen Kaiserreich, das weit über die Grenzen des heutigen Deutschland hinausgriff. Der heute noch bekannte Name ›Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation‹ für dieses komplexe Gebilde war ab dem Spätmittelalter gebräuchlich. Dieses Reich war ein Sammelsurium aus Kleinststaaten, Ritterschaften, Abteien, Königreichen, Herzogtümern, Fürstbistümern, Freien Reichsstädten, Grafschaften, das nur lose von einem in den letzten Jahrhunderten meist aus dem österreichischen Hause Habsburg stammenden Kaiser und dem Reichstag zusammengehalten wurde. Unter dem Druck der Französischen Revolution und der nachfolgenden Napoleonischen Kriege löste sich dieses Reich nach fast 900 Jahren seiner Existenz im Jahre 1806 auf. Vorausgegangen war die Gründung des Rheinbundes, in dem sich alle deutschen Staaten außer Preußen und Österreich zusammengefunden hatten. Die Rheinbundstaaten waren von Napoleon I. abhängige ›Satellitenstaaten‹. Die Gründung des Rheinbundes war für den letzten Kaiser des Reichs, den Habsburger Franz II., der Anlass, die Kaiserkrone niederzulegen und das Reich als aufgelöst zu betrachten. Franz II. wollte künftig lieber als Kaiser von Österreich herrschen.

Mit der Französischen Revolution des Jahres 1789 war eine neue Idee in die Welt gekommen: die Idee der Nation als Summe aller Bürger einer Sprache, einer Geschichte und einer Kultur, vereint in der Vorstellung einer vaterländischen Gemeinschaft, repräsentiert durch Fahne und Wappen. Nun war der Mensch nicht mehr rechtloser und passiver Untertan eines Fürsten, nun war er Teil einer Gemeinschaft, der er sich verpflichtet fühlen, der er dienen sollte. Mit dieser Idee der Nation wurde zugleich die Idee der allgemeinen Wehrpflicht geboren. Der absolutistische Fürst musste auf bezahlte Söldner zurückgreifen, denen die Interessen ihrer Auftraggeber gleichgültig sein konnten. Der ›Citoyen‹ als Teil der Nation hingegen sollte es als seine Pflicht verstehen, die Nation und damit ebenso sich selbst mit dem Leben zu verteidigen. Es waren erst diese seit der ›Levée en masse‹ 1793 aus Wehrpflichtigen zusammengestellten französischen Revolutionsarmeen, dann die Truppen Napoleons, welche die wirkmächtige Idee der Nation auch ins Ausland trugen. Zuerst wehrten sich die Truppen der Revolution nur gegen die Angriffe der Frankreich umgebenden Monarchien und verteidigten ihre Errungenschaften. Dann trugen sie den Krieg jedoch als ›Revolutionsexport‹ über ihre Grenzen hinaus. Was aber als revolutionärer Aufbruch zu ›Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‹ begonnen hatte, wurde unter der Macht Napoleon Bonapartes und seiner fast ganz Europa kontrollierenden Soldaten zu Unterdrückung und Ausbeutung. In dieser verzweifelten Atmosphäre wendeten die unterdrückten Völker die Idee der Nation gegen ihre Erfinder. Sie ›erfanden‹ sich als Nationen in der Abgrenzung und im Kampf gegen Napoleon. Auch im deutschen Sprachraum schufen Literaten, Philosophen, Musiker, Historiker im Dienst der nationalen Selbstdefinition patriotische Gedichte, Bilder, Gedankenwelten, Dramen. So pflanzten sie trotz Angst vor Verfolgung, Gefängnis oder Tod vor allem den Kreisen des ›Bildungsbürgertums‹ die Idee einer deutschen Nation als Voraussetzung für Freiheit und nationale Erfüllung ein. Als Preußen im Jahr 1813, nach Napoleons verheerendem Russlandfeldzug und gestärkt durch einige tief greifende innere Reformen, endlich den Freiheitskrieg gegen den Kaiser wagte, zogen Zehntausende junger Männer freudig gegen Napoleon und seine Verbündeten in den Kampf. Viele gingen freiwillig in den Krieg, doch die meisten folgten aufgrund der kurz zuvor in Preußen eingeführten allgemeinen Wehrpflicht, in der von nicht wenigen Deutschen ein egalitär-demokratisches Element gesehen wurde.

Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft, das 1815 in einer großen Schlacht beim heute belgischen Örtchen Waterloo besiegelt wurde, musste Europa neu geordnet werden. Diese Neuordnung sollte auf dem Wiener Kongress geschehen, bei dem sich die Siegermächte in langen Verhandlungen auch über die Frage einigen mussten, was künftig mit den deutschen Staaten geschehen sollte. Vage Andeutungen von Verfassung, Freiheit oder staatlicher deutscher Einheit, wie sie der preußische König Friedrich Wilhelm III. seinen Untertanen bei Beginn der Freiheitskriege gegen Napoleon 1813 gemacht hatte, waren nun plötzlich kein Thema mehr. Statt eines einheitlichen Verfassungsstaates mit Bürgerrechten wurde der ‹Deutsche Bund‹ gegründet. Er verstand sich als Nachfolger des untergegangenen ›Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation‹ und stellte so keine Einheit, sondern wieder lediglich einen losen Verbund freier Einzelstaaten dar. Insgesamt umfasste der ›Deutsche Bund‹ 41 Staaten. Die vielen Klein- und Kleinststaaten sowie die zahlreichen geistlichen Territorien, die noch im ›Alten Reich‹ existiert hatten, waren bereits 1803 im sogenannten ›Reichsdeputationshauptschluß‹ zerschlagen und den größeren Mächten unterworfen worden. Führende Länder des Deutschen Bundes waren Österreich und Preußen, die sich jedoch seit den gegeneinander geführten Kriegen des 18. Jahrhunderts als Konkurrenten betrachteten. In ihrer Bedeutung am nächsten kamen diesen noch die Königreiche Bayern, Württemberg, Hannover und Sachsen. Die Großherzogtümer Baden, Oldenburg und Mecklenburg galten dagegen schon als Staaten zweiter Ordnung. Weiterhin musste ein Deutscher, der von Süd nach Nord reiste, zahlreiche Zollschranken und Grenzzäune überwinden.

Als gemeinsame Organe besaß der ›Deutsche Bund‹ die ständig tagende Bundesversammlung und als Teil der Bundesversammlung den Bundesrat, auf dem die wichtigen Beschlüsse gefasst wurden. Vorsitzender des Bundesrats war Österreich. Im Kriegsfall konnte ein gemeinsames Bundesheer einberufen werden, das sich aus Kontingenten der Bundesstaaten zusammensetzte. In ihren Staaten regierten die meisten deutschen Fürsten im ›Deutschen Bund‹ autokratisch und unter weitgehender Missachtung der ihre Rechte einfordernden Bürger. Die Meinungsfreiheit wurde unterdrückt. Ausnahmen wie das Großherzogtum Baden, das sich schon 1818 eine verhältnismäßig liberale Verfassung gab, bestätigten nur die Regel. Man tat einfach so, als habe es die Französische Revolution und die mit ihr in die Welt gekommenen Ideen des Nationalstaats, der Freiheit und der bürgerlichen Grundrechte nie gegeben. Gegen diese Missstände opponierten besonders Studenten, die in den Kriegen gegen Napoleon besonders begeistert dem Ruf des Königs gefolgt waren und für die nationale Sache zu kämpfen geglaubt hatten. 1817 protestierten sie unter Führung der Jenaer Urburschenschaft auf der Wartburg gegen Reaktion und Unterdrückung. Im Jahr 1832 wurden beim ›Hambacher Fest‹ bereits schwarz-rot-goldene Fahnen geschwenkt. ›Schwarz–Rot–Gold‹, hervorgegangen aus den Farben des Lützow’schen Freikorps, dem in den Jahren 1813 und 1814 zahlreiche idealistische Handwerker und Studenten freiwillig zum Kampf gegen Napoleon beigetreten waren, wurde das Symbol für staatliche Einheit und bürgerliche Machtteilhabe.

Weiterhin wurde ein anderer gewichtiger Umstand von den Mächtigen übersehen oder geflissentlich ignoriert. Durch die Industrialisierung bildeten sich immer rascher drei wichtige Gruppen heraus, die aus unterschiedlichen Gründen mit der althergebrachten feudalen Ordnung nichts mehr anfangen konnten. Da war einmal das zu immer mehr Einfluss kommende Bürgertum. Dieses setzte sich aus Industriellen, Geschäftsleuten, Händlern, Gelehrten, kurz aus den mit ihren Steuern den Staat tragenden Menschen, in heutiger Terminologie den ›Leistungsträgern‹, zusammen. Das Bürgertum wollte seinem ökonomischen Anteil entsprechend an der Macht beteiligt werden. Auf dem Hambacher Schloss protestierten nicht nur Studenten, sondern Professoren, Juristen, Kaufleute, Journalisten wehrten sich ebenfalls lautstark und in ganz Deutschland vernehmlich gegen Unterdrückung und Fürstenwillkür. Das Bildungsbürgertum nahm Anlauf für eine deutsche Revolution.

Zum anderen gab es das wachsende Proletariat, welches in den Fabriken der Industriellen unter Einsatz der eigenen Gesundheit den ›Mehrwert‹ des Kapitalismus schuf, sich aber mit gutem Recht als ausgebeutet und politisch an den Rand gedrängt betrachtete. Doch nicht nur diese beiden Gruppen hatten Grund, die bestehende Ordnung abzulehnen. Auch weite Teile der Landwirtschaft und der Landbevölkerung litten unter der zunehmenden industriellen Technisierung, die ihre Arbeitskraft zunehmend überflüssig machte. Traditionelle, jahrhundertelang gepflegte Handwerke verloren nach und nach durch die Effizienz der industriell fertigenden Maschinen an Bedeutung. Bauern, Handwerker, Kleingewerbetreibende und ihre Familien hatten häufig nur die Wahl, zu verhungern oder nach Amerika auszuwandern. Millionen Menschen verließen die Länder des Deutschen Bundes. In Schlesien revoltierten 1844 die hungernden Weber, bis sie vom preußischen Militär gewaltsam ›befriedet‹ wurden. Anders als das Bürgertum hatten Proletariat und Bauern aber noch keine Wege gefunden, sich als ›Klassen‹ zu begreifen und politisch zu artikulieren. Hinzu kam, dass auf dem Land häufiger als in den Städten die ›alten Sitten‹, feudale Zwänge und religiös wie monarchistisch motivierte Untertanenmentalität herrschten. Viele Bauern, vor allem östlich der Elbe, waren trotz der preußischen Bauernbefreiung des Jahres 1807, in deren Rahmen die ›Erbuntertänigkeit‹ abgeschafft worden war, noch immer faktisch Leibeigene des jeweiligen örtlichen Landadligen. Erst 1863 begann mit dem ›Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein‹ unter Ferdinand Lassalle die Bildung politischer Organisationen zur Vertretung der Interessen der ›unteren Schichten‹.

Diese beschriebene Mischung aus Ignoranz der Herrschenden, wirtschaftlicher Not, althergebrachten Strukturen und politischer Unzufriedenheit führte schließlich in Preußen und den anderen deutschen Staaten im Jahr 1848 zur Revolution, in der ein einheitlicher deutscher Verfassungsstaat unter Einschluss Österreichs geschaffen werden sollte. Ausgangspunkt der Revolution war das Großherzogtum Baden. Die Badener nahmen die Impulse der Pariser Februarrevolution auf, die den Sturz des französischen Königs Louis-Philippe zur Folge hatte. Von Baden verbreitete sich der Aufstand schnell über ganz Deutschland.

Der ›Deutsche Bund‹ überstand jedoch die Revolution von 1848/49. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. lehnte die ihm von der Frankfurter Nationalverfassung angebotene Kaiserkrone 1849 verächtlich ab. Er wollte nicht Herrscher über einen demokratisch legitimierten gesamtdeutschen Verfassungsstaat sein, sondern bevorzugte es, weiter in der Illusion einer göttlich geschaffenen Feudalordnung zu regieren. Am Ende scheiterte die Revolution, sie wurde zusammengeschossen, viele der führenden Revolutionäre kamen in Gefängnisse oder flohen in die Fremde, vornehmlich in die Vereinigten Staaten. Doch zwei wichtige Erbschaften hinterließ die Revolution: die Bildung von Parteien und ein liberal-fortschrittliches Bürgertum, das sich den Traum von Einheit und Verfassung nicht nehmen lassen wollte.

Der König hat ein Problem – Bismarck und Preußen 1862

Dreizehn Jahre nach der Niederschlagung der Revolution regiert Wilhelm I. Preußen. Wilhelm war 1858 seinem bis zur Regierungsunfähigkeit erkrankten älteren Bruder Friedrich Wilhelm IV. zunächst als Regent und nach dem Tod des Bruders 1861 als König von Preußen nachgefolgt. Wilhelm gilt als etwas fortschrittlicher als sein Bruder, wenngleich er sich bei der Niederschlagung der Revolution den wenig einnehmenden Spitznamen ›Kartätschenprinz‹ eingehandelt hat. Unter Führung des Prinzen Wilhelm wurden 1849 die letzten Reste der Revolution in Baden und in der Pfalz niedergeschlagen. Dennoch sind die ersten Jahre der Regentschaft Wilhelms I. von 1858 bis 1862 unter dem Begriff der ›Neuen Ära‹ als verhältnismäßig liberal zu bezeichnen. Daran allerdings, dass allen Parlamenten zum Trotz letztlich nur der vor Gott verantwortliche Monarch das Sagen hat, lässt Wilhelm keinen Zweifel. Der König denkt traditionalistisch und legalistisch, jedoch nicht reaktionär. Die Jahre der Unterdrückung während der Regierungszeit seines Bruders will er aufrichtig überwinden. Hierarchien, Ordnungen und ein korrektes Verhalten innerhalb monarchischer Rangfolgen sind ihm dennoch überaus wichtig. So reagiert er sehr emotional und unbedacht, wenn er sich in seiner königlichen Würde missachtet fühlt, und achtet umgekehrt penibel darauf, selbst korrekt aufzutreten. Die intellektuellen Interessen des gläubigen Protestanten sind zwar begrenzt, er besitzt aber gesunden Menschenverstand und politisches Verständnis. Seine Frau Augusta, eine Tochter des aufgeklärten Goethe-Förderers Karl August Großherzog von Sachsen-Weimar, ist eine kluge Beobachterin und Ratgeberin, die ihrem Gatten offen auch ihre Meinung zu politischen Fragen mitteilt. Verheiratet ist der König jedoch vor allem mit seiner Armee, um die seine Gedanken meist kreisen.

Wilhelm I. regiert einen großen, allerdings territorial zersplitterten Flächenstaat mit erheblichen regionalen Unterschieden. Während der Westen rund um das heutige Ruhrgebiet und einige andere Industriegebiete in Schlesien durch die Kohlegewinnung und Stahlverarbeitung eine rasante Entwicklung erleben, sind andere Landschaften Preußens noch rein agrarisch geprägt. Von 1816 bis 1861 hat sich die Bevölkerungszahl Preußens von ca. zehn Millionen auf ca. 19 Millionen Menschen fast verdoppelt.

Seit 1848 gibt es in Preußen eine oktroyierte Verfassung, die dem Bürgertum neben einigen Grundrechten, zum Beispiel eine relative Pressefreiheit, das Zugeständnis eines im Dreiklassenwahlrecht zu bildenden Abgeordnetenhauses macht. Gemeinsam mit dem aus ernannten Mitgliedern bestehenden ›Preußischen Herrenhaus‹ bildet das Abgeordnetenhaus den ›Preußischen Landtag‹. Im Abgeordnetenhaus treten die Gegensätze zwischen den beiden in Preußen dominierenden politischen Kräften offen zu Tage: auf der einen Seite die monarchistisch-feudal gesinnten Konservativen, auf der anderen die durch das rasche Wirtschaftswachstum in den 1850er- und 1860er-Jahren immer selbstbewusster gewordenen bürgerlich gesinnten Liberalen. Durch das preußische Dreiklassenwahlrecht fundamental benachteiligt, haben die Wähler aus Proletariat und Landbevölkerung keine parlamentarischen Vertreter, die genuin ihre Interessen vertreten könnten. Sie sind auf das Wohlwollen der von den Adligen sowie Besitz- und Bildungsbürgern gestellten Abgeordneten angewiesen. Die Minister werden direkt vom König bestimmt und sind nur diesem Rechenschaft schuldig. Der König kann den Landtag jederzeit auflösen und neu wählen lassen. Dieses preußische Abgeordnetenhaus hat also keine weitgehenden Rechte, doch ein Instrument der Beeinflussung der königlichen Politik besitzt es: das Budgetrecht. Das preußische Abgeordnetenhaus kann den jährlich vorgelegten Staatshaushalt ablehnen und so politische Forderungen artikulieren. Im Jahr 1862 ist die liberale Mehrheit des Hauses sehr unzufrieden mit dem Haushalt. Der Streit geht so weit, dass der König sogar daran denkt, abzudanken.

Was ist das Problem? Der Konflikt, der Preußen in eine Staats- und Verfassungskrise stürzt, dreht sich um die Heeresvorlage des königlichen Kabinetts. Diese sieht 1860 eine Verlängerung der Wehrdienstzeit und damit eine Vergrößerung des Friedensbestands des Heeres von zuvor 140 000 Mann, ein Stand, der seit 1815 trotz des schon erwähnten Anstiegs der Einwohnerzahl Preußens nicht mehr verändert worden war, auf nunmehr 200 000 Mann vor. Daneben bestehen bereits im Jahr 1858 Pläne zur Schwächung der Landwehr, die seit den Befreiungskriegen ein bürgerlich dominiertes Ersatzheer darstellt, das im Kriegsfall rasch mobilisiert werden kann. Die Pläne der Regierung sollen den Ausbildungsstand des Heeres verbessern und die Friedensstärke auf eine Größe bringen, welche die preußische Armee konkurrenzfähig mit den Heeren anderer Staaten machen soll. Weiterhin soll die Armee technisch modernisiert und aufgerüstet werden. Dieser Plan ist durchaus plausibel. Dadurch, dass die Einziehungsrate von Rekruten trotz der Verdoppelung der Einwohnerzahl seit vierzig Jahren nicht erhöht worden ist, entgehen jährlich 23 000 Männer dem Wehrdienst. Preußen ist von Kriegsgegnern umgeben und muss verteidigungsfähig bleiben. Gleichzeitig soll mit der Armee, die schließlich wesentlich an der Niederschlagung der Revolution beteiligt war, auch die Macht der Monarchie gestärkt, mit der Schwächung der Landwehr ein möglicher demokratischer Unruheherd ausgeschaltet werden. König und konservatives Kabinett bitten das Abgeordnetenhaus um die Bewilligung der nicht unerheblichen Mehrkosten für ihre Pläne. Die liberalen Kräfte, insbesondere die Mitglieder der 1861 gegründeten ›Deutschen Fortschrittspartei‹, lehnen die Heeresreform jedoch mit ihrer Mehrheit ab und versuchen an diesem neuralgischen Punkt, die Macht des Parlaments durch Verweigerung des Gesamthaushalts zu stärken. Die Liberalen sind keineswegs grundsätzliche Antimilitaristen. Vielmehr befürworten sie die Wehrpflicht und den Waffendienst für alle als eine demokratische Errungenschaft. Aber sie haben dem Heer seine Rolle in den Jahren 1848/49 nicht vergessen.

Ohne parlamentarisch abgesegneten Haushalt ist der Staat Preußen jedoch praktisch handlungsunfähig. Der König ist verzweifelt und hat sein Abdankungsschreiben angeblich schon abgefasst. In dieser Situation beruft Wilhelm I. jedoch, statt zu demissionieren, lieber Otto von Bismarck zum preußischen Ministerpräsidenten. Dass diese Berufung auf Vermittlung ausgerechnet Albrecht von Roons, des preußischen Kriegsministers, zustande kommt, soll sich als symbolhaft für die Zukunft erweisen.

Bismarck hat den Auftrag, die Parlamentarier zu bändigen und den Willen des Königs durchzusetzen. In einem dramatischen Vieraugengespräch am 22. September 1862 zwischen Bismarck und dem König versichert Bismarck seinem Monarchen absolute Treue und einen Kampf bis aufs Letzte für die Durchsetzung der Heeresreform. Der 1815 in Schönhausen bei Stendal geborene Gutsverwalter und studierte Jurist Bismarck steigt 1847 in die Politik ein und macht sich als erzkonservativer Monarchist und reaktionärer Scharfmacher rasch einen bei Liberalen verhassten Namen. Als kleiner Landedelmann mit wenig herausragendem Juraexamen gilt er auch vielen Mitgliedern des Hochadels als wenig satisfaktionsfähig. Er spürt die Herablassung und beantwortet sie mit übersteigertem Selbstbewusstsein und zuweilen dröhnender Ruppigkeit. Selbstverständlich lehnt er die Revolution von 1848/49 strikt ab. 1851 wird Bismarck preußischer Gesandter im Bundestag von Frankfurt, 1859 wird er nach Sankt Petersburg versetzt, 1862 noch kurz nach Paris. Bismarck, zwar ein Mann von konservativen Überzeugungen, paart seinen Konservatismus mit einem kalten Machtinstinkt und scharfen Realitätssinn. Beide Gaben lassen dann zuweilen eine politische Wendigkeit und eine moralische Flexibilität erkennen, die Bismarck vielen Konservativen suspekt macht. Bismarck interessiert sich letztlich nicht für Prinzipien, sondern einzig für die Durchsetzung der Bedürfnisse Preußens und seines Königs, wobei Bismarck Wilhelm allerdings häufig erst zwingen muss, sein Handeln als tatsächliche Erfüllung königlicher Interessen zu verstehen. Dazu kommt Bismarcks Neigung, in der Formulierung seiner Meinung keinerlei Rücksicht auf die Empfindlichkeiten anderer zu nehmen – eine Eigenschaft, die durch seine Körpergröße, den buschigen Schnurrbart und einen strengen Blick noch an Schärfe gewinnt. Lediglich Bismarcks schwache Stimme passt nicht zu seiner einschüchternden Physis und dominanten Art. Die Urteile mancher Zeitgenossen sind harsch. Der englische Diplomat Sir Alexander Malet fällt 1862 ein ambivalentes Urteil: »Er hat eine starke, vielleicht unangemessene Verachtung der öffentlichen Meinung und eine kaum geringere gegenüber dem deutschen Liberalismus und seinen Führern; er ist in der Äußerung seiner Ansichten freimütig bis zur Unverfrorenheit und besitzt eine außerordentliche Selbstbeherrschung. Ich glaube kaum, dass irgendwelche Bedenken für ihn Gewicht haben, wenn es sich um eine territoriale Abrundung Preußens handelt […].«¹³ Max von Forckenbeck, führender Liberaler, schreibt über Bismarck deutlich schärfer als der neutrale Diplomat Malet: »Bismarck-Schönhausen bedeutet: Regieren ohne Etat, Säbelregiment im Innern, Krieg nach außen. Ich halte ihn für den gefährlichsten Minister für Preußens Freiheit und Glück […].«¹⁴ Auch Wilhelms Frau Augusta lehnt Bismarck ab. Die Abneigung ist wechselseitig. Später sollte er sich wenig freundlich über Augusta äußern und bemerken, dass sie ihm »mehr Probleme bereitete, als alle ausländischen Mächte und Oppositionsparteien im Innern«¹⁵. Was Bismarcks Opponenten jedoch meist übersehen, sind Bismarcks Gedankenschärfe und Tiefgründigkeit. Dieser Mann handelt selten unbedacht und seine Provokationen sind stets taktisch begründet. Berüchtigt, zugleich aber daneben Ausweis seiner Intellektualität sind Bismarcks scharfzüngige, stilistisch anspruchsvolle Beobachtungen menschlichen Handelns und menschlicher Charaktere, wie er sie in Briefen und Reden äußert. Hinter der ruppigen Fassade verbirgt sich schließlich ein feinfühliger, vielseitig interessierter Geist mit zuweilen schwachen Nerven. Der kettenrauchende, Unmengen Schinken und Brandy konsumierende Hüne Bismarck legt sich bei politischen Krisen gern krank ins Bett oder wandelt am Rand von dramatischen Nervenzusammenbrüchen.

Die erste Kostprobe seiner Fähigkeit zur rücksichtslosen Meinungsäußerung gibt er im neuen Amt gleich am 30. September 1862 vor der Budgetkommission des Abgeordnetenhauses, indem er zwei seitdem viel zitierte Sätze ausspricht: »Nicht auf Preußens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf seine Macht. […] Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden […] – sondern durch Eisen und Blut.«¹⁶ Die Wut der liberalen Abgeordneten ist Bismarck so gewiss wie der Hass der freiheitlichen Presse, bündelt sich in dieser Sentenz doch Bismarcks politisches Credo: Es gilt das Recht des Stärkeren, Parlamente sind überflüssige ›Schwatzbuden‹ und Krieg ist ein legitimes Mittel zum Zweck. Vielen Liberalen, ›altrevolutionären‹ Demokraten und Vertretern der im Entstehen begriffenen Sozialdemokratie gilt Bismarck spätestens jetzt als »der schärfste und letzte Bolzen der Reaktion«¹⁷.

Bismarck regiert im Folgenden ohne abgesegneten Haushalt und beruft sich dabei auf eine vermeintliche Lücke der Verfassung, die im Falle eines derart tief greifenden Konflikts zwischen König und Parlament keine Regelung vorsehe, weshalb der König und sein Kabinett auch ohne Zustimmung ›souverän‹ handeln könnten. Trotz dieser originellen ›Lückentheorie‹ ist Bismarcks Handeln Verfassungsbruch. Dieses Hintergehen des Parlaments trägt Bismarck unversöhnliche Feinde und ein mit Aggressionen aufgeladenes politisches Klima ein. Die auf diese Weise trotzdem in Gang gesetzte Heeresreform, an deren Ende die preußische Armee zur mächtigsten und gefürchtetsten Streitmacht Europas wird, gründet auf gesetzwidriges Verhalten der Regierung Bismarck. Am Anfang der deutschen Militärmacht des 19. und des 20. Jahrhunderts steht der Betrug an einem gewählten Parlament. Die Finanzierung der Heeresreform erfolgt nun unter Geldaufnahme bei privaten Financiers. Bismarck arbeitet dabei eng mit dem befreundeten Bankier Gerson Bleichröder zusammen, der auch die Privatgeschäfte des Ministerpräsidenten regelt. Der geschickte Bleichröder verkauft zugunsten der preußischen Heeresfinanzierung Staatseigentum, unter anderem Kohlegruben, ohne zuvor, wie eigentlich vorgeschrieben, den Landtag zu informieren.

Durch Schikanen gegen Beamte, die der Fortschrittspartei angehören, und eine im Juni 1863 verhängte, verfassungswidrige Presseverordnung, die das Verbot regierungskritischer Zeitungen ermöglicht, gießt der ›Konfliktminister‹ Bismarck zusätzlich Öl ins Feuer der politischen Erregung. Allerdings versucht Bismarck mit der autoritären Presseverordnung ebenfalls die zahlreichen persönlichen Beleidigungen, die ihm durch oppositionelle Zeitungen widerfahren, zu unterbinden. Am 22. Mai 1863 richtet das liberal dominierte Abgeordnetenhaus eine scharfe Note an den König: »Das Haus der Abgeordneten hat kein Mittel der Verständigung mehr mit diesem Ministerium.«¹⁸ Der König löst wie bereits im Vorjahr den Landtag auf, obgleich die Wahlperiode eigentlich drei Jahre beträgt. Die Neuwahlen stärken jedoch erneut die liberale Mehrheit. Im November 1863 bringt das neu gewählte Abgeordnetenhaus als erste Amtshandlung Bismarcks verhasste Presseverordnung zu Fall. Die Ankündigung des Königs, das Abgeordnetenhaus so lange auflösen und neu wählen zu lassen, bis eine ihm genehme Zusammensetzung erreicht sei, beruhigt die Gemüter nicht gerade. Bismarck selbst erinnert sich später selbst dramaturgisch überspitzt an die Aufgeregtheiten dieser Zeit. König Wilhelm soll zu ihm im Oktober 1862 gesagt haben: »Ich sehe ganz genau voraus, wie das alles endigen wird. Da, vor dem Opernplatz, unter meinen Fenstern, wird man Ihnen den Kopf abschlagen und etwas später mir.«¹⁹

Das gewollte Scheitern – Der ›Fürstentag‹ 1863

Eine Chance für Bismarck, von den innenpolitischen Schwierigkeiten Preußens, vom offen vorliegenden Verfassungsbruch und dem harten Kampf gegen die liberale Opposition abzulenken, bietet ihm die Außenpolitik. Insbesondere der stets schwelende Konflikt mit Österreich soll nun in den Mittelpunkt rücken. In gewisser Weise beginnt schon 1863 der Prozess, der zur ›kleindeutschen‹ Einheit führen wird.

Im ›Deutschen Bund‹ streiten zu diesem Zeitpunkt drei wichtige Konzepte über die Zukunft eines künftigen Reichs. Große Teile des liberalen und überwiegend protestantischen Bürgertums in den nordund mitteldeutschen Staaten streben einen deutschen Nationalstaat unter Ausschluss Österreichs an. Diese ›kleindeutsche‹ Nationalbewegung nimmt dabei eine zwangsläufige starke Dominanz Preußens im zu schaffenden Reich in Kauf. Von Preußen soll diese nationale Einigung auch ausgehen. Organisiert ist die ›kleindeutsche‹ Nationalbewegung im ›Deutschen Nationalverein‹, der aus Liberalen und gemäßigten Demokraten besteht. Vorbild des Nationalvereins ist die italienische ›Società Nazionale‹. Die nationale Einigung Italiens der Jahre 1859/60, die im Zusammenwirken von liberalem Bürgertum und dem Königreich Sardinien-Piemont in blutigen Kriegen erkämpft wurde, hat gezeigt, wie ein Erfolg versprechender Weg auch für Deutschland aussehen konnte.

Die ›großdeutsche‹ Bewegung hingegen, die vor allem von süddeutsch-katholischen Liberalen, einigen Konservativen und alten Revolutionären der Jahre 1848/49 getragen wird, steht für ein Reich unter Einschluss des deutschsprachigen Teils von Österreich.

Doch auch Befürworter des Status quo sind anzutreffen. Sie wünschen, dass alles so bleibt, wie es ist. Diese christlich geprägten ›Ultra-Konservativen‹ lehnen jeden Umsturz aus Prinzip ab, wünschen sich zum Teil vorrevolutionäre Feudalverhältnisse zurück, halten soziale Ungerechtigkeiten für gottgewollt und stehen konsequenterweise der Nationalstaatsidee als einer der Haupterrungenschaften der Französischen Revolution kritisch gegenüber. Sie besitzen mit der ›Neuen Preußischen

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