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Nachtfahrt (eBook): Friedo Behütuns siebter Fall
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eBook459 Seiten4 Stunden

Nachtfahrt (eBook): Friedo Behütuns siebter Fall

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Über dieses E-Book

In einer Nacht im Jahr 1982 brechen zwei junge Menschen aus Franken zu einer Reise mit unbekanntem Ziel auf – und sind seither wie vom Erdboden verschluckt. Es gibt keine Spur, nicht eine einzige. Jahrzehnte gehen ins Land – da findet die Feuerwehr beim Testen eines Sonargerätes das Auto der beiden. Darin: die knöchernen Überreste der Verschollenen. Was ist in jener Nacht vor 36 Jahren passiert? Ein alter Freund der beiden und das Team um den Nürnberger Kommissar Friedo Behütuns machen sich unabhängig voneinander auf die Suche. Es kommt viel zutage, wenn man erst einmal den Schlamm aufwühlt – und vieles scheint plötzlich möglich: War es Selbstmord? Rache? Ein Unfall? Stecken Verbindungen zum Drogenmilieu dahinter, Kontakte zur RAF, eine Beziehung, Familiäres? Doch dann ...
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum23. Juli 2018
ISBN9783869139104
Nachtfahrt (eBook): Friedo Behütuns siebter Fall
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    Nachtfahrt (eBook) - Tommie Goerz

    Autors.

    Inhalt

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    Allererster Dank

    Der Autor

    Als Gerardo Contreras noch tot gewesen war,

    hatte es für mich keinen Grund gegeben,

    mir eine Meinung über ihn zu bilden.

    Tom Bouman, »Auf der Jagd«

    And there ain’t no sunshine, when she’s gone,

    and there ain’t no peace, when she’s at home

    Dan Reeder, »Fireball«

    1

    Samstag, 2.9.2017

    In dieser Nacht hatte der alte Medizinprofessor Burger schlecht geschlafen. Ereignisse, die schon viele, viele Jahre zurücklagen, waren urplötzlich wieder hochgekommen, hatten sich in seine Träume gedrängt und ihm den Schlaf geraubt. Dinge, von denen er geglaubt hatte, sie würden ihn bis an sein Lebensende nicht mehr einholen, waren plötzlich wieder da, einfach so. Warum? Es hatte doch überhaupt keinen Anlass gegeben. Er war aufgestanden, hatte sich im Dunkeln ein Glas Wasser geholt und durch den Vorhang hindurch zum Fenster hinausgesehen. Ein Auto war langsam die Straße heraufgekommen, tastend beinahe die Scheinwerfer, war wie suchend leise vorbeigerollt, dann war das Licht auf der anderen Seite hinter der Kurve verschwunden – und unvermittelt war es ihm, als sei alles erst gestern gewesen. Was war hier los? Er wusste es nicht – aber er war sich in diesem Moment sicher: Es war etwas geschehen. Oder es würde etwas geschehen. Langsam, beinahe lautlos, war das Auto kurz darauf wieder zurückgekommen, genauso wie damals. Diesmal aber hielt es nicht an, es fuhr weiter. Fand das denn nie ein Ende? Ohne sich zu bewegen, hatte er am Fenster gestanden und versucht, seinen Atem zu kontrollieren. Es würde etwas geschehen. Es war September, so wie damals.

    Sonntag, 3.9.2017

    Der Nürnberger Kommissar Friedemann »Friedo« Behüt­uns war ein anderer geworden nach dem Tod seiner Julie. Schweigsamer, einsamer, störrischer, oft auch unleidlicher, unfreundlicher, ungeduldiger. Und aufbrausender, zorniger, manchmal jähzornig, abrupt und eruptiv. Unberechenbarer. Und nicht immer gerecht, weiß Gott nicht. Das alles war ihm bewusst, aber er konnte nichts dagegen tun. Oder wollte nicht, ließ es geschehen, ließ sich gehen. Was war, war. Punkt. Und es war ihm egal. Es spielte einfach keine Rolle. Seit er seine Julie verloren hatte, waren zwar schon mehr als zwei Jahre vergangen, doch die Wunde wollte nicht richtig vernarben. Kaum war eine dünne Hautschicht darüber gewachsen, riss sie wieder auf. Manchmal genügte der Rücken einer Frau im Augenwinkel, eine ähnliche Silhouette, der Klang einer Stimme von irgendwoher, eine ähnliche Frisur oder Haarfarbe, ähnlich wippendes Haar, und die Wunde war wieder offen und blutete wie unter Marcumar. Das Leben war nicht mehr wie ein warmes Bad, in das er sich hineinlegen konnte, sich wohlfühlen, einfach so. Das Leben war zu einem Grat geworden, sehr schmal, sehr steil, und ständig lief er Gefahr auszurutschen und abzustürzen. Ins Bodenlose zu fallen.

    Natürlich hatten sich die Kollegen um ihn bemüht, rührend sogar. Hatten ihn aufgefangen und unterstützt, wo immer sie konnten, aber Schwermut und Trauer sind zähe Begleiter und lassen sich nicht so einfach ausschalten. Sie stülpen sich über dich und halten dich gefangen wie klebriger Brei, durch den kein Lichtstrahl dringt. Und schafft es einmal einer hindurch, schließt sich die Masse sofort wieder über dir, und du stehst umso mehr im Dunkeln, weil du das Licht gesehen hast.

    Ihm fehlten Motivation, Lust, Begeisterung. Und er war dünnhäutig geworden, war mit den Nerven oft am Anschlag. Manchmal kannte er sich selbst nicht wieder. Über Monate schien er völlig ausgetrocknet, hatte kaum eine Träne hervorgebracht nach Julies Tod, hatte nicht weinen können, wie auch schon in den dreißig, vierzig Jahren davor. Heulen war nichts für Männer – und jetzt heulte er manchmal los wie ein Schlosshund, völlig unvermittelt. An einem der vergangenen Abende erst, da hatte er in seiner Wohnung das Radio eingeschaltet. Und war sofort in Tränen ausgebrochen, beinahe ansatzlos. Hatte sich setzen müssen und Rotz und Wasser geflennt. Es hatte ihn geschüttelt, ihm die Brust eingeschnürt, war einfach so aus ihm herausgelaufen. Warum? Wegen einer Arie. Einer ARIE! Wegen einer gequetschten und unerträglich hohen Sopranstimme, Zahnarztbohrerstimme, die sich um eine Männerstimme schlang. Eine OPER! Bisher war er weggelaufen, wenn er so etwas gehört hatte. Oder hatte den Sender weitergedreht, sofort, hatte am Fernseher weitergezappt mit einem inneren Schütteln, ja beinahe mit Abscheu. Sopranstimmen hatten bei ihm schlagartig Schiefertafelkreidequietschgänsehaut erzeugt und regelrecht Ekel. Sie waren ihm widerwärtig. Die Fußnägel hatten sich ihm hochgeklappt, die Tapete hatte sich von den Wänden gerollt, die Milch im Kühlschrank war geronnen und das Bier sauer geworden. Und jetzt? Lief eine Arie, und es zog ihm die Beine weg. Bellini, Il Pirata, »Crudele! E Vuoi?« Er wusste überhaupt nicht, was das hieß, konnte kein Wort Italienisch, hatte keine Ahnung, worum es in der Oper, geschweige in dieser Arie ging und was die dort sangen. Und trotzdem schoss ihm das Wasser aus den Augen, und es sprengte ihm die Brust. Solch heftigen Schmerz kannte er nur aus seiner Kindheit. Vom Heimweh, dass einem die Luft wegblieb und Schluchzer einen beutelten.

    Oder lag es am Italienischen? Aber warum? Er hatte dazu überhaupt keinen Bezug, keine Erinnerung, nichts. Aber ganz genauso erging es ihm, als sie eines Abends Gianmaria Testas Nuovo spielten. Schleusen auf – und Rotz und Wasser, marsch!

    Nein, am Italienischen konnte es nicht liegen, er verstand davon ja kein Wort. Außerdem: Angefangen hatte es mit Süßes Leben von Udo Lindenberg. Da hatte es ihn zum ersten Mal zerlegt. »Warum kommt keiner mehr«, sang da der alte Rocker mit der weichen Stimme, »ich bin ja noch nicht tot. Die Abenddämmerung, der Himmel ist so rot. Die Stunden sind so kostbar, jede Sekunde ein Gewinn. Wenn du mich jetzt berührst, bin ich doch für dich schön. Süßes Leben, es war so gut …« Wenn du mich jetzt berührst … Behütuns schrie vor Schmerz. Und trank während der fünf Minuten dieses Liedes fast eine ganze Flasche Wein.

    Anders erging es ihm, als sie eines Abends Dan Reeders Fireball spielten. Da trieben ihm die Harmonien zuerst ansatzlos die Tränen in die Augen, dass er sich am Tisch festhalten musste – und vermischten sich dann unversehens mit einem verzweifelten inneren Lachen, als der Refrain kam: »And there ain’t no sunshine, when she’s gone – and there ain’t no peace, when she’s at home.« Ja, Lachen und Weinen, tiefster Schmerz und ununterdrückbares Lachen zugleich, selbst wenn es das Lachen der Verzweiflung ist: das geht. Nach den nur zwei Minuten dieses kurzen Songs ging es ihm schlecht und gut zugleich, und er hätte den Nürnberger Dan Reeder auf der Stelle umarmen können. Er kannte ihn ja aus der Hersbrucker Bücherwerkstätte.

    Behütuns atmete durch und holte sich zurück in die Welt und an seinen Schreibtisch. Das Telefon klingelte.

    Einmal.

    Zweimal.

    Dreimal.

    Friedemann Behütuns, Leiter des Sonderbüros Metropolregion, sah aufs Display. Rasts Nummer. Sein Chef.

    Er schaute wieder zum Fenster hinaus, nahm nicht ab.

    Das Telefon verstummte.

    Minuten später klingelte es wieder.

    Sein Chef.

    Der Kommissar grunzte unwillig, nahm wieder nicht ab.

    Das Telefon verstummte wie vorher.

    Eine Fliege landete auf Behütuns’ Hand, krabbelte ein paar Zentimeter, putzte sich mit den Vorderbeinen über Augen und Kopf, noch mal, dann mit den Hinterbeinen über die Flügel, krabbelte wieder ein paar Schritte und flog davon. Prallte gegen die Fensterscheibe. Tock. Und noch mal. Tock. Und noch mal, mit Anlauf. Die Fliege war dumm. Von der Straße unten hörte man Autohupen, vom Gehsteig vor dem Präsidium Stimmen. Irgendjemand schimpfte dort mit vielen Üs, höchstwahrscheinlich ein Türke. Vor seinem geistigen Auge tauchte Rumpelstilz Erdogan auf, der mit heiserer Stimme … Behütuns ging das nichts an, er dachte über einen Fall nach.

    Zumindest tat er so. Saß vor einem geöffneten Aktenordner und starrte vor sich hin. Dachte an Julie. Seine Julie. Die jetzt schon seit über zwei Jahren in der Bretagne unter der Erde … und dennoch war es manchmal so, als käme sie gleich zur Tür herein. Zweieinhalb Jahre, das waren locker achthundert Tage. Tage, an deren ersten zweihundertfünfzig er manchmal nicht gewusst hatte, wie er die nächsten fünf Minuten überstehen sollte. Und jetzt immer diese Heulanfälle. Ob das irgendwann einmal aufhörte?

    Das Telefon klingelte erneut.

    Schon wieder sein Chef.

    Behütuns nahm nicht ab.

    Die Fliege summte, blieb dumm und dotzte weiter gegen das Fensterglas, immer und immer wieder. Der Kommissar öffnete das Fenster und ließ sie hinaus. Als er sich umdrehte, stand sein Chef in der Tür und sah ihn fragend an. Trat ein, nahm Platz und legte eine Mappe auf den Tisch.

    »Ich möchte, dass Sie sich das ansehen.«

    Behütuns warf einen Blick auf die Mappe, fasste sie nicht an. »Älteres Semester, oder?«

    Der Chef nickte. »Anfang 1980er-Jahre.«

    Es war eine jener Mappen, die aus einem gefalteten, biegsamen Karton bestanden und an den Ecken von einem Gummi zusammengehalten wurden.

    »Ein Vermisstenfall?« Das entnahm Behütuns der Beschriftung des Deckels, fast wie gemalt mit einer sauberen Handschrift, wie man sie heute nirgends mehr fand. Er nahm die Mappe nicht in die Hand.

    »Von 1982.«

    Der Kommissar legte den Kopf leicht schief und sah seinen Chef an. »1982?«

    Der nickte.

    »Was geht uns das an?« Er wusste, dass die Personenfahndung bei Vermisstenfällen nach 30 Jahren abgebrochen und die Vorgänge zu den Akten gelegt werden. Zu den Aktenvernichtern. »Der Fall ist über 35 Jahre her.«

    Der Chef schüttelte den Kopf. »Die Fälle.«

    »Wie, die Fälle?«

    »Die Fälle. Es sind zwei.«

    »Zwei Fälle?«

    Er nickte. »Zwei Personen, also zwei Fälle.«

    »Und?«

    »Ich möchte, dass Sie sich darum kümmern.«

    Behütuns machte eine abwehrende Geste und schüttelte den Kopf. »Keine Zeit. Mein Schreibtisch ist übervoll, und das wissen Sie.«

    Der Chef wiederholte nur seinen letzten Satz, und Behüt­uns wusste, dass er keine Chance hatte. Ober sticht Unter, beim Schafkopf wie im richtigen Leben. »Ich möchte, dass Sie sich das ansehen.«

    »Was soll das bringen, nach über 35 Jahren?«

    »Die Personen sind aufgetaucht.«

    »Wie …?«

    »Wie ich gesagt habe: Die vermissten Personen sind wieder aufgetaucht. Im wahrsten Sinn des Wortes.«

    »Lebendig?«

    »Tot.«

    »Wann?«

    »Gestern Vormittag.«

    »Wo?«

    »Bei Erlangen. Steht alles in der Mappe.«

    »Muss ich da jetzt hin?«

    »Nein, das haben die Kollegen schon gemacht.«

    »Können die dann nicht weiter…?«

    »Nein.«

    »Warum nicht?«

    »Sie kümmern sich darum?« Sein Chef stand auf und ging zur Tür, nickte noch einmal fragend. Behütuns antwortete schnaufend mit einer hilflosen Geste. Dann war er wieder allein. Die Mappe lag auf dem Tisch, und er schaute zum Fenster hinaus. Das Ü-Geschrei unten war verstummt.

    Auf dem Fenstersims landete eine dicke Stadttaube. Instinktiv griff sich der Kommissar ein zusammengeknülltes Blatt aus dem Papierkorb und warf es gegen die Scheibe. Flügelklatschend und mit einem empörten »Gurrr« schreckte der Vogel auf und flüchtete. Er würde wiederkommen, das war dem Kommissar klar, nicht sofort, aber irgendwann später. Tauben sind nicht dumm, aber penetrant.

    »Aufgetaucht«, grunzte Behütuns, »und das auf meinem Schreibtisch. Und warum?«

    Er sah sich im Büro um. Keiner da. Wie auch, es war Sonntag. Kein Dick, kein P. A., keine Frau Klaus. Er, ganz allein. Weil er es daheim nicht ausgehalten hatte.

    »Nur weil ich Depp reingekommen bin.«

    Warum eigentlich war der Chef am Sonntag da? Hatte der Ärger zu Hause oder war ihm das Wasser abgestellt worden oder der Strom? Der hat wohl nichts Besseres zu tun, dachte er sich. Die Taube landete wieder auf dem Fensterbrett. Behütuns schlug mit der flachen Hand gegen die Scheibe. Einen Moment schien es, als falle der dicke Vogel vor Schreck hinunter, dann gurrte das Vieh vorwurfsvoll und klatschte sich mit den Flügeln empört davon.

    »Warum bin ich nicht gleich in die Fränkische gefahren?!«, murmelte er vor sich hin. Er verließ den Raum, ohne die Mappe auch nur angefasst zu haben. Das hatte Zeit bis Montag. Eine Akte von vor über 35 Jahren? Was konnte daran so wichtig sein?

    Behütuns schlug die Tür hinter sich zu. Aufgetaucht? Er tauchte jetzt erst einmal ab. 13 Uhr, noch Zeit genug für eine Fahrt hinaus in die Fränkische Schweiz. Das Beste, das man an einem Sonntagnachmittag tun konnte.

    Dabei waren die Tage voll böser Zeichen.

    Christoph Ransmayr, »Cox oder der Lauf der Zeit«

    2

    Sonntag, 3.9.2017

    Einen Teufel würde er tun, sich am Sonntagmittag in einen 35 Jahre alten Vermisstenfall einzuarbeiten. Nur weil sein Chef es sonntags daheim nicht aushielt. Warum kümmerten sich die Erlanger Kollegen eigentlich nicht darum? Egal, er würde es morgen erfahren. Die Sache hatte jetzt 35 Jahre lang Zeit gehabt, da käme es auf den einen Tag auch nicht mehr an. Kommissar Behütuns stieg hinunter in die Tiefgarage, startete seinen Wagen und fuhr hinaus. Ließ sich treiben. Fuhr aus der Stadt und einfach so herum, wohin es ihn gerade verschlug. Er brauchte das jetzt, so wie Hunderte andere anscheinend auch. Stoßstange an Stoßstange wälzte sich die Kolonne durchs Wiesenttal, irgendwo Kaffee und Kuchen entgegen. Oder bewegte sich, bereits schäuferla­beladen, verdauungsbedingt entsprechend träge. Motorradfahrer heulten in Horden vorbei, forderten das Schicksal heraus und schienen ihren Spaß dabei zu haben. Andere mussten sie ja dann von der Straße kratzen, nicht sie selbst. Die Sauerei mutete man immer den anderen zu.

    Behütuns wich auf die kleineren, weniger befahrenen Straßen aus, bog ab in unbekannteres Terrain. Hielt nach einem Wirtshaus Ausschau. In die Fränkische fahren, ohne irgendwo ein Bier zu sich zu nehmen, war unvorstellbar. Und ohne irgendwo etwas zu essen, erst recht, ganz egal, ob man Hunger hatte, und ganz egal, wie es einem ging. In Engelhardsberg sah er schließlich ein paar Tische an der Straße stehen. Kein Wirtshaus, eher so etwas wie ein Kiosk. Aber: Dort saß noch niemand. Hier würde er seine Ruhe haben. Der Kommissar parkte seinen Wagen und nahm an einem der Tische Platz. Das Innere des Kiosks war mit ausgestopften Vögeln dekoriert, in einem Käfig krächzte ein Papagei. Der Kioskbetreiber saß vor einer Flasche Bier und kümmerte sich um nichts. Wahrscheinlich saß er schon seit seinem Frühschoppen und trank sich den Tag schön. Er musste dabei schon weiter fortgeschritten sein, denn er wirkte kaum unzufrieden. Lediglich ein schmales Nicken zur Begrüßung, kein Laut sonst, keine Frage, ob Behütuns etwas wolle und was. Man hatte viel Zeit und wenig Lust, sich diese mit Arbeit zu versauen. Der Papagei turnte mit Krallen und Schnabel rastlos an den Gitterstäben in seinem Käfig umher. Eine Frau schaute ums Eck, nickte Behütuns zu.

    »Bier?«

    »Ein Dunkles.«

    Sie brachte es, stellte die Flasche samt Krug auf den Tisch und machte sie auf.

    »So. Aufmachn derfis, ohber eischengn derfis ned.«

    Behütuns sah sie fragend an. »Ach so?«

    »Ja wissen S’, walli ka Schankerlaubnis hob.« Sie blieb noch einen Moment unschlüssig stehen, fragte, ob das dann alles sei, und trollte sich: »Wenn niggs mehr is, geh i eds nauf und ziehch mei dreggerde Woar aus.« Manchmal gestatten ganz einfache Sätze tiefe Einblicke in das Leben anderer Menschen.

    Eine Zeit lang war es so, wie er es sich wünschte: ganz einfach ruhig. Niemand da, der quasselte. Niemand, der ihn mit einem 35 Jahre alten Fall belästigte. Kaum zehn Minuten später aber war es mit der Ruhe vorbei, ein Trupp Wanderer fiel ein und besetzte zwei Tische. Einer der Männer, der sich als besonders lebenslustig und humorbegabt hervortat, schaute sich im Kiosk um, besah sich die vielen ausgestopften Vögel und machte dazu überflüssige Piepgeräusche. Schließlich trat er an den Papageienkäfig, musterte den bunten Vogel und presste ihm dann mit gequetschter Stimme ein »Hallo« entgegen.

    Der Papagei turnte unbeeindruckt weiter durch seine Gestängewelt.

    »Ha–llo!«

    Und noch einmal. Seine Mitwanderer und -wanderinnen lachten schon ob des gelungenen Spaßes. Der Papagei aber reagierte nur hektisch und flatterte in seinem Käfig umher.

    »Ha–llo!«

    »Ha–ll–lo!«

    Der Wirt sah sich das von seinem Tisch aus eine Weile an und trank sein Bier. Irgendwann aber wurde es ihm wohl zu bunt, denn er sagte wie zu sich selbst, aber wohltemperiert so, dass es alle hören mussten: »Doh song di Leud immer ›Hallo‹ zu den Viehch und hörn ned auf. Is doch ka Wunder, dass der doh verrüggd werd.«

    Ab da hörte man kein »Hallo« mehr, lästig lustig aber blieb die Truppe trotzdem. Behütuns zahlte und fuhr weiter. Sah bei der Kuchenmühle vorbei, aber hier war es ihm zu voll. Also wendete er und drehte weiter seine Schleifen übers Land und durch die Täler. In Muggendorf am Bahnhof der Museumsbahn schließlich stellte er gegen fünf seinen Wagen ab. Er hatte Hunger. Auf seinem Fußweg hinüber ins Dorf musste er nicht lange suchen, um ein Wirtshaus zu finden, das ihm behagte: die Sonne mit ausgeblichenen, alten Sonnenschirmen, von denen nicht ein einziger ausgeklappt war. Kein Mensch auf der Terrasse. Er stieg die Handvoll Stufen zur Eingangstür empor und trat ein. Das Wirtshaus – vorne ein Vorraum mit drei Tischen, Tresen und Eingang zur Küche, dahinter die große Stube – ebenfalls komplett leer, kein einziger Gast, aber so, wie es Behütuns unmittelbar ansprach: alter Rauch- und ein wenig Muffelgeruch, in die Jahre gekommene Farben, dunkles Holz, zerschlissene Kissen, spärlich verteilt auf die Holzstühle, vertrocknete Blumen auf Fenstersimsen und vereinzelt auf den massiven Ahorntischen sowie vergilbte Vorhänge. Es war alles in bester Ordnung.

    Nachdem er erst hinten in den großen Gastraum gesehen hatte, steuerte er auf einen der beiden Tische im Vorraum zu und wollte sich setzen, doch insistierte umgehend der Wirt: »Wollnsersi ned nach hindn seddsn?«, deutete er hinüber in die große Stube.

    »Nein, ich tät’ schon lieber hier vorn sitzen«, entschied Behütuns und zeigte auf einen der Tische im Vorraum. »Oder ist das der Stammtisch?« Er konnte aber nirgendwo ein entsprechendes Schild entdecken.

    »Nah.«

    Also sprach doch erst einmal nichts dagegen, dass er dort Platz nahm. Doch da insistierte der Wirt erneut: »Nah, villeichd ned grohd an den Disch, sondern ehrer an denn.«

    Behütuns sah den Wirt fragend an.

    »Wall, wissen S’, da kommt nocherd ahner, der hoggd immer doh.«

    »Der kann sich ja dann zu mir setzen«, schlug Behütuns vor.

    Der Wirt lachte. »Nah-nah, des machd der ned. Wissen S’, des is so ahner, der kummd immer bloß auf a Seidla, alle Ohmd.« Damit war das Thema umfassend geklärt. Behüt­uns bestellte Bratwürste und bekam sein Bier, trank und schwieg. Auch der Wirt sagte nichts. Aus der Küche drangen Brutzelgeräusche. Als er sein Bier halb getrunken hatte, öffnete sich die Tür, und vier Touristen kamen herein. Grüßten und setzten sich sofort an den Ecktisch, den Tabutisch. Der Wirt zuckte in Richtung Behütuns nur hilflos mit den Schultern und nahm die Bestellung auf.

    Als Behütuns’ Bratwürste kamen, fragte einer der vier Neuen, warum so wenig los sei. Sonntagabend müsse doch eigentlich mehr Betrieb sein.

    »Des is so, die Leid kummer nemmer, und die Junger sowieso ned.«

    Und warum nicht?

    »Des is der Schdrugdurwandl, des is überall so, doh kammer niggs machn.«

    Behütuns aß und achtete nicht weiter auf die Gespräche. Er dachte an die Mappe auf seinem Schreibtisch und fragte sich, was es wohl auf sich hatte mit den Vermissten. 35 Jahre fort, und jetzt »aufgetaucht«? Inzwischen verspürte er doch ein wenig Neugier. Die Türe öffnete sich, nur einen schmalen Spalt breit, ein scheues Gesicht sah kurz herein und zog sich sofort wieder zurück, schloss die Türe von außen.

    »Sehng S’?«, nickte der Wirt ihm zu. »Ihch habs ja gsachd.« Das war wohl der scheue tägliche Stammgast gewesen. Behütuns schnitt seine dritte Bratwurst an, Fett lief heraus und vermischte sich mit dem Sauerkraut, und lauschte dem Gespräch der anderen mit dem Wirt. Inzwischen waren sie bei den Immobilien angelangt und was die Häuser hier draußen wohl kosteten. Ja, Häuser könne man kaufen hier draußen, informierte der Wirt, von 60.000 bis 600.000 Euro sei alles dabei. Aber hier wolle ja keiner mehr her. »Irngdwann brenner die alle amoll.«

    »Warum sollten die Häuser brennen? Wie meinen Sie das?«

    »Na ja, ihch mahn bloß. Haaß saniern, wie mer so sachd.« Er lachte. »Des wor doch scho immer so. Erschd guhd versichern, undann wech. Und wassd: Des Feier fängd doch nie am Dach zum brenner oh, des kummd doch immer ausm Keller, su is des scho immer gwehn.«

    Wirklich? Die vier vom Nebentisch sahen sich belustigt an. Das wollten sie nun doch nicht glauben.

    »Ihr seid doch über die Riesenburch gloffm heid, oder? Dann seider ah in der Kuchnmühl drühm gwesn.«

    Ja, waren sie.

    »Doh is des ah so gwehsn. Di Kinner worn ned derhamm, di Frah ah ned, undi Aldn worn es erschde Moll ühberhaubds fodd. Des wor scho a Zufall. Und dann, wie’s der Deufl gwolld had, hodds im Keller es brenner ohgfangd.«

    Sie lauschten der Geschichte des Wirtes.

    »Der Schnee wor so hoch glehng«, zeigte der Wirt auf Bauchhöhe, »doh had die Feierwehr, die hamm ja ah erschd nu vo Ebermannschdadd nieberfohrn müssen, zerschd nu die Keddn ohleng müssen, die senn ja anderschd gorned durchkummer.«

    Die vier lauschten gebannt. Auch Behütuns hörte neugierig zu, wiewohl auch innerlich schmunzelnd.

    »Und, konnsder dengn, bis die dann endli dohgwesn senn, hodd des Feier vill Dseid ghabbd. Doh hamms in der Kuchnmühl drühm nemmer vill löschn müssn.«

    Ob das denn stimme und wann das gewesen sei?

    »No frahli schdimmd des, wos glabdn ihr? In die Aachdsgerjoahr is des gwehsn. Danohch hadders dann verkaffd, die Mühl, sei Geld hodder ja ghabd. Die wor ned schlechd versicherd.«

    In den Achtzigerjahren, dachte Behütuns. Dahin muss ich morgen auch zurück mit der Mappe auf meinem Schreibtisch.

    Er bezahlte, ging. Im Uferbereich der Wiesent besangen die Amseln den Abend, der sich anschickte, sich über das Land zu legen. Über den Baumspitzen drüben hing wie ein Fingernagel schräg die dünne Sichel des Mondes.

    Behütuns fuhr durch den dämmernden Abend zurück in die Stadt. Seine Stimmung hatte sich ein wenig gebessert.

    Für einen Augenblick schien die Zeit den Atem anzuhalten.

    Dann wurde es heftig.

    Franzobel, »Das Floß der Medusa«

    3

    Montag, 4.9.2017

    »Moin, Klaus.« Behütuns ließ die Bürotür ins Schloss fallen und setzte sich an seinen Schreibtisch. Und sah die Mappe liegen. Hatte er nicht gestern einen Moment lang Lust auf diesen Fall verspürt? Sie war schon wieder verflogen. Frau Klaus, immer der Erste im Büro, richtete gerade Blumen. Die Septembersonne schien zum Fenster herein und kündete von einem herrlichen Tag. Noch hatte der Himmel aber diese spezielle Frische eines Spätsommermorgens, die einfach Lust machte aufs Leben.

    »Ist jemand gestorben?«

    »Friedo!«, wies ihn Klaus zurecht.

    »Na gut, dann – hat jemand Geburtstag?«

    »Nein«, erwiderte Frau Klaus leicht schnippisch, »die sind für uns.«

    »Wie ›für uns‹?« Was sollten sie hier mit Blumen?

    Frau Klaus arrangierte weiter unbeirrt den Strauß. Nahm eine nach der anderen vom Papier auf, besah sie sich, hielt sie prüfend in die eine und in die andere Richtung, schnitt schließlich einmal ein längeres, ein andermal ein kürzeres Stück des Stiels ab oder ein Blatt, hielt sie erneut prüfend zu den anderen und steckte sie dann in einem ganz bestimmten Winkel in die Vase. Zupfte noch ein wenig daran herum oder drehte sie, und wenn sie zufrieden war, kam die nächste dran. Behütuns verstand das alles nicht. So etwas machen nur Frauen, dachte er sich.

    »Kein Geburtstag?« Er schüttelte den Kopf. »Namenstag vielleicht?« Irgendetwas musste doch sein.

    Klaus lächelte ihn an. »Nein, nichts, einfach nur schön. Und nur für uns.«

    »Nur für uns – für uns zwei?« Behütuns nahm die Vorlage auf und wollte Klaus damit necken.

    Der aber nickte. »Nur für uns zwei, denn sonst kommt ja heute keiner. Deshalb.«

    Der Kommissar stutzte. »Es kommt keiner? Wieso?«

    Klaus sah ihn an. »Na, Dick hat Urlaub, und Peter Abend ist auf seinem Lehrgang.«

    »Lehrgang? Was für ein Lehrgang?«

    »Zeitmanagement, weißt du das nicht mehr?«

    »Zeitmanagement, was soll das denn sein?«

    »Schätze, da lernt man, mit seiner Zeit umzugehen.«

    »Mit seiner Zeit umzugehen? Der soll seine Sachen machen, dann braucht er kein Zeitmanagement.« Neumodischer Scheiß, dachte er sich. »Und wie lange dauert das?«

    »Drei Tage, wenn ich recht informiert bin.«

    »Drei Tage? Wenn er die arbeiten täte, bräuchte er hinterher kein Zeitmanagement.«

    Klaus richtete weiter die Blumen. Griff mit beiden Händen unter den Strauß, lupfte ihn leicht an, lockerte ihn, ließ ihn wieder auseinanderfallen, trat einen Schritt zurück, legte den Kopf schief und kniff die Augen zusammen. Prüfte das Werk. Zupfte erneut an ihm herum. Behütuns sah ihm fasziniert zu. Was man mit Blumen alles machen konnte.

    »Drei Tage.« Es ließ ihm keine Ruhe. »Und dann hat er Stress, wenn er zurückkommt, weil ihm die drei Tage fehlen. Was für ein Unsinn!«

    »Aber ab da kann er wahrscheinlich besser mit seiner Zeit umgehen. Also sie sich einteilen und so.«

    »Womit wir wieder beim Anfang sind«, konstatierte Behütuns. »Würde er seine Arbeit gleich machen, hätte er kein Zeitproblem, und die Arbeit wäre getan.« Natürlich war ihm klar, dass er gerade haltlosen Quatsch von sich gab, denn irgendeinen Sinn würde das Seminar schon haben, sonst hätte es die Behörde erst gar nicht in das Schulungsangebot mit aufgenommen, aber ein wenig Gemotze musste sein. Bälfern reinigt die Seele und hebt die Laune. Und die drohte gerade umzuschlagen. Weil die Mappe dort lag und er sich selber drum kümmern musste – und den Job nicht delegieren konnte, wie er insgeheim gehofft hatte. Liegen lassen konnte er ihn nicht die drei Tage, bis P. A. von seinem Lehrgang zurück wäre, das wusste er. So wie der Alte den Ordner hier abgelegt hatte. Ein 35 Jahre alter Vermisstenfall, der schon über fünf Jahre abgelaufen war. Nur weil die im Archiv ihre Arbeit nicht taten. Würden die etwas gewissenhafter arbeiten, wäre der Fall längst im Schredder gelandet, wie es die Vorschriften vorsahen. Jetzt aber lag das Ding bei ihm auf dem Tisch, und alles war im Urlaub oder auf Fortbildung. Was hieß: Keiner arbeitete hier etwas – die im Archiv nicht, und die Kollegen auch nicht. Ein Saustall war das vielleicht! Nur er musste natürlich ran, wie immer. Dabei war er hier der Chef, oder täuschte er sich? Nein. Schade, dass die gute alte Haut Jaczek nicht mehr im Team war. Dem hätte er die Mappe aufs Auge drücken können. Der hätte sich zwar geärgert, aber er hätte sich dann der Angelegenheit unnachgiebig angenommen. Jaczek wäre jetzt, also um diese Uhrzeit, zwar noch nicht im Büro, weil er immer zu spät kam, der konnte nicht pünktlich sein, aber dann hätte er sich reingebissen mit seiner Pedanterie. War ja auch für was gut. Behütuns brach seinen Gedankenschwall ab.

    »Und Dick hat Urlaub, hast du gesagt?«

    »Yep.«

    »Wie lange?«

    »Heute den ersten Tag – und bis einschließlich nächsten Montag.«

    Behütuns fiel aus allen Wolken. »Die ganze Woche!? Wer hat denn das genehmigt?«

    Klaus stellte die Blumen Behütuns gegenüber auf den leeren Schreibtisch von Peter Abend. »Schau, das sieht doch schön aus, oder? Ein bisschen was für die Seele.«

    »Wer das genehmigt hat, habe ich gefragt.« Behütuns ignorierte die Blumen.

    »Du selbst. Du hast den Dienstplan gemacht und sowohl Urlaub wie auch den Lehrgang genehmigt. Da ist überall deine Unterschrift drunter.«

    Behütuns grummelte. »Ja, Scheiße. Weil ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht, und ihr das einfach ausnutzt.«

    Klaus stemmte die Arme in die Seiten und sah Behüt­uns scharf an. »Nein. Weil Ferien sind, seine Frau keinen Urlaub kriegt und die Krippen zu sind, deshalb muss Dick Urlaub nehmen. Und P. A. musste den Lehrgang schon zweimal verschieben, weil immer zu viel zu tun war. So. Und jetzt kommst du!«

    »Ist ja recht. Ist schon ein Kaffee fertig?« Es war besser, das Thema zu wechseln.

    »Und ich soll ihn dir wohl bringen?«

    »Nein, lass mal, alles ist gut.« Behütuns wuchtete sich hoch und ging hinüber zur Anrichte, wo die Kaffeemaschine stand. Mit einem dampfenden Pott kam er zurück. »Dann schau ich mir das halt mal an.« Er griff sich die Mappe und schlug sie auf.

    »Chef?«

    »Ja?«

    »Ist das die Sache mit denen, die man in Oberndorf aus dem See gefischt hat?«

    »Keine Ahnung. Hat man das?« Behütuns hatte bislang nichts davon gehört.

    »Ja, einen Käfer mit Knochen zweier Personen. Am Samstag.«

    »Wenn die vor 35 Jahren verschwunden sind, kann das gut sein, ja.« Der Kommissar sah Frau Klaus fragend an. »Woher weißt du das?«

    »Steht doch heute riesengroß in der Zeitung.«

    Behütuns brummte irgendetwas und wandte sich wieder der Mappe zu. Gleich obenauf lag gleich ein Zettel seines Chefs: »Bitte unbedingt BKA kontaktieren!« Und dazu eine Nummer und der Name Grüneis. Behütuns legte den Zettel beiseite und sah sich den Vorgang durch.

    »Vermisstenfall Burger Marcus/Leone Luigi.« Und danach alle möglichen Angaben zu den Personen, ihren Familien, ihrem Umfeld. Also: Marcus Burger, geb. 28.2.1957, es folgte die Adresse, Vater Prof. Dr. Herwig Thelonius Burger, geb. 6.4.1924, Mutter Friederike Dorothea Burger, geb. Frenzel, geb. 18.2.1928, Hausfrau, verstorben Dezember 1980, Krebs. Luigi Leone, geb. 2.9.1958, Vater Antonio Leone, Ing. mit Prokura, geb. 16.4.1920, Bozen, Mutter Ilsa Leone, geb. Lübbeke, 25.12.1926 in Fürth, Hausfrau.

    Er entnahm den Unterlagen auch, dass Marcus Burger und Luigi Leone am 26. September 1982 von einer Feier mit Freunden gegen 23 oder 23.30 Uhr (»divergierende Angaben der Zeugen«) mit ihrem VW Käfer 1200 mit unbekanntem Ziel aufgebrochen waren und sich für den nächsten Tag mit einem Gerold Reinwand verabredet hatten. Zu dieser Verabredung aber nicht gekommen waren.

    »Ja, das scheint der Fall zu sein, Klaus.« Er blätterte weiter in den Unterlagen.

    Vermisstenmeldung Eingang: 30. September 1982. Aufgegeben von Prof. Dr. H. Th. Burger und Ing. Antonio Leone, erneut Vermisstenmeldung aufgegeben 4. Oktober 1982.

    Wahrscheinlich hatte man die Eltern beim ersten Mal beruhigt und wieder weggeschickt, dachte Behütuns. Normal eigentlich, wenn erwachsene Personen sich ein paar Tage nicht meldeten, sie nicht schwer krank waren und es keinerlei Hinweise auf einen Unfall oder ein Verbrachen gab. Er rechnete nach: Die beiden Burschen waren längst volljährig, und wenn Erwachsene mit einem Auto fortfuhren und nicht gleich jedem erzählten, wohin, dann war das noch lange kein Grund für eine Vermisstenmeldung – und schon gar kein Grund für die Polizei, irgendwie tätig zu werden. Hinweise auf ein Verbrechen lagen offenbar bis heute nicht vor.

    Behütuns blätterte

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