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El Gustario de Mallorca und der tödliche Schatten

El Gustario de Mallorca und der tödliche Schatten

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El Gustario de Mallorca und der tödliche Schatten

Länge:
400 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 31, 2019
ISBN:
9783958131682
Format:
Buch

Beschreibung

"Das war es!", sagt Sven, als die doppelläufige Pistole auf ihn gerichtet ist. Wieder einmal musste er seine Nase in Sachen stecken, die ihn nichts angehen. Er wollte nur einem guten Freund helfen. Wer konnte denn ahnen, in das dunkelste Kapitel der jüngsten mallorquinischen Geschichte hinein zu geraten, in eine Familienfehde um Ansehen, Geld und Macht, die ihre Wurzeln im spanischen Bürgerkrieg hatte?
Für Mallorca-Liebhaber ein Krimi mit historischer Dimension.
Lesen Sie den Kriminalroman als Reiseführer mit Gastrotipps oder als packende Urlaubslektüre.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jan 31, 2019
ISBN:
9783958131682
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

El Gustario de Mallorca und der tödliche Schatten - Brigitte Lamberts

ist.

Prolog

Porreres. Friedhof. 1936. Die Abenddämmerung zog auf und legte sich über die gespenstische Stille. Das Flehen um Erbarmen, die Angstschreie und die Gebete der Verzweifelten waren längst verhallt. Die Erde zwischen den Gräbern war mit Toten übersät – Kommunisten, Sozialisten und weitere Franco-Gegner, aus den mallorquinischen Gefängnissen geholt, um sie hier zu erschießen.

Italienische Milizionäre in Kampfhosen und schwarzen Oberhemden hatten ein riesiges Loch mitten auf dem Gottesacker gegraben. Nun schoben sie mit Schaufeln die Toten hinein, geschundene Körper in groben Wollhosen und grauen Unterhemden. Keine Regung zeigte sich auf den Gesichtern der Schwarzhemden. Gegen den bestialischen Gestank, ein Gemisch aus Fäkalien, geronnenem Blut und Schweiß, hatten die meisten ein Baumwolltuch über Mund und Nase geschlungen. An ihrer Seite standen junge Mallorquiner der faschistischen Bewegung ‚Falange‘, denen Erschöpfung und Abscheu anzusehen waren. Aber auch Fanatismus sprach aus ihren Augen. Die Gefangenen waren Verräter, sie hatten sich gegen Franco gestellt. Sie hatten es nicht verdient zu leben, so die klaren Worte ihres Kommandeurs Conde Rossi. Die jungen Männer kannten viele von den Ermordeten, sie waren alle zusammen aufgewachsen, waren Verwandte, Schulkameraden, Nachbarn oder Lehrer. Mit ihnen hatten sie die Prozessionen zu ‚Semana Santa‘, der Karwoche, begangen oder Christi Geburt gefeiert.

Das war jetzt alles nichts mehr wert. Es ging um ein höheres Ziel, um Franco, den Heilsbringer. Nicht nur für Mallorca, sondern für ganz Spanien. Und Rossi hatte den mallorquinischen Helfern versprochen, auf der Insel aufzuräumen. Viel hatte er schon erreicht: Das Militär der zweiten Spanischen Republik war nach wenigen Wochen auf dem Rückzug. Die freiwilligen Kämpfer Mussolinis, dessen Vertrauter Rossi war, und die italienischen Kampfflugzeuge würden es zusammen mit den nationalistischen Anhängern schaffen, Mallorca unter Francos Herrschaft zu zwingen. Es müsse nur noch die Laus im Pelz beseitigt werden, so die Worte des selbst ernannten Grafen, des Faschisten Rossi, der mit seinen Anhängern, den ‚Dragones de la Muerte‘, den Todesdrachen, äußerst brutal vorging.

Mateo Muñoz zählte die Toten nicht, die er in das Massengrab schob. Seine Landsleute lagen mit verrenkten Gliedmaßen kreuz und quer in der Grube übereinander. Einige stierten ihn mit weit aufgerissenen, toten Augen an. Mateo wandte seinen Blick ab und schaute zur Friedhofskapelle hinüber, die als dunkles Gemäuer zu sehen war. Er streckte sich und fasste sich mit den Händen an den schmerzenden Rücken. Dann nahm er erneut die Schaufel zur Hand. Sie stieß an einen weiteren Körper. Er drehte den Leichnam um und sah in das Gesicht seines Cousins Adrián. Mateo würgte. »Du Idiot.« Er blickte sich um, ob ihn jemand gehört hatte. Sein Bruder Raúl stand nur wenige Meter hinter ihm und schob eine nächste Leiche in die Grube. Mateo zischte zu ihm hinüber. Raúl schaute auf und ging zu ihm.

»Was ist?« Mateo zeigte auf den Toten zu seinen Füßen.

»Das ist Adrián«, flüsterte er.

Raúl zuckte nur mit den Schultern.

»Das ist unser Cousin Adrián!«, wiederholte Mateo, darauf bedacht, dass niemand ihr Gespräch hörte.

»Na und?«

Mateo stieß Raúl mit beiden Händen vor die Brust.

»Was hat er hier gemacht?«, fuhr Mateo ihn an.

»Da waren noch andere.«

»Was für andere?«

»Die wollten die Erschießung der Gefangenen verhindern.«

Mateo schluckte. »Warst du dabei?«

Sein Bruder wandte sich wortlos um und ging auf eine weitere Leiche zu. Mateo sah ihm nach. Dann wischte er sich mit dem Ärmel seines Unterhemdes über das Gesicht und nahm die Schaufel. Als Adriáns Leiche in das Erdloch fiel, ballte Mateo die Hand zur Faust.

Kapitel 1

Cas Català. Gemeinde Calvià. Die Sonne hat sich bereits verabschiedet, die Carretera Andratx ist in sanftes Licht getaucht. Sven Ruge gleitet in den tiefen Schalensitz seines alten Porsches, startet den Motor und fährt los, Richtung Peguera. Sein Ziel ist das kleine, aber exklusive Strandrestaurant seines Freundes Manuel Muñoz in der Cala Illetes im Südwesten der Insel. Die überschaubare, halbrunde Bucht zählt zu einer der schönsten Mallorcas: klares türkises Wasser und ein wunderschöner weißer Sandstrand. Er ist neugierig, was sich Manuel für den heutigen Abend ausgedacht hat. Seine Speisekarte ist zwar übersichtlich, aber abwechslungsreich. Morgens kauft Manuel auf dem Markt in Santa Catalina frische Zutaten ein und lässt sich davon inspirieren. Man weiß also nie, was er mittags und abends seinen Gästen anbietet.

Für Sven waren die letzten Wochen ein Wechselbad der Gefühle gewesen. Immer wieder hatte er sich gefragt, ob er es wirklich riskieren sollte, sein bisheriges Leben aufzugeben und auf Mallorca einen Neuanfang zu wagen. Er hat Freunde gefunden, auf die er sich verlassen kann. Das hat ihm die Suche nach einem alten Fläschchen Patxaran gezeigt. Es hatte sich einst im Besitz von Blanka von Navarra befunden und dem Inhalt wurde eine heilsame Wirkung nachgesagt. Das Auffinden des Fläschchens vor seinen Kontrahenten hatte er fast mit dem Leben bezahlt. Lange wusste er nicht, dass ein steinreicher Oligarch und ein vermögender Schweizer Sammler ihre Leute auf den alten Likör angesetzt hatten. Doch er hatte Glück und kam mit einer Schussverletzung am Bein davon.

Der heutige Tag hat seinen Entschluss, auf Mallorca zu bleiben, gefestigt. Denn Sven hat mit seinen Vermietern, dem alten Ehepaar Sergio und Consuelo Sánchez, gesprochen. Sie sind sich einig geworden: Sie kommen ihm für die kleine Wohnung mit dem Blick auf die Bucht von Palma und den Marivent-Palast im Preis entgegen. Die beiden liebenswürdigen Senioren haben einen langfristigen Mieter und Sven spart ein paar Euro. Das ist wichtig für ihn, denn die Entscheidung, sich auf Mallorca niederzulassen, ist nicht einfach. Als Journalist und Gastrokritiker war er in Düsseldorf gut etabliert, aber hier auf Mallorca ist er noch ein unbeschriebenes Blatt, auch wenn er einen kulinarischen Reiseführer über die Insel geschrieben hat, der sich in Deutschland gut verkauft. Jetzt muss er sich auf Mallorca einen Namen machen. Und vor allem muss er Aufträge akquirieren. Sein Erspartes reicht für drei Monate, wenn er gut haushaltet, das wäre dann Dezember. Bis dahin muss er es geschafft haben. Eine Möglichkeit wäre eine freie Mitarbeit bei der Mallorca-Zeitung und beim Mallorca-Magazin. Auch die spanischen Medien könnte er bedienen, da sein Spanisch ganz passabel ist. Immerhin hat er schon einige vielversprechende Telefonate geführt. Das wird schon, denkt er, ich brauche nur etwas Geduld. Doch Geduld ist nicht gerade seine Stärke. Das Angebot, in der Villa von Alejandro de Calderón zu wohnen, hat er abgelehnt. Das hätte die Freundschaft zum Marquis wahrscheinlich verändert, denn das Gefühl, abhängig zu sein, ist für Sven unerträglich. Schon als Schüler und später als Student hat er sich immer etwas dazuverdient, um seine Eltern nicht mehr als unbedingt nötig finanziell zu belasten. Nun ist er glücklich, weil er die Entscheidung endgültig getroffen hat. Es war immer schon sein Traum, auf Mallorca zu leben.

Am Kreisverkehr biegt Sven Richtung ses Illetes ab. Die Laternen werfen spärliche Lichtpunkte auf die Straße. Die Umgebung versinkt in Dunkelheit, ab und an sieht er auf den Felsen eine erleuchtete Villa. Zwischen den Häusern am Straßenrand kann er das Meer nur erahnen. Es ist fast schwarz. Lediglich der Mond entlockt ihm an manchen Stellen einen silbernen Glanz. Sven kurbelt das Seitenfenster herunter und lehnt sich etwas hinaus. Die warme Nachtluft umspielt sein Gesicht. Unter den intensiven, harzigen Duft der Pinien mischt sich das süßliche Aroma der hohen Oleandersträucher, die hier überall wachsen.

Die Straße führt steil nach unten, erste mehrgeschossige Wohnhäuser und Hotels tauchen auf. Sven muss sich konzentrieren, um bei der schummrigen Beleuchtung die Abzweigung auf den kleinen Parkplatz nicht zu verpassen. Dieser ist voll besetzt, doch Sven weiß: Zwischen der kleinen Mauer und den Mülltonnen ist für seinen Porsche Platz. Er steigt aus und geht die schmale Steintreppe hinab. Über die auf den Sand gelegten Holzbohlen erreicht er sein Ziel. Auf einem großen Schild steht in roten Lettern: Manuel’s. Restaurant und Strandbar.

Von der Terrasse aus blickt er ins Innere. Wie jeden Abend ist das Restaurant gut besucht. Es ist nach 22 Uhr, Zeit für die Mallorquiner, ihr Nachtessen einzunehmen. Das Ambiente ist stilvoll, ein interessanter Mix aus alten mallorquinischen Möbeln und modernen, abstrakten Bildern an den Wänden, auf jedem Tisch stehen brennende Kerzen und tauchen den Raum in ein gemütliches Licht. Weiße Tischdecken unterstreichen die gediegene Atmosphäre. Noch bevor er die Tür aufzieht, umfängt ihn der Duft von Knoblauch, Rosmarin, Thymian und Oregano. Ein Hauch von Grillaroma liegt in der Luft. Manuel schaut gerade aus der Küche und winkt ihm zu. Der Mallorquiner verkörpert genau das, was sich Sven von einem guten Gastronomen wünscht. Er ist mit Herzblut dabei und ein exzellenter Koch. Aber er ist auch ein Mensch, der seinen Gästen das Gefühl vermittelt, willkommen zu sein, der Freundlichkeit und Begeisterung ausstrahlt. Und er behandelt seine wenigen Angestellten wie Familienmitglieder.

»Ich komme gleich«, ruft Manuel und ist schon wieder in der Küche verschwunden. Sven schaut sich um. Sein Blick fällt auf eine alte Dame, die in letzter Zeit häufiger bei Manuel zu Gast ist. Meist kommt sie allein, doch gelingt es ihr immer, schnell Anschluss zu finden. Auch Sven hat sich schon mit ihr unterhalten und erfahren, dass sie erst seit einigen Monaten auf Mallorca lebt, in einer Seniorenresidenz in der Nähe von Santanyí. Er nickt ihr zu und setzt sich dann an den letzten freien Tisch am geöffneten Fenster. Das Einzige, was er in der Dunkelheit auf dem Meer erkennen kann, ist ein hell erleuchteter, mehrstöckiger Luxusliner, der langsam Richtung Hafen fährt.

»Morgen werden wieder tausende Touristen von den Kreuzfahrtschiffen ausgespuckt und spazieren dann durch Palma«, seufzt er.

»Was murmelst du da?«, will Manuel wissen und reicht seinem Freund die Hand.

»Ach, nichts Besonderes«, erwidert Sven und schaut in dessen dunkle, fröhlich strahlende Augen.

»Puh, ist das warm in der Küche.« Manuel wischt mit einem Geschirrtuch über sein Gesicht, dann nimmt der kräftige Mann Sven gegenüber Platz.

»Hast du Zeit?«, fragt Sven.

»Natürlich, für dich immer.«

»Und, was hast du heute Leckeres für mich?«

»Meinst du den Nachtisch oder die Abendkarte?«

»Beides.«

Manuel lacht. »Als Nachtisch gibt es heute ganz klassisch Fresas con chocolate blanco, das ist erfrischend und wird immer gerne genommen.«

»Darauf hätte ich auch Lust, Erdbeeren mit weißer Schokolade … Und was hast du dir als Hauptgericht ausgedacht?«

»Das wird dich freuen: rote Gambas.«

»Manuel, beim besten Willen, die kann ich mir nicht leisten«, stöhnt Sven.

»Nimm halt eine kleine Portion, ich mache dir auch einen Sonderpreis. Die sind wirklich gut! Nur mit ein wenig Knoblauch und Zitrone angemacht, sodass sie viel Eigengeschmack entwickeln können.«

»Sind die nicht eigentlich auf Tauchstation gegangen?«

»Ja, in den Fanggründen zwischen Sóller und Port d’Andratx, aber im Raum Cala Rajada und vor Menorca gibt es noch genügend.«

»Das würde mich schon reizen«, Sven legt den Kopf leicht schräg, »aber was hast du noch zu bieten?«

»Caldereta, meinen Langusteneintopf mit Tomaten und Zwiebeln, eine mallorquinische Fischsuppenspezialität, wie du sicherlich weißt.«

»Du bist heute aber sehr auf Meeresfrüchte aus.« Sven grinst seinen Freund an.

»Und du bist ein Fischgourmet, das passt doch prima. Außerdem hat es sich so ergeben. An den Fischständen auf dem Markt musste ich einfach zugreifen. Die Qualität ist hervorragend.«

»Das kann ich verstehen.«

»Ich habe aber auch ganz klassisch Frito mallorquín und eine Käseplatte, du kannst wählen zwischen mantecoso, semicurado oder curado.« Manuel schaut ihn erwartungsvoll an.

»Okay, zuerst nehme ich deine roten Gambas, dann die Innereien, aber bitte beides nur als kleine Portion.« Sven schmunzelt, denn viele seiner Landsleute würden das zweite Gericht garantiert nicht bestellen. Aber Frito mallorquín ist ausgesprochen schmackhaft, wenn es gut zubereitet ist, und da hat er bei Manuel keine Bedenken. »Und bitte den semicurado, den halbreifen Käse, und dazu ein Glas trockenen mallorquinischen Weißwein.«

»Kommt sofort.« Schon eilt Manuel wieder zurück in die Küche.

Sven lehnt sich entspannt zurück. Er schaut erneut auf das Meer und betrachtet die Lichter auf der gegenüberliegenden Seite der großen Bucht, der Cala Blava. Er spürt eine große Zufriedenheit. Dass es einer seiner letzten sorgenfreien Abende bei Manuel sein wird, ahnt er nicht.

Kapitel 2

Cala Illetes. Gemeinde Calvià. Manuel öffnet nacheinander die drei großen Kühlschränke in der Abstellkammer neben der Küche. Konzentriert geht er die Fächer durch: Gemüse, Fleisch, Obst, Fisch und Käse. Er greift nach dem Bleistift hinter seinem Ohr und notiert auf einem Zettel, was er dringend an Grundzutaten auffüllen muss. Dann wendet er sich einem tiefen Regal zu, in dem Körbe und Tontöpfe stehen, und inspiziert auch dort seine Vorräte. Frische Kräuter, notiert er, Eier, Nudeln, Kartoffeln und Knoblauch. Er steckt den Zettel in die Brusttasche seines Hemdes, hängt seine Tasche um, nimmt die Autoschlüssel von der Anrichte im Eingangsbereich und schließt die Tür des Restaurants hinter sich zu. Die Temperaturen sind angenehm, doch spätestens, wenn der morgendliche Dunst sich verzogen hat, wird die Sonne mit voller Kraft brennen. Die Luft jetzt im September ist frisch und riecht nach Meer und Pinien. So intensiv duftet es nur in den Morgenstunden und manchmal spätabends.

Er wendet sich um und steuert auf seinen alten Kastenwagen zu, der auf dem kleinen Parkplatz oberhalb des Restaurants steht. Sein Ziel sind die Markthallen in Santa Catalina, dem ehemaligen Fischmarkt von Palma. Immer wieder reibt er seine müden Augen. Gestern ist es wieder spät geworden. Gut, dass er nicht zur Fischbörse Lonja oder zum Großmarkt Mercapalma muss, dann würde der Wecker noch früher klingeln. In den Markthallen von Santa Catalina, der kleinen Schwester des Mercat de lʼOlivar, bekommt er alles, was sein Herz begehrt: fangfrischen Fisch, ausgezeichnetes Fleisch und Gemüse. Diesen Markt haben die Touristen noch nicht entdeckt. Hauptsächlich Einheimische aus dem Viertel tummeln sich dort, und natürlich die Smutje der größeren Segeljachten und Motorboote, die für die Passagiere an Bord und die Crew einkaufen. Noch hat er keinen Schimmer, was er seinen Gästen heute auftischen wird, aber er will sich wie immer von dem reichhaltigen Angebot anregen lassen. Muränen kommen ihm in den Sinn, die sind köstlich und schnell zubereitet. Vielleicht als Suppe zum Entrée oder in kleinen Stücken in der Pfanne goldbraun gebraten.

Nach knapp zwanzig Minuten erreicht Manuel den Markt und ergattert einen Parkplatz in den engen Straßen des Szeneviertels. Noch vor rund zehn Jahren war das ehemalige Fischerdorf ziemlich heruntergekommen. Hier sollen sogar Banden ihr Unwesen getrieben haben, die sich in den unterirdischen Tunneln des Viertels verschanzt hatten. Heute erstrahlt Santa Catalina in neuem Glanz und hat sich doch den dörflichen und etwas morbiden Charme erhalten. Neben drei- bis vierstöckigen Mehrfamilienhäusern gibt es Straßenzüge mit ehemaligen, kleineren Fischerhäusern, deren Fassaden in bunten Farben gehalten sind.

Er betritt die Markthalle durch die runde, gläserne Eingangstür. Sofort spürt er die Kühle. Links ist ein großer Gemüsestand. Salate, Kohlsorten, Zucchini und Auberginen sind kunstvoll drapiert und werden von einer Sprinkleranlage befeuchtet. Die Auberginen schimmern fast schwarz und die grünen Salate sehen aus wie gemalt. Er geht den breiten Gang weiter. Rechts ist eine Kaffeerösterei. Der Duft nach frisch gemahlenen Bohnen steigt ihm in die Nase. Am liebsten würde er dort in Ruhe einen cortado trinken, doch die Zeit drängt. An der ersten Ecke biegt er nach links und steuert auf den größten Fischstand des Marktes zu. Schon umgibt ihn der Geruch nach Meer und frischem Fisch. Auf gut fünfzehn Metern werden Berge von Fischen und unzählige andere Meerestiere auf Eis präsentiert. Manuel hat den Stand kaum erreicht, da wird er vom Besitzer bereits freundlich begrüßt, wie fast jeden Morgen.

»Was kannst du mir heute anbieten?«, ist auch sofort seine Frage. Emilio lächelt, fährt sich mit der Hand über seine Bartstoppeln und lässt den Blick über die lange Theke schweifen.

»Du liebst die Abwechslung und dank meines guten Gedächtnisses weiß ich genau, was du die letzten Tage geordert hast.« Manuel grinst. Emilio verhält sich immer gleich: dieselben Gesten, der identische Dialog, im Stakkato folgen die Empfehlungen.

»Ganz ausgezeichnet der Rote Drachenkopf, die Seezungen, die Muränen und die Riesengambas.« Heute ergänzt er: »Da ist den Fischern ein vorzüglicher Schwarm in die Netze gegangen.« Manuel stutzt. »An Muränen habe ich auch schon gedacht.«

Emilio greift nach dem aalartigen Knochenfisch und hält ihn Manuel hin. »Letzte Nacht schwamm der noch im Mittelmeer«, schmunzelt er. Manuel tastet den Fisch fachmännisch mit den Händen ab. Festes Fleisch, geschmeidige Haut und die Augen noch klar. Er nickt. Dann geht er an der Theke entlang, wählt Gambas und Sepia aus. Schnell sind sie sich einig.

»Setz die Bestellung wie immer auf die Monatsrechnung und mach mir die Muränen bitte küchenfertig.« Emilio grummelt.

»Ist dir wohl zu viel Arbeit, sie von der festen Haut zu befreien.« Manuel lacht. »Genau. Und du bist da sowieso unschlagbar.« Emilio zeigt mit dem Finger auf ihn. »Gib zu, die besonders finsteren Meeresbewohner packst du nicht so gerne an, obwohl die am schmackhaftesten sind.« Manuel nickt.

»Da magst du recht haben. Aber solange du sie mir filetierst, ist alles gut. Außerdem erinnert mich eine Muräne leider sehr an eine Schlange.« Emilio schüttelt mit einem Augenzwinkern den Kopf und reicht seinem Kunden die Hand.

Zielstrebig geht Manuel den Gang weiter, vorbei an den Marktkneipen, die zu dieser frühen Zeit schon gut besucht sind. Hier wird cortado getrunken und die eine oder andere Auster geschlürft. Zwei Stände muss er noch ansteuern, im nächsten Gang gleich rechts den Gemüse- und Obststand und die Fleischtheke des Metzgers seines Vertrauens. Auch hier wird er mit lautem »Hola« begrüßt. Nach wenigen Minuten hat er seine Wahl getroffen und ist schon wieder auf dem Weg zum Auto. Schwer bepackt lässt er erst den stattlichen Jamón Ibérico von seiner Schulter in den Kastenwagen gleiten, dann lädt er die große Tüte mit Lammfleisch ein und zum Schluss schiebt er die Kiste mit Gemüse und Obst auf die Ladefläche, die ihm ein Standmitarbeiter bis ans Auto getragen hat.

Ein paar Stunden später – für den Mittagstisch ist alles vorbereitet – wartet Manuel auf die Fischlieferung. Den Luxus der Anlieferung gönnt er sich, denn es würde zu lange dauern, im Markt auf die filetierten Fische zu warten. Und bei den heißen Temperaturen ist es ihm sehr recht, die Ware in einem Kühlwagen des Marktes zu wissen und nicht in seinem alten Transporter.

Endlich biegt ein Lieferwagen auf den kleinen Parkplatz. Manuel ist erstaunt, es ist nicht einer der Transporter mit der bekannten Aufschrift ‚Merçat Santa Catalina‘. Ein schwergewichtiger Mann steigt aus. Er ist um einiges kräftiger als Manuel. Der Mann grüßt kurz, öffnet die zwei Türen zum Laderaum und wuchtet eine Kiste heraus. Manuel schaut entsetzt, die Fische liegen ohne Eis übereinander gestapelt. Er betrachtet den Inhalt genauer: Doraden und kleine Seezungen. Das hat er nicht bestellt. Wäre nicht schlimm, er ist ja flexibel. Aber diese Fische sind alles andere als fangfrisch. »Das ist die falsche Kiste, haben Sie noch anderen Fisch dabei?«

»Nein, Sie sind mein letzter Kunde.«

»Den Fisch können Sie gleich wieder mitnehmen, das ist nicht meine Order«, antwortet Manuel und ist froh, dass seine Bestellung nicht im hinteren Teil des Transporters liegt, den Fisch hätte er auch nicht mehr gewollt.

»Was soll das, Sie haben bestellt!«, schnauzt ihn das Schwergewicht an.

»Ja, aber keine Doraden und keine Seezunge und schon gar nicht in dem Zustand. Die sind vergammelt.« Der mas­sige Mann tritt bedrohlich einen Schritt auf Manuel zu. »Pass auf, was du sagst!« Er zieht die Augenbrauen zusammen und starrt sein Gegenüber an. »Ich habe den Auftrag, das hier abzuliefern, nicht mehr und nicht weniger.«

Manuel will die Situation nicht eskalieren lassen, aber andererseits lässt er sich auch nicht einschüchtern. Auch er geht einen Schritt auf den anderen zu. Sie stehen sich direkt gegenüber.

»Ich nehme diese mangelhafte Ware nicht an.« Plötzlich kippt ihm der Mann den Inhalt der Kiste vor die Füße. Hastig springt Manuel zur Seite. Die Doraden rutschen über den Asphalt, die Seezungenfilets bilden einen kleinen Haufen. Rasch wirft der Mann die leere Kiste in den Transporter, reißt die Fahrertür auf und rast davon.

Manuel ist sprachlos. Er weiß nur eins: Der Fisch muss weg, bevor die Gäste kommen. Schon dreht er sich zum Restaurant um und brüllt: »Héctor, komm schnell! Und bring einen großen Sack mit!« Kaum ist der junge Auszubildende bei ihm, greifen die beiden nach den Fischen und packen sie ein.

»Danke«, stößt Manuel hervor und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Während Héctor ratlos überlegt, wo er den Sack entsorgen soll, hat sein Chef schon das Handy gezückt und ruft Emilio an.

»Ich rufe gleich zurück«, schreit dieser ins Telefon und beendet das Gespräch abrupt. Manuel schaut verwundert auf das Display. Er hat den Fischhändler noch nie so außer sich erlebt.

»Stell das Zeug hinter das Restaurant, den Fisch verbrennen wir später«, gibt Manuel Anweisung. Dann setzt er sich auf die kleine Mauer vor dem Parkplatz und atmet einmal tief durch. Was soll das alles? Sein Handy klingelt. Atemlos ruft Emilio: »Es hat einen Unfall gegeben! Der Transporter ist im Graben gelandet. Eine neue Lieferung ist zu dir unterwegs. In einer Stunde hast du sie.« Manuel will noch etwas fragen, da hat Emilio schon aufgelegt. Er ist erleichtert, das Menü für den Abend ist gerettet. Doch woher kam die Fischlieferung?

Kapitel 3

Cas Català. Gemeinde Calvià. Sven hat Consuelo Sánchez das Frühstückstablett schon am Treppenabsatz abgenommen. Es behagt ihm nicht, wenn die alte Frau die steile Treppe zu seiner Wohnung hinaufsteigt, ohne sich festhalten zu können. Sie lässt sich jeden Morgen etwas anderes Leckeres einfallen und Sven genießt das sehr. Natürlich könnte er sich das Frühstück auch selber zubereiten, aber es ist im Preis inbegriffen und er glaubt, dass es seiner Vermieterin Freude macht, ihn ein bisschen zu bemuttern.

Er stellt das Tablett auf dem Terrassentisch ab und spannt den großen Sonnenschirm auf. Bevor er sich setzt, geht er zur Balustrade, schaut auf das blaue Meer und streckt sich. Die Sonne ist schon jetzt so intensiv, dass er seine Sonnenbrille aus der Brusttasche seines Hemdes zieht und aufsetzt. Erstaunlich. Er nimmt die Brille ab, schaut wieder aufs Wasser, dann setzt er sie erneut auf. Bisher ist ihm das nicht aufgefallen. Durch die getönten Gläser wirkt das Meer natürlich dunkler, aber die Farbe ist auch intensiver. Er blickt nach links zu den Felsen, wo er den Turm des Marivent-Palastes sehen kann. Auch hier: Die Farben der Sträucher auf den Felsen und selbst die Färbung des Kalksandsteins der Palastmauern sind eindringlicher, haben mehr Tiefe.

Er schüttelt den Kopf.

Als Sven mit dem Frühstück fertig ist, wischt er sich den Mund mit der Serviette ab, trinkt den letzten Schluck Café con leche, dann greift er nach seinem Handy. Er sucht die Kontaktdaten von seinem Kollegen Wolfgang Spitzly von der ‚Neuen Züricher Zeitung‘ und drückt auf ‚Wählen‘.

»Grüß dich, Sven. Wie geht es dir?«

»Woher weißt du, dass ich es bin?«

»Ich habe deine Telefonnummer sofort wiedererkannt. Wer ruft mich schon mit einer 00 34 an, das kannst nur du sein. Bist du auf Mallorca?«

»Ja, ich lebe jetzt hier.«

»Wie jetzt, für immer?« Das überraschte Gesicht seines Kollegen kann er sich gut vorstellen.

»Na, zumindest ausprobieren will ich es.« Sven merkt, wie fröhlich er klingt, nachdem er sich endlich entschieden hat zu bleiben.

»Klasse, das wolltest du doch schon seit einigen Jahren. Und was ist aus deinem Abenteuer mit dem Likörfläschchen geworden?«

»Frag nicht.«

»Also nix geworden.«

Sven grinst in sich hinein. Spitzly hatte ihn damals gewarnt, seine Zeit nicht zu verplempern, da er einer Legende hinterherlaufen würde. Wenn der wüsste. Doch er sagt nichts. Schließlich hat er sich entschieden, die Geschichte um die Patxaran-Fläschchen von Blanka von Navarra so zu lassen, wie sie ist, eine Legende.

»Ich bleibe trotzdem hier. Ihr braucht nicht zufällig einen guten Gastrokritiker für die Insel?«, schiebt Sven schnell nach.

»Oh, bist du im Akquise-Modus?«

»Klar, von nichts kommt nichts. Ich bin hier halt noch nicht so bekannt wie in Düsseldorf.«

»Ich frage gern mal in der Redaktion nach. Wir bringen immer mal etwas über die Balearen. Aber ich kann dir nichts versprechen.«

»Ich weiß, trotzdem vielen Dank, Wolfgang. Und wenn du mal wieder auf Mallorca bist, zeige ich dir gern meine Insel, so wie ich sie kenne.«

»So machen wir das. Ich melde mich, wenn ich mit der Redaktion gesprochen habe.«

»Prima, vielen Dank und bis die Tage.« Sven weiß, er kann sich auf Spitzly verlassen, aber ob die Redaktion Interesse hat, ist mehr als fraglich, die haben ihre eigenen Kontakte. Immerhin hat er es versucht. Und vielleicht hat er ja Glück und sie brauchen jemanden vor Ort.

Mitten in seine Gedanken hinein meldet sich das Handy. Sven schaut auf das Display und nimmt das Gespräch an.

»Hola, Manuel. Was gibt es?«

»Du bist der Erste, den ich anrufe«, jubelt Manuel ins Telefon.

Sven zieht eine Augenbraue hoch. »Was ist passiert?«

»Ich wurde zur ‚Tour de Menue‘ eingeladen.« Ein lauter Freudenschrei ist zu hören.

»Klasse, was für eine tolle Neuigkeit!«

So viel weiß Sven über den Wettbewerb: Gleich mehrere Restaurants treten mit ihren Menüvorschlagen an ausgewählten Abenden gegeneinander an. Allein die Einladung ist eine Auszeichnung.

»Ist das nicht fantastisch? Vielleicht ist das endlich der Durchbruch.«

»Was heißt hier Durchbruch? Es läuft doch super bei dir.«

»Ja, ich weiß. Meinen Gästen schmeckt es und mein Restaurant ist jeden Tag gut besucht. Aber mehr Renommee als Koch, das wäre klasse.«

»Will das nicht jeder gute Koch?« Sven lacht und freut sich für seinen Freund.

»Eben, und jetzt habe ich die Chance dazu.« Manuel kann sich kaum beruhigen. »Was meinst du, soll ich einen Austernabend als Beginn der Tour planen?«

»Wann beginnt die Tour denn?«

»In einer Woche, wenn ich das richtig verstanden habe. Jedenfalls muss ich

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