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Ohne Bekenntnis: Wie mit Religion Politik gemacht wird
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Ohne Bekenntnis: Wie mit Religion Politik gemacht wird
eBook322 Seiten3 Stunden

Ohne Bekenntnis: Wie mit Religion Politik gemacht wird

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Über dieses E-Book

Religion? Die Aufklärung hat zwar eine Säkularisierung versucht, doch die Konkordate des frühen 20. Jahrhunderts legten den Grundstein für eine Verpartnerung von Religion und Staat. Religion bleibt ein bestimmender politischer Einfluss, auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene. Vom religiös motivierten Terrorismus bis zum Kreuz im Klassenzimmer Religion und säkularer Gesellschaft Reibungen in der politischen Debatte. Diskussionen um Burkaverbot oder Beschneidung zeigen Demarkationslinien in der Gesellschaft auf und sind damit oft auch Gradmesser für die politische Selbstverortung. Niko Alm analysiert die Instrumentalisierung von Politik durch Religion und hält ein leidenschaftliches Plädoyer für Laizität.
SpracheDeutsch
HerausgeberResidenz Verlag
Erscheinungsdatum12. Feb. 2019
ISBN9783701745982
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    Buchvorschau

    Ohne Bekenntnis - Niko Alm

    ablegt.

    Teil I –

    Bruttoreligionsprodukt

    Als Atheist geboren

    Jeder Mensch wird ohne Bekenntnis geboren. Die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft von Geburt oder frühester Kindheit an ist einer von vielen, aber auch ein entscheidender Zufall im Leben. Der Geburtsort und die Religion der Eltern bestimmen maßgeblich, ob mit und in welcher Religion ein Mensch aufwachsen wird. Es ist die willkürliche Entscheidung der Eltern, ob sie ihr Kind nur aus Tradition oder aus Überzeugung in eine – in aller Regel die eigene – Religion einführen. Das kann nach außen hin formal sein, um dem Kind die es umgebende Kultur und religiöse Infrastruktur nicht vorzuenthalten, oder einfach ein Formalismus, der ganz ohne zu hinterfragen angewendet wird. In seinem »Brief über Toleranz« widersprach John Locke schon 1689 diesem Automatismus: »Ich sage, es ist eine freie und freiwillige Gesellschaft. Niemand wird als Mitglied einer Kirche geboren; andernfalls würde die Religion der Eltern durch dasselbe Erbrecht wie ihr weltlicher Besitz auf ihre Kinder übergehen. […] Nichts Absurderes wäre vorstellbar. […] Kein Mensch ist von Natur aus an eine bestimmte Kirche gebunden, jeder schließt sich freiwillig der Gesellschaft an, in der er glaubt, das Bekenntnis und den Kultus gefunden zu haben, die für Gott akzeptabel sind.«¹⁰

    Zum Zeitpunkt der Geburt gibt es keinen Gott im Leben des Kindes. Die Religion wird als Merkmal von außen zugeführt und legt sich wie eine zweite Haut über das Wesen. Diese abzustreifen ist nicht immer einfach. Ob dieses Kind später einmal auch den der religiösen Tradition zugrunde liegenden Glauben persönlich annimmt oder nicht, ja, ob das überhaupt eine rationale Entscheidung sein wird, bleibt seiner Fähigkeit, kritisch zu hinterfragen, vorbehalten.

    Atheismus wird damit sehr oft zu einer persönlichen Entscheidung, die es fast schon zwangsläufig mit sich bringt, dass die daraus resultierende Überzeugung unerschütterlicher ist als der sprichwörtliche unerschütterliche Glaube an die übernatürlichen Grundlagen jeder Religion zuvor.

    Diese Entscheidung muss kein Ergebnis eines langen Nachdenkprozesses sein, sie kann auch aus dem Bauch heraus getroffen werden, sie kann sich ganz natürlich einstellen, als ereignislose Erkenntnis, fortan ohne diese zweite Haut leben zu wollen, die einfach zurückgelassen wird. Friedrich Nietzsche behauptete das von sich: »Ich kenne den Atheismus durchaus nicht als Ergebnis, noch weniger als Ereignis: Er versteht sich bei mir aus Instinkt.«¹¹ Doch auch wenn es sich so zugetragen haben sollte, ist dieser kurze Prozess kein irrationaler. Die mehr oder weniger schnell gereifte Erkenntnis, dass da einfach nichts ist, obwohl die Gesellschaft rundherum so tut, als wäre da etwas, gründet sich ja ebenso in Lebenserfahrung.

    Erziehung zum unbedingten Gehorsam

    Bei mir begann die Skepsis an Religion zu einem frühen Zeitpunkt. Mir wurde – wie so vielen anderen auch – der Religionsunterricht in der Volksschule vom dörflichen Pfarrer verabreicht. So weit ich mich noch daran erinnern kann, waren das zumeist nette Märchenstunden, in denen viel gemalt wurde und wo die dergestalt entstandenen Kunstwerke und sonstigen herausragenden Leistungen der Kinder mit kleinen Heiligenbildern belohnt wurden, die wir eifrig sammelten.

    In einer dieser Stunden hörten wir die Geschichte von Abraham, dem von Gott aufgetragen wurde, seinen Sohn Isaak zu opfern. Abraham tat wie ihm befohlen, packte seinen Esel und brach mit Isaak auf zum Berg im Land Morija. Sein Sohn bemerkte freilich, dass das Opferlamm fehlte, aber er widersetzte sich der geplanten Tötung durch den eigenen Vater auch nicht, als der ihm schon das Messer ansetzte.

    Gott lässt Abraham kurz vor der Hinrichtung seines Sohnes mit den Worten: »Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest«¹², innehalten. Isaak darf weiterleben. Damit die Geschichte irgendwie doch noch mit einem Opfer endet, lassen die Autoren des Alten Testaments einen Widder ins naheliegende Gestrüpp laufen, der sich dort verheddert und dann als Ersatz für Isaak zum Brandopfer wird. Abraham hätte es also aus Angst vor Gott und aus Egoismus, um sein eigenes Leben zu schützen, vorgezogen, Isaak zu töten. Und dieser hätte sich bereitwillig schlachten lassen.

    Da passte auch für mich als Achtjährigen einiges nicht zusammen. Wäre mir damals schon die ganze Tragweite des Vorgangs bewusst gewesen, hätte ich es vermutlich mit der Angst zu tun bekommen. Dass es sich bei dem kleinen Ausflug zum Opfer um einen geplanten, brutalen Mord an einem Kind gehandelt hätte, realisierte ich sicher nicht. Das wurde auch übertüncht von der vermittelten Einsicht, dass absoluter Gehorsam gegenüber einer unsichtbaren Autorität so etwas wie eine Tugend sei. Und fast noch schlimmer als das Verhalten von Abraham erscheint mir die gleichgültige Hingabe von Isaak, der nicht einmal den Versuch unternimmt, dem Vater zu entkommen. Es ist eine absurde Geschichte, die durch und durch unmoralisch ist, würde sich Moral nicht genau dadurch erklären, dass sie sich im religiösen Kontext durch solche Parabeln definiert.

    Die Geschichte von Abraham und Isaak ist auch nicht irgendeine der vielen Geschichten in den vielen Büchern des Alten Testaments. Sie wird häufig zitiert. Abraham ist nicht irgendein biblischer Nebendarsteller. Abraham ist die Figur, auf die sich drei Weltreligionen – Islam, Judentum und Christentum – als gemeinsamen Stammvater verständigen, und die daher auch als abrahamitische Religionen bezeichnet werden. Der kleinste gemeinsame Nenner der größten Weltreligionen, Abraham, zeichnet sich dadurch aus, dass er in blindem und absolutem Gehorsam einem Gott folgt, der außer zu ihm zu niemandem spricht. Das ist keine stabile Basis.

    Fragwürdige Moral, der Glaube an das Übernatürliche, absoluter Gehorsam, die Ausschaltung gesunder Skepsis werden Menschen seit Tausenden Jahren ab dem Kindesalter durch Märchen eingeflößt. Sie finden in unseren Gehirnen auch willkommene Abnehmer. Wir lieben Storytelling und Narrative. Gleichnisse, Märchen und Sagen, Bauernregeln, Kalendersprüche und gereimte Sinnsprüche prägen sich ein und werden von schlichten Gemütern auch gerne als Argument wiedergegeben. Bis hin zum philosophischen und politischen Zitat, das natürlich sehr oft auch nicht viel mehr belegt als die Tatsache, dass irgendjemand zu irgendetwas schon einmal etwas gesagt hat und damit zum Zeugen wird. The medium is the message. Wenn sich der Träger einer Botschaft durch besondere Glaubwürdigkeit auszeichnet, wenn er Zeugnis über seine persönliche Wahrnehmung ablegt, dann spricht man von einem Testimonial. In der Werbung ist das eine beliebte Form der Irreführung potenzieller Käufer. Berühmte Persönlichkeiten wirken durch ihre Bekanntheit als Simulacrum für gute Freunde, die die positive Wirkung von Dienstleistungen und Produkten anpreisen. Denn die effektivste Form der Vermittlung von Werbebotschaften ist immer noch die Mundpropaganda. Das weiß auch die Religion, die ihre Geschichten möglichst früh im Leben der Menschen vermitteln will. Wenn ich von der Religion in der Einzahl spreche, dann meine ich keine bestimmte Religion, sondern den Querschnitt der Religionen, der über gewisse Wesenszüge generalisierbar ist.

    Der Glaube an Gott und an das Übernatürliche im weiteren Sinn wurzelt trotz aller theologischen Versuche der Rationalisierung im Irrationalen. Die Letztbegründung findet zwar kein logisches oder empirisches Ende, aber das bedeutet nicht, dass es nicht nachvollziehbar wäre, zu glauben, nur weil die Grundlagen nicht beweisbar sind. In aller Regel ist Glaube das Produkt der Erziehung und kein natürliches Bedürfnis. Schon gar nicht nach irgendeiner bestimmten Religion.

    In der jüngeren Geschichte der Menschheit erfolgte die religiöse Erziehung im Erwachsenenalter oft mit brutalen Methoden: mit Kreuzzügen, Folterungen und Völkermord wurden Menschen an die richtige Religion herangeführt, wurde die natürliche Anlage zum richtigen Glauben »aktiviert«¹³, zumindest bei denen, die diese Aktivierung überlebten.

    Bei den Kreuzzügen vom 11. bis zum 13. Jahrhundert wurden rund 22 Millionen Menschen getötet, im 16. Jahrhundert starben Hunderttausende Azteken durch die Hand spanischer Eroberer, nur damit kurz darauf Millionen durch die Einschleppung europäischer Krankheiten verreckten. Die Geschichte lässt sich mit Beispielen aus allen Jahrhunderten und Teilen der Welt bis zum Holocaust fortsetzen, der ja auch von Adolf Hitler selbst religiös legitimiert wurde: »So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.«¹⁴

    Die Schwierigkeiten, sich von Religion zu lösen

    Religionen durchdringen Gesellschaften bis in alle Lebensbereiche als Konstruktion der Wirklichkeit an sich. Und es ist keine leichte Aufgabe, sich von der Wirklichkeit des Kollektivs zu verabschieden. An dieser Stelle lasse ich Michail Bakunin, den ich in vielen, vor allem politischen Belangen nicht unbedingt als Zeugen der Anklage anführen würde, diesen innerlichen Kampf akzentuiert beschreiben: »Nun, die Religion ist ein gemeinsamer Wahnsinn, der umso mächtiger ist, weil es ein überlieferter Wahnsinn ist, dessen Ursprung sich in das entfernteste Altertum verliert. Als allgemeiner Wahnsinn drang sie in alle öffentlichen und privaten Einzelheiten des sozialen Daseins eines Volkes ein, verkörperte sich in der Gesellschaft, wurde sozusagen deren Seele und gemeinsamer Gedanke. Jeder Mensch ist von seiner Geburt an von ihr umringt, nimmt sie mit der Muttermilch in sich auf, nimmt sie auf mit allem, was er hört und sieht. Er wurde damit so sehr genährt, vergiftet und in seinem ganzen Wesen durchdrungen, dass er später, wie mächtig auch sein natürlicher Verstand sein mag, unerhörte Anstrengungen machen muss, sich von ihr zu befreien, und nie gelingt ihm dies vollständig.«¹⁵

    Die innere Abkehr von Religion fällt dem Einzelnen mehr oder weniger leicht. Der Zweifel wächst und die Erkenntnis reift, dass es außerhalb der wahrnehmbaren Natur nichts Messbares gibt, nichts, das sich jemals in der Wirklichkeit bemerkbar macht, dass es keine Wunder gibt und die Welt, mit den Werkzeugen der Natur betrachtet, wesentlich eleganter und schlüssiger erklärbar ist. Der logische Zirkelschluss der Wunder wurde unter anderem im 17. Jahrhundert von Baruch de Spinoza wiederholt dekonstruiert: »Geschähe daher etwas in der Natur, was aus ihren Gesetzen nicht folgte, so müsste es der Ordnung, die Gott in Ewigkeit durch die allgemeinen Naturgesetze für diese festgesetzt hat, widersprechen und würde deshalb gegen die Natur und ihre Gesetze sein, und wollte man daran glauben, so würde es uns an Allem zweifeln machen und zu dem Atheismus führen.«¹⁶

    Aber warum halten Gesellschaft, Politik, Staat und vielleicht sogar das persönliche Umfeld dann so sehr an Religion fest? Warum glauben so viele Menschen daran? Die können sich doch nicht alle irren? Dieser Zweifel am Zweifel ist verständlich, mich hat er aber ausgespart. Ich wurde selbst durch meine Taufe zum Katholiken gemacht und musste in Folge das vorgesehene Programm aus Religionsunterricht, Erstkommunion und der gelegentlichen Sonntagsmesse mitmachen, aber weiter, als die Geschichten des Christentums im kindlichen Glauben als wahr anzunehmen, ist Religion nicht in mich eingedrungen.

    Bei den vorbereitenden Treffen zur Firmung (Konfirmation) war ich dann gefordert, mich etwas ausführlicher mit meinem Glauben zu beschäftigen, und musste feststellen, dass er nicht vorhanden war, dass er niemals vorhanden gewesen war. Damit war für mich die Sache klar: Ich bin Atheist.

    Es war ein Abschluss mit dem persönlichen Glauben und der Religion – ohne Zweifel und ohne Blick zurück, in einem familiären, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Umfeld, das mir in dieser persönlichen Einsicht auch keine Schranken auferlegte. Für meine innere Abwendung und den späteren Kirchenaustritt hatte ich keinerlei negative Konsequenzen zu befürchten. Aber es ist für mich nachvollziehbar, dass diese Zweifel bei anderen bestehen, die sogar in einen inneren Versuch ausarten können, den persönlichen Glauben rational greifen zu wollen, wenn er schon völlig unspürbar ist. Dazu kommt, dass viele vermutlich eingeschränkt sind, ihren Unglauben zu äußern, weil es Nachteile in Familie und Gesellschaft bringt, weil es möglicherweise auch den Arbeitsplatz kostet, selbst wenn man keinen Beruf innerhalb einer Religionsgemeinschaft ausübt. Möglicherweise führt die Ungläubigkeit sogar zur Bedrohung an Leib und Leben. Während in Mitteleuropa der Austritt aus einer Religionsgemeinschaft den Charakter eines verhältnismäßig entspannten Behördenwegs hat, kann der artikulierte Abfall vom Glauben, die sogenannte Apostasie, in anderen Teilen der Welt dramatische Folgen haben. In islamischen Rechtssystemen kann das bis zur Todesstrafe gehen, die in 13 islamisch geprägten Ländern der Erde auch noch von staatlicher Seite vorgesehen ist (Sudan, Jemen, Iran, Saudi-Arabien, Katar, Pakistan, Afghanistan, Somalia, Mauretanien, Malaysia, Nigeria, VAE, Malediven). Und das ist kein totes Recht. Urteile werden ausgesprochen und exekutiert. Angesichts derartiger Konsequenzen ist es nicht nur verständlich, sondern eine Voraussetzung, über die eigene Ungläubigkeit möglichst zu schweigen, um das eigene Leben und die eigene Familie zu schützen.

    Wenn Religion im Verbund mit staatlicher Gewalt als Werkzeug angewendet wird, um Tod, Folter und Freiheitsentzug durchzusetzen, bewegen wir uns an einem Extrempunkt der Unterdrückung persönlicher Freiheit. Aber auch Menschen, die in mehr oder weniger offenen Gesellschaften in Europa oder Nordamerika leben, bekommen noch immer durch Religion verursachte Einschränkungen zu spüren, sei es durch Gesetze und gesellschaftlichen Druck oder durch kulturelle Prägung, die sich bis ins eigene Verhalten und Unterbewusstsein fortsetzt.

    »Atheismus heißt nicht Gedächtnisverlust«¹⁷, ergänzt der französische Philosoph André Comte-Sponville zur selbst gewählten oder von selbst eingetretenen Abkehr vom Glauben. Die Erfahrung mit Religion, ihre kulturelle Vermittlung und die gedankliche Auseinandersetzung mit ihr werden in diesem Prozess nicht ausgelöscht, die eigene Erziehung und Entwicklung nicht ungeschehen gemacht, die persönliche Umwelt nicht geändert. Ja, es ist sogar denkbar – und es passiert auch –, dass Atheisten und Agnostiker der Religion etwas Positives abgewinnen können, weil Religion und Glauben einen vermeintlich positiven Beitrag für Staat, Gesellschaft und einzelne Mitglieder leisten, obwohl ihre Grundlagen als falsch oder zumindest nicht belegbar erkannt wurden. Dieser utilitaristische Zugang zu Religion erklärt neben weiteren Ursachen auch, warum Religion nach wie vor eine privilegierte Position in der Gesellschaft einnimmt und Politik weiterhin für sich instrumentalisieren kann. Der persönliche Prozess der Loslösung vom Dispositiv der Religion ist mit der persönlichen Erkenntnis des Nicht-Glaubens nicht abgeschlossen, er geht darüber hinaus, kann aber von Tradition und einer Rationalisierung durch Nützlichkeitserwägungen verlangsamt oder auch ganz zum Stillstand gebracht werden. Das gilt für das Individuum genauso wie für Gesellschaft und Staat.

    Warum gibt es Religion?

    Wie muss es sein, in eine Welt geboren zu werden, die noch keine oder kaum vernünftige wissenschaftliche Erklärungen für die in ihr stattfindenden Ereignisse zu bieten hat? Warum gibt es Tag und Nacht oder Jahreszeiten? Was passiert, wenn wir sterben?

    Viele Zusammenhänge in der Welt können Menschen durch eigene Erfahrung selbst ergründen. Das Prinzip von Ursache und Wirkung erkennen zu können, gehört zur evolutionären Grundausstattung von Tieren, zu denen sich auch der Mensch zählen darf.

    Menschen können Erkenntnisse über Kausalität mittels Sprache weitergeben, sie sogar aufschreiben und an Menschen zukünftiger Jahrhunderte, ohne persönlichen Kontakt, übermitteln. Wir starten mit der Geburt zwar alle bei null, aber nicht ohne die gesellschaftliche Grundausstattung von Wissenschaft, Kultur und auch Religion. Der Erfahrungsschatz der Menschheit wächst kontinuierlich, wird größer und überlebt den eigenen Tod. Das vorläufige Wissen festigt sich und beschreibt die Lebensumwelt immer genauer. Aber nie vollständig. Neben den leicht in der Natur erkennbaren Zusammenhängen von Ursache und Wirkung gab und gibt es immer noch natürliche Phänomene, die noch nicht erklärt werden können. Wer an diesem Punkt einer Erklärungskrise das Übernatürliche als Agenten einführt, kann die Lücke mit einem Trick schließen.

    Gott als universeller Platzhalter

    Religion reicht in der Menschheitsgeschichte weit zurück, sie kommt aus der Frühphase der Menschheit, als vieles nicht erklärt werden konnte. Evolution, Astronomie, Chemie waren noch lange nicht bekannt. Die Lücken im Wissen um die Welt waren riesengroß, sie sind es bestimmt noch immer, aber sie wurden sukzessive durch wissenschaftliche Methoden geschlossen – und zwar ausschließlich durch wissenschaftliche Methoden, niemals durch religiöse Offenbarung. Keine naturwissenschaftliche Fragestellung wurde jemals durch den Blick in ein heiliges Buch oder die Einbildungskraft eines Propheten gelöst.

    Den Menschen war es aber immer ein Bedürfnis, für alles eine Erklärung zu finden, und so entstand die Idee, natürliche Phänomene durch übernatürliche Intervention zu erklären. Worauf wurde das zuerst angewendet? Donner, Regen, Sonnenaufgang? Was es auch war, es war der Ausgangspunkt eines Erklärungsmodells, das, bis hin zur Dominanz des Spektrums der Weltanschauungen, bis heute in Verwendung ist und weit über die Religion bis hin zu Esoterik und Aberglaube reicht.

    Religion ist eine Generalhypothese der Welt. Sie verkörpert das Konzept einer geschlossenen Weltanschauung, das durch ein einziges Leistungsmerkmal oder – je nach Standpunkt – durch einen einzigen eingebauten Fehler alles erklärt, was sich bislang nicht erklären hat lassen. Das gilt insbesondere dann, wenn die grundlegende Kausalität natürlicher Phänomene nicht einfach erkennbar ist und sich nicht ganz offensichtlich von selbst erschließt.

    Die Götter regeln alles. Es regnet? Gott weint. Eine Krankheit? Gott straft. Erfolgreiche Jagd? Die Götter waren milde gestimmt. Für alles gibt es einen Grund. Das Erklärungsmodell beruht auf einer übernatürlichen Macht, die entweder komplett unsichtbar und auch sonst nicht sinnlich wahrnehmbar ist, oder sich irgendwo in der Natur eingenistet hat, wo sie erst recht nicht nachgewiesen werden kann. Götter können nämlich alle möglichen Formen annehmen: Berge, Wüsten und Planeten eignen sich hervorragend dafür, übernatürlich beseelt zu werden. Der Nachweis des Nichtvorhandenseins eines feinstofflichen Bewohners wird nur schwer gelingen. Er lässt sich ja nicht messen. Himmelskörper sind zudem auch noch so weit entfernt, dass lange Zeit niemand Nachschau halten konnte. Aber auch das hat sich geändert. Am 20. Juli 1976 landete mit Viking 1 die erste Sonde auf dem Mars. Der natürliche Charakter der Planeten wurde freilich schon viel früher erkannt, genauso wurde auch der Rest der Natur sukzessive entmystifiziert.

    Spinoza erkannte das große Potenzial der Religion noch in der Unerklärbarkeit natürlicher Vorgänge: »So pflegten die Juden alles, was ihre Begriffe überstieg und dessen natürliche Ursachen sie damals nicht kannten, auf Gott zu beziehen.«¹⁸ Die Unerklärbarkeit natürlicher Phänomene schrumpfte nach dem Aufstieg der Naturwissenschaften im Zuge der Aufklärung auf die Unbeweisbarkeit der Metaphysik.

    Der zuvor angesprochene Fehler im System ist genau diese Unbeweisbarkeit. Sie ist logisch zwar einwandfrei, denn durch den übernatürlichen Agenten kann jede kausale Lücke überbrückt werden, aber sie erklärt de facto natürlich gar nichts. Göttliche Intervention ist der ultimative Joker, der selbst nichts beweist und durch nichts widerlegt werden kann. Der Beweis der Nicht-Existenz ist schlicht und einfach nicht möglich. Gott ist ein universeller Platzhalter für kausale Lücken und fehlende Erklärungen. Er verkörpert das Scheitern jeder Erklärung.¹⁹

    Kritik daran ist aber religiös unerwünscht, also wird dieser Angriffspunkt durch eine Immunisierungsstrategie neutralisiert. Der übernatürliche Agent offenbart sich nur in Propheten, die als einzige den Willen der Götter interpretieren können und auch als einzige wissen, wie diese besänftigt werden können. Doch diese Manipulation der Götter ist nicht besonders zuverlässig. Es regiert die Ungewissheit.

    Die Götter sind erratisch und lassen sich nicht so einfach mit Stimulus und Respons steuern. Doch manchmal funktioniert ein Opfer, ein Gebet oder irgendein sonstiges Ritual ja doch. Anekdotische Evidenz bestätigt die unterstellte Methode und erwartete Wirkung. Das erinnert sehr stark an die Erfahrungsberichte über alternative Heilverfahren, etwa die Homöopathie, die dann etwa so klingen: »Bei mir, aber auch bei meinen Kindern und meinen Pferden, die gar nicht wussten, was sie verabreicht bekamen, hat es geholfen.« Die vielen anderen, wirkungslosen Anwendungsfälle werden dank Confirmation Bias, also der Neigung, nur jene Informationen gelten zu lassen, die eigene Erwartungen erfüllen, einfach ausgeblendet, ebenso die Tatsache, dass sich Ereignisse auch einfach natürlich einstellen können. Krankheiten heilen auch ohne Behandlung, Regen fällt auch, wenn vorher keine Tiere als Opfer verbrannt werden. Die frühen Religionen müssen nach demselben Prinzip funktioniert haben.²⁰ Götter sind beeinflussbar, aber nicht durchschaubar.

    Gottesfurcht und Propheten

    Die Götter bestimmen aber nicht nur natürliche Phänomene, das tägliche Wetter, Klima und Jahreszeiten, Ernteertrag und Wildbestand, Vulkanausbrüche, Sonnen- und Mondfinsternisse und was sonst noch in der Umwelt der frühen Menschheit an Faktoren zu adjustieren war, sie bewerten auch das menschliche Verhalten und gewährleisten durch ihr Regularium die Funktionstüchtigkeit der Gesellschaft.

    Eine der größten tatsächlichen Leistungen der Religion ist zweifelsohne die Etablierung einer Systematik für das menschliche Zusammenleben, die ethisches Verhalten in moralische Grundsätze und Regeln gerinnen lässt. Religion ging damit immer schon weiter als der spätere staatliche Regulierungswille, der passiv über seine Gesetze grundsätzlich definiert, was nicht erlaubt ist, viel weniger, was geboten ist, während Religion aktiv vorgibt, wie wir leben sollen. Und zwar bis in die höchstpersönlichen Lebensbereiche: arbeiten, schlafen, atmen, essen, Bekleidung und vor allem Sex.

    Religionen schaffen als Glaubenssysteme Berechenbarkeit und Stabilität mittels einer gesellschaftlich geteilten Ideologie²¹, die dem Willen der Götter folgt. Und um diesen Willen für das gemeine Volk erkennbar – Gott spricht nicht zu jedem – verständlich zu machen, braucht es irdische Übersetzer, Propheten. Spinoza bezeichnete

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