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Die 2000 Seiten Krimi Urlaubs-Bibliothek 2019

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Die 2000 Seiten Krimi Urlaubs-Bibliothek 2019

Länge:
2,380 Seiten
27 Stunden
Freigegeben:
Nov 28, 2019
ISBN:
9781386030232
Format:
Buch

Beschreibung

Die 2000 Seiten Krimi Urlaubs-Bibliothek 2019

von Alfred Bekker, Horst Bieber, Konrad Carisi & Horst Weymar Hübner, W. A. Castell, Bernd Teuber, Richard Hey

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Bernd Teuber/Richard Hey: Das Leben eben!

Alfred Bekker: Eis in den Bergen

Konrad Carisi: Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus

Konrad Carisi: James Watson und der Mord ohne Leiche

Alfred Bekker: Grausame Rache

Horst Weymar Hübner: Schiffsreise in die Hölle

Alfred Bekker: Künstlerpech für Mörder

Alfred Bekker: Der Sniper von Berlin

Alfred Bekker: Der Hurenmörder von Berlin

Horst Bieber: Die Kommissarin gibt auf

Horst Bieber: Mord beginnt im Herzen

Horst Bieber: Erben nicht erwünscht

Horst Weymar Hübner: Morgen muss Chicago sterben

W.A. Castell: Der Geister-Pate

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Freigegeben:
Nov 28, 2019
ISBN:
9781386030232
Format:
Buch

Über den Autor

Über Alfred Bekker: Wenn ein Junge den Namen „Der die Elben versteht“ (Alfred) erhält und in einem Jahr des Drachen (1964) an einem Sonntag geboren wird, ist sein Schicksal vorherbestimmt: Er muss Fantasy-Autor werden!  Dass er später ein bislang über 30 Bücher umfassendes Fantasy-Universum um  “Das Reich der Elben” schuf, erscheint da nur logisch. Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten und wurde Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen.   Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', ‘Ragnar der Wikinger’,  'Da Vincis Fälle - die mysteriösen Abenteuer des jungen Leonardo’', 'Elbenkinder', 'Die wilden Orks', ‘Zwergenkinder’, ‘Elvany’, ‘Fußball-Internat’, ‘Mein Freund Tutenchamun’, ‘Drachenkinder’ und andere mehr  entwickelte. Seine Fantasy-Zyklen um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' ,die 'Gorian'-Trilogie, und die Halblinge-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt.  Alfred Bekker benutzte auch die Pseudonyme Neal Chadwick,  Henry Rohmer, Adrian Leschek, Brian Carisi, Leslie Garber, Robert Gruber, Chris Heller und Jack Raymond. Als Janet Farell verfasste er die meisten Romane der romantischen Gruselserie Jessica Bannister. Historische Romane schrieb er unter den Namen Jonas Herlin und Conny Walden.  Einige Gruselromane für Teenager verfasste er als John Devlin. Seine Romane erschienen u.a. bei Lyx, Blanvalet, BVK, Goldmann,, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt., darunter Englisch, Niederländisch, Dänisch, Türkisch, Indonesisch, Polnisch, Vietnamesisch, Finnisch, Bulgarisch und Polnisch.


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Die 2000 Seiten Krimi Urlaubs-Bibliothek 2019 - Alfred Bekker

Publisher

Die 2000 Seiten Krimi Urlaubs-Bibliothek 2019

von Alfred Bekker, Horst Bieber, Konrad Carisi & Horst Weymar Hübner, W. A. Castell, Bernd Teuber, Richard Hey

DIESES BUCH ENTHÄLT folgende Krimis:

BERND TEUBER/RICHARD Hey: Das Leben eben!

Alfred Bekker: Eis in den Bergen

Konrad Carisi: Sherlock Holmes und der Meister aus Syracus

Konrad Carisi: James Watson und der Mord ohne Leiche

Alfred Bekker: Grausame Rache

Horst Weymar Hübner: Schiffsreise in die Hölle

Alfred Bekker: Künstlerpech für Mörder

Alfred Bekker: Der Sniper von Berlin

Alfred Bekker: Der Hurenmörder von Berlin

Horst Bieber: Die Kommissarin gibt auf

Horst Bieber: Mord beginnt im Herzen

Horst Bieber: Erben nicht erwünscht

Horst Weymar Hübner: Morgen muss Chicago sterben

W.A. Castell: Der Geister-Pate

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

DAS LEBEN EBEN!

Ein neuer Katharina Ledermacher-Roman von

Bernd Teuber nach Motiven Richard Hey

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Adelind, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

PRIVATDETEKTIVIN KATHARINA Ledermacher wird von ihrem ehemaligen Kollegen Manfred Zobel um Hilfe gebeten. Sein Stiefsohn Fabian Joswig ist verschwunden. Bei ihren Nachforschungen stößt Katharina auf eine Mauer des Schweigens. Niemand weiß angeblich, wo sich der junge Mann aufhält.

Seine Leiche wird schließlich in der Spree gefunden.

Starb Fabian durch einen Unfall?

Oder wurde er ermordet?

Die Spur führt zu einem mysteriösen Import-Export-Geschäft und Katharina gerät in höchste Gefahr ...

Bei Tag erfreute sich die Stadt Berlin mit ihren Sehenswürdigkeiten und ihrer einzigartigen Atmosphäre sowohl bei den Einheimischen als auch bei den zahlreichen Touristen großer Beliebtheit. Es war eine moderne Stadt, die seit nunmehr zwei Jahren nicht mehr durch eine Mauer getrennt wurde. Gleichwohl hatte sie die bei modernen Städten seltene Eigenschaft, jene Art von Geborgenheit und Heimatliebe zu erwecken, mit der die Alten ihre überschaubaren Gemeinden betrachteten.

Die Heimatliebe eines Berliners gleicht derjenigen des bodenständigen Kleinstädters. Während dieser aber an seiner Gemeinde auszusetzen hat, dass es an kulturellen Veranstaltungen fehlt und auch sonst nichts los war, sagen die Bewohner Berlins nichts dergleichen. Das Nachtleben ist bunt und abwechslungsreich.

Doch sollte man einen Aspekt nicht außer Acht lassen, von dem sogar mancher Einheimische zugab, dass er eine zuweilen ziemlich unangenehme Eigenschaft seiner Stadt war: das wechselhafte Wetter.

Fast den ganzen Sommer über verursachten kalte Aufquellwasser, die von wärmerer Luft überstrichen wurden, ungewöhnlich dichte und dauerhafte Nebelfelder, die schon etlichen Autofahrern zum Verhängnis geworden waren. Die Statistik wusste zu berichten, dass Berlin während des Sommerhalbjahres durchschnittlich achtundzwanzig Tage und Nächte unter dichtem Nebel lag.

In solchen Nächten, wenn die Atmosphäre von nasskalten Schwaden erfüllt war, dass man Wasser zu atmen glaubte und die klamme Kälte einem bis ins Knochenmark zu dringen schien, wenn selbst das Licht der Straßenlaternen nicht von einer zur nächsten reichte, dann regte sich auch im Herzen des kühnsten Mannes, der durch die Straßen ging, ein Gefühl von Unbehagen. Ein Gefühl, als lauerte etwas Unheimliches und Drohendes im Nebel; ein Gefühl, dass man gut daran tat, schneller zu seinem Ziel zu gehen – wenn man es finden konnte.

Bei diesem dichten Nebel, der sich durch die Straßen wälzte, hatte selbst der fantasievollste Geist Mühe, sich von der Vorstellung freizumachen, dass der weißgraue Dunst alles verzehrte, was seinen Weg kreuzte.

Fabian Joswig war sich bewusst, dass seine Zeit knapp wurde. Nervös blickte er auf seine Armbanduhr. Zwanzig nach fünf. Er durfte auf keinen Fall zu spät kommen. In den Hauseingängen nahm er mitunter flüchtige Schatten wahr. Bäume und Büsche wirkten gespenstisch eingehüllt von den Nebelfetzen.

Ein seltsames Geräusch ertönte.

Es klang, als ob jemand mit einem Stück Holz auf das Straßenpflaster schlug. Fabian blieb stehen. Seine Augen versuchten, die wogenden Nebelschleier zu durchdringen, doch es gelang ihm nicht, den Ursprung dieses unheimlichen Geräuschs zu entdecken. Aber es wurde immer lauter. Dann tauchte aus dem Nebel eine hinkende Gestalt auf. Beim Näherkommen entpuppte sie sich als alter Mann.

Er trug einen breiten Schlapphut und einen langen Mantel. In regelmäßigen Abständen schlug sein Stock auf das Pflaster. Er ging an Fabian vorbei, ohne ihn anzusehen, und verschwand langsam wieder im Nebel, dunkel und geheimnisvoll. Fabian schaute ihm noch einen Augenblick hinterher, dann setzte er sich wieder in Bewegung. Nach etwa zwanzig Schritten bog er um eine Ecke und näherte sich seinem Ziel. Die Leuchtschrift über dem Eingang war nur undeutlich zu erkennen: JÄGERKRUG.

Fabian betrat die düstere Kneipe, die schon bessere Zeiten gesehen hatte. Der Geruch von verschüttetem Bier drang ihm in die Nase, als er sich einen Weg durch die Stuhlreihen zur Theke bahnte. Ein Billardtisch mit abgenutztem Spannbezug stand in einer der Ecken. An den Wänden hingen verschmutzte Spiegel. Der Boden knarrte unter seinen Füßen, während er den Raum durchquerte.

Hinter dem Tresen stand ein fetter Kerl mit Glatze. Das ehemals weiße Hemd war von Flecken übersät.

„Hallo", grüßte Fabian.

„Hallo", erwiderte der Wirt.

Er nahm eines der Gläser, die vor ihm standen, und trocknete es mit einem zerrissenen Lappen ab, nachdem er es kurz durch das trübe Wasser gezogen hatte, das sich vor ihm in dem Becken befand.

Fabian ließ seinen Blick durch die Kneipe schweifen. „Nicht viel los."

„Noch zu früh. Bier?"

„Ja. Aber kein gezapftes."

Eine Flasche wurde vor ihn gestellt. Der Wirt öffnete sie mit einer Bewegung aus dem Handgelenk. Der Flaschenöffner war in seinen Händen nicht zu sehen. Fabian fragte sich, ob er überhaupt einen benutzte. Gleichzeitig überlegte er, ob er noch ein Bier bestellen sollte. Er hatte sein Erstes noch nicht ausgetrunken. Nicht, dass er kein Bier mochte. Er trank sehr gerne Bier. Es war nur, dass er über die Art und Weise beunruhigt war, wie der dicke Wirt ihn angesehen hatte, als er in die Kneipe kam.

Als ob er gedacht hätte, dass dieser Junge nicht alt genug sei, um in der Öffentlichkeit Bier zu trinken. Es war schlimm, mit einem Milchgesicht herumlaufen zu müssen. Aber Fabian hatte hier etwas zu erledigen, und da war es keine gute Idee, unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er ärgerte sich. So eine einfache Sache wie diese Aufgabe, die er zu bewältigen hatte, und er war im Begriff, sie zu verpfuschen. Er leerte seine Flasche.

„He – noch ein Bier!"

Der Wirt nickte, öffnete eine zweite Flasche und stellte sie auf den Tresen. Mittlerweile war Fabian das Gefühl des Unbehagens, mit dem er die Kneipe betreten hatte, schon fast vertraut geworden. Er bemerkte die Blicke des Wirtes, der ihn abweisend musterte, doch er versuchte es zu ignorieren. Abermals ließ schaute er sich um. Er kannte den Mann nicht, den er hier treffen sollte, aber das spielte keine Rolle.

Der Mann kannte ihn. Außerdem musste er sich durch einen vorher vereinbarten Satz zu erkennen geben. Fabian trank einen Schluck. In den nächsten zehn Minuten geschah nichts. Hatte sich der Mann verspätet? Oder war etwas schiefgegangen?

Während er trank, stellte er fest, dass er sich in diesem heruntergekommenen Schuppen fast wohl fühlte. Würde er irgendwann anfangen, sich in finsteren Kneipen herumzutreiben, nur um dort irgendwelche seltsamen Typen zu treffen?

Er fuhr zusammen, als ein Schatten über den Tresen fiel. Sein Blick zuckte hoch, tastete den schlanken, mittelgroßen Mann in der schwarzen Lederkluft ab, der neben ihm stand. Der Bursche war dunkelblond und hatte ein schmales Gesicht. Er lächelte höflich. Ohne eine Aufforderung abzuwarten, setzte er sich neben Fabian.

„Hallo", sagte er.

Fabian nickte.

Der Mann bestellte bei dem Mann ein Bier und zahlte sofort. Das schmale Gesicht des Fremden war ausdruckslos.

„Der frühe Vogel fängt den Wurm", meinte er schließlich.

„Aber erst die zweite Maus bekommt den Käse", entgegnete Fabian.

Er hatte Mühe, sich ein Lachen zu verkneifen. Die Situation wirkte wie in einem drittklassigen Agentenfilm. Der Mann nickte. Er holte einen Zettel aus der Innentasche seiner Jacke und schob ihn unbemerkt zu Fabian hinüber. Der junge Mann steckte ihn sofort ein.

Immer noch kam ihm das, was er hier tat, vollkommen verrückt und unglaublich vor. Aber es war eine Chance, die einzige vielleicht – und er wurde sich klar darüber, dass er in seiner augenblicklichen Situation auch nach einem Strohhalm gegriffen hätte.

Der schlanke Mann erhob sich, ohne Fabian weiter zu beachten und wandte sich ab. Mit schnellen Schritten ging er Richtung Ausgang. Auf dem Weg zur Tür musste er an einem rechteckigen Spiegel vorbei. Er blickte hinein, lächelte kurz. Dann öffnete er die Tür und verließ die Kneipe.

Fabian wartete einige Minuten, legte fünf D-Mark auf den Tresen und verließ dann ebenfalls das Lokal. Unter einer Straßenlaterne, deren Licht kaum den Boden erreichte, betrachtete er den Zettel mit der Adresse. Er zerriss ihn in mehrere Einzelteile und warf sie auf die Straße. Eine Windböe wehte die Papierschnipsel davon. Fabian blickte wieder auf seine Armbanduhr. Viertel vor sechs. Vielleicht würde die Zeit noch reichen. Aber nur, wenn er sich beeilte.

Er dachte daran, ein Taxi zu nehmen, doch nirgendwo konnte er eines entdecken. Tatsächlich war er das einzige Lebewesen weit und breit. Aber er wusste, welchen Weg er gehen musste. Als er durch die spärlich beleuchteten Straßen ging, zog er den Reißverschluss seiner Jacke hoch, um die Kälte abzuwehren. Die Jacke war eine Lederimitation. Darunter trug er einen Rollkragenpullover.

Die Kombination hätte mehr als hinreichend sein sollen, um die Kühle einer normalen Augustnacht abzuwehren, aber dies war keine normale Augustnacht. Sie war nasskalt und unangenehm. Und der Nebel schien immer dichter zu werden. Die Sichtweite betrug kaum mehr als fünfzig Meter. Er ging durch die Utrechter Straße, bog rechts in die Malplaquestraße ein und erreichte die Nazarethstraße. Noch immer hatte er keinen Menschen gesehen – keine Fahrzeuge, keine Leute.

Unheimlich.

Er schüttelte den Gedanken ab und folgte der Nazarethstraße. Sie war nur von zwei Passanten bevölkert, die auf Fabian nicht sehr ermutigend wirkten. Einer war ein Betrunkener, der sich an einer grauen Hauswand aufrecht hielt. Die andere war eine unförmige alte Frau, die bewegungslos in der Mitte des Bürgersteigs stand und sich auf ihren Stock stützte. Noch zwanzig Meter weiter fühlte er ihre Augen auf sich ruhen, als wollten sie Löcher in seinen Rücken brennen.

Er bog nach links in die Liebenwalder Straße ein. Mittlerweile war er so außer Atem, dass er langsam gehen musste. Irgendwie seltsam. Fabian rauchte nicht. Früher hatte er sogar jahrelang Sport getrieben. Wahrscheinlich war es die Kälte, die ihm zu schaffen machte. Er blickte auf seine Armbanduhr. Zwei Minuten vor sechs. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, dann würden sie den Laden zumachen.

Einen Augenblick später sah er ihn. Aus der nächsten Seitenstraße rechts leuchteten ihm in roter Neonschrift die unverkennbaren Worte entgegen: IMPORT – EXPORT. Fabian überquerte die Straße, sah Licht im Inneren des Ladens und ging kurzentschlossen hinein.

KURZ NACH ZWANZIG UHR ließ der Mann den dunkelroten Opel vor dem Hochhaus in der Krummen Straße ausrollen. Minutenlang blieb er im Wagen sitzen, zögerte noch mit dem Aussteigen, denn er wusste, dass er ohne ein klares Konzept hergekommen war. Manfred Zobel blickte durch die Windschutzscheibe nach oben.

Der Nachthimmel wirkte wie dunkelblauer Samt. Er war mit Sternen übersät. Sie glitzerten wie verstreute Diamanten auf dunklem Tuch und schienen zum Greifen nahe. Manfred schüttelte leicht den Kopf. Plötzlich kamen ihm Zweifel, ob es wirklich Sinn machte, hierher zu kommen. Vielleicht war er von falschen Voraussetzungen ausgegangen. Es konnte durchaus sein, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.

Manfred gab sich einen Ruck. Es hatte keinen Zweck, wenn er sich in einem Dickicht von Vermutungen verfing. Er musste so rasch wie möglich Gewissheit bekommen. Und warum zum Teufel, sollte sie ihm ihre Hilfe verweigern? Man musste es auf jeden Fall versuchen. Er stieg aus dem Wagen, ging auf das Hochhaus zu, warf einen kurzen Blick auf die Namensschilder neben den Klingelknöpfen, um sich zu vergewissern, dass es auch das richtige Gebäude war. Manfred zögerte. Schließlich betätigte er den Knopf. Mehrere Minuten vergingen. Aus dem Lautsprecher oberhalb der Klingelknöpfe ertönte auf einmal ein knackendes Geräusch und eine weibliche Stimme fragte: „Wer ist da?"

„Manfred Zobel", entgegnete der Mann. Fast eine Minute geschah nichts. Dann ertönte schließlich der Summer und der Mann konnte die Tür öffnen. Zögernd trat er ein, durchquerte den spärlich beleuchteten Eingangsbereich und ging auf den Fahrstuhl zu. Die Tür stand offen. Er betrat die Kabine und drückte den Knopf für das achte Stockwerk.

Langsam setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung und blieb plötzlich mit einem Ruck stehen. Der Mann stieg aus, sah sich kurz um und ging dann auf die linke Wohnungstür zu. Er klopfte. Schritte ertönten. Dann wurde die Tür geöffnet. Eine etwa fünfzigjährige Frau erschien. Manfred betrachtete sie eingehend.

Ihr Äußeres hatte sich im Laufe der Jahre kaum verändert. Sie hatte einen schlanken Körper mit kindlich gerundeten Schultern. Die schwarzen Haare waren nicht sehr ordentlich zu einer Art Pagenfrisur geschnitten. Ihr Gesicht, das von großen, dunklen Augen dominiert wurde, wirkte zwar etwas reifer, aber ansonsten war sie noch dieselbe Katharina wie damals. Auch die senkrechte Falte über ihrer Nase war noch vorhanden.

„Hallo, Ledermacherin", sagte der Besucher.

„Manfred, entgegnete sie kühl. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns noch mal wiedersehen würden. Nicht nach dem Scheiß, den du damals abgezogen hast.

Sein Anblick weckte all die verschütteten Erinnerungen, denn schließlich war Manfred Zobel einer der Gründe, weshalb sie ihren Job bei der Mordkommission hingeschmissen hatte. Er war damals in dubiose Aktivitäten verstrickt. Unter anderem hatte er Drogen an „Linke" weitergegeben, um sie zu unterminieren. Doch er wurde nie dafür zur Verantwortung gezogen.

Während ihrer Ausbildung hatte man Katharina stets eingeschärft, dass Polizisten objektiv bleiben mussten. Dass sie sich niemals und unter keinen Umständen von Gefühlen leiten lassen durften. Gemeint waren damit vor allem Gefühle wie Wut, Rachsucht oder Mitleid mit den Verbrechern. Ein klarer Kopf, so sagten die Ausbilder, war die unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Ermittlungsarbeit.

Doch Katharina war es schon immer schwergefallen, ihre Empfindungen zu unterdrücken. Sie sah das Ziel ihrer Arbeit darin, Verbrechen zu bekämpfen und die Ordnung wieder herzustellen, doch mit den gegebenen Umständen war dieses Ziel nicht vereinbar. Und Zobels Machenschaften sorgen schließlich dafür, dass sie den Polizeidienst quittierte.

Er stand schüchtern im Türrahmen. Seine braunen Augen blickten sie hilflos an. Wie fast immer war sein Haar verstrubbelt. Er trug einen Mantel, Jeans und braune Halbschuhe. Katharina konnte deutlich das Muskelspiel in seinem Gesicht sehen. Anscheinend machte ihn diese Begegnung ebenso nervös wie sie.

„Was führt dich her?" fragte sie.

„Nun ja, ich wollte ..."

Erschrocken drehte Katharina den Kopf in Richtung Wohnung. „Verdammt! stieß sie hervor und wandte sich wieder dem Mann zu, der dort vor ihrer Wohnungstür stand. „Los, komm rein.

Sie lief den Flur entlang und verschwand in einem der angrenzenden Räume. Verwirrt blickte Manfred ihr nach. Dann schloss er die Haustür und folgte ihr. Manfred Zobel, 41, war damals der jüngste von den drei ihr unmittelbar unterstellten Beamten bei der Westberliner Kriminalpolizei. Davor hatte er im Ersten Kommissariat der Charlottenburger Polizeiinspektion am Kaiserdamm gearbeitet. Schon als Anfänger konnte er dort einen großen Erfolg verbuchen. Es war ihm gelungen, einen international gesuchten Taschendieb festzunehmen.

Klappernde Geräusche ertönten. Gleich darauf hörte er Katharina fluchen. Manfred trat in die geöffnete Küchentür. Auf dem Herd stand eine Pfanne mit einem Kotelett darin. Daneben auf der Arbeitsfläche lagen zwei Eier. Katharina war damit beschäftigt, Zwiebeln zu schneiden.

„Störe ich?" fragte Manfred.

„Möchte nur schnell etwas in den Magen kriegen", antwortete Katharina, während sie beunruhigt das brutzelnde Kotelett betrachtete.

„Ich habe gehört, dass du jetzt als Privatdetektivin arbeitest", sagte der Mann.

„Ja. Von irgendetwas muss man schließlich leben."

„Viel zu tun?"

„Es geht."

Sie wendete das Kotelett mit dem Messer und gab die Zwiebeln dazu.

„Freut mich. Manfred trat in die Küche. „Vermisst du den Polizeidienst nicht hin und wieder?

„Eigentlich nicht, antwortete sie, ohne die Pfanne aus den Augen zu lassen. Dann verzog sie ärgerlich das Gesicht. Dicke Rauchschwaden stiegen auf, und sie nahm die Pfanne von der Herdplatte. „Schau dir das an, sagte sie bitter. „Dreckzeug, verdammtes! Die ganze Zeit lass ich es nicht aus den Augen. Und was geschieht? Angebrannt ist mir der Mist."

„Zu dumm, sagte Manfred bedauernd. „Ich hätte dir ja gern geholfen, aber ich fürchte, ich verstehe noch weniger davon. Bei mir würde jetzt schon die ganze Pfanne brennen.

„Weißt du was? Katharina war geschmeichelt. „Da hab‘ ich einen Tipp für dich. Wenn du‘s nicht mehr ausblasen kannst, halt es auf keinen Fall unter die Wasserleitung, sondern tu einen großen Deckel über das Ganze. Das ist die beste Methode.

„Das hat für mich schon cordon-bleu-Niveau", sagte Manfred ehrfürchtig.

Katharina stocherte das Kotelett auf einen Teller, stellte ihn auf der Arbeitsfläche ab und schlug die Eier in die Pfanne.

„Du bist befördert worden?" fragte sie.

„Ja. Vor acht Monaten."

„Kriminaloberkommissar. Hört sich nicht schlecht an."

„Vor allen Dingen bekomme ich jetzt mehr Geld."

„Dafür trägst du aber auch mehr Verantwortung."

„Allerdings."

Ihr Blick fiel auf den Ring an seinem Finger. „Und geheiratet hast du auch", stellte sie fest.

„Ja, vor vier Jahren. Sie heißt Melanie."

„Hm. Katharina schüttelte den Kopf. „Hätte nicht gedacht, dass du mal unter die Haube kommst.

„Ich auch nicht. Er machte eine kurze Pause. „Aber so ist nun mal das Leben.

Einige Sekunden herrschte Schweigen.

„Und du? fragte Manfred. „Bist du immer noch mit Robert zusammen?

„Wir hatten uns eine Zeitlang getrennt. Aber jetzt sehen wir uns wieder öfter."

„Ist er nicht da?"

„Nein."

„Urlaub?"

„Nein, er befindet sich auf einer Studienreise."

„Aha."

Mit ihrem Lebensgefährten, dem Studienrat Robert Tillmann, wohnte Katharina in einer Drei-Zimmer-Wohnung im vierten Stock eines Neubauhauses in der Charlottenburger Pestalozzistraße. Eigentlich hatte sie eine eigene Wohnung, doch diese benutzte sie nur sporadisch, seit sie mit Tillmann zusammen war.

Bevor sie Robert kennengelernt hatte, war sie mit dem Vater ihrer Tochter Kathinka, dem Schweizer Ruedi Scheidt, verheiratet. Doch die Ehe hielt nicht sehr lange. Kathinka lebte nach der Scheidung zunächst bei ihrem Vater in Kirchberg bei Zürich in der Schweiz. Anfang der Siebziger Jahre beschloss sie, zu ihrer Mutter nach Deutschland zu ziehen.

Die Übersiedlung verlief ohne Probleme. Weder Ruedi Scheidt noch Robert Tillmann hatten etwas dagegen. Mittlerweile war Kathinka selbst Mutter. Sie arbeitete als Krankenschwester und führte gemeinsam mit ihrem Freund ein sehr bürgerliches Leben.

Katharina und Manfred sahen zu, wie das Eiweiß braun und dann an den Rändern schwarz wurde, während die Dotter roh blieben.

„Vielleicht hast du zu wenig Fett genommen, meinte Manfred nach einer Weile. „Man sagt zwar: Kiebitz halt‘s Maul, aber manchmal sieht ein Außenstehender die Dinge doch mit mehr Abstand.

„Ach, lass nur, entgegnete Katharina mürrisch. „Jetzt ist es zu spät. Noch mehr Fett und man kann es überhaupt nicht mehr essen. Ich habe schon alles ausprobiert. Sie starrte düster vor sich hin. „Außerdem lasse ich mir von zwei Hühnerembryos nichts vorschreiben. Die haben so zu braten, wie ich es will. Ich schneide nachher die Ränder weg."

„So ist es recht, sagte Manfred. „Du bist eine Frau mit Prinzipien. Und du bist bereit, dafür zu leiden.

BALD DARAUF SASS KATHARINA Ledermacher über einem Teller voll verkohltem Fleisch und zerkrümelten Eiern, die sie aus der Pfanne gekratzt hatte.

„Und wie geht es dir sonst so?" fragte sie zwischen zwei Bissen.

„Alles okay. Und selbst?"

„Ebenfalls."

„Wirklich?" fragte Katharina.

Er schwieg.

„Na los, raus mit der Sprache, forderte sie ihn auf. „Warum bist du wirklich hier?

Manfred zögerte. „Ich ... ich brauche deine Hilfe", sagte er schließlich.

„Hilfe? Wobei?"

Er starrte eine Weile vor sich hin. „Es geht um meinen Sohn."

„Aha."

„Na ja, eigentlich ist er mein Stiefsohn. Melanie hat ihn mit in die Ehe gebracht."

„Und?"

„Er ist verschwunden. Seit einer Woche gibt es keine Spur von ihm."

„Vielleicht amüsiert er sich mit einer Freundin? Er hat doch eine, oder?"

„Keine Ahnung. Um ehrlich zu sein, weiß ich nichts über seinen Freundeskreis. Er führt sein eigenes Leben. Zu uns kommt er nur, wenn er Geld braucht, oder wenn wir seinen Briefkasten leeren sollen, falls er mal für einige Zeit wegfährt. Und genau deshalb mache ich mir Sorgen."

„Warst du schon in den Krankenhäusern?"

„Natürlich."

Katharina legte Messer und Gabel weg. „Du glaubst, dass ihm etwas zugestoßen ist?" fragte sie vorsichtig.

„Nach Lage der Dinge? Ja."

„Wie kommst du darauf?"

„Ich weiß nicht. Ist nur so ein Gefühl."

„Hast du dich schon an die Polizei gewandt?"

„Mein Sohn ist volljährig. Ihrer Auffassung nach kann er tun und lassen, was er will. Aber es sieht ihm gar nicht ähnlich, einfach so zu verschwinden. Wenn er mal für längere Zeit wegfuhr, hat er meiner Frau und mir stets Bescheid gesagt."

Katharina trug ihren Teller zum Mülleimer, kratzte ihn sauber und steckte ihn in den Geschirrspüler.

„Warum ausgerechnet ich?" fragte sie.

„Du bist ausgebildete Polizistin. Du weißt, wie man bei so etwas vorgeht. Und als Privatdetektivin kannst du Quellen anzapfen, die der Polizei verschlossen bleiben. Außerdem fehlt mir die Zeit für eine intensive Suche. Wir haben Unmengen an Arbeit und sind vollkommen unterbesetzt."

Katharina starrte vor sich hin. Eigentlich hatte sie gehofft, dass sie Manfred Zobel nie wiedersehen würde. Aber wenn er sich mit der Bitte um Hilfe an sie wandte, konnte sie da wirklich ablehnen?

„Also, was ist? fragte Manfred nach einer Weile. „Hilfst du mir? Ich bezahle dich auch.

„Das brauchst du nicht."

„Doch. Natürlich. Er holte ein Foto aus der Innentasche seines Mantels. „Das ist Fabian Joswig, einundzwanzig Jahre alt. Na ja, eigentlich ist er schon fast zweiundzwanzig.

„Was macht er beruflich?"

„Nichts. Er hat zwar eine abgeschlossene Berufsausbildung, aber niemand stellt ihn ein, weil er keine Erfahrung vorweisen kann. Manfred verzog das Gesicht. „Erfahrung! knurrte er. „Wenn ich so einen Mist schon höre. Wie soll man denn Erfahrungen sammeln, wenn einem niemand eine Chance gibt? Ein Arbeitsloser ist ein Arbeitsloser."

„Ja, stimmte Katharina ihm zu. „Und wer heutzutage mit fünfzig auf der Straße steht, ist bis zur Rente arbeitslos.

„Dazu muss man nicht fünfzig sein, entgegnete Manfred. „Das geht auch schon früher. Ich kenne Leute, die sind mit knapp vierzig schon weg vom Fenster. Die kriegen genauso unmissverständlich gesagt, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Schließlich hat es aus der Sicht der Arbeitgeber keinen Zweck, jemanden anzulernen, der nur noch zwanzig Jahre als Arbeitskraft zur Verfügung steht. Man sollte sich das einfach nicht gefallen lassen.

„Und was willst du daran ändern?" fragte Katharina.

„Man muss die Bosse eben zwingen, lautete die trotzige Antwort. „Was sind sie schon ohne die Angestellten? Ohne ihre Arbeitskraft? Woher stammen die großen Villen mit Sauna und Schwimmbad? Und die teuren Autos? Und wenn man sie so hört, sind sie doch immer so arm, dass sie für ihre Kinder kaum noch ein paar Schrippen kaufen können.

„Warum regst du dich eigentlich so auf? Du bist Beamter. Um deine Altersabsicherung musst du dir doch nun wirklich keine Sorgen machen.."

„Mach ich auch nicht. Es geht um Fabian. Er braucht eine Zukunft."

„Und die willst du ihm verschaffen?"

„Ich versuche es zumindest. Neulich wollte ich ihn mal besuchen, weil ich einen Job für ihn in Aussicht habe. Ein Bekannter sucht Leute für sein Logistikunternehmen. Ist zwar nichts Großartiges, aber immer noch besser, als den ganzen Tag zu Hause herumzusitzen. Ich habe mehrmals bei ihm geklingelt, aber er machte nicht auf."

„Vielleicht war er nur mal kurz weggegangen?"

Manfred schüttelte den Kopf. „Nein, er muss schon mehrere Tage nicht mehr zu Hause gewesen sein."

„Woher weißt du das?"

„Die Blumen. Die Erde in den Töpfen ist vollkommen trocken."

„Du hast einen Schlüssel?"

„Ja, falls mal etwas passieren sollte. Er senkte den Kopf. „Und diesmal ist was passiert. Das fühle ich.

Katharina blickte ihn schweigend an. Sie überlegte offenbar, was sie tun sollte. Schließlich sagte sie: „Okay, ich werde mich mal umhören."

„Wirklich?" fragte Manfred überrascht.

Katharina nickte.

„Erzähl mir was über deinen Sohn."

„Was soll ich groß erzählen?"

„Hattet ihr früher schon einmal Probleme mit ihm?"

„Nicht mehr als andere Eltern auch."

„Wirklich?" fragte Katharina.

Manfred zögerte einen Moment. „Na ja, da gab es schon etwas, sagte er dann. „Nachdem Melanie und ich zusammengezogen waren, wohnte er noch eine Zeitlang bei uns. Er machte eine Ausbildung, arbeitete sehr viel. Von dem Geld kaufte er sich einen neuen Fernseher, eine Stereoanlage und teure Sachen. Am Wochenende ging er häufig aus und kam erst morgens wieder. Eigentlich hätte ich da schon misstrauisch werden müssen. Aber als ich Fabian darauf ansprach, sagte er, der Chef hätte seinen Stundenlohn erhöht, weil er so gut arbeiten würde. Außerdem würde er noch jede Menge Überstunden machen.

„Und?"

„Ich gab mich damit zufrieden. Als er jedoch eines Tages mit einem neuen Mofa vor der Tür stand, wurde mir das langsam unheimlich. Bisher fuhr er nur mit einem alten Fahrrad, das er irgendwo günstig gekauft und repariert hatte. Nun stand plötzlich dieses neue Mofa vor der Tür. Ich fragte ihn wieder, ob er sich damit nicht übernehmen würde. Genau genommen wusste ich ja nicht einmal, wie viel er eigentlich verdiente. Ich hatte schon Sorge, dass er irgendwelche krummen Geschäfte machte, traute mich aber nicht, ihn darauf anzusprechen. „Man lebt nur einmal!, sagte er immer, wenn er Melanie und mir ansah, dass uns die ganze Sache nicht geheuer war.

„Und wie ging es weiter?"

„Na ja, er schloss seine Ausbildung ab, aber der Chef übernahm ihn anschließend nicht. Doch bald darauf bekam er ein neues Jobangebot. Ein Freund hatte ihm eine Stelle auf einem Schrottplatz besorgt. „Ihr könnt euch überhaupt nicht vorstellen, wie viel man damit verdienen kann, erzählte er Melanie und mir, als er vom Vorstellungsgespräch zurückkam. „Mein neuer Chef hat eine Villa und vier Autos und er zahlt mir mehr als das Dreifache, was ich während meiner Ausbildung verdient habe. Und natürlich vertrauten wir ihm auch diesmal."

„Aber?"

„Er kaufte sich neue Möbel. Als ich ihn darauf ansprach, ob er sich das überhaupt leisten könnte, sagte er nur, ich solle mir keine Gedanken machen. Es gäbe dort eine besonders günstige Ratenfinanzierung. Trotzdem machte ich mir Sorgen darüber, dass er so viel Geld ausgab."

„Mit Recht, vermute ich mal."

„Allerdings, sagte Manfred. „Eines Tages spürte ich, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Fabian kam früher von der Arbeit nach Hause und machte einen niedergeschlagenen Eindruck. Als ich ihn fragte, was los sei, sagte er, dass er seinen Job verloren habe.

„Wieso?" fragte Katharina.

„Sein Chef meinte, dass er ihn nicht mehr brauchte."

„Hm." Katharina presste die Lippen zusammen. Die Arbeitswelt hatte sich in der letzten Zeit stark verändert. Jetzt war Leistung gefragt, Können, Weiterbildung. Wer nicht auf dem neuesten Stand war, ging unter. Einsparungen bei den Personalkosten war das oberste Gebot.

„In den nächsten Tagen gab er sich ziemlich wortkarg, fuhr Manfred fort. „Er schlurfte schlecht gelaunt durch die Wohnung, wusch sich kaum noch und sah bald aus wie ein Penner. Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war, bevor er sich auf die Suche nach einem neuen Job machte. Es sah jedoch nicht gut aus. Die Wirtschaftslage hatte sich verschlechtert, und für jemanden, der nur ein paar Lehrjahre und keine Erfahrung vorweisen konnte, sah es noch finsterer aus.

Katharina nickte, sagte aber nichts.

Abrupt stand Manfred auf. Er trat ans Fenster und blickte hinab auf die Lichter der Stadt. Er wandte nicht den Kopf, als er weitersprach.

„Fabian versuchte alles, um eine neue Arbeit zu finden, aber vergeblich. Er wurde immer verschlossener, fing an zu trinken. Kurz, er veränderte sich immer mehr. Nach und nach erfuhren Melanie und ich, wie viele Ratenverträge er abgeschlossen hatte, die er nun nicht mehr bezahlen konnte. Alles war auf Pump finanziert."

„Aber er hatte doch keine Sicherheiten, oder?" fragte Katharina.

„Nein."

„Und trotzdem kam er so einfach an Ratenverträge?"

„Ja, das hat mich auch gewundert. Aber so war es nun mal. Die Mahnungen häuften sich. Fabians Bargeld war schon lange aufgebraucht. Zunächst lieh er sich bei Freunden Geld, aber irgendwann waren alle Quellen erschöpft. Im Grunde genommen konnte er nur überleben, weil Melanie und ich ihm etwas zusteckten. Schließlich wandte sich Melanie an einen alten Freund, einen pensionierten Finanzbeamten, der nun ehrenamtlich als Schuldenberater arbeitete. Fabian zeigte sich zunächst ablehnend, fühlte sich offenbar in seinem Stolz verletzt, aber der Schuldenberater war sehr einfühlend, und so saßen wir schon kurze Zeit später alle zusammen und begannen zunächst damit, alle Briefe, die sich angesammelt hatten, zu öffnen."

Manfred schüttelte leicht den Kopf.

„Der Schuldenberater schrieb dann alle Forderungen mit den Anschriften der Gläubiger auf einen Zettel und erstellte mit Fabian eine Aufstellung über seine laufenden Kosten. Dabei kam heraus, dass er schon länger über seine Verhältnisse gelebt hatte und nun einem Schuldenberg von über 30.000 D-Mark in Form etlicher Kredite und Ratenverträge gegenüberstand. Melanie und ich bekamen einen Schock. Wie sollte das alles jemals bezahlt werden?"

Manfred wandte sich vom Fenster ab und nahm wieder auf seinem Stuhl Platz. Katharina sah, dass seine Kiefermuskeln arbeiteten, aber seine Augen blieben ausdruckslos.

„Der Schuldenberater setzte sich mit den Gläubigern in Verbindung und handelte für Fabian sehr gute Bedingungen aus. Und schließlich fand der Junge auch wieder einen Job, sodass er wenigstens einen Teil der Schulden bezahlen konnte. Vor einem Jahr zog er bei uns aus und suchte sich eine eigene Wohnung. Er sagte, er bräuchte seinen Freiraum. Doch dann wurde er wieder arbeitslos."

„Warum?"

„Die Firma verlagerte ihre Produktion ins Ausland. Das war billiger."

„Glaubst du, dass er schon wieder Schulden gemacht hat?" wollte Katharina wissen.

„Ausschließen würde ich es jedenfalls nicht. Irgendetwas muss passiert sein."

„Überlässt du mir den Haustürschlüssel?"

„Wozu?"

„Vielleicht finde ich in seiner Wohnung eine Spur."

„Wenn du meinst." Manfred gab ihr den Schlüssel und nannte ihr die Adresse.

„Danke. Ich melde mich, sobald ich etwas in Erfahrung gebracht habe."

Er blieb noch eine halbe Stunde, und sie redeten über alte Zeiten.

„Katharina, hier ist meine Telefonnummer. Bitte, ruf mich an, wenn du etwas herausgefunden hast. Versprich mir das."

Sie nickte und brachte ihn zur Tür. Danach legte sie sich ins Bett. Doch das Einschlafen fiel ihr schwer. Zobels Auftauchen hatte viele alte Erinnerungen an die Oberfläche gespült. Unschöne Erinnerungen, die sie tief in ihrem Innersten vergraben hatte. Dass sie träumen würde, war unvermeidlich. Dass sie sich an ihren Traum auch noch erinnern sollte, konnte sie eher zu den unglücklichen Zufällen ihres Lebens zählen.

Sie träumte – zumindest war das ein Teil ihres Traums – dass sie wieder Oberkommissarin bei der Mordkommission war. Sie saß neben ihrem Lebensgefährten Robert Tillmann im Auto. Beide blickten durch die Windschutzscheibe auf die Kreuzung Kantstraße – Suarezstraße. Dort standen Luzifers Lieblinge – eine Rockerbande, auf die sie im Zuge der Ermittlungen in einem Mordfall gestoßen war.

Sie trugen noch ihre schwarzen Helme. Auch Mädchen befanden sich zwischen den Männern. Einige von ihnen waren minderjährig. Im Kreis um sie herum saßen Polizisten auf Motorrädern bei laufenden Motoren bereit, sofort loszufahren. Um diese Polizisten standen in größerem Abstand weitere Beamte mit Schlagstöcken. Sie sicherten die Einmündungen der Witzlebenstraße und der Suarezstraße.

Auf dem Platz vor dem Amtsgericht waren Mannschaftswagen, Wasserwerfer und Notdienstwagen aufgefahren. Eine Szene wie aus einem Kriegsfilm. Flackerndes Blaulicht. Eine martialische Front. Auf der einen Seite Luzifers Lieblinge in schwarzer Lederkleidung. Auf der anderen Seite mit Helmen, Schildern und Schlagstöcken bewehrte Polizisten.

Beide Parteien standen sich wie zwei feindliche Heere in einer Feldschlacht gegenüber. Jeden Moment konnte die Gewalt explodieren. Zehn, fünfzehn Polizisten duckten sich hinter ihren Plastik-Schilden. Langsam gingen sie auf die Rocker zu.

Beide Fronten berührten sich. Tumult. Geschrei. Ein höllischer Ausbruch von Gewalt. Ein junger Beamter knüppelte auf einen jungen Mann los. Luzifers Lieblinge wehrten sich mit wirbelnden Fahrradketten. Katharina blickte auf ein Meer von Gesichtern, auf denen sich Hass spiegelte. Eine Woge von Schreien flutete über die Menge hinweg.

Eine vernichtende Brandung der Brutalität, die alle Deiche des Verstandes hinweg riss. Rocker schlugen auf Polizisten ein und Polizisten knüppelten auf Rocker los. Einer von Luzifers Lieblingen erhob sich. Er hatte keinen Helm auf. Blut lief aus einer Kopfwunde über sein Gesicht. Dann erwachte Katharina.

HATTE ES IN DER NACHT geregnet? Katharina wusste es nicht, aber als sie nach dem Erwachen aus dem Fenster sah, entdeckte sie dunkle glänzende Flecken auf dem Asphalt, in denen sich richtige Wolken spiegelten. Nicht die kleinen leichten rosigen Wolken der Tage zuvor, sondern Wolken mit dunklen Rändern, schwer vom Regen. Sie schaute auf den Wecker. Es war halb sechs Uhr morgens.

Katharina duschte, zog sich an, frühstückte in aller Ruhe und verließ die Wohnung. Ihr Wagen, ein alter roter VW-Golf parkte vor dem Gebäude. Sie stieg ein, startete den Motor und fuhr los. Fabians Wohnung befand sich in der Naunynstraße in Südost-Kreuzberg, auch bekannt als SO 36. Die Nummer bezieht sich auf das damalige Zustellpostamt. Neben Neukölln, Friedrichshain, Gesundbrunnen und Prenzlauerberg gehört Kreuzberg zu den sehr dicht besiedelten Ortsteilen Berlins.

Vor allem in der Gründerzeit verfolgte man das Bauprinzip größtmöglicher Grundstücksausnutzung mit einem Vorderhaus, Seitenflügeln und sich anschließend – mit bis zu vier Hinterhäusern. Auch heute wohnen in diesem Mietskasernen bis zu 150 Parteien. Durch häufigen Mieterwechsel ist inzwischen die skurrile Situation entstanden, dass für die langfristig belegten Vorderhauswohnungen teilweise weniger Niete als für die Hinterhauswohnungen gezahlt wird.

Seine überregionale Bekanntheit verdankte Kreuzberg vor allem der bewegten Geschichte in den 1970er und 1980er Jahren als Zentrum der Alternativbewegung und der Hausbesetzerszene. Ab 1987 geriet der Ortsteil regelmäßig durch schwere Straßenschlachten zum 1. Mai in die Schlagzeilen. Ausgangspunkt der Krawalle war meist der Zusammenstoß von Teilnehmern der Mai-Kundgebungen und der Polizei.

Die ursprünglich politische Motivation ist mittlerweile in den Hintergrund getreten. Heute betätigen sich meist Jugendliche bei den Auseinandersetzungen auf der Suche nach Abenteuern.

Fabians Wohnung befand sich in einem Haus, das sich völlig anonym in eine Reihe fast identischer Gebäude einfügte. Katharina parkte ihren Wagen am Bordstein und stieg aus. Sie war einfach und unauffällig gekleidet. Zur langen schwarzen Hose trug sie einen grauen Pullover und darüber einen schlichten Mantel. Sie ging die paar Stufen zum Eingang hinauf.

Im Hausflur war es kühl und feucht. Es roch nach abgestandenen Küchendünsten und selten gereinigten Toiletten. Fabians Wohnung war die Letzte im Parterre. Katharina ging den düsteren Hausflur entlang. Eine der Türen wurde einen Spaltbreit geöffnet. Zu ihrer Überraschung sah Katharina eine splitternackte junge Frau, die sich nicht im geringsten genierte und sie neugierig musterte.

Sie hatte schwarz-braune Haare und große Augen von stark ausgeprägtem spanischen oder südamerikanischen Typ. Katharina setzte ihren Weg fort, ohne die Frau weiter zu beachten. Als sie Fabians Wohnung erreichte, steckte sie den Schlüssel ins Schloss und stieß die Tür auf. Vor ihr befand sich ein kurzer Flur, von dem vier Türen abgingen. Gegenüber dem Eingang lag die Küche. Sie war sehr klein. Außer einem Herd, einer Waschmaschine und einer schmalen Spüle gab es noch einen Kühlschrank.

Neben der Küche befand sich das Badezimmer mit einer Wanne, einer Dusche und der Toilette. Ein alter fleckiger Teppich lag auf dem gefliesten Boden. Der Spiegel über dem Waschbecken war stumpf und hatte in der linken oberen Ecke einen Sprung.

Neben dem Badezimmer lag das Schlafzimmer. Der Raum war sparsam möbliert, ein altmodisches Bett mit hölzernem Kopfende, ein Nachttisch und ein dreitüriger schwarzer Schrank. Das Bett war unbenutzt. An den Wänden hingen Poster und aus Zeitschriften herausgeschnittene Bilder von nackten Frauen. Auf dem Boden neben dem Bett lagen schmutzige Wäschestücke. Der Geruch von Schweißfüßen lag in der Luft.

Katharina öffnete die Schranktüren. Im Inneren gab es fünf Einlegeböden. Der oberste war mit T-Shirts und Pullovern vollgestopft. Im darunterliegenden befanden sich Jeans-Hosen in unterschiedlichen Farben sowie Jacken und Unterwäsche. Der dritte Einlegeboden enthielt Socken. Im vierten und fünften standen Schuhe.

Katharina verließ das Schlafzimmer und betrat den angrenzenden Raum. Auch das Wohnzimmer war nur spärlich möbliert. Ein altes, dunkelblaues Sofa, davor ein niedriger Tisch, eine Kommode mit einem Fernseher, ein Regal mit Büchern, einige vertrocknete Pflanzen und eine Stehlampe. Katharina öffnete die beiden Schubladen der Kommode. Die erste enthielt ein paar Comic-Hefte, eine Fernbedienung, Batterien und drei Nippesfiguren.

In der zweiten lagen ungeöffnete Briefumschläge, ein Papierblock, Bleistifte und mehrere Fotos. Einige waren schon alt und wurden vermutlich Ende der 1970er Jahre aufgenommen. Sie zeigten ein Baby im Kinderwagen, einen Jungen am ersten Schultag, Urlaub mit einer Frau am See und in den Bergen. Es waren die üblichen Touristenfotos vor Schlössern und Burgen, Schnappschüsse aus der Gartenlaube, ein kleines, aber ruhiges normales Leben.

Auf anderen Bildern waren junge Menschen zu sehen, unter anderem auch Fabian. Vier Fotos zeigten ihn mit einer blonden Frau, aber keins von ihnen war beschriftet. Auf einem Bild konnte Katharina den Namen der Kneipe erkennen, in der die Aufnahmen entstanden waren. Sie steckte das Bild in die Jackentasche und setzte ihre Suche noch etwa zehn Minuten fort, ohne sonst noch auf irgendetwas von Interesse zu stoßen.

Was der Kühlschrank zu bieten hatte, war auch nicht gerade einladend. Auf jeden Fall erweckte die Wohnung nicht den Anschein, als wäre Fabian seit einer Woche noch einmal hier gewesen. Anstatt einiger Antworten hatte Katharina nur noch mehr Fragen am Hals.

„WILLY‘S KNEIPE" STAND in schwarzen Buchstaben über dem Eingang. Von außen machte das Gebäude einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck. An einigen Stellen blätterte der Putz ab. Die Fensterscheiben waren schon seit Jahren nicht mehr geputzt worden und die Stufen vor dem Eingang wiesen einige Löcher auf.

Den Innenraum konnte man auch nicht als schön bezeichnen. Das Mobiliar bestand aus wackligen Stühlen und Tischen. An der rechten Wand hingen zwei Spielautomaten. Die Theke bestand aus dunklem Holz. An der unteren Seite verlief eine Messingstange.

Ein dicker Mann mit rotem Gesicht stand hinter dem Tresen und füllte einige Glasschalen mit Erdnüssen. Als Katharina eintrat, musterte er sie misstrauisch. Die Detektivin schaute sich um. Es war nicht viel Betrieb um diese Zeit. Nur drei Gäste saßen an einem der Tische, zwei Männer und eine Frau. Sie blickten Katharina kurz an und widmeten sich dann wieder ihrem Kartenspiel.

Es roch nach Bier und kaltem Bratenfett. Katharina trat an den Tresen, holte das Foto hervor und zeigte es dem Wirt.

„Könnten Sie mir wohl sagen, wo ich diese Frau finde?"

Die Augen des Mannes waren plötzlich umschleiert. Er zuckte mit den Schultern und murmelte etwas Unverständliches. Katharinas Lippen wurden schmal.

„Ich habe Ihnen eine Frage gestellt."

Der Wirt drehte sich weg, ging die Bar hinunter und kehrte mit einem Stapel Gläser zurück. Im Übrigen tat er so, als sei die Frau Luft für ihn. Als er vorbeikam, schoss Katharinas linke Hand vor, erwischte ihn am Arm und hielt ihn fest.

„Ich suche diese Frau. Wo kann ich sie finden?"

Katharina ließ ihn los und der Wirt stellte die Gläser auf den Tresen.

„Weiß ich nicht", sagte er.

„Aber das Foto wurde doch hier in der Kneipe aufgenommen."

„Na und?"

„Bitte, es ist sehr wichtig. Ich muss diese Frau finden."

„Ist doch nicht mein Problem."

„Der junge Mann auf dem Foto ist verschwunden. Er heißt Fabian Joswig. Sein Vater ... sein Stiefvater macht sich große Sorgen und hat mich beauftragt, ihn zu suchen."

„Sind Sie etwa von der Polizei?" fragte der Wirt vorsichtig.

„Nein, ich bin Privatdetektivin."

„Dann muss ich Ihnen gar nichts sagen."

„Stimmt, entgegnete Katharina. „Aber Sie würden mir wirklich helfen. Ich bezahle auch für die Information.

Der Wirt erwachte aus seiner Lethargie. „Wie viel?"

„Zwanzig."

Der Mann schüttelte den Kopf. „Dreißig."

„Wie wär‘s mit fünfundzwanzig?" bot Katharina an.

Er überlegte einen Moment. „Okay, sagte er schließlich. „Fünfundzwanzig.

Katharina holte ihre Geldbörse hervor, entnahm ihr fünfundzwanzig D-Mark und legte sie auf den Tresen. Sofort wollte der Wirt danach greifen, doch sie zog die Scheine wieder zurück.

„Erst will ich den Namen wissen."

„Sie heißt Stefanie Unger."

„Können Sie mir auch sagen, wo sie wohnt?"

„Gleich hier um die Ecke. Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter. „Nummer 39.

Katharina gab ihm das Geld, verließ die Kneipe und bog um die Ecke. Nach wenigen Minuten hatte sie ihr Ziel erreicht.

VON AUSSEN MACHTE DAS Haus einen gepflegten Eindruck. Katharina drückte auf die Klingel und lauschte dem leisen, entfernten Läuten. Nichts geschah. Sie drückte weiter auf den Klingelknopf, aber es geschah immer noch nichts. War Stefanie Unger zu Hause und meldete sich nur nicht? Oder war sie unterwegs? Katharina ging einige Schritte rückwärts und blickte an der Hausfront empor. Hinter keinem der Fenster konnte sie eine Bewegung ausmachen.

Sie wandte sich ab und schlenderte ziellos die Straße entlang, bis sie einen Imbiss fand. Dort bestellte sie einen Kaffee und überlegte. Warum war Fabian einfach verschwunden, ohne seinem Stiefvater oder seiner Mutter eine Nachricht zukommen zu lassen? Wollte er nicht? Oder konnte er nicht? Steckte er vielleicht in Schwierigkeiten? Die Möglichkeit war nicht von der Hand zu weisen.

Natürlich konnte auch ein vollkommen harmloser Grund dahinterstecken. Vielleicht war er mit seiner Freundin unterwegs. Das würde zumindest erklären, warum sie nicht die Tür öffnete. Katharina schüttelte den Kopf. Sie kannte Fabian nicht gut genug, um irgendwelche Vermutungen anzustellen. Im Grunde genommen kannte sie ihn überhaupt nicht. Und deshalb war es auch unmöglich, sein Verhalten einzuschätzen.

Sie seufzte und leerte ihre Kaffeetasse. Dann blickte sie auf ihre Armbanduhr. Während ihres Aufenthalts in dem Imbiss waren kaum mehr als zwanzig Minuten vergangen. Sie beschloss, noch einmal bei Stefanie zu klingeln. Schließlich war sie bereits an Ort und Stelle. Sollte wieder niemand öffnen, musste sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal versuchen.

KATHARINA DRÜCKTE AUF den Klingelknopf und läutete unverdrossen weiter, auch als sich zunächst nichts rührte. Schließlich wurde ihre Ausdauer belohnt. Der Öffner summte. Sie griff nach der Tür, ging die Treppe hinauf und in den Flur. Dann öffnete sich eine der zahlreichen Türen einen Spaltbreit und Katharina wurde von einem blinzelnden Auge und zwei Nasenlöchern begrüßt.

„Ja?"

„Stefanie Unger? Ich möchte Sie gerne sprechen."

Die Tür wurde ganz geöffnet. Eine Frau erschien. Sie war schlank und blond. Katharina schätzte sie auf Anfang zwanzig. Während der nächsten zehn Jahre würde sie unweigerlich aus dem Leim gehen. Frauen ihres Typs konnten eine Zeitlang einen verführerischen Reiz ausstrahlen, danach aber alterten sie schnell und verloren ihren Charme.

„Falls Sie mir eine Versicherung andrehen wollen oder die Absicht haben, Staubsauger, Waschmaschinen oder Geschirrspüler vorzuführen, gehen Sie am besten gleich wieder, ohne ein Wort gesagt zu haben."

„Keine Sorge, erwiderte Katharina lächelnd. „Ich verkaufe nichts dergleichen. Ich bin Privatdetektivin.

Stefanie runzelte die Stirn. „Privatdetektivin?" wiederholte sie ungläubig.

„Ja. Kann ich Sie einen Moment sprechen?"

„Worum geht es denn?"

„Um Fabian Joswig."

„Fabian? fragte sie verblüfft. „Hat er schon wieder irgendwas angestellt?

„Sollte er denn?"

„Ich weiß nicht ..."

„Fabian ist verschwunden. Sein Vater hat mich beauftragt, ihn zu suchen."

„Na, dann viel Glück."

Sie wollte die Tür schließen, doch Katharina hinderte sie daran, indem sie ihren Fuß dazwischen stellte.

„Es dauert nur ein paar Minuten", sagte die Detektivin.

„Wie sind Sie eigentlich auf mich gekommen?"

„Durch ein Foto, auf dem Sie und Fabian zu sehen sind."

Stefanie überlegte einen Moment. Dann trat sie zur Seite und gab den Eingang frei. Das Zimmer, in das sie Katharina führte, war sauber und ordentlich aufgeräumt. Sie deutete auf eine Sesselgruppe, die um einen niedrigen Tisch aufgebaut war. Die Detektivin setzte sich mit dem Rücken zum Fenster und zwang sie, selbst so Platz zu nehmen, dass sich ihr Gesicht im Licht befand. Es war ein dezent zurechtgemachtes, sehr hübsches, aber nicht sonderlich intelligentes Gesicht.

„Fabian ist also verschwunden", sagte Stefanie. Ihre Stimme hatte plötzlich einen harten Unterton.

„Ja, bestätigte Katharina. „Wissen Sie vielleicht, wo er sich aufhalten könnte?

„Warum sollte ich?"

„Na, immerhin sind Sie seine Freundin."

Ihr Gesicht verzerrte sich. „Ich war seine Freundin", entgegnete sie schroff.

„Was ist passiert?"

„Wir haben uns getrennt, ganz einfach."

„Hat er eine andere Freundin?"

„Ja."

„Wen?"

„Irgend so eine billige Schlampe. Weiß der Teufel, was er an ihr findet."

„Kennen Sie ihren Namen?"

„Matzke, Julia Matzke."

„Hat Fabian die Beziehung beendet, oder Sie?"

„Fabian."

„Gab es dafür einen bestimmten Grund?"

„Einen Grund?" fragte Stefanie.

„Na ja, ich meine, ob Sie sich gestritten haben?"

„Natürlich haben wir uns gestritten. Aber erst, als ich erfahren hatte, dass er mit dieser dreckigen Schlampe was laufen hat. Da habe ich ihn vor die Wahl gestellt: sie oder ich."

„Und er hat sich für die andere entschieden."

„Na und? entgegnete sie trotzig. „Ist mir doch egal. Wenn er‘s unbedingt so haben will. Ganz ehrlich, ich weine diesem Typen keine Träne nach. Der ist ‘nen Verlierer. Die ganze Zeit, in der wir zusammen waren, hat er nichts auf die Reihe gekriegt. Der wird es nie zu etwas bringen. Ich bin froh, dass ich den Kerl los bin.

Sie warf einen prüfenden Blick auf ihre rot lackierten Fingernägel.

„Mein neuer Freund will Anwalt werden. Das ist wenigstens etwas Vernünftiges."

„Aber man verlässt doch nicht so ohne Weiteres seine Freundin und sucht sich eine andere", gab Katharina zu bedenken.

„Glauben Sie etwa, ich lüge?"

„Nein, ich wundere mich nur ..."

„Was glauben Sie, wie ich mich gewundert habe."

„Wo hat er diese Julia denn kennengelernt?"

„In unserer Stammkneipe. Bei Willy. Sie hat sich ihm doch förmlich an den Hals geworfen. Ein bisschen mit dem Arsch gewackelt, die Titten präsentiert ... wie die das halt so machen."

„Die? fragte Katharina. „Wen meinen Sie damit?

„Na, diese Asozialen. Die gammeln den ganzen Tag herum, haben keinen Job und leben auf Staatskosten."

„Aber Sie gehören natürlich nicht zu denen", sagte Katharina ironisch.

„Selbstverständlich nicht, entgegnete Stefanie schnippisch. „Ich habe einen Job.

„Waren Sie dabei, als sich diese Julia an Fabian herangemacht hat?"

„Nein. Glauben Sie vielleicht, ich hätte das zugelassen?"

„Vermutlich nicht."

„Da können Sie Gift drauf nehmen. Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Aber mittlerweile bin ich froh, dass es so gekommen ist. Ich brauche diesen Scheißkerl nicht. Soll er doch mit dieser Schlampe glücklich werden. Ich will im Leben noch was erreichen, und da sind solche Typen nur hinderlich.

Katharina wusste nicht, ob es nur verletzter Stolz war, oder ob diese arrogante Art zu ihrem Charakter gehörte. Auf jeden Fall wurde ihr die junge Frau von Minute zu Minute unsympathischer. Und sie konnte auch verstehen, warum es Fabian so leicht gefallen war, sich von ihr zu trennen.

„Können Sie mir sonst noch was über diese Julia erzählen?"

„Ich sagte doch schon, dass sie ‘ne Asoziale ist. Wohnt da mit so einer kleinen Fetten und ‘nem anderen Typen zusammen. Wahrscheinlich darf jeder über jeden drüberrutschen. Abermals betrachtete sie ihre Fingernägel. „Na, mir soll‘s egal sein.

„Und Sie haben Fabian seitdem nicht mehr gesehen?"

„Nein."

„Auch nicht in der Kneipe?"

„Da geh ich nicht mehr hin."

„Warum nicht? Wollen Sie ihm nicht mehr begegnen?"

„Ich sagte doch, dass ich einen neuen Freund habe. Er lädt mich in ansprechende Lokale ein, und nicht in solche ... solche ..." Sie suchte nach dem richtigen Wort.

„Spelunke", kam Katharina ihr zur Hilfe.

„Genau, Spelunke. Früher war das ein richtig gemütlicher Laden, aber heute treibt sich da nur noch dieses Pack herum."

„Und Sie können sich wirklich keinen Grund vorstellen, warum Fabian verschwunden ist?"

„Nein, antwortete sie hastig. „Und es interessiert mich auch nicht. Ich habe mit dem Teil meines Lebens abgeschlossen. Ich will von ihm nichts mehr hören, geschweige denn sehen.

„In welcher Straße wohnt diese Julia?"

„Edinburger Straße 19. Im Wedding. Ehrlich, das ist ‘nen richtiges Dreckloch."

„Waren Sie mal da?"

„Ja klar. Ich wollte wissen, warum er diese Hütte dem hier vorzieht."

Sie breitete die Arme aus.

Katharina stellte ihr noch einige unverfängliche Fragen, aber es gelang ihr nicht, sie in Widersprüche zu verwickeln. Stefanie erhob sich und deutete damit an, dass die Audienz, die sie der Detektivin bewilligt hatte, beendet sei. Katharina verließ das Gebäude und ging zu ihrem Wagen. Mittlerweile war ihr bewusst geworden, dass sie diesen Fall nur mit der „Lucki-Lucki-Methode" lösen konnte.

Das bedeutete, dass sie von einer Adresse zur nächsten fahren musste. Dann redete sie mit vielen Leuten, redete mit den meisten von ihnen ein zweites oder drittes Mal, hörte zu, beobachtete, bis sie schließlich durchblickte. Der Name für diese Ermittlungsmethode stammte von Katharinas Vetter, einem Pastor. In einer Predigt hatte er einmal gesagt, dass Gott immer alles erfährt, „denn Gott macht immer Lucki-Lucki".

WEDDING GEHÖRTE NICHT gerade zu den vornehmsten Ortsteilen von Berlin. Das Straßenbild wurde größtenteils durch Altbauten mit Hinterhäusern aus der Gründerzeit und Wohnsiedlungen des Neuen Wohnens der 1920er bis 1950er Jahre geprägt. Während ihrer Tätigkeit bei der Polizei war Katharina schon oft mit der Armut in Berührung gekommen, und das Elend hatte überall das gleiche Gesicht.

Verkommene Häuser, dazwischen brachliegendes Land, von Unkraut überwuchert. Abrissruinen mit zerschlagenen Fenstern, die wie tote Augen in den Mauern wirkten, demolierte Autos, einige von ihnen bis auf die Karosserie ausgeschlachtet. In der Edinburger Straße sah Katharina einen Mann, der auf einer Kiste stand und inmitten einer Menschenmenge eine Ansprache hielt. Was er sagte, konnte sie nicht genau verstehen, aber offenbar hatte es etwas mit dem Ende der Welt zu tun.

Der Mann trug einen grauen, schmutzigen Kaftan. Sein Haar und sein Vollbart wirkten ungepflegt. Er gestikulierte wild mit den Armen, deutete mehrmals zum Himmel und auf den Boden. Seine Stimme wurde mal laut, dann wieder leise. Er wirkte fast wie ein Prophet, der seine Botschaft verkündete. Die Berliner Polizei hatte Anweisung, solche Versammlungen aufzulösen, weil sie häufig die Keimzelle größerer Krawalle waren. Aber weit und breit war keine Polizeistreife zu sehen.

Katharina musste sich anstrengen, um die verwaschene Nummer an der schmutzigen Hauswand zu erkennen. Der Vorgarten von Nummer 19 war mit Unrat übersät. Wäsche hing aus einigen Fenstern und Kinder spielten lärmend mit einem Fußball. Ihr Anblick rief in Katharina alte Erinnerungen hervor, Erinnerungen an ihre eigene Kindheit in Frankfurt-Altrödelheim.

Fast jeden Morgen bekam sie von ihrer Mutter Schläge, weil sie ins Bett gemacht hatte. Katharina schaffte es nie, rechtzeitig aufzuwachen, außer, wenn Luftalarm war. Das Mädchen blieb meistens sich selbst überlassen. Ihre Mutter arbeitete – kriegsdienstverpflichtet – täglich zwölf Stunden in einer Tachometerfabrik. Der Vater war schon ein paar Jahre zuvor an der Weichselmündung gefallen.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Katharina von ihrer Mutter zu Verwandten ihres Vaters in einen dörflichen Kramladen an der Donau geschickt. Bald darauf starb die Mutter in der Rödelheimer Zwei-Zimmer-Wohnung durch eine Luftmine. Die Besitzer des Kramladens konnten nichts mit dem Kind anfangen und gaben es in ein protestantisches Kinderheim bei Dillingen.

Katharina fühlte sich ausgesetzt und verlassen. Zu den gleichaltrigen Kindern hatte sie kaum Kontakt, schon gar nicht zu den Erzieherinnen. Jedes Mal, wenn sie ins Bett gemacht hatte, bekam sie neue Strafen, erhielt keine Süßigkeiten aus den Care-Paketen, musste neue Demütigungen ertragen, und alle Strophen von „Befehl Du Deine Wege" auswendig lernen. Aus Angst, den Choral am nächsten Morgen nicht fehlerfrei aufsagen zu können, machte sie jedoch wieder ins Bett. Dabei mochte sie Choräle.

In einem langen Sommer stand sie zwei- bis dreimal schon um vier Uhr heimlich auf, damit die anderen Kinder im Schlafsaal nicht wach wurden, um das Betttuch heimlich im Waschraum zu säubern. Dann hängte sie es zwei Stunden aus dem Fenster in die Morgensonne, damit es schneller trocknete. Aber meistens wurde sie dabei erwischt. Doch Katharina fühlte sich in solchen Augenblicken nicht hilflos. Im Gegenteil.

Sie widersetzte sich mit jeder gelernten Choralstrophe dem Choral, den Schwestern, den hämisch grinsenden Kindern und dem Heim. Sie wandte sich den jüngeren Kindern zu, die noch hilfloser waren als sie, den verlorengegangenen Kriegs- und Nachkriegskindern, den Krämpfern und den Bettnässern.

Als sie Jahre später in einem anderen Pflegeheim in Süddeutschland als Erzieherin arbeitete, wurde sie von den erfahrenen Kolleginnen angehalten, sich Autorität zu verschaffen und für Disziplin unter den Kindern zu sorgen. In diesem Moment fühlte sie wieder diese Hilflosigkeit. Wenig später wurde sie entlassen, weil die Heimleiterin eines Sonntagmorgens den nackten Ruedi Scheidt in Katharinas Bett fand, wie er sich verlegen am Sack kratzte.

Jahre später arbeitete sie wieder als Erzieherin, abermals Jahre später in der Jugendabteilung der Kriminalpolizei. Überall stieß sie auf Kinder, die herumgeschubst oder misshandelt wurden – von degenerierten Ungeheuern, Säufern, wohlanständigen Bürgern oder geltungssüchtigen, stumpfen Eltern. Natürlich wühlten Gewalttaten an Kindern die Seele der Öffentlichkeit ungeheuer auf, und immer wieder entflammte sich daran die Diskussion über die Wiedereinführung der Todesstrafe, doch Katharina wusste auch, dass dadurch nichts gewonnen war und eine Tat nicht ungeschehen gemacht werden konnte.

Einige dieser misshandelten Kinder wurden später selbst zu Tätern. Doch was sollte man unternehmen? Wie konnte man in Fällen geistiger Instabilität oder psychischen Störungen eingreifen, ehe es zu spät war? Katharina wusste darauf keine befriedigende Antwort. Inzwischen war die Verfolgung von Straftaten zum vorrangigen Übungsziel von Ordnung und Disziplin geworden. Die Familie hatte man dabei nicht mehr im Blickfeld. Gesellschaftlich war das eine gefährliche Entwicklung, denn bis die Polizei eingreifen konnte, war es meist längst zu spät, um noch etwas zu ändern.

Natürlich gab es auch immer wieder Forderungen, dass sich die Schulen und Lehrer dem Problem annehmen sollten. Aber machte es wirklich Sinn, ein Kind für sieben oder acht Stunden aus seinen bedrückenden Verhältnissen herauszuholen und zu versuchen, sein Verhalten zu ändern? So etwas konnte gelingen – oder auch nicht.

Entscheidend war, dass man Kindern, die im späteren Leben gefährlich werden konnten, früh genug eine Betreuung zuteil werden ließ. Dadurch konnte man schon viel Positives bewirken. Anstatt immer mehr Polizeibeamte einzustellen, wäre es vermutlich sinnvoller, mehr Stellen für Sozialarbeiter zu schaffen, die sich um vernachlässigte Kinder und misshandelte Frauen kümmerten. Vielleicht war das nicht die Lösung aller Probleme, aber es war auf jeden Fall ein guter Anfang.

Während ihrer Zeit bei der Mordkommission wurde Katharina mit einem Fall konfrontiert, der ihr noch viele Jahre im Gedächtnis geblieben war. Drei Jungen zwischen dreizehn und fünfzehn hatten den Wohnwagen eines alten Mannes angezündet. Er war ein stadtbekannter Alkoholiker, ein Mann ohne Familie.

Mit Benzin und Streichhölzern bewaffnet schlichen sie eines Abends zu seinem Wohnwagen. Und als sie wieder von dem qualmenden Scheiterhaufen fortrannten, folgten ihnen die Schreie des sterbenden alten Mannes. Was Katharina am meisten schockierte, war die Tatsache, dass diese Jugendlichen keine Reue empfanden. Für sie war der Mann nur ein nutzloser Penner und sein Tod ein Akt der Gnade.

Bei dem Verhör sagten sie später, dass sie ihn nur von seinem Leiden erlösen wollten, wie einen kranken Hund. Noch Wochen später war Katharina an der Stelle vorbeigegangen, wo der alte Mann seinen Wohnwagen hatte. Sie konnte sehen, wo das Feuer gewesen war. Der Rahmen des Wohnwagens stand noch da. Man räumte ihn schließlich weg, als das Einkaufszentrum gebaut wurde.

Eine Jugendstrafkammer hatte sich der Sache angenommen. Die drei Täter wurden wegen Mordes angeklagt. Da sie aufgrund ihres Alters unter das Jugendstrafrecht fielen, bekamen sie nur sehr milde Strafen. Doch jedes Mal, wenn Katharina an der Stelle vorbeikam, dachte sie an den Mann, der da gestorben war. Menschen handeln. Die Handlung mochte in wenigen Sekunden erledigt sein. Aber die Nachwirkungen leben im Bewusstsein weiter.

Vielleicht für immer.

DIE EINGANGSTÜR HÄTTE vermutlich abgeschlossen sein sollen, aber das Türschloss hatte längst aufgegeben, irgendjemanden vom Betreten des Gebäudes abzuhalten. Katharina ging in das Treppenhaus, in dem es erbärmlich stank. Die Wände waren farbenfroh mit Graffitis und obszönen Schmierereien übersät. Das war jedoch nicht weiter schlimm, da man im Treppenhaus nicht viel davon sah.

Der Besitzer hatte offenbar die Devise ausgegeben, ausgebrannte Glühbirnen auf keinen Fall zu ersetzen. Entsprechend hatte sich die Decke des Treppenhauses zu einem Friedhof geschwärzter Birnen gemausert, in dem nur noch ein paar besonders hartnäckige und massiv verstaubte Lichtquellen erbittert ums Überleben kämpften. Das ganze Gebäude war dringend renovierungsbedürftig, doch niemand schien daran ein Interesse zu haben.

Die Stufen knarrten bei jedem Schritt. Im zweiten Stock passierte sie die Quelle des Gestanks – eine offene Wohnungstür, in der sich ein vermutlich Besoffener ausgekotzt hatte. Als sie im vierten Stock ankam, sah sie sich kurz um. Von dem Treppenabsatz führte ein langer Flur geradeaus. Sie schritt die einzelnen Wohnungen ab, bis sie die gesuchte gefunden hatte. Von der ehemals grün gestrichenen Tür blätterte die Farbe ab. Eine schmutzige Karte war mit Tesafilm daran befestigt: Sander, Matzke, Lindemann und Batke.

Eine Klingel gab es nicht. Katharina klopfte und wartete. Doch nichts rührte sich. Niemand kam zur Tür. Sie wiederholte das Klopfen, diesmal etwas heftiger. Noch immer rührte sich nichts. Aber sie spürte, dass jemand in der Wohnung war. Im nächsten Moment erhielt sie dafür die Bestätigung. Schritte ertönten. Knarrend öffnete sich die Tür. Ein junger Mann mit fettigen, langen Haaren erschien in der Öffnung. Er warf einen forschenden Blick auf Katharina. Seine Augen hatten einen fast fiebrig anmutenden Glanz.

„Ja?" fragte er.

„Ich suche Julia Matzke."

„Wohnt hier nicht."

Er wollte die Tür wieder schließen, doch Katharina war schneller und stellte rasch ihren Fuß dazwischen.

„Ich habe etwas anderes gehört."

„Ach ja?"

„Ja."

Er musterte sie eindringlich, dann wandte er den Kopf und rief in die Wohnung: „He, Jule, deine Mutter ist hier."

„Ich bin nicht Ihre Mutter" entgegnete Katharina.

„Sozialamt?" fragte der junge Mann.

„Auch nicht."

Er betrachtete sie noch eine Weile, dann wandte er abermals den Kopf und rief: „Jule, nun komm endlich her!"

„Halt die Klappe, Marco. Ich sitze auf‘m Pott, entgegnete eine dumpfe Mädchenstimme. „Und nenn mich nicht Jule. Ich heiße Julia.

„Könnte ich vielleicht drinnen warten?" fragte Katharina und zog ihren Fuß zurück, weil sie fühlte, dass er sie nicht länger als Feindin betrachtete.

„Na, schön, wenn‘s denn sein muss."

Der junge Mann gab die Tür frei und ließ Katharina eintreten. Das erste, was ihr auffiel, war der süßliche Geruch, der in der Luft hing.

Zwei weitere Leute befanden sich in der schäbigen kleinen Wohnung. Einer war ein junger, dunkelhaariger Mann, die andere eine stämmige Frau Anfang Zwanzig. Im Gegensatz zu den beiden Männern trug sie ihr Haar kurz. Ihre Nase war breit und knollig. Ihr Oberkörper schien ohne Taille in die Hüften überzugehen. Alle drei trugen abgewetzte Kleidung.

Der junge Mann schloss die Tür und schlurfte ins Zimmer wie jemand, der Bleischuhe trägt, aber Katharina beging nicht den Fehler, daraus auf Unbeweglichkeit zu schließen. Er setzte sich auf einen abgewetzten Stuhl. Die Arme ließ er an den Seiten herabbaumeln. Es sah aus, als wüsste er nicht so recht, was er mit ihnen anfangen sollte. Das Fernsehgerät lief mit abgedrehtem Ton. Musikvideos flimmerten über den Bildschirm. Die beiden anderen jungen Leuten saßen an einem alten braunen Tisch, auf dem einige gefüllte Gläser standen. Daneben lagen drei Joints.

„He, du, sagte die junge Frau. „Hast du vielleicht mal ‘nen Zehner übrig?

Katharina sah sie misstrauisch an. „Nein."

„Schade, wir sind nämlich Pleite."

„Kann vorkommen."

Sie musterte Katharina von oben bis unten. Die kleinen Schweinsaugen in ihrem rundlichen Gesicht hatten etwas beunruhigendes, Waches, Durchdringendes. Sie gab sich sehr selbstsicher.

Was machst‘n so?" fragte sie nach einer Weile.

„Ich arbeite."

Die junge Frau verzog das Gesicht. „Ist ja ätzend. Sie hob Katharina das Glas entgegen. „Nimmst du auch einen?

„Nein, vielen Dank."

In einem der Nebenräume rauschte eine Toilettenspülung. Eine Tür wurde geöffnet und eine etwa achtzehnjährige Frau mit strähnigen, violetten Haaren kam heraus. Sie trug einen Minirock, der kaum das Nötigste bedeckte. Ihre Brüste zeichneten sich frei unter dem Pullover ab.

„Sie sind nicht meine Mutter", sagte sie bei Katharinas Anblick.

„Das habe ich auch nicht behauptet."

Julia starrte zu dem jungen Mann hinüber. „Du Arschloch!"

„Ach, leck mich", entgegnete er.

„Mein Name ist Ledermacher, sagte Katharina. „Ich bin Privatdetektivin.

Der junge Mann am Tisch geriet plötzlich in Panik. Er griff nach den Joints und steckte sie hastig in seine Hosentasche.

„Nur die Ruhe, entgegnete Katharina. „Es geht nicht darum. Ich suche jemanden. Sein Name ist Fabian Joswig.

„Der ist nicht hier", antwortete Julia.

„Hab‘ ich ihr auch schon gesagt", mischte sich der junge Mann im Sessel ein.

„Und seit wann ist er verschwunden?" wollte Katharina wissen.

Julia zuckte gelangweilt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Seit ein paar Tagen."

„Und er hat nicht gesagt, wo er hingeht?"

„Nö."

„Aber du bist doch seine Freundin."

„Na und?"

„Interessiert es dich nicht, wo er sich gerade aufhält?"

„Ach, der kommt schon wieder."

„Ist er vielleicht bei einem Freund?"

Abermals zuckte sie mit den Schultern. „Weiß ich nicht."

„Er muss doch irgendetwas gesagt haben", forschte Katharina weiter.

„Hat er aber nicht."

Katharina sah ein, dass sie so nicht weiterkam. Vielleicht hatten die drei wirklich keine Ahnung, wo sich Fabian aufhielt, oder sie wollten es nicht sagen. Sie klappte ihre Handtasche auf, zog einen kleinen Notizblock heraus und schrieb ihre Telefonnummer auf das obere Blatt.

„Falls dir

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