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Thriller Paket für den Urlaub 2019: Grenzenlose Mordgier und andere Krimis: 1793 Seiten Spannung

Thriller Paket für den Urlaub 2019: Grenzenlose Mordgier und andere Krimis: 1793 Seiten Spannung

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Thriller Paket für den Urlaub 2019: Grenzenlose Mordgier und andere Krimis: 1793 Seiten Spannung

Länge:
2,333 Seiten
25 Stunden
Freigegeben:
Nov 25, 2019
ISBN:
9781386710370
Format:
Buch

Beschreibung

Thriller Paket für den Urlaub 2019: Grenzenlose Mordgier und andere Krimis: 1793 Seiten Spannung

Krimis von Alfred Bekker, Thomas West, Al Frederic, Franc Helgath, Horst Bieber, Horst Bosetzky (alias -ky)

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält die Krimis:

Horst Bosetzky (-ky): Archibald Duggan und der Bleistift mit der Todesschrift

Horst Bieber: Ein geduldiger Jäger findet sein Ziel

Alfred Bekker: Schweigen ist Silber, Rache ist Gold

Alfred Bekker: Die Waffe

Al Frederic: Todeskreis Taiwan

Franc Helgath: Drei Tage Frist

Franc Helgath: Bluthochzeit in Hoboken

Thomas West: Ein Bankraub zuviel.

Thomas West: Tödliche Habgier

Thomas West: Grenzenlose Mordgier

Franc Helgath: Liebe auf Russisch

Franc Helgath: Die Sekte der Verlorenen

Alfred Bekker: Der Brooklyn-Killer

Alfred Bekker: Die Waffe des Skorpions

Alfred Bekker: Auftrag für einen Schnüffler

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Freigegeben:
Nov 25, 2019
ISBN:
9781386710370
Format:
Buch

Über den Autor

Über Alfred Bekker: Wenn ein Junge den Namen „Der die Elben versteht“ (Alfred) erhält und in einem Jahr des Drachen (1964) an einem Sonntag geboren wird, ist sein Schicksal vorherbestimmt: Er muss Fantasy-Autor werden!  Dass er später ein bislang über 30 Bücher umfassendes Fantasy-Universum um  “Das Reich der Elben” schuf, erscheint da nur logisch. Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten und wurde Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen.   Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', ‘Ragnar der Wikinger’,  'Da Vincis Fälle - die mysteriösen Abenteuer des jungen Leonardo’', 'Elbenkinder', 'Die wilden Orks', ‘Zwergenkinder’, ‘Elvany’, ‘Fußball-Internat’, ‘Mein Freund Tutenchamun’, ‘Drachenkinder’ und andere mehr  entwickelte. Seine Fantasy-Zyklen um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' ,die 'Gorian'-Trilogie, und die Halblinge-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt.  Alfred Bekker benutzte auch die Pseudonyme Neal Chadwick,  Henry Rohmer, Adrian Leschek, Brian Carisi, Leslie Garber, Robert Gruber, Chris Heller und Jack Raymond. Als Janet Farell verfasste er die meisten Romane der romantischen Gruselserie Jessica Bannister. Historische Romane schrieb er unter den Namen Jonas Herlin und Conny Walden.  Einige Gruselromane für Teenager verfasste er als John Devlin. Seine Romane erschienen u.a. bei Lyx, Blanvalet, BVK, Goldmann,, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt., darunter Englisch, Niederländisch, Dänisch, Türkisch, Indonesisch, Polnisch, Vietnamesisch, Finnisch, Bulgarisch und Polnisch.


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Thriller Paket für den Urlaub 2019 - Alfred Bekker

Publisher

Thriller Paket für den Urlaub 2019: Grenzenlose Mordgier und andere Krimis: 1793 Seiten Spannung

Krimis von Alfred Bekker, Thomas West, Al Frederic, Franc Helgath, Horst Bieber, Horst Bosetzky (alias -ky)

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält die Krimis:

Horst Bosetzky (-ky): Archibald Duggan und der Bleistift mit der Todesschrift

Horst Bieber: Ein geduldiger Jäger findet sein Ziel

Alfred Bekker: Schweigen ist Silber, Rache ist Gold

Alfred Bekker: Die Waffe

Al Frederic: Todeskreis Taiwan

Franc Helgath: Drei Tage Frist

Franc Helgath: Bluthochzeit in Hoboken

Thomas West: Ein Bankraub zuviel.

Thomas West: Tödliche Habgier

Thomas West: Grenzenlose Mordgier

Franc Helgath: Liebe auf Russisch

Franc Helgath: Die Sekte der Verlorenen

Alfred Bekker: Der Brooklyn-Killer

Alfred Bekker: Die Waffe des Skorpions

Alfred Bekker: Auftrag für einen Schnüffler

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Archibald Duggan und der Bleistift mit der Todesschrift

Krimi von Horst Bosetzky

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

Durch den Tod einer Frau, die glaubte, den Chef eines Spionagerings erpressen zu können, gelangt Archibald Duggan in den Besitz eines Mikrofilms. Was darauf enthalten ist, kann jedoch nur ein Spezialist für indigene Sprachen entziffern. Der wird ebenfalls getötet – nur ein einziger Mensch auf der Welt scheint jetzt noch helfen zu können. Der aber befindet sich irgendwo am Amazonas. Die Suche nach diesem Mann wird zu einem Wettlauf mit dem Tod für den CIA-Agenten, denn die andere Seite will die Entschlüsselung des brisanten Dokuments um jeden Preis verhindern.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Es war kein Abend, um einen Mord zu begehen. Doch der Mann, der in diesem Augenblick ein volles Magazin in seine 7,65er Walther-Pistole schob, hielt nichts von solchen Überlegungen, Er war in der grünen Hölle des Amazonas aufgewachsen und fühlte sich in den Straßenschluchten New Yorks wie in einem Dschungel. Dieser Abend schien ihm der richtige Zeitpunkt zu sein, um dem Chef einen Gefallen zu tun.

Cindy Taylor aber glaubte immer noch, der Chef würde auf ihr kleines Spielchen eingehen. Was waren für diesen Mann, der Millionen zur Verfügung hatte, schon lumpige fünftausend Dollar?

Cindy schaute sich nach allen Seiten um. Aber niemand folgte ihr. Sie verließ den breiten und belebten Queens Boulevard und bog in eine kleine Nebenstraße ein, die direkt am New Calvary Cemetery, dem ausgedehnten Friedhof im Herzen des Stadtteils Queens, entlangführte.

Die Straße war schlecht beleuchtet. Aber das konnte ihr nur recht sein. Links von ihr ragte die ziegelrote Friedhofsmauer auf. Grillen zirpten. Der aufziehende Mond tauchte die Wipfel der alten Linden in sein fahles, silbernes Licht. Ein Käuzchen schrie irgendwo.

Cindy spürte die Gänsehaut auf ihren Armen, aber noch hatte sie ihre Nerven unter Kontrolle. Sie begann sich einzureden, dass dies alles nur ein Traum sei, den man jederzeit verdrängen konnte.

Sie beschleunigte ihre Schritte. Die hohen Absätze klapperten auf dem Asphalt. Von der Friedhofsmauer hallte es zurück. Wenn bloß erst alles vorbei wäre, dachte sie.

Dann erreichte sie endlich den kleinen Schrottplatz, den sie dem Chef so genau bezeichnet hatte. Vor ihr türmten sich verrostete und ausgeschlachtete Autowracks. Ein gespenstisches Bild. Der Wind, der vom Atlantik her wehte, ließ ein paar Türen in den Angeln quietschen.

Cindy Taylor zuckte zusammen. Hockte da irgendwo in einer verbeulten Karosserie einer der Killer des Chefs? Stand sie auf der Abschussliste? Unsinn, sagte sie sich, einen Mord konnten sich die Männer des Spionageringes nicht leisten. Damit taten sie ihren revolutionären Freunden drüben in Südamerika keinen Gefallen.

Doch unwillkürlich schlug ihr Herz jetzt schneller. Sie spürte, wie ihre Fingerspitzen zitterten. Solche Angst hatte sie noch nie gekannt. Aber das Mittel, das sie sich vorhin in den Arm gespritzt hatte, half ihr weiter. Sie hetzte auf den schwarzen Chevrolet zu, der gleich links neben der weißgetünchten Holzbude des Platzbesitzers stand.

Jetzt hatte sie den Wagen erreicht. Die Türen waren herausgerissen, sie hatte keine Mühe, das Handschuhfach zu erreichen. Schon schossen ihre Finger auf das kleine Päckchen zu, das dort lag. Eine heiße Freude durchströmte sie. Endlich!

Doch plötzlich fuhr sie zurück. Sie keuchte. Und dennoch konnte sie deutlich den Duft eines herben Männerparfüms wahrnehmen, der hier in der Luft hing. Wie ein Blitz kam die Erkenntnis: Domingo Serena muss hier gewesen sein. Und zwar vor wenigen Minuten.

„Mein Gott!", stöhnte sie.

Domingo Serena war der Killer des Chefs. Ein brutaler, ein skrupelloser Mann. Serena kannte keine Gnade.

Hilflos verharrte die Frau. Im blassen Licht des Mondes bot sie Serena ein vortreffliches Ziel. Die Angst lähmte sie. Sie gab sich auf.

Und Serena, der keine fünfzehn Yards entfernt hinter der Holzbude kauerte, hob in aller Ruhe seine Waffe. Der Augenblick war günstig, vom Floyd Bennet Flugfeld her strich gerade ein Düsenjäger über den Friedhof.

Jetzt! Kimme, Korn und Cindys Kopf bildeten eine Linie. Serenas Finger zog durch. Schon war der Druckpunkt erreicht.

Da ließ der Mann die Waffe wieder sinken. Ein Liebespaar war um die Ecke gebogen. In Cindys Nähe blieben die beiden stehen.

Serena fluchte leise vor sich hin.

Cindy erkannte ihre Chance. Im Nu hatte sie das Päckchen aus dem Handschuhfach gerissen und in ihre weiße Handtasche gestopft. Dann sprang sie zurück zur Straße. In wilder Panik rannte sie zum Queens Boulevard hinüber.

Erst unten in der U-Bahnstation Greenpoint Avenue konnte sie wieder einen klaren Gedanken fassen. Sie setzte sich auf eine der braunen Bänke und nahm das verschnürte Päckchen aus der Tasche. Abschätzend wog sie es in der Hand. Enthielt es wirklich die fünftausend Dollar, die sie vom Chef des Spionageringes für ihr Schweigen verlangt hatte?

Vorsichtig riss sie das Papier an einer Ecke auseinander. Doch ehe sie etwas erkennen konnte, musste sie das Päckchen wieder in der Handtasche verschwinden lassen, denn auf dem Nebengleis lief gerade ein Zug nach Flushing ein. Schließlich brauchten die aussteigenden Fahrgäste nicht zu wissen, dass sie hier mit einem Haufen Geld auf dem Bahnsteig herumsaß.

Für einen Augenblick fühlte sie sich glücklich, die Woge riss sie mit. Es war wie ein Rausch. Jetzt hatte sie Geld, jetzt konnte sie sich für ein paar Jahre dieses weiße Pulver kaufen, das sie so nötig zum Leben brauchte. Sie empfand es nicht mehr als Fluch, süchtig zu sein. Sie sah auch keine Gefahr mehr für sich. Richtig, Serena war nicht auf dem Schrottplatz gewesen, um sie zu ermorden, sondern nur, um das Päckchen mit den Banknoten dort hinzubringen. Sie atmete auf. Sie fühlte sich frei.

Dann war der Bahnsteig wieder leer. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn, als sie das Päckchen aufriss.

Sie erstarrte.

„Nein, nein, das darf doch nicht sein!", stammelte sie immer wieder. Tränen rannen ihr die Wangen hinunter. Ein Schwindelgefühl packte sie. Sie fiel zurück gegen die Lehne.

Das Päckchen enthielt Zeitungspapier.

Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Der Chef hatte sie also hinters Licht geführt. Er wollte nicht zahlen.

„Nun gut ..." Endlich hatte sie sich wieder in der Gewalt. Sie fühlte sich elend.

Die Wirkung des Giftes ließ nach. Sie musste nach Hause.

So raffte sich Cindy Taylor wieder auf und bestieg einen Zug in Richtung Manhattan. Sie war zu müde und zu niedergeschlagen, um nach Serena Ausschau zu halten. Sie hoffte nur dumpf, dass er ihre Spur verloren hatte.

Sie fiel in einen dumpfen Halbschlaf und träumte, in einem Meer von Blut zu schwimmen. In ihrem eigenen Blut. Als sie das erkannte, schrak sie wieder hoch. Sie stöhnte auf. Die Passagiere drehten sich nach ihr um. Es war ihr gleichgültig.

Der Zug rollte in die Station 5th Avenue, Cindy war am Ziel. Wenn sie hier ausstieg, waren es nur noch knappe fünf Minuten bis zu ihrer kleinen Wohnung in der East 43rd Street.

Fast hatte sie die Straße vor der Public Library erreicht, da stieß sie mit einem schlanken Herrn zusammen, der vielleicht 1,80 m groß war und sein blondes Haar gescheitelt trug.

„Archibald! Du?", rief Cindy aus – und es klang ebenso überrascht wie erschrocken.

„Hello, Cindy!" Archibald Duggan freute sich und schüttelte ihr die Hand. Fast hätte er sie auch umarmt, doch er ließ es, als er bemerkte, wie alt und geradezu abstoßend sie geworden war. Sein Lächeln erstarrte. Er musste erst nach Worten suchen.

„Da staunst du, was?, fragte Cindy und trat zur Seite, um die nachdrängenden Fahrgäste vorbeizulassen. „Wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.

„Stimmt, nickte Duggan nachdenklich. „Du singst nicht mehr?

„Nein, nein ..."

„Schade."

„Finde ich auch." Cindy wurde von Sekunde zu Sekunde nervöser. War es Zufall, dass Duggan sie getroffen hatte? Oder hatte man bei der CIA schon den Braten gerochen und Archibald Duggan auf sie angesetzt? Dann saß sie also glücklich zwischen zwei Stühlen.

Archibald Duggan ahnte nichts von der Affäre, in die Cindy Taylor verwickelt war. Seine Gedanken gingen ganz woandershin. Wenn man es richtig besah, war Cindy Taylor so etwas wie seine Jugendliebe gewesen. Sie hatten sich vor Jahren auf dem College kennengelernt. Es war eine herrliche Zeit gewesen. So was konnte man einfach nicht vergessen. Doch das Schicksal war gegen ihre Verbindung. Archibald war nach West Point gegangen, um sich als Offizier ausbilden zu lassen, und Cindy war nach Mailand übergesiedelt, um dort Gesang zu studieren.

Archibald war ebenso erschrocken wie erschüttert über das Ausmaß, in dem Cindy sich verändert hatte. Ihr ehedem so volles Gesicht war eingefallen, ihr kastanienbraunes Haar war mit grauen Strähnen durchsetzt, die Lippen waren schmal und rissig geworden, unter den unklaren Augen zogen sich bläuliche Ringe entlang. Cindy, die Mitte der Dreißig sein mochte, sah wie eine Fünfzigjährige aus.

„Ich weiß genau, was du denkst", sagte sie leise.

„Wir müssen uns einmal zusammensetzen, vielleicht kann ich dir helfen", sagte Duggan.

„Jetzt habe ich keine Zeit", erwiderte Cindy abwehrend. Sie hatte den Glauben an das Gute im Menschen längst verloren.

„Ich bin jetzt öfter im Harvard Club in der 44th Street, sagte Archibald Duggan. „Ich hoffe, du rufst mich mal an. Hier ist die Nummer. Er steckte Cindy eine kleine Visitenkarte in die Handtasche.

„Hm ... Wenn ich einmal Zeit habe ..." Cindy wurde es immer schlechter, vor ihren Augen tanzten gelbgrüne Kreise, die Zunge schmeckte nach Grünspan. Sie gab sich noch eine Viertelstunde. Wenn sie bis dahin keine neue Spritze bereit hatte, sah es schlimm aus.

Hastig streckte sie Duggan ihre weiche Hand hin.

„Auf Wiedersehen", murmelte sie matt.

„Das will ich hoffen, sagte Duggan mit einem etwas mühsamen Lächeln. „Und hoffentlich recht bald. Also – mach’s gut, Cindy!

Er drehte sich um, winkte dann noch einmal und verschwand schließlich in Richtung Grand Central Station.

Mit gesenktem Kopf schritt Cindy Taylor durch die 5th Avenue und bog nach knappen zweihundert Yards in die East 43rd Street ein. Zwei Minuten später stand sie vor ihrer Wohnungstür.

Sie klingelte, aber Eileen schien nicht zu Hause zu sein. Eileen war die Freundin, mit der sie zusammen wohnte. Freundin war vielleicht etwas übertrieben.

Cindy schloss auf und trat in den Korridor. Während sie ihre Handtasche auf die Kommode warf, rief sie mit ziemlicher Lautstärke: „Eileen, hallo?" Sie bekam aber keine Antwort.

Sie war froh, dass Eileen nicht da war. Die dauernden Streitereien mit ihr waren fürchterlich.

Cindy warf einen schnellen Blick in die Küche. Eileen hatte wieder das Licht brennen lassen. Sie tat so, als wären sie beide Aktionäre der Elektrizitätsgesellschaft.

Auf dem Küchentisch lag ein vielleicht mauersteingroßes Päckchen. Es war mit einem aufgefaserten Bindfaden verschnürt. Diese Art von Bindfaden hatte Cindy schon mal irgendwo gesehen. Richtig, das Päckchen in ihrer Handtasche! Sie wurde noch bleicher. Sollte der Chef ihr ein Paket mit Sprengstoff ins Haus geschickt haben?

Wie gebannt starrte Cindy auf das Päckchen in der Küche. Sie zitterte am ganzen Körper. Ihre Augäpfel brannten, die Galle begann zu schmerzen.

Plötzlich erkannte sie, dass sie viel zu hoch gespielt hatte. Die Männer, die sie erpressen wollte, waren tausendmal gerissener als sie.

Sie musste sich gegen die Wand lehnen. Als sie die Augen schloss, sah sie eine endlose Reihe von Gangstern gegen sich vorrücken. Die Männer hatten ihre Pistolen gezückt. Sie kamen immer näher. Cindy schrie auf.

Sie war selbst erstaunt, dass sie nicht zusammengebrochen war. Es gelang ihr, von den düsteren Visionen loszukommen. Sie nahm das Päckchen mit den wertlosen Papierfetzen aus der Handtasche und schleuderte es gegen die Wand. Dabei fiel die schmale Karte zu Boden, die ihr Archibald Duggan gegeben hatte.

Archibald! Das war ein Hoffnungsschimmer. Vielleicht war er der einzige, der ihr helfen konnte. Jetzt wusste sie, was Todesangst war, jetzt wollte sie kein Geld mehr, jetzt wollte sie nur noch leben. So wenig sie ihr Leben liebte, so sehr klammerte sie sich daran.

Für einige Augenblicke hatte sie neue Kraft geschöpft. Sie stieß die Wohnzimmertür auf und knipste das Deckenlicht an. Nirgends regte sich etwas. Die Fenster waren geschlossen, die schweren weinroten Vorhänge hingen bewegungslos herab.

Gleich neben der Tür stand das dunkle Tischchen mit dem Telefon. Wild entschlossen wählte Cindy die Nummer, die ihr Archibald Duggan gegeben hatte. Sie wusste, dass sie einige Jahre Gefängnis riskierte, aber wenn es für sie überhaupt noch eine Zukunft gab, dann durch diesen Schritt.

Sie bekam die Verbindung. Der Geschäftsführer des Clubs meldete sich. Cindy ließ sich Mister Duggan an den Apparat holen. Es dauerte ein paar Sekunden. Während sie wartete, überlegte sie sich genau, was sie sagen wollte. Auf alle Fälle musste sie Archibald mitteilen, wo sie das Beweisstück gegen den Spionagering versteckt hatte. Nur wenn Archibald dieses Material in den Händen hatte, konnten die Leute von der CIA gegen den Chef vorgehen.

„Hallo, Cindy, das ging aber schnell", rief Duggan.

„Ja, ja", murmelte Cindy, Plötzlich wurde ihr wieder übel. Sie konnte kaum den Hörer in der Hand halten. Irgend etwas machte sie unruhig. Sie sah keine Gefahr, aber sie ahnte sie. Es war ein Instinkt.

„Na, hat’s dir die Sprache verschlagen?", lachte Duggan.

„Nein würgte Cindy hervor. „Aber ... Pass auf. Ich weiß, für wen du arbeitest ...

„Interessant."

„Hör zu ... Sie sprach schnell, als hätte sie keine Sekunde mehr zu verlieren. „Ich bin einem Spionagering auf die Spur gekommen. Ich wollte die Leute erpressen, aber sie zahlen nicht. Jetzt bedrohen sie mich. Archibald, bitte, hilf mir! Ich ...

Weiter kam sie nicht. Ein kleiner, hässlicher Mann war hinter dem Vorhang aufgetaucht. Seine 7,65er Walther-Pistole war auf Cindy gerichtet. Er schien es eilig zu haben. Cindy erkannte ihn sofort.

Es war Domingo Serena, der Killer!

2

Archibald Duggan, der erst vor wenigen Sekunden in den Club gekommen war und nur schnell zwei eisgekühlte Whisky getrunken hatte, konnte sich noch immer nicht ausmalen, in welcher verzweifelten Lage sich Cindy Taylor befand. Schließlich war das wirkliche Leben etwas anderes als ein Kriminalfilm.

„Heh, Cindy, was ist denn?", rief er. Er musste annehmen, dass Cindy nach ihrem Geständnis aus Angst und Scham die Sprache verloren hatte.

Es blieb still am anderen Ende der Leitung. Irgendwie fühlte sich Duggan wie elektrisiert, er spürte instinktiv die Todesangst der Frau. Oder war es nur die Hitze, die ihm da einen üblen Streich spielte? Er hoffte, sich zu täuschen. Wenn sie wirklich in Gefahr war, konnte er ihr ja doch nicht helfen.

„Was ist denn los, Cindy?", schrie er.

Nichts.

Er presste den Hörer noch fester ans Ohr. Es knackte und summte in der Leitung. Aber die Verbindung war noch nicht unterbrochen.

Da! Eine Männerstimme. Die ersten Worte verstand Duggan nicht, dann aber hörte er ganz deutlich: „Kein Wort mehr, verstanden!"

Duggans Herz schlug schmerzhaft schnell. Es war entsetzlich! Die Lähmung der Frau übertrug sich auf ihn. Da geschah ein Mord, und er war dazu verdammt, ohne eine Chance des Eingreifens zuzuhören. Ein furchtbarer Augenblick, Sekunden voller Qual und Schmerz.

„Cindy!", schrie er. Noch musste sie den Hörer in der Hand halten.

„Archibald ... Das war ihre Stimme. Sie klang schrill, grausam verzerrt. „Schließfach vierundachtzig ... Central Station ... Ich ... Nei-ein ...!

Dann hörte Duggan zwei Schüsse. In den zweiten hinein klang Cindys Aufschrei. Ein plötzliches Poltern noch, dann war es still.

Archibald Duggan war wie versteinert. Die Sekunden vergingen. Es war ein Schock. Cindy war ein Teil seiner Jugend. Man hatte etwas in ihm selbst getötet.

Der Gedanke an den Täter verdrängte den Schmerz. Duggan kam wieder zu sich. Dann handelte er. Nach außen hin wirkte er wieder beherrscht und selbstsicher.

Zuerst alarmierte er ein Polizeirevier in der Nähe der East 43rd Street. Sie sollten ihre Beamten in die Wohnung von Cindy schicken und einen Krankenwagen anfordern. Vielleicht war Cindy noch zu retten. Den Mordschützen würde man sicher nicht mehr erwischen.

Archibald Duggan selbst ließ sich ein Taxi rufen und rannte auf die Straße hinaus. Der Wagen rollte gerade heran. Duggan riss die Tür auf.

„Zur Grand Central Station!", rief er.

„Was ...? Der Fahrer, ein vierschrötiger Texaner, staunte. „Das ist ja gleich um die Ecke.

„Los, Mann, halten Sie hier keine Volksreden, sondern fahren Sie! Duggan warf die Tür hinter sich zu und stopfte dem Fahrer eine Zehndollarnote in die Brusttasche seines weißen Hemdes. „Nun ab! Jede Sekunde ist jetzt mehr wert, als Sie Ihr ganzes Leben lang verdienen werden!

Der Texaner gab Gas. Schon hatte er den Wolkenkratzer der Bank of New York und gleich danach die breite 5th Avenue erreicht. Hier gab es eine kleine Verkehrsstauung. Der Sekundenzeiger auf Duggans Uhr schien um das Zifferblatt zu rasen. Verdammt!

Duggan wurde nervös wie lange nicht. Er wusste, was auf dem Spiel stand. Ganz sicher hatte Cindy Taylor ihr Beweismaterial gegen den Spionagering im Schließfach Nr. 84 der Grand Central Station versteckt. Warum hätte sie sonst in den Sekunden vor ihrem Tod diesen Ort genannt?

Und weshalb hatte sie Duggan nicht den Boss des Spionageringes verraten? Offensichtlich hatte sie dem Schließfach größere Bedeutung zugemessen.

Aber der Mann, der auf Cindy geschossen hatte, war sicherlich nicht taub gewesen. Auch er musste vom Schließfach 84 gehört haben. Und wenn es sich bei ihm um keinen Idioten handelte, was nicht zu erwarten war, dann musste er sich jetzt auf dem Wege zur Grand Central Station befinden. Nach dem Stand der Dinge schien ja vom Inhalt dieses Schließfaches die Existenz seines Spionageringes abzuhängen.

Endlich setzte die Taxe sich wieder in Bewegung. Schon tauchte der riesige Komplex des Bahnhofs vor ihnen auf. Der Texaner fuhr wie ein Wilder, aber Duggan ging es noch immer zu langsam. Schließlich hatte der Killer den weitaus kürzeren Weg zum Bahnhof.

Dann lächelte Archibald Duggan. Er hatte einen gewaltigen Trumpf in der Hand: Er konnte sich kraft seiner Eigenschaft als Mitarbeiter der CIA jederzeit von der Bahnpolizei das Schließfach öffnen lassen, während der andere in der Wohnung von Cindy Taylor nach dem Schlüssel suchen musste. Aber wenn er ihn schon nach ein paar Sekunden gefunden hatte? Würden sie beide vor dem Schließfach zusammentreffen? Das wäre Archibald Duggan am Liebsten gewesen.

Jetzt hielt die Taxe vor dem turmartigen Hauptgebäude. Duggan bedankte sich bei dem Fahrer und sprang hinaus. Trotz der späten Abendstunde wimmelte es in der großen Wartehalle noch immer von Menschen. Auf dem blauen Deckengrund leuchteten goldene Sterne. Doch Duggan hatte keine Zeit, die Romantik eines Fernbahnhofs zu genießen. Einen Augenblick zögerte er, um sich im Labyrinth der Gänge, Unterführungen, Rolltreppen und Bahnsteige zurechtzufinden, dann hatte er die Schließfächer entdeckt. Er lief hinüber.

Plötzlich aber stoppte er. Er hatte das Gefühl, sein Herzschlag setzte aus. In der Reihe der achtziger Nummern stand eine der hellgrauen Türen offen ...

„Das Glück ist blind", murmelte Duggan voller Enttäuschung. Es hatte seine Gunst also einem Mörder geschenkt.

Dann sah er genauer hin. Er hatte sich geirrt. Die Nummer 85 war nicht belegt, die Tür der Nummer 84 aber war noch geschlossen. Duggan atmete auf. Aber vielleicht hatte der andere die Tür wieder zugeworfen.

Duggan betrachtete die Tür des Schließfaches ganz genau. Das Schloss war nicht beschädigt. Okay. Der nächste Blick galt seiner Umgebung. Etwa fünfzig Personen hielten sich in dem niedrigen Gang auf. Niemand schien ihn zu beachten.

Archibald überlegte kurz und winkte dann einen Gepäckträger herbei. Es war ein älterer Mulatte, der aus der Gegend von New Orleans zu stammen schien. Duggan drückte ihm einen Dollar in die Hand und beauftragte ihn, einen Beamten der Bahnverwaltung herbeizurufen. Der Mulatte trabte davon.

Duggan lehnte sich gegen einen Pfeiler und wartete. Eine Viertelstunde mochte vergangen sein, seitdem man die beiden Kugeln auf Cindy Taylor abgefeuert hatte. Es war unfassbar. Duggan glaubte nicht daran, dass der Mörder noch hierher kommen würde. Höchstwahrscheinlich hatte Cindy den Schlüssel zum Schließfach sorgfältig versteckt.

Der Beamte der Bahnhofsverwaltung ließ auf sich warten. Sicherlich hatte er andere Sorgen. Duggan wurde unruhig. Jede Minute konnte kostbar sein. Wenn das Material von Cindy ausreichte, um den Spionagering auffliegen zu lassen, musste man schnell handeln. Man durfte den fremden Geheimdiensten keine Zeit lassen, ihre Agenten in Sicherheit zu bringen.

Endlich stand der Beamte vor ihm. Es war ein kleiner, ziemlich dürrer Mann mit rötlichem, aber schon gelichtetem Haar. Offensichtlich war er irischer Abstammung. Es machte einen recht verschlafenen Eindruck.

„Sie haben mich rufen lassen?", fragte er gähnend. In seinem hageren Gesicht zuckte es mehrmals.

„Allerdings", nickte Duggan und hielt dem Beamten seinen Ausweis unter die Nase.

„Oh, ein Geheimagent, kicherte der Beamte. „Welche Ehre für mich! Aber wenn Sie mich für einen Meisterspion halten, dann haben Sie sich gewaltig getäuscht ...

„Nun sei man schön brav, Väterchen, und hol’ mir bitte mal den Universalschlüssel, also den Schlüssel, der für alle Schließfächer passt", bat Duggan.

„Wieso denn?"

„Ich hab’ meine Brille hier eingeschlossen und den Schlüssel verloren, lächelte Duggan. „Und wenn Sie’s nicht glauben, Sir, dann werde ich mal ein kleines Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten führen.

Der Beamte verschwand. Er rannte zwar nicht gerade, aber er ging ziemlich schnell.

Archibald Duggan steckte sich eine Zigarette an. Seine Gedanken waren bei Cindy. Vielleicht hatte man sie noch retten können. Er glaubte fest daran, dass sie jetzt in irgendeinem Operationssaal lag. Er sah sie wieder vor sich ...

Plötzlich schreckte er hoch. Sein Gedächtnis hatte ihn nicht im Stich gelassen. Das überschlanke, fast hässliche Mädchen, das jetzt den Gang entlangkam, war Cindys Freundin. Eileen musste sie heißen, Eileen Douglas, ja! Duggan lächelte. Warum tauchte sie gerade in diesem Augenblick hier auf? Ein Zufall?

Eileen blickte prüfend über die Reihen der gleichförmigen Schließfächer hinweg. Schon ging sie auf die achtziger Nummern zu, da fiel ihr Blick auf Duggan. Sie erinnerte sich. Abrupt blieb sie stehen. Das Lächeln fiel ihr schwer.

„Hallo, Archibald!" Sie kam zögernd auf ihn zu.

„Hallo, Eileen! Freut mich, dass wir uns wieder einmal treffen." Er schüttelte ihr die Hand. Er war höflich, verriet nichts, von aufrichtiger Freude konnte gar keine Rede sein. Diese Eileen war ihm seit je unsympathisch gewesen. Er mochte sie einfach nicht. Mit ihrem runden, ein wenig asiatischen Gesicht und ihren kalten blauen Augen hinter den dicken Brillengläsern war sie ihm stets etwas unheimlich erschienen. Sie hatte etwas Männliches an sich, das ihn abstieß.

„Ich komme gerade aus Chicago, sagte sie. Sie sprach langsam, fast ein wenig schleppend. Ihre etwas aufgeworfenen Lippen waren nicht geschminkt. „Ja, als Journalistin ist man immer auf Achse.

Archibald sah, dass sie einen kleinen Koffer bei sich trug. Eileen bemerkte, dass er sie und ihr Gepäckstück aufmerksam betrachtete.

„Ich wollte schnell noch etwas essen und den Koffer hier deponieren", sagte sie.

„Komm, ich bring’ ihn hinüber", sagte Archibald und nahm ihr den kleinen schwarzen Lederkoffer aus der Hand. Als er ihn hochgehoben hatte, drehte er ihn so ungeschickt um, dass Eileen die Handtasche aus der Hand geschleudert wurde. Ihr Inhalt ergoss sich auf den Boden.

Duggan murmelte ein paar Worte des Bedauerns und bückte sich, um die verstreuten

Gegenstände wieder einzusammeln. Ein kleiner Trick von ihm. Er hatte wissen wollen, ob Eileen die Schlüssel zum Schließfach Nummer 84 bei sich hatte.

Er hatte Pech, ein Schlüssel befand sich nicht unter ihren Sachen.

„Mit Cindy ist etwas Schreckliches passiert", sagte er, als er den Koffer eingeschlossen hatte. Mit knappen Worten schilderte er seine Eindrücke.

Eileen behielt die Fassung. Lediglich auf ihrer Oberlippe, die von kleinen schwarzen Härchen geziert wurde, standen Schweißperlen.

„Die Ärmste, sagte sie. „Aber ich hab’s ja schon immer gesagt ...

„Was?"

„Ach, nur so ..."

Bevor Archibald Duggan zur nächsten Frage ansetzen konnte, kam der kleine Bahnhofsbeamte mit dem Universalschlüssel zurück. Er hatte einen ebenso schläfrigen Kollegen mitgebracht. Offenbar erforderten die Vorschriften zwei Zeugen.

„Bitte, schließen Sie auf", sagte Duggan. Es ließ sich nicht leugnen, dass eine quälende Spannung ihn gepackt hatte. Er hatte das Gefühl, nicht nur in den Mordfall Cindy Taylor, sondern auch noch in einen Spionagering von beträchtlichem Ausmaß verwickelt zu sein.

Jetzt drehte der Beamte den Schlüssel herum. Noch eine Sekunde, dann sprang die Tür auf.

„Leer!, rief der Beamte. „Vollkommen leer!

Duggan kam sich vor wie ein Schüler, dem man mitgeteilt hatte, dass er sitzengeblieben sei. Es war eine Mischung von Verblüffung, Resignation und Wut.

Dann dachte er nach. Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder Cindy hatte sich aus irgendeinem Grunde in der Nummer des Schließfaches geirrt, was in der hohen Erregung ohne Weiteres möglich war, oder der andere war doch schon hier gewesen und hatte das Fach ausgeräumt.

Der Gang, in dem sich die Schließfächer befanden, war ziemlich schlecht beleuchtet. So war es nicht weiter verwunderlich, dass Archibald Duggan auf die Idee kam, mit seinem Feuerzeug einmal in das Fach Nummer 84 hineinzuleuchten.

„Aha!"

Ganz hinten in der Ecke hatte er einen Bleistift entdeckt. Keinen gewöhnlichen aus einer amerikanischen Fabrik, sondern offenbar einen japanischen. Jedenfalls waren japanische Schriftzeichen auf den weißen Lack gemalt. Scheinbar ein Stift zum Stenografieren. Archibald zog einen alten Fahrschein heraus und schrieb zweimal seinen Namen. Es ging ausgezeichnet.

„Hm." Archibald Duggan hatte den Eindruck, in diesem Augenblick nicht besonders klug und weise auszusehen. Aber, zum Kuckuck, ganz ohne Grund konnte Cindy diesem Bleistift doch nicht eine solche Bedeutung beigemessen haben!

Archibald forschte weiter. Die beiden Beamten und Eileen schauten interessiert zu.

Am hinteren Ende des Bleistiftes war mit einem dünnen Blechstreifen ein runder roter Radiergummi befestigt. Duggan zögerte nicht lange. Mit einem geschickten Griff hatte er den Radiergummi herausgerissen.

„Nichts", sagte er.

Aber er sagte es nur, um Eileen und die Bahnhofsbeamten zu täuschen. In Wirklichkeit hatte er entdeckt, dass in dem Hohlraum hinter dem Radiergummi ein Mikrofilm steckte. Das war es, was er suchte! Dieses Filmes wegen hatte Cindy also ihr Leben lassen müssen. Sicherlich enthielt er etwas anderes als die letzten Baseballergebnisse.

„Vielen Dank, meine Herren, sagte Duggan und drückte den beiden Beamten ein kleines Trinkgeld in die Hand. „Komm, Eileen, wir laufen schnell hinüber zu Cindys Wohnung.

Kaum hatte Archibald Duggan den Bahnhof verlassen, da schlüpfte ein kleinerer, hagerer Mann mit gelben Zähnen und übergroßer Nase, der ihn die ganze Zeit über beobachtet hatte, in eine der grünen Telefonzellen. Hastig wählte er eine Nummer.

„Hier ist Domingo Serena, sagte er dann. „Hallo, Chef. Ein Mann mit dem Vornamen Archibald hat den Bleistift mit dem Mikrofilm. Er geht jetzt zur Wohnung von Cindy. Tja ...

„Idiot!"

„Wirklich, Chef, ich konnte nichts machen. Zwei Beamte standen herum." Serena fluchte kräftig.

„Na schön ... Dann verfolge diesen Archibald."

„Und?"

„Wenn die CIA den Film in den Händen hat, sind wir alle erledigt – also erledige ihn! Capito?"

„Hm-m."

Serena hängte ein und lief hinter Archibald Duggan her.

3

Cindy Taylors kleine Wohnung in der East 43 rd Street glich einem Heerlager. Mehrere Kriminalbeamte suchten nach Spuren und fotografierten, eine Schar von Reportern füllte den schmalen Korridor. Archibald Duggan und Eileen Douglas bemühten sich, bis ins Wohnzimmer vorzudringen.

„Heh, nicht so stürmisch!, rief der verantwortliche Sergeant. „Bleiben Sie bitte draußen, meine Dame.

„Entschuldigen Sie, aber ich wohne hier", wandte Eileen Douglas ein.

„Aha!" Der Sergeant überlegte einen Augenblick, wobei ihm das Nachdenken keinen allzu großen Spaß zu machen schien. Mike Boston war der Typ des stämmigen und unbekümmerten amerikanischen Boys, wie man ihn beim Kugelstoßen oder Diskuswerfen zu Dutzenden in den Leichtathletikstadien sehen kann. Sein breites Gesicht war mit Sommersprossen übersät. Das flachsblonde Haar war keine fünf Millimeter lang. Er sprach dröhnend und etwas undeutlich. Man konnte einfach nicht übersehen, dass er aus einem Präriedorf in Oklahoma kam. Archibald Duggan kannte ihn schon seit einigen Jahren.

„Hallo, Mike!", rief Duggan, durchbrach die Kette der Reporter und schüttelte Boston die Hand. Für einen Augenblick war die Freude des Wiedersehens größer als die Sorge um Cindy. Aber nur für einen Atemzug.

„Wie kommen Sie denn hierher?"

„Ich telefonierte gerade mit ihr, als es passierte. Was ist mit ihr?" Duggan hatte nur stockend gesprochen, er fürchtete sich vor der Antwort auf seine Frage.

„Wir haben Sie ins Polyclinic Hospital gebracht. Das liegt in der West 50th Street. Ja ... Ein Lungendurchschuss und ein Bauchschuss. Sie hat noch gelebt."

„Danke. Duggan zündete sich eine Zigarette an. „Und der Täter? Habt ihr schon eine Spur gefunden?

„Nein, noch nicht. Boston war nicht im Geringsten erregt. Für ihn war Cindy Taylor eine gealterte, gescheiterte Frau wie hundert andere. „Der Schütze muss hinter dem Vorhang gestanden haben. Die Hacken seiner Schuhe haben deutliche Abdrücke auf dem Linoleum hinterlassen. Er muss geschossen haben, als Miss Taylor den Telefonhörer in der Hand hatte. Offensichtlich hat er geglaubt, Miss Taylor sei tot. Das ist alles, was wir bisher wissen. Ohne Zweifel ist der Mann über die Treppe entkommen. Alles lässt darauf schließen, hat ... Boston verstummte.

„Danke!" Duggan ging zum Telefon hinüber. Da kein Telefonbuch vorhanden war, musste er sich die Nummer des Hospitals von der Auskunft geben lassen. Das dauerte ein paar Minuten. Endlich konnte er die müde Mädchenstimme wieder vernehmen.

„LA fünf-vier-sieben-fünf-neun!"

„Danke!" Duggan drückte mit der rechten Hand die Gabel nach unten und wählte diese Nummer. Er erwischte aber nur den Portier. Der wusste nichts von einer Cindy Taylor, versprach jedoch, die Verbindung mit der Nachtschwester herzustellen.

Duggan wartete. Die Sekunden vergingen. Sein Blick ruhte auf einem zerbeulten Blechglobus, der Cindys schäbige Anrichte zierte. Drei verwelkte Nelken standen daneben. Eine leere Zigarettenschachtel lag herum. Fliegen summten um den ausgeblichenen Lampenschirm.

„Hallo! Ja, Miss Taylor liegt noch im Operationssaal. Am Besten, Sie rufen später noch einmal an. Wiederhören!"

Duggan legte auf.

„Am Schloss lassen sich keine Anzeichen von Gewaltanwendung feststellen", sagte Sergeant Boston.

„Ich habe dem Burschen keine Schlüssel gegeben!", rief Eileen Douglas dazwischen.

„Das hat auch kein Mensch behauptet, sagte Archibald Duggan. „Haben Sie etwa ein schlechtes Gewissen?

„Nein, aber ich weiß doch, was Sie denken, Mister Duggan!"

Archibald erinnerte sich zwar daran, dass sie ihn vor einer halben Stunde noch mit dem Vornamen angeredet hatte, verkniff sich aber einen Kommentar.

„Der Fall scheint sehr wichtig zu sein, sagte er dann zu Boston. „Ich hoffe, die Ermittlungen der Kriminalpolizei führen zu einem brauchbaren Ergebnis. Strengen Sie sich mal an, Mike! Ich darf mich dann verabschieden ... Er gab Eileen Douglas und Boston die Hand.

Wenige Minuten später hatte er das Haus verlassen. Die wunderbar kühle Luft machte ihn wieder munter. Es war eine sternenklare Nacht. Er beschloss, zu Fuß zum Harvard Club hinüberzugehen und sich dort einen Wagen zu leihen, um ohne große Ausgaben zum Flugplatz zu kommen. Bis zur ersten Maschine nach Washington hatte er noch vier Stunden Zeit.

Nach ein paar Dutzend Schritten hatte Archibald Duggan die 5th Avenue erreicht. Nur noch wenige Wagen rollten in Richtung Central Park. Auf den Bürgersteigen waren zwei, drei Ehepaare und vielleicht zehn männliche Personen zu registrieren. Die dunklen Fenster des Bankers Trust Building wirkten ein wenig gespenstisch. Doch es geschah nichts, was Archibalds Aufmerksamkeit erregt hätte.

Jetzt bog er nach links in die weitaus schmalere West 44th Street ein. An ihrer Kreuzung mit der Avenue of the Americas schimmerten in etwa sechshundert Fuß Entfernung die Lichtreklamen des Hotels Algonqin und des Hotels Iroquois. Hier vorne aber war es dunkel und einsam.

Unwillkürlich beschleunigte Archibald Duggan seine Schritte. Erst in dieser Sekunde war ihm eingefallen, dass er ja den japanischen Bleistift mit dem Mikrofilm bei sich trug. Blitzschnell drehte er sich um. Da! Er konnte sich kaum getäuscht haben. Ein Mann war in das Portal der Bank of New York gehuscht. Oder war es nur der Schatten einer Laterne gewesen, den ein Scheinwerfer auf den Bürgersteig geworfen hatte?

Duggan fasste, bevor er zurückging, in sein hellgraues Sakko und zog die Smith & Wesson Magnum aus dem Schulterholster. Auf dem relativ langen 6,5-Zoll-Lauf spielte das fahle Licht der nächsten Laterne.

Vorsichtig ging Duggan auf das Portal zu. Fest presste er sich gegen die schwarze Steinmauer. Wenn sich vor ihm der Mörder von Cindy Taylor versteckt hatte, dann war es glatter Selbstmord, hier den Helden spielen zu wollen und ohne Deckung vorzurücken.

„Ihr Mörder ..., murmelte Duggan. „Als ob sie wirklich schon tot wäre.

Er wusste, was der Mikrofilm für seine Gegner wert war. Wenn sie ihn erwischten, waren sie um einige tausend Dollar reicher, wenn die CIA ihn auswerten konnte, waren sie reif für einen lebenslangen Aufenthalt im Zuchthaus.

Schon hatte er das Portal erreicht. Sein Kopf schnellte vor, der Finger krümmte sich um den Abzug. Ein untersetzter Mann in einer schwarzen Uniform rüttelte an der Haupttür.

„Hello!", rief Duggan und ließ die Waffe sinken.

Er hatte einen Angestellten der Wach- und Schließgesellschaft vor sich. Immerhin besaß Archibald noch genug Humor, um über sich selbst zu lachen.

Kopfschüttelnd schlenderte er weiter. Er stellte fest, dass der Anschlag auf Cindy ihn merklich belastete. Das war eine schlechte Voraussetzung für die Klärung eines derart komplizierten Spionagefalles. CIA-Agenten sind auch nur Menschen.

Ein paar Sekunden später erreichte er den Club. Der Geschäftsführer war noch wach. Er saß in der Loge und starrte gedankenverloren auf seine Hände. Frederic war ein seriöser, weißhaariger Herr Mitte der Fünfzig.

„Guten Abend, oder besser: Guten Morgen, Frederic! Schön, dass Sie noch nicht ins Bett gesunken sind."

„Ich denke gerade nach", brummte Frederic und gähnte hinter der vorgehaltenen Hand.

„Ich brauche für heute einen Wagen."

„Hier. Frederic warf ihm ein paar Schlüssel zu. „Nehmen Sie meinen. Ich geh’ jetzt schlafen. Ach, es ist alles so traurig.

Er knipste das Licht aus und verschwand hinter einem weinroten Vorhang.

Archibald schlug die Tür zu und ging auf die Straße zurück, um sich unter den parkenden Wagen nach Frederics flaschengrünem Chrysler umzusehen. Nach ein paar vergeblichen Versuchen hatte er ihn erspäht. Er schloss auf, setzte sich hinter das klamm gewordene Steuerrad und startete in Richtung Times Square.

Seine Augen brannten, die Lippen waren trocken und sprangen an einigen Stellen auf, die Füße schmerzten, in den Schläfen pochte es, die Zunge schmeckte eklig, ab und an summte es in den Ohren. Erst jetzt spürte er die Müdigkeit. Er schaltete das Radio ein, um den toten Punkt zu überwinden. Es nutzte nicht viel.

So erreichte er den Times Square. Hier im Zentrum des Theater- und Vergnügungslebens war noch Betrieb. Archibald lebte wieder auf. Er hielt vor einer Snack-Bar und aß ein paar Hamburger. Dann trank er eine Limonade und einen Whisky. Plötzlich fühlte er sich von einer Welle des Wohlbehagens mitgerissen. Doch der Gedanke an Cindy ernüchterte ihn wieder.

So kehrte Duggan zu dem geliehenen Chrysler zurück, stieg wieder ein und rollte zur 42nd Street hinunter. Ohne besondere Zwischenfälle erreichte er den Queens Midtown Tunnel, bezahlte den Zoll für die Durchfahrt und fuhr dann auf den Queens Midtown Expressway hinauf. Als er auf den Long Island Expressway, die Interstate Route 495, hinüberwechselte, bemerkte er, dass sich im Osten über dem Gebiet von New Jersey schon ein rötlicher Schimmer den Horizont entlangzog. Es wurde unangenehm kühl.

Da er noch reichlich Zeit hatte, bog er schon ein paar Meilen vor dem eintönigen Grand Central Expressway nach rechts in den Woodhaven Boulevard ab, um auf diese Weise Queens zu durchqueren und den Kennedy Airport zu erreichen.

Mitten im Forest Park passierte es dann. Eben hatte er seinen Chrysler durch den Tunnel unter dem Interborough Parkway gesteuert, da bemerkte er im Rückspiegel die abgeblendeten Scheinwerfer einer mittelgroßen Limousine. Unwillkürlich verlangsamte er seine Fahrt, um dem anderen Wagen das Überholen zu erleichtern. Die letzten Häuser der Myrtle Avenue blieben hinter ihm. Archibald Duggan hatte Mühe, die Augen offenzuhalten.

Jetzt war die Limousine neben ihm. Archibald warf einen schläfrigen Blick nach rechts. Augenblicklich zuckte er zusammen. Der Mann hinter dem Lenkrad war maskiert! Er steuerte nur mit der linken Hand, die rechte hielt einen Revolver.

Keine Zeit mehr für Archibald Duggan, seine eigene Waffe herauszureißen. Auch keine Zeit mehr zum Denken. Instinktiv bremste er, und ebenso instinktiv duckte er sich. Der Maskierte feuerte. Zweimal, dreimal. Glas splitterte, Reifen quietschten, Duggan glaubte, in einer explodierenden Rakete zu sitzen. Heißer Schmerz durchpulste ihn.

Duggan erschien es wie eine Ewigkeit, aber er war keine zehn Sekunden bewusstlos. Er kam wieder zu sich, als er das Blut auf seinen Lippen schmeckte. Er lag quer über dem Vordersitz. Er begriff, dass sein Chrysler eine mächtige Eiche gerammt hatte. Als er sich ein wenig drehte und um ein paar Zentimeter aufrichtete, sah er, dass der Maskierte auf ihn zulief.

Aha, der wollte den Mikrofilm haben! Duggan konnte wieder klar denken. Er beschloss, wie leblos liegenzubleiben und den Gegner zu täuschen. Seine rechte Hand tastete sich zur Smith & Wesson. Er sah das Spiel schon als gewonnen an.

Da ertönte hinten auf der Myrtle Avenue eine Polizeisirene. Die Bewohner der letzten Häuser hatten den Unfall bemerkt und die Streife alarmiert.

Der Maskierte stoppte, war für einen Augenblick ratlos. Es war ein kleiner, drahtiger Mann mit katzenhaften Bewegungen.

Duggan erkannte seine Chance.

„Stehenbleiben!, schrie er. „Eine Flucht ist sinnlos. Ich schieße sofort.

Der Maskierte hörte nicht auf Duggan, sondern hetzte im Zickzack zu seinem Wagen zurück, der vielleicht in dreißig Yards Entfernung am Straßenrand stand.

Duggan drückte ab. Mehrmals. Aber er vermochte nicht zu treffen, das Licht war zu schlecht. Es war noch keine richtige Dämmerung, aber auch kein rechter Mondschein mehr.

Der Maskierte erreichte seine Limousine in dem Augenblick, als die Polizeistreife die Szene mit ihren Scheinwerfern erhellte. Zu spät für Duggan. Der Gangster gab Gas und jagte in Richtung Woodhaven davon. Archibald Duggan fluchte leise, denn sein Chrysler war total hinüber.

Zu allem Unglück bremsten die Polizisten auch noch, anstatt die Verfolgung aufzunehmen. Die Männer glaubten, Duggan sei schwer verletzt und brauche dringend Hilfe. Ehe Archibald sie aufgeklärt hatte, war der Maskierte im Labyrinth der Straßen verschwunden. Auch eine sofort eingeleitete Fahndung blieb ohne Erfolg.

Einen Trost hatte Archibald Duggan allerdings: der Mikrofilm steckte noch immer unversehrt in seiner Brusttasche!

„Können wir Ihnen helfen?", fragte der Fahrer des Streifenwagens, ein liebenswürdiger Bursche aus Vermont.

„Vielleicht hat jemand von Ihnen ein Pflaster für meine Augenbraue?" Archibald Duggan warf sein Taschentuch in den Rinnstein. Die Wunde, die wohl von der Berührung mit dem Armaturenbrett herrührte, war keineswegs gefährlich, blutete aber gewaltig.

Die Polizisten schleppten ihren Verbandskasten herbei und versorgten Archibald Duggan. Nach fünf Minuten sah er so aus, als wäre er Hauptbeteiligter bei einer Massenschlägerei gewesen. Doch es störte ihn wenig. Für die Eitelkeit blieb noch genug Zeit, wenn die Mission in Washington erfüllt war.

Es dauerte noch eine Viertelstunde, dann hatten die Polizeibeamten alle nötigen Vordrucke ausgefüllt. Sie erklärten sich auch ohne Weiteres bereit, Archibald Duggan zum nahen Kennedy Airport zu fahren.

Nachdem er sein Ticket gelöst hatte, wählte er die Nummer LA 54759. Es dauerte eine Weile, bis sich das Polyclinic Hospital meldete.

Es waren qualvolle Sekunden für Archibald Duggan. Irgendwie hing er an Cindy. Aber das war es nicht allein. Wenn sie durchgekommen war, dann konnte sie aussagen – und der Fall war geklärt. Sein Herz schlug beklemmend schnell, der Schweiß lief ihm über die Stirn und sickerte in die Wunde. Es brannte höllisch. Aber er bemerkte es gar nicht.

Endlich meldete sich die Oberschwester.

„Sie wollen sich nach Miss Taylor erkundigen, Cindy Taylor?"

„Ja."

„Es tut mir leid, aber sie ist vor fünf Minuten gestorben ..."

4

Archibald Duggan saß in einem graugestrichenen Wartezimmer, las ab und zu ein paar Zeilen in einem mitgebrachten Buch und starrte dann wieder auf einen Innenhof hinaus. Immer wieder musste er herzhaft gähnen. Kein Wunder bei nur fünf Stunden Schlaf. Zum Glück war es hier in Washington längst nicht so heiß wie oben in New York, immer wieder peitschte der Regen gegen das Fenster.

Aber Duggan war sofort hellwach, als Miss Hicks, die platinblonde und sehr attraktive Sekretärin, in der Tür zum Schreibzimmer auftauchte.

„Sie Ärmster!, lächelte sie. „Wie kann man Sie nur warten lassen, wo von Ihnen doch das Schicksal der ganzen westlichen Welt abhängt.

„Mir bleibt immer noch Zeit genug, heute Abend mit Ihnen zu essen."

„Oh, davon träume ich schon seit mehr als zehn Jahren, spottete Miss Hicks. „Allerherzlichsten Dank. Ich fürchte nur, der große Meister wird Sie noch vor Sonnenuntergang nach New York zurückschicken.

„Sehen Sie, da kommt er schon ..."

Seymor Lipset kam aus seinem Arbeitszimmer und ging auf Archibald Duggan zu, um ihm die Hand zu schütteln. Er reichte Duggan kaum bis zur Schulter und musste seinen zierlichen Kopf weit zurückbeugen, um dem anderen ins Gesicht sehen zu können. Sein Körper war feingliedrig wie der eines Balinesen, seine Bewegungen erschienen grazil und harmonisch. Er sprach ein ungewöhnlich melodisches Englisch. Eine vergoldete Brille, mehr ein Kneifer, zierte sein weiches, fast kindliches Gesicht. Schwarzes, lockiges Haar hing in die hohe Stirn. Seine braunschwarzen Augen lächelten gewinnend. Niemand hätte in diesem Mann einen der energischsten und erfolgreichsten Beamten der amerikanischen Administration vermutet. Im Augenblick war er der maßgebende Südamerikaexperte der Regierung.

„Entschuldigen Sie bitte die kleine Verzögerung, Mister Duggan", sagte er sanft und führte Duggan in sein geschmackvoll eingerichtetes Arbeitszimmer hinüber. Mehrere türkisfarbene Sessel, deren Sitzformen in elegant geschwungenen Gestellen auf verchromten, ovalen Stahlrohren lagen, standen vor dem schlichten Palisander-Schreibtisch. An der holzgetäfelten Wand hing ein Porträt George Washingtons. Auf der riesigen Landkarte hinter dem Schreibtisch waren verschiedene Punkte des südamerikanischen Kontinents mit bunten Fähnchen gekennzeichnet. Ein überdimensionaler Gummibaum stand an der Kante des schweren, schwarz-roten afghanischen Teppichs.

„Bitte, nehmen Sie doch Platz." Lipset rückte Duggan einen Sessel zurecht. Er selbst setzte sich erst, nachdem er seinem Gast und sich zwei bereitstehende Gläser mit altem, französischem Cognac gefüllt hatte.

„Auf Ihre Gesundheit, Mister Duggan!"

„Danke."

„So. Lipset ließ sein leeres Glas im Schreibtisch verschwinden. „Dann müssen wir also zum Ernst des Lebens kommen. Inzwischen ist es unseren Spezialisten gelungen, den Mikrofilm auszuwerten. Hier ist der Text, darauf stand ... Bitte, lesen Sie mal. Lächelnd reichte er Duggan ein paar eng beschriebene DIN. A 4-Bögen hinüber.

„Teotlantli yaxkin muan tollan, las Archibald Duggan mit wachsender Verwunderung. „Was soll denn das bedeuten?

„Erst haben wir geglaubt, es würde sich um einen Scherz handeln", sagte Lipset.

„Dagegen spricht wohl die Tatsache, dass man Cindy Taylor ermordet und mich überfallen hat", warf Duggan ein.

„Richtig! Und darum haben unsere Spezialisten auch nicht lockergelassen, bis sie dem Geheimnis auf die Spur gekommen waren. Seymor Lipset lächelte verschmitzt. Er wollte Duggan ein wenig auf die Folter spannen und zündete sich erst einmal eine Zigarette an. „Sie wissen ja sicher, Mister Duggan, dass die Geheimdienste in aller Welt mehr und mehr seltene Sprachen oder Dialekte für ihre Nachrichtenübermittlung benutzen. Die National Security Agency, die Schwesterorganisation der CIA, verwendet zum Beispiel einen nur gesprochenen Navajo-Dialekt.

„Aha, jetzt verstehe ich! Archibald Duggan schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Gewisse Geheimdienste, die in Süd- und Mittelamerika gegen die USA arbeiten, haben sich nun also einen ganz seltenen Indianerdialekt herausgesucht, den bei uns kein Mensch übersetzen kann.

„So ist es. Lipset war um eine Spur ernster geworden. „Wir haben schon mit einigen besonders spezialisierten Universitätsinstituten telefoniert, und es hat sich ganz klar herausgestellt, dass es auf der Welt überhaupt nur einen Mann gibt, der uns unseren Text übersetzen kann. Er heißt William Carmichael und ist ordentlicher Professor für Ethnologie, also für Völkerkunde, an der Columbia University in New York. Ich habe vorhin ein paar Minuten mit ihm gesprochen und ihm einige Sätze unseres Textes vorgelesen. Er konnte sie auch so ungefähr übersetzen ...

Lipset machte eine Pause und starrte gedankenverloren auf die Bogen.

„Und?", fragte Duggan ungeduldig.

„Offensichtlich handelt es sich um den Zwischenbericht eines New Yorker Spionageringes. Man hat wahrscheinlich eine Menge Material über unsere künftigen Aktivitäten in Brasilien und Peru zusammentragen können ..." Lipset seufzte schwer.

„Wo ist denn eigentlich der Stamm zu Hause, der diesen Dialekt spricht?", wollte Duggan wissen.

„Nach Carmichaels Auskunft am oberen Amazonas zwischen Manaus und dem Rio Jurua. Es handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach um den kleinen Stamm der Curuzirare."

„Nie gehört", brummte Duggan.

„Da werden Sie nicht der einzige sein, trösten Sie sich, mein lieber Duggan. Lipset drückte seine Zigarette aus. „Nun zur Sache. – Die Bedeutung des Falles wird Ihnen sicherlich schon klargeworden sein. Wenn wir die undichte Stelle in unserem System nicht finden, dann ist unsere gesamte Südamerikapolitik zum Scheitern verurteilt. Mit anderen Worten: Wir müssen den Spionagering so schnell wie möglich zerschlagen. Zu diesem Zwecke werden Sie auf dem kürzesten Wege zu Professor Carmichael reisen und ihm diese Schriftsätze hier zur Übersetzung übergeben. Aus dem Material lassen sich dann bestimmt Rückschlüsse ziehen, die uns die Ausschaltung der fremden Agenten erlauben. Die Adresse von Carmichael finden Sie hier angeheftet. Er weiß Bescheid. Also, das wäre es ... Viel Glück!

5

Professor William Carmichael wohnte in einer ruhigen Gegend von Queens, und zwar am Springfield Boulevard in der unmittelbaren Nähe des Alley Parks. Sein zweistöckiges, weiß gestrichenes und mit einem roten Ziegeldach geschmücktes Haus unter den alten Ulmen war im wahrsten Sinne des Wortes seine Burg. Hier konnte er sich vollkommen von der Außenwelt abschirmen und seinen wissenschaftlichen Studien mit vollster Konzentration nachgehen. Eine wortkarge Schwarze, die ein paar Häuser weiter mit ihrer Familie wohnte, besorgte ihm den Haushalt, ein menschenscheuer Gärtner versorgte die kleine Grünfläche vor dem Haus.

Carmichael, die Kapazität für südamerikanische Indianerstämme, lebte keineswegs wie ein Einsiedler. Oft waren Kollegen und Studenten bei ihm zu Gast. Er genoss einen ausgezeichneten Ruf. Die Bibliotheken mussten seine Bücher stets mehrmals anschaffen. Carmichael war ein hochgebildeter, weitgereister und welterfahrener Mann, aber auf einem Sektor war er völlig ahnungslos: auf dem der Spionage.

„Das ist wirklich ein merkwürdiger Auftrag", sagte er jetzt zu Duggan, als dieser ihm die Bogen mit der geheimnisvollen Schrift überreichte. Unwillkürlich schauderte ihn. Er kam sich vor wie ein Junge, der etwas vom dunklen und unübersichtlichen Dachboden holen musste.

„Sie leisten uns und der ganzen Nation einen unschätzbaren Dienst", meinte Duggan mit Nachdruck.

„Natürlich, natürlich", murmelte Carmichael und vertiefte sich in den Text. Die Aufgabe reizte ihn sichtlich. Außerdem war er eitel wie so viele Professoren. Es schmeichelte ihm sehr, dass man in ihm den einzigen Menschen gefunden hatte, der diesen Text ins Amerikanische übersetzen konnte.

Zugleich aber warnte ihn eine innere Stimme vor dem Auftrag.

Archibald Duggan hatte Zeit, Carmichael zu studieren. Der Wissenschaftler mochte Ende der Dreißig sein. Er war hochgewachsen und sehr schlank, fast dürr. Sein Kopf war klein und kantig, die Backenknochen standen weit hervor. Er hatte eine ungesunde gelbliche Gesichtsfarbe. Am Meisten fiel an ihm seine entsetzliche Nervosität auf. Seine Finger spielten pausenlos mit Bleistiften und Linealen. Er sprach abgehackt und in einem zermürbenden Rhythmus.

Duggan sah sich um. Drei Wände des relativ niedrigen Raumes waren mit überquellenden Bücherregalen vollgestellt. Kaum war Platz für die Tür geblieben. Die vierte Seite des Zimmers bildete ein schlecht geputztes Fenster, durch das man in den Alley Park hineinsehen konnte.

„Tja, murmelte Carmichael. „Dieser Text wird eine Menge Arbeit machen. Es ist ...

Der Professor konnte seinen Satz nicht vollenden, denn das unter einigen dicken Wälzern begrabene Telefon schrillte. „Moment, Moment. Carmichael arbeitete sich zum Hörer vor. Unwillig riss er ihn hoch. „Bitte?

„Hier spricht der Chef ..."

„Was für ein Chef?", fragte Carmichael, sichtlich irritiert.

„Der Chef der Männer, deren Text Sie übersetzen sollen. Die CIA hat Sie doch sicher informiert?"

„Allerdings, aber wie kommen Sie dazu ...?" Carmichael trat der Schweiß auf die Stirn. Hilflos starrte er Archibald Duggan an. Archibald trat dicht heran, um mitzuhören.

„Ich weiß, dass Sie immer Geld brauchen, Mister Carmichael, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung. Er sprach mit hoher, offensichtlich verstellter Stimme. Einen besonderen Akzent konnte Duggan nicht heraushören. „Wir bieten Ihnen fünftausend Dollar, Professor, wenn Sie den Text gar nicht oder wenigstens falsch übertragen ... Na?

„Hm." Am Liebsten hätte Carmichael ja gesagt. Nicht des Geldes wegen – er hatte Angst.

„Wir wissen, dass ein CIA-Mann bei Ihnen ist, aber lassen Sie sich durch diesen Burschen nicht stören. Also, was ist? Sie brauchen doch das Geld dringend für Ihre Forschungsreisen! Niemand wird es Ihnen nachweisen können, wenn Sie eine Fehlübersetzung liefern. Sie sind der einzige Experte, der für die CIA erreichbar ist. Sie brauchen jetzt nichts zu sagen. Überlegen Sie es sich!"

„Nein, ich ..." Carmichael stotterte immer stärker. Dann legte er völlig verwirrt auf.

Archibald Duggan ging in die Küche und holte ein Glas Wasser für Carmichael. Der trank es hastig aus.

„Reden wir ganz offen miteinander. Duggan lehnte sich gegen eines der Bücherregale. „Niemand kann Sie zwingen, uns diesen Text zu übersetzen. Sollten Sie das Material allerdings mit Absicht falsch übersetzen, dürfte Ihnen eine peinliche Gerichtsverhandlung sicher sein.

„Logisches Denken scheint nicht Ihre Stärke zu sein!, rief Carmichael erregt dazwischen. Es klang irgendwie aggressiv. „Wenn ich der einzige bin, der diesen Text übersetzen kann, wird mir nie jemand einen etwaigen Fehler nachweisen können. Das hörte sich an wie ein Triumphgeschrei. Carmichael glaubte, sich noch einmal befreit zu haben.

„Irrtum, Herr Professor, erwiderte Duggan lächelnd. Er verstand den anderen, aber er konnte ihn nicht schonen. „Eines Tages werden wir den Spionagering auch ohne Ihre Hilfe auffliegen lassen, und wenn die Agenten dann aussagen, kommt todsicher heraus, ob Sie uns an der Nase herumgeführt haben.

„Gehen Sie ..." sagte Carmichael matt.

„Wahrscheinlich wird man Sie bedrohen. Ich werde deshalb zwei FBI-Männer zu Ihrem persönlichen Schutz anfordern und mich außerdem selbst in Ihrer Nähe aufhalten. Hundertprozentige Sicherheit kann ich freilich nicht verbürgen. Es tut mir leid. Duggan wandte sich zur Tür. „Auf Wiedersehen, Professor Carmichael.

Dann war William Carmichael allein. Er kämpfte mit sich um eine Entscheidung. Es ging ihm wie jedem Individuum, das sich plötzlich den Forderungen der Gesellschaft gegenübersieht. Auf der einen Seite stand sein ruhiges, der Wissenschaft gewidmetes Leben, auf der anderen Seite die Pflicht der Gemeinschaft gegenüber.

Dann klingelte das Telefon. Er ahnte, wer es war. Und plötzlich wusste er auch, was er zu antworten hatte. Er konnte nicht anders.

„Carmichael, bitte?"

„Hier ist wieder der Chef. Na?"

„Ich werde mein ganzes Wissen und Können aufbieten, um den Text ordentlich zu übersetzen ..." Carmichaels Stimme versagte. Er war kein Held. Seine Worte hatten alles andere als pathetisch geklungen. Dazu zitterten seine Lippen viel zu sehr.

„Mann, seien Sie doch kein Narr! Wissen Sie denn, was das bedeutet?"

„Nein!"

„Ihren Tod!"

6

Die Bahia-Bar, in der West 47 th Street gegenüber dem Mayfair Theatre gelegen, war einer der beliebtesten Treffpunkte von Diplomaten, UN-Beamten, Schriftstellern und Journalisten. Sie hatte zweifellos die gewisse Atmosphäre, die sich nicht beschreiben lässt. Im Grunde handelte es sich nur um einen länglichen Raum, der von Wänden aus tropischen Pflanzen in verschiedene kleine Rechtecke unterteilt wurde, in denen nierenförmige Tische und bequeme Clubsessel in allen Farbnuancen standen. Die grob verputzten Wände waren weinrot gestrichen, die Decke schwarz. Auf den einzelnen Tischen flackerten dicke Kerzen. Ober in weißen Fräcken huschten unauffällig durch den schmalen Mittelgang zu den einzelnen Nischen. Eine Fünf-Mann-Kapelle, die ab und zu von einer singenden Mulattin unterstützt wurde, ließ südamerikanische Melodien erklingen.

Sie spielte gerade die Samba „El Cumbanchero", als man Pit Stranger sein Beefsteak-Tartar servierte. Das rohe Fleisch, das mit karreeförmig angeordneten Sardellenfilets und mit einer Unmenge Petersilie garniert war, sah äußerst appetitlich aus.

„Guten Appetit", sagte Eileen Douglas, die Pit gegenüber in einem taubengrauen Sessel saß und mit ihrem halb gefüllten Weinglas spielte.

„Danke, murmelte der Journalist Pit Strenger, der keineswegs begeistert war, Eileen hier getroffen zu haben. „Und Sie wollen hungrig bleiben?

„Hm. Sie strich sich über ihr ausgebeultes, altmodisches schwarzes Kleid. „Sie warten doch sicher auf Ihren Bekannten?

„Auf Archibald Duggan? Ja." antwortete Stranger kauend.

„Wunderbar. Ich hätte ihn gerne einmal wiedergesehen." Sie schnippte eine Zigarette aus ihrem goldenen Etui und wartete, bis Pit ihr Feuer gegeben hatte.

Stranger nickte nur wortlos. Er wünschte sehnsüchtig, Duggan möge kommen, denn er wusste mit dieser Eileen Douglas beim besten Willen nichts anzufangen. Irgendwie hatte er eine Abneigung gegen intellektuelle Frauen.

Stranger hatte Glück, denn in dem Augenblick, als die Kapelle von der Samba zum Slow-Baiao „Noches de Pampa" hinüberleitete, erschien Archibald Duggan an der Tür. Er trug ein weißes Sommerjackett, von dem eine schmale schwarze Fliege kontrastreich abstach. Die Blicke der anwesenden Frauen blieben für ein paar Sekunden an seiner stattlichen Erscheinung haften.

„Sie tun wirklich alles, um Ihre Gäste zu erheitern", sagte Duggan zu Juan Calvario, dem Barbesitzer, der ihn mit übertrieben höflichen Gesten zum Tisch geleitete.

„Und ob!" Calvario strahlte.

Juan Calvario, geboren 1913 in einem kleinen Dorf im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, gehörte zu den Menschen, die durch ihre Hässlichkeit faszinieren. Er war korpulent, bullig, aber nicht fett und abstoßend. Sein aufgedunsenes Gesicht glänzte im flackernden Licht der Kerzen. Die Nase war breit und fleischig, die Ohren dagegen verblüffend klein. Seine Lippen waren fast wulstig zu nennen, irgendwie schien er in seiner Ahnenreihe Indianer zu haben. Die Augen waren etwas geschlitzt, die Pupillen wurden von einer tiefschwarzen Iris umschlossen. Die Haare, blauschwarz mit grauen Strähnen, schienen an die Kopfhaut geklebt zu sein. Calvario war der Typ des erfolgreichen Geschäftsmannes, dem man ganz deutlich den Emporkömmling ansah. Hinter der Fassade des Weltmannes konnte man noch immer den unsicheren Mann aus der armen Provinz erkennen.

„Da wären wir, sagte Calvario mit weicher, einschmeichelnder Stimme. „Bitte, Mister Duggan ... Er schob Duggan einen Sessel zurecht und entfernte sich dann mit einer leichten Verbeugung.

Duggan begrüßte Eileen Douglas und wandte sich dann seinem alten Bekannten Stranger zu. Sie kannten sich seit Jahren und hatten sich gegenseitig schon oft geholfen.

„Hallo, Pit! Wunderbar, dass wir uns wieder einmal treffen! Ich wusste schon gar nicht mehr, wie du aussiehst

„Je länger der Abend, desto schöner die Gäste, grinste Stranger mit einem Seitenblick auf Archibalds glänzende Aufmachung. „Ich wusste gar nicht, dass du dich hier mit Miss Eileen verabredet hattest. Ich bewundere deinen Geschmack.

„Ober, einen Beausite-Cocktail bitte!", rief Duggan, Strangers Worte einfach ignorierend.

Für einen Augenblick schwiegen alle, auch die Kapelle hatte eine kleine Pause eingelegt. Die Gespräche an den Nebentischen konnte man nur undeutlich verfolgen.

„Oh, Pardon, Eileen, sagte Duggan dann, „ich hatte ganz vergessen zu fragen, ob du auch etwas trinken möchtest.

„Danke", erwiderte Eileen, ohne eine Gefühlsregung erkennen zu lassen.

„Mich hättest du aber einladen können", meinte Stranger.

„Du solltest erst einmal zu Ende essen", sagte Duggan.

Sein Cocktail kam, er nippte daran, Ein verlorener Abend, dachte er. Und dabei hatte er sich schon seit Langem auf das Gespräch mit Pit gefreut.

„Haben sich schon irgendwelche Anhaltspunkte ergeben?, fragte Eileen Douglas. „Ich meine, ist man schon auf einen möglichen Täter gestoßen? Sie zog nervös an ihrer Zigarette.

„Nein. Leider noch nicht." Duggan hatte Mühe, seine schlechte Laune zu verbergen.

„Wovon ist denn die Rede?", wollte Stranger wissen.

„Cindy Taylor ist ermordet worden, hast du denn nichts davon gelesen?"

„Nein! Stranger war bestürzt. „Wie ist denn das passiert?

Duggan erzählte ihm alles, was er wusste. Eileen hörte aufmerksam zu, unterbrach Duggan aber nicht ein einziges Mal.

„Ich habe Cindy zum letzten Mal in der Oper gesehen, sagte Pit Stranger. „Sie hat im Chor mitgesungen ... Was ist denn eigentlich aus ihr geworden?

„Das müsste Eileen besser wissen als ich", sagte Duggan und wandte sich nach rechts.

„Tja! Eileen fuhr mit dem Mittelfinger ihrer rechten Hand über den Rand ihres dünnen Weinglases, bis ein äußerst hoher Ton zu vernehmen war. „Wir haben ein paar Jahre zusammengewohnt. Es war nicht mehr viel los mit ihr. Ihre Ausbildung als Sängerin hatte sie ja erfolgreich hinter sich gebracht. Aber mit der Karriere ist es dann doch nichts geworden. Eine Kehlkopfkrankheit ... Tja ... Dann unternahm sie ihren ersten Selbstmordversuch. Sie wollte sich von der zehnten Etage eines Geschäftshauses am Times Square in die Tiefe stürzen. Ein Fensterputzer, der zufällig dort arbeitete, holte sie vom Sims herunter. Es war ein brutaler, heruntergekommener Mann aus Virginia. Aber sie liebte ihn. Durch ihn wurde sie rauschgiftsüchtig. Und als er Geld brauchte, musste Cindy wieder arbeiten. Erst hat sie es als Barsängerin versucht und dann als Sekretärin. Und zwar hier bei Juan Calvario ...

„Ja, bitte? Calvario, der zufällig in der Nähe herumstreifte, hatte seinen Namen gehört. „Womit kann ich dienen?

„Miss Taylor, Cindy Taylor, war doch bei Ihnen angestellt?"

„Sicher. Der Brasilianer kam näher an den Tisch heran. „Zuerst hat sie bei mir gesungen, aber dann ging es mit ihrer Stimme nicht mehr. Sie tat mir leid, das arme Kind! Ja, da habe ich sie eben in mein Büro gesetzt. Er stockte unwillkürlich, denn die Kapelle begann plötzlich, eine Beguine zu spielen. „Und was soll ich sagen, mit einem Mal war sie verschwunden. Ohne ein Wort zu sagen, kam einfach nicht mehr zum Dienst. Na ja, des Menschen Wille ist eben sein Himmelreich. Aber, dass sie ermordet worden ist, nein! – Entschuldigung!" Calvario hatte neue Gäste erspäht und glitt davon.

Archibald Duggan versuchte, von Eileen so viel wie möglich über Cindy Taylor zu erfahren, vielleicht ergab sich doch irgendwo ein Anhaltspunkt. Aber die Freundin der Ermordeten blieb wortkarg. Ihr rundes, formloses Gesicht wurde undurchdringlich. Auch als Duggan sie dazu bewegt hatte, zwei Äquator-Cocktails zu trinken, wurde sie nicht gesprächiger.

„Wartest du vielleicht noch auf einen Verehrer?", fragte Archibald schließlich.

„Ich? Nein, wie kommst du denn darauf?"

„Nur so." Duggan konnte ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken. Er wusste, dass Eileen alle Männer vergraulte, indem sie ihnen ununterbrochen politische Vorträge hielt. Bisher hatte niemand an ihren wirren, fanatischen Gedanken Gefallen gefunden. Wenn es nach Eileen gegangen wäre, hätte man alle amerikanischen Polizisten ins Meer werfen müssen.

Plötzlich sprang sie auf.

„Nanu, was ist denn los?", kicherte Pit.

„Den Mann da an der Tür kenne ich, sagte Eileen, offensichtlich ein wenig erregt. „Er war früher einmal Boxer, jetzt ist er Manager. Er stammt aus Bahia. Darf ich ihn an diesen Tisch bringen?

„Natürlich", lächelte Duggan.

Sie winkte den Bekannten herbei. Es war ein kleiner, drahtiger Mann, vielleicht Weltergewicht. Sein schmales Gesicht war zerknittert. Auffällig waren seine kräftigen, unangenehm gelb angelaufenen Vorderzähne.

„Darf ich vorstellen – Señor Serena", sagte Eileen Douglas.

„Archibald Duggan."

„Pit Stranger."

Lächelnd reichten die beiden Freunde dem neuen Gast die Hände. Woher sollten sie auch wissen, dass sie dem Manne gegenüberstanden, der Cindy Taylor ermordet hatte?

Domingo Serena setzte sich und lächelte.

7

Es war gegen sieben Uhr morgens. Archibald Duggan saß in einem weinroten Ford und rollte den breiten Long Island Expressway in Richtung Osten entlang, mitten durch das Herz des Stadtteils Queens. Auf der linken Fahrbahn fuhren die Wagen beinahe Stoßstange an Stoßstange, denn drüben in Manhattan warteten die Wolkenkratzer auf die Scharen der Büroangestellten und Beamten.

Duggan war auf dem Wege zu Professor Carmichael. Er wollte sich vergewissern, ob dessen Haus wirklich streng bewacht wurde. Carmichael war schließlich die Schlüsselfigur in diesem mysteriösen Fall. Außerdem fühlte Archibald sich irgendwie verantwortlich für den Wissenschaftler, denn ohne die CIA wäre er gewiss nicht in eine solche unangenehme Lage geraten. Auch menschlich hatte er etwas für Carmichael übrig, er konnte sich sehr gut in ihn hineinversetzen.

Während er das Kleeblatt am Cunningham Park passierte und über den Clearview Expressway hinwegglitt, erinnerte er sich wieder an den gestrigen Abend. Welche Rolle mochte wohl diese Eileen Douglas spielen? War sie irgendwie in den Fall verwickelt? Bei ihrer politischen Einstellung war das durchaus möglich. Und auch gegen Cindy Taylor mochte sie Hassgefühle entwickelt haben, weil ihr die Freundin alle Männer weggeschnappt hatte. Aber reichte das wirklich aus, einen Mord zu planen und durchzuführen?

Duggan bremste, um nach rechts in den Springfield Boulevard abbiegen zu können.

Auch dieser Domingo Serena ging ihm nicht aus dem Kopf.

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