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Operación Cóndor: Lateinamerika im Griff der Todesschwadronen

Operación Cóndor: Lateinamerika im Griff der Todesschwadronen

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Operación Cóndor: Lateinamerika im Griff der Todesschwadronen

Länge:
564 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 20, 2017
ISBN:
9783889752178
Format:
Buch

Beschreibung

Unter dem Codenamen Operation Condor operierten in den 70er und 80er Jahren die Sicherheitsdienste von sechs lateinamerikanischen Ländern - Argentinien, Chile, Paraguay, Uruguay, Bolivien und Brasilien mit dem Ziel, linke politische und oppositionelle Kräfte weltweit zu verfolgen. Die USA unterstützten und trainierten die lateinamerikanischen Sicherheitskräfte. Die bekannte argentinische Journalistin Stella Calloni hat jahrelang minutiös recherchiert, wer, wann und wo die Todesschwadronen das Verschwindenlassen und die Ermordung von Oppositionellen organisierte.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 20, 2017
ISBN:
9783889752178
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Operación Cóndor - Stella Calloni

Calloni

1. KAPITEL

DIE JAHRE DES SCHMUTZIGEN KRIEGES

In den 70er Jahren, mitten im sogenannten „schmutzigen Krieg, schrieb ein politischer Gefangener auf ein zerknittertes Stück Papier: „Ich bin in einer Geschichte von verfluchten Spiegeln gefangen. Es gab keine Unterschrift, aber der Autor war mit Sicherheit ein Opfer der Operación Cóndor. Der anonyme Satz spiegelt in seiner Dramatik die von einem ganzen Volk erlebte Tragödie wider. Erst nach 25 Jahren beginnen die Ereignisse zutage zu treten, die man bis dahin verheimlicht hatte.

Während der „Wolfsjahre war die politische Landschaft des Südkegels und Lateinamerikas durch eine ununterbrochene Folge von Diktaturen gekennzeichnet. General Alfredo Stroessner war bereits seit einem Jahrzehnt in Paraguay an der Macht, als 1964 das brasilianische Militär die demokratische Volksregierung von João Goulart stürzte. 1971 brachte die „Tradition, der zufolge ein Putsch auf den nächsten folgt, Bolivien die Diktatur von Hugo Bánzer. Am 11. September 1973 stürzte in Chile der Staatsstreich von General Augusto Pinochet den Präsidenten Salvador Allende und bereitete so dem sozialistischen Experiment einer demokratisch gewählten Regierung ein Ende. Wie allgemein bekannt ist, weigerte sich Salvador Allende zurückzutreten, und wurde im Inneren des zerbombten Präsidentenpalastes ermordet. Im selben Jahr löste der uruguayische Präsident Juan María Bordaberry, der sich mit dem Militär verbündet hatte, das Parlament auf und erklärte das Ende der Demokratie und den Beginn der Diktatur. Und in Argentinien bereitete am 24. März 1976 eine Militärjunta mit General Jorge Rafael Videla an der Spitze der demokratischen Regierung ein Ende. Seit den 30er Jahren hatte Argentinien gelegentlich demokratische Zeiten erlebt, die jedoch immer durch Staatsstreichen beendet wurden. In diesem Fall wurde María Estela Martinez de Perón gestürzt, deren einziger Verdienst es war, die Witwe von Juan Domingo Perón gewesen zu sein. Unter dieser letzten Regierung begann die Alianza Anticomunista Argentina – die Triple A – koordiniert mit der Diktatur Pinochets in Chile in Aktion zu treten.

Die Unterdrückung kannte keine Grenzen. In all diesen Fällen ist der starke Einfluss Washingtons und ihrer Theorien zur „nationalen" Sicherheit der Vereinigten Staaten offensichtlich. Es handelte sich um einen Völkermord mit kontinentalem Ausmaß, dessen Tragweite und Dimension man erst heute erahnen kann; und er war nur möglich durch die Rolle, die die nordamerikanische Regierung dabei spielte.

Stroessner hatte in fast allen Nachbarstaaten „gute Freunde". Nach den Staatsstreichen in Chile und Uruguay versuchten zahlreiche politische Flüchtlinge und schon Exilierte die Grenzen zu überqueren. Viele von denen, die in Argentinien Zuflucht gesucht hatten, wo bereits Tausende von Paraguayern lebten, die dem Stroessner-Regime entronnen waren, wurden nun zum Opfer der argentinischen Diktatur. Die wenigen Fluchtmöglichkeiten wurden noch mehr eingeschränkt; Mexiko, Panama, Venezuela, Peru, Kuba und die europäischen Länder waren gezwungen, Millionen von Flüchtlingen aufzunehmen.

Allein im Südkegel (Cono Sur) soll es mehr als 50.000 Desaparecidos gegeben haben. Nach einer sorgfältigen Untersuchung, die unter de m Schirm der Vereinten Nationen von der Comisión de la Verdad (Wahrheitskommission) durchgeführt wurde, hatten in Guatemala die ununterbrochenen Diktaturen während der 36 Kriegsjahre zu dem traurigen Rekord von 200.000 Toten geführt. Im Dezember 1996 beschränkte sich die „Kommission für Historische Aufklärung" (Historical Clarification Commission) unter dem Vorsitz von Christian Tomuschat nicht allein auf die Veröffentlichung eines Berichts, in dem die in Guatemala ausgeübten Gewalttaten dokumentiert wurden, sondern sie konnte auch beweisen, dass die nordamerikanische Regierung, vor allem durch die CIA, einigen illegalen operativen Einheiten des guatemaltekischen Staates ihre Unterstützung angeboten hatte. 1954 wurden nach dem Fall der Volksregierung von Oberst Jacobo Arbenz Guzmán durch eine von der CIA organisierte Invasion ca. 440 Eingeborenendörfer dem Erdboden gleichgemacht. Die United Fruit Company, deren Ziele durch die Politik des Präsidenten Guzmán, der die Enteignung des Großgrundbesitzes plante gefährdet waren, spielte bei dieser verbrecherischen Aktion eine zentrale Rolle. In El Salvador und Nicaragua führten die Diktaturen und Kriege zu mehr als 150.000 Toten. Und wir könnten so fortfahren und die Liste auf den ganzen Kontinent ausdehnen, um daran zu erinnern, dass in dieser Region ein Völkermord begangen wurde und dass die heutigen Regierungen, die sich selbst als demokratisch bezeichnen, uns nicht die von ihnen gewährte oder zumindest akzeptierte Straffreiheit der Verantwortlichen vergessen lassen können, womit sie dieselbe Unterdrückung von damals fortsetzten, nun mit dem bescheideneren Ziel, die Ausführenden der Verbrechen zu schützen.

Das Hineingleiten des gesamten Südkegels in Richtung Barbarei hatte seinen Anfang in einer politischen bzw. geopolitischen Krise. Sie wurde flankiert von einer dominierenden Ideologie, die sich die Militärregierungen der Region zu eigen gemacht hatten und die auf entscheidende Weise von den Vereinigten Staaten gefördert wurde. Der Kalte Krieg bildete den Hintergrund für einen extremistischen und krankhaften Antikommunismus. Die Streitkräfte der Region nahmen – bis auf wenige Ausnahmen diesem Plan gegenüber eine sehr entgegenkommende Haltung ein und entwickelten unter dem Einfluss des mächtigen nordamerikanischen Staates eine totalitäre Sichtweise, deren Auswirkungen uns nur zu gut bekannt sind.

Die Vereinigten Staaten waren zu gleicher Zeit Anstifter, Geldgeber und fachliche Berater der Repressionen und legten das Fundament für die Operación Cóndor. Die CIA förderte und erreichte eine effizientere Zusammenarbeit zwischen den Geheimdiensten der Region. Laut einem US-amerikanischen Historiker wurden die ersten Treffen von uruguayischen und argentinischen Sicherheitsfunktionären, mit dem Ziel, über die Überwachung der politischen Verbannten zu diskutieren, von einer operativen Gruppe der CIA in die Wege geleitet, die bereits Versammlungen von Anführern der brasilianischen, argentinischen und uruguayischen Todesschwadronen organisierte¹.

Aber die Vereinigten Staaten beschränkten sich nicht allein darauf. Die technische Abteilung der CIA lieferte den Brasilianern und Argentiniern nicht nur die für die elektrische Folter vorgesehenen Instrumente, sondern bot ihnen auch eine „medizinische" Ausbildung an².

Am Sitz des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit des Staates Texas wurden die lateinamerikanischen Geheimdienstagenten von der CIA in der Herstellung von Bomben unterrichtet³.

Die von den Vereinigten Staaten gelieferte Ausbildung und Assistenz erleichterte die Koordination zwischen den örtlichen Niederlassungen der Geheimdienste, was den Austausch von Informationen oder Gefangenen wie auch die Organisation von gemeinsam geplanten Morden ermöglichte. Ein exilierter Bürger konnte somit unter vollkommener Nichtbeachtung des Gesetzes verschleppt, als Geisel genommen, über die Grenze gebracht oder gefoltert werden und man konnte ihn sogar verschwinden lassen. Die Tatsache, dass die CIA derartige repressive Aktionen leitete, begünstigte das Entstehen der Operación Cóndor. Die Zusammenarbeit mit der CIA war seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs für alle Militärdiktaturen von grundlegender Bedeutung. Allein während der Regierung von Carter erhoben sich angesichts der zahlreichen, insbesondere in Chile begangenen Verbrechen Vorbehalte und man begann, der CIA, die beschlossen hatte, allen Forderungen der Geheimdienste Lateinamerikas nachzukommen, einen Riegel vorzuschieben⁴.

William Colby

Am 13. Mai 1974 begab sich Pinochet zu einem Besuch nach Paraguay, um internationale Beziehungen zu knüpfen, zu einem Zeitpunkt, als er noch isoliert war, da Präsident Juan Domingo Perón den Putsch verurteilt hatte. Unter den zahlreichen chilenischen Flüchtlingen in Argentinien, denen es gelungen war, dem Terrorregime Pinochets zu entkommen, befand sich auch General Carlos Prats. Die Gespräche verliefen sehr produktiv. Pinochet verlieh Stroessner den Titel des Generals honoris causa der chilenischen Armee und schenkte ihm eine Kopie der Büste vom Libertador Bernardo O’Higgins⁵. Beim Abflug Pinochets von Asunción aus überreichte der Gastgeber dem Diktator eine Goldmedaille zum Gedenken an Marschall Francisco Solano López⁶ und bezeichnete diesen als „den Führer, der die Stahlklinge seines Schwertes erstrahlen ließ, um die Verbreitung einer so antinationalen und antichristlichen Doktrin, wie sie der atheistische Kommunismus darstellt, zu verhindern"⁷.

Vier Monate später stattete Stroessner Pinochet einen Gegenbesuch ab. Wenige Tage zuvor, am 14. Juli 1974, rief Pinochet mit dem Dekret Nr. 521 die Dirección Nacional de Inteligencia (DINA, „Leitung des Nationalen Geheimdienstes")⁸ ins Leben. Sie vereinigte die Geheimdienste der drei Militärbereiche und an die Spitze setzte er General Manuel Contreras. Das verbrecherische Unterfangen nahm organisierte Ausmaße an. Als Pinochet am Ende Stroessner für seinen Besuch dankte, war er ungewöhnlich redselig: „Ihre Anwesenheit ist für die Chilenen von großer Bedeutung. Seit Chile seine Freiheit zurückgewonnen hat, sind Sie der erste regierende Politiker einer befreundeten Nation, der unserem Land einen Besuch abstattet. Im Schatten der beiden Diktatoren triumphierte der Tod. Stroessner antwortete: „Hier in Chile wurde uns ein Spiegel vorgehalten. Im Land, das er verlassen hatte, trieben die Leichen auf den Flüssen, und in den Folterkammern hatte man alle Hände voll zu tun. Es stimmte: Das Chile unter Pinochet war der Spiegel von Stroessners Paraguay.

Am Tag nach den Gesprächen wurden die geheimen Operationen in beiden Ländern „institutionalisiert. Der geheime Plan bezog später Brasilien, Argentinien, Paraguay, Chile, Bolivien und Uruguay mit ein. Laut dem argentinischen Journalisten Rogelio García Lupo war eines der vorrangigen Ziele die „physische Eliminierung von Terroristen und im Exil lebenden Dissidenten, wie es aus den Arbeitspapieren der Geheimdienste dieser Länder hervorgeht⁹.

Die „professionellen Verbrecher" hatten etliche Vereinbarungen unterzeichnet, während die Koordinierung der Repression bereits funktionierte, die sich im Folgenden in der sogenannten Operación Cóndor konkretisieren sollte.

Am 25. Oktober 1974 erklärte der Direktor der CIA, William Colby: „Die Vereinigten Staaten haben das Recht, in jeder Region der Welt zu agieren, ohne die örtlichen Gesetze zu berücksichtigen, in den jeweiligen Ländern Ermittlungen einzuleiten und selbst Operationen wie die Einmischung in die inneren Angelegenheiten Chiles zu Ende zu führen"¹⁰. Es ist kein Zufall, dass eben dieser Colby 1966 in Vietnam dabei war, als man die Operation Phoenix einleitete. Sie sah die Bildung paramilitärischer bzw. terroristischer Gruppierungen vor, die, wie die Vietcong gekleidet, für Tausende von Toten in der gesamten Region verantwortlich zu machen sind¹¹. Es lohnt daran zu erinnern, dass Colby im Jahr 1963 Leiter der Abteilung Ferner Osten der CIA war und in den 60er Jahren verantwortlich für die Produktion von Betäubungsmitteln im Südkegel¹².

Der argentinische Essayist G. Mardónez zählt den Staatsstreich in Indonesien, der mit der Absetzung des Präsidenten Sukarno und der Aufstellung des Phoenix-Programms endete, zu den schlimmsten Ereignissen, die die Komplizenschaft der CIA im von den USA in Südostasien organisierten geheimen Krieg beweisen. Man muss sich vor Augen halten, dass Sukarno einige nationalistisch ausgerichtete Entwicklungspläne umgesetzt hatte, um den Lebensstandard von Millionen Indonesiern zu verbessern. Eine seiner wichtigsten Maßnahmen war die 1965 erfolgte Verstaatlichung der Erdölindustrie (bis dahin Eigentum des britisch-niederländischen Konzerns Royal Dutch Shell). Im Oktober desselben Jahres wurden unter – heute ohne jeden Zweifel bewiesener – Beteiligung der CIA und anderer transnationaler Unternehmen kaltblütig über eine Million Menschen umgebracht und weitere 200.000 ins Gefängnis gesteckt. Bei dieser Gelegenheit wurden neue Foltermethoden erprobt, die dann später auch in den lateinamerikanischen Ländern angewandt wurden.

Das Phoenix-Programm verfolgte ab 1966 in den Dörfern Südvietnams die sogenannte Politik der „Befriedung, die in Langley, dem Sitz der CIA, unter dem damaligen Vize-Direktor William Colby erdacht wurde. Um diese „Befriedungspolitik praktisch umzusetzen, wurden Erkundungskommandos auf Provinzebene gebildet, die in die befreiten Dörfer einfielen. Diese Kommandos waren in Wirklichkeit „von 44 Fahndungszentralen unterstützte rechtsradikale Banden der Provinzen (eine für jede Provinz), „deren Mitglieder systematisch verdächtige Landsmänner folterten"¹³.

William Colby hielt all das für „unzureichend" und entwarf daher das Phoenix-Programm, bzw. die Operation Phoenix. An dieser waren die Polizeikorps, die Geheimdienste und die Streitkräfte Südvietnams und der Vereinigten Staaten beteiligt. 1971 gab Colby vor der Senatskommission des US-Kongresses zu, dass durch dieses Programm 20.587 Verdächtige getötet worden waren. Der Regierung von Saigon zufolge belief sich die Zahl der Toten auf 40.994. Der Schriftsteller G. Mardónez weist in seinem Buch La CÍA sin máscara („Die CIA ohne Maske) darauf hin, dass „der großflächige Einsatz von Napalm, weißem Phosphor, Splitterbomben, Flammenwerfern und anderen regulären Waffen der US-amerikanischen Streitkräfte und ihrer südvietnamesischen Verbündeten gegen die Zivilbevölkerung schon an und für sich ein Akt des Völkermords ist¹⁴.

„Das Phoenix-Programm kann zweifellos unter den Fällen von ungerechtfertigter Grausamkeit aufgeführt werden, – als gäbe es Fälle von gerechtfertigter Grausamkeit! –; „derartige Phänomene sind jedoch charakteristisch für jeden Krieg, und wir meinen, dass es eine skandalöse Ungerechtigkeit wäre, Colby als Massenmörder zu brandmarken, wie es einige zu tun versuchen¹⁵. Diese Behauptungen der Zeitschrift „Parade wurden als Antwort auf die Meldung verfasst, der zufolge US-amerikanische Einheiten aktiv am Völkermord beteiligt gewesen seien und Colby die „obligatorischen monatlichen Vernichtungsquoten bezüglich der Zivilbevölkerung festgelegt habe.

Die US-amerikanische Zeitschrift „Counter Spy veröffentlichte einen Artikel mit einer scharfen Kritik der „schmutzigen Arbeit der CIA sowie eine kurze Reportage über einen nordamerikanischen Soldaten, der gefragt wurde, ob die in Vietnam festgenommenen Gefangenen bei den Verhören mit Stromstößen gefoltert worden seien. Er antwortete, dass er von dieser Art der Folter oft Gebrauch gemacht hätte, wie alle, die in Vietnam Verhöre durchgeführt hatten¹⁶.

Viele der achtzehn in der Zeitschrift zitierten Zeugenaussagen bezogen sich auf die von US-amerikanischen Soldaten durchgeführten Verhöre (vgl. Kap. 17.3.: Die „School of the Americas: Mythos und Wirklichkeit). Doch die CIA war auch in anderer Form an der Unterdrückung beteiligt. Ihre besondere Vorgehensweise bestand in der engen Zusammenarbeit mit den örtlichen repressiven Kräften. Dies ermöglichte ihr, Maßnahmen wie Telefonkontrolle, Zensur der Korrespondenz oder den Austausch von Listen mit den Namen der Personen, die ins Ausland reisten bzw. in Hotels übernachteten usw., durchzuführen. „Diese Art der Zusammenarbeit war für die CIA von wesentlicher Bedeutung, um Überfälle, Festnahmen und Foltermaßnahmen durchführen zu können und so an Informationen zu kommen¹⁷.

Als Colby im Rahmen der Senatsverhandlungen (die später in dem The CIA File veröffentlicht wurden),¹⁸ vor den Kongress trat, behauptete er, dass seine Aktionen mit Zustimmung der US-Regierung, des Präsidenten sowie des Nationalen Sicherheitsrates geschahen und dass der Kongress darüber informiert gewesen war. Und er fügte hinzu: „Ich persönlich habe niemanden getötet (Gelächter der Anwesenden). Die Operation Phoenix war Teil des allgemeinen ,Befriedungsprogramms‘, das von der vietnamesischen Regierung durchgeführt wurde und auch andere Inhalte hatte, wie die Formierung von lokalen Sicherheitskräften zur Verteidigung der Dörfer oder die Verteilung von Waffen unter den Freiwilligen der Selbstverteidigungsgruppen. Meiner Meinung nach stellte all das einen gewagten Schritt dar, den kaum eine andere Regierung zu tun gewagt hatte". Daraufhin fuhr er mit derselben zynischen Haltung fort: „In den mehr als zweieinhalb Jahren, in denen das Phoenix-Programm durchgeführt wurde, wurden 29.000 Personen festgenommen, 17.000 zur Kollaboration ,überredet‘ und 20.500 getötet. 87 Prozent der Toten sind den regulären und paramilitärischen Gruppen zuzuschreiben und nur 13 Prozent der Polizei und ähnlichen Einheiten. […] Das Phoenix-Programm sah menschenwürdige Haftbedingungen vor (weiteres Gelächter). Außerdem ist allgemein bekannt, dass ein lebender Mensch Informationen weitergeben kann, eine Leiche dagegen nicht"¹⁹.

Diese Operation nahm später wieder in Chile Gestalt an, wo sich nach dem Fall von Salvador Allende der wichtigste CIA-Stützpunkt der 70er Jahre befand. Die bedeutendste subversive Operation der CIA war zweifellos die aktive Beteiligung an Organisation und Durchführung des Staatsstreiches seitens der faschistischen Militärs in Chile, wobei man alles, was Colby als „die Avantgarde" im Bereich der geheimen und kriminellen Operationen betrachtete, in die Tat umsetzte.

Henry Kissinger (links) und Augusto Pinochet (Mitte).

Sicher ist, dass im Jahr 1974 eine Serie von Attentaten ihren Anfang nahm, bei denen wichtige Politiker ihr Leben ließen. Am 30. September 1974 wurde der chilenische General Carlos Prats, ehemaliger Verteidigungsminister der Allende-Regierung, der als politischer Flüchtling in Argentinien lebte, zusammen mit seiner Frau Sofia Cuthbert in Buenos Aires ermordet. Eine Bombe sprengte ihr Auto in die Luft, als sie nach einem Treffen mit Freunden nach Hause fuhren.

Es handelte sich um ein schlimmes Omen. Am 19. Dezember 1974 wurde in Paris der uruguayische Oberst Ramón Trabal ermordet, der sich geweigert hatte, mit den dunkelsten Vertretern der Repression in seinem Land zusammenzuarbeiten. Das Verbrechen wurde zunächst der Linken unterstellt. Im Juni 1975 schrieb der britische Journalist Richard Gott in „The Guardian, dass man in Paris keine Spur, nicht einmal den geringsten Hinweis darauf hatte finden können, dass die Mörder Trabals aus dem linken Lager stammten. „Der Verdacht fiel auf die uruguayische Regierung und die CIA²⁰. Trabal hatte Gott seine Sympathien für die linke Militärbewegung in Portugal und die progressiven Sektoren seines Landes anvertraut²¹. Bereits im September wurde vom Komitee für Auslandsbeziehungen des US-Senats ein Bericht verfasst, der diese Situation betraf. Die Deklassierung der Dokumente, der konkrete Anzeigen von Detektiven und Journalisten vorausgegangen waren (die wir später untersuchen werden), zeigt, inwieweit die Regierung der Vereinigten Staaten und die großen internationalen Monopole am Komplott beteiligt waren, das auf den Staatsstreich, mit dem Salvador Allende gestürzt wurde, hinauslief.

Die chilenische Diktatur und ihre Komplizen dehnten die Verfolgung der Regimegegner bis nach Washington und Europa aus. „Das Besondere daran war, dass dafür Personal und Kontakte der CIA genutzt wurden und das Ganze unter Aufsicht dieser Organisation geschah"²². Im Grunde könnte man diese Art der Zusammenarbeit am zutreffendsten mit dem Ausdruck „untergründig" beschreiben. Aufgrund dieser geheimen Beteiligung der CIA gerieten später die lateinamerikanischen Militärs und Polizisten, die für die CIA gearbeitet hatten, in ernste Schwierigkeiten, da alle Verantwortung allein auf sie zu fallen schien.

In der Einleitung zum Buch von Valentin Mahskin schreibt der Politiker und Schriftsteller Volodia Teitelboim: „Operación Cóndor bedeutet ,Kontinentalisierung‘ der politischen Kriminalität. Das bedeutet, dass die von Washington aus geleiteten terroristischen Aktionen über den gesamten amerikanischen Kontinent verteilt werden […]. Der ,Cóndor‘ übernimmt in diesem Fall die Rolle eines Raubvogels. Anfangs arbeiteten nur wenige Diktaturen zusammen. Heute spricht man dagegen von einer über die gesamte westliche Hemisphäre verbreiteten unter dem Schutz der CIA agierenden Organisation. Diese Organisation kann sich ,rühmen‘, die grausamsten politischen Verbrechen unserer Zeit geplant und durchgeführt zu haben, und zwar sowohl in Lateinamerika als auch in den Vereinigten Staaten, wie es die Ermordung von Orlando Letelier, dem ehemaligen Verteidigungsminister der Allende-Regierung und Botschafter Chiles in Washington, deutlich macht. Teitelboim betrachtete Pinochet als den lateinamerikanischen „Kopf des kriminellen Plans: „Mit Hilfe des Cóndor bespitzeln, verfolgen und töten die Diktatoren die lateinamerikanischen politischen Flüchtlinge"²³. All das wurde in den Jahren 1996 und 1997 bestätigt, als der ehemalige Chef des chilenischen Geheimdienstes, General Manuel Contreras, direkt die CIA für den Mord an Letelier verantwortlich machte und damit auch den ehemaligen Präsidenten George Bush, der zu jener Zeit an ihrer Spitze stand.

Gegen Mitte des Jahres 1976 lösten die Ermordung von Prats und Trabal, der versuchte Mord an Bernardo Leighton und seiner Frau Anita Fresno 1975 in Rom wie auch versuchte Attentate auf andere Politiker sowie die schrecklichen Zeugenberichte, die aus dem Südkegel eintrafen, bei Journalisten und Forschern Empörung aus. Am 4. Juni 1976 veröffentlichte der bereits erwähnte britische Journalist Richard Gott in „The Guardian" einen Artikel²⁴, in welchem er die südamerikanische Unterdrückung als der Operation Phoenix ähnlich bezeichnete, die von der CIA erdacht worden war, um wo immer nötig die Patrioten, die sich dem US-amerikanischen Krieg in Vietnam entgegenstellten, auszuschalten. Gott schrieb: „Männer, die imstande sind, das Volk zu inspirieren und in einer Widerstandskampagne gegen die Besatzungsmächte zu vereinen, werden einer nach dem anderen beseitigt, und beschuldigte Washington, indem er darauf hinwies, dass dem damaligen Staatssekretär Henry Kissinger „die Identität der Verantwortlichen bekannt sein müsste²⁵.

Es war jedoch der Mord an Orlando Letelier im September 1976 im sogenannten „Botschaftsviertel" von Washington, der die ersten Hinweise auf das unter dem Namen Operación Cóndor bekannte Komplott ans Licht brachte.

Eine Bombe, gelegt von einer operativen Gruppe, der Michael Townley (ehemaliger CIA-Agent), spezielle Gesandte der chilenischen Diktatur und kubanische Anti-Castro-Terroristen angehörten, tötete Letelier und seine Assistentin Ronni Moffit, während deren Ehemann Michael schwer verletzt als Einziger überlebte. Er saß auf dem Rücksitz des Autos und schrie in Todesangst: „Das waren die chilenischen Faschisten, diese Hurensöhne!"²⁶

Obwohl Michael Moffit sofort ganz klar die Verantwortlichen identifiziert hatte, vergingen wegen Behinderungen der Ermittlungen viele Jahre, bevor Townley und die Kubaner aus Miami vor Gericht gestellt wurden. Die Anheuerung kubanischer Söldner war, wie wir später sehen werden, auch noch für die Durchführung von anderen Verbrechen von fataler Bedeutung. Im Prozess um die Morde an Letelier und Moffit wurden der Leiter der DINA, Manuel Contreras, sowie zwei seiner Offiziere angeklagt. Obwohl die Diktatur immer alles geleugnet hatte, erschien 1991, als das Militärregime in Chile von einer partiellen und eingeschränkten Demokratie abgelöst wurde, die Schuld der Angeklagten dermaßen offensichtlich, dass man endlich gegen sie prozessierte und sie verurteilte. Ab 1996 waren sie in einem Luxusgefängnis untergebracht, in einem extra für „besonders angesehene Gefangene errichteten Gebäude. Wir werden im Folgenden aufzeigen, wie sich Contreras zur Kollaboration entschloss, wobei er sich dennoch darüber beklagte, zum „Sündenbock geworden zu sein.

Nach der Ermordung von Letelier tauchten die ersten verlässlichen Informationen über die Operación Cóndor auf. Spezialagent des FBI Oberst Robert Scherrer, der in verschiedenen US-amerikanischen diplomatischen Niederlassungen gearbeitet hatte, informierte seine Vorgesetzten am 28. September 1976 von Argentinien aus über das Wesen der Operación Cóndor: „Dies ist der Geheimname für die Auffindung, den Austausch und das Sammeln von geheimen Informationen über die sogenannten Kommunisten bzw. Marxisten oder ,Vertreter der Linken‘. Sie wurde vor kurzem von den Geheimdiensten Südamerikas ins Leben gerufen, die untereinander zusammenarbeiten, um die terroristischen Aktivitäten marxistischer Prägung zu behindern. Außerdem unterstützt die Operación Cóndor gemeinsame Operationen gegen als Terroristen bezeichnete Ziele in den Mitgliedsstaaten und lässt Repressalien anwenden, die eine Palette von verschiedenen Maßnahmen vorsehen können: von der Beschattung bis zur Ermordung der Terroristen und ihrer Komplizen"²⁷. In Übereinstimmung mit dem von Scherrer beschriebenen Plan beinhalteten die verschiedenen Phasen die „Lokalisierung des Ziels, das heißt des „Terroristen (dieses Wort wurde jeder Form von Opposition oder Dissidenz beigefügt), wie auch die „Überwachung all derjenigen, die den Gruppen, die sich gegen die Diktaturen der Mitgliederstaaten gebildet hatten, Unterstützung gewährten, Einige Einheiten kümmerten sich um die Geheimdienste und die „Lokalisierung der Beute, während andere „direkt gegen das Ziel vorgingen". Spezialeinheiten fälschten Papiere, die benötigt wurden, um sich in den in die Operación Cóndor verwickelten Ländern bewegen zu können²⁸.

Scherrers Unterschrift tauchte in zahlreichen Briefen auf, welche Stroessner sowohl an den Chef der politischen Polizei Pastor Coronel als auch an Antonio Campos Alum, den dubiosen Direktor der Kriminaltechnischen Polizei schickte. Letzterer ist zur Zeit untergetaucht und wird einigen Dokumenten zufolge von der brasilianischen Cóndor protegiert (s. Kap. 11 Der Cóndor in Brasilien). Der an den Direktor des FBI adressierte Bericht Scherrers beschreibt Entstehung und Entwicklung des Cóndors. Scherrer hielt Chile, Argentinien und Uruguay dabei für die drei am stärksten beteiligten Staaten Lateinamerikas und vertrat die Meinung, dass die Todesschwadronen aus Elementen aus einem oder mehreren Ländern dieser Gruppe zusammengesetzt werden sollten, für den Fall, dass man ein europäisches „Ziel", z. B. in Frankreich oder Portugal, treffen müsse. In dem Bericht kommt nicht der leiseste Verdacht darüber auf, dass der Cóndor hinter der Ermordung Leteliers steckte.

Ein auf den Archiven der CIA basierender Bericht des Komitees für Auslandsbeziehungen des US-Senats verdeutlichte: „Die Operation verlief in drei Phasen und war ab 1974 geplant, wobei die Morde an einem bolivianischen Botschafter in Paris, einem chilenischen Funktionär im Mittleren Osten und [sogar, Anm. d. Hrsg.] der Mord an Trabal, einem Mitarbeiter des uruguayischen Konsulats in Paris, zum Vorwand genommen wurden. In Europa verfolgte die Operación Cóndor das Ziel, drei Sympathisanten der Linken auszuschalten, unter ihnen der als Carlos el Chacal bekannte Venezolaner Ilich Ramírez Sánchez, [seit kurzem in Haft, Anm. d. Verf.]. Die Verschwörung wurde behindert, nachdem die CIA Frankreich und Portugal informiert hatte, das heißt die Länder, in denen die Morde wahrscheinlich hätten stattfinden sollen und die ihrerseits die avisierten Opfer warnen konnten. „Die Operation wurde abgeblasen und ihre Existenz geleugnet, versicherten Jack Anderson und Michael Binstein in der „Washington Post vom 22. August 1994²⁹. Am selben Tag erwähnte die Tageszeitung eine anonyme Quelle der CIA, der zufolge diese Organisation entscheidend zu dem französischen Erfolg bei der Ergreifung von Carlos beigetragen hatte, nach dem „20 Jahre lang auf allen vier Kontinenten" gefahndet worden war, bis sich der Kreis schließlich immer mehr schloss, da ihm der Zugang zu sicheren Zufluchtsorten verwehrt wurde³⁰.

Der US-amerikanische Journalist Jack Anderson veröffentlichte am 2. August 1979 in der „Washington Post einen Artikel mit dem Titel „Cóndor: die Verbrecher Südamerikas, in welchem er einen Plan der Operación Cóndor (deren Hauptquartier sich in Chile befand) entwarf und erklärte, dass die Geheimpolizei von mindestens sechs südamerikanischen Militärregimes eine koordinierte Operation verfolgte, deren Ziel die Tötung gemeinsamer Feinde sei, wo auch immer sie sich aufhielten. Anderson berichtete außerdem, dass er sich für seine Recherche einiger streng geheimer Berichte bedient hatte, insbesondere der von Scherrer und dem Komitee für Auslandsbeziehungen des US-Senats³¹.

Mit dem Anschlag auf Letelier stand der Cóndor vor der Tür des Weißen Hauses. Dieses Ereignis hatte eine Reihe von journalistischen Untersuchungen zur Folge, wie z. B. die von Saul Landau und John Dinges. In dem Buch Assassination on Embassy Row (Mord im Botschaftsviertel) von 1980 veröffentlichten Landau und Dinges den Bericht von Scherrer, in welchem die einzelnen Phasen des Attentats auf Letelier beschrieben werden. Was wäre geschehen, wenn das im September 1976 von Scherrer an seine Vorgesetzten des FBI verschickte Schriftstück noch im selben Jahr an die Öffentlichkeit gebracht worden wäre? Wie viele Opfer hätten sich retten können?

Obwohl es im Übrigen zu diesem Zeitpunkt schon genügend Anzeichen dafür gab, dass die Operation weitergehen würde, sickerte keine weitere Information durch, ausgenommen der, die den Fall Letelier betraf³². Als Ende der 80er-Jahre in Südamerika die Diktaturen zu stürzen begannen, waren die Menschen noch zu verängstigt (oder vielleicht nur resigniert), so dass nur in wenigen Fällen tiefer gehende Nachforschungen angestellt wurden. Die neuen Regierungen waren sehr schwach und beschränkten sich in jedem Fall darauf, nur im näheren Umkreis zu ermitteln. Der Cóndor setzte trotz allem seinen Flug fort und man weitete die kriminellen Verbindungen der Vergangenheit auf Zentralamerika und andere Gebiete des Südkegels aus, um weitere Verbrechen zu begehen.

Im Februar 1980 schrieb die US-amerikanische Zeitung „Sunday News Journal", dass die CIA den für den Mord an Letelier verantwortlichen Kubanern Virgilio Paz, José Dionisio Suárez, Alvin Ross und den Novo-Brüdern dabei geholfen hatte unterzutauchen. Im Jahr 1989 wurden einige von ihnen für die Ermordung des Erzbischofs von Salvador, Monsignore Óscar Arnulfo Romero, verantwortlich gemacht, der im März 1980 getötet wurde, als er gerade eine Messe in der Hauptstadt zelebrierte. Der Zusammenhang zwischen diesen und anderen Straftaten wird denselben Gruppen zugeschrieben (die Anwesenheit von Verbrechern in Zentralamerika Ende der 70er und während der 80er Jahre wird im Kapitel Die Krallen des Cóndors untersucht).

Valentin Mashkin schreibt in seinem Buch über die Operación Cóndor, dass nach den in der spanischen Tageszeitung „Pueblo im Herbst 1981 veröffentlichten Informationen der Verdacht auf die Beteiligung des Cóndors an den Flugzeugkatastrophen bestand, welche General Omar Torrijos in Panama und Jaime Roldós, dem Präsidenten von Ecuador, das Leben kosteten. Auf ähnliche Weise behauptete die Zeitung der Kommunistischen Partei Perus, „Unidad, dass der Flugzeugabsturz, bei dem General Luis Hoyos, Generalstabschef der Armee und der Einzige unter den Teilnehmern an der peruanischen progressistischen Revolution von 1968, der einen gewissen Einfluss in Peru behalten hatte, ums Leben kam, die Folge eines Attentats gewesen sein könnte³³.

Im Dokument von Santa Fe 1 – in welchem eine neue, interamerikanische Politik für die 80er Jahre aufgezeichnet, fürchterliche Pläne für die Außenpolitik der Vereinigten Staaten entworfen und sogar der demokratische Präsident James Carter als „Marxist und „Sympathisant hingestellt wurden –, bekräftigten die US-amerikanischen „Falken: „Panama befindet sich unter der Kontrolle eines linken Militärregimes, welches, Informationen der CIA zufolge, im Juli des Jahres 1979 bei der Versorgung der Sandinisten mit kubanischen und US-amerikanischen Waffen für die Machtergreifung der Marxisten in Nicaragua eine Vermittlerrolle eingenommen hatte. Der Text wurde mit einer nahezu apokalyptischen Beschreibung vom Aufstieg des Marxismus in der Region fortgesetzt³⁴. Im „Vorschlag Nummer 1 erklärte man außerdem, dass „die Roldós-Doktrin (nach dem Namen des ecuadorianischen Präsidenten Jaime Roldós Aguilera) verurteilt werden müsse. Torrijos und Roldós galten als hinderlich für die Pläne der US-amerikanischen extremen Rechten. Beide starben 1981 bei Flugzeug-„unfällen". General Hoyos war im Dokument von Santa Fe als „überzeugter Kommunist" aufgeführt. Die kriminellen Aktionen der Operación Cóndor kannten keine Grenzen und stellten auch im gesamten Verlauf der 80er Jahre weiterhin eine ernste Bedrohung dar.

Telex von Robert Scherer an das FBI, 1976 (Seite 1).

Telex von Robert Scherer an das FBI, 1976 (Seite 2)

Gladys Mellinger de Sanneman, eine paraguayische Ärztin und Überlebende der Operación Cóndor, beschreibt in einem Buch, das 1989 veröffentlicht wurde, ihre trostlose Reise ins Innere der Labyrinthe des Cóndors und trägt in allen Einzelheiten zusammen, was bis dahin zu diesem Thema geschrieben worden war. Im Vorwort, bei der Beschreibung der lang andauernden Tragödie ihres Landes, erzählt sie: „Ich wurde in Encarnación im tiefen Süden Paraguays geboren, am Ufer des turbulenten Flusses Paraná, an dessen Flussbett ich mich in den endlosen Jahren des Exils verzweifelt klammerte, auch nachdem ich ans andere Ufer getrieben worden war, ,auf die andere Seite des Tibers‘, wie die alten Römer gesagt hätten, für die die Verbannung genau auf dieselbe Art wie für uns heute die Negierung der Menschenrechte bedeutete". Aber was allein für sie zählte, war über die Operación Cóndor zu sprechen. Aus diesem Grund informierte sie sich, und es gelang ihr schon damals zu zeigen, dass diese „Internationale des Todes wie eine perfekte Zeitbombe funktioniert hatte. „Ich bin überzeugt, dass auf der Basis der westlichen und christlichen nationalen Sicherheitsdoktrin (d. h. die als ,Demokratie ohne Kommunismus‘ bezeichnete Politik) ein politisch-militärischer Pakt existiert hat bzw. eine Vereinbarung, die in den siebziger Jahren unter den Militärregimes des Südkegels und in ganz Lateinamerika an Einfluss gewann, und dass sich das wiederholen könnte. Auf der Grundlage dieser Form von militärischer und polizeilicher Unterdrückung konnte ein Bürger erschossen, verschwinden gelassen, verhaftet, von der örtlichen Polizei oder der eines anderen Landes überwacht werden (Wohnort, Telefon, Korrespondenz, Besuche etc.), gezwungen werden, auf jede politische Aktivität zu verzichten, oder entführt und ins Heimatland zurückgeschickt werden, alles nach dem Willen und auf Befehl der repressiven Kräfte. Die terroristische „antisubversive Unterdrückung der Regierung wählte ihre Opfer unter denjenigen, die für die Achtung des Rechtstaates im eigenen Land kämpften; politische Gegner, Persönlichkeiten der progressistischen Reihen, Studenten, Berufstätige, Gewerkschafter, Arbeiter, Priester, Laien, Professoren, Wissenschaftler und manchmal sogar Unpolitischen […] Ob ich ein Opfer der Operación Cóndor war? Diese Frage kann ich mit „Ja beantworten; und mein Fall ist, im Gegensatz zu vielen unbekannt gebliebenen bzw. zu den bekannten, aber nicht dokumentierten Fällen, sowohl bekannt als auch dokumentiert³⁵.

Mellinger de Sanneman wurde in Misiones (Argentinien) verhaftet, am 24. März 1976, ein im negativen Sinn symbolisches Datum: Es ist der Tag, an dem die Militärdiktatur in Argentinien die Macht übernahm. Sie wurde der regionalen Polizeieinheit von Posadas (der Hauptstadt der Provinz Misiones) und anschließend Paraguay übergeben. „Ich lernte die polizeiliche Fahndungsabteilung der Hauptstadt (DIPC) und in Paraguay das Konzentrationslager von Emboscada kennen. Ein argentinisches Militärflugzeug flog mich zur Mechanikerschule der Marine (Escuela de mecánica de la armada, ESMA), dann wurde ich erneut nach Buenos Aires gebracht, von wo aus ich später nach Deutschland ausgewiesen wurde".

Während der gesamten im Exil verbrachten Zeit fand diese mutige Frau keine Ruhe, sie schilderte ihre Situation und wie es den Gefangenen unter der Stroessner-Diktatur erging und sprach über die Existenz einer unheilvollen Organisation, die ihr schon damals unter dem Namen „Operativo Cóndor" bekannt war. Sie hatte Gefängnisse und Konzentrationslager mit Inhaftierten verschiedener Nationalitäten geteilt, allesamt Gefangene der Diktatur. Im Konzentrationslager von Emboscada, wo auch der Pädagoge und Anwalt Martín Almada eingesperrt war, half Gladys Mellinger de Sanneman Hunderten von Gefangenen, darunter Frauen und Kinder. Ihr Buch, das im August 1989 erschien, als Stroessner bereits abgesetzt worden war, enthält außer der Dokumentation über die Operación Cóndor die Zeugenaussagen, die Listen der paraguayischen Desaparecidos (Verschwundenen) in Argentinien, die Namen und die Anschuldigungen, die im Laufe der Jahre gegenüber allen internationalen Organismen vorgebracht worden waren, während die Region im Griff des Terrors gefangen war.

2. KAPITEL

DIE ARCHIVE DES GRAUENS

Martín Almada und Gladys Mellinger de Sanneman waren bereits nach Paraguay zurückgekehrt, als im Dezember 1992 ein nicht ganz zufälliges Ereignis sie nicht nur dazu brachte, der Vergangenheit ins Auge zu sehen, sondern auch endlich all das zeigen zu können, was jahrelang ihre Obsession gewesen war, nämlich die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit.

Asunción in Paraguay ist die zentralste Hauptstadt des Südkegels.

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