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Zu dritt. Karl Barth, Nelly, Barth, Charlotte von Kirschbaum: Roman

Zu dritt. Karl Barth, Nelly, Barth, Charlotte von Kirschbaum: Roman

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Zu dritt. Karl Barth, Nelly, Barth, Charlotte von Kirschbaum: Roman

Länge:
413 Seiten
5 Stunden
Freigegeben:
Aug 27, 2018
ISBN:
9783863513450
Format:
Buch

Beschreibung

"Zu dritt" – oder warum sind biografische Romane so besonders anziehend? Wohl deshalb: Sie erzählen vom gelebten Leben – und haben damit per se einen härteren Grad von Authentizität. Zudem wird an einer "Lebensgeschichte" eine historische Spanne Zeit miterlebbar.

Karl Barth jedenfalls gehörte zu den großen historischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, brachte es auf die Cover von "Spiegel" und "New York Times Magazine". Er gilt als der Kopf der "Bekennenden Kirche" im Kampf gegen Hitler und die "Deutschen Christen" – und ist gewissermaßen der evangelische "Kirchenvater des 20. Jahrhunderts".

Weniger bekannt ist: 35 Jahre lebte er mit seiner Mitarbeiterin und Geliebten Charlotte von Kirschbaum und seiner Ehefrau unter einem Dach. Der Roman konzentriert sich vor dem Hintergrund der großen Dramen des 20. Jahrhunderts auf das private Drama. Charlotte von Kirschbaum erkrankt mit Anfang 60 an Demenz und lebt bis zu ihrem Tod in einer Pflegeeinrichtung. Mit Zustimmung der Ehefrau Nelly, die als letzte stirbt, ruhen sie zu dritt in einer Grabstätte auf dem Friedhof in Basel.

Der 10. Dezember 2018 ist der 50. Todestag von Karl Barth.
Freigegeben:
Aug 27, 2018
ISBN:
9783863513450
Format:
Buch

Über den Autor

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg.


Ähnlich wie Zu dritt. Karl Barth, Nelly, Barth, Charlotte von Kirschbaum

Buchvorschau

Zu dritt. Karl Barth, Nelly, Barth, Charlotte von Kirschbaum - Klaas Huizing

Dank

PROLOG

Nelly

Sogar die Staubkörner vermieden es, sich zu bewegen, verharrten in der Lichtlanze, die sich gleich nach der Morgendämmerung durch die Jalousie gebohrt hatte, tanzten nicht, schwirrten nicht aus, blieben einfach ganz still in der Luft stehen, schienen ebenfalls hoch konzentriert zu lauschen, ob vielleicht ein Knarzen zu hören wäre, das Ächzen einer Diele.

Nein, nichts.

Charlotte hatte vor Monaten ganz nebenbei nach einem Schälchen gefüllt mit Sonnenblumenöl gefragt und nach einem Backpinsel, sie selbst hatte ihr beides ohne nach dem Grund zu fragen gegeben, erst jetzt kam ihr der Gedanke, Charlotte könnte die Scharniere ihrer Schlafzimmertür geölt haben, damit nächtens auch nicht das leiseste Geräusch nach draußen drang, wenn sie sich an der Garderobe zu schaffen machte. Und wahrscheinlich hatte sie mit einem scheinbar absichtslos abgelegten Buch jene Stelle im Fußboden markiert, die jede Berührung durch einen hässlichen Laut dokumentierte.

Seit Wochen tobte der Kampf.

Jeden Morgen hing über Karls Arbeitsweste, die er oft spät nachts nach einem langen Arbeitstag auf einen Bügel an die Garderobe hängte, die Strickjacke von Charlotte, die Karl ihr zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt hatte. »Für die kalten Abendstunden«, hatte er bei der Übergabe mit einem Schmunzeln gesagt, denn beinahe jeden Abend saßen Karl und Charlotte bei geringer Zimmerwärme ab zehn tief gebeugt über den Texten, als würden sie sich voreinander verneigen. Immer hielt Karl noch eine Stunde länger durch als Charlotte. Jede Nacht, wenn Nelly ihren Gang zur Toilette machte, schaute sie beinahe ängstlich zur Garderobe. Der Anblick schien sie zu verspotten. Diese Strickjacke umschloss die Weste von Karl, sogar die Ärmel hatte Charlotte ineinander verschlungen, als würde sie Karl lustvoll umarmen. Wo blieben die Hände, die nach ihr suchten und nach ihr griffen? Wann hatte zum letzten Mal Karls Zunge nach ihrer Zunge getastet?

Jede Nacht befreite sie ihren Karl aus der liebkosenden Umklammerung, verbannte Charlottes Strickweste, deren Weichheit sie zu verhöhnen schien, auf einen anderen Bügel an den äußersten Rand der Garderobe, hängte ihren Mantel vor und ihre Sommerjacke hinter Karls Weste, nickte befriedigt über ihre Richtigstellung und legte sich wieder hin. Sofort griff wenigstens der Schlaf mit weichen Händen nach ihr. Aber jeden Morgen, wenn sie sich als Erste, häufig noch vor ihrer Hausangestellten, erhob, eilte sie zur Garderobe und erschrak: Charlottes Strickjacke hatte Karls Weste zurückerobert, hing mit ihr glücklich vereint in der Eingangsgarderobe.

In einer Nacht, kurz vor Charlottes neuerlichem Geburtstag – dieser Tag lag bereits seit Wochen wie ein böser Dämon in ihrem Magen und boxte wütend darin herum –, glaubte sie sich am Ziel. Endlich. Seit einer halben Stunde zählte sie die Regentropfen, die nach dem kräftigen Schauer aus der undichten Regenrinne auf der Terrasse aufplatschten. Sie hörte, als sie auf der Lauer lag, endlich Schritte, tastende, suchende Schritte. Ihre Zähne kauten vor Aufregung auf der Unterlippe. Sie unterdrückte den Impuls, Licht zu machen. Sie erhob sich so vorsichtig, dass die Matratze keinen Grund fand, einen Ton zu geben. Auf Zehenspitzen ging sie zur Tür, erschrak kurz über die Kälte der Türklinke, schloss die Augen, um die Funken zu sammeln, die sie gleich versprühen würde, riss mit aller Entschlossenheit die Tür auf. Sie schaute in das vor Erschrecken bleiche Gesicht von Hans-Joggeli, ihrem Jüngsten, legte ihm gleichzeitig eine Hand auf den zum Schrei geöffneten Mund, nahm ihn mit der anderen Hand in den Arm und zog ihn in ihr Zimmer, stammelte eine Entschuldigung, sprach davon, sie habe an einen Einbrecher geglaubt, widerrief die Entschuldigung aber wieder, um Hans-Joggeli nicht zu ängstigen, legte eine Hand auf seine Stirn, diagnostizierte leichtes Fieber, packte ihn zu sich ins Bett, streichelte ihn, beruhigte ihn und schlief sogar noch vor ihm ein. Am Morgen verbat sie sich einen Blick zur Garderobe, schlug jedes Mal die Augen nieder, wenn sie daran vorbeiging.

Vor einer Woche hatte sie sich auf die Bettdecke gelegt und die Tür einen Spalt offen stehen lassen. Die Hände über dem Bauch gefaltet, die Augen geschlossen, wartete sie wie aufgebahrt auf Charlottes Erscheinung. Und wenn sie sich in der Garderobe verstecken würde? Der Gedanke nahm Kontur an. Wenn Charlotte dann die Garderobe vorsichtig beiseiteschob, würde sie plötzlich in ihr, in Nellys zu einem hämischen Begrüßungslächeln verzogenes Gesicht starren, sie würde vor Schreck einen leichten, keinen starken, nein, natürlich nur einen leichten Gehirnschlag erleiden, ein leichtes Hinken, ein verzogener Mundwinkel würde von dem Schlag zurückbleiben, ein leichtes Stottern vielleicht, sie würde ihre rechte Schreibhand verlieren, müsste auf die linke umschulen und wäre für Karl nur noch halb so viel wert. Zunächst gefiel ihr die Idee, sie verliebte sich in die Vorstellung einer hinkenden, sabbernden Invalidin mit Namen Charlotte, verliebte sich in die Vorstellung, böse zu sein, aber dann trat ihr das Bild ihres Karl vor Augen, wie er ganz besorgt nur noch Zeit für Charlotte hatte, wie er sie bemutterte, ihr alle Aufmerksamkeit angedeihen ließ, wie er ihr Leiden zu seinem Leiden machte – oh, darin war ihr Karl groß, sehr groß sogar! Wahrscheinlich würde sie, Nelly, schließlich beide trösten und pflegen müssen. Weil das Bett leicht vibrierte, spürte sie, wie sie lautlos lachte, nein, nicht weinte, sie lachte, ihr Körper übernahm die Regie und sie kroch ganz in das körperliche Lachen hinein, ließ sich immer wieder so herrlich schütteln. Genau in diesen Augenblicken musste Charlotte in den Flur geschlichen sein und hatte ihre Strickjacke über Karls Weste geworfen, die Ärmel fester verschlungen als in den Tagen zuvor. Wie oft wollte sie die Demütigung noch ertragen?

In den Tagen danach fühlte sie sich schrecklich ermattet, hätte nicht einmal die Kraft gehabt, sich bei einem Zimmerbrand zu erheben, überließ für Tage Charlotte das Feld. Heute Nacht aber fühlte sie sich kräftiger, nicht so erschöpft wie in den letzten Tagen. Jedes verstohlene Rascheln entging ihr nicht. Sie lächelte voller Überlegenheit. Sie wusste, wie sie aussah, wenn sie die Demut in den Rachen zurückzwängte und überlegen lächelte, ein stolzes Lächeln hatte ihr Karl dieses Lächeln früher stets genannt, ein stolzes Lächeln, und dann eine kleine Rüge angehängt, ein stolzes Lächeln, dem auch etwas Hochmut beigemischt sei. Hochmut, nun gut. Nelly war seine ehemalige Konfirmandin, sie wusste, was Hochmut bedeutete. Hochmut kommt vor dem Fall, aber sie lag bereits, lag in ihrem Bett, ihrem christlich reinen Bett mit ihrem christlich reinen Gewissen. Wann würde endlich das Geräusch, auf das sie wartete, den ersehnten Sieg in diesem Stellungskrieg ankündigen?

Da! Endlich! Nein, Schritte hatte sie nicht gehört, Charlotte schien wahrhaftig engelgleich schweben zu können, aber da war dieses metallische Geräusch, zunächst sehr vorsichtig, aber dann wurden die Bügel an der Garderobe nervös hin- und hergeschoben. Nelly hörte aus diesem Geräusch die Wut heraus, die in Charlotte anschwoll, mehrfach schob sie alle Bügel hin und her, stampfte sogar leise mit dem Fuß auf und dieses Stampfen ließ ihre Freude ansteigen, dann ein Knall! Ja. Sehr gut. Charlotte hatte die Frechheit besessen, ihre Tür ins Schloss krachen zu lassen und allen an ihrem Ärger Teilhabe verschafft. Auch ihren geliebten Karl, um dessen nächtliche Erholung sie doch so besorgt war, hatte sie wahrscheinlich aufgeschreckt.

Nelly spielte mit den Knöpfen von Karls Arbeitsweste, die sie herrlich wärmte. Summte vergnügt. Sie strich über den linken Ärmel der Weste, gefärbt in jenem intensiven Grün, das exakt dem Grün ihrer Augen glich.

Heute Nacht war sie die Siegerin.

Nelly, die Siegerin.

EINZUG HIMMELREICHALLEE

Lollo

Sie pickte immer wieder einzelne Sätze aus den Briefen von Karl heraus, die prompt lange in ihrem Kopf herumspazierten. Alle Menschen sind irgendwie traurig. Das war so ein Satz. So ein Satz half ihr, die vierzehn, manchmal fünfzehn Stunden dauernden Schichten im Krankenhaus in Krefeld zu überstehen. Und jetzt im Winter die zusätzlichen Stunden, wenn die Nacht gegen das Fenster drückte. Man musste es aussprechen. Alle Menschen sind irgendwie traurig.

Sie konnte es bestätigen, erinnerte die Einsamkeit und die Traurigkeit, die wie Geschwister bei ihr einzogen, als sie, erst vor Monaten auf die »Frauenschule München« gewechselt, vom Tod ihres Vaters auf dem Schlachtfeld erfuhr. Ihr Vater, dessen schlanke Hände für das Kriegshandwerk nicht geschaffen schienen. Ihr Vater, der ihr Bücher besorgt hatte, um ihren Wissensdurst zu stillen. Ihr Vater, der sie stets ermunterte, nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstand. Und dieser Vater lag jetzt mit seinen schönen schlanken Händen in einem kalten Grab in Frankreich. Ihre Mutter wollte selbst getröstet werden, hatte keine Kraftreserven, um ihr, der Tochter, eine Stütze zu sein. Nach sie langweilenden Beschäftigungen als Stenotypistin und Bankangestellte begann sie eine Ausbildung als Rotkreuzschwester, um in jedem Kranken den eigenen Vater zu pflegen. Einsamkeit und Traurigkeit hatten offenbar auch nach Karl ihre Krallen ausgestreckt.

Weil sich die Haussuche in Münster, an deren Universität er zum Wintersemester nach seiner Honorarprofessur in Göttingen als ordentlicher Professor berufen worden war, in die Länge zog, lebte Karl allein, ohne seine fünf Kinder und seine Frau Nelly, die in Göttingen auf den Umzug warteten. Zum ersten Mal in seinem Leben wohnte Karl in einer Landschaft, die den Blick frei gab, war nicht von nahen oder fernen Bergen umgeben, aber diese weiten Ebenen, über die der Wind heranbrauste, oft riesige Schwaden von Regen im Gepäck, die an die Fensterscheiben wie mit Fäusten trommelten, blieben ihm fremd und ließen kein Gefühl von Heimat zu. Dann dachte er, wie er ihr schrieb, an das Bergli. Und dann musste auch sie an das Bergli denken. Die Idyllen der letzten zwei Sommer.

Das Bergli in Oberrieden, in der Schweiz. Davon schwärmte ihr Pfarrer Georg Merz, der sie vor Jahren in seinen privaten Gesprächszirkel eingeladen hatte, immer vor. Wenn sie nach den konzentrierten Gesprächen noch in kleiner Runde zusammensaßen, sprach er das Wort Bergli aus, als wäre es ein verheißener Ort: das Sommerhaus der Pestalozzis über dem Zürichsee. Dorthin nahm Georg sie vor mehr als einem Jahr mit, für gut zwei Wochen, und er hatte nicht zu viel versprochen. Es war ein Idyll. Ein starker Friede umgab diesen Ort. In diesen zwei Wochen freundete sie sich mit Gerty und Ruedi Pestalozzi, den Eigentümern des Anwesens an, war überglücklich, als in diesem Jahr erneut die Einladung ausgesprochen wurde.

Georg, der, wenn er sich unbeobachtet fühlte, immer die Schultern etwas hängen ließ, straffte sich und wuchs, sobald er den Namen Karl Barth aussprach. Und er führte den Namen Karl Barth ständig im Munde, nahm deshalb von Woche zu Woche an Statur zu. Seit mehreren Jahren war Georg Schriftleiter der Zeitschrift Zwischen den Zeiten, die von diesem Barth, dessen Freund Thurneysen und einem gewissen Gogarten gegründet worden war. Aber Georgs Losungswort hieß Römerbriefkommentar, das, sobald er es aussprach, die Stimmung im Raum im Nu umwälzte. Georg las gerne ganze Seiten aus dem Buch von diesem Karl Barth mit seiner kräftigen Stimme laut vor, und auch sie, Lollo, hatte sich angewöhnt, abends vor dem Löschen des Lichts einige Zeilen daraus laut zu lesen.

»Liebe ist das existentielle Vor-Gott-Stehen des Menschen: sein Angerührtwerden von der Freiheit Gottes und eben in dieser Berührung das Begründetwerden seiner Persönlichkeit, seine ›Individuation‹ dürfen wir vielleicht sagen.«

Dann spürte sie die Helligkeit, die von dem Text ausging, die sich im ganzen Zimmer verteilte, jeden Winkel ausleuchtete und sie beschützte und die Einsamkeit vertrieb. Als habe dieser Karl Barth eine schlummernde Elektrizität in den Wörtern entdeckt.

Zwischen Gott und Mensch bestehe ein unendlich qualitativer Unterschied, behauptete Karl Barth mit dem dänischen Philosophen Kierkegaard. Auf menschlicher Seite sei der Glaube ein Hohlraum, den die Gnade als Einschlagtrichter hinterlasse. Krisis, Wagnis, Sprung, Entscheidung, Revolution, neue Welt, Gott ist Gott, senkrecht von oben! Das waren ganz neue Vokabeln, die sie bisher in keiner Predigt vernommen hatte. Alle spürten das Neue, das hier nach Worten rang, das vorwärtsdrängte, das Mut machte.

Nur flüchtig hatte sie diesen Karl Barth einmal in der Kirchengemeinde von Georg getroffen, war aber viel zu schüchtern gewesen, um ein Gespräch zu suchen. Lollo hätte am liebsten den Zug, der sie in die Schweiz brachte, angeschoben, als sie hörte, dieser Karl Barth würde den Sommer auf dem Bergli verbringen.

Weil sie die Letzte in der Reihe war, die Karl Barth begrüßte, als er nach drei langen Wochen endlich eintraf, fiel ihr zunächst seine Brille auf, eine runde Gelehrtenbrille, in der sich die Sonnenstrahlen spiegelten. Als er aber endlich vor ihr stand und, einen knappen Kopf größer als sie, auf sie lächelnd hinunterblickte, konnte sie endlich in seine Augen sehen. Augen, in denen sich alles versammelte, was sie bisher an den Texten fasziniert hatte: diese konzentrierte Kraft, dieser unbändige Wille, dieser feine Witz, aber auch die Bürde des Neuerers. Ein elektrifizierter Blick.

Ihre Stimme kam ihr einen Ton zu schrill vor, als sie versuchte, ihrer Freude über die Begegnung Ausdruck zu geben. Für ihre Kranken in Krefeld fand sie immer ein passendes Wort, in Georgs Zirkel sprach sie für Gäste der Runde einladende Worte von großer Wärme, aber jetzt empfand sie ihre Worte als zu leicht und ihre Beine fühlten sich an, als würde sie schlittern, obwohl sie doch mit festem Schuhwerk auf sicherem Grund stand.

»Der gute Georg hat mir schon mächtig viel Gutes von Ihnen berichtet, Frau von Kirschbaum oder wenn ich Sie, wie alle hier, Lollo nennen darf. Unsere Gerty rühmte mir mit eindringlichen Worten ihren schnellen Verstand und ihren unstillbaren Wissensdurst. Willkommen also auf dem Bergli, auch ich werde ab heute alles Menschenunmögliche versuchen, damit Sie sich hier erneut gut aufgehoben und behütet wissen. Vertrauen Sie uns, liebe Lollo.«

Ein fester Händedruck. Ihre Hand wurde etwas länger geschüttelt als in Deutschland üblich.

Am Abend rief nach einer lauten und fröhlichen Diskussion über eine Stelle aus Karls Römerbriefkommentar der Hausherr Ruedi aus, Karl möge ihm seine runde Brille leihen, er sei nur ein einfacher Unternehmer und kein Gelehrter, habe zwar eine achtjährige Erfahrung als Redaktor des CVJM-Monatsblatts Glocke aufzuweisen, die aber offenbar nicht hinreiche, um Karl Barth zu verstehen, wahrscheinlich würde Karls Brille ihm zur Einsicht verhelfen. Karl reichte ihm die Brille, Ruedi setzte sie auf und begann sofort sehr nachdrücklich zu nicken, jetzt sei auch er ein Sehender, schäme sich dafür, bisher als ein tumber Tor beinahe nichts verstanden zu haben, oh ja, wenn man Gott und Welt vertausche, wie Karl schreibe, dann werde das ganze Leben Erotik ohne Grenze! Wie schrecklich! Neben Lollo hielt sich Gerty die Hand vor den weit aufgerissenen lachenden Mund. Lollo presste die Knie zusammen, was sie immer tat, wenn sie sich wohlfühlte.

Der große Calvin habe, wie Karl in das abklingende Gelächter hinein nahezu flüsternd sagte und dabei nochmals an seiner Pfeife zog, in seinem mächtigen Hauptwerk Unterricht in der christlichen Religion eine schöne Metapher über die Brille geprägt, denn wie Augenkranke und alte Leute mithilfe der Brille deutlich zu lesen verstünden, so bringe die Bibel unser verworrenes Wissen um Gott in die richtige Ordnung, zerstreue das Dunkle und zeige uns deutlich den wahren Gott. Jeden Morgen, wenn er die eigene Brille aufsetze, die ihm doch häufig eine Last sei, müsse er daran denken. Wir Christen seien alle Brillenträger, weil wir mit der Brille der Bibel in die Welt sähen, auch Ruedi, Ruedi sei nur in der glücklichen Lage kein Rezept von einem Augenarzt zu benötigen. Das sei eine besondere Form der Erwählung, mit der er, Karl, leider nicht dienen könne.

Weil sie merkte, wie ihr Gesichtsfeld verschwamm, wischte sich Lollo eine Träne aus dem Auge. Offenbar hatte sie gelacht, als sie sich an die Szene erinnerte. Stunden wahrer Empfindung. Aber die Erinnerung machte die eigene Einsamkeit noch unerträglicher.

Lollo ging mit tastenden Schritten und bloßen Füßen durch den Raum, schlurfte sogar, als wären im Boden kleine Unebenheiten, Löcher, in die sie einsinken könnte und die zur Folge hätten, dass sie sich den Knöchel verstauchen würde, aber durch den kleinen Trick vermochte sie wenigstens, ihre Füße zu überlisten und sie glauben machen, sie sei auf dem Bergli und liefe jetzt mit bloßen Füßen über die Wiese vor der Veranda, auf der noch der Tau lag.

Mit bloßen Füßen.

Mit bloßen Füßen?

Mit bloßen Füßen!

Immer wieder sagte sie sich diese Worte vor, die ihre Magie nicht verloren hatten, die die Einsamkeit zusammendrückten und Raum für ein Rudel glücklicher Erinnerungen frei machten.

Gerty.

Gerty berührte sie immer, sobald sie mit ihr sprach, legte eine Hand auf ihren Arm oder umfasste ihre rechte Hand mit beiden Händen, als müsse sie sie wärmen, hakte sich bei ihr ein, wenn sie eine kleine Wanderung machten, legte ihr häufig einen Arm um die Taille und schaute dabei suchend in die Runde, als halte sie Ausschau nach ihrem Mann Ruedi, der häufig mit einem Fotoapparat irgendwo herumstand, als müsse er alles dokumentieren.

»Ruedi hat so häufig einen Fotoapparat vor dem Gesicht, dass ich meinen eigenen Mann manchmal gar nicht erkennen kann, wenn er mit blankem Gesicht vor mir steht.«

Der Vorschlag, mit bloßen Füßen über die Wiese zu gehen, kam von Gerty, die in einer Broschüre gelesen hatte, wie gesund es sei, mindestens einmal am Tag die Schuhe von sich zu werfen und den unmittelbaren Kontakt mit der freien Natur zu suchen. Von ihr kam auch der Vorschlag, einmal pro Woche im Freien zu übernachten. An einem der Abende hatte Gerty so lange alle in den Arm genommen und nickend angelächelt, bis auch Karl zögerlich seine Bergschuhe ausgezogen hatte, bis der Verandatisch auf die Wiese verfrachtet und die Brotzeit mit bloßen Füßen eingenommen wurde. Und spät abends hatten sogar die Frauen miteinander getanzt.

Heute fand sie in sich keine Kraft mehr, aber morgen würde sie Gerty einen Brief schreiben, wie sehr sie sie bewundere, sechs Kinder großzuziehen und gleichzeitig ein offenes Haus zu führen, jedes Jahr 1.000 Übernachtungen auf dem Bergli zu verkraften und stets neugierig zu bleiben. Und wie sehr sich ihre bloßen Füße danach sehnten, wieder über die Wiesen auf dem Bergli zu laufen.

Sie erinnerte die sehr weiße Haut von Karls Füßen, schlanke, sehnige Füße, die mit jedem Schritt erschraken, wenn sie den Boden berührten, deshalb wirkten seine Schritte etwas unbeholfen wie bei einem Schwimmer, der über einen Kiesstrand zum Meer stelzt. Wie gerne hätte sie Karl eine Hand angeboten. Sein zufriedenes Lächeln, als er endlich den Tisch erreichte und Platz nehmen konnte. Er aber war der Erste, der am darauffolgenden Tag erneut den Vorschlag machte, sich vom schweren Schuhwerk zu entledigen, um die Natur in ihrer ganzen Herrlichkeit zu spüren.

Weil während der vielen Gespräche zwischen den Lektürezeiten und den kleinen Arbeiten im Haus die Gedanken wie bei einem Federballspiel so schnell hin- und herflogen, fasste sie am dritten Abend den Entschluss, etwas Ordnung zu stiften, indem sie wichtige Argumente zusammenführte und in ihrer klaren Schrift, die sich leicht demütig nach rechts neigte, zu notieren. Erst nachdem alle sich einen erquickenden Schlaf gewünscht hatten, traute sie sich, Karl die drei Blätter in die Hand zu drücken, der nicht überrascht schien, dabei so nah an sie herantrat, dass sie noch den Schmorbraten riechen konnte, den sie zum Nachtmahl gegessen hatten, der die Blätter hob und sie dabei schwenkte, als halte er seine Ernennung zum ordentlichen Professor in Händen.

Als sie am anderen Morgen etwas verspätet zum Frühstück erschien, war Karl gerade mit der Verlesung der Seiten fertig, klatschte in die Hände, dann klatschten alle, Karl stand auf und verbeugte sich tief. Solch eine Arbeit liefere ihm nicht einmal einer seiner Doktoranden ab, diese Begabung, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, Gedankenketten zu erstellen und Urteilsfähigkeit zu beweisen, sogar Vorschläge für Romanlektüren zu unterbreiten, sei ganz außerordentlich. Wie viel Potenzial doch in den Frauenköpfen stecke, und in ihrem so zarten Kopf allzumal, dieses gottgeschenkte Talent müsse gefördert werden, alle hier im Raum seien Zeuge, wie hier auf dem Bergli sich für das Fräulein Lollo ein ganz neuer Weg abzeichne, und alle hier im Raume würden ihren Teil dazu beitragen, ihr diesen Weg zu ebnen, und er, Karl, bestehe nun darauf, mit allen anderen gleichzuziehen und künftig mit ihr im vertraulichen Du zu verkehren: »Also, liebe Lollo, du hast uns mit dem Zeugnis deiner Geisteskraft, die uns allen zugutekommt, ein großes Geschenk unterbreitet. Zwar ist der Morgenkaffee kein adäquates Getränk, um auf deine Zukunft anzustoßen, die erst in unklaren Konturen vor uns liegt, aber es sei doch gesagt: Du bist eine Bereicherung für unsere Runde, du bist scharfhörig und von analytischem Verstand. Ein armdickes Kompliment von meiner Seite. Vielen lieben Dank.«

Gerty war aufgesprungen und zu ihr geeilt, hatte sie in den Arm genommen, gedrückt, dann sie an den Händen gehalten, den Kopf in den Nacken gelegt und so glücklich gelacht, als habe Lollo ihr soeben mitgeteilt, sie sei endlich in anderen Umständen. Ruedi setzte sein dramatisches Gesicht auf und ergänzte, auch er werde nicht hintanstehen, wenn es gelte, Lollo Türen in die Zukunft zu öffnen. Auf ihn sei Verlass. Immer. Georg nickte mit geschlossenen Augen, blieb aber stumm. Auf Lollos Gesicht versammelte sich Licht.

Im Fensterquadranten, in dem stets Karls Kopf einsam studierend von der Terrasse aus zu sehen war, tauchte in den folgenden Tagen jetzt immer häufiger auch ihr Kopf auf, endlich konnte auch sie den Blick genießen und studieren, wie der See unter ihnen mit dem Himmel rang und das Licht zu schlucken versuchte.

Sie schaute ungläubig an sich herunter, offenbar hatten sich die Hände, als sie so intensiv an das Bergli gedacht hatte, selbst bedient und ihre schweren Bergschuhe hervorgeholt, denn mit ihren bloßen Füßen stand sie jetzt in den Bergschuhen in ihrem Zimmer. Immer hatte sie sich nach dem Meer gesehnt, nach dem Watt, nach Schlick, in dem die Füße sich schmatzend fortbewegten, überall Pfützen, die die Erinnerung an das Meer speicherten, der moderige, leicht faulige Geruch, der jeden Schritt begleitete. Nur einmal war sie auf Borkum gewesen, aber dieses eine Mal, an dem auch ihr Vater zugegen war, hatte sie glauben lassen, Wasser sei ihr Element. Erst auf dem Bergli verblasste die Sehnsucht, wurde abgelöst von der Lust, die Muskeln zu spüren, Muskeln in den Waden, von denen sie bisher nichts gewusst hatte, eine Lust, die die Anstrengung auswischte. Ruedi war ein kundiger Führer, kannte jede stiläugige Pflanze und jedes noch so scheue Getier, konnte bereits am frühen Morgen an den Wolken ablesen, ob der Tag ein guter Tag für eine Wanderung war: Nie gerieten sie in ein Wetter.

Auch auf den Wanderungen liebte Gerty es, sie an der Hand oder am Arm zu nehmen, wenn es bergab ging. An einem der letzten Tage auf dem Bergli klagte Karl bei einem leichten Abstieg über Ischiasschmerzen, eine Berufskrankheit von Menschen, die zu oft auf dem Hosenboden sitzen, wie Karl mit einer wegwerfenden Handbewegung sagte. Aber da hatte Gerty bereits seinen linken Arm um ihre Schultern gelegt und Lollo aufgefordert, den rechten Arm zu nehmen, und so schritten sie sehr vorsichtig, jeden ihrer Schritte abfedernd, Richtung Tal. Zunächst wurde der Weg zurück von besorgten Fragen von Ruedi begleitet, die, je näher sie dem Ziel kamen, von launigen Kommentaren Georgs abgelöst wurden. Er schlug vor, künftig auch die Bergwacht in die Hände von Frauen zu legen, denn Karl scheine, wenn er in sein Gesicht schaue, in seinem Schmerz sehr wonnevoll zu baden.

Lollo aber glaubte, den Herzschlag von Karl, den sie auf den Schmerz zurückführte, zu spüren, ein mächtiger Trommeltakt, der sich auf sie übertrug und bis in ihren Kopf reichte. Sie warf deshalb Georg einen vorwurfsvollen Blick zu. Sehr schnell erholte sich Karl, als sie wieder auf sicherem Terrain waren. Alle Vorschläge von ihr, den Ischias durch Massagen oder Moorpackungen zu kurieren, lehnte er lachend ab, seine Lebensgeister kämen bereits zurück, weil er hier so glücklich von zwei Marien aus Magdala umhegt werde, da gebe sich auch ein Ischias grummelnd geschlagen. Sie blieben noch minutenlang auf der Terrasse so eng umschlungen sitzen, weil Ruedi einen Schnappschuss machen wollte, aber zunächst einen neuen Film suchen und einlegen musste. Noch am Abend hallte der Herzschlag von Karl in ihrem Kopf nach. Doppelherz, nuschelte sie, als sie endlich leise lachend in den Schlaf fand.

Vielleicht hielt er genau in diesem Augenblick jenes Foto in Händen, um das Karl sie beim Abschied vom Bergli gebeten hatte. Sie möge es nicht missverstehen, bitte, aber er müsse sich stets ein Gesicht vor Augen halten, ein konkretes Du, mit dem er im Gespräch bleibe, denn wenn er ein Gesicht vor Augen habe, dann seien die langen einsamen Stunden am Schreibtisch leichter zu ertragen, dann beginne ein unendliches Gespräch, und ja, das wünsche er sich, »Seit ein Gespräch wir sind«, hatte er mit einem schalkhaften Heben der linken Augenbraue gesagt, er wünsche sich dieses unendliche Gespräch mit ihr, die bereits so viel wisse und klug nachfrage, sie sei ein Ansporn, durchzuhalten und der Trägheit zu widerstehen, und er sei sich sicher, jedes Foto von ihr spiegle diese animierende Lebendigkeit wider und trotze damit auch dem alttestamentlichen Bilderverbot.

Nach der Rückkehr hatte sie sich tagelang nicht entscheiden können, welches Bild sie ihm schicken sollte, hatte mit verspannten Schultern eine halbe Nacht über ihrem Schuhkarton gebeugt, in dem sie ihre Aufnahmen aufbewahrte, immer wieder alle Fotos angesehen, eine kleine Auswahl gemacht, sich für jedes Foto eine Pantomime ausgedacht, sich schließlich für jene Aufnahme entschieden, die sie in ihrer Rotkreuzschwesterntracht zeigte, weil das Bildnis Karl nicht an einen Urlaubstag erinnern sollte, sondern an einen Auftrag, den beide auszuführen hatten. Sie verbot sich jedes Anschreiben, steckte das Foto in ein Kuvert und brachte es in der knappen Mittagspause auf die Post, rechnete auf dem Rückweg aus, wie lange es mutmaßlich dauern würde, bis sie mit einer Rückantwort rechnen konnte.

Bereits nach vier Tagen hielt sie seine Antwort in Händen, spürte, noch bevor sie den Brief öffnete, eine Kraft, die von diesem Schreiben ausging. Dieses Bild sei wahrhaftig ein Gehilfe seiner Freude, so unvermittelt hob der Brief an, und wie er schon auf dem Bergli mehrfach zu sich selbst gesagt habe, ihr zarter Kopf vertrage einen Hut, der ihr Haupt einrahme, und jetzt erkenne er das weiße Häubchen der Tracht und dahinter einen Kranz blühender Blumen wie eine florale Aureole, die ihr Haupt umgebe. Und vielleicht müsse er ein ganzes Leben darauf verwenden, um in diesem Gesicht lesen zu können, denn so viel stehe darin geschrieben, jetzt endlich wisse er, für welches Du er täglich schreibe, und wie gerne würde er ihr von Angesicht zu Angesicht einen Text vorlesen, der für dieses Du geschrieben sei.

In der ersten Nacht ließ sie den Brief auf ihrem Nachttisch liegen, konnte ihn bereits nach der zweiten Lektüre auswendig, aber er übte eine so starke magnetische Wirkung auf sie aus, dass ihre Hände immer wieder nach ihm griffen. Um Ruhe zu finden, verbarg sie ihn deshalb in ihrer Handtasche, und weil auch dort das magnetische Feld noch zu stark war, versteckte sie ihn in ihrem großen Koffer. Morgen, morgen würde sie Karl einen längeren Brief schreiben. Es musste

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