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Operation Jerusalem: Thriller

Operation Jerusalem: Thriller

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Operation Jerusalem: Thriller

Länge:
421 Seiten
5 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 10, 2019
ISBN:
9783961360536
Format:
Buch

Beschreibung

George F. Summerhill ist der erste Präsident in der Geschichte der USA, der auf außenpolitische Machtpolitik verzichtet und dafür das Land auf der Grundlage einer weltoffenen Handelspolitik grundlegend erneuert. Den Bürgern geht es so gut wie nie, aber der mächtige Einfluss der USA als ehemalige militärische Supermacht ist nahezu geschwunden. Die neuen Supermächte sind China, Russland und ein wiedererstarktes Europa.
Durch islamistische Terrorakte gegen Einrichtungen der USA gerät der Präsident in einen außenpolitischen Konflikt. Israel fordert ein araberfreies Land ohne palästinensische Autonomiegebiete und wird hierbei von dem Sohn des Präsidenten, David, subversiv unterstützt. Die Terroristen fordern die Aberkennung des Staates Israel und die Anerkennung des Staates Palästina. Der Konflikt zwischen den Nuklearmächten Iran und Israel heizt sich auf. Die Welt steht vor einem Abgrund. Doch der U.S. Präsident lässt sich weder durch Israel noch durch die Terroristen erpressen, bis der Iraner Ali Naz die einzige offene Flanke des Präsidenten erkennt: Die Liebe von George F. Summerhill zu seiner Tochter Jane und den beiden Enkelkindern William und Florence. Ali Naz trifft mit der Operation Jerusalem den Familienvater mitten ins Herz.
Während der Präsident um das Leben seiner Familie ringt, macht sich der deutsche Ex-Elitesoldat Marc Anderson mit seinem Team auf den Weg. Er hat einen ganz persönlichen Grund ...
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 10, 2019
ISBN:
9783961360536
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Operation Jerusalem - Trauboth Jörg H.

KAPITEL 1

1.1

Washington D.C. lag an diesem kalten Januartag unter einer leichten Schneedecke. Der blaue Himmel mit den ersten Sonnenstrahlen täuschte aufkommende Wärme vor. Tatsächlich sorgte der über den Potomac fegende Wind für eine gefühlte Temperaturdifferenz, die David G. Summerhill beim Joggen über die Arlington Memorial Brücke fast den Atem verschlug.

Auch den beiden Beamten vom Secret Service, die dem Sohn des US-Präsidenten in wenigen Metern Abstand hinterherliefen. Sie mussten sich ziemlich anstrengen, denn der durchtrainierte David machte sich einen Höllenspaß daraus, sie abzuhängen. Meistens geschah das hinter dem Lincoln Memorial auf den kurvigen Wegen durch den Park. Heute war dieser drahtige, kleingewachsene Typ, der wegen seiner Glubschaugen und seines großen Gebisses im Weißen Haus süffisant als Haifisch betitelt wurde, offensichtlich besonders einfallsreich. Er rannte, stoppte, schlug Haken, überquerte wie wahnsinnig die Constitution Ave NW und lachte, wenn er seine beiden Verfolger wieder einmal getäuscht hatte.

David war ein Täuscher. Intelligent und erfolgreich hinzu. Er hatte zum Stolz seiner Familie die Zulassung zur Harvard Universität bekommen, wo er Politikwissenschaft studierte. Zum Entsetzen seiner Eltern hatte er jedoch das Studium nach vier Semestern beendet, wechselte in die Finanzwelt und verdiente in seinen wenigen Berufsjahren als Börsenmakler bereits Millionen. In der Branche galt er als Shooting Star. Vor ihm lag eine glänzende Finanzkarriere.

Doch dann kam alles anders. Der Präsident der Vereinigten Staaten wurde während eines Golfspiels von einem traumatisierten Kriegsheimkehrer ermordet, und der Vizepräsident, Davids Vater, wurde noch am selben Tag als Präsident vereidigt.

Damit öffneten sich für den zweiunddreißigjährigen David auf einmal ganz neue Wege. Das Schicksal hatte ihn mit einer kurzen, heftigen Welle in das größte Machtzentrum der Welt gespült.

David hatte dem Angebot seines Vaters, dessen Berater zu werden, sofort zugestimmt. Denn er sah die einzigartige Option, seine Israel-Visionen umzusetzen. Ideen, die an der Universität als irreal gegolten und allenfalls Erstaunen hervorgerufen hatten.

Die Familie Summerhill war jüdischen Ursprungs. David war der einzige in der Familie, der als strenggläubiger Jude galt. Dennoch sah er sich nicht als orthodoxen Juden an. Im politischen Washington spielte der Sohn des Präsidenten geschickt die Rolle des loyalen fachlichen Beraters. Er galt als der Nahost-Experte mit uneingeschränktem Zugang zu allen geheimen Dokumenten.

Sein Vater wusste allerdings nicht, dass sein Sohn seit Monaten mit Politikern aus dem nächsten Umfeld des israelischen Ministerpräsidenten einen neuen Nahost-Plan ausgehandelt hatte, der es in sich hatte. Kein Nahost-Friedensplan, sondern die kompromisslose Berichtigung einer falschen Landkarte, wie David meinte.

Sein Gott hatte im Alten Testament den zwölf Stämmen Israels ein Land zugesprochen, das weitaus größer war als das Israel von heute. Nach Gottes Willen reichte der israelische Landanspruch sogar bis in die Nähe von Damaskus und schloss fast den gesamten Libanon und Jordanien ein. Und nach Gottes Willen ist das Westjordanland Eigentum Israels. Das bedeutete für David, dass die Araber unrechtmäßig israelisches Land besetzt hatten. Das Volk Israel würde sehr bald für immer in seinem angestammten gelobten Land wohnen können. Die Verheißung Gottes an Abraham hätte sich endlich erfüllt, durch ihn, den Sohn des Präsidenten.

In den schlaflosen Nächten hatte er sich die neue Landkarte vorgestellt, in der es keine arabischen Gebiete in Israel mehr geben würde. Ein neuer Staat Israel mit Jerusalem als ungeteilte Hauptstadt.

Sein Plan war so einfach wie genial. Er musste nur durchgesetzt werden. Ohne die Vereinten Nationen oder endlose internationale Abstimmungen. Vater musste ihn nur wollen. Heute ging es ihm besonders gut, denn sein Plan ruhte fix und fertig auf einem USB-Stick in der Innentasche seiner Jacke.

David schaute sich um. Die beiden Agents hingen jetzt keuchend an seinen Fersen. Wieder und wieder fühlte er an die Innentasche. Er spürte über seinem pochenden Herzen diesen einen Datenträger, mit dem sich eine zweitausend Jahre alte Geschichte fügen würde.

An diesem Morgen fühlte sich David, als er das Machtzentrum der Welt erreichte, wie ein Gesandter Gottes.

Ich muss nur noch den richtigen Augenblick finden, um Vater zu überzeugen.

Als er in die Pennsylvania Avenue einbog und auf das Weiße Haus zu rannte, konnte er nicht wissen, dass heute sein Tag sein würde.

1.2

Sie blickten sich in Lauerstellung an. Verharrten wie eingefroren. Plötzlich griff Thomas mit beiden Armen zu, zog Marc mit einer blitzschnellen Bewegung über seinen Rücken und ließ ihn mit einem Tai-otoshi-Körpersturz auf den Boden krachen. Marc rappelte sich hoch.

Wieder standen sie sich gegenüber. Der schlanke durchtrainierte Marc wehrte den Angriff vom dem im Kraftraum gestählten Hünen Thomas ab, indem er dessen Handgelenk griff, ihm einen Schlag auf die Brust versetzte, sich unter Thomas Schulter schob und ihn mit einem perfekten Jiu-Jitsu-Schulterwurf zu Boden brachte.

Es krachte gewaltig in der Halle.

Marc zog seinen Freund nach oben.

Beide verneigten sich.

Die anderen vier Männer, allesamt ehemalige Elitesoldaten der deutschen Spezialkräfte, klatschten.

„Schluss für heute, Männer! Das war ein langer Tag. Nächstes Mal mit Waffen!"

Sie gingen unter die Dusche und waren wenig später auf dem Weg durch das dunkle Hamburg nach Hause. Doch sie blieben in Abrufbereitschaft.

Marc Anderson, der ehemalige Hauptmann des Kommandos Spezialkräfte (KSK) war mehr als zufrieden. Seitdem er als Chef seiner eigenen Firma Maritime Security Services (MSS) weltweit mit diesen Männern unterwegs war und MSS zu einer Marke unter den Reedereien werden ließ, ging es ihm in jeder Hinsicht gut. Fast so wie damals, als er mit seinen beiden KSK-Brüdern Thomas und Tim noch am Hindukusch gegen die Taliban gekämpft hatte.

Doch sie waren nur noch zwei. Tim lag nur wenige Kilometer weiter auf einem Hamburger Friedhof.

Marc hatte lange gebraucht, um die traumatischen Ereignisse mit Tim zu verkraften. Das Bild an der algerischen Felsenküste hatte sich derartig eingebrannt, dass er nachts oft hochschreckte. Er sah Tims Gesicht, den entsetzten Blick vom zögernden Thomas, die wirbelnden Geldscheine und Tims hilfeschreiende Augen unter Wasser. Immer und immer wieder.

Aber jetzt war es gut. Er half Thomas, den Verlust zu verarbeiten und Thomas ihm. Für Tim war Hermann, der ehemalige Hauptfeldwebel des Kommandos Spezialkräfte ins Team gekommen. Marc hatte ihn in Spanien wiedergefunden und ihn nach Deutschland geholt. Die neue Brüderschaft bewährte sich bestens.

Die drei hatten sich auf Schiffssicherheit spezialisiert. Aber anders als die Konkurrenz, fuhren sie eher selten auf den Schiffen mit, die auf gefährlichen Routen operierten wie in Südostasien und im Golf von Guinea und besonders in den Gewässern vor Nigeria. Sie wurden gerufen, wenn der Ernstfall eingetreten war. Der Trupp hatte sich darauf spezialisiert, gekaperte Schiffe zu entern, aus der Luft, aber am liebsten vom Wasser aus. MSS hatte damit ein Alleinstellungsmerkmal in der ohnehin sehr überschaubaren Branche.

Die Einsätze wurden so gut bezahlt, dass sich die Gruppe logistisch und personell auf einem Stand befand, den man eher nur bei den U.S. Navy SEALs kannte oder den Spezialkräften der Deutschen Marine. Bei denen hatte sich der Ruf der Hamburger MSS unter Leitung des legendären Marc Anderson so weit herumgesprochen, dass regelmäßig Bewerbungen eintrafen.

Inzwischen waren sie zu sechst. Die anderen drei kamen aus dem Kommando Spezialkräfte Marine (KSM) Eckernförde zu Marc. Ehemalige Kampfschwimmer (KS), die über zwölf Jahre stolz den Fisch, das Abzeichen der Kampfschwimmerkompanie, getragen hatten und aus Strukturproblemen eher ungern ausgeschieden waren.

Die drei Marinesoldaten waren hervorragende Schwimmer und Taucher und, wie die drei anderen Kameraden, herausragende Einzelkämpfer.

Fachlich verfügte die Maritime Security Services über Spezialisten für Tauch- und Waffentechnik, Kommunikation und medizinische Grundversorgung. Jeder war neben seiner spezifischen Aufgabe in der Lage, die Aufgabe des anderen zu übernehmen.

Marc hatte großen Wert darauf gelegt, dass in der MSS die modernste Ausrüstung und Waffentechnik sowie eine umfassende Kenntnis über neueste Einsatztaktik vorhanden waren, denn die Piraten lernten schnell. Ziel von MSS war es, ihnen immer ein Stück voraus zu sein. Da alle sechs im Großraum Hamburg wohnten, konnten sie innerhalb weniger Stunden ausrücken.

Einmal in der Woche war Übung unter härtesten Einsatzbedingungen angesagt. So wie heute Nacht, als sie im sieben Grad kalten Wasser blasenfrei tauchend mit dreißig Kilogramm Gepäck am Körper ein in der Elbmündung havariertes Containerschiff enterten. Das Entern erfolgte relativ zügig, aber dieses Mal hatte Marc eine „Feinddarstellung" an Bord gebracht, die es zu überwinden galt. Hier zeigte sich das ganze Können des Teams.

Und trotzdem hätten zwei es nicht überlebt.

Als Marc in die Garage einfuhr, stand Karina Marie bereits in der Haustür, zog ihre langen schwarzen Haare nach hinten und breitete die Arme einladend aus.

„Komm rein, sagte sie geheimnisvoll, „es gibt Neuigkeiten.

„Marie, du wirst doch nicht das Schiff wechseln?"

„Ja, Marc, ich habe eine Anfrage der Hamburg Executive Lines bekommen, drei Monate als Hotelmanagerin zu arbeiten."

Marc hob ihr Kinn, sah in ihre strahlend braunen Augen und strich ihr liebevoll über die Stirn. In ihrer weißen Bluse und sieben Achtel-Hose sah sie bezaubernd aus.

Karina Marie war inzwischen auf verschiedenen Schiffen als Hotel- und Kreuzfahrtdirektorin gefahren. Sie liebte diese Arbeit auf See, und sie erinnerte sich, wie schwer die Entscheidung für diesen Job gewesen war, nachdem sie eine Entführung auf der Princess Charlotte überstanden hatte. Das war inzwischen lange her und auch kein Thema mehr, zumal ihr Leben sich völlig verändert hatte.

„Und was treibt dich auf dieses Schiff?", wollte er wissen.

Sie gingen durch das Wohnzimmer und schauten durch die Sprossenfenster auf die Elbe hinunter. Unten fuhr elbabwärts majestätisch die schwarz-rot bemalte Queen Mary 2, sicherlich wieder unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, in den Hamburger Hafen. Zwei Containerschiffe kamen ihr entgegen. Karina Marie liebte diesen Ausblick. Sie war Hamburgerin, entstammte einer Kapitänsfamilie, und sie liebte das Wasser.

„Ganz einfach, dreitausend Menschen und mehr sind mir einfach zu viel. Ich organisiere vierundzwanzig Stunden durch und lerne niemanden kennen. Meine Gäste kennen mich überwiegend nur von Lautsprecherdurchsagen. Die Zusammenarbeit mit der Crew ist wunderbar, meine Kapitäne waren bisher einsame Spitze, sofern ich sie gesehen habe, aber ich bin schon länger bereit für etwas Kleineres", sagte sie.

„Um welches Schiff geht es?"

Sie zog ihn ins benachbarte Esszimmer zum gedeckten Abendtisch und nahm im Vorbeigehen aus dem kleinen Kapitänsschreibtisch ihres Vaters einen Prospekt aus der Schublade.

Er sah das Bild einer Megayacht mit einer unglaublich eleganten Linie.

„Wow! Das ist doch die brandneue deutsche SUNDOWNER der Hamburg Executive Lines! Der angeblich aktuell aufregendste private Schiffsbau der Welt! Mega!"

„Genau das Richtige für deine Mega-Frau!"

Marc las die technischen Daten:

140 Meter lang,

18 Meter breit,

25 Knoten,

40050 PS,

zwei Propeller,

bis zu 35 Mann Besatzung.

Räume für 20 Gäste, sechs Decks, Pool, Kino, Disco, Jet-Ski, vier mitgeführte Motorboote, Hubschrauberlandeplatz mit Hangar, Tendergarage mit Klein-U-Boot und ein All Around Security System. Wird nur pro Woche vermietet, so der Text.

Er schaute sich die Zeichnungen unter dem Sicherheitsaspekt genauer an. Viel wurde nicht verraten, aber vermutlich verfügte das Schiff über gepanzerte Bullaugen. Außerdem Scheinwerfer unter der Wasserlinie, um Taucher in der Nähe erfassen zu können. Weiter hieß es noch kurz und knapp im Kleingedruckten:

U-Boot und das Raketenabwehrsystem wurden von einer französischen Werft nachgerüstet. Nutzung jedoch aufgrund des deutschen Kriegswaffenkontrollgesetzes auf einer Privatyacht nicht möglich. Alle militärischen Komponenten für Charter deaktiviert.

„Meine Güte, das ist ja ein Zerstörer mit Wellness-Ambiente!"

„Richtig, Marc, und das ist ziemlich wichtig für meine Entscheidung. Auf diesem Schiff darf ich mich auf einen Top-Ser-vice für exklusive Gäste konzentrieren."

Er legte den Prospekt zur Seite.

„Du willst es also wirklich, Liebes?"

„Ja, ich will!"

„Warum kommt mir dieses ICH WILL irgendwie bekannt vor?, grinste er, „und warum weiß ich, dass das bei dir endgültig ist?

„Weil ich hier bei dir bin, Marc, lachte sie zurück, „komm lass uns das in Ruhe beim Abendessen besprechen.

Im Gehen schaltete er über sein Smartphone die Surround-Anlage ein.

„Magst du etwas spanische Gitarrenmusik hören?"

Sie überlegte kurz:

„Noch lieber etwas von unserer Fado-Musik."

„Fado, heute Abend? Das hat bestimmt einen Grund."

„Ja, die SUNDOWNER wird in Lissabon für den nächsten Einsatz vorbereitet. Ich möchte mich schon einmal einstimmen", bemerkte sie betont gelassen. Sie mochte kaum zeigen, wie sehr sie das Angebot freute, auf der weltbesten Megayacht die Hotelmanagerin zu sein.

„Wann soll es eigentlich losgehen?"

„Die Reederei sagt, wenn ich den Job möchte, soll ich mich ab sofort für einen Einsatz in den nächsten Wochen bereithalten. Die Kern-Crew sei schon in Lissabon. Sobald ein neuer Charter unter Vertrag sei, will man mich informieren."

Er blickte zu ihr hinüber. Ihre Wangen waren leicht gerötet, die Augen strahlten. Mit ihren knapp dreißig Jahren wirkte sie jetzt wie ein kleines Mädchen, das das ganz große Los gezogen hatte.

Karina Marie war dankbar, dass Marc so vorbehaltlos hinter ihr stand. Bevor sie zusammenzogen waren, hatten sie vereinbart, dem anderen größtmögliche berufliche Freiheit zu lassen. Vor allem so lange sie noch kinderlos waren, auch wenn sie bereits auf ihr erstes Kind hofften.

1.3

Der Präsidentensohn blickte vom Eingang des Weißen Hauses auf die Machtzentrale. Immer noch bekam er eine Gänsehaut.

Was für ein Bau, dachte der Präsidentensohn David wieder einmal, als er vor dem Eingang des Weißen Hauses stand. Von außen schlicht kolonial aber darunter eine atombombensichere Festung.

Die Flagge auf dem Dach wehte im steifen Wind und jemand draußen vor der Absperrung meinte, dieses sei ein untrügliches Zeichen, dass der Präsident im Haus sei, so wie bei der englischen Queen, die vor Ort sei, wenn die Flagge über dem Buckingham-Palast wehte.

David wusste, dass Vater heute tatsächlich anwesend war. Aber nicht wegen der riesigen Flagge, die immer gehisst war, sondern wegen des Terminkalenders des Präsidenten, den nur wenige Auserwählte zu Gesicht bekamen.

Überhaupt sein Vater. George F. Summerhill war vom Typ her nie der geborene Führer, aber der beste zweite Mann im Weißen Haus, den man sich als Präsidenten und auch als Kongress wünschen konnte. Klug, gebildet, wirtschaftlich versiert, parteilos und loyal. Deswegen wurde er zum Vizepräsidenten berufen. Aber nie hatte er auch nur im Entferntesten die Absicht, einmal für die Präsidentschaft zu kandidieren. Die täglichen Kämpfe im politischen Washington waren ihm zuwider. Er verstand sich als Dienender und nicht als Herrschender.

Doch wie so oft, wuchs auch er mit der neuen Aufgabe, und er hatte sich im Politikbetrieb erstaunlich gut zurechtgefunden. Privat kam er im Weißen Haus auch ohne Marion zurecht. Die First Lady wohnte am Familiensitz in Savannah und reiste nur zu offiziellen Anlässen zum Ehemann nach Washington. Vater hatte das Weiße Haus als seinen neuen persönlichen Lebensraum akzeptiert, doch arbeitete er lieber in seinen privaten Räumen im zweiten Stock als im Oval Office. Sein Stab hatte sich längst darauf eingestellt.

George F. Summerhill gehörte auch nicht zu der Kategorie von Präsidenten, die sich mit der schier unglaublichen Machtfülle des Amtes veränderten. Viele seiner Vorgänger hatten die Bodenhaftung verloren und vergessen, woher sie kamen und wer sie einst waren.

Nicht er.

George F. Summerhill war ein Romantiker geblieben. Er liebte klassische Musik, Bücher von französischen Philosophen und von deutschen und englischen Dichtern. Vor allem liebte er über alles die beiden Kinder seiner Tochter Jane, den zehnjährigen William und die achtjährige Florence. Beide Enkelkinder durften, wenn sie einmal im Weißen Haus waren, ungehemmt durch das ganze Gebäude toben, auch durch das Oval Office. Zum Vergnügen der amerikanischen Öffentlichkeit, die angesichts der bezaubernden und geschickt gestreuten Fotos kurzfristig verdrängte, dass die Präsidentenfamilie nicht komplett im Weißen Haus lebte.

David musste schmunzeln, wenn er daran dachte, dass der Präsident im Oval Office hinter seinem Schreibtisch, dem historischen Resolute Deck, eine Falltür hatte, mit der sich der Präsident bei Gefahr nach unten absetzen konnte. Schmunzeln, nicht wegen der geheimnisvollen Falltür, sondern wegen der wahrscheinlich sehr unsanften Landung seines stattlichen Vaters unten und wegen der verdutzten Gesichter oben. Klappe auf und der Präsident war verschwunden.

David wollte ohnehin bei nächster Gelegenheit diskret prüfen, wo der Auslöser für diesen Abgang war. Wahrscheinlich hatte der Secret Service auch für diesen Knopf einen Namen, womöglich Resolute Panic Button.

Ohnehin war der Secret Service mit seinen über vierzig Kräften in der Vergabe von Code-Wörtern für die Präsidentenfamilie sehr einfallsreich. Selbstverständlich durfte man als Betroffener Vorschläge machen, wenn die Wörter kurz waren.

Vater nannte sich EAGLE. Er selbst hatte sich GOLIATH ausgesucht, was wiederum zu einem Lachanfall in der Familie geführt hatte, weil David eher schmächtig gebaut war. Er wollte aber partout nicht SHARK genannt werden, den sah er täglich beim Rasieren im Spiegel. Als strenggläubiger Jude hatte er durchgesetzt, dass seine Frau Susan RACHEL hieß.

Seine Schwester Jane hatte sich für RAINBOW entschieden. Sie nahm die Kinder gleich mit in die RAINBOW-Familie, und so hieß William RAINBOW WILL und Florence RAINBOW FLO.

Janes Ehemann Robert, den sie bei ihrem Vater als Berater für Special Affairs durchgesetzt hatte, wollte nicht RAINBOW genannt werden, sondern hatte sich für BULLET entschieden. Keiner wusste, warum ihn gerade dieser Name begeisterte. Vielleicht, weil er ein Jäger und Waffennarr war. Den meisten blieb zudem verborgen, mit welchen Spezialangelegenheiten BULLET befasst war. Für ein Büro im Weißen Haus hatte seine Durchschlagskraft bisher allerdings nicht gereicht. Der Schwiegersohn kam nur, wenn der Präsident ihn wünschte, und das geschah zu seinem Bedauern eher selten. Wenn Robert vor Ort war, warf er sich allerdings so sehr ins Feuer, dass er dem Stabschef schon wieder überzogen und eigentlich auch lästig erschien.

David machte ein paar Streck- und Dehnübungen, und als er beim letzten Aufrichten auf die im ersten Sonnenlicht gleißende Fassade des Weißen Hauses blickte, musste er wieder schmunzeln.

„Alles Fake hier, dachte er, „die Farbe ist so wenig reinweiß, wie die Stimmung hier in der Machtzentrale angeblich gut ist.

In der Tat war das Weiße Haus eher cremefarben gestrichen, im Fachjargon Whisper White, wusste David, eine Silikatfarbe aus der Produktion eines deutschen Herstellers.

Und die Stimmung war angesichts der internen Machtkämpfe im Weißen Haus angespannt, wenngleich sie unter dem neuen Präsidenten ganz allmählich besser wurde.

Aber auch mit den wenigen Machtkämpfen konnte man leben, man musste einfach genau hören, was der Flurfunk meldete, und wer auf welcher Seite stand.

David hatte den Vorteil, dass ihm, als Sohn des wohl mächtigsten Mannes der Welt, Informationen von vielen Menschen zugeführt wurden, die sich dadurch einen persönlichen Vorteil erhofften. Er war abseits der etablierten Organisation so etwas wie eine mächtige Spinne im Netz, von der man hoffte, dass man nicht zerbissen würde, wenn man ihr zu nahe kam. David hatte noch nie zugebissen, sondern wartete auf den ganz großen Happen.

Die Zeit dafür schien gekommen.

Der Sohn des Präsidenten wusste, dass man sich mit einem besser nicht quer stellen sollte, dem Stabschef des Weißen Hauses, John F. Martin. Ein ehemaliger Vier-Sterne-General und NATO-Oberbefehlshaber in Europa, auf den sich der Präsident vollkommen verließ. John F. Martin, eine starke freundliche Persönlichkeit, sollte im Weißen Haus für Ordnung sorgen, die Flügelkämpfe und die für den Präsidenten unangenehmen Leaks beenden. Das hatte er bereits fast geschafft. Außerdem hatte er inzwischen auch die Kontaktpflege zu anderen Regierungen übernommen, so dass der Präsident keine Veranlassung sah, den Posten des Nationalen Sicherheitsberaters zu besetzen. Der 66-jährige John F. Martin galt nach dem Präsidenten inzwischen als der zweitwichtigste Mann in Washington, was nur wenigen vor ihm gelungen war.

Den Sohn des Präsidenten akzeptierte er zwangsläufig, aber er schätzte ihn nicht. Wie er überhaupt keine Menschen mochte, die illoyal agierten, wussten seine ehemaligen Mitarbeiter aus dem NATO-Hauptquartier zu berichten. Und David, der nach Informationen der CIA nicht abgestimmte Beziehungen zu den politischen Spitzen Israels führte, gehörte dazu. Aber der Stabschef wusste nicht, ob diese Verbindung eventuell vom Vater geduldet oder sogar gebilligt war. Der ganze jüdische Clan mit seinen besonderen Ritualen war ihm als Soldat ohne jegliche kirchliche Bindung ohnehin suspekt. So hielt er sich grundsätzlich aus den Familienangelegenheiten von POTUS heraus.

„GOLIATH im Anmarsch", gab der Body Guard Agent durch, bestätigt auf den Monitoren in der Überwachungszentrale und mitgehört durch die Scharfschützen auf dem Dach.

Der Präsidentensohn dankte den beiden Mitläufern kurz mit einem Daumen hoch, nickte dem Special Agent an der Pforte freundlich zu und begab sich zu seinem Büro.

Schon bei der Übernahme seiner Beratungstätigkeit hatte er dafür gesorgt, dass er im Westflügel die Zimmer des Deputy Chief of Staff bekam, inklusive einer Schlafgelegenheit und Dusche, was zur Verärgerung des Vorbesitzers führte wie auch des Pressestabes, weil dieser in der Folge einen Raum verloren hatte.

Doch David saß nun praktisch in Reichweite des Oval Office. Kurze Wege und physisch präsent sein, vor allem, wenn Vater im Hause war. Das Ziel hatte er erreicht.

David steckte den USB-Stick in seinen privaten Laptop, der nicht am Netz des Weißen Hauses angeschlossen war und vertiefte sich die nächsten Stunden in sein Projekt. Er hatte es generalstabsmäßig aufbereitet. Die Zielsetzung seines Konzeptes war es, auf Überraschung zu setzen und die seiner Ansicht nach beherrschbaren Risiken, bewusst in Kauf zu nehmen. Der Präsident der Vereinigten Staaten (POTUS) müsste ohne diplomatische Vorbereitung durch eine einzige Botschaft Fakten schaffen, und Israel müsste zeitgleich militärisch im Land handeln. Die Hölle würde los sein, aber am Ende würde die Welt den Coup schlucken, so wie die Welt die Annexion der Krim vor Jahren durch Russland geschluckt hatte.

David strich geradezu liebevoll über seine Landkarte, die Israel endlich den allseits anerkannten offiziellen Status eines Staates bringen würde, speicherte die letzten Änderungen des Plans, überspielte ihn auf sein Smartphone und löschte alle Spuren auf seinem Laptop. Der Mossad hatte ihm ein Smartphone geliefert, mit dem eine verschlüsselte Sprach- und Bildübertragung möglich war. Niemand in der Kommunikationszentrale des Weißen Hauses würde diese Kommunikation identifizieren oder gar verfolgen können.

Er schaute auf die Uhr, nur noch wenige Minuten bis zum letzten entscheidenden Telefonanruf aus Tel Aviv. David verschloss die Tür und legte in angespannter Erwartung sein Smartphone auf den Tisch.

1.4

„Schalom, Quarto", begrüßte Ehud Strauss, der amtierende israelische Ministerpräsident, seinen Mossad-Chef Quarto Storch.

„Schalom, Ehud. Fühl’ dich willkommen in unseren Hallen. Du kennst unsere Abteilungsleiter für politische Aktionen, für spezielle Operationen, für Atomwaffen und die Abteilungsleiterin für psychologische Kriegsführung."

Der Ministerpräsident schüttelte den Vieren die Hand.

„Danke Ihnen allen. Gute Aufklärungsarbeit! Dann wollen wir mal."

„Nimm Platz, Ehud. In Washington ist es 15.00 Uhr. Unser Mann im Weißen Haus wartet bereits."

Ehud Strauss ließ sich in den Sessel fallen. Hier, in der Zentrale des Mossad, war der Ministerpräsident sicher, dass sein Vorhaben bis zum letzten Augenblick geheim blieb. Der langersehnte Wunsch, Israel für alle Zukunft zu festigen, schien greifbar nahe, denn der Feind in Teheran spielte ihm direkt in die Hände. Und in Ehuds Händen ruhten Fotos, von deren Wirkung er vollkommen überzeugt war.

„Ich bin bereit, sagte er zu Quarto, „ruf’ ihn an.

David hatte den israelischen Ministerpräsidenten nur ein einziges Mal getroffen, nicht in Israel, sondern in der UNO, als es um Sanktionen gegen den Iran ging. Wieder einmal waren diese durch das Veto von China und Russland verhindert worden. David erschrak kurz, als er das freundliche Gesicht von Ehud Strauss im Smartphone sah.

Die müssen verdammt wichtige Informationen haben, wenn der Chef selbst anruft.

Das Bild von David erschien klar auf dem Bildschirm in Tel Aviv-Jaffa. Die Abteilungsleiterin für psychologische Kriegsführung fixierte Davids Gesicht, seine Augen, Mund- und Handbewegungen und seine Stimme. Der Inhalt war für diese Frau, die zugleich zu den besten Profilern des Mossad gehörte, eher nebensächlich. Ihr Auftrag war es, die Vertrauenswürdigkeit vom Sohn des US-Präsidenten und seine Loyalität zu Israel zu beurteilen.

„Guten Tag, David!"

„Guten Tag, Herr Ministerpräsident, sorry, guten Abend bei Ihnen, was verschafft mir die Ehre?"

„Wir haben Neuigkeiten. Ich bin bei meinem Mossad-Chef. Er gibt Ihnen jetzt die Munition, die Sie brauchen, um in Washington die notwendige Akzeptanz für unseren gemeinsamen Plan zu bekommen."

„Ich bin gespannt, Herr Ministerpräsident!"

„Gut, ich übergebe, wir sprechen uns anschließend noch einmal."

Quarto Storch und David G. Summerhill hatten sich zum ersten Mal bei einer gemeinsamen Präsentation in Harvard gesehen. Damals wussten die beiden – im jüdischen Glauben eng verbunden – nicht, dass der eine einmal First Son und der andere Mossad-Chef sein würden. Den Kontakt hatten sie beide gepflegt, und sie beide waren die Autoren des neuen Plans, der in Tel Aviv längst bis in alle Facetten geprüft und weiterentwickelt worden war.

„Hi, David, schön, dich jung und dynamisch zu sehen."

„Schalom, Quarto, sieht so aus, als könntest du in deinem Bunker etwas Höhensonne gebrauchen."

„Da sagst du etwas. Aber ich sage dir, wenn wir jetzt nicht etwas tun, dann wird es für Israel überhaupt keine Sonne mehr geben."

„Das klingt ja ziemlich dramatisch. Was meinst du damit?"

„Wir haben gesicherte Informationen, dass der Iran einen Nuklearschlag gegen Israel vorbereitet. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann."

„Woraus schließt ihr das?"

Auf Davids Smartphone erschienen die Bilder von iranischen Raketen.

„Du siehst hier die bekannten Sajiil-2-Raketen. Sie wurden mit russischer Unterstützung vollkommen modernisiert und mindestens vierzig sind mit nuklearen Sprengkörpern aus eigener Produktion bestückt. Treffgenauigkeit auf den Punkt. „Das kommt nicht ganz unerwartet, wandte David nachdenklich ein, „aber warum jetzt die akute Bedrohung?"

„Wir haben einen brisanten Operationsplan der Revolutionsgarden oder besser: den seines Führers Ali Naz. Wir senden es dir in diesem Augenblick."

KHUTAT ALEMLYAT LA SHAYATAN

„Was heißt das, Quarto?"

„Das heißt KLEINER SATAN und steht für die Vernichtung Israels. Auf jeder Rakete ist der Name einer israelischen Stadt gemalt. Für Jerusalem und Tel Aviv-Jaffa sind jeweils fünf definiert, für Haifa, Rishon LeZion, Petach Tikwa und Aschdod jeweils drei. Jeder nukleare Gefechtskopf hat eine TNT-Sprengkraft von jeweils sechzig Kilotonnen. Du weißt, eure Hiroshima-Bombe hatte einundzwanzig Kilotonnen. Wenn nur zehn von diesen vierzig Raketen zum Einsatz kommen, wäre Israel von der Landkarte verschwunden."

„Aber noch einmal, Quarto, warum jetzt?"

„Es ist nicht nur der innenpolitische Machtkampf, David, es ist eure Politik. Die Mullahs wissen, dass Israel vollkommen isoliert ist, besonders von den USA. Die kluge Bündnis- und Wirtschaftspolitik der Mullahs und vor allem die strategische Rückzugspolitik deines Vaters ermöglicht ihnen, jetzt ohne größeres Risiko die Vorherrschaft im Nahen und Mittleren Osten zu übernehmen. Israels Vernichtung ist aus Sicht des Irans der wichtige Meilenstein, um Saudi-Arabien, den Irak und Syrien zu beherrschen. Die Mullahs rüsten zum Kampf, David, also sollten wir ihnen zuvorkommen und zwar mit eurer Unterstützung."

„Das klingt einleuchtend, Quarto, aber wie um alles in der Welt soll ich das Weiße Haus überzeugen, dass Israel jetzt und mit amerikanischer Unterstützung zuschlagen soll?"

Quarto blickte einen

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