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1918 - Das deutsche Finnland: Die Rolle der Deutschen im finnischen Unabhängigkeitskrieg

1918 - Das deutsche Finnland: Die Rolle der Deutschen im finnischen Unabhängigkeitskrieg

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1918 - Das deutsche Finnland: Die Rolle der Deutschen im finnischen Unabhängigkeitskrieg

Länge:
656 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 1, 2019
ISBN:
9783942073479
Format:
Buch

Beschreibung

Die Zeit des deutschen Finnland, die nur vom Frühling bis Weihnachten 1918 dauerte, ist ein großes Beispiel von Macht- und Überlebensgeschichte. Denn als die deutschen Truppen als vermeintlich uneigennützige Helfer im finnischen Bürgerkrieg intervenierten, stand Finnland zwischen drohender Spaltung des Landes oder Annexion durch Russland. Die überschwängliche Dankbarkeit der gebildeten Finnen erzählt ebenso viel über den Schock des Bürgerkriegs wie über die starken zivilisatorischen Bindungen an das protestantische Deutschland.

Die Landung der Ostseedivision in Finnland im April 1918 und die Romanze des finnischen Bildungsbürgertums mit dem kaiserlichen Deutschland zählen zu den brisantesten Vorgängen der neueren finnischen Geschichte. Sie werfen ein besonderes Schlaglicht auf die deutsch-finnischen Beziehungen. Zentrale Figuren in dem finnischen Bürgerkrieg sind General Graf Rüdiger von der Goltz, ein gesellschaftlich gewandter Soldat und Held des weißen Finnlands, und der selbstbewusste Carl Gustaf Emil Mannerheim mit seinem Ehrgefühl, dem die Deutschen von Anfang an misstrauisch gegenüberstanden.
Die Landung der Ostseedivision verkürzte den finnischen Bürgerkrieg und verschonte Helsinki vor zerstörerischen Kämpfen.
Das tieferliegende Thema ist jedoch Finnlands dauerhaftes Problem:
Wie lässt sich die Zukunft und Sicherheit des Landes in der Nachbarschaft Russlands sichern?
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 1, 2019
ISBN:
9783942073479
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

1918 - Das deutsche Finnland - Marjaliisa Hentilä

EINLEITUNG

Finnland rettete sich erst mit und dann vor Deutschlands Hilfe

Wer über die Ereignisse des Jahres 1918 in Finnland halbwegs informiert ist, dem ist die Vorstellung geläufig, dass Deutschlands militärische Hilfe Finnland gerettet habe. Ohne Zweifel verhalf die Landung der deutschen Ostseedivision im Rücken der Roten im April 1918 den Weißen, also der legitimen Regierung des Landes, zum Sieg über die aufständischen Roten. Die deutsche Hilfe entschied zwar vielleicht nicht allein den Krieg, aber sie verkürzte ihn und begrenzte damit auch die Zahl der Todesopfer. Finnland rettete sich im Frühjahr 1918 mit Deutschlands Hilfe, aber sehr viel weniger Beachtung wurde der Tatsache geschenkt, dass es sich im Herbst 1918 auch vor Deutschlands Hilfe retten musste. Der Austausch einer kleinen Präposition¹ ermöglicht dieses Wortspiel, mit dem man die bedeutenden Umbrüche in Finnlands staatlicher Souveränität im Jahr 1918 kurz und treffend darstellen kann.

Mit Deutschlands Hilfe – das ist klar, aber warum auch vor Deutschlands Hilfe? Nach dem Ende der Kampfhandlungen Anfang Mai 1918 blieb die Ostseedivision, über 10.000 Mann, noch mehr als ein halbes Jahr in Finnland. Durch die militärische Hilfe und als Preis dafür legte Finnlands weiße Regierung ihr Schicksal bedingungslos in die Hände des deutschen Kaiserreiches. Die Staatsverträge, die Anfang März 1918 mit Deutschland abgeschlossen wurden, hätten aus Finnland eine Kolonie gemacht, deren Außenhandel und Ressourcen sich Deutschland nahezu unbegrenzt hätte zunutze machen können. Die Deutschen blieben in Finnland, um eine Armee zu gründen, die die »Eisenfaust des Nordens« zur dauerhaften Verteilung der militärischen Interessen Deutschlands in Nordosteuropa werden sollte.

Anfang Oktober wählten die Finnen einen deutschen Prinzen zum König, wodurch die »Waffenbrüderschaft« durch Blutsbande gefestigt werden sollte. Bereits im Sommer 1918 wurden Verhandlungen über ein deutsch-finnisches Militärbündnis geführt, mit dessen Abschluss Finnlands Armee völlig unter die Befehlsgewalt des deutschen Generalstabs geraten wäre. Vor dieser »Hilfe« rettete sich Finnland nur, weil Deutschland an der Westfront eine Niederlage erlitt, in deren Folge das Kaiserreich Anfang November 1918 zusammenbrach.

Die Zeit von der Unabhängigkeitserklärung bis zum Ende des Bürgerkriegs gehört zu den am intensivsten erforschten Phasen der politischen Geschichte Finnlands. Der Entscheidungsprozess, der zu Deutschlands militärischer Hilfe führte, ist auf Basis deutscher Originalquellen bereits mehrfach untersucht worden, etwa von Yrjö Nurmio (1957), Juhani Paasivirta (1957), Manfred Menger (1975) und Anthony Upton (1981). Tuomo Polvinen hat in seinen hervorragenden Arbeiten die deutsch-finnischen Beziehungen im Ersten Weltkrieg und im Zusammenhang mit der russischen Revolution erforscht (1967,1971). Matti Lackmans Abhandlung zur Geschichte der Jägerbewegung (2000) und Harri Korpisaaris Dissertation über das von der sogenannten Alten Garde finnischer Offiziere gegründete Militärkomitee (2009) sind Ecksteine der Forschung zu den finnischen Unabhängigkeitsaktivisten und ihrer Hinwendung zu Deutschland. Hannu Rautkallio hat in seiner bahnbrechenden Dissertation (1977) die nackten militärisch-wirtschaftlichen Interessen Deutschlands erbarmungslos ans Licht gezogen. Vesa Vares (1998) hat die einzige wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Arbeit zur finnischen Königsfrage vorgelegt.

Die Ergebnisse dieser Forschungen werden hier nicht alle noch einmal wiedergegeben, aber es soll ein Gesamtbild davon gezeichnet werden, wie Finnland sich unter deutsche Bevormundung begab. Was brachte Finnlands Staatsführung dazu, sich Deutschland bedingungslos in die Arme zuwerfen? Was waren die Motive des Senatsvorsitzenden Pehr E. Svinhufvud und seiner Regierung? Was dachten die Deutschen über Gustaf Mannerheim, der Ende Mai 1918 vom Posten des Oberbefehlshabers verdrängt worden war?

Die praktische Durchführung der deutschen Intervention – vom Zusammenziehen der Truppen in Danzig (Gdansk) über die Ausrüstung einer Armada von 171 Schiffen bis zum Transport von über 10.000 Mann und 4.000 Pferden über die vereiste Ostsee – ist bisher nicht eingehend dargestellt worden. Auch der Einfluss von Deutschland als Vorbild beim Aufbau finnischer Strukturen im Sommer und Herbst 1918 ist kaum Gegenstand der Forschung gewesen. Die Militärhistoriker Reino Arimo (1991) und Jarl Kronlund (1988) haben die Gründungsphase der finnischen Armee unter deutscher Führung untersucht. Arimo und Tuomas Hoppu (2013) haben über die Kampfhandlungen der Deutschen in Finnland gearbeitet.

Aber was haben mehr als zehntausend junge deutsche Männer während ihrer über sechsmonatigen Finnland-Expedition sonst noch getan? Wie begegneten Deutsche und Finnen einander? Solchen Fragen ist dieses Buch nachgegangen. Die Offiziere pflegten sicherlich Umgang mit der deutschlandfreundlichen Elite, aber die Anwesenheit der »Waffenbrüder« war auch im einfachen Volk sichtbar und kam in dessen Alltag und Festtagen zum Tragen – besonders in jenen Ortschaften, in denen die Truppen der Ostseedivision stationiert waren. Die dankbaren Finnen richteten für die Deutschen allerhand Festivitäten und Zeitvertreibe aus, vom Dorftanz bis zur Hochkultur. Sie bewirteten die lieben Gäste auch aus ihren geringen Vorräten. In dem von schwerem Mangel gebeutelten Finnland entstanden auch Schwarzmärkte. Es blühten Schmuggel und Diebstahl sowie die deutsche Kunst, sich Dinge zu »organisieren« – darin waren viele Männer der Ostseedivision äußerst geschickt. Der Alltag unter »Waffenbrüdern«² war insgesamt bunt und abwechslungsreich, auch wenn bisweilen das Kasernenleben abstumpfte und der Mangel an vernünftiger Tätigkeit den Männern zu schaffen machte.

Im Sommer und Herbst 1918 herrschte in Finnland ein einziges Durcheinander. In den etwas mehr als drei Monaten des Bürgerkrieges waren etwa 9.000 Finnen gefallen, und in etwa die gleiche Zahl an Todesopfern hatten der weiße und der rote Terror gefordert. Noch einmal beinahe 12.000 Rote starben nach den Kämpfen in Gefangenenlagern. In Finnland herrschte Hungersnot, und die Spanische Grippe fuhr ihre grausame Ernte ein.

Finnland suchte sich einen deutschen Prinzen als König, und im Land herrschte de facto ein deutscher General. Nicht allein blieb die Ostseedivision im Land – die Deutschen übernahmen auch die finnische Armee, oder vielmehr wurde ihnen diese übertragen, um sie nach ihrem Modell aufzubauen. Finnische Freischärler unternahmen Streifzüge über die Ostgrenze im Zeichen der Idee eines Groß-Finnlands. Ihretwegen geriet Finnland beinahe noch in einen Krieg mit Großbritannien, dessen Truppen an der Eismeerküsten und entlang der Murmanbahn stationiert waren. In St. Petersburg regierten die Bolschewiki unter Lenin, von denen man befürchtete, sie würden ihre Revolution auf Finnland ausdehnen. Die Zeitgenossen konnten in dieser chaotischen Situation kaum erkennen, geschweige denn verstehen, was kommen würde. Die einzige Sache, auf die die meisten felsenfest vertrauten, war Deutschlands Sieg im Weltkrieg. Die Unsicherheit der Zeit gipfelte darin, dass gerade dieses Szenario nicht eintraf.

1Im Original spielen die Autoren hier mit dem Wechsel zwischen dem finnischen Adessiv, der auch Ausdruck eines Mittels sein kann (Saksan avulla – mit Deutschlands Hilfe) und dem Ablativ, der die räumliche Trennung ausdrückt (Saksan avulta – vor Deutschlands Hilfe). [Anm. d. Übers.]

2Der Begriff »Waffenbruder« (finnisch aseveli) samt seinen Derivationen wurde durchgehend in Anführungzeichen gesetzt, auch wenn er zum seinerzeitigen Sprachgebrauch gehörte. Dies reflektiert die Tatsache, dass die kriegsrechtliche Definition von Waffenbrüderschaft nicht problemlos auf das Verhältnis zwischen finnischen und deutschen Truppen im Jahr 1918 übertragen werden kann. Zudem ist der Begriff sowohl im finnischen wie auch im deutschen Sprachgebrauch durch die deutsch-finnische militärische Zusammenarbeit im Zweiten Weltkrieg belastet (vgl. hierzu Jonas 2011, insbes. S. 294ff.). [Anm. d. Übers.]

KAPITEL 1

Finnland und Deutschland im Ersten Weltkrieg

WIE FIEL FINNLAND DEUTSCHLAND IN DEN SCHOSS?

Anfang der 1890er Jahre begannen sich die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland abzukühlen. Seitdem hatte Deutschland zumindest halböffentlich die Revolten und Abspaltungsbestrebungen der Minderheitenvölker an den Rändern des Zarenreichs unterstützt. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 arbeitete Deutschland noch zielstrebiger als bisher daran, Russland zu schwächen, indem es die entstandenen antirussischen nationalen Befreiungsbewegungen und politischen Oppositionsgruppen unterstützte. Auch das Großfürstentum Finnland als Teil des Zarenreiches war mit diesem strategischen Prozess verbunden, den man bildhaft als Revolutionierung« bezeichnete.³ Im Hinblick auf Finnland konnte Deutschland jedoch lange Zeit nicht viel erreichen, da die Finnen trotz der sogenannten »Unterdrückungszeit« und der »Russifizierung«⁴ von den Minderheitenvölkern die vielleicht loyalsten Untertanen des Zaren blieben. Der Widerstand kleiner Aktivistengruppen und die nationale Bewegung des Generalstreiks vom Oktober 1905 ließ die Hoffnungen der Deutschen nur kurz aufflammen.⁵

Der Ausbruch des Krieges weckte in Finnland eine beinahe patriotische Begeisterung dafür, das russische Kaiserreich zu verteidigen. Der Grund dafür war weniger eine Erstarkung prorussischer Gesinnung als vielmehr die Angst vor einem deutschen Angriff. In Helsinki (Helsingfors) versuchten Tausende Finnen in Panik, vor dem Krieg zu fliehen.⁶ Eine ins Extrem getriebene Treue gegenüber Russland zeigte sich in dem Mitte August 1918 aufgekommenen Vorschlag, eine 100.000 Mann starke finnische Truppe für die Armee des Zaren auszurüsten. Für diese Initiative zeichnete Wilhelm Alexander Lavonius verantwortlich, der Direktor der Versicherungsgesellschaft Suomi und Politiker der bürgerlich-liberalen Jungfinnischen Partei (Nuorsuomalainen puolue) war. Er glaubte, dass die Finnen dank dieser Loyalität bessere Voraussetzungen für die Forderung nach Wiederherstellung ihrer Autonomie schaffen könnten. Zudem war Lavonius der Ansicht, dass die Finnen sich selbst darauf vorbereiten sollten, einen deutschen Angriff abzuwehren, statt sich einer Verteidigung Finnlands durch die Russen zu unterstellen.⁷

Die Werbung von Freiwilligen fand jedoch nicht annähernd im von Lavonius vorgeschlagenen Umfang statt. Tuomas Hoppu zufolge schlossen sich etwa 700 Finnen der russischen Armee an, zum größten Teil im September 1914.⁸ Die Rekrutierung wurde von denjenigen Kreisen aus Industrie und Kapital unterstützt, die signifikante Interessen an den mit der russischen Kriegswirtschaft entstandenen Märkten hatten. Anfang 1916 schlug Generalleutnant Gustaf Mannerheim, der wegen der geringen Erfolge Russlands im Krieg besorgt war, während seines Urlaubs in Finnland seinen alten Offizierskameraden vor, gar eine 200.000 Mann starke Freiwilligenarmee in Finnland zu rekrutieren. Mannerheim, der Finnland über drei Jahre nicht betreten hatte, war in dieser Phase bedingungslos loyal zur Herrschaft des Zaren.⁹ Er glaubte, dass Finnland nach einem Sieg der Ententestaaten über Deutschland und dessen Verbündere eine bessere Zukunft innerhalb des russischen Imperiums bevorstand.

Der größte Teil der politisch einflussreichen Kreise Finnlands war bis zum Spätherbst 1917 der Ansicht, dass es ausreichen würde, die Autonomierechte zurück zu erhalten. Von einer Lossagung von Russland und vollständiger Unabhängigkeit träumten in Finnland nach Ausbruch des Krieges nur die Aktivisten, also die Anhänger einer aktiven Widerstandslinie gegen die Maßnahmen Russlands, die Finnlands Autonomie einschränkten. zur Einschränkung der finnischen Autonomie. Im Gegensatz zu Mannerheim dachten sie, ein deutscher Sieg Finnland die Freiheit bringen würde. Viele Aktivistenveteranen der ersten »Russifizierungszeit« sahen eine neue Gelegenheit gekommen. Ihnen schlossen sich die studentischen Aktivisten an, die sich im Herbst 1914 organisiert hatten. Das Ziel stand ihnen von Anfang an klar vor Augen: Finnland muss sich von Russland lösen, aber ohne außenpolitische Unterstützung wird dies nicht gelingen. Militärische Hilfe war entweder von Schweden oder von Russlands Hauptgegner Deutschland zu erwarten. Zur Enttäuschung der Aktivistenbewegung fand eine deutsche Landung in Finnland nicht statt, von einem Sturm auf St. Petersburg ganz zu schweigen. Während der ersten drei Kriegsjahre, bis zum Spätherbst 1917, blieb Finnland innerhalb der deutschen Kriegsziele in erster Linie eine nicht eingelöste Option. Mit dem Beginn einer militärischen Ausbildung für finnische Jäger in den sogenannten Pfadfinder-Kursen im Februar 1915 im Lager Lockstedt bei Hamburg griff Deutschland den finnischen Aktivisten erstmals in relevantem Umfang unter die Arme.¹⁰

Die Geschichte der finnischen Unabhängigkeit und das Streben der Aktivisten nach Deutschlands Seite ist grundlegend erforscht worden, und dem ist hier nichts hinzuzufügen.¹¹ Im Folgenden wird daher nur eine komprimierte Betrachtung als Hintergrund dafür gegeben, warum Deutschland im Frühjahr 1918 beschloss, die sich mit den Aktivisten bietende Option einzulösen und eine militärische Intervention in Finnland zu unternehmen. Wie wurde aus Finnland im Jahr 1918 das deutsche Finnland?

Abb. 1: Organisation der finnischen Unabhängigkeitsaktivisten 1917. (Quelle: Korpisaari 2009, 125.)

Die beiden Hauptrichtungen der sich auf Deutschland stützenden Unabhängigkeitsbewegung waren die Aktivisten (bisweilen auch »Neuaktivisten«) genannte Bewegung sowie das »Militärkomitee« (fi. Sotilaskomitea, schwed. Militärkommitté, kurz M.K.) aus ehemaligen Offizieren der 1901 aufgelösten finnischen Armee. In der Aktivistenbewegung agierten zwei Generationen parallel: Die Veteranen der »Russifizierungszeit« und die studentischen Aktivisten. Die Veteranen bildeten Anfang 1915 den sogenannten »Rat der Alten«. Hierzu gehörten unter anderem die Staatsräte Edvard Hjelt und Alexis Gripenberg sowie der Juraprofessor Rafael Erich. Aus ihnen bestand das »Zentralkomitee« (fi. Keskuskomitea, schwed. Centralkommitté, kurz C.K.) genannte Führungsorgan. In Schweden agierte mit deutscher Unterstützung die Auslandsdelegation zur Befreiung Finnlands, deren Bevollmächtigte die Veteranen Herman Gummerus und Jonas Castrén waren. Der »Rat der Alten« ging bald in das »Aktivkomitee« (fi. Aktiivinen komitea, schwed. Aktivkommitté, kurz A.K.) auf, das zur Unterstützung der Jägerbewegung gegründet worden war. Diesem Komitee unterstanden, neben der Rekrutierung der Jäger, auch die Verbindungen der Unabhängigkeitsbewegung nach Schweden und Deutschland.

Die Aktivitäten der Jägerbewegung in Berlin organisierte anfangs der deutschstämmige Jurist Fritz Wetterhoff, der in Finnland die Schule besucht hatte. Viele der Unabhängigkeitsaktivisten waren besondere Persönlichkeiten, aber Wetterhoff, ein »Ritter von der traurigen Gestalt« in der Art des Don Quijote, war in seiner Eigenwilligkeit unvergleichlich. Er musste wegen seiner Schulden und zahlreicher Vergehen aus Finnland fliehen, seine Anwaltspraxis blieb aber auch in Berlin erfolglos, und er lebte zeitweise in Armut. Aber Wetterhoff war weltgewandt und vermochte es, die Offiziere des deutschen Generalstabs zu überzeugen. Er wurde als preußischer Staatsbeamter bezahlt, um das Büro der finnischen Aktivisten in Berlin zu betreuen. Die Tatsache, dass die Jägerausbildung in Lockstedt fortgeführt und ausgeweitet wurde, wird zum großen Teil Wetterhoffs Verdienst zugeschrieben. Dieser zerstritt sich jedoch bald mit dem Vorsitzenden der Stockholmer Delegation, Adolf von Bonsdorff, und die deutsche Behörden beschuldigten ihn der Verschwörung mit den Feinden des Reiches. Nach kurzer Haft wurde Wetterhoff im Herbst 1916 als einfacher Soldat an die Westfront abkommandiert.¹²

Dem Soldatenkomitee, dass von Absolventen der 1903 aufgelösten Kadettenschule Hamina (Fredrikshamn) gegründet worden war, gehörten anfangs etwa ein Dutzend Offiziere an.¹³ Unter ihnen waren vor allem die Rittmeister Hannes Ignatius und Mauritz Gripenberg damit befasst, Verbindungen nach Deutschland zu knüpfen. Ignatius hatte später eine einflussreiche Position als Hauptquartiermeister Mannerheims und Gripenberg als Militärattaché der finnischen Botschaft in Berlin. Nach der russischen Februarrevolution 1917 wurde das Soldatenkomitee deutlich aktiver, und sein Tätigkeitsschwerpunkt verlagerte sich nach Stockholm. Zugleich intensivierte sich die Zusammenarbeit zwischen den beiden Unabhängigkeitsbewegungen, den Aktivisten und dem Soldatenkomitee. Im Frühjahr 1917 reiste Ignatius gemeinsam mit drei weiteren Offizieren, darunter der als neues Mitglied zum Komitee gestoßene Oberst Nikolai Mexmontan, nach Stockholm, wo sie Verbindung mit den örtlichen Aktivisten, schwedischen Militärs und Agenten der politischen Abteilung des deutschen Generalstabs aufnahmen. Deren Leiter war Hauptmann Ernst von Hülsen, und als seine Beauftragten in Stockholm waren Hans Steinwachs und Rudolf Schmidt tätig. Sie kümmerten sich in Schweden um Deutschlands Waffengeschäfte und vertraten generell Interessen der Mittelmächte. Major Werner Crantz, der als Ludendorffs persönlicher Gesandter in Stockholm eingetroffen war, komplettierte die Gruppe. Insbesondere von Hülsen, Steinwachs und Crantz hatten sich bereits während der vorangegangenen Jahre dienstlich mit der Finnland-Frage befasst. Ihre Zusammenarbeit mit den Finnen wurde während der Planung und Durchführung der deutschen Intervention 1918 noch intensiver. Crantz war in Finnland als Verbindungsmann der Ostseedivision zu Mannerheims Hauptquartier tätig und wurde nach dem Bürgerkrieg deutscher Militärattaché in Helsinki. Herr dieser Herren und deren Strippenzieher war General Erich Ludendorff, Hauptquartiermeister der Obersten Heeresleitung. Er hielt Deutschlands Finnland-Option und zugleich die Hoffnungen der Finnen auf Deutschlands Militärhilfe beharrlich aufrecht.

Zwischen den Aktivisten und dem Soldatenkomitee gab es einen kleinen Wettbewerb um Ludendorffs Gunst. Mexmontan, der im Frühjahr 1917 als Vertreter des Soldatenkomitees in Stockholm geblieben war, übernahm zunächst deutlich die Führung in diesem Zweikampf. Es gelang ihm, mit Hilfe seiner Mitarbeiter einen Plan zum Aufbau einer finnischen Armee auszuarbeiten, für den sich Ludendorff sehr begeisterte. Hauptman Nils Rosén erhielt im Juni 1917 sogar eine Einladung ins damals in Kreuznach gelegene deutsche Hauptquartier, um die Pläne vorzustellen, die unter Mexmontans Leitung entstanden waren. Diese sollen hier jedoch nicht eingehender betrachtet werden. Allen Plänen gemeinsam war, dass sie auf einem in Finnland zu lancierenden Volksaufstand basierten, den die deutsche Armee mit einer Landung an der nördlichen Küste des Bottnischen Meerbusens unterstützen sollte. Die Vorbereitungen zu diesem Volksaufstand setzten die Bildung von Schutzkorps und umfassende Musterungen überall im Land voraus. Die Bewaffnung für die zu gründende finnische Armee sollte aus Deutschland kommen.

Es gab mehrere solcher großangelegter Pläne, aber für deren wichtigsten Bestandteil, eine deutsche Landungsoperation zur Unterstützung der Finnen, wurde zu keiner Zeit eine endgültige Zusage erreicht. Der in seinen Dimensionen maßloseste dieser Pläne wurde »Kommandogruppe Litauen« genannt.¹⁴ Im August 1917 sollte der Plan eines Volksaufstands in Finnland mit Hilfe einer Armee von 100.000 Freiwilligen umgesetzt werden. Den Finnen war es gelungen, die Deutschen glauben zu machen, dass es möglich wäre, eine Truppe dieser Größe auf die Beine zu stellen. Für diese Operation begannen die Deutschen, im Hafen von Danzig von den Russen erbeutete Waffen und Munition für 100.000 Mann zu sammeln, um sie nach Finnland zu verschiffen. Zudem sollte das finnische Jägerbataillon für die Durchführung in die Heimat verlegt werden. Ein Aspekt war jedoch nicht abschließend vereinbart worden, nämlich die Landung von mindestens 20–25.000 Deutschen an der Küste des Bottnischen Meerbusens, in den Abschnitten nördlich von Vaasa. Ohne eine signifikante militärische Hilfe von deutscher Seite hätte die ganze Operation nicht glücken können. In Finnland waren im Sommer 1917 mindestens 100.000 russische Soldaten stationiert, und angesichts dessen hatte man in Deutschland ein zu optimistisches Bild von den Vorbereitungen des Volksaufstands vermittelt. Da es immer noch keine Informationen über eine deutsche Militärhilfe gab, stoppte der entsetzte Mexmontan eilig die Durchführung des Planes. Wenn die »Kommandogruppe Litauen« umgesetzt worden wäre, hätte dies unter anderem den sicheren Untergang des finnischen Jägerbataillons bedeutet. Wegen dieser Konfusion verloren die Deutschen das Vertrauen in Mexmontan und wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Die Auseinandersetzung führte zu gegenseitigen Anschuldigungen. Aus Mexmontans Sicht waren von Hülsen und seine Leute in Stockholm die Hauptschuldigen an der Verwirrung. Diese nämlich hatten den Informationen geglaubt, die ihnen von Jonas Castrén und Kai Donner übermittelt worden waren, jedoch jeglicher Tatsachengrundlage entbehrten.

Mitte Oktober 1917 kam es zu einem Regierungswechsel in Schweden, und der anglophile Liberale Nils Edén wurde Ministerpräsident. Der neue Außenminister Johannes Hellner war parteilos, von seiner Haltung her jedoch ein gemäßigter Konservativer. Aber aufgrund von Schwedens Handelsinteressen sympathisierte er mehr mit den Westmächten. An der Regierung waren zudem erstmals drei Sozialdemokraten beteiligt. Der Regierungswechsel bedeutete, dass Schweden noch beharrlicher als zuvor an seiner Neutralität festhielt und den finnischen Einflüsterungen kein Ohr lieh. Die Finnen verstanden, dass man vergeblich auf militärische Hilfe von dieser Regierung hoffen würde.

Am 7. November 1917 ereignete sich andernorts ein in vielerlei Hinsicht bedeutungsvollerer Regierungswechsel, nämlich in Russland, als die von Wladimir Iljitsch Lenin angeführten Bolschewiki die provisorische Regierung stürzten. Obwohl anfangs kaum jemand – wohl nicht einmal Lenin selbst – glaubte, dass diese an der Macht bleiben würden, waren die geistigen Auswirkungen des als Oktoberrevolution bekannten Ereignisses tiefgreifend. Der Gedanke, sich von Russland loszulösen, bekam in den bürgerlichen Kreisen Finnlands enormen Aufschwung. Eigentlich begann die finnische Bourgeoisie nun erst in geeinter Front die vollständige Unabhängigkeit ihres Landes zu unterstützen. Man könnte hier darüber spekulieren, ob sich Finnland ohne die Machtübernahme der Bolschewiki überhaupt schon im Dezember 1917 für unabhängig erklärt hätte. Finnlands Parteien hätten andernfalls wohl weiter auf bessere Zeiten an der Seite Russlands gewartet.

Das politische Finnland war in der neuen Situation deutlich zwiegespalten. Die Sozialdemokraten wollten die Unabhängigkeit in Zusammenarbeit mit Russlands Arbeiterbewegung verwirklichen. Die Unabhängigkeitspolitik der bürgerlichen Seite sollte von dem am 27. November konstituierten Senat unter Leitung von Pehr Evin Svinhufvud umgesetzt werden. Dessen Bildung war durch die bürgerliche Mehrheit der Parlamentswahlen vom Oktober 1917 ermöglicht worden. Sechs der Senatoren – Svinhufvud eingeschlossen – waren Jungfinnen, zwei gehörten der Finnischen Partei an, zwei der Agrarunion (Maalaisliitto) und einer der Schwedischen Volkspartei (Svenskt Folkepartie/Ruotsalainen kansanpuolue). Die politische Spaltung zeigte sich in der Parlamentsabstimmung am 6. Dezember, in der die 100 bürgerlichen Abgeordneten die zwei Tage zuvor vom Senat veröffentlichte Unabhängigkeitserklärung unterstützten und die 88 Sozialdemokraten dagegen stimmten. So wurde aus der Regierung Svinhufvud der »Unabhängigkeitssenat«, als der er bekannt wurde. Das erste außenpolitische Ziel der Regierung bestand darin, die Regierungen anderer Staaten zur Anerkennung der Unabhängigkeit zu bewegen und die russischen Truppen aus Finnland zu vertreiben. Bei Bedarf würde man auf deutsche Militärhilfe vertrauen.

Auch viele finnische Offiziere, die in Russland Dienst getan hatten, zogen ihre Schlüsse aus dem Machtwechsel in Russland. Sie wollten sich nicht dem Befehl der Bolschewiki unterstellen. Gustaf Mannerheim war die bedeutendste Persönlichkeit unter denen, die aus diesem Grund aus der russischen Armee ausschieden. Er kam zu Weihnachten 1917 in Helsinki an und traf sich mit seinen Offizierskameraden aus dem Soldatenkomitee. Wahrscheinlich trat er selbst am 11. Januar 1918 dem Komitee bei. Mannerheims Entente-freundliche Haltung und seine Abneigung gegenüber Deutschland waren bekannt, aber dennoch hielt Hannes Ignatius als einflussreiches Mitglied des Komitees ihn für geeignet, dessen Führung zu übernehmen. Mannerheims Kenntnisse über Finnlands Lage waren lückenhaft; erst jetzt erhielt er verlässliche Informationen über die Jägerbewegung und die zu gründenden Schutzkorps. Er war von der unmilitärischen Organisation des Soldatenkomitees und dessen Entscheidungsschwäche enttäuscht. Nachdem er drei Tage Mitglied des Komitees gewesen war, hatte er genug, »zündete sich eine Zigarre an und verschwand«. Selbstbewusst wie er war, benutzte er seine Austrittsdrohung auch später viele Male, um seinen Willen durchzusetzen. Als die anderen Offiziere ihm völlige Handlungsfreiheit gaben, um eine effiziente Arbeitsweise des Komitees herzustellen, stimmte er der Ernennung zum Vorsitzenden zu. Er verkündete, sich als erstes der Beschaffung von Waffen zu widmen – jedoch nicht nur von Deutschland, sondern auch von den Entente-Mächten. Das Soldatenkomitee informierte Svinhufvud am 15. Januar 1918 von dem Wechsel an seiner Spitze.¹⁵ So wurde gesichert, dass Mannerheim der Oberbefehlshaber der Truppen des Senates wurde. Fünf Tage später war er bereits in Vaasa und stellte Schutzkorps auf, um die Russen zu entwaffnen.

Die Machtübernahme durch die Bolschewiki korrelierte hervorragend mit den Kriegszielen Deutschlands. Hatte die provisorische russische Regierung über ein halbes Jahr lang den hoffnungslosen Kampf gegen die Mittelmächte fortgesetzt, so erfüllten die Bolschewiki nahezu als erste Handlung ihre Zusage und boten einen Waffenstillstand an. Ihre Position war so schwach, dass sie so rasch wie möglich eine Atempause erreichen mussten. Das Waffenstillstandsangebot war, wie erwähnt, auch der deutschen Obersten Heeresleitung willkommen. Damit würde sich Deutschland von dem erschöpfenden Zweifrontenkrieg befreien und alle beweglichen Kräfte an der Westfront konzentrieren, wo der Feind mit dem Kriegseintritt der USA spürbar stärker geworden war. Die deutschen Kraftreserven wurden auch dadurch beansprucht, dass seine Verbündeten Österreich-Ungarn und Bulgarien durch den Krieg stark geschwächt waren. Deutschland war in die Situation geraten, eigene Divisionen abtreten zu müssen, um deren Kampffähigkeit aufrecht zu erhalten. Bei der Einschätzung der Situation an der Westfront kam Ludendorff Mitte November 1917 zu dem Ergebnis, dass Deutschland den Krieg noch gewinnen könnte, wenn es gelänge, alle Kräfte in einem heftigen Schlag an der Westfront zu bündeln.¹⁶

Sowohl die Aktivisten als auch das Soldatenkomitee beschlossen im Herbst 1917 auf von Hülsens Rat, den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit nach Berlin zu verlagern. Zum Bevollmächtigten des Komitees wurde, ein wenig überraschend, Oberstleutnant Wilhelm Thesleff ernannt, der in der russischen Armee gedient hatte und nur zwei Monate zuvor in Riga in deutsche Gefangenschaft geraten war (oder sich hineinbegeben hatte). Zu Thesleffs Verpflichtungen gehörte nun auch das Kommando über das finnische Jägerbataillon.

Hjelt, Erich und Adolf von Bonsdorff ließen sich Mitte November in Berlin nieder. Bereits nach einigen Tagen traf Hjelt von Hülsen in der politischen Abteilung des Generalstabs. Hülsen versprach, sich im Hauptquartier bei Ludendorff für Finnlands Sache einzusetzen.¹⁷ Für Hjelt wurde bald eine Einladung nach Kreuznach ins Hauptquartier arrangiert. Ludendorff empfing Hjelt und von Bonsdorff am 26. November 1917. Die Finnen hatten ein Sieben-Punkte-Programm für Finnlands Weg in die Unabhängigkeit vorbereitet:

1.Finnland ist ein deutschlandfreundliches Land, das während des Krieges den Mittelmächten selbstlos gedient hat.

2.Finnland muss sich von Russland befreien und ein Staat werden, der in enger Verbindung zu Deutschland steht.

3.Die Befreiung Finnlands ist auch im Interesse Deutschlands – politisch, historisch und kulturell. Ein unabhängiges Finnland wäre das nördlichste Glied einer Front, die eine Barriere gegen den Osten bilden würde.

4.Die wünschenswerteste Alternative zu einer Lossagung Finnlands von Russland wäre eine Landung deutscher Truppen. Ein Volksaufstand gegen Russland sei schon vorbereitet, so dass sich die Finnen den Deutschen anschließen würden.

5.Wenn diese Landung wegen der allgemeinen Weltlage nicht durchführbar sein sollte, wäre eine schnelle Besetzung der Åland-Inseln mit deutschen Truppen wichtig für Finnland.

6.Vorausgesetzt, dass der Waffenstillstand zwischen Russland und Deutschland schon bald zustande kommt, sollte Deutschland den Abzug der russischen Truppen aus Finnland fordern.

7.Die vollständige Unabhängigkeit Finnlands kann erst erreicht werden, nachdem Deutschland diese anerkannt hat.¹⁸

Ludendorff hörte genau zu und sagte dann: »Eine nur mit Hilfe von außen erreichte Freiheit kann nicht von Dauer sein.« Er riet dringend, dass die Finnen so rasch wie möglich ihr Land für unabhängig erklären und den Abzug der Russen fordern sollen. Ludendorff versprach auch, die Anerkennung von Finnlands Unabhängigkeit zu unterstützen. Deutschland könne Finnland Waffen liefern, aber einer militärischen Hilfe stand er ablehnend gegenüber und sah auch die Besetzung der Åland-Inseln in dieser Phase nicht als notwendig an.¹⁹

Am nächsten Tag berichtete Ludendorff Außenminister²⁰ Richard von Kühlmann über seine Unterredung mit Hjelt und von Bonsdorff. Seine Erläuterung über den Inhalt der Diskussion entsprach vollkommen der Darstellung Hjelts in seinen Memoiren: »Die Herren berichteten, dass sie nach der Verkündigung des Waffenstillstands die finnische Unabhängigkeitserklärung präsentieren würden.« Die von den Finnen vorgeschlagene Landung auf den Åland-Inseln, geschweige denn auf dem finnischen Festland, sei Ludendorff zufolge schon der Witterungsverhältnisse wegen nicht vor dem kommenden Frühjahr möglich. Bis dahin wäre man vielleicht schon zu einem Waffenstillstand mit Russland gelangt, schätzte Ludendorff: »Unsere Waffenlieferungen werden fortgesetzt, und wir bereiten die Heimkehr des finnischen Bataillons vor.«²¹

Als Folge der Unabhängigkeitspolitik der Aktivisten war Finnland Ende des Jahres 1917 Deutschland praktisch in den Schoß gefallen. Aber die Aktivisten hatten immer noch keine bindende Zusage Deutschlands über militärische Hilfe erhalten. Die Eigeninteressen der Großmacht bestimmten die Marschrichtung, und die Sache des kleinen Finnland war natürlich nicht die wichtigste Angelegenheit auf dem Schreibtisch des mächtigen Ludendorff.

DEUTSCHLAND STOLPERT AUF DEM WEG ZUR ANERKENNUNG FINNLANDS

Als die Regierung Svinhufvud daran ging, die Anerkennung anderer Staaten für die vom Parlament am 6. Dezember 1917 verkündete Unabhängigkeit einzuholen, waren die Konsulnder skandinavischen Länder, Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs von ihren Heimatländern bereits angewiesen worden, den Finnen zu raten, dass sie sich zunächst um die Anerkennung durch Russlands amtierende Regierung bemühen sollten. Das bedeutete, sich an Lenins bolschewistische Regierung zu wenden. Kaum eine andere Angelegenheit dürfte zu dieser Zeit für Svinhufvud unangenehmer gewesen sein als dieser Ratschlag aus dem Ausland. Eine böse Enttäuschung für ihn war zudem, dass das schöne Versprechen deutscher Unterstützung für die finnische Unabhängigkeit, das Ludendorff nur wenige Wochen zuvor im Generalhauptquartier Hjelt und von Bonsdorff gegeben hatte, scheinbar schon wieder in Vergessenheit geraten war.

Als der Waffenstillstand zwischen den Mittelmächten und Russland am 16. Dezember in Kraft trat und die eigentlichen Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk am 22. Dezember 1917 begannen, wollte Deutschland natürlich nicht wegen Finnland die Verhandlungsatmosphäre verderben. Der Diplomat Frederic von Rosenberg, ein Mitglied der deutschen Verhandlungsdelegation, brachte allerdings die Finnland-Frage schon vor Beginn der eigentlichen Verhandlungen vorsichtig in einem privaten Gespräch mit Lew Kamenew, einem der leitenden russischen Delegationsmitglieder, zur Sprache. Dieser versprach, sich nach der Haltung von Leo Trotzki, dem Volkskommissar des Auswärtigen, zu erkundigen. Trotzkis Antwort war von seltener Klarheit: »Die russische Regierung ist bereit, Finnlands Unabhängigkeit anzuerkennen, sofern Finnlands Regierung selbst darum bittet.«²² So einfach löste sich die Angelegenheit, und Deutschland musste nichts weiter unternehmen, als die Information nach Berlin zu übermitteln. Edvard Hjelt, den der Senat am 8. Dezember offiziell zum Gesandten in Berlin ernannt hatte,²³ erhielt per Telegramm durch das Auswärtige Amt Gewissheit über das Wohlwollen der Sowjetregierung – Wort für Wort in der Form, in der Trotzki dies zum Ausdruck gebracht hatte. Hjelt interpretierte die Angelegenheit so, dass Deutschlands Unterhändler in Brest-Litowsk »Finnlands Sache energisch vertreten« hätten, und die Zustimmung daher deren Verdienst sei.²⁴ Die Deutschen sahen natürlich keine Veranlassung, Hjelts Missverständnis zu korrigieren. Yrjö Nurmio, der sich eingehend mit den deutschen Akten hierzu befasst hat, fand darin jedoch keine Spur davon, dass Deutschland »Finnlands Sache energisch vertreten«, geschweige denn die Russen »unter Druck gesetzt« hätte. Im Gegenteil – die Deutschen waren in dieser Angelegenheit sehr vorsichtig, ja geradezu passiv verfahren.²⁵

Über die Gründe von Hjelts Gutgläubigkeit kann man nur spekulieren. Seine Darstellung der Ereignisse fügt sich jedoch gut in das Bild, das er von Deutschlands Verhalten gegenüber Finnland zeichnen wollte. Hjelt hatte eine zentrale Funktion beim Aufbau der Legende von Deutschland als Wohltäter aus freien Stücken, der in all seinen internationalen Beziehungen den Vorteil Finnlands an erste Stelle setzte. Diese Auffassung verbreiteten auch andere einflussreiche Zeitgenossen mit Elan. Albert Goldbeck-Löwe beispielsweise, ein Repräsentant der deutschen Gemeinschaft in Helsinki, merkte in einem am 10. Januar 1918 in Stockholm zusammengestellten Bericht an, dass Deutschlands Druck ausschlaggebend gewesen war, als man die Anerkennung der finnischen Unabhängigkeit durch Russland eingeholt habe: »Eingeweihte Kreise in Finnland wissen dies und [es] steht daher zu hoffen, dass Finnland mehr wie je sich der Dankesschuld Deutschland gegenüber bewusst sein wird.«²⁶

Da die rote Bolschewiki-Regierung ebenfalls grünes Licht gegeben hatte, blieb der finnischen Regierung nichts anderes übrig, als sich an Lenins Volkskommissariat zu wenden. Am letzten Tag des Jahres 1917, kurz vor Mitternacht, bekam der Vorsitzende des Senats, P. E. Svinhufvud, in Lenins Hauptquartier im ehemaligen Smolny-Institut in St. Petersburg von Lenin die schriftliche Zusicherung der Sowjetregierung über die Anerkennung von Finnlands Unabhängigkeit überreicht. Das Zentralkomitee der Arbeiter- und Soldatenräte bestätigte am 4. Januar 1918 die Entscheidung von Lenins Regierung.

Bereits am selben Tag erkannte Schweden Finnland an, und überraschend auch Frankreich. Die Entscheidung war von beiden Seiten nicht ganz unproblematisch, da die Unabhängigkeit Finnlands für das Kräftegleichgewicht in der Ostseeregion schwer vorherzusagende Veränderungen zur Folge hatte. Wäre Finnland auf längere Sicht in der Lage, seine Souveränität zu festigen, wenn Russland seinerseits erstarken würde? Daran zweifelten viele Zeitgenossen in Schweden wie auch andernorts. Die rasche Reaktion Frankreichs lässt sich mit dem Wunsch erklären, Finnland daran zu hindern, sich Deutschland Hals über Kopf in die Arme zu werfen. Die übrigen Entente-Staaten, Großbritannien und die USA, warteten darauf, dass der Bolschewiki-Staat zusammenbrechen und sich in Russland eine neue Regierung bilden würde, die bereit wäre, die Bündnisbeziehungen mit den Westmächten zu erneuern und den Krieg gegen Deutschland und seine Verbündeten fortzusetzen. Auf die endgültige Entscheidung zur Anerkennung durch diese beiden Staaten musste Finnland noch beinahe zwei Jahre warten, bis zum Mai 1919, nachdem es sich von seiner Deutschlandorientierung gelöst hatte.

Deutschlands Vorsicht bei der Anerkennung Finnlands resultierte für das Land auf der Zielgeraden in einem blamablen Ansehensverlust. Obwohl die Deutschen ihr Bestes versucht hatten, um dem Vorgehen der Entente auf der Spur zu bleiben, überraschte Frankreichs schnelles Handeln sie völlig. Reichskanzler Georg von Hertling wandte sich am 4. Januar 1918 eindringlich an den Kaiser und berichtete, dass die sich in Berlin aufhaltende Regierungsdelegation von Deutschland die Anerkennung erwarte, wie auch mehrere andere Staaten im Laufe des Tages Finnland bereits anerkannt hatten. Von Hertling rief den finnischen Gesandten Hjelt am 6. Januar zu sich und erklärte, dass Deutschland Finnland eigentlich bereits am 4. Januar anerkannt habe, also am selben Tag wie Schweden und Frankreich, aber dass die Entscheidung erst jetzt veröffentlicht worden sei. Er begründete die Verzögerung damit, dass Deutschland Schweden als Finnlands Nachbarn den Vortritt habe lassen wollen. Die Presse hatte bereits mit Verwunderung auf den Verzug reagiert, und General Ludendorff, der immer an Finnlands Angelegenheiten interessiert war, hatte seinerseits wiederum den Vertreter des Auswärtigen Amtes im Generalhauptquartier, Kurt von Lersner, deswegen gescholten.

Die Anerkennungsurkunde mit der Unterschrift von Kaiser Wilhelm II., die sich im Archiv des deutschen Außenministeriums befindet, trägt in der Tat das Datum »Berlin, den 4. Januar 1918«, aber die Ziffer 4 ist mit stärkerer, sich von dem übrigen Text deutlich abhebender Handschrift eingetragen. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass das Dokument dem Kaiser erst am 6. Januar vorgelegt und von ihm unterschrieben wurde. Dass von Hertlings dreiseitiges Memorandum zu der Vorlage auf den 6. Januar datiert ist, verweist ebenfalls hierauf.²⁷ Yrjö Nurmio, der diesen Widerspruch bemerkte, hat sich nicht zu Spekulationen darüber hinreißen lassen, wer die Anerkennungsurkunde manipuliert haben könnte.²⁸ Der Kaiser selbst hätte sich wohl kaum mit höchsteigener Hand zu einer solchen Fälschung hinreißen lassen und die Sechs mit einer kräftigen Vier überschrieben. Seine Majestät wurde vermutlich nicht einmal über von Hertlings Notlüge in Kenntnis gesetzt. Der Grund für diese eigentümliche und tölpelhafte Operation war, dass Deutschland die Spuren seines Ausrutschers verwischen wollte, nachdem es den Wettlauf um die Anerkennung Finnlands gegen seinen Erzfeind Frankreich verloren hatte.

Der Glaube an die Lebensfähigkeit eines unabhängigen Finnlands war besonders in den Kreisen des Auswärtigen Amtes nicht stark. Besonders laute Unkenrufe waren etwa von Hellmuth Lucius von Stoedten, dem deutschen Gesandten in Stockholm, zu hören. Nachdem er von Finnlands Unabhängigkeitserklärung gehört und Hjelt und Gummerus in Stockholm getroffen hatte, schrieb er an von Hertling: »Obgleich sich nun Finland [sic] in diesen Tagen vollkommen selbständig erklärt hat, glaube ich nie daran, dass dieser Zustand mehr als vorübergehend sein kann. Wohl ist es möglich, dass Finland eine ausgedehnte Autonomie erlangen kann, nie aber, das sich ein selbständiger Staat vor den Toren von Petersburg in einer Entfernung von kaum 30 km von dieser Riesenstadt halten kann.«²⁹ Ebenso schwach war im Außenministerium die Überzeugung, dass die Herrschaft der Bolschewiki in Russland von Dauer sein würde – insbesondere dann, wenn der Zar an die Macht zurückkehren würde, wären die Tage des unabhängigen Finnland gezählt.

Als Lucius Ende Januar 1918, nach der Anerkennung Finnlands, einer Versammlung von Stockholmer Finnen riet, dass Finnland, dem Vorbild Schwedens folgend, nach Neutralität streben sollte, schrieb ihm von Lersner einen in scharfem Tonfall gehaltenen Brief: »General Ludendorff schreibt mir, er habe Meldung erhalten, der Kaiserliche Herr Gesandte in Stockholm arbeite daran, dass Finnland sich alsbald neutral erklärt. Eine Neutralitätserklärung habe nach Ansicht der Obersten Heeresleitung nur dann Wert, wenn Finnland in der Lage sei, seine Neutralität zu wahren, das Land von den russischen Truppen zu befreien und die Durchfahrt von Ententetransporten zu verhindern. Das sei augenblicklich nicht der Fall. Militärischerseits liege für Deutschland ein Interesse an der Neutralitätserklärung nicht vor. Vor einer Neutralitätserklärung müssten wir durch ein militärisches und wirtschaftliches Abkommen mit Finnland uns die vorzugsweisen Vorteile sichern«.³⁰ Von Lersner agierte hier natürlich als Sprachrohr, denn auch General Ludendorff war heftig verstimmt darüber gewesen, dass das Auswärtige Amt den Finnen derartige Ratschläge erteilte. Ihm zufolge sollte Deutschland rasch daran gehen, seinen womöglich bald noch bedeutsamer werdenden Einfluss in Finnland mit einem Militär- und Handelsvertrag zu sichern, ehe Finnland eine mögliche Neutralitätserklärung veröffentlichen könnte.³¹

DAS GROS DER JÄGERTRUPPEN KEHRT HEIM

Im Spätherbst 1917 hielt sich der Großteil der finnischen Jäger immer noch in der Hafenstadt Libau (lett. Liepāja) im heutigen Lettland auf. Die Nachrichten von Finnlands Unabhängigkeitserklärung sowie dem Waffenstillstand zwischen den Mittelmächten und Russland, in dessen Folge die Russen vermutlich bald aus Finnland abgezogen werden würden, weckte unter den Jägern zwiespältige Gefühle. Wenn dem so wäre – was bliebe ihnen in Finnland noch zu tun, wenn die Gründe, aus denen sie nach Deutschland gegangen waren, nun von selbst wegfielen? Dessen ungeachtet wollte die große Mehrheit der Jäger heimkehren, und auch die in Stockholm und Berlin agierenden Anführer der Aktivisten wünschten dies. Sie glaubten nicht, dass die Russen aus freien Stücken aus Finnland abziehen würden. Die zweite Aufgabe, für die man die Jäger brauchen könnte, hing mit der zugespitzten Situation in Finnland nach dem Generalstreik vom November 1917 zusammen. Wenn die Schutzkorps den allgemeinen Frieden nicht garantieren könnten, müssten dies die Jäger übernehmen. Diese Option war jedoch politisch so explosiv, dass einige der führenden Aktivisten, wie Edvard Hjelt und Herman Gummerus, die Rückführung der Jäger nicht forcieren wollten. Ihrer Meinung nach würde dies die radikalsten roten Elemente unnötig provozieren und das Land in den Bürgerkrieg treiben.³²

Im bürgerlichen weißen Finnland wurden die Jäger jedoch fieberhaft erwartet. Einen der stärksten Appelle zu ihrer Rückkehr präsentierte Ilmari Kianto in seinem Gedicht »Kampflied an die Heimat«. Darin wird Finnlands Weg in seltener Geradlinigkeit geschildert – von Russland konnte man sich nur lösen, in dem man sich Deutschland in die Arme warf, und die dort ausgebildeten Jäger waren die lebenden Garanten dieses Bundes:

Kommt, ihr Jäger!

Deutschland ist stark!

Deutschland ist groß!

Aus Deutschland die Wurzel

der Völker entspross!

Kommt, ihr Jäger,

und erobert

euer eigenes Land!

Hindenburgs Harnisch

glänzt in der Ferne!

Das Blut aus Finnlands Herzen

Fließt in Todesschmerzen!

[…]

Kommt, ihr Jäger,

kommt nach Haus,

Sibiriens Hunde

treibt hinaus!

(Kaleva 7. Februar 1918, Ilkka 8. Februar 1918)³³

Die Heimkehr der Jäger verzögerte sich bis Ende Februar 1918. Inzwischen hatten die Roten Helsinki in ihre Macht gebracht und Mannerheims Truppen begannen, die Russen in Ostbottnien zu entwaffnen. Matti Lackman zufolge trug Deutschland die Hauptverantwortung für die Verzögerung beim Abmarsch der Jäger. Während die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk noch im Gange waren, wollte Deutschland die Rückkehr der Jäger nicht vorantreiben. Die Pläne der finnischen Aktivisten wurden einmal mehr besonders von Außenminister Richard von Kühlmann gebremst.³⁴

Während des Wartens auf die Abreisegenehmigung begann die Kameradschaftlichkeit innerhalb des Jägerbataillons stark zu bröckeln, wenn denn die Truppe überhaupt je besonders einträchtig gewesen war. Das Bataillon war in seiner sozialen Zusammensetzung heterogen, und die Kluft zwischen den Mitgliedern aus der Arbeiterklasse und denen bürgerlicher Herkunft verursachte Neid und Zänkereien. Aus Mangel an Motivation und wegen vielfältiger Disziplinlosigkeiten war die Kampfkraft des Bataillons Ende 1917 merklich geschrumpft. Die Arbeiter unter den Jägern bildeten eine organisierte Oppositionsgruppe, die nicht nach Finnland gehen wollte, um gegen ihre eigenen Gesinnungsgenossen zu kämpfen, und genau aus diesem Grund hätte man sie auch nicht dort eingesetzt.

Am 9. Februar traf Oberstleutnant Wilhelm Thesleff aus Berlin in Libau mit der Vollmacht seitens der finnischen Regierung ein, das Kommando über die Jäger zu übernehmen. Das Bataillon wurde am 13. Februar aufgelöst und die Jäger von ihrem Treueschwur gegenüber Deutschland entbunden. Die Heimkehrer schworen der Finnischen Regierung und der neuen Flagge ihre Treue. Unter den Männern wurde de facto eine politische Säuberung dahingehend durchgeführt, dass man nur diejenigen zu der Heimkehrertruppe zuließ, die sich verpflichteten, für die Werte des weißen Finnland und des kaiserlichen Deutschland zu kämpfen. Lackmans Berechnungen zufolge betrug die Zahl der vor Beginn des Bürgerkriegs oder spätestens währenddessen nach Finnland zurückgekehrten Jäger 1.328. Diese Zahl schließt 140 Mann ein, die schon früher mit Waffenlieferungen zu Schiff und verschiedenen Einsatzgruppen in der Heimat eingetroffen waren. In Deutschland verblieben 451 Männer,

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