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Der Tod in der Salzwiese: 6. Fall für Dick und Bresniak

Der Tod in der Salzwiese: 6. Fall für Dick und Bresniak

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Der Tod in der Salzwiese: 6. Fall für Dick und Bresniak

Länge:
238 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 16, 2019
ISBN:
9783958131729
Format:
Buch

Beschreibung

Endlich ist es soweit: Bresniak und Lilli wollen ihren lang ersehnten Urlaub auf Juist genießen. Doch die Ruhe hält nicht lange an: Bei einem geführten Spaziergang entdeckt Lilli in den Salzwiesen einen merkwürdigen Ast, den der Sturm die Nacht zuvor an die Küste gespült hat … doch bei näherer Betrachtung entpuppt sich dieses merkwürdige Gebilde als ein menschlicher Arm. Als dann die Leiche eines toten Einheimischen verschwunden ist, wird bereits von einem "Jack the Ripper" gemunkelt. Der Sensationsjournalist Mark Ruster heizt die Spekulationen an. Doch dann nehmen Leichenspürhunde eine grausige Fährte auf …
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 16, 2019
ISBN:
9783958131729
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Endlich hatte Lilli Bresniak davon überzeugen können, dass ein Aufenthalt auf Juist die Entspannung bringen würde, die sie brauchten und sich auch wünschten – und dann das: Lilli hatte die Reiseplanung übernommen und extra auf das Auto verzichtet.

»Charly, du wirst sehen, der Urlaub fängt im Zug an. Dann können wir schon auf der Hinfahrt schmökern. Ganz genüsslich lassen wir die Landschaft an uns vorüberziehen und lesen die Bücher, die uns schon die ganze Zeit angrinsen.«

Lilli, die Freundin von Bresniak, dem Wuppertaler Kriminalhauptkommissar, hatte wirklich alles organisiert, die Tickets besorgt, einen Zug herausgesucht, passend zur Abfahrtszeit der Fähre nach Juist, und ein gemütliches Domizil gefunden. Einem guten Urlaub stand nichts mehr im Wege.

In Münster fuhr der Intercity ein, in den sie umsteigen mussten und der sie nach Norddeich Mole bringen sollte. Wie recht Lilli mit der Platzreservierung hatte! Sie blickten durch die Fenster des einfahrenden Zuges und sahen nicht einen freien Sitz. Das wäre es noch gewesen, wenn sie mit einem Notsitz hätten vorliebnehmen müssen. Bresniak war sowieso alles andere als von dem Urlaubsziel begeistert. Er hatte für die Nordsee nichts übrig. »Immer, wenn man zum Meer geht, ist es verschwunden. Nur grauer Sand, gemischt mit Schlick, das ist alles, was es gibt, und das nennt sich das Meer! – Noch besser, manch einer bezeichnet es als Strand.« Bresniak rümpfte dabei die Nase und sein Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel aufkommen, was er von Lillis Idee hielt. Es hatte Lilli viel Überzeugungsarbeit abverlangt, Bresniak dazu zu überreden, ihr diesen Wunsch zu erfüllen, mit ihr nach Töwerland zu fahren.

»Töwerland heißt Zauberland, wie die Juister ihre Insel gerne und liebevoll nennen; es wird dich verzaubern, Charly, lass dich überraschen. Es wird schön. Nur wir zwei, kein Telefon, das dich plötzlich zu einer Leiche bestellt und wieder unserem Tangoabend in die Quere kommt.«

Tango war ihrer beider Leidenschaft, der sie gerne nachgingen. Entweder im Café Tango oder im ADA, das waren ihre Lieblingsetablissements. Lilli war in diesen Lokalen eine Tanz­ikone geworden, so geschmeidig, wie sie ihrem Partner mit Tanzelementen folgte. Sehr zum Leidwesen einiger Tangueros tanzte sie nun bevorzugt mit ihrem Freund Charly, der zwar bei Weitem nicht das Niveau erlangt hatte, das zu ihr passte, der aber immer besser wurde, und sie hatten eine Gemeinsamkeit, der sie gerne frönten. So mancher gemeinsam geplante Tangoabend war wegen eines plötzlichen Einsatzes von Bresniak geplatzt. Gut, auf Juist würde das wegfallen. Auch das hatte Lilli eruiert. Auf dieser Insel gab es keinen Tangosalon, aber ein Urlaub ohne Tango war auch erholsam. Und die nächsten drei Wochen sollten nur ihnen alleine gehören.

Bresniak, genannt Charly, hatte als Kommissar der Mordkommission bei einer seiner Ermittlungen, die ihn in das Wuppertaler Tango-Milieu geführt hatte, nicht nur den Tanz, sondern auch Lilli kennen- und lieben gelernt. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie zueinandergefunden hatten; zu viel Respekt voreinander stand ihnen im Weg. Aber dann hat Cupidos Pfeil sein Werk vollendet, und sie waren seit geraumer Zeit ein Paar – und nun auf dem Weg in den ersten gemeinsamen Urlaub. Von nichts und niemandem wollten sie ihre Pläne durchkreuzen lassen, kein Anruf sollte ihr Tete-à-Tete stören. Nicht umsonst kannte man die Insel als einen Aufenthaltsort ohne Fluchtmöglichkeit. Und sie wünschten sich Erholung pur, eine leichte Brise, Sonne, Luft, Ruhe zum Entspannen, alles ohne Hektik. Mit diesen Aussichten hatte Lilli ihren Freund dann doch überzeugen können, dass diese Nordseeinsel das richtige Urlaubsziel für sie sei, und dann das:

Die reservierten Plätze gab es für die beiden tatsächlich – die letzten freien, die der Zug zu bieten hatte –, aber wo waren sie da gelandet? Es schien ein Party-Waggon zu sein. Laute Discomusik empfing die beiden, dazu eine Horde von jungen Männern mit einem Fässchen Bier auf dem einzigen Tisch, den der Großraumwagen zu bieten hatte. Erkennungszeichen: der Fake eines Panamahutes. Alles Typen, die, wenn man sie einzeln betrachten würde, einen ordentlichen Eindruck machten: Frisur von einem Star-Friseur gestylt, Hemden, deren Knöpfe mit kontrastierendem Faden angenäht waren, eher smarte Kerle, die man in Bankerkreisen vermuten würde. Dazwischen eine Mädelstruppe schon etwas fortgeschrittenen Alters, von denen eines immer wieder nach Sekt rief. Lilli sah, wie sich das Gesicht von Bresniak versteinerte. Seine Augen weiteten sich, er sog verstärkt Luft ein, was seine Nasenlöcher größer und weiter und seine Nase spitzer erscheinen ließ. Er presste den Mund zusammen, sodass die Lippen nur noch einen Strich formten. Und das Schlimmste: Er sagte nichts! Er setze sich in die Ecke, die ihm der Fensterplatz zuwies, und blickte stur in die Landschaft.

Das kann ja gut werden, stöhnte Lilli innerlich auf, aber im Moment hatte sie keine Chance, irgendetwas an dieser zugegebenermaßen nervigen Situation zu ändern. Mit Bresniak war im Augenblick nicht zu reden; würde sie ihn ansprechen, würde alles nur noch viel schlimmer.

»Nächster Halt … Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Vielen Dank, dass Sie mit der Deutschen Bundesbahn gefahren sind«, tönte es aus dem Lautsprecher. Bewegung kam in die Party-Truppe. Sollte das Spektakel ein Ende haben? Die Mädels hatten die Zugehörigkeit zu ihrer Clique mit pinkfarbenen T-Shirts gekennzeichnet. Auf Höhe der imaginären Brusttasche standen ihre Vornamen geschrieben. Besonders auffallend verhielt sich Gerlinde; sie rief ständig weiter nach Sekt, bis ihr eine Freundin einen Schubs verpasste:

»Mach hinne, sonst verpasst du unseren Ausstieg, wir müssen unsere Fahrräder noch holen.«

Lilli atmete tief durch, sollte die Zugfahrt doch noch ruhig und friedlich werden. Auch Bresniak schien einen erleichterten Atemzug auszustoßen. Seine Schultern entspannten sich, er rutschte etwas tiefer in den Sitz, nahm eine gelockerte Körperhaltung ein und bückte sich zu seinem Rucksack, den er im Fußraum vor sich platziert hatte, um sich ein Buch herauszuholen. Grölend verließen die Frauen den Waggon, doch dass ihnen die Männer folgen würden, darauf warteten Bresniak und Lilli vergebens. Sie hörten nur etwas von Norderney, und damit bestätigten sich ihre Befürchtungen, dass die Party-Truppe sie bis zur Endstation begleiten würde. Die Klaus Lage Band dröhnte mit ihrem Song Tausendmal berührt aus der Musikbox. Der Männerchor aus dem Zug fiel beim Refrain lauthals ein. Abgelöst wurde der Song von der Spider Murphy Gang mit Schickeria und dem Skandal um Rosi, unterbrochen von Sprachfetzen wie »du musst jetzt Bayer-Aktien kaufen …« oder über die Leitzinsänderung, die man nächste Woche erwartete, bestätigten die Annahme, dass es sich tatsächlich um Banker zu handeln schien.

Alles Männer zwischen 30 und 35 Jahren, die sich nach genauerer Betrachtung als eine Truppe aus Düsseldorf entpuppten, die einem Junggesellenabschied auf Norderney entgegenfuhren. Bresniak packte sein Buch wieder ein. Eine beschauliche Bahnfahrt mit genüsslicher Lektüre schminkten er und Lilli sich gerade ab. Zunächst konnte sich der Bräutigam seiner sexuellen Bemerkungen enthalten. Doch dann setzte er ein Grinsen auf – am besten gefiel ihm sein Kommentar über Gerlinde, den er immer wieder wiederholte: »Die schraubt gleich ihren Sattel ab und fährt dann besonders vergnügt weiter.« Als niemand darüber lachen wollte, versuchte er es noch zweimal, ohne Erfolg. Nachdem auch andere Anzüglichkeiten ohne Resonanz blieben, wurde es überraschenderweise etwas ruhiger. Die Truppe grölte nicht mehr, doch die Musikbox blieb auf maximaler Lautstärke aufgedreht. Bresniak drehte sich wieder zum Fenster und stierte ins Grüne, und Lilli betete inständig, dass diese laute Katastrophe spätestens in Norddeich Mole ein Ende haben würde.

Hatte es. Die Düsseldorfer schlugen nach der Ankunft, wie die meisten Fahrgäste, den Weg zum Fährhaus Norderney ein, Bresniak und Lilli bewegten sich gegen den Strom und folgten den Hinweisen, die sie zur Fähre nach Juist bringen sollten. Lilli steuerte direkt die Gepäckwaggons an. Es dauerte nicht lange, und sie stand mit Bresniak an der Mole. Die Tickets hielt sie in der Hand. Bresniak straffte die Schultern, reckte den Hals, atmete tief durch und legte einen Arm um Lillis Schultern.

»Was für eine wunderbare Luft empfängt uns hier! Und ein blauer Himmel mit nur wenigen Wolken. Vielleicht wird es ja doch schön.«

Kapitel 2

Lilli und Bresniak verweilten im Fährgebäude. Alles um sie herum war ruhig und sauber. Alles Deutsche, keine Menschen oder Familien mit südländischem Aussehen. Keine Gruppen, die von quirligen Kindern begleitet wurden und für Unruhe sorgten, auch keine blonden Hünen mit Bart und blauen Augen, wie man sich allgemein Schweden vorstellt. Kein Geplapper umgab die beiden, im Gegenteil, sie befanden sich zwischen Zeitgenossen, meist älteren Jahrgangs, die sich geduldig wartend auf eine der gepolsterten Sitzbänke niedergelassen hatten. Der ein oder andere packte seine Butterstullen aus, in Pergamentpapier eingewickelt, so wie es Bresniak seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte.

Was für ein Unterschied zu Wuppertal! Weiter vorne passierte ein kleines Unglück. Zwei Personen stießen zusammen. Ein Becher knallte auf den Boden, und der Kaffee breitete sich in einer großen Pfütze aus. Es dauerte nicht lange, und alles war wieder aufgewischt, keine Flecken, keine feuchten Fußspuren, die sich in der Wartehalle verteilt hätten, alles eliminiert. Die Naturfliesen des Fußbodens zeigten sich, wie man die Nordküste allgemein vorfindet: ordentlich und sauber, da lag kein Bonbon-Papier oder Zigarettenstummel auf dem Boden. Lilli hörte etwas von einem Vorschiff, das eher ablegen sollte, und stupste Bresniak in die Seite:

»Lass uns schon mal an Bord gehen, jetzt geht es schneller, als wir dachten.«

Auf dem Schiff durchquerten sie den Salon, in dem sich bereits zahlreiche Gäste niedergelassen hatten. Das Wetter war gut, und so stiegen sie die Treppe hinauf auf das Hinterdeck und suchten sich auf einem der roten Bänke einen Platz an der Reling. Es wehte ein lauer Wind. Lilli freute sich auf die Überfahrt – so lange war es her, dass sie das letzte Mal auf einer Nordseeinsel war, und jetzt Juist!

Bresniak war immer noch skeptisch, ob das alles für ihn die richtige Erholung werden würde. Mit Genugtuung stellte er fest, dass der Junggesellen-Abschied wirklich nicht nach Juist fuhr; das hätte er nicht mehr ausgehalten. Milde Luft umspielte Lillis strubbelige Locken. Sie wickelte sich in eine Strickjacke und legte sich eine Windjacke um ihre schmale Figur, hakte sich mit einem Arm bei Bresniak unter und kuschelte sich an ihn. Mit ihren bernsteinfarbenen Augen suchte sie seinen Blick. Und Bresniak wusste, warum er ihr nichts abschlagen konnte. Er antwortete auf ihre nicht verbalisierte Frage: »Ja, ich glaube, es kann etwas werden.«

Die Fähre legte ab. Mit Befriedigung nahm Bresniak wahr, dass um ihn herum nur ruhige Menschen saßen, die einen mit einem Reader in der Hand, der voll deren Konzentration vereinnahmte, nur kurz unterbrochen, um mit einer Wischbewegung die nächste Seite auf den Bildschirm zu holen. Andere hatten sich zurückgelehnt und die Augen geschlossen, um sich dem eintönigen Motorengeräusch und dem klatschenden Wasser hinzugeben. Lilli meditierte genussvoll vor sich hin, als ein lautes Dröhnen sie zusammenzucken ließ. Die Fähre von Norderney fuhr in den Hafen ein und begrüßte das Festland mit einem kräftigen Tuten aus dem Nebelhorn.

»Das wird hoffentlich die letzte Störung bis zu unserer Ankunft bleiben.« Sie behielt recht. Zunächst begleiteten sie Masten, die die Fahrrinne markierten; auf jeder saß ein Vogel. »Was sind das für Vögel? Das sind keine Emmas!«, fragte sie neugierig.

»Das sind Rotschenkel und Alpenstrandläufer«, klärte sie Bresniak auf.

»Ja, klar, Alpenstrandläufer! Wir steuern auch direkt auf die Zugspitze zu.« Dabei tippte sie mit dem Zeigefinger auf ihre Stirn, um zu verdeutlichen, was sie von seiner Antwort hielt.

»Wieso glaubst du mir nicht?«

»Veräppeln kann ich mich selbst – Alpenvögel in der Nordsee!«

»Nein, wirklich!«

»Soso … Warum soll ich dich ernst nehmen?«

»Weil ich seit Neustem Ornithologe bin? – Nein, Lilli, schau, dort neben der Treppe ist ein Schild mit den hiesigen Vögeln, und da sind sie abgebildet und die Namen dazugeschrieben. Du musst mir nicht glauben, du kannst es selbst lesen.«

Das mit den Vögeln hatte sich geklärt. Die Poller hörten auf, ein Blick zurück zum Festland zeigte eine flache Ebene mit zahlreichen Windrädern. Auf der anderen Seite gab sich Bresniak dem endlosen Horizont hin, der nur durch ein einzelnes Schiff unterbrochen wurde. Die Überfahrt war kurz, dauerte nicht viel mehr als eine Stunde. Es war jedoch lange genug, um sich auf die Sandbank zu konzentrieren, die sich über die Jahrhunderte zu einem Kleinod in der Nordsee gemausert hatte. Eine leichte Anhöhe, für Norddeutsche ein Berg, für Menschen aus dem Bergischen Land bestenfalls ein Hubbel, den sie gar nicht wahrnahmen, alles bedeckt mit einem sanften Grün.

Die Fahrt hatte etwas von autogenem Training, bei dem sich die meisten Gäste einer mentalen Entspannung hingaben. Die Beförderung dauerte an und schien bereits etwas von dem Zauber zu haben, der Töwerland seinen Gästen bot. Viele Passagiere öffneten erst wieder die Augen, als sie scheinbar in einer anderen Welt angekommen waren. Einzelne dünne Birkenstämme markierten die Einfahrtsrinne, die den Weg ins Ziel führten. Nur einer der Gäste schien nervös zu sein. Er stand an der Reling, nahe bei Lilli.

Sein Blick schweifte von der einen zur anderen Seite, er trat von einem Fuß auf den anderen, wobei Lilli die senfgelbe Cordhose und die braunen Loafers von Gucci auffielen. Dazu trug er einen gleichfarbigen Schal, den er um den Hals gewickelt hatte und der Wärme versprach, über einer geölt glänzenden Windjacke. Er schien nicht zu wissen, was er mit seinen Händen anfangen sollte. Erst steckte er sie in die Jackentaschen, um sie gleich wieder herauszuholen. Dabei fiel ihm klackernd sein Smartphone heraus.

Er war so sehr mit sich und seinen Gedanken beschäftigt, dass er dieses Missgeschick gar nicht wahrnahm. Er wischte sich über die unrasierten Wangen und versuchte, die Haare aus dem Gesicht zu streichen, was angesichts des Windes eher einer Sisyphusarbeit gleichkam. Er drehte sich um, schaute auf das Schiff, so als wenn er nach einem bekannten Gesicht Ausschau hielt, und dann wieder auf das Meer. Entspannung sah anders aus. Lilli war allein vom Zuschauen genervt. Und jetzt noch das Handy, das unbeachtet an seinen Füßen lag. Lilli fühlte so etwas wie Verantwortung. Sie stand auf, hob das Gerät auf und reichte es ihm. Vielleicht würden ein paar Worte helfen, ihn zu beschwichtigen. Er war der Einzige an Bord, der eine solche Unruhe ausstrahlte.

»Welcher Geist hat Sie gepackt und treibt Sie auf die Insel?«

»Wieso?«, erhielt Lilli eine mürrische Antwort.

»Sie machen nicht den Eindruck eines Inselurlaubers oder eines Insulaners.«

»Sieht man mir das so an?« Er erschien irritiert ob des Eindruckes, den er hinterließ.

»Na, Sie sind der Einzige, der nicht entspannt auf einer der Bänke sitzt, vor sich hin träumt, liest oder sich sonst irgendwie der Luft und dem Wind hingibt und nicht einmal bemerkt, dass ihm etwas aus der Tasche fällt – irgendwie verspannt.«

»Ja, verspannt. Das stimmt. Deshalb fahre ich auch nach Juist, oder Töwerland.« Diese Ansprache oder die Konzentration auf das Gespräch mit seiner Mitreisenden schien ihn schon ein wenig ruhiger gemacht zu haben.

»Töwerland, ein schöner Name für ein solches Eiland. Waren Sie schon öfter hier?«

»Ja, es ist eine Insel zum Entspannen …« Die weiteren Worte blieben ungesagt, und Lilli erschien es besser, nicht tiefer zu bohren. Die kurze Gesprächspause animierte ihn, von selbst weiterzusprechen: »Ich bin oder war schon öfter hier, manchmal auch nur für ein verlängertes Wochenende …« Seine Augen richteten sich nach innen, als wenn er etwas mit sich auszumachen hätte. »Die Insel tut gut. Vielleicht habe ich zu lange gewartet, um wieder hinüberzufahren, und wirke deshalb auf Sie überreizt.«

»Ich kann nicht sagen ‚überreizt‘. Aber sie fallen auf zwischen den Gästen.« Diese Aussage schien ihm nicht zu gefallen. Er umgriff die Reling so fest, dass die Knöchel sich weiß färbten, und atmete tief durch. Er schien sich in seine Gedanken zu hüllen.

Lilli berührte ihn leicht an seinem Ärmel. »Es wird schon. Juist wird Ihnen guttun.« Das Gespräch erstarb und schien eine wortlose Fortsetzung zu finden, bis das Nebelhorn der Frisia die Ankunft im Juister Hafen ankündigte. Nach der etwa 90-minütigen Passage entstand Bewegung zwischen den Gästen. Ruhig und ohne Hektik packten sie ihre Sachen zusammen, meist in Rucksäcke.

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