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Populäre Unterhaltungsliteratur - Volksbücher und Heftromane Band 2 Vom Kaiserreich zum Dritten Reich - 40 Jahre populäre Lesestoffe

Populäre Unterhaltungsliteratur - Volksbücher und Heftromane Band 2 Vom Kaiserreich zum Dritten Reich - 40 Jahre populäre Lesestoffe

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Populäre Unterhaltungsliteratur - Volksbücher und Heftromane Band 2 Vom Kaiserreich zum Dritten Reich - 40 Jahre populäre Lesestoffe

Länge:
419 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 19, 2019
ISBN:
9783745208610
Format:
Buch

Beschreibung

von Heinz J. Galle

Der Umfang dieses Buchs entspricht 332 Taschenbuchseiten.

Nachdem der erste Band sich mit der Zeit nach 1945 beschäftigte, wird der zweite Band der überarbeiteten Neuauflage der erstmals 1998/99 erschienenen Dokumentation "Volksbücher und Heftromane" sich dem Zeitraum von 1905-1945 widmen.

Unillustrierte Sonderausgabe.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 19, 2019
ISBN:
9783745208610
Format:
Buch

Über den Autor


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Populäre Unterhaltungsliteratur - Volksbücher und Heftromane Band 2 Vom Kaiserreich zum Dritten Reich - 40 Jahre populäre Lesestoffe - Heinz J. Galle

Literaturverzeichnis

Populäre Unterhaltungsliteratur - Volksbücher und Heftromane Band 2 Vom Kaiserreich zum „Dritten Reich" – 40 Jahre populäre Lesestoffe

von Heinz J. Galle

Der Umfang dieses Buchs entspricht 332 Taschenbuchseiten.

Nachdem der erste Band sich mit der Zeit nach 1945 beschäftigte, wird der zweite Band der überarbeiteten Neuauflage der erstmals 1998/99 erschienenen Dokumentation „Volksbücher und Heftromane" sich dem Zeitraum von 1905–1945 widmen.

Unillustrierte Sonderausgabe.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Archiv Heinz Galle, Layout Steve Mayer, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Vorwort

Eine der umfangreichsten und vielleicht auch von ihrer Bedeutung her wichtigsten Literaturform aus dem Zeitraum vom Anfang bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, der Heftroman, ist heute buchstäblich zu Staub zerfallen.

Man wird fragen: „Bedeutungsvolle Literatur, ist das nicht zu hoch gegriffen?" Nun, diese Form der Unterhaltungsliteratur stellte damals fast den einzigen Lesestoff breiter Teile der Bevölkerung dar, sie prägte ihr Weltbild.

Die literaturwissenschaftliche Erkundung der im deutschsprachigen Raum veröffentlichten populären Lesestoffe hat an deutschen Universitäten zögernd und in den Verlagen noch immer nicht begonnen. Im Gegensatz dazu ist in England und Amerika eine Vielzahl einschlägiger Sekundärliteratur veröffentlicht worden. Allein in meinem Besitz befinden sich 20 zum Teil opulent ausgestattete Werke, in denen die Historie der sogenannten „Dime Novels, „Penny Dreadfuls oder „Pulps" beleuchtet wird!

Einer kleinen Gruppe von Sammlern dieses Genres ist es zu verdanken, dass wir heute wenigstens noch in Umrissen die gesamte Bandbreite der Unterhaltungsliteratur aus der Vergangenheit erahnen können. Der zweite Band der überarbeiteten Neuauflage der erstmals 1998/99 erschienenen Dokumentation Volksbücher und Heftromane widmet sich dem Zeitraum von 1905–1945.

Einige Sammler werden möglicherweise ihre Lieblingsserie vermissen, aber alle Heftreihen separat vorzustellen, das hätte den Rahmen dieses Bandes gesprengt; es musste eine Auswahl getroffen werden, eine Auswahl, bei der Objektivität angestrebt wurde.

Bei der Abfassung dieses Manuskripts wurde versucht, die Balance zu halten zwischen Information und Unterhaltung. Das Buch sollte einesteils interessant und lesbar, dabei aber auch informativ sein. Beiden Richtungen gerecht zu werden ist schwierig; auf jeden Fall sollte dieser Band Außenstehenden etwas von der Faszination vermitteln, den dies Genre einst auf die Leser ausübte.

Wir hoffen, dass wir mit dieser erweiterten, aktualisierten und mit größtenteils neuen Abbildungen ausgestatteten Neuauflage des erstmals 1998/99 erschienenen Sachbuches Volksbücher und Heftromane sowohl für die Literaturwissenschaftler als auch für die Sammler und Liebhaber dieses Genres von Interesse sein können. Für Anregungen, Korrekturen und Verbesserungen zur Berücksichtigung in einer späteren Auflage sind wir dankbar. Vorsorglich möchten wir in diesem Zusammenhang schon jetzt auf die Ausführungen in den Schlussbemerkungen hinweisen.

Leverkusen, im Januar 2006

Heinz J. Galle

1. Einführung

In den USA werden bestimmte Zeitabstände als die „goldenen Jahre der Dime Novels, der Pulps oder der Comics bezeichnet. Die „goldenen Jahre des deutschen Heftromans waren die Jahre zwischen 1905 und 1933. Mit diesem Band soll jedoch ein Überblick gegeben werden über die Zeit zwischen 1905 und 1945, jene Jahre, in denen drei Systeme (Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Staat) zwar Einfluss auf die Produktion derartiger Periodika nahmen, den Boom aber trotzdem nicht stoppen konnten.

Im Jahre 1905 revolutionierte der Dresdner Verleger Alwin Eichler das Genre mit der Übernahme des Copyrights amerikanischer Dime Novels und gleichzeitig der Einführung von Serienhelden. Identifikationsfiguren wie NICK CARTER oder BUFFALO BILL lösten die bis dato dominierenden monographischen Heftreihen ab und riefen eine Flut von Epigonen auf den Plan. Es ist zu konstatieren, dass ohne die Experimentierphase der amerikanischen Dime Novels die Entwicklung der modernen deutschen Heftreihen nicht denkbar gewesen wäre.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte zu einem rasanten Anstieg von Publikationen, die den Krieg als reines Abenteuer verkauften; die Militärzensur machte dem geschäftlichen Treiben im Verlaufe der Kriegsjahre ein Ende.

Während das Genre der populären Lesestoffe in der Kaiserzeit noch starren Regularien unterworfen war, entwickelte es sich in der Weimarer Zeit zu einem Experimentierfeld, auf dem alte Themen wie der Kriminal- und Abenteuerroman neue Impulse erhielten.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann eine neue Ära für die sogenannten Volksliteratur-Verleger. Die Partei setzte sie nach und nach unter Druck, schließlich begann der NS-Staat sich selbst als Herausgeber von Broschüren und Heftreihen zu betätigen. Ungeachtet dessen florierte aber auch in der Zeit des „Dritten Reiches" das Genre des Heftromans; neue Serien starteten und etablierten sich am Markt.

Die einzelnen Belegreihen, die im Rahmen dieses Buches vorgestellt werden, spiegeln getreulich den Zeitgeist wider. Ob es nun die „Auf nach Paris-Stimmung bei Kriegsbeginn 1914, das Gefühl des „Fin de Siècle der „wilden Zwanziger Jahre oder die Indoktrinationsversuche während des „Tausendjährigen Reiches sind, sie alle verraten viel über Themen und Probleme ihrer Zeit. In der NS-Zeit bemächtigte sich nationaler Größenwahn der Unterhaltungsliteratur und verwandelte sie zum Teil in wehrertüchtigende Schriften.

Diese alten Heftreihen erzählen dem Kundigen viel von den Zeitströmungen, darin besteht das eigentlich Interessante an der Beschäftigung mit diesem Genre. Wir sehen beispielsweise am wachsenden Preis von 10 Pfg. auf 1,75 Euro (was nach dem allgemeinen Umrechnungskurs 3,50 DM bedeutet), wie die Produktionskosten gestiegen sind. Die Inflation spiegelt sich im Heftpreis wider, der Obolus für eines dieser dünnen Bändchen erreichte zwischen 1910 und 1922 schwindelerregende Höhen. Anhand der Freizügigkeit der Texte lässt sich, wie beim Zeigerausschlag eines Barometers, die Auswirkung gewisser Zensureinflüsse ablesen: Vergleichen Sie einmal einen BILLY-JENKINS-Text von 1938 mit einem LASSITER-Text von heute. Die Wirtschaftlage der Nation ist aus dem Äußeren der Romane ersichtlich, groß und farbenprächtig vor dem Ersten Weltkrieg, klein und farblos während der Inflation, amateurhaft in den ersten Nachkriegsjahren (1949/1950), heute nach sterilen Marketing-Gesichtspunkten ausgerichtet. Die Cover-Gestaltung verrät die jeweils herrschende Kunstrichtung, vom Jugendstil bis zu den avantgardistisch gestalteten Fotomontagen der Weimarer Zeit.

Die Hochblüte des deutschen Heftromans waren die Jahre zwischen 1905 und 1914, nie vorher und nie wieder hat es so viele Serien und so hohe Auflagen gegeben. Experten behaupteten damals, dass seit der Erfindung der Buchdruckerkunst keine Literaturgattung in so kurzer Zeit einen solchen Leserkreis gefunden hat.

In diesen Jahren setzte sich das Groschenheft mit seinen Serienhelden gegenüber dem Lieferungsheft mit Fortsetzungscharakter endgültig durch. Vor dem Ersten Weltkrieg erschienen in Deutschland etwa 100 Heftreihen, die großformatigen eingeschlossen, der Gesamtumsatz pro Jahr wurde auf 50 Millionen Mark geschätzt.

Berlin und Dresden waren die Hochburgen der Heftproduktion, in Dresden waren in jenen Jahren zwölf einschlägige Verlage ansässig, in Berlin sind gar 22 Unternehmen nachzuweisen, die in diesem Zeitraum Groschenhefte verlegten.

Die Auflagen waren teilweise sehr hoch, selbst eine so farblose Serie wie die MODERNE ZEHNPFENNIG-BIBLIOTHEK, eine typische Frauenserie, erreichte um 1910 eine Auflage von 100 000 Exemplaren pro Titel. Stolz wies der Verlag darauf hin, dass man von dieser Reihe in 13 Jahren 14 Millionen Hefte verkauft habe. Über die Einnahmen der Verleger kursierten die unterschiedlichsten Behauptungen; es wurde kolportiert:

„Der Schreiber der Geschichten erhält 25 bis 100 Mark und kann in jeder Woche eine solche Schundgeschichte zusammenschreiben. Die Herstellungskosten eines Heftes betragen für den Verleger 2 – 3 Pfg. Ein Berliner Verleger hat jährlich 2½ Millionen Mark an diesem Schund verdient. Der Händler verdient an einem 10-Pfennig-Heft mindestens 4½ Pfg. …" (Kiesgen, Laurenz: Die Lesepest. Kevelaer: Butzon & Bercker, 1913, S. 17)

Vom Deutschen Reich aus wurde ganz Europa mit fremdsprachigen Ausgaben der jeweiligen Serien versorgt. Der gesamte Balkan, die Anrainerstaaten Deutschlands, alle befanden sich in deutscher Verlegerhand. Über Dänemark als Einfallstor versorgten Berliner und Dresdner Unternehmen ganz Skandinavien mit ihren Erzeugnissen. Allein nach Norwegen wurden in einem Jahr (1909) für eineinviertel Millionen Mark Groschenhefte eingeführt.

Führt man sich diese Summe vor Augen, dann müsste man meinen, dass die Verleger dieser kräftig sprudelnden Devisenquelle im deutschen Kaiserreich gerngesehene Staatsbürger waren? Das Gegenteil war der Fall, sie wurden fast wie Aussätzige behandelt, drangsaliert, kujoniert, unter Druck gesetzt, verboten.

Drei Verlage beherrschten die Szenerie, der Verlag für Volksliteratur und Kunst in Berlin mit etwa 20 Serien, der Dresdner Roman-Verlag und der Verlag moderner Lektüre, Berlin, mit jeweils etwa 15 Heftreihen. Die großformatigen Hefte mit den neu eingeführten Serienhelden hatten den Markt in Deutschland vorbereitet. Im Schlepptau dieser Vorreiter waren natürlich auch Heftserien im Oktavformat erschienen. Die Schmöker im Überformat hatten zwar spektakuläre Erfolge gehabt, aber die „Kleinen" machten schließlich das Rennen und setzten sich durch. Von den ungefähr 100 Reihen der Kaiserzeit waren ca. 25 Großformatserien, der Rest bestand aus Periodika im Oktav- oder Klein-Oktavformat.

Der stärkste Einfluss der großformatigen Hefte war auf dem Sektor des Kriminalromans zu verzeichnen. Hier dominierten eindeutig NICK CARTER & Co; die „Kleinen" wie PAT CONNER, FRITZ STAGART, JOHN SPURLOCK oder JACK FRANKLIN erreichten mit Ausnahme der NAT-PINKERTON-Serie, die sich durchsetzen konnte, nur Achtungserfolge.

Umfangreiche, langjährige Recherchen ergaben, dass im gesamten Berichtszeitraum (1905–1945) ca. 550 Heftreihen veröffentlicht wurden. Die Majorität dieser populären Lesestoffe erschien in der Zeit der Weimarer Republik, die wenigsten Serien, wie zu erwarten, in den Jahren von 1933–1945. Die hohe Gesamtzahl der Heftreihen zeigt deutlich, wie populär und gefragt damals jene Unterhaltungsliteratur war.

Im Verlaufe dieser 40 Jahre wurden Millionen Hefte gedruckt – erhalten haben sich nur Belege im Promillebereich. Der Löwenanteil verbrannte im Feuersturm der Bombennächte, dagegen fallen die Verluste durch Autodafés selbsternannter Schundbekämpfer kaum ins Gewicht, obwohl auch sie ein gerüttelt Maß an Schuld dafür tragen, dass von manchen Heftreihen nur noch Erinnerungen existieren.

Sekundärliteratur aus jenen Jahren liegt, wenn überhaupt vorhanden, hauptsächlich in einseitiger, negativer Sichtweise vor. In Deutschland zeigten zu Beginn des 20. Jahrhunderts lediglich kirchliche Stellen sowie Lehrkräfte der Schulen Interesse für diese Literaturgattung. Ihre Aufzeichnungen dienten jedoch nur dazu, alles, was im Rahmen des Heftromans publiziert wurde, zu diskreditieren. Sie veröffentlichten zwischen 1896 und 1935 eine große Anzahl von sogenannten „Anti-Schund-Schriften".

Da die Deutsche Bücherei in Leipzig erst seit 1913 alle Neuerscheinungen sammelt, existiert in diesem Bereich ein Literaturdefizit, welches eigentlich nur durch diese Pamphlete des Establishments etwas aufgefangen werden konnte. Heftausgaben gelten im buchhändlerischen Sinne als nicht erschienen; es ist daher nicht verwunderlich, dass die Informationslage düster ist. Die populären Lesestoffe jener Jahre waren als Gebrauchsliteratur produziert worden, sie wurden gelesen, verliehen, zerlesen und verschwanden größtenteils spurlos.

Der vorliegende zweite Band der Volksbücher und Heftromane ist in die drei großen Zeitabschnitte der sog. Kaiserzeit, der Weimarer Zeit und der NS-Zeit aufgeteilt. Wir haben uns für diese Einteilung und die entsprechenden griffigen Bezeichnungen entschieden, wohl wissend, dass wir dabei von den staats- und verfassungsrechtlichen Begriffen und Daten abweichen, und dass die Systemwechsel nicht übergangslos erfolgt sind. Unter „Kaiserzeit verstehen wir in der vorliegenden Darstellung (das Kaiserreich wurde 1871 gegründet) den Zeitraum von 1905 bis Anfang November 1918, unter „Weimarer Zeit den Zeitraum von Anfang November 1918 bis Ende Januar 1933 und unter „NS-Zeit" den Zeitraum von Ende Januar 1933 bis Anfang Mai 1945.

In den folgenden Kapiteln soll versucht werden, diese Literatur wenigstens teilweise aus dem Dunkel der fernen Vergangenheit wieder ins Licht der Gegenwart zu führen.

TEIL 1 | DIE KAISERZEIT | (1905–1918)

2. Vorbemerkungen zu Teil 1

Jene Epoche von 1871–1918, in der Deutschland von den preußischen Königen und deutschen Kaisern Wilhelm I. über Friedrich III. bis zu Wilhelm II. regiert wurde, wird allgemein als Kaiserzeit, nostalgisch verklärt als die „gute alte Zeit" bezeichnet.

Der im Rahmen der folgenden Darstellung behandelte engere Zeitabschnitt zwischen 1905 und 1918 war eine turbulente Zeit des Aufbruchs, des Fortschritts. In diesen 13 Jahren begann die Luftfahrt die Menschen zu faszinieren, ein Erdbeben mit dem danach ausbrechenden Großbrand vernichtete 1906 San Francisco, der prognostizierte Weltuntergang durch den Halley’schen Kometen fand 1910 nicht statt, der Untergang der als unsinkbar geltenden „Titanic" im Jahre 1912 erschütterte den Fortschrittsglauben in Europa.

Der Erste Weltkrieg von 1914–1918 veränderte die Landkarte Europas gründlich; nach der Niederlage Deutschlands 1918 floh Kaiser Wilhelm II., der im sog. „Dreikaiserjahr" 1888 den Thron bestiegen hatte, in die neutralen Niederlande, wo er sich schließlich in Doorn niederließ; die Kaiserzeit war damit faktisch (staatsrechtlich 1919) beendet!

Im hier betrachteten Zeitabschnitt von 1905–1918 waren ca. 153 Heftserien erschienen, die quasi zu einer „Reise mit der Zeitmaschine" einladen, denn in ihnen spiegelt sich in gewissem Sinne das Zeitgeschehen jener Epochen wider.

3. Die Letzten aus dem Geschlecht der Ritter und Räuber

Ritter- und Räuberromane hatten ihre Blütezeit im 18. Jahrhundert, die Ritterromane können dabei auf eine noch längere Ahnenreihe zurückblicken. Im 20. Jahrhundert war dieses Thema aus dem Bannkreis der Unterhaltungsliteratur weitgehend verschwunden.

Florian Geier; Kämpfe mit den Raubrittern

Im Genre des Heftromans stellte FLORIAN GEIER (Untertitel: „Kämpfe mit den Raubrittern") des Berliner Verlags moderner Lektüre das letzte Aufflackern dieser Thematik dar. Die Bauernkriege im 16. Jahrhundert hatten den Adel und dessen Fürsten erschüttert, Bundschuh und Schwarze Haufen hatten einen Stein ins Meer der Geschichte geworfen, dessen Wellen bis ins 21. Jahrhundert hineinreichen. Je nach dem gerade herrschenden Staatssystem wurden die Taten des Ritters und Bauernführers Florian Geyer (1490–1525) für ideologische Zwecke missbraucht. Die 50 Erzählungen des Verlags moderner Lektüre aus dem Jahr 1907 stellen eine abgeschlossene Serie dar, die mit dem Dahinscheiden des Protagonisten (Bd. 50, Des Helden Tod) abgeschlossen wurde. Erstaunlicherweise brachte der Verlag den Führer des Schwarzen Haufens mit seinen 50 Abenteuern während des Ersten Weltkriegs 1914/1915 noch einmal in den Umlauf.

Was blieb von den Erschütterungen der Bauernkriege? Das markige Lied „Wir sind des Geyers schwarze Haufen", das die bündische Jugend einst sang, und das riesige Rundpanorama, das Werner Tübke im Auftrag der DDR 1987 vollendete; es kann heute im Bauernkriegs-Panorama-Museum in Frankenhausen besichtigt werden.

Das um 1800 in Deutschland herrschende Räuber-Unwesen war der Auslöser für eine Flut von einschlägigen Romanen. In den Jahren um 1820 endete die rechtsfreie Zeit; nach der Auflösung der Kleinstaaten konnten die Behörden effizienter gegen das Bandenwesen vorgehen: Zivilagenten, Greiftrupps, Begleitschutz für Postkutschen, all dies führte zu einer Reduzierung der Überfälle und Morde. In der Erinnerung der Völker Europas verwandelten sich Protagonisten wie der Schinderhannes, der Fetzer, Cartouche oder Lips Tullian zu edlen Räubern, die wie Robin Hood die Reichen beraubten und die Armen beschenkten. Wie fest verankert dieser Topos in den populären Lesestoffen des 20. Jahrhunderts noch war, zeigt eine Aufstellung der Militärbehörden, die während des Ersten Weltkriegs die Zensurgewalt ausübten: Von den 201 Heftreihen und Lieferungsromanen, die 1915/16 auf der Verbotsliste standen, waren immerhin noch 66 Titel aus dem Bereich der „Strauchdiebe und Buschräuber. Allerdings liefen sie schon damals unter der Rubrik „Älterer, noch gangbarer Schund.

Dick Turpin; Abenteuer des Fürsten der Landstraße

In England machte im 18. Jahrhundert Dick Turpin (1705–1739) die Landstraßen unsicher. Er war ein kleiner, korpulenter, glatzköpfiger ehemaliger Metzgergeselle. Durch seine brutalen Überfälle setzte er das Land in Schrecken. Er wurde gefasst und 1739 gehängt. In den „Penny Dreadfuls" verwandelte er sich in einen edlen Jüngling, der auf den Spuren Robin Hoods wandelte.

Im Berliner Metropol-Verlag startete 1908 eine Lizenzausgabe des englischen Aldine-Verlages unter dem Titel DICK TURPIN, aber schon nach 36 Ausgaben musste der „Beherrscher der Landstraßen Englands, Deutschlands und Frankreichs" (Verlagswerbung) die Waffen strecken.

Berühmte Räuber aller Länder

Auf die Spuren italienischer Banditen wie Rinaldo Rinaldini oder Antonio Gasparone begab sich die großformatige Heftreihe BERÜHMTE RÄUBER – ALLER LÄNDER (Untertitel: „deren Taten und Leben") des Berliner Roman-Verlages aus dem Jahre 1908. Dieses Periodikum war mit nur 17 Ausgaben bedeutend kurzlebiger als DICK TURPIN; vielleicht waren die etwas ungelenken Titelbilder nicht ganz unschuldig daran?

Berühmte Räuber der Welt

Der Dresdner Roman-Verlag veröffentlichte 1909 BERÜHMTE RÄUBER DER WELT. In jeder Nummer wurde ein bestimmter Held vorgestellt: Die Skala reicht von der Nr. 1, „Heinrich Anton Leichtweiß, bis zur Schlussnummer 30, „Karl Münzer der kühne Räuberhauptmann. Die Kritik schrieb damals, dass selbst guten Kennern der Kulturgeschichte die meisten Namen dieser Außenseiter völlig unbekannt seien. Nach den Verlagsangaben wurden pro Woche 2100 Exemplare verkauft, im Vergleich mit den hohen Auflagenzahlen anderer, moderner Serien war dies ein Misserfolg; die Serie wurde folgerichtig eingestellt.

4. Der Abgesang der Piraten

Waren im Berichtszeitraum schon die Ritter und Räuber „out, so waren die Piraten „mega out, wie man heute zu sagen pflegt. Die Ära der Seeräuber, in der Tausende von Piraten Furcht und Schrecken auf den Weltmeeren verbreiteten, hatte nur 30 Jahre gedauert, vom Ausgang des 17. Jahrhunderts bis zum erstem Viertel des 18. Jahrhunderts. Namen wie John Rack(h)am, Thomas Tew oder William Kidd – wer kennt sie noch? In den Jahren zwischen 1906 und 1908 versuchten noch einmal drei Flibustiere Wasser unter ihren Kiel zu bekommen. Alle drei Periodika nahmen Bezug auf historische Gestalten dieses blutigen Handwerks.

Unter schwarzer Flagge

UNTER SCHWARZER FLAGGE (Untertitel: „Abenteuer des berühmten Piraten-Kapitäns Morgan"), so nannte sich die Reihe, die von 1906–1910 stolze 240 Ausgaben erreichte und mit Morgans Tod endete:

„Im matten Schimmer der Tropennacht erkannte van Diemen nun, dass die stolze Gestalt des Fremdlings in einen dunklen Mantel gehüllt war, während ein Federhut auf seinem lockigen Haupt saß und ein paar funkelnde Augen den Verzweifelten anblickten." (N. N.: Die Gespenstergrotte auf Madagaskar [UNTER SCHWARZER FLAGGE, Bd. 35]. Berlin: Verlag moderner Lektüre, 1907, S. 15)

Nun, so sah der wahre Henry Morgan (1637–1688) natürlich nicht aus; eine der besten Abbildungen findet sich in dem Buch „De Americaensche Zee-Roovers des A. O. Exquemelin aus dem Jahre 1678. Die in der Serie erzählten Abenteuer sind sehr frei an die Historie angelehnt, der Held steht hier sogar am Marterpfahl (Nr. 749), erblickt vor Veracruz ein Unterseeboot (Nr. 238), macht Jagd auf ein Spukschiff, dessen Totenschädel Feuer spucken, oder säubert in Nr. 35 die Gespenstergrotte auf Madagaskar. Auch das Ende des Piraten in der Serie, „Morgans Tod, in Nr. 240 wird romantischer ausgefallen sein als die Wirklichkeit. Der vom Alkohol gezeichnete Sir Morgan starb in Port Royal 1688, Hans Sloane, der behandelnde Arzt, beschrieb ihn als mager und bleich, seine Augen leicht gelblich, mit vorstehenden Bauch.

Die Blutfahne der Flibustier

„Hussa, macht Euch fertig zum Entern – so stand es fettgedruckt auf dem Heftumschlag der Reihe DIE BLUTFAHNE DER FLIBUSTIER mit dem Untertitel „Kapitän Franz Drake der Erzpirat. Herausgegeben wurde diese Serie vom Dresdner Roman-Verlag. Sie gehört mit zu den seltensten Heftreihen der Kaiserzeit, ist weder im Deutschen Bücherverzeichnis noch im Register Fronemanns aufgeführt. Die Erlebnisse des Franz Drake erschienen 1908 und brachten es auf 30 Ausgaben. Sie schlossen ebenfalls mit dem Dahinscheiden des Helden in Nr. 30, „Der Tod des Piratenkapitäns", ab. Sir Francis Drake (1739–1596) starb am 28 Januar an der Ruhr; es ist anzunehmen, dass diese Todesart nicht detailliert in besagter Nr. 30 beschrieben wurde. Die einzelnen Geschichten dieser Serie ähneln stark den Abenteuern der Reihe UNTER SCHWARZER FLAGGE; sie sind austauschbar.

Klaus Störtebecker, der gefürchtete Herrscher der Meere

Auch in der dritten Freibeuter-Reihe berief man sich auf ein historisches Vorbild, allerdings auf ein Vorbild, das im Nebel der Geschichte nur undeutliche Konturen aufweist. Obwohl der Name Klaus Störtebecker (oder Störtebeker) einen großen Bekanntheitsgrad hat, wissen wir doch eigentlich sehr wenig von ihm. Das angebliche Portrait von Daniel Hopfer aus dem 16. Jahrhundert hat sich ja inzwischen als das Portrait des Hofnarren Maximilians I., Kunz von der Rosen, herausgestellt. Selbst der Vorname Störtebe(c)kers ist zweifelhaft, seine Herkunft liegt im Dunkeln. Die Zahl der Publikationen um ihn geht jedoch in die Tausende. Der sogenannte Volksliteraturverlag in Berlin zollte dem einzigen deutschen Seeräuber von Rang Tribut, indem er von 1908–1909 die 60-bändige Heftreihe KLAUS STÖRTEBECKER (Untertitel: „Der gefürchtete Herrscher der Meere) herausgab. Der bekannte Buchillustrator Professor Alfred Roloff (*1879) schuf dafür spektakuläre Titelbilder. Die Reihe war in sechs Serien zu je zehn Abenteuern aufgeteilt, für je 25 Bändchen konnte man beim Verlag zum Preis von 30 Pfg. eine „geschmackvolle Einbanddecke erwerben. Neben der deutschen gab der Verlag auch noch eine französische Ausgabe heraus. Wie bei den vorangegangenen Piratenserien schließt auch diese Reihe mit dem Tod des Helden ab, wobei die literarische Fassung etwas romantischer ist als das historische Ende des Vitalienbruders. Im Jahre 1400 oder 1401 (selbst dieses weiß man nicht genau) wurden 30 gefangene Likendeeler vor Hamburg auf dem Grasbrook geköpft, ihre Köpfe auf Spieße gesteckt und am Elbufer zur Schau gestellt; Störtebe(c)kers Haupt soll sich darunter befunden haben.

24 Jahre nach der Erstausgabe dieser Heftreihe brachte der Verlag noch einmal seinen Protagonisten heraus. Das Titelbild der ersten Nummer, „Ein Kapitän von achtzehn Jahren, war ausgetauscht worden und zeigte nun eine dramatischere Szene. Von 1932–1933 erschienen die Abenteuer des deutschen Helden erneut, der Verlag schloss nach der Machtübernahme der NSDAP die Serie vorzeitig mit der Nr. 54, „Klaus Störtebeckers Ende, ab.

5. Jugendliche Rüpel und freche Backfische

Die Berliner Druck- und Verlagsgesellschaft firmierte ab ca. 1912 als Verlag moderner Lektüre. Inhaber des Unternehmens war Max Hermann Lehmann, ein cleverer Geschäftsmann, der in einer Villa im Berliner Vorort Eichwalde residierte.

Jungens-Streiche

Der Verlag moderner Lektüre hatte eine Goldader angeschlagen, als er im August des Jahres 1907 die Heftreihe JUNGENS-STREICHE (Untertitel: „Rüpeleien, Geheimnisse und Abenteuer unserer Jugend") initiierte. Die Bändchen richteten sich an besonders junge Leser; ihnen wurden darin kecke Streiche präsentiert, die zum Nachahmen förmlich reizten. Der Verlag prämierte sogar das Vorhaben, indem er die Leser aufforderte, selbsterlebte Streiche einzusenden; die Preisträger wurden namentlich veröffentlicht.

Die in den Heften beschriebenen nachbarschaftlichen Auseinandersetzungen der Knaben lagen allerdings mehr auf der harmlosen Linie des französischen Films „Der Krieg der Knöpfe". Im Begleitprogramm regte der Verlag die Gründung spezieller Clubs an, um so die Leserbindung zu festigen. Arthur Fernau, einer der maßgebenden Autoren dieser Serie, verriet später einmal, dass er bereits 1905 mit diesem Konzept an Max Lehmann herangetreten war. Er habe keine Ahnung gehabt, welchen ungeheuren Beifall diese Hefte finden würden. Aus der Flut von Leserbriefen ist ebenfalls abzulesen, dass diese Strategie von Erfolg gekrönt war. Die antiautoritären Tendenzen der JUNGENS-STREICHE standen den herrschenden Erziehungsidealen diametral gegenüber, die Reaktion war dementsprechend.

Was die Erziehungsberechtigten und Lehrkörper damals besonders ärgerte, war Lehmanns nassforsche Werbung für dieses Periodikum. Ernst Schultze schrieb dazu in seiner Broschüre „Die Schundliteratur":

„Übrigens versteht es die Schundliteratur meisterhaft, den Lesern Sand in die Augen zu streuen. Das frechste derart bedeutet wohl eine

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