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Der schwarze Jaguar

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Der schwarze Jaguar

Länge:
493 Seiten
7 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
10. Jan. 2019
ISBN:
9783740940317
Format:
Buch

Beschreibung

Den großen Katzen – Löwen, Tigern, Leoparden – gilt die Leidenschaft des jungen russischen Dompteurs Wladimir Ssabenjew. In Wien lernt er Susy kennen, die die Tiere liebt wie er. Sie heiraten und nehmen das Angebot eines reichen Amerikaners an, in seiner Tierschau in Florida zu arbeiten. Auch aus Hollywood kommen vielversprechende Aufträge für Dressurnummern.
Sie sind glücklich, bis Susy sich eines Tages in die Idee verrennt, einen schwarzen Jaguar, Noar, zu zähmen – etwas, was bis dahin noch keinem Menschen gelungen ist.
Packend erzählt der große Tierschriftsteller William Quindt die Geschichte von der Fremdheit zwischen Mensch und Tier.


Wenn Sie die Geschichte von Susy hören wollen, von Susy aus Wien und dem samtschwarzen Untier vom Amazonas, an dem sie verdarb, dann kann nur ich Ihnen diese Geschichte erzählen. Susy spricht zwar noch viel, aber was sie redet, ist dummes Zeug, und Pat – nun, Pat ist ein Mädchen aus Kalifornien, sie hat damals das schwarze Untier ausgelöscht und damit alle Verstrickungen gelöst, aber von ihr werden Sie nichts hören als dürre und nackte Tatsachen, ›facts‹, wie sie sagt. Jedoch sind die Tatsachen in dieser Geschichte nur von geringer, vielleicht von keiner Bedeutung. Eine böse Geschichte, Herr, eine düstere Geschichte, ich weiß nicht, ob es Ihnen angenehm sein wird, wenn ich sie erzähle. Denn ich kann nur berichten, was ich erlebt habe und wie ich es erlebte, ich muss also immer wieder oder immer nur von mir selbst sprechen.
Ich selbst … Sehen Sie mich hier sitzen im Singapore-Stuhl auf der Veranda meines Wohnwagens! Im Wagen schläft Pat, die Bäume rings um den Platz rauschen leise im warmen Wind der Sommernacht. Ich habe das Dach zurückgeschlagen, die Sterne kreisen funkelnd über den Himmel. Mir gegenüber dunkelt eine lange Wagenreihe, und auch hinter ihren Gitterwänden wandern Sterne. Das sind die Augen der Löwen und Tiger und Leoparden, die mir anvertraut sind und mit denen ich befreundet bin, mehr als hundert Tiere. Ich sitze und sehe zu ihnen hinüber, hinter meinem Rücken läuft der Zirkuszaun, er trennt mich und meine Tiere von der Welt. So ist es mein ganzes Leben hindurch gewesen, und so finde ich es gut, denn die Welt jenseits des Zirkuszaunes ist mir unverständlich, fremd, und erscheint mir oft grausam feindlich. Aber ich weiß nicht, ob ich den Menschen von jenseits des Zaunes nicht ebenso unverständlich bin wie sie mir.
Haben Sie auch das leise, dunkle Röhren gehört? Das war der Tiger Prinz, er hat vor zwei Tagen seinen Dompteur angefallen und hat sich noch nicht wieder beruhigt. Das grelle Getöse jetzt eben kam aus dem Elefantenstall. Sie schlafen nur wenige Stunden, die großen Tiere, sie fressen allzu viel, um lange geruhig schlafen zu können, sie stehen auf, um sich auf die andere Seite zu legen, auch lösen sie sich ab in der Wache. Ja, auch hier im Zirkusstall wacht immer ein Tier über den Schlaf der anderen. Aber, bitte, achten Sie darauf, dass ich nicht vom Elefanten spreche, denn das nimmt dann kein Ende, wer sich auf den Elefanten setzt, bestimmt nicht mehr über seinen Weg. Der Tigerdompteur? Er liegt im Krankenhaus, wir rechnen drei Monate bis zu seiner Genesung, er hat Glück gehabt, eh bien, que voulez vous, c'est le bonbon du métier.
Ich soll also erzählen. Nein, die Sprache macht mir keine Schwierigkeiten, Sie hören es wohl. Ich spreche ein wenig schwer und langsam, dunkel und hart, ja, ja, ich weiß. "Wie ein Bär sprichst du das Deutsche!", lachte Susy immer, Susy aus Wien. Das Französische soll ich besser sprechen, aber ich komme auch gut durch die Balkanländer und von Italien und Spanien bis Südamerika. In den beiden letzten Jahrzehnten jedoch ist mir das Amerikanische wert geworden. Wenn die Tiere sprechen könnten, meine ich, würden sie einen herzhaften Slang aus dem mittleren Westen sprechen – nur die Bären nicht, die Bären und die Wölfe und die Luchse sprechen russisch.
Herausgeber:
Freigegeben:
10. Jan. 2019
ISBN:
9783740940317
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Der schwarze Jaguar - William Quindt

Inhalt

WLADIMIR SSABANJEW

MAITRE LABORDE, BELLUAIRE

LES CRIS DES NUITS

SCHLOSS IM SCHNEE

SUSY

BIGGEST ANIMAL FARM OF SILVERSPRINGS

ARBEIT IM TRAUMLAND

DER MANN AUS COOCH BEHAR

GREATEST SHOW ON EARTH

DIE PANTHER-MEUTE

CURA UND CARA

SCHWARZES KATZERL

NOAR

VAE VICTIS

SCHREI IM KÄFIG

VERGITTERTES LEBEN

PAT

Der schwarze Jaguar

– 1–

Der schwarze Jaguar

William Quindt

WLADIMIR SSABANJEW

- 1 -

Wenn Sie die Geschichte von Susy hören wollen, von Susy aus Wien und dem samtschwarzen Untier vom Amazonas, an dem sie verdarb, dann kann nur ich Ihnen diese Geschichte erzählen. Susy spricht zwar noch viel, aber was sie redet, ist dummes Zeug, und Pat – nun, Pat ist ein Mädchen aus Kalifornien, sie hat damals das schwarze Untier ausgelöscht und damit alle Verstrickungen gelöst, aber von ihr werden Sie nichts hören als dürre und nackte Tatsachen, ›facts‹, wie sie sagt. Jedoch sind die Tatsachen in dieser Geschichte nur von geringer, vielleicht von keiner Bedeutung. Eine böse Geschichte, Herr, eine düstere Geschichte, ich weiß nicht, ob es Ihnen angenehm sein wird, wenn ich sie erzähle. Denn ich kann nur berichten, was ich erlebt habe und wie ich es erlebte, ich muss also immer wieder oder immer nur von mir selbst sprechen.

Ich selbst … Sehen Sie mich hier sitzen im Singapore-Stuhl auf der Veranda meines Wohnwagens! Im Wagen schläft Pat, die Bäume rings um den Platz rauschen leise im warmen Wind der Sommernacht. Ich habe das Dach zurückgeschlagen, die Sterne kreisen funkelnd über den Himmel. Mir gegenüber dunkelt eine lange Wagenreihe, und auch hinter ihren Gitterwänden wandern Sterne. Das sind die Augen der Löwen und Tiger und Leoparden, die mir anvertraut sind und mit denen ich befreundet bin, mehr als hundert Tiere. Ich sitze und sehe zu ihnen hinüber, hinter meinem Rücken läuft der Zirkuszaun, er trennt mich und meine Tiere von der Welt. So ist es mein ganzes Leben hindurch gewesen, und so finde ich es gut, denn die Welt jenseits des Zirkuszaunes ist mir unverständlich, fremd, und erscheint mir oft grausam feindlich. Aber ich weiß nicht, ob ich den Menschen von jenseits des Zaunes nicht ebenso unverständlich bin wie sie mir.

Haben Sie auch das leise, dunkle Röhren gehört? Das war der Tiger Prinz, er hat vor zwei Tagen seinen Dompteur angefallen und hat sich noch nicht wieder beruhigt. Das grelle Getöse jetzt eben kam aus dem Elefantenstall. Sie schlafen nur wenige Stunden, die großen Tiere, sie fressen allzu viel, um lange geruhig schlafen zu können, sie stehen auf, um sich auf die andere Seite zu legen, auch lösen sie sich ab in der Wache. Ja, auch hier im Zirkusstall wacht immer ein Tier über den Schlaf der anderen. Aber, bitte, achten Sie darauf, dass ich nicht vom Elefanten spreche, denn das nimmt dann kein Ende, wer sich auf den Elefanten setzt, bestimmt nicht mehr über seinen Weg. Der Tigerdompteur? Er liegt im Krankenhaus, wir rechnen drei Monate bis zu seiner Genesung, er hat Glück gehabt, eh bien, que voulez vous, c’est le bonbon du métier.

Ich soll also erzählen. Nein, die Sprache macht mir keine Schwierigkeiten, Sie hören es wohl. Ich spreche ein wenig schwer und langsam, dunkel und hart, ja, ja, ich weiß. »Wie ein Bär sprichst du das Deutsche!«, lachte Susy immer, Susy aus Wien. Das Französische soll ich besser sprechen, aber ich komme auch gut durch die Balkanländer und von Italien und Spanien bis Südamerika. In den beiden letzten Jahrzehnten jedoch ist mir das Amerikanische wert geworden. Wenn die Tiere sprechen könnten, meine ich, würden sie einen herzhaften Slang aus dem mittleren Westen sprechen – nur die Bären nicht, die Bären und die Wölfe und die Luchse sprechen russisch.

Nein, ich bin kein Russe, ich bin kein Russe mehr. Ich bin ein Mann von dieser Seite des Zirkuszaunes. Nur innerhalb dieses Zaunes bin ich beheimatet, jenseits ist nichts als Fremde und Feindlichkeit für mich in allen Ländern dieser Erde. Ja, ich habe sie ziemlich alle durchwandert, der Zirkuszaun ist mir dabei sehr wert geworden. Mein Pass? Jetzt dürfen Sie getrost so wegwerfend lächeln, wie überall in der Welt die Uniformierten lächeln, sobald er ihnen auf den Tisch gelegt wird. Mein Pass ist kein vollgültiger, kein »richtiger« Pass – ein Nansen-Pass, ja, jawohl, zu Befehl! Fridtjof Nansen – Herr, wenn es nicht ein paar große, alte Männer in eurer Welt geben würde, lohnte es sich kaum, gelegentlich über den Zirkuszaun zu sehen.

Ich heiße Wladimir. So rief man mich in meiner Jugend, so nennen mich alle, die ich kenne. Weil mein Vater den gleichen Namen trug, nannte man mich früher mitunter auch Wladimir Wladimirowitsch, und in meinem Nansen-Pass finde ich auch noch den anderen Vatersnamen verzeichnet, »Ssabanjew …«, aber wann denke ich schon einmal daran, dass ich wirklich auch noch Ssabanjew heiße! Dagegen habe ich noch einen zweiten Vornamen, auf den ich recht stolz bin, Anatoli nämlich, nach meinem Paten, der mich über das Taufbecken hielt, nach dem großen und berühmten Anatoli Durow, der ein Jugendfreund meines Vaters gewesen ist.

Sie wissen nichts von Anatoli Durow, Herr? Dann werden Sie mir verzeihen, wenn ich nichts von den Büchern und Filmen wusste, deren Titel Sie mir genannt haben. Anatoli Durow ist einer der ganz großen Namen in der Welt der russischen Zirkusmenschen, vielleicht ist er ihr größter Name. Er war ein Clown, ein Clown mit Tieren. Darüber hinaus hatte er Verstand, Geist, und, was viel mehr ist, er hatte Herz. Als er noch Kadett war, verschwor er sich einmal mit den anderen Knaben zur Rache an dem Aufseher, der sich als gemein und niederträchtig erwiesen hatte. Ihn traf das Los, den Hund des verhassten Mannes aufzuhängen. Er versuchte es und versagte vor den Augen des Tieres, die voll Demut und Trauer und Anklage auf den Henker blickten. Anatoli brach zusammen und erwachte erst nach Tagen im Lazarett. Als er viele Wochen später von einem bösen Nervenfieber genesen war, hatte er sich dem Tier, dem fremden und stummen Bruder, verschworen, dem Tier und vielleicht damals schon jener Wissenschaft, die Sie Tierpsychologie nennen. Weil er mit den Tieren leben, ihren Verstand studieren und ihre Seelen ergründen wollte, ging er zum Zirkus und wurde Tierclown. Und wurde berühmt weit über Russlands Grenzen hinaus. Denn da er die Tiere liebte und sich darum mit ihnen verstand, brachte er sie in der Manege zu ganz außerordentlichen Leistungen. Er schrieb auch Bücher über seine vierfüßigen und gefiederten Freunde, nicht wehleidige, süßliche, wie die alten Tanten sie schreiben, er schrieb Bücher von genauer und wissenschaftlich exakter Beobachtung, und er galt auch den Gelehrten als ein bedeutender Mann. Und das russische Volk liebte ihn heiß, weil er aus der Manege heraus ohne Furcht die Machthaber verspottete und sie der Lächerlichkeit preisgab. Er war kein politischer Mensch, er war kein Doktrinär, aber er hatte die große Ehrfurcht vor allem Leben, die dem guten Menschen innewohnt, er hatte sich den Tieren zugewandt, aber er wollte auch die Menschenwürde unverletzt sehen, und darum griff er alle an, die diese Würde verletzten und sich eben deshalb für besonders würdig hielten, vom Zaren bis hinab zum letzten Schimmelreiter irgendeiner Polizeiwachstube. Weil er aber die Würde des Menschen unangetastet sehen wollte, kämpfte er für die Freiheit und wurde auf diesem Wege zum Vorkämpfer der großen Revolution.

Er hat noch alles erlebt und ist daran gestorben. Als der große Krieg Europa mit seinen Schrecknissen überzog, verstummte er im Gram über das Elend der Menschen. Als die Revolutionen aufbrannten, zerbrach er. Er war kein politischer Mensch, er konnte keine abstrakten Ziele aufstellen, er konnte nicht fraglos einer Theorie folgen, er sah nur, dass Menschen an Menschen sterben mussten. Er hatte sich in Kummer und Leid hinter dem Zirkuszaun vergraben, er hat mit seinen Tieren gelebt, er hat seine Bücher geschrieben. Als er gestorben war, tat ein Wassiliy, als wenn er schon immer der große Anatoli Durow gewesen wäre. Und wiederum später verunglückte Anatolis Sohn auf der Jagd, und ein entfernter Vetter, der wiederum Anatoli heißt, trägt den Namen und spielt die Rolle des großen Unvergessenen. Herr, er mag ein guter Mensch sein, aber wir kennen ihn nicht, wir wollen ihn nicht einmal kennen, wir haben den großen Anatoli Durow allzu sehr geliebt.

Anatoli Durow war mein Pate, weil er der Freund meines Vaters war. Mein Vater besaß eine Menagerie, die ihm von seinem Vater, seinem Großvater, seinem Urgroßvater überkommen war. Ich wurde in Suchum geboren, am Schwarzen Meer. Heute hat man dort große Institute errichtet, in denen die russischen Wissenschaftler Intelligenz und Seelenleben der Menschenaffen erforschen, damals überwinterten wir in dieser Stadt, um in ihrem warmen Klima unsere Bären um den Winterschlaf zu betrügen. Meine Mutter starb bei meiner Geburt, ich wuchs neben meinem Vater auf und unter den zweihundert Tieren seiner Menagerie, den Bären und Bären und Bären, den vielen Wölfen, den wilden und halbwilden Hunden, den Luchsen und Mardern und Zobeln, den wenigen Löwen, dem einen großen Elefanten, der Meute von Schneepanthern aus dem Tian-Schan und vom Amur.

Mein Vater ließ keinen Menschen an mich heran, er zog mich allein mit seinen Händen auf. In späteren Jahren hat er mir mitunter erzählt, wie er Amme und Kindermädchen bei mir gespielt hat, und jedes Mal lachte er dabei, dass die Lampe an der Decke unseres Wohnwagens schaukelte, als sei dieser Wagen ein Schiff im Sturm auf hoher See. Ich sehe ihn noch heute vor mir, ich gleiche ihm wohl, aber er war größer und stärker, als ich es heute bin, breit und schwer. Er hatte braunes, krauses, langes Haar, sein Gesicht ertrank im Bart. Und immer trug er das buntbestickte Russenhemd und die knielangen Stiefel. Ich bin glattrasiert und scheitele mein Haar, das über der Stirn zurücktritt und an den Schläfen ergraut, das Hemd, das Sie sehen, habe ich mir in Bondstreet schneidern lassen, und ich liebe Wildlederschuhe mit Kreppsohlen – aber niemals werde ich lachen können, so frei und froh und stark, wie mein Vater lachte.

Dreimal am Tage, so erzählte er, fütterte er mich ab, bis mir Milch und Lebertran aus den Mundwinkeln rannen, dann tauchte er den Zipfel eines Leinenlappens in seine Wodkaflasche und steckte ihn mir in den Mund, danach pflegte ich gut und tief zu schlafen, und er war sicher vor jeder Störung. Schrie ich doch einmal, sah er nach, ob er mich trockenzulegen hatte und erneuerte die alkoholische Feuchtigkeit im Leinenlappen. Als dieses Verfahren einige Male nicht half, griff er zu der Methode der Eskimomütter. Er nahm den Mund voll mit eiskaltem Wasser und spritzte mir, sobald ich zu schreien begann, dieses Wasser im dünnen Strahl in Gesicht und Mund. Danach ließ ich bald das Schreien und wurde ein stilles, sehr braves Kind.

Für ein solches hatte er gute Verwendung, er war ja ein Schausteller, hatte für guten Besuch seiner Menagerie zu sorgen und war sein eigener Anpreiser und Ausrufer. Niemals, so meinte er noch viele Jahre später, war ihm diese Arbeit so leicht gefallen wie in meinen ersten Lebensjahren. Seine Stallburschen bildeten eine Kapelle und trommelten und trompeteten das Publikum zusammen. Wenn sich genügend Menschen eingefunden hatten, nahm Vater mich aus meiner Wiege, verstaute mich in ein schleifengeschmücktes Steckkissen und ließ Alanka, eine große sibirische Bärin, aus ihrem Käfig. Sie richtete sich auf und war um zwei Köpfe größer als mein großer und starker Vater. Er legte ihr das Steckkissen in den Arm, hakte sie unter, wie ein kleiner Mann sich bei einer großen Frau einhängt, und so wanderten die beiden dann auf die kleine Bühne hinaus, die Holztreppe hinab, einmal hinauf und wieder zurück vor der Menagerie. Und die Leute drängten sich und sahen meinen Vater und die große Bärin, und sie sahen mich, und ich pflegte, so erzählte Väterchen, bei solchen Spaziergängen fröhlich zu krähen und begierlich nach Alankas Nase zu greifen. Und Alanka neigte ihren Schädel, der viel größer war als ich, sanft über mein Gesicht, blies bisweilen zärtlich darüber hin, nahm dann meine Kinderfaust zwischen ihre Zähne und nuckelte daran wie ich an meinem Leinenlappen. Und wenn der Vater mit uns in die Menagerie zurückkehrte, drängten ihm alle Leute nach, und keiner blieb draußen. Dann wanderten sie die langen, langen Wagenreihen entlang und bewunderten und bestaunten die fremden und wilden Tiere. Und am Ende des Stallganges, in einem kleinen Rundzelt, durften sie gegen ein geringes Sonderentree meinen Vater bewundern, der ihnen dressierte Bären und Wölfe vorführte, unsere alte Elefantin sich auf ihre Hinterbeine erheben oder einen Löwen durch den Reifen springen ließ.

Als ich dann aber zehn Jahre alt war, stand ich allein in dem großen Zwinger, die Wölfe und Bären, die ich arbeiten ließ, hatte ich selbst abgerichtet, und die Arbeit dieser gemischten Gruppe war die beste Dressur, die unsere Menagerie zeigte. Mein Vater war sehr stolz auf mich und stellte mir am ersten Abend, nach der Suppe, eine ganze Flasche klaren Wodka auf den Tisch. Aber ich schob sie ihm lächelnd zurück, ich war ihm tief zu Dank verpflichtet, die mit Wodka getränkten Leinenlappen hatten mir für mein Leben den Geschmack an allen scharfen und schweren Getränken genommen. Mein Vater trank tief bestürzt die Flasche allein aus, hinterher weinte er bitterlich. Er hatte mich, so meinte er, um das Beste beraubt, das ein Russe im Leben finden kann. Denn was wohl sollte besser für einen Russen sein, als Wodka trinken und dabei vergessen, dass er ein Russe ist? Ich aber bin ihm noch heute dankbar, denn ich bin durch die Welt gefahren, ich habe tausend gute Männer und Frauen kennengelernt, ich habe gesehen, wie sie beim Schnaps Stärke, Trost oder Frieden suchten, und ich weiß, dass er nichts ist als ein listiger und gemeiner Mörder. Er ist eine Flucht, ich weiß, ich weiß, aber ich weiß auch, dass er eine dumme und unsaubere Feigheit ist.

Aber nun dürfen Sie nicht denken, Herr, dass ich mich zum Richter über andere Menschen machen will – nur damals, in meiner großen Jugend und meinem Vater gegenüber, fand ich wohl härtere Worte, als sie nötig gewesen wären. Denn ich hatte meine Form gefunden und erfüllte sie, wie ich von ihr erfüllt war. Ich war Wladimir und lebte mit den Tieren, sie waren mein Reich, sie waren mein Land, bei ihnen allein war ich beheimatet, die Welt, die hinter unserem Zaun lag, war unwirklich, war wesenlos. Dazu liebte ich in jenen jungen Jahren zum ersten Mal drei finnische Luchse, groß wie meine Schneepanther, aber noch stärker im Gebäude als sie. Wir hatten sie vor kurzer Zeit bekommen, sie waren von einer bestürzenden, aggressiven Wildheit, ich verbrachte meine Tage vor ihrem Käfigwagen wie im Gebet, ich liebte sie sehr. Damals war es, dass ich zum allerersten Mal von meiner Bestimmung ahnte – mit den Bären und Wölfen, mit Elefanten und Kamelen, den Hunden und Stieren war ich gut Freund und stand mich mit ihnen wie Bruder mit Bruder. Die Katze aber – ausgenommen dem Löwen – der für mich keine rechte Katze ist, sondern im Ausdruck und Wesen etwas Stierhaftes hat, Wildstierhaftes meinetwegen, die Katzen liebte ich: unsere Schneepanther, diese Luchse aus Finnland.

Sie waren Teufel, diese drei, keiner von ihnen hat geruht, von meiner knabenhaft überströmenden Liebe Notiz zu nehmen, aber dessen bedurfte das Kind, das ich damals war, auch nicht. Liebe allein, die sich um die Erfüllung müht, ist nicht nur das Glück der Jugend, sie ist auch alles Glück, das ein Mann finden kann. Hingegen scheint mir die Liebe, die bereits tausendfältige Erfüllungen gefunden hat, gefährlich und todbringend. Ich bin an solcher Liebe gescheitert, Susy scheiterte, Pat – nun, Pat ist aus Kalifornien, ich weiß nicht, ob sie Sinn hat für das, was wir Liebe nennen, wir Menschen aus dem alten Europa. Wenn man ihr davon sprechen will, wendet sie sich ab und geht davon … Aber auch ich will jetzt nicht von solcher Liebe sprechen, sondern von dem jungen Wladimir in der Menagerie seines Vaters.

Bären und Bären und Bären in den Käfigwagen. Wenn mein Vater mit seinen Freunden trank, nannten sie ihn Medwjed, das ist das russische Wort für Bär. Er lachte dazu, er wusste, dass er dem Bären glich: stark und schwer und doch wieder von verblüffend rascher Gewandtheit, gutmütig und schlau, töricht, sorglos und dann wieder voll kalter Klugheit – und oftmals dahintosend in überwältigter Lust oder krachendem Zorn. Er war wie ein Bär, er liebte die Bären, seine Menagerie war zuerst eine Ausstellung von Bären. Bären aus den Karpaten und aus dem Kaukasus, Bären vom Ural, aus dem Land Sibir, aus der Mandschurei, von der nördlichen Küste, Riesenbären sogar aus dem fernen Alaska. Und neben den Bären musste er Wölfe haben, viele Wölfe, seine »Mörderchen« nannte er sie und zähmte sie zu braven und willigen und treuen, wenn auch immer etwas scheu bleibenden Hunden. Und viele Schneepanther dazu, sie waren ihm sein schönstes Spielzeug, und er war zärtlich zu ihnen wie eine Mutter zu ihren Kindern. Und all das flinke kleine Raubzeug der Marder und Wildkatzen hinter dem Drahtgeflecht ihrer Käfige, und als er merkte, dass es mir die Luchse angetan hatten, überschüttete er mich mit Luchsen, die er aus allen Teilen Russlands und der weiten Welt kommen ließ. Und sah mit dröhnendem Lachen meinen Versuchen zu, diese Tiere zu zähmen, was mir durch die Jahre niemals recht gelingen wollte. Und die Kamele, die Zebras, die Yaks und die weißen ungarischen Stiere mit ihren gewaltigen Hörnern in ihrer Spreu. Und die eine Elefantin, Barinja nannten wir sie, weil sie das größte und vielleicht auch das klügste und gewiss das nobelste von allen unseren Tieren war. Und die wenigen Löwen, mit denen wir unsere Sorgen hatten, wenn wir im Frühjahr den Kaukasus querten, hinter den wir uns vor den Schneestürmen des Winters verkrochen hatten, um dann bis in den späten Herbst hinein durch den Wind der großen russischen Ebene zu ziehen, vom Schwarzen Meer bis nach Archangelsk, von den Städten an den Hängen des Urals bis nach Petrograd und Reval.

Und Chan darf ich nicht vergessen, unseren Mandschu-Tiger, fünf Zentner schwer, er glich einem Dämon und hatte das Gemüt eines Bernhardiners, zwanzig Jahre lang hat er unter der Hut und in der Freundschaft meines Vaters gelebt.

Und ich neben meinem Vater und mit all diesen Tieren. Nein, mir wurde nichts geschenkt, ich habe in den Ställen gearbeitet wie einer jener Burschen, die mein Vater bezahlte, ich habe gemistet und gestriegelt, geschlachtet, gefüttert und gemolken, habe die Zelte aufgeschlagen und abgerissen, unsere Wagen auf die Loren unseres Sonderzuges verladen und sie im nächsten Ort wieder abgeladen und aufgebaut. Als aber mein Vater sah, dass ich eine gute Hand für die Tiere hatte, ließ er mich mit ihnen arbeiten, ich wurde sein erster Dresseur, und damit hatte die Arbeit für mich niemals mehr ein Ende. Und nur einen einzigen Lohn kannte ich – ein Pferd zu satteln und reiten, weit und lang durch die Steppe reiten. Ach, ich will auch davon nicht sprechen, weil ich sonst kein Ende finde, aber wer nicht durch unsere Steppen geritten ist, der weiß nichts vom Reiten und weiß nichts vom Pferd.

Auf andere Weise fand ich nicht hinter dem Zirkuszaun hervor, und ich habe niemals eine Schule von innen gesehen. Mein Vater hätte mich wild aufwachsen lassen können, niemand hätte ihn dafür belangt, und ich wäre ein Analphabet geworden, wie er einer war, der sich dessen fröhlich brüstete, um dann jeden Kaufmann, jeden Pferdehändler voll Behagen zu übervorteilen. Aber er sorgte dafür, dass ich ein gutes Maß von Bildung bekam. In irgendeiner Stadt las er den schiefen Nikita von der Straße auf, der geradenwegs aus Sibirien kam. Ein ehemaliger Student, den man wegen politischer Umtriebe auf den Trakt geschickt hatte, die Straße, die in die Verbannung führt, und der in fünf Jahren gnadenloser Bergwerksarbeit zerbrochen war an Leib und Seele. Mein Väterchen setzte ihn an die Kasse und ernannte ihn zu meinem Lehrer. Und der schiefe Nikita, der immer so aussah, als würde er im nächsten Augenblick aus seinen hohen Stiefeln kippen, war ein guter Lehrer, nachdem ich ihn mir zu solchem Amt erzogen hatte. Im Anfang nämlich war er unsicher und wagte, mir bei irgendeinem geringen Anlass eine Ohrfeige zu geben. Dafür habe ich ihn mit der kurzen Peitsche verprügelt, mit der ich meine Wölfe dressierte, hinterher haben wir uns ausgezeichnet verstanden. Ich lernte lesen und schreiben, Nikita sorgte auch dafür, dass ich immer zu lesen hatte, und das war eine großartige Angelegenheit. Danach lernte ich rechnen, und das schlug böse aus für das schiefe Männchen, denn ich kam rasch dahinter, dass und wie er meinen guten Vater bei seinen Abrechnungen betrog. Ich sagte ihm nichts davon und auch meinem Vater nicht, aber ich beredete das Väterchen, eine andere Kontrolle einzuführen, er tat mir den Gefallen, und damit hatte ich Nikita das Handwerk gelegt. Er versuchte es allerdings noch einmal auf eine andere Weise, da habe ich dann ernsthaft unter vier Augen mit ihm reden müssen, danach lebten wir in Frieden. Nikita ließ mich mit all den Dingen ungeschoren, mit denen man sich sonst unnütz durch die Jahre in der Schule herumquälen muss, nur, um sie mit dem letzten Schultag endlich vergessen zu können. Dagegen hat er sich in Naturgeschichte, Erdkunde und in den Fremdsprachen sehr anstrengen müssen, um meinen Wünschen gerecht zu werden, umso mehr, weil der größte Teil des Unterrichtes in die Morgenstunden fiel, in denen ich mit meinen Tieren arbeitete. Viele und sehr gehaltvolle Vorträge hat mir der schiefe Nikita durch die Gitter des Dressurkäfigs gehalten, in dem ich saß, meine Tiere beobachtete, sie spielen oder auch etwas arbeiten ließ. Aber ich habe nicht schlecht gelernt auf diese Weise.

Nun, er hat mir die Augen geöffnet und mir die Welt gezeigt. Aber schon nach einigen Jahren brauchte ich ihn nicht mehr, ich konnte auf eigenen Füßen die Wege gehen, die er mir gewiesen und aufgetan hatte. Nur war es gut, dass man bei ihm immer Bücher fand, immer neue, immer solche, die man noch nicht gelesen hatte. Und ich las viel in meinen jungen Jahren, untertags und in den Nächten auch. Jedoch habe ich in den Nächten doch wohl mehr geträumt als gelesen.

Vielleicht waren sie am schönsten, Nächte und Träume, wenn wir im Herbst aus dem weiten Russland heimkehrten zum Schwarzen Meer, um uns hinter den Kaukasus zu verkriechen, in Suchum, unserem Stammsitz, der Stadt, die darauf bestand, dass wir den Winter in ihr verbrachten. Dann sang und stürmte der große Wind, der vor dem Winter einherlief, so stark und betörend, dass ich die Nächte damit verbringen konnte, ihm zuzuhören. Dann brannten im langen Menageriezelt die großen Öfen, ich lag zwischen ihnen auf meinem Strohsack, ich lauschte dem Wind, ich hörte die Feuer knistern – und das sind die zwei großen Melodien meines Lebens geblieben für mich bis heute. Und selbstverständlich die Stimmen der wilden Tiere, sie bilden die erste, die großartigste, die oberste aller Melodien.

Und dann träumte ich unter diesen Melodien – unter den Stimmen der Tiere, ihre Gesichter und ihre Wildheit vor meinen Augen, unter dem russischen Wind und dem knisternden Feuerspiel in den Ofen. Und die Zeltplane wich hin, das große Russland glitt unter mir davon, und dann war ich im Lande Sibir, mitten im endlosen Urman, mitten in der grenzenlosen Taiga, und auf tausend Meilen im Umkreis brannte kein anderes Feuer als das meine. Und ich saß einsam in der Nacht, Schnee fiel, Wind weinte, im vereisten Wald schrien die Luchse. Aber die Wölfe zogen wie Wachen um mein Haus aus starken Baumstämmen, nahe mir blies der warme Atem der Bären aus ihrem Winternest, und neben mir lag Tanja, die Schneeleopardin, und ihr seidener Leib streckte sich unter meiner streichelnden Hand.

Jede Jugend hat ihre Träume – dies war der meine. Ich habe ihn durch die Jahre geträumt, Nacht für Nacht diesen einen Traum. Ich denke, es war, weil mir der Zaun unserer Menagerie nicht sicher genug erschien, weil mich die Menschen, die Häuser, die Straßen, die Städte bedrängten, die ich jenseits des Zaunes sehen musste, weil ich mich nach größerer Sicherheit sehnte, nach der Einsamkeit ohne Grenzen, die mich allein ließ mit meinen Tieren und mit den großen Melodien dieser Welt, dort, wo diese Welt noch singt, dort nämlich, wo sie noch wild ist und nichts als wild.

Ich hätte in meinem guten Bett und in meinem Wagen schlafen sollen, mein Vater sagte mir das oft genug, ich tat es fast nie. Für die Nachtwachen waren unsere Stallburschen da, aber die verließen sich sehr bald auf mich, trollten sich allabendlich in die Stadt und vertranken das Geld, das sie tagsüber von den Besuchern – »Na tschaj!« – »Für Tee!« – eingesammelt hatten. Sie mochten über mich lachen, und sicherlich hätten sie im höhnischen Vergnügen über mich gebrüllt, wenn sie um meine Träume gewusst hätten, meine Träume von tausend Meilen Einsamkeit, für sie war die Schnapskneipe das Paradies. Aber ich meine noch heute, dass unsere Kinderträume unser Bestes sind, ihre schmerzliche Süße vertieft sich mit den Jahren und mit unserer Erkenntnis, dass wir unsere besten Träume niemals verwirklichen können – und deshalb träume ich wohl noch heute bisweilen diesen alten Traum, ja, auch neben der schlafenden Pat, und kann mich noch heute an ihm berauschen.

Sonst lachten die jungen Arbeitsburschen nicht über mich, denn ich war der junge Herr und sah ihnen scharf auf die Finger – dass die Arbeit getan wurde, und dass sie gut getan wurde, dass vor allem meine Tiere ihr volles Recht bekamen und dass ihnen keine Ungerechtigkeit, kein Leid widerfuhr. Die Arbeit war hart und schwer, das ewige Reisen, das ewige Einpacken, Verladen und Wiederaufbauen unserer Welt, die eine Zauberwelt für jene Menschen war, die zu uns kamen. Und auch meine Arbeit war nicht leicht, denn die Männer, die ich zu beaufsichtigen hatte, waren zumeist rohe Tunichtgute, die oftmals im bürgerlichen Leben versagt hatten, sich in der strengen und harten Arbeit unserer wandernden Zelte aber doch zumeist weit besser bewährten, als zu erwarten war. Ja, es gab nicht wenige unter ihnen, die schon nahe daran gewesen waren, Verbrecher zu werden, sich aber im Zusammenleben mit unseren Tieren wieder fingen und sich der ehrlichen Arbeit für diese Tiere und wohl auch der harten Freiheit unserer ewigen Wanderschaft verschrieben. So ging es, bis auf wenige krasse Katastrophen mit renitenten Trunkenbolden, recht friedlich und fast familiär zu in unserer Menagerie, die Leute taten ihre Arbeit und taten sie gut, meine Tiere bekamen ihr Recht und ich alle Zeit, vormittags mit den Tieren zu proben, nachmittags mit ihnen vor dem Publikum zu arbeiten und in den Nächten bei ihnen, mit ihnen zu träumen.

Und niemals haben diese frechen und leichtlebigen Burschen unserer Stallungen geahnt, dass ich eine nicht unwichtige Sache von ihnen lernte, ehe sie quälend für mich werden konnte, und dass die Art, die ich ihnen absah, mich für mein Leben vor vielem Missgeschick bewahrte. Das war die Sache mit den Frauen. Sie wurde sehr wichtig für mich, sie begann mich zu verwirren, ich war wohl sechzehn, vielleicht schon siebzehn Jahre alt. Natürlich wusste ich längst alles von den Geschlechtern und hatte alles gesehen, bei den Tieren und auch bei den Menschen. Es hatte mich abgestoßen, ich fand es schmutzig und gemein, meine Träume waren mir lieber. Umso verwirrter wurde ich, als die Sucht in mir aufstand, nicht zu beruhigen war, sondern wuchs und wuchs und mich zu knechten begann. Ich ertappte mich dabei, dass ich weibliche Besucher anstarrte und ihnen nachsah, ich hielt mich für sehr verworfen, als ich mich wünschen fühlte, mit diesen fremden, sehr fremden Frauen das zu tun, was der Tiger Chan vor meinen Augen mit der Tigerin Schura getan hatte, was Grischa, unser altes Faktotum, im Heu des Futterzeltes mit Warja getrieben hatte, unserer Köchin, die kaum jünger war als er. Sie hatten mich nicht gesehen, als ich unvermutet dieses Zelt betrat, es war nur ein Augenblick, dann war ich davongelaufen, es hatte mir Monate vor ihnen gegraust, sie schienen mir der letzte Auswurf der Menschen. Und nun brannte es in mir, und ich schämte mich über alle Maßen.

Dann sah ich auf meiner abendlichen Runde um die Zelte, dass unsere Burschen, wenn sie zum Trinken gingen, draußen von Frauen erwartet wurden, die sich ihnen anschlossen. Und ich sah junge Mädchen, saubere und gutgekleidete, ich sah geputzte Bürgerfrauen unseren Zaun umschleichen. Und ich sah sehr wohl, wie sie mich musterten, sie hatten mich im Käfig bei den Tieren gesehen und wussten, dass ich der Sohn des Besitzers war. Und ich konnte in ihren Augen lesen, wie ich in den Augen meiner Tiere lesen gelernt hatte. Zuerst gab es einige lachhafte Missverständnisse, ich hörte auf das, was die Mädchen oder Frauen mir erzählten, und nahm es ernst – wie hingerissen sie waren von unseren Tieren, wie sie glühten nach unserem Leben, wie sie verdorren mussten in ihren Kleinbürgerstuben. Aber die dritte, die ich durch den Zaun schlüpfen ließ und auf meinen Strohsack vor den Tierkäfigen nahm, war eine junge Zigeunerin, und die sagte mir, worauf es ankam, ihr und den anderen Frauen. Das war vor der vergitterten Zelle meines Lieblings, Tanja, der Schneeleopardin, sie hat damals zugesehen und hat bei allen anderen zugesehen, es wurde die einfachste Angelegenheit der Welt – draußen hinter dem Menageriezelt standen in jeder Stadt die Frauen und warteten, dass man sie holte, um mit ihnen zu tun, wozu sie geboren waren. Und so ist es mein Leben hindurch geblieben. Man hatte die Wahl, man brauchte nur zu winken, die Frauen waren immer bereit, und böse nur die, die man verschmähte.

Nein, ich spreche nicht von den Frauen, nicht mehr als jeder Mann. Aber wenn Sie mich fragen, so meine ich, dass es kein ganz ehrliches Spiel ist, das die Frauen mit uns spielen oder doch mit Euch, den Bürgern. Sie wollen in unserem besonderen Ansehen stehen, aber dieses Ansehen ruht auf unserer Verschwiegenheit. Und wer das weiß, der findet den Kult besonderen Wertes, den die Frauen mit sich selbst treiben und dem auch wir Männer dienen sollen – nun, er findet ihn komisch und eben nicht ehrlich. Entschuldigen Sie schon, aber ich komme aus den Staaten, in denen jedes rasche Frauenwort schwerer wiegt als alle gute Männerrede, ich muss hier im alten Land einmal ein anderes Wort sprechen. Wenn sie sich, die Frauen, zu ihrem Fleisch und Blut bekennen wollten, wie wir dummen Männer das tun, wäre das Leben leichter. Die Frau selbst müsste den Anspruch aufgeben, dass sie an sich eine unbezahlbare Kostbarkeit darstellt, dass der Mann ein Kavalier zu sein und dass er zu zahlen hat, vom ersten Glas Tee bis zur standesgemäßen Versorgungsehe und noch nach dieser. Aber schließlich sind das Dinge, die Euch angehen und nicht mich, ich reise durch die Welt, und jenseits des Zirkuszaunes stehen die willigen und fordernden Frauen bereit. Eine gute Einrichtung, ich habe meine Freude an ihr gehabt, die Frauen haben mir meine Träume niemals getrübt, nicht meine Gemeinschaft mit den Tieren gestört, nicht einmal von meinem Liebeswerben um unsere unzähmbaren Luchse haben sie mich abhalten können.

Ja, ich richtete Bären ab, Braunbären und Schwarzbären und auch die Riesen aus Alaska, und ich hatte mich gut abgefunden mit ihrer gefährlichen, launenhaften Unberechenbarkeit. Ich dressierte Rudel von Wölfen und hielt sie durch Jahre in Zucht und Arbeit, sie galten mir bald nicht mehr als ärgerlich scheue, reich zigeunerhafte Hunde. Ich baute aus den Schneeleoparden eine Zirkusnummer, die überall begeistert aufgenommen wurde, und Tanja, die Kluge und Weiche und Schöne, war der Star dieser Gruppe. Ich habe die Rinder und Zebras exerzieren lassen und habe Dromedaren Schritte der Hohen Schule beigebracht – das alles war zwar nicht leicht, aber es war selbstverständlich. Es kostete Zeit und Arbeit und viel Geduld, aber diese Arbeit trug ja ihren Lohn in sich selbst, man war mit den Tieren zusammen, man fühlte sich in sie ein, man lernte sie verstehen und nahm es wie einen Dank, endlich auch von ihnen verstanden zu werden.

Bei den Luchsen nützte das alles nichts, nützte nichts die Geduld, nichts alle Versuche der Einfühlung, nicht Zuneigung noch Liebe, bei den Luchsen gab es weder Verstehen noch Dank. Unsere Menagerie war voll von ihnen, Väterchen machte sich einen Spaß daraus, ich sagte es schon, mich unter Luchsen zu begraben, wie er sich selbst unter seine Bären vergrub. Zuerst und zumeist gab es natürlich die leichtgefleckten polnischen Luchse, neben ihnen die eisengrauen Sibirier mit der sich rundenden Bartkrause. Aber wir hatten auch Pardelluchse aus Spanien, Kanadier mit ihren bärtig schweren Häuptern, und immer wieder, stumpfrot, mit silbergrauem Reif überflogen, die stärksten Tiere ihrer Art, Luchse aus Finnland und Skandinavien. Starkknochige Branten, schimmernde Raubkatzengebisse, hohe Läufe, Stummelschwanz und Pinselohren, sich sträubende Bärte und glasklar grelle Augen, brennend im unbesiegbaren Hass und strahlend in einer mörderischen Klugheit. Ich meine, es ist diese Klugheit gewesen, die ich in den Luchsaugen las, neben der trotzigen und unzähmbaren Wildheit, die mich wie magisch zu den Tieren gezogen hat. Eine Klugheit, die von ganz anderer Art war als die menschliche, als die Barinjas, unserer großen Elefantin, unseres Chans, des Mandschu-Tigers, ganz anders als die Klugheit Tanjas, der zärtlichen Schneeleopardin. Es war die Klugheit des Geschöpfes, das wild ist, wild und nichts anderes. Noch wissen wir nichts von solcher Klugheit und daher auch nichts von diesen Tieren.

Sie blieben wild, alle diese vielen Luchse, so große Mühe ich mir auch mit ihnen gegeben habe. Ich opferte ihnen alle meine Zeit, alle Hingabe, zu der nur die Jugend fähig ist, alle meine Künste, die ich gelernt hatte im Umgang mit schwierigen und nicht ungefährlichen Tieren. Im Winter ließ ich einen Sonderbau aufschlagen, nur für die Luchse bestimmt. Ich ließ sie einzeln in einen großen Käfig, ich gesellte mich zu ihnen, es brauchte Wochen, ehe sie mich in diesem Käfig duldeten, Monate, ehe sie aus meinen Händen ihr Futter nahmen. Und sie beugten sich nie, bei meiner ersten Bewegung, bei meiner ersten Forderung standen sie mir gegenüber, schlagbereit die Pranke gelüftet und zeigten mir ihr teuflisch zorniges Gesicht: gesträubter Bart, gleißende Fangzähne und ungebrochen trotzige Augen! Herrliche Tiere, wunderbare Tiere, ich bin noch heute in sie vernarrt! Und heute wie damals in meinen jungen Jahren bin ich der Überzeugung, dass jedes Tier zähmbar ist, man muss sich nur einstellen können auf dieses Tier, man muss den einen, ganz besonderen Zugang finden. Aber damals suchte ich diesen Zugang durch Jahre vergeblich, diese ausgewachsenen Tiere spotteten aller Bemühungen. Ich hätte es gern mit Jungtieren versucht, aber wir bekamen keine durch den Handel, und die Nachzucht in unserer Menagerie wollte mir nicht recht glücken. Und so lebte ich also weiter durch die Jahre, lebte im Paradies und lebte als unglücklich Liebender.

Viele Menschen gingen durch den Wanderwagen meines Vaters. Nicht Menschen aus dem Publikum, sondern Leute vom Fach, sie kamen aus aller Welt, aus den Ländern Europas und Asiens, sogar ein amerikanisches Ehepaar lernte ich kennen, sie dressierten Bären und kauften von meinem Vater. Er handelte und vermittelte Kauf und Tausch, so kamen vor allen Dingen Tieraufkäufer zu ihm, Menagerieleute, Zirkusdirektoren, Artisten, Dresseure und Dompteure. Je älter ich wurde, umso öfter wurde ich nach der letzten Vorstellung in Vaters Wohnwagen gerufen, dort saß ich mit den Besuchern zusammen, sprach mit ihnen, und sie erzählten mir von der Welt, von der ich nichts wusste. Bis dahin war mir diese Welt auch nicht sonderlich interessant gewesen, nur ungern verließ ich den schützenden Zaun unserer Menagerie. Ich mochte die Städte nicht, nicht die Ödnis der steinernen Straßen, die bunten Fenster der Geschäfte, die doch zumeist nur unnützen und sündteuren Tand handelten, ich fürchtete mich vor den Menschen, die sich im ununterbrochenen Zug durch die Straßen schoben und drängten. Ich lebte mit meinen Tieren, ich war in manchen Dingen geworden wie sie, eine unvermutete menschliche Berührung war mir wie ein schreckliches Signal, das schneidend meinen Körper durchfuhr, ihn sich straffen ließ in Abwehr und Kampfbereitschaft – ja, ich war wohl für das Leben unter den Menschen der großen Städte schon damals verloren.

Was diese Fremden nun aber erzählten, das füllte doch meinen Kopf und ließ bisweilen mein Herz schneller schlagen. Von wandernden Zeltstädten, die sechshundert, achthundert, tausend Tiere mit sich führten, ganze Elefantenherden, Hunderte von Raubtieren, Marställe aller edlen Pferderassen. Von großen Spielzelten, die sechstausend, achttausend Menschen fassten, von großen exotischen Artistengruppen auf dem gelben Sand der Manege, von niegeahnten, niegedachten Tierdressuren. Von Dompteuren, die gleich Königen durch alle Länder dieser Erde fuhren, hochbezahlt, weltberühmt, und, was mir wichtiger war, von ihrer Arbeit, von ihren neuen oder sensationellen Tricks mit Löwen und Tigern und Bären. Und heimlich durfte ich dann bei mir denken, dass ich in meiner Stille ebenso gute, ebenso schwierige Arbeit leistete wie diese Männer und Frauen mit den großen Namen, denen die Welt zu Füßen lag. Und immer wieder die Schilderungen der großen Zelte, der festen Bauten in Wien und Berlin, in London und Paris, in Hamburg und in San Franzisko. Samtene Logen, hoch und weit sich schwingendes Gestühl, Musikkapellen in Frack und weißer Binde, seidene Kostüme, blitzender Schmuck und Fluten elektrischen Lichtes über allem, über Publikum und Manege – besser, schöner, großartiger noch als in irgendeinem Theater.

Ja, diese Schilderungen schlichen sich nun in meine Träume und bestimmten sie mitunter. Vielleicht, bevor man in die große Einsamkeit des Landes Sibir zog, vielleicht lohnte es sich doch, vorher durch diese reiche, bunte, sich in den Fluten elektrischen Lichtes badende Welt zu ziehen, durch die großen Manegen dieser Erde, mit einem Löwenvolk, mit einem Tigerrudel über die Varietébühnen, auf denen man das Niegeahnte, das bis dahin unmöglich Gewesene zeigte – dressierte finnische Luchse!

Ja, nun träumte ich zwei Träume in meinen einsamen Nächten, den von der großen Einsamkeit in den Winterwäldern und den vom festlichen Siegeszug durch die Theater und Zirkusse dieser Welt. Aber wenn dieser zweite Traum zu stark wurde, holte ich mir am anderen Morgen ein Pferd aus dem Stall, sattelte es und ritt bis zum Mittag durch die Steppe, dann wusste ich wieder, dass ich niemals freiwillig meine Tiere verlassen würde, Väterchen, das sich unendlich breitende russische Reich, meines Herzens große Heimat.

So gingen die Jahre meiner Jugend dahin, heute weiß ich, dass sie die glücklichste Zeit meines Lebens gewesen sind – unter der Hand meines Vaters, der alle wirklichen Sorgen von mir fernhielt, mit meinen Tieren, den Tigern und Löwen, den Bären und Wölfen und auch mit den unzähmbaren Luchsen. Ja, auch und gerade mit den Luchsen, selbst mit den Frauen und Mädchen, denen ich nachts den Zaun öffnete – mit allem, ach, mit allem …

Sie gingen dahin, diese Jahre, und ich merkte kaum, wie sich die Welt verfinsterte. Es war Krieg, aber ich blieb unter der Hand meines Vaters. Wie er das gemacht hat, weiß ich heute noch nicht, aber ich blieb vom ersten bis zum letzten Tag unbelästigt von allen Uniformierten. Nur mit den nun immerfort wechselnden Stallburschen hatte man seinen Ärger, und man konnte nicht mehr so frei

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