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Nebel über Nazareth

Nebel über Nazareth

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Nebel über Nazareth

Länge:
234 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 19, 2019
ISBN:
9781386773009
Format:
Buch

Beschreibung

Es ist das Jahr 1980. Der Chemiestudent Gregor Engel liegt schwer verletzt im Klinikum Aachen. Seiner eigenen Erzählung zufolge hat er seine schweren Verletzungen in einem Forschungsinstitut in Nazareth, Belgien, erlitten. Dieses Institut wird beziehungsweise wurde von einer Geheimgesellschaft betrieben, den "Kanaanitern", denen es darum geht, "das Überleben der Menschheit zu sichern". Auf das Institut hat jedoch ein Kommilitone und enger Freund Gregors ein Bombenattentat verübt, wobei es völlig zerstört wurde. Gregor konnte dem Tod dabei nur sehr knapp entkommen.

Das Problem ist jedoch: Alle Menschen in seiner Umgebung behaupten, er sei gar nicht in Nazareth gewesen, sondern von einem Auto überfahren und dabei so schwer verletzt worden, dass er wochenlang im Koma gelegen habe. Also habe er sich die Geschichte mit Nazareth bloß zusammenfantasiert.

Offen bleibt, wer nun recht hat.

Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 19, 2019
ISBN:
9781386773009
Format:
Buch

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Nebel über Nazareth - Alfons Winkelmann

Nebel über Nazareth

Alfons Winkelmann

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Rawpixel und Pixabay mit Kathrin Peschel, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappentext:

ES IST DAS JAHR 1980. Der Chemiestudent Gregor Engel liegt schwer verletzt im Klinikum Aachen. Seiner eigenen Erzählung zufolge hat er seine schweren Verletzungen in einem Forschungsinstitut in Nazareth, Belgien, erlitten. Dieses Institut wird beziehungsweise wurde von einer Geheimgesellschaft betrieben, den „Kanaanitern, denen es darum geht, „das Überleben der Menschheit zu sichern. Auf das Institut hat jedoch ein Kommilitone und enger Freund Gregors ein Bombenattentat verübt, wobei es völlig zerstört wurde. Gregor konnte dem Tod dabei nur sehr knapp entkommen.

Das Problem ist jedoch: Alle Menschen in seiner Umgebung behaupten, er sei gar nicht in Nazareth gewesen, sondern von einem Auto überfahren und dabei so schwer verletzt worden, dass er wochenlang im Koma gelegen habe. Also habe er sich die Geschichte mit Nazareth bloß zusammenfantasiert.

Offen bleibt, wer nun recht hat.

I. Schrecken

Am Anfang war es wie im Traum, wenn man daliegt und auf einmal glaubt, hellwach zu sein. Ich lag auf einem Bett, blickte zu einer weiß gestrichenen Zimmerdecke etwa zwei Meter über mir empor und dachte zunächst nicht daran, irgendeine meiner Gliedmaßen zu bewegen. Denn jetzt so hellwach dazuliegen war eine Befreiung, ein Loslösen aus etwas, das mich bis dahin umklammert gehalten hatte, das mich in Erstarrung gehalten hatte, und so genoss ich es, völlig entspannt dazuliegen und der Stille zu lauschen.

Irgendwann erst bemerkte ich die beiden Lampen, deren Licht mir in die Augen fiel. Es war ein gedämpftes Licht wie draußen, wenn der Nebel herrschte und die Sonne nicht frei vom Himmel schien. Es war ein Licht, wie ich es gut kannte, obwohl mir im Augenblick nicht einfallen wollte, woher ich es kannte. Dennoch reichte es aus, dass ich meine Umgebung mehr als deutlich zu sehen vermochte. Ein Zimmer – nicht das meine in der Kasinostraße – mit weiß gestrichenen Wänden, einem von einer Jalousie bedeckten Glasfenster links, irgendwelchen Apparaten rechts von mir, auf denen es blinkte und blitzte, und ein heller Punkt, der eine schwache Linie nach sich zog, lief über einen dunklen Bildschirm. In regelmäßigen Abständen zuckte der Punkt hoch und fiel gleich darauf wieder herab, und ich fragte mich, was das zu bedeuten hatte. Dann geschah eine Zeit lang weiter gar nichts, als dass ich weiterhin da lag und schaute und schaute und schaute, ohne jedes Bewusstsein davon, dass es außer der weißen Decke und dem gedämpften Licht und den Apparaten um mich herum noch etwas geben mochte. Ich war Zentrum der Welt, ein und alles, fühlte nichts, sondern sah nur in der Stille. Reglos.

Ganz allmählich nur, kaum dass ich es recht wollte, tauchte etwas anderes auf. Zunächst lediglich unbestimmte, formlose Dinge und Gestalten, die ich nicht zuordnen konnte. Farben, Gerüche, Klänge, ja, jetzt hörte ich auch etwas, neben meinen eigenen Atemzügen ein Piepen, ein regelmäßiges Piepen, das immer lauter wurde. Anfangs versuchte ich, mich gegen diese Dinge zu wehren, ich wollte nicht gestört sein in meiner Ruhe. Dann jedoch wurden diese Dinge mächtiger, sie ließen sich nicht mehr zurückdrängen, ganz, als führten sie ein Eigenleben, hätten eigenen Willen. Kurze Zeit geriet ich in Panik, wollte um mich schlagen und bemerkte, dass ich mich tatsächlich nicht bewegen konnte. Also doch ein Traum, ein Albtraum?

Schließlich erkannte ich einige der Dinge, und die Panik ebbte ab. Einen langen Korridor mit vielen Türen, ein stetiges Summen, ein Zimmer mit einem großen Schrank, ein Bett mit einem Holzkreuz darüber, an dem ein vergoldeter Heiland hing. Eine Kutsche. Getrappel eines Pferds. Ein Klassenzimmer, und hier schien die Sonne hell und freundlich herein, Kreide quietschte über die Tafel. Ein starr ruhender See, und auch darauf fiel helles Sonnenlicht. Ein Mann in Uniform, der vor mir stand. Irgendwann bemerkte ich, dass diese Dinge etwas mit mir zu tun haben mussten, dass sie zu mir gehörten, aber ich wusste sie nicht einzuordnen, zu sortieren. Es war, als ginge ich in einer Rumpelkammer umher, wo alles ungeordnet über- und untereinander lag. Alles war verschwommen, und obwohl es zu mir gehörte, entwand es sich meinem Griff, wollte sich nicht fassen lassen. Ein Tisch mit einer hellen Resopalbeschichtung und einem Stuhl davor. Ein mächtiger Kachelofen, der eine freundliche Wärme verströmte. Der Geruch nach Suppe, und mir lief das Wasser im Mund zusammen, weil mir jäh auffiel, dass ich hungrig war. All diese Dinge verschwanden jedoch ganz rasch wieder, um von anderen Dingen ersetzt zu werden. Das Gesicht einer Frau, die sich über mich beugte. Die Frau hatte graues, struppiges Haar. Ein Schulheft, und jemand schrieb in dieses Heft, eine ungelenke Kinderhand. Jetzt ertönte ein Rumpeln und Donnern, ich schaukelte, als säße ich in einer Straßenbahn, die über ausgeschlagene Schienen fuhr.

Da verspürte ich zum ersten Mal Angst.

Eine gleichfalls noch unbestimmte Angst, deren Ursache ich nicht zu ergründen vermochte. Dann flüsterte mir eine dunkle Frauenstimme Worte ins Ohr, und die Angst schwand wieder, zog sich ins Dunkel zurück. Ich wusste jedoch, dass die Angst weiterhin dort lauerte, dass sie jederzeit zurückkehren konnte – aber nicht, solange die Stimme weiter Worte flüsterte. Es machte nichts, dass ich die Worte nicht verstand. Es machte auch nichts, dass mir selbst keine Worte einfielen, dass ich stumm blieb. Denn die Worte waren wie warmer Schnee, der mich einhüllte, der mich schläfrig machte, der mich die Ruhe zurückfinden ließ.

Wieder geschah lange Zeit nichts.

Da schreckte ich aus der Ruhe hoch und schrie laut, schrie laut auf, dass ich vor der eigenen Stimme erschrak. Eine Flammenzunge hatte nach mir geleckt, und ich hatte ihr gerade noch ausweichen können. Eine gewaltige Explosion rüttelte mich. Ich schrie und schrie, und niemand war da, der mir half. Ich versuchte zu rennen, aber die Beine waren so schwer, und ich kam nur so langsam von der Stelle. Erneut eine grelle Flammenzunge – warum war denn da niemand, der mich davor rettete? Man musste doch sehen, dass ich nicht imstande war zu laufen!

Nun sagte jemand ganz klar und deutlich: „Sei ruhig, Gregor, du träumst nur!"

War’s dieselbe Frau, die mir auch das erste Mal die beruhigenden Worte ins Ohr geflüstert hatte? Ich konnte es nicht erkennen, aber mir wurde bewusst, dass es noch etwas anderes gab als die schrecklichen Dinge um mich herum. Dass es einen Unterschied gab zwischen Traum und jenem Zustand, in dem sich die Frau offenbar befand. Und jenem Zustand, den nun auch ich wieder erlangen wollte.

Aber die großen Dinge, wie ich jene unbestimmten Schemen und Gestalten nannte, wollten das noch nicht zulassen. Sie stürmten heran, umklammerten mich, hielten mich fest. Sie zerrten mich in das Dunkel, wo die Angst lauerte, und diesmal gab es keine Stimme, die mich zurückholte. Und diesmal fand ich keine Kraft zum Schreien.

In diesem Dunkel jedoch war nicht mehr die Angst. Dort war etwas Lebendiges, etwas Warmes, das offenbar auf mich gewartet hatte, denn es begrüßte mich mit wortloser Freude. Ich kuschelte mich an dieses Wesen – wenn es denn eines war –, und mir wurde klar, dass dies hier kein Traum war, sondern die Wirklichkeit. Nicht das Wachen, das auch nicht. Etwas viel Wirklicheres als das Wachen, etwas, das viel mehr zu mir gehörte als das Zimmer, welches ich beim Erwachen gesehen hatte. Noch begriff ich nicht, was es war. Es war einfach – und das reichte aus. Und es sollte immer sein, keinen anderen Wunsch hatte ich. Dieses Lebendige, Warme war mit mir in völligem Einklang, reine Harmonie.

Auch diesmal wusste ich nicht, wie lange dieser Zustand der völligen Geborgenheit währte.

Ich wusste nur, dass das Lebendige, Warme immer deutlicher Gestalt annahm, immer klarere Konturen aufwies. Es formte sich zu etwas, das ich war und zugleich es selbst. Es löste sich von mir, und dennoch blieben wir beisammen, blieben eins. Wie ein gemeinsames Größerwerden, Wachsen, und alles in mir kribbelte vor Freude. Hatte ich bislang die Augen niedergeschlagen, so erhob ich nun den Blick und sah der anderen Wesenheit ins Gesicht.

Und merkte, dass sie mich getäuscht hatte. Die andere Wesenheit war die nackte Angst, das Entsetzen, das sich unter der Maske der Geborgenheit getarnt hatte. Ich hörte ein schrilles Piepen, ein wahnsinniges, anschwellendes Kreischen. Schließlich verspürte ich einen heftigen Stich und fiel in die Schwärze zurück.

AM ANFANG KAM ICH ÜBERGANGSLOS vom Zustand des Nicht-Bewusstseins ins Bewusstsein. Dass ich die Augen aufgeschlagen hatte, ich hatte es nicht bemerkt. Zwei Männer und eine Frau, alle in Weiß gekleidet, standen neben meinem Bett und blickten mir ins Gesicht. „Endlich", sagte der ältere der beiden Männer. Der andere Mann und die Frau seufzten hörbar erleichtert auf.

Der ältere Mann beugte sich über mich. „Können Sie mich verstehen? Ich fühlte mich zu schwach zum Sprechen, zumal mein ganzer Körper schmerzte und die Kieferknochen sich so anfühlten, als könnte ich sie nicht bewegen. Daher nickte ich bloß, obgleich ich auch jetzt das Gefühl hatte, dass das Nicken nicht zu erkennen gewesen war, weil mein Kopf gleichfalls völlig unbeweglich war. Der Mann über mir musste jedoch bemerkt haben, dass ich ihn verstanden hatte. Sein Gesicht entfernte sich, er wandte sich den beiden anderen im Zimmer zu. Als der jüngere der Männer auf mich zutrat, war die Überraschung stärker als jeder Schmerz. „Du!, brachte ich mühsam hervor.

Auch der Mann war sichtlich überrascht. Er hatte also verstanden, was ich gesagt hatte. „Nicht sprechen!", sagte er schließlich und legte mir die Hand auf den Arm. O, wie gut ich diese Geste kannte! Sie war nicht nur deshalb so beruhigend, weil der gute Wille dahintergestanden hatte, mich zu beruhigen. Sie war vor allem deshalb so beruhigend, weil ich nun plötzlich wusste, was da in meinen Gedanken gebrodelt hatte, sich nicht recht hatte zusammenfinden wollen. Nun fügte sich alles nahtlos ineinander, wurde deutlich, klar, ich sah es, und es gehörte mir, es war ich.

„Wir lassen Sie jetzt in Ruhe, sagte der jüngere Mann. „Wir kommen nachher zurück und untersuchen Sie, und an die Frau gerichtet, fügte er leise hinzu, jedoch so, dass ich’s verstehen konnte, obgleich es vermutlich nicht für meine Ohren gedacht war: „Seien Sie behutsam. Er ist zwar endlich wieder wach, aber sein Zustand ist immer noch ziemlich kritisch." Die Frau nickte, und die beiden Männer verließen den Raum, nachdem sie sich kurz um die durchsichtigen Behälter gekümmert hatten, die neben meinem Bett standen und von denen Schläuche unter die Verbände liefen, die ich plötzlich überall an mir entdeckte.

„Hat man eine Hauttransplantation durchführen müssen?", krächzte ich hervor, und die Frau, natürlich eine Krankenschwester, dachte ich, sah mich an, als hätte sie meine Frage nicht verstanden. Ich wiederholte die Frage, und die Frau schüttelte sichtlich verwundert den Kopf, ehe sie die Worte des jüngeren Mannes wiederholte: „Nicht sprechen, Gregor! Da bemerkte ich, dass diese Frau meine Tante war. Das weiße Häubchen und der Mundschutz hatten ihre Gesichtszüge verborgen, und erst der Klang dieser dunklen Stimme hatte in mir die Erinnerung geweckt. Die Tante setzte sich auf die Bettkante und strich mir übers Gesicht. „Armer Junge!, sagte sie dabei, und ich wusste nicht, wovon ich mehr überrascht sein sollte: Dass meine Tante hier war, oder dass sie mich so zärtlich behandelte. Das war schließlich niemals ihre Art gewesen. „Armer, armer Junge, wiederholte sie und sagte schließlich: „Aber meine Gebete sind erhört worden, Gott hat dich errettet. Dafür solltest du ihm dankbar sein! So kannte ich sie, so hatte sie stets mit mir geredet. Ich schloss die Augen, während sie mir mit leiser Stimme Dinge zu erzählen begann, die ich nicht zu glauben vermochte. Ich sei vor dem Aachener Hauptbahnhof von einem Auto angefahren worden, sagte sie mir. Am Freitag, dem 22. August.

Wenn ich nicht so schwach gewesen wäre, hätte ich ihr widersprechen können, hätte ihr sagen können, dass das gar nicht möglich war. Denn am Samstag, dem 23. August, war ich nach Brügge gefahren und hatte am Abend zuvor, um mir die Zeit bis zur Abfahrt etwas zu verkürzen, im Aachener Stadttheater die Generalprobe eines Theaterstücks gesehen. Das wusste ich deshalb so genau, weil ich mir an diesem Abend zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben ein Schauspiel angesehen hatte. Nebel im Sommer, wenn ich mich recht erinnerte. Aber ich war mir sicher, dass mein Widerspruch nichts genutzt hätte, dass sie ihn wie immer mit einer einzigen Handbewegung beiseite gewischt hätte, die besagte: ‚Was weißt denn du!‘.

Sie erzählte mir weiter, dass man ihr sofort Bescheid gegeben habe, dass sie jedoch nicht sofort habe kommen können, weil sie mitten in den Vorbereitung für das Stadtteilfest der Kirchengemeinde gesteckt habe. Sie sei jedoch einige Tage nach dem Unfall gekommen, und als sie mich da im Koma habe liegen sehen, da habe sie sofort zu Gott gebetet, dass ich wieder gesund werden möge. Oftmals habe sie so wie jetzt an meinem Bett gesessen und zu mir gesprochen, ich habe jedoch nie reagiert. Aber jetzt sei ja alles gut, jetzt habe Gott ihre inbrünstigen Gebete endlich erhört. Irgendwann konnte ich nicht mehr zuhören. Denn ich wusste jetzt, dass sie die Unwahrheit sprach. Natürlich hatte man ihr sofort Bescheid gegeben – aber man hatte sie auch eingeweiht, daher die Geschichte, dass sie angeblich nicht sofort habe kommen können. Das sah meiner Tante nämlich überhaupt nicht ähnlich. Sie hätte alles, wirklich alles, stehen und liegen gelassen, wenn man sie gerufen hätte.

Ich schloss die Augen, und sie hörte sofort auf, ihren Unsinn zu erzählen. Sie stand auf und sagte: „Natürlich, du bist ja noch völlig erschöpft. Schlaf’ ruhig weiter, Gregor, ich will dich nicht stören. Ich sage den Ärzten Bescheid, dass du wieder schläfst. Ich werde weiterhin jeden Tag kommen und nach dir schauen. Ich wohne so lange in deinem Zimmer in der Kasinostraße." Damit verließ sie das Zimmer, und ich atmete erleichtert auf. Ihre Anwesenheit hatte etwas Erdrückendes an sich, das sich mir wie ein Alb auf die Brust gelegt hatte. Ich atmete wieder leicht und frei, nachdem sie verschwunden war.

Die Verletzungen, die ich auf meiner wilden Flucht aus dem brennenden Gebäude erlitten hatte, waren offensichtlich zwar sehr schwer, aber die Verbrennungen mussten sich wohl doch in Grenzen gehalten haben. Vorausgesetzt, meine Tante hatte meine Worte richtig verstanden. Aus irgendwelchen Gründen war das für mich ungeheuer erleichternd. Was mich jedoch völlig ratlos sein ließ, war seine Anwesenheit hier. Ich wusste, dass er kein Arzt war. Er war Chemiker, genau wie ich, und verstand von Medizin ebenso viel oder wenig wie ich. Weshalb war er dann als Arzt aufgetreten und von den anderen auch als solcher behandelt worden? Ich musste ihn unbedingt danach fragen, wenn er einmal allein bei mir auftauchte – dass er das mit Sicherheit täte, daran zweifelte ich nicht eine einzige Sekunde. Zu viel hatten wir gemeinsam erlebt, und zu viel hatten wir auch noch zu tun, als dass wir uns wie zwei Fremde begegnen konnten.

Es konnte natürlich auch sein, dass die Kanaaniter etwas ganz Bestimmtes dabei bezweckten, ihn hier als Arzt auftreten zu lassen. Es war ja durchaus möglich, dass sie ihm, während ich im Koma gelegen hatte, im Schnellverfahren zumindest das Nötigste beigebracht hatten – was wusste ich denn trotz allem von den Möglichkeiten der Kanaaniter! Vielleicht sollte er mich bewachen, darauf achten, dass mir nichts zustieße. Klar, das wäre nur logisch. Dass unsere Gegner zu vielem fähig waren, das hatten sie ja dort eindeutig bewiesen. Allerdings konnte das bedeuten, dass Hanno gleichfalls überlebt hatte.

Beim Gedanken an Hanno wallte wieder jene Angst in mir auf, die mir zuvor schon begegnet war. Diesmal jedoch nicht mehr so heftig, dass sie mich in die Dunkelheit zurückschleuderte. Natürlich wusste ich nicht, ob der Waffenstillstand zwischen uns beiden, den wir ganz kurz vor dem Ende geschlossen hatten, noch galt. Was wiederum dafür spräche, dass man Rein zu meiner Bewachung hierher versetzt hatte.

Es war einfach zu viel.

Zu schwach war ich, um mir alles bis ins Letzte zusammenreimen zu können. Ich musste die Tatsachen erst einmal hinnehmen, aber ich nahm mir auch vor, zumindest den Versuch zu unternehmen herauszufinden, warum alles geschah, wie’s jetzt geschah. So lag ich da, ließ den Blick umherschweifen, sah aus dem Fenster, das ich vor mir in der Wand entdeckt hatte, auf graue und weiße Wolkenfetzen, die eilig dahintrieben und zwischendrin immer wieder den wie verwaschen aussehenden blauen Himmel durchscheinen ließen. Abgesehen von einem leisen Surren, das offenbar von den vielen Apparaturen neben mir stammte, und dem gleichmäßigen Piepen, war’s im Raum völlig still. Die Leuchtziffern und Linien auf den Apparaten sagten mir nichts, obwohl sie offensichtlich irgendetwas mit meinem Zustand zu tun hatten.

Die Tür öffnete sich, und Reinder trat ins Zimmer. Er zog den Stuhl von dem Tisch meinem Bett gegenüber heran und ließ sich darauf nieder. „Die Werte sehen ganz gut aus, sagte er, nachdem er einen kurzen Blick auf die Apparaturen geworden hatte. „Wir werden Sie bald davon erlösen können, fuhr er fort, wobei er auf die Schläuche wies. „Die übrigen Verletzungen sind schon ziemlich gut ausgeheilt, in ein paar Tagen können wir die letzten Verbände entfernen, und dann kommen Sie auch von der Intensivstation herunter."

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