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Berlin - Chaos, Clubs, Clans. Wie sich die Metropole seit 100 Jahren immer wieder neu erfindet: Ein SPIEGEL E-Book

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Berlin - Chaos, Clubs, Clans. Wie sich die Metropole seit 100 Jahren immer wieder neu erfindet: Ein SPIEGEL E-Book

Länge:
279 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 2, 2019
ISBN:
9783877631867
Format:
Buch

Beschreibung

Keine deutsche Metropole hat sich in den letzten Jahren so stark gewandelt wie Berlin. Sie pulsiert wieder wie in den Zwanzigerjahren, aber sie ächzt auch unter Bevölkerungszuwachs und Wohnungsnot. Sie lockt mit dem Versprechen grenzenloser Freiheit Millionen Besucher an, doch Aggressivität und Kriminalität nehmen zu.
Ist das Berlin-Fieber mehr als nur ein Hype? Wie unter einem Brennglas treten hier viele Probleme deutlicher hervor, mit denen auch andere Metropolen zu kämpfen haben. Man kann diese Stadt als ein großes Labor begreifen, in dem fast vier Millionen Menschen herumexperimentieren, wie man trotz aller Unterschiede zusammenleben kann.
Dieses E-Book begibt sich auf eine Spurensuche durch das babylonische Berlin von heute und zugleich auf eine Reise durch die Geschichte – vom Zusammenschluss von zig Provinz-Gemeinden zu einem gemeinsamen "Groß-Berlin" vor einhundert Jahren über den Mauerbau bis zu den Nachwende-Jahren und zur aktuellen Debatte um Zukunftsstrategien für das Jahr 2030. So entsteht das schillernde Porträt einer Weltstadt, die sich im Laufe der Zeit immer wieder neu erfinden musste.
Herausgeber:
Freigegeben:
May 2, 2019
ISBN:
9783877631867
Format:
Buch

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Buchvorschau

Berlin - Chaos, Clubs, Clans. Wie sich die Metropole seit 100 Jahren immer wieder neu erfindet - SPIEGEL-Verlag

Inhaltsverzeichnis


Einleitung

Vorwort


Berlin heute

Das Babylon-Gefühl

Berlin ist die wohl aufregendste, sündigste Stadt Europas

Alle 20 Stunden ein neues Start-up

Berlin als Raum für Neues

Die Stadt als Kampfzone

Leitkultur ist Streitkultur


Berlin hinterm Eisernen Vorhang

Zur Sonne

Die Berliner Luftbrücke

Schlaf der Gerechten

Hilflose Reaktionen im Westen auf den Mauerbau in Berlin

Das Glitzerding

Leben in der Exklave West-Berlin fünf Jahre nach dem Mauerbau

Schein am Horizont

Durch die Politik der friedlichen Koexistenz gerät West-Berlin immer mehr in die Krise – der neue Bürgermeister Klaus Schütz soll’s richten


Berlin nach dem Mauerfall

Zwei Staaten, eine Stadt

Wie Ost- und West-Berlin nur Wochen nach dem Mauerfall bereits zusammenwachsen

Abgestürzt in Ruinen

Für westdeutsche Wohlstandskinder war Berlin kurz nach dem Mauerfall ein gigantischer Abenteuerspielplatz


Berlin wird wieder Regierungssitz

„Von New York lernen"

Wie der Umbau Berlins zum Regierungssitz die Stadt wirtschaftlich und gesellschaftlich verändert

„Die Ideale sind ruiniert"

Künstler haben die Allzweck-Ruine „Tacheles" gerettet

Hier regiert der Schlamm

Im Zentrum von Berlin – Europas größter Baustelle – kämpfen Experten mit modernster Technik gegen Sand, Wasser und die Zeit

Die Macht der Mauern

Im neuen Berliner Regierungsviertel ist Geschichte allgegenwärtig

Labor der Zukunft

Die neue Hauptstadt ist chaotischer, quirliger, multinationaler und ärmer als die alte

Spaßhaus Mitte

Die Autorin Tanja Dückers über das Leben der Jugendlichen in Berlin

Erregend anders

Die schrille Szene der Jungtürken in Berlin

Metamorphose der Metropole

Neben Einheitsware der Investoren-Ästhetik entstehen im neuen Berlin auch eigenwillige Meisterwerke der Architektur

Großstadt ohne Größenwahn

Innerhalb von nur 16 Jahren gelang Berlin ein Comeback als Weltstadt: Sie gilt als kulturell führend, architektonisch aufregend und voll von Sehenswürdigkeiten


Anhang

Impressum

Einleitung

Vorsicht, Sie verlassen den langweiligen Sektor!

„Völker der Welt, schaut auf diese Stadt", rief der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter, als die Sowjetunion 1948 versuchte, den westlichen Teil der Stadt auszuhungern, und der Kalte Krieg begann. Der Appell funktionierte, die Stadt wurde durch die Luftbrücke gerettet. Doch die Völker der Welt schauen auch 70 Jahre später immer noch auf diese Stadt, vielleicht sogar intensiver denn je; teils schwärmerisch, teils befremdet, immer fasziniert. 

Berlins wichtigstes Exportgut ist sein eigener Mythos, und er verkauft sich bestens. Serien wie „Dogs of Berlin oder „4 Blocks sind internationale Blockbuster, im Sommer soll der Episodenfilm „Berlin, I Love You" in die Kinos kommen. 

Für den größten Rummel sorgte „Babylon Berlin", die aufwändigste Fernsehserie, die je in Deutschland gedreht wurde. Sie trifft offenbar einen Nerv: In den USA gilt sie Rezensenten teils als Parabel auf den Niedergang einer Demokratie, in Großbritannien als Erklärstück zum Brexit, in Indien als Warnung vor nationalistischen Bauernfängern. 

Scharen von Touristen strömen in die Stadt, angelockt vom schillernden Image. Doch wie sieht es vor Ort wirklich aus, welche Triebkräfte brodeln hinter der Hipsterfassade der kurzatmigen medialen Selbstdarstellung, wie ist Berlin geworden, was es ist? Dieses E-Book begibt sich auf eine Spurensuche, eine Reise durch die Geschichte, ausgehend von einer dreiteiligen Artikelserie auf SPIEGEL Plus, ergänzt und erweitert mit historischen Beiträgen aus dem SPIEGEL-Archiv. 

Ist das Berlin-Fieber mehr als nur ein Hype? Wie unter einem Brennglas treten hier viele Probleme deutlicher und krasser hervor, mit denen sich so oder so ähnlich auch andere Städte herumschlagen. Doch vielleicht lassen sich hier auch Lösungsansätze besser erkennen. Man kann diese Stadt als ein großes Labor begreifen, in dem fast vier Millionen Menschen Tag für Tag herumexperimentieren, wie man trotz aller Unterschiede zusammenleben kann. 

Um diese Vielfalt der Kulturen und Lebensentwürfe geht es auch in „Babylon Berlin. Vordergründig handelt die Serie von einer Polizeiermittlung im wilden Berlin der „Goldenen Zwanziger, zwischen Glamour und Chaos, Freizügigkeit und Gewalt, zwischen Gaunern, Neureichen und Revoluzzern. Berlin drohte damals zu explodieren unter dem Druck von Globalisierung und Kleinkariertheit, Großmannssucht und privatisiertem Elend.

Die Metropole war damals ein wirrer Flickenteppich aus über 80 Einzelgemeinden, die teils gegeneinander arbeiteten. Erst im Jahr 1920 raufte man sich mühsam zu einem „Groß-Berlin" zusammen. Schon damals galt Berlin als eine Stadt, in der geduldet wird, was andernorts verboten ist. Für jede sexuelle Orientierung gab es das passende Etablissement. Dann kam der Krieg, die Luftbrücke, 1961 wurde die Mauer gebaut, 1989 fiel sie wieder. 

Kaum zu glauben, wie sich das Image der Stadt über die Jahrzehnte gewandelt hat. Die vorliegenden Artikel zeigen vor allem, wie dynamisch die Entwicklung war und ist – und wie schwierig daher auch immer wieder Vorhersagen sind. 

„Die Stadt, die nicht mehr Hauptstadt sein darf, droht im Vakuum zwischen Ost und West zu ersticken. Sie krankt an einer schlecht strukturierten, hinfälligen Wirtschaft, schrieb der SPIEGEL 1967: „Sie ächzt unter inneren Spannungen, die sich in Straßenkrawallen entladen und den Konsensus ihrer Bürger zerstören. Sie leidet unter einem Mangel an Jugendlichkeit, und sie ist dabei, geistig zu veröden. 

Dann Mauerfall, Aufatmen, Euphorie. 1989 steht im SPIEGEL: „West-Berliner Wanderer an Ost-Berliner Seeufern, Ost-Berliner Kids in West-Berliner Diskotheken, West-Berliner Makler auf Ost-Berliner Kundenfang –diese Zukunft hat schon begonnen. Mehr scheint nun sehr wohl möglich: ein gesamtberliner Flughafen, ein gesamtberliner Olympia, ein Gesamtberlin-Smog-Alarmplan. Kein Tag vergeht, ohne dass neue Ideen publik werden." 

Auf die Wiedervereinigungsparty folgt Katerstimmung. 1995 fragt der SPIEGEL: „Wird die Stadt von ihren Nachhol- und Aufbauproblemen erdrückt, bleibt der große Aufbruch im Pleitesumpf von Fehlinvestitionen und leeren öffentlichen Kassen stecken? Droht gar, wie der Berliner Ökonom Eberhard von Einem schon mal spekulierte, ‚die Armutsmetropole‘, die mit ‚billigen Behelfssiedlungen am Stadtrand‘, kaputten Altbauquartieren und einer Million armer Einwanderer zum größten sozialen Reparaturbetrieb der Republik verkommt?" 

Dieses E-Book versucht, die verschlungenen und teils widersprüchlichen Handlungsstränge eines urbanen Epos zu entwirren, das immer wieder mit überraschenden Wendungen aufwartet. Spoiler Alert: Auf Dekaden der Stagnation und Überalterung folgt nun eine fiebrige Expansion, hitzig, wirr und oft chaotisch. 

Das heutige Berlin ist ein fragiler Moloch. Rund 40 000 Menschen ziehen derzeit pro Jahr her, wahrscheinlich bis 2030 rund eine halbe Million. Ungefähr so viele Besucher sind außerdem tagtäglich auf den Straßen unterwegs. 

Keine andere deutsche Stadt hat sich in den letzten Jahren so stark verändert. In Stadtvierteln wie Neukölln wurde die Bevölkerung in kurzer Zeit weitgehend ausgetauscht. In Cafés, in denen jahrzehntelang nur Türkisch gesprochen wurde, verstehen die Bedienungen jetzt nur noch Englisch. Das nervt sogar einen Russen wie Wladimir Kaminer. 

Berlin ist die Emigrationshauptstadt der Welt. Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak, türkische Intellektuelle, denen in ihrer Heimat Verfolgung droht, Briten, die nach dem Brexit-Votum nach Berlin gezogen sind, oder Trump-Gegner wie die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Marcia Pally treffen in dieser Stadt aufeinander. 

Eine erstaunliche Wandlung, wenn man bedenkt, dass große Teile Berlins während des Kalten Krieges von einer Mauer umschlossen waren, bedroht von „mangelnder Jugendlichkeit und „geistiger Verödung. Heute spuckt Easy Jet jeden Tausende von Touristen auf den Berliner Flughäfen aus. Sie kommen aus Großbritannien und Spanien, aus China und den USA, sie kommen hierher, um Spaß zu haben und zu tun, wozu ihnen zu Hause der Mut fehlt. 

Angelockt von Kinofilmen, Fernsehserien, Romanen und Blogs sind sie auf der Suche nach der großen Lockerheit, die aber genau durch den gewaltigen Nachfragedruck immer weiter zusammenschrumpft auf wenige Quadratmeter: Für Studenten, die sich keine Wohnung leisten können, bieten Kleinanzeigen eine Couch zur Untermiete – oder ein Zelt auf dem Balkon. 

Berlin, jahrelang Sorgenkind des Bundes, hat heute nicht zuletzt deshalb einen ausgeglichenen Haushalt, weil es sehr gut von der Spaßkultur lebt. Gleichzeitig leben immer noch erstaunlich viele Menschen in der Stadt, die arbeiten müssen oder vielleicht sogar wollen. Es gibt Kampfzonen wie die Kreuzberger Admiralsbrücke, an der die Anwohner, die gerne schlafen möchten, gegen die Nachtschwärmer antreten. 

Und es leben auch Menschen in dieser Stadt, die von dieser Amüsierwut angeekelt sind und sie für einen Ausdruck von Dekadenz halten. Der Tunesier Anis Amri war einer von ihnen. Am 19. Dezember 2016 steuerte er einen Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt am Breitscheid-Platz und tötete dort elf Menschen. Eine tolerante Metropole wie Berlin ist besonders angreifbar. Multikulturell kann eben auch bedeuten: tödlich verfeindet. 

Die Spannungen in Berlin nehmen zu. In der traditionell armen Arbeiterstadt zeigt sich der Reichtum heute unverhohlen. Die Gentrifizierung verdrängt ganze Bevölkerungsgruppen an den Stadtrand. Das passiert auch in anderen Metropolen, aber selten in einem solchen Tempo wie in Berlin. Wer mit der U-Bahn zur Arbeit fährt, wird auf jeder Strecke mindestens dreimal von Obdachlosen anbettelt. 

Wir haben uns auf einen Rundgang durch die sich beschleunigende Stadt begeben, an Orte, die für die Einzigartigkeit Berlins und ihren wachsenden Zwiespalt stehen: in Startup-Clubs am ehemaligen Todesstreifen, wo Jungunternehmer als aller Welt im Bällebad treiben, an den Alexanderplatz, wo es immer wieder zu Massenschlägereien kommt. Und auf das Tempelhofer Feld, den vielleicht größten Spielplatz der Welt.  In das Areal des ehemaligen Flughafengeländes, auf dem während der Luftbrücke die Rosinenbomber im Minutentakt landeten und die eingekesselte Stadt versorgten, würde der New Yorker Central Park locker hineinpassen. Hier tummeln sich Skater, Drachenflieger und Tai-Chi-Gruppen, wie die ersten Kapitel dieser Sammlung erzählen: „Tempelhofer Freiheit. Berlins Utopie. Berlins leere Mitte. Alle zusammen, jeder für sich."Die Völker der Welt, hier schauen sie auf Berlin. Und jeder erkennt etwas anderes.  Auf eine ähnliche Weise kann sich auch dieser Sammelband lesen lassen: Die Artikel sind nach den ersten drei Kapiteln in chronologischer Reihenfolge sortiert, sie lassen sich aber in beliebiger Reihenfolge lesen. Alle zusammen, jeder für sich. Viel Spaß dabei.  

Lars-Olav Beier, Hilmar Schmundt

Berlin heute

SPIEGEL PLUS 28.09.2018

Das Babylon-Gefühl

Party, Verbrechen, Politik: Berlin ist die wohl interessanteste, sündigste, aufregendste Stadt Europas. So war es in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, so ist es heute wieder. Der Insider-Report. 

Die Motoren dröhnen durch Nacht, kilometerweit. Der Berliner Columbiadamm, der die Stadtteile Kreuzberg, Tempelhof und Neukölln miteinander verbindet, ist eine großartige Rennstrecke. Hier treten immer wieder junge Männer mit ihren Mercedes oder Porsches gegeneinander an.

Der Columbiadamm, das sind drei Kilometer fast gerader Strecke ohne nennenswerte Querstraßen. Toller ist nur die Autobahn. Und die Stadt Berlin ist so nett, nachts die Ampeln auszuschalten und damit auch noch die letzten Hindernisse zu beseitigen, die auf dem Weg zum Hochgeschwindigkeitsrausch liegen.

Und so sausen sie vorbei an den Luxusapartments, die gegenüber dem Gebäude des früheren Flughafens Tempelhof wie in Zeitraffer hochgezogen wurden, und an der Kleingartenkolonie, die von ihren Bewohnern gegen den grassierenden Bauboom verteidigt wird. Sie lassen das Tempelhofer Feld hinter sich, eine gigantische Freifläche inmitten der Stadt, auf der sich tagsüber Kitesurfer in die Lüfte erheben.

Vor über zwei Jahren geriet ein 26-jähriger mit seinem Leihwagen auf dem Columbiadamm mit überhöhter Geschwindigkeit von der Fahrbahn ab und landete in einem Denkmal am Straßenrand, das an ein Berliner Konzentrationslager erinnert. Die Schäden am Betonsockel sind noch immer nicht behoben.

Willkommen in einer Stadt, in der alles erlaubt zu sein scheint, was Spaß macht. In der die Gegenwart mit voller Wucht auf die Vergangenheit trifft, in der die Zukunft modelliert und die Geschichte zementiert wird. In der Freiheit herrscht und Chaos regiert.

Kaum eine andere europäische Metropole hat sich im letzten Jahrzehnt so stark gewandelt wie Berlin. Die vielen Brachen und Baulücken, die teilweise seit dem Zweiten Weltkrieg bestanden und das Bild der Stadt prägten, werden aufgefüllt wie hohle Zähne: Nachverdichtung nennen Stadtplaner das. Und doch herrscht in der Stadt eine stetig wachsende Wohnungsnot.

Berlin ist inzwischen auch die Hauptstadt der organisierten Kriminalität. Allein am Alexanderplatz wurden 2017 über 6000 Verbrechen begangen. Die Stadt nimmt es fast so stoisch hin wie das Wetter.

Berlin ist ebenfalls die Hauptstadt der Startups. Die Pioniere der Digitalisierung kommen hierher, Firmen wie der Online-Versand Zalando und die E-Learning-Plattform Babbel schufen in den letzten Jahren Tausende von Arbeitsplätzen und expandieren von Berlin aus in die Welt.

Die Stadt funktioniert als gigantisches Zukunftslabor, in dem wild herumexperimentiert wird, was passiert, wenn sehr viele verschiedene Menschen aus sehr vielen verschiedenen Kulturen aufeinander treffen. Spanier, die Jobs suchen, Briten, die gegen den Brexit sind, Amerikaner, die nicht unter Trump leben wollen, irakische Flüchtlinge und türkische Intellektuelle. Wer sich in seiner Heimat nicht mehr heimisch fühlt, kommt gerne nach Berlin.

„In Berlin hat sich schon immer der Gewiefteste, der Skrupelloseste, der Virtuoseste durchgesetzt, sagt Henk Handloegten, einer der drei Regisseure von „Babylon Berlin. Die Fernsehserie, die vor rund einem Jahr auf dem Privatsender Sky lief und ab dem 30. September Free-TV-Premiere im Ersten hat, spielt in den späten Zwanzigerjahren und zeigt eine Stadt voller Energie und Lebenslust, Gewalt und Terror. „Babylon Berlin" ist ein Sittenbild, ein Spiegel des heutigen Berlin – oder zumindest ein Zerrspiegel.

Die Figuren der Serie haben mit der Rasanz, mit der sich um sie herum alles verändert, schwer zu kämpfen. Sie stecken mitten im Räderwerk der modernen Zeiten. Ein Lebensgefühl, das heutzutage viele Menschen teilen – in der globalisierten Welt scheint alles irgendwie zu schnell zu gehen. Und das Ziel völlig unklar.

Rezensenten in den USA sehen „Babylon Berlin als Parabel zur Wahl eines hochstaplerischen Präsidenten, dem britischen „Spectator gilt sie als Lehrstück zum Brexit, der indischen „Hindustan Times" als Mahnung vor Nationalismus. Der Serie ist es offenbar gelungen, aus Berlin eine Metapher für den gegenwärtigen Zustand der Welt zu machen.

Die drei Regisseure Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten sind mit ihrer Serie zu Premieren rund um die Welt gereist und beginnen im November mit den Dreharbeiten der nächsten Staffel. Sie glauben, dass Berlin ein Sehnsuchtsort ist. Heute sei die Stadt wieder so wild und lebendig wie in den späten Zwanzigern, so international, weltoffen – und zerbrechlich.

Auch damals strömten die Emigranten nach Berlin. In Charlottenburg lebten so viele Russen, dass der Stadtteil den Spitznamen Charlottengrad erhielt. Es gab nicht genug Wohnungen für alle, Armut und Obdachlosigkeit nahmen zu, die wachsenden sozialen Spannungen ließen die Parteien am rechten und linken Rand erstarken.

Wie die babylonische Stadt der Serie ist das heutige Berlin ein fragiler Moloch. Mehrere Zehntausend Menschen ziehen jedes Jahr hierher, wahrscheinlich eine halbe Million allein zwischen 2005 und 2030. Das entspräche dem Komplettumzug aller Einwohner von Leverkusen, Kaiserslautern, Trier und Wolfsburg – nur eben leider, leider ohne die dazugehörigen Wohnungen.

Und jeden Tag sind im Schnitt schätzungsweise 400 000 Besucher auf den Straßen unterwegs. Immer wieder zeigt sich die Stadt von diesem Ansturm überfordert. In Berlin ziehen Partyhorden durch die Gegend, trinkend, urinierend, kotzend, ein Tourist ohne Bierflasche in der Hand wirkt so unvollständig wie Obelix ohne Hinkelstein. Vor Jahren gab es in der Stadt eine heftige Debatte um Hundekot auf den Straßen. Inzwischen sind eher menschliche Ausscheidungen das Problem.

Der Flughafen Tegel im Nordwesten Berlins, mit inzwischen über 20 Millionen Gästen pro Jahr völlig überlastet, ist der unpünktlichste Flughafen Deutschlands. Und der neue Airport BER im Südosten wird und wird nicht fertig. Als er geplant wurde, war nicht abzusehen, dass über 12 Millionen Touristen pro Jahr nach Berlin kommen würden. Mehr Besucher haben in Europa nur Paris und London. Schon bevor der BER fertig wird, ist er viel zu klein. Es scheint, als würde Berlin vom eigenen Erfolg überrollt.

Die Partymetropole bietet Spaß, Glamour und Karrierechancen. Forscher, Firmengründer, Musiker, Medienfuzzis und Möchtegerns überbieten sich mit schrillen Ideen. Es herrscht gleichzeitig Aufbruch und Chaos, Großspurigkeit und Inkompetenz, Exzess und Wut.

Immer werden, niemals sein

So ähnlich aufgeheizt war die Stimmung auch damals, in der Weimarer Republik, meint Klaus Brake, Stadtforscher am Center for Metropolitan Studies der TU. Er empfängt in seiner Altbauwohnung in Wilmersdorf, voller Möbel im Stil der Zwanzigerjahre. Das Filmteam von „Babylon Berlin" könnte hier sofort drehen.

„Berlin hatte drei große Probleme, mit denen es sich immer noch herumschlägt, sagt der zierliche Emeritus: „Erstens: Berlin wächst heftig, mit rund 50 000 Zuzügen pro Jahr. Zweitens: Berlin ist marode, was Finanzen, Wirtschaft, Infrastruktur, Verwaltung angeht. Und drittens: Berlin fehlt eine Vision und eine Strategie.

Teile der Stadtgeschichte wiederholen sich gerade, findet Brake. Vor 100 Jahren bestand der Großraum aus einem zerfaserten Flickenteppich von 374 Einzelgemeinden. Dann, 1920, gelang es, wenigstens rund 80 Gemeinden zusammenzufassen zu einem „Groß-Berlin".

Das war nicht visionär, sondern überfällig. Eine lange verschleppte, verschlampte Anpassung. Denn in der Gründerzeit war die Bevölkerung um das Vierfache explodiert auf fast zwei Millionen in den 50 Jahren seit der Reichsgründung 1871. Die preußische Residenzstadt und ihre Nachbardörfer hatten sich in kürzester Zeit zur drittgrößten Metropole der Welt entwickelt, nach New York und London. Und das bemerkte sie dann irgendwann sogar selbst, mit vielen Jahren Verzögerung. Klingt irgendwie bekannt.

Einige der umliegenden Kommunen, Dörfer und Kleinstädte wehrten sich vehement gegen eine umfassende Raumplanung und drohten mit einer Art Vorort-Brexit: „Los von Berlin!. Die Gartenstadt Frohnau, heute ein Stadtteil der Metropole, spielte sich auf wie eine Steueroase vom Schlage der Cayman Islands und lockte als „Steuerfreie Stadt die Reichen mit dem Slogan: „Keine Kommunalsteuer! Keine Gemeinde-, Wertzuwachs- oder Umsatzsteuer!"

Durch das Fehlen einer koordinierten Sozialpolitik war Berlin damals extrem „polarisiert strukturiert", sagt Brake. In den Vororten residierte das Großbürgertum, in der Innenstadt hausten Arbeiterschaft und Lumpenproletariat, jeder sechste Bewohner teilte sich ein beheizbares Zimmer mit vier anderen Menschen.

Doch durch die Enge entstand in den schier endlosen Hinterhofsystemen auch eine einzigartige Mixtur aus Wohnen, Gewerbe und Ladengeschäften, die sogenannte „Berliner Mischung". Das bedeutete kurze Wege zwischen diversen Gewerken, aber auch Industrielärm in den Wohnungen. Im würzigen Lokaldialekt: Dit Kind schielt nicht, dit muss so kieken. Denn heute gilt diese gegenseitige Befruchtung unterschiedlichster Milieus auf engstem Raum als Zauberwort der Stadtentwicklung. Erzwingen lässt sie sich kaum, zerstören leicht.

Das Zentrum: ein Unort

Am Alexanderplatz zeigt sich,

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