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Bierkind: Roman

Bierkind: Roman

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Bierkind: Roman

Länge:
269 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
15. Feb. 2019
ISBN:
9783961522118
Format:
Buch

Beschreibung

Sven „Svennie“ Bitter wächst im beschaulichen Ramelshausen der 1970er Jahre auf. Er ist ein Bierkind wie sein Vater Werner und damit vollwertiges Mitglied in der Dorfgemeinschaft. Doch je öfter die Höhenflüge des Bierrausches zu Abstürzen werden, desto größer wird Svens Einsamkeit. Die Geborgenheit von Ramelshausen wird für ihn immer mehr zum Gefängnis, und doch kehrt er stets zurück nach Hause, wo er neben dem Fußball nach anderen Auswegen sucht. In Jack Kerouac findet er schließlich einen Freund und in Mick Jagger ein Idol. Doch der Alkohol bleibt ein ständiger Begleiter. Hin und her gerissen zwischen Heimatverbundenheit und Freiheitsdrang weiß er doch eines ganz genau: Er muss ausbrechen, sonst endet er wie sein Vater.

Herausgeber:
Freigegeben:
15. Feb. 2019
ISBN:
9783961522118
Format:
Buch

Über den Autor


Buchvorschau

Bierkind - Rex Richter

1.

„Vollidiot! Weg da! So ein Spinner. Rechts, rechts fahren! Du hast deinen Lappen wohl im Lotto gewonnen."

Zur Arbeit. Schnell, schnell, schnell. Er hat es eilig. Sein Körper zuckt vor Aufregung. Schweiß steht ihm auf der Stirn. Er versucht zu gestikulieren. Geht aber nicht, kriegt die Hände nicht nach oben. Das Lenkrad? Wo ist das Lenkrad geblieben? Er will die Handbremse ziehen und greift ins Leere. Mit all seiner Kraft tritt er auf die Bremse. Aber der Impuls vom Gehirn zu den Beinen ist unterbrochen. Da bewegt sich nichts.

„Willst du einen Apfel?", fragt eine Frau neben ihm.

Spinnt die? Was soll denn das jetzt? Er hat es eilig. Die Firma wartet. Vormittags hat er eine Kupplung, ein kaputtes Schiebedach und einen schweren Heckschaden bei einem Granada. Und dann quatscht die was von Äpfeln. Weiber, keine Ahnung vom richtigen Leben, von der Werkstatt. Die Kunden wollen ihre Fahrzeuge zurück, repariert natürlich. Er ist der beste Schrauber bei Ford, Autohaus West.

„Werner, was ist jetzt mit dem Apfel?"

Schon wieder nervt diese Frau. Wer ist das überhaupt? Was will die hier?

„Ich muss zur Arbeit. Keine Zeit", nuschelt er.

„Werner, konzentrier dich mal!"

Seine Augen verschwinden rollend nach oben in die Höhlen. Sein Kopf fällt ruckartig in den Nacken. Abgeschaltet.

„Mmmmh?" In seinem Kopf fühlt es sich an, als hätte jemand das Licht ausgemacht. Alles finster. Er schließt die Augen. Überlässt sich seinem Schicksal. Wenn diese Frau da neben ihm, Ida … seine Frau. Richtig, das ist sie, seine Ida. Die passt auf ihn auf. Die kümmert sich. Nach kurzem Sekundenschlaf ist er wieder da. Blickt nach oben in Idas Gesicht. Sie reicht ihm den Apfel.

„So, sagt sie, „ich muss jetzt los.

„Wo… wohin?", bringt er mühsam heraus.

„Nach Hause, wohin denn sonst? Dirk wartet schon unten."

„Dirk?"

„Diiirk! Dein Sohn!, keift sie ihn an. Dann mehr zu sich selbst: „Ich halt das nicht mehr aus. Sie streichelt kurz seine Wange, drückt ihn fest und gibt ihm einen Kuss auf den schlaffen Mund. Dann geht sie und lässt ihn wieder für eine Woche oder manchmal länger allein im Pflegeheim.

Kaum ist sie ums Eck verschwunden, geht das Licht in seinem Kopf wieder an, und er setzt seine Fahrt zur Arbeit fort.

Ein Bier, ein großes, kaltes Bier und vielleicht noch einen „Bommi" dazu. Das wär’s jetzt, denkt er. Dann schaut er kurz hoch und erschrickt. Ein Kreis ausdrucksloser Fratzen, die ihn anstarren. Schnell die Augen wieder zu.

2.

Werner Bitter, der Mann, der später mein Vater wurde, trat mit kräftigen Beinen immer wieder den Kickstarter seiner 175er Zündapp. Schwarz mit reichlich Chrom. Ja, das waren noch Zeiten. Da lohnte sich das Putzen und Polieren der Fahrzeuge noch. Überall an verschiedensten Stellen wie Auspuff, Schutzbleche, Scheinwerfer, sogar am halben Tank, hatte man Spiegel. Lustige Fratzen, die einen anstarrten. Meistens die Fratze des Besitzers.

„Saukarre!", schrie Bitter.

Keiner hörte ihn. Keiner da, niemand war zu sehen. Das Haus, in dem er mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder lebte, stand am Ende einer kleinen Gasse. Kleines Dorf, kleine Menschen. Nicht groß von Gestalt, die Familie Bitter. Kein Vater im Haus. Nein, nicht im Krieg geblieben, der Erzeuger von Werner und Wolfgang Bitter. Einfach nicht wieder aufgetaucht. Sich dünne gemacht, als es ernst wurde mit Berta, der Mutter. Seitdem waren sie nur noch zu dritt.

Sprang nicht, an die Zündapp. Der absolute Luxus in den späten Fünfzigern. Werner war als einer der Wenigen motorisiert. Hattest du damals ein Motorrad, warst du automatisch Chef. Von was auch immer. Werner kannte sich gut aus mit Motoren. KFZ. Gelernt bei Ford in der Stadt. Damals noch jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Lehre gefahren. Er wäre auch auf allen vieren dahin gekrochen, so glücklich war er über die Stelle. Als Dorfschüler eigentlich völlig chancenlos, was einen richtigen Handwerksberuf anging. Die meisten seiner Kumpels endeten als Hilfsarbeiter auf irgendeinem Bau oder Bauernhof. Die Dörfler mit dem Kuhmist an den durchgelatschten Schuhen wollte man nicht in der Stadt. Kein Unternehmer, kein Chef entschied sich für so einen Hinterwäldler, wenn er die Wahl hatte.

Werner schaffte es trotzdem. Fürsprache durch den Dorflehrer. Abramzcik. Der hatte ihn während seiner Schulzeit ordentlich traktiert. Solche Sachen wie Rohrstock auf nacktes Hinterteil. Oder auf die Finger, bis das Blut spritzte. Aber Berta, Werners und Wolfgangs Mutter, hatte einen besonderen Draht zum Herrn Lehrer. Und der hatte einen besonderen Draht zum Ford-Chef Mengemann. Parteikameraden. Aber das war lange her. Für Werner zum Glück noch nicht zu lange. Die Ideale und Träume aus großer Zeit verschwanden nicht einfach so.

„Bömm, bömm, bömm." Da war er endlich, der Zweitakter. Es gab nichts Schöneres für ihn als Motorengeräusche und Abgasgeruch.

Drauf auf den Sattel und ab ging es. Schließlich war Samstagabend. Kein Tag für einen Einundzwanzigjährigen, um zu Haus zu sitzen.

Frühherbst, Kirmeszeit. Bier, Mädchen und Musik. Besser ging es nicht. Werner und seine Freunde klapperten zu dieser Jahreszeit jedes Wochenende ein anderes Dorffest ab. Berüchtigt waren sie, die Howaröder Jungs. Wo sie auftauchten, da hatte man Respekt. Werner immer vorne weg. Vom Autoschrauben die ganze Woche über hatte er Arme aus Stahl. Seine rechte Gerade war eine brutale Waffe.

„Krankenhaus", pflegte er zu sagen, wobei er an seiner linken Faust schnupperte.

„Friedhof", das war die Rechte.

Eine halbe Stunde nach seiner mühsamen Startaktion mit der Zündapp sausten er, Fritz Beutel, Dieter Starre, Albert Schneider und Berthold Fahrenholz die kurvige, holperige Straße in Richtung Ramelshausen entlang. Es dämmerte bereits. Die Verheißung wartete. Ramelshausen war bekannt für seine Mädchen. Schon letztes Jahr waren die fünf Freunde auf der dortigen Kirmes gewesen.

Leider hatte Werner sich schon ganz am Anfang in der Sektbar mit ein paar Einheimischen in die Wolle gekriegt. Worum es ging, wusste er nicht mehr. War auch egal. Entscheidend war das Ergebnis. Mehrere ausgeschlagene Zähne beim Gegner und kreischend davonrennende Ramelshäuser Mädels. Nichts war’s mit der Romantik. Kennenlernen, Fehlanzeige. Und der Ruf wieder für ein ganzes Jahr ruiniert. Aber diesmal, so hatte er sich vorgenommen, wollten sie die Sache etwas defensiver angehen. Erst mal rein ins Festzelt, ordnungsgemäß ein Tanzband kaufen und dann an die Theke. Die Lage peilen. Ganz in Ruhe ein paar Biere und dann weitersehen.

Knatternd rollten die Motorräder auf den Hof der Kneipe. Direkt vor den großen Misthaufen. Der Wirt war nicht nur Kneipen-, sondern auch Landwirt. Damals auf den Dörfern gang und gäbe. Da hatte man immer frisches Fleisch für die allseits beliebten Schnitzel. Außerdem Kartoffeln, Eier, Wurst und alles, was man sonst im Gasthof anbieten konnte. Um den etwas unschönen Anblick der Miste zu verdecken, standen auch dieses Jahr die Los-, Schieß- und Zuckerbude als Sichtschutz davor. Der Gestank blieb natürlich trotzdem.

Mit dem Kamm glätteten die Jungs aus Howarode die Pomadenfrisuren. Schnell noch eine Zigarette und dann ging’s hinein ins Vergnügen. Allein der Anblick der vielen frischen, kühlen Biere hinter der Theke ließ ihnen das Wasser im Munde zusammenlaufen. Werner zeigte dem Zapfer die fünf Finger seiner rechten Hand und zusätzlich zwei seiner linken. Das bedeutete zehn Bier. Null Komma zwei Liter hatten die Gläser. Was für den hohlen Zahn. Also gleich mal doppelt bestellen. Sonst ruckte das nicht. Das dünne Kirmesbier brauchte keine sieben Minuten, dann lief der herrliche Gerstensaft die trockenen Kehlen hinunter.

„Aaaah", stöhnten alle fünf im Kollektiv. Gleichzeitig wischten sie sich mit einer martialischen Geste den Schaum vom Mund. Die zwei kleinen Gläser pro Mann waren in weniger als einer Minute vernichtet. Nächste Runde. Das Lebenselixier der kleinen Leute floss in Höchstgeschwindigkeit. Und auf den Alkohol war wie immer Verlass: Die Stimmung stieg von Glas zu Glas.

Die Kapelle Bernie Brammer arbeitete sich am Calypso-Rhythmus des Saisonschlagers „Cindy, oh Cindy" ab. Der Chef wurde wegen seines schrägen Trompetenspiels auch scherzhaft Blase Bernie genannt.

Ganz scheu, am anderen Ende des Festzeltes, standen die Ramelshäuser Mädels. Neugierige Blicke in Richtung Theke. Herumkichernd, an ihren Limonaden nippend. Die Howaröder Truppe nippte nicht, die schluckte.

„Mehr Bier!", rief Werner in Richtung Zapfer. Immer dieser verdammte Durst. Seit Jahren dieser Durst. Bierdurst! Dann hielt er kurz inne.

„Fritz, stieß er seinen Freund an. „Siehst du die?

„Welche? Meinst du die kleine Brünette?"

„Sag ich doch", antwortete Werner, ohne die Augen von dem Mädchen im roten Kleid auf der gegenüberliegenden Seite abzuwenden. Ein letzter tiefer Schluck und das sechste oder siebte Bier war erledigt. Er stellte das Glas ab.

„Noch eins?", fragte der Zapfer.

„Hab ich was gesagt?", war die klare Antwort.

Die Thekenkraft drehte sich schnell weg, um die Jungs nicht zu verärgern.

„Ich sollte da mal rüber und mit der Kleinen tanzen."

„Du und tanzen …" Mit einem Grinsen trank auch Fritz sein Bier aus. Die drei anderen Freunde waren inzwischen nach draußen verschwunden, eine Bratwurst essen.

„Wirst du gleich sehen", sagte Werner und wollte sich gerade auf den Weg ans andere Zeltende machen.

„Hier stinkt’s!" Erst eine, dann mehrere Stimmen von der Seite.

„Aber gewaltig!"

„Nach Stall."

„Und Scheiße."

„Stimmt, Kuhscheiße. Howaröder Kuhscheiße. Der Heimatort der Jungs war leider im ganzen südlichen Landkreis verschrien. Keine Kanalisation. Die Jauche lief förmlich die Dorfstraße hinunter. Schon wenn man sich Howarode näherte, stieg einem der „Duft der großen weiten Bauernwelt in die Nase. Werner drehte sich um. Vier Jungs starrten ihn und Fritz Beutel grinsend an. Oh nein, nicht schon wieder Ärger, dachte er. Das Mädchen im roten Kleid interessierte ihn wirklich. Er merkte, wie sich sein Körper anspannte. Die Muskeln an den Armen wurden bretthart. Auch der etwas kleinere Fritz Beutel ging in Habachtstellung und bereitete sich auf den Angriff vor.

Blase Bernie schaute sorgenvoll über den Rand seiner Trompete, wobei er das kleine Solo gründlich versemmelte. Die Musiker waren zwar abgehärtet, was Schlägereien anging, aber sie hatten immer Angst um ihre Instrumente. Fast bei jeder Veranstaltung rumste es unter den sogenannten „Halbstarken". Die fünfziger Jahre halt. Marlon Brando, Lederjacken, Motorräder, RockʼnʼRoll und fliegende Fäuste. Das gehörte zusammen damals. Hier gab es zwar wenig RockʼnʼRoll, aber so cool wie Marlon Brando waren die Dorfjungs schon lange. Davon waren sie fest überzeugt. Die Auseinandersetzungen endeten aber meistens mit einem Versöhnungsbier an der Theke. Wenn es schlimmer wurde, brauchte mal jemand einen Eisbeutel für das blaue Auge. Die Sache im letzten Jahr mit den ausgeschlagenen Zähnen war eine Ausnahme.

„Willi, hör auf!" Eine hohe weibliche Stimme unterbrach die Ruhe vor dem Sturm. Das Mädchen im roten Kleid war schnellen Schrittes durchs ganze Zelt gerannt und mischte sich nun ein. Der Anführer der Ramelshäuser Gang, etwa 1,85 Meter groß, schaute auf die kleine Person hinunter.

„Ida, was willst du …?" Doch er kam nicht dazu, den Satz zu beenden.

„Aua!", schrie er plötzlich auf. Das Mädchen war ihm mit voller Wucht auf die Zehen getreten. Mit Pfennigabsätzen, wohlgemerkt. Willi Müller sprang im Kreis herum und jaulte wie ein verwundeter Wolf.

„So, komm, wir tanzen!" Resolut schnappte sie sich Werners kräftige Hand und zog ihn aus der Gefahrenzone.

Blase Bernie schlingerte mit seiner Kapelle durch Catarina Valentes „Dich werd ich nie vergessen", und Werner und Ida schlingerten in ein gemeinsames Leben, an dessen Ende Ida ihren Werner doch lieber vergaß.

3.

Dazwischen lagen fünfzig glückliche gemeinsame Jahre. Ida bekam zwei stramme Söhne, von denen einer, der ältere, ich bin. Werner trank in dem halben Jahrhundert rundgerechnet circa 50.000 Liter Bier. Hört sich erst mal großspurig an. Ist es aber nicht. Zwei bis drei Liter pro Tag, macht vier bis sechs Flaschen, 360 Tage im Jahr, denn es gab kaum einen Tag im Leben des Werner Bitter, an dem er nicht trank. Und schon stimmt die Rechnung.

Auch in der lauen Märznacht, in der er seinen Erstgeborenen zeugte, hatte er ein paar große Export intus. Heute ist der Ort, wo ich herkomme, eine Pils-Gegend. Früher, in Vaters Sturm-und-Drang-Zeit, gab es noch kein Pils-Bier. Das kam erst Ende der sechziger Jahre in Mode. Seitdem im Norden Pils, im Süden schon immer Helles, Dunkles und Weißbier. Die drei Säulen des südlichen Trinkerhimmels.

Werner Bitter vererbte seinen Söhnen zusätzlich zu seinem aufbrausenden Temperament den Bierdurst. Ein Virus, der wahrscheinlich aus geheimen Forschungen in Brauereien stammt. In Deutschland übrigens enorm verbreitet. Wir, also Vater, ich und später auch mein Bruder Dirk, sind nicht allein. Der göttliche Gerstensaft fließt in Strömen. Wo das oftmals endet, kann man in den Pflegeheimen studieren. Einsame vor sich hinstarrende Männer, die sich selbst nicht mehr erkennen. Wie sagte der Hausarzt meines Vaters so mitfühlend: „Grade gesoffen den Bregen! Da kommt nichts mehr! Für Ida Bitter, meine Mutter, das Signal zum Rückzug vom einst so starken Gatten Werner. „Ich kann den nicht nach Hause holen. Ich schaffe das nicht. Was soll ich denn mit dem hier? Bis dass das Bier uns scheidet.

Meine eigene Karriere als Bierkind, und davon soll hier berichtet werden, startete ganz zaghaft im holden Alter von sechs oder sieben Jahren.

Finster warʼs im Fachwerkhaus auf dem Land. Kleine Fenster, wenig Licht. Die engen Räume ließen kaum Platz für große Sprünge. Eine überschaubare Welt, in der sich die Eingeborenen von der Wiege bis zum Grab mit der schönen Aussicht wohl fühlen. Seit Generationen die immergleichen Biografien. Früher, in meiner Kindheit, gab es dort auch noch alles zum Leben Notwendige. Ein Kaufmannsladen versorgte die Menschen. Was der eigene Garten oder die Hausschlachtung nicht hergaben, fand man bei Boltes. Brot, Zeitungen. Der bunte Ständer vor Boltes Tür mit den Träumen einer fernen Welt. Da habe ich mit zehn Jahren meine erste Bravo gekauft. Auch die ersten kleinen Diebstähle fanden dort statt. Besonders mein Freund Bernd war darin Weltmeister. Dreist, völlig ohne Skrupel oder Angst, versorgte er sich vor jeder Busfahrt zur fünfzehn Kilometer entfernten Schule gratis mit den nötigen Süßigkeiten. Er marschierte einfach rein. Frau Bolte saß an der Kasse mit dem Rücken zu den entsprechenden Regalen. Herr Bolte befand sich meist im hinteren Teil des Ladens oder im Keller. Bernd stopfte Kaugummi, Bonbons oder Schokolade in seine Schultasche. Er kaufte danach, ganz ehrlicher Kunde, ein Käsebrötchen für dreißig Pfennig und verschwand nach draußen, wo schon der rote Schulbus wartete. Wir saßen dann in der letzten Bank, und er verteilte seine Beute. Aber nur an seine besten Kumpels. Glücklicherweise gehörte ich zum „inner circle".

„Und Svennie, was hast du?", fragte er mit ernstem Gesichtsausdruck.

Bernd war etwa einen Kopf größer als ich. Respekt war angesagt. Als immer schon ehrliche Haut oder, wie Bernd sagen würde, feige Sau, hatte ich mich höchstens getraut, einen Lutscher mitgehen zu lassen. Selbst diese bescheidene Beute machte mir Gewissensbisse. Ich taugte einfach nicht zum Dieb oder Verbrecher.

Auch beim alten jüdischen Getränkehändler, dem Ehepaar Abendroth, ließen wir so manche Pepsi-Cola und immer mal wieder ein Eis mitgehen. Besser gesagt lenkten zwei von uns Frau Abendroth ab, und Bernd griff in die Truhe. So waren wir immer gut versorgt.

Nur in den beiden Kneipen traute er sich nicht. Das hatte familiäre Gründe. Der eine Wirt war der Cousin seines Vaters und der andere der direkte Nachbar. Hätte sein alter Herr etwas in Richtung Diebstahl mitbekommen, dann wären für Bernd die Lichter ausgegangen. Onkel Robert, der Grinser, wie wir ihn wegen seines schiefen Mundes nannten, kannte kein Pardon. Großbauer, Großkotz, Großmaul. Klein waren nur die Opfer seiner Schläge. Ein ums andere Mal hörte ich Bernd schreien, wenn er wieder etwas ausgefressen hatte. Wenn wir Fußball spielten, der Platz war direkt neben Bernds Elternhaus, genügte ein kurzes „Bennnt!", und er rannte mit schlotternden Knien rüber auf den Hof. Schuften war angesagt. Kälber füttern, misten, Heu abladen, Kartoffeln auflesen, Rüben verziehen, melken, Schweine füttern, Scheune fegen, Stroh abladen und, und, und. Auf dem Bauernhof ging die Arbeit nie aus. Selbst als kleiner Steppke musste Bernd schon schwer ran. Da hatte ich es unendlich besser. Ich wurde bis auf das Rasenmähen in Ruhe gelassen.

Schon bald entdeckten Bernd und ich noch einen weiteren Grund für unsere enge Freundschaft: Es stellte sich heraus, dass auch er ein Bierkind war. Ich weiß zwar nicht, ob auch bei ihm die Trinkerkarriere schon mit sechs anfing, aber zuzutrauen wäre es ihm.

Mein neuer Sehnsuchtsort im Elternhaus war die Speisekammer. Lebensmittel wurden dort schon lange nicht mehr gelagert. Sie war Schuhschrank, Abstellraum für Besen und Eimer, Zuhause für Spinnen und Mäuse. Das Wichtigste aber: Mein Vater stellte dort die halbvollen Bierflaschen ab, die er abends nicht mehr geschafft hatte. Wenn gerade niemand aufpasste oder alle draußen waren, kroch ich auf allen vieren über den kalten Steinfußboden unseres Hausflures. Das Problem war die Speisekammertür. Die quietschte wie eine bremsende Dampflok. Oma und Mutter hatten Vater zwar schon hundertmal gebeten, die Tür zu ölen, aber es passierte nichts. Wahrscheinlich ahnte er, wer hinter den leeren Flaschen in der Speisekammer steckte und hoffte, mich auf frischer Tat zu ertappen.

Ganz vorsichtig drehte ich den Schlüssel, wozu ich mich bei meiner damaligen Größe von höchstens 1,30 Meter aufrichten musste. Gleichzeitig zog ich die Holztür auf. Da standen sie, die Objekte meiner Begierde. Zuerst hatte ich es nur auf die Malzbierflaschen abgesehen, die meine Mutter dort lagerte. Wir, mein kleiner Bruder Dirk und ich, bekamen immer nur ein Glas pro Tag. Aber das Zeug hatte es mir dermaßen angetan, dass ich regelmäßig hinter Mutters Rücken versuchte daran zu kommen.

Eines Tages im Spätherbst, es war schon ziemlich dunkel im Flur und somit auch in der Speisekammer, erwischte ich versehentlich Vaters Gilde-Export-Flasche. Licht durfte ich ja nicht machen, sonst wäre man mir sofort auf die Schliche gekommen. Ohne hinzuschauen setzte ich die Halbliterflasche an. Ich schluckte gierig das Bier in mich hinein. Dann bemerkte ich die bittere Note des Getränks. Oh weia, was war das denn? Ich schnalzte mit der Zunge, schmatzte ein wenig, überlegte kurz. Klasse! Lecker! Das warʼs. Ein neues Geschmackserlebnis. Eine neue Dimension in meiner Kinderwelt. Schnell verschloss ich den Bügelverschluss wieder und machte, dass ich zurück in mein Zimmer kam. Kurze Zeit später überkam mich ein bisher nie da gewesenes Gefühl. Leicht schwindlig, aber nicht unangenehm. Lustig war’s, ich fing an zu lachen. Freute mich, worüber auch immer. Es ging mir gut. Dann wurde ich plötzlich müde. Eine Müdigkeit, die ich nervöses Hemd so noch nicht kannte. Meine Mutter weckte mich schließlich.

„Sven, Abendbrot essen. Wieso liegst du denn im Bett? Bist du etwa krank? Sie fühlte meine Stirn. „Nee, die ist ganz kalt. Also los, du Faulpelz, komm essen!

Mein erster Rausch. Das erste Mal betrunken. War das gut!

Leider, oder aus gesundheitlicher Sicht Gott sei Dank, ließ Vater nicht jeden Abend einen Rest Bier zurück. Das lag daran, dass er manchmal sturzbetrunken nach Haus kam und sofort vor dem Fernseher einschlief. Dann brauchte er kein „Gute-Nacht-Bier" mehr. Die Zeiger waren schon vorher im roten Bereich.

Seine Abende liefen immer gleich ab. Gegen fünf Uhr nachmittags kam er mit dem Auto von der Arbeit. Mutter oder Oma wärmten ihm das Mittagessen auf, und er schlang es innerhalb von ein paar Minuten in sich hinein. Rustikale Küche war damals auf dem

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