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Die Geheimnisse meiner drei Leben: Flüchtling, Geheimagent und Weinhändler
Die Geheimnisse meiner drei Leben: Flüchtling, Geheimagent und Weinhändler
Die Geheimnisse meiner drei Leben: Flüchtling, Geheimagent und Weinhändler
eBook493 Seiten6 Stunden

Die Geheimnisse meiner drei Leben: Flüchtling, Geheimagent und Weinhändler

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Über dieses E-Book

Geboren 1922 in einer Mainzer jüdischen Familie von Weinhändlern, floh Peter F.M. Sichel 1938 über Frankreich und Holland vor dem Terror der Nationalsozialisten nach Amerika – diese Geschichte der unbeschwerten Mainzer Kindheit und Jugend, dann der Einschnitt der Flucht bilden den ersten der drei großen Teile des Buches.
1943 kam Peter Sichel als GI zurück, nahm an der Entsetzung seiner Geburtsstadt Mainz teil, wurde anschließend Mitglied des amerikanischen Geheimdienstes und war bis 1959 Leiter des CIA-Büros in West-Berlin, wo er die krappigsten Zeiten des "Kalten Krieges" erlebte – dies bildet den mittleren großen Teil seiner Autobiographie.
Schließlich geht Peter Sichel wieder nach New York, baut zusammen mit seiner Familie den trans­atlantischen und dann weltweiten Weinhandel auf, wird Mit-Eigentümer von Bordeau-Weingütern und macht deutschen Wein in Amerika bekannt. Mehr noch, Peter Sichel ist als Kommunikations- und Marketing-Genie einer derjenigen, die an der Erfolgsgeschichte des Weins und des weltweiten Weinhandels im 20. Jahrhundert wesentlich mitgeschrieben haben.
Diese Biographie ist anregende Erzählung besonders durch die Freude an der Begegnung mit außer­­gewöhnlichen Menschen, einer leichtgängigen Herausarbeitung der Bedeutung, die einzelnen Persön­lichkeiten für ihre Zeit beizumessen ist. Sei es in der Wein-Welt, sei es in der Politik – der ­Ideen-Austausch und die Wirkungsmacht guter, auf Interessens-Ausgleich abgestellter Konzepte sind in den Mittelpunkt der anekdotenreichen Erzählung gestellt. Das grundlegende Nachdenken über eigene wie "fremde" Ziele und Handlungen, wie Peter Sichel es vorführt, macht das Buch wertvoll. Die präzise Beschreibung von ­Atmosphäre, Zeitumständen und Zuständen sind aus einer gesegneten Distanz abgewogen und dann deutlich und nachdrücklich beurteilt.
In seiner immer liebevollen Erinnungsarbeit hat Peter Sichel eine sehr beeindruckende Zwischen-­Ebene zustande gebracht: aus ganz persönlicher Biographie und Familiengeschichte einerseits und andererseits der Beschreibung bis Analyse der gesellschaft­lichen und politischen Strukturen – und er redet vor diesem Hintergrund, wie es nur wenigen dieser Tage gelingt, "tacheles".
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum10. Mai 2019
ISBN9783866382640
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    Buchvorschau

    Die Geheimnisse meiner drei Leben - Peter Sichel

    finden.

    Teil 1

    Meine Kindheit und Jugend von 1922 bis 1944

    DIE GESCHICHTE MEINER FAMILIE

    Der erste in meiner Familie, der einen Familiennamen führte, war mein Urgroßvater Herz. Noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts trugen die meisten Juden zu ihrem Vornamen ein Patronym, einen vom Vornamen des Vaters abgeleiteten Nachnamen, der in jeder Generation wechselte. Ich, beispielsweise, hätte den Namen Peter Eugenssohn (Peter, Sohn des Eugen) erhalten. Im Zuge der Judenemanzipation – eine der positiven Entwicklungen, die ihren Ausgangspunkt in der Besetzung des linken Rheinufers durch die Franzosen hatte – wurden die Juden aufgefordert, sich einen Familiennamen zu wählen. Mein Urgroßvater änderte seinen Vornamen „Herz zu „Hermann und wählte „Sichel" als Familiennamen.

    Die Sichels waren Kaufleute und seit Anfang des 18. Jahrhunderts in Sprendlingen, einem kleinen Städtchen auf halbem Weg zwischen Bingen und Mainz, ansässig, das damals zum Großherzogtum Hessen gehörte. (Seinerzeit, noch vor der Reichseinigung von 1871, die aus diesen Gebieten einen deutschen Staat machen sollte, gab es im deutschsprachigen Raum eine Vielzahl von Herzogtümern und reichsfreien Städten und nur einige wenige Königreiche wie Preußen, Sachsen und Bayern.) Die Familie Sichel verkaufte Erzeugnisse aus dem rheinhessischen Hinterland in den nahegelegenen größeren Städten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war ihr Haupthandelsgut noch die Schafwolle. Mit dem Siegeszug der Dampfmaschine verlagerte sich ihr Geschäft mehr und mehr darauf, Wein anzukaufen und in größeren Mengen an Weinhändler zu verkaufen. Dieser Geschäftszweig prosperierte derart, dass mein Urgroßvater Hermann Mitte des 19. Jahrhunderts Sprendlingen verließ und mit dreien seiner Söhne einen Wein-Großhandel in Mainz eröffnete. In Sprendlingen blieb lediglich der älteste Sohn – Adolf Sichel, mein Urgroßonkel –, der den Kontakt mit den Weinbauern und Winzern vor Ort halten sollte.

    Mainz blickt auf eine lange Geschichte als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der Region zurück. Von den Römern am linken Rheinufer als Militärlager gegründet, liegt das urbane Mainz nicht weit von der Mündung des Mains in den Rhein entfernt. Die befestigte Stadt diente dem Römischen Reich als Bastion gegen die germanischen Stämme, die jenseits des Rheins lebten. Auch im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation spielte Mainz eine bedeutsame Rolle und war als eine der Großen des Reiches an der Wahl des Kaisers beteiligt. Der Hohe Dom zu Mainz beherrscht bis heute neben zahlreichen weiteren wunderschönen Kirchen das Stadtbild. Jahrhundertelang regierten in Mainz die Kurfürsten, die weltliche und kirchliche Herrscher in einer Person waren; das Amt des Mainzer Erzbischofs ist noch immer eine wichtige Position in der Hierarchie der katholischen Kirche. Außerdem ist Mainz die Stadt, in der Gutenberg seine Druckerpresse erfand.

    Über die Familiengeschichte meines Vaters Eugen Sichel weiß ich aus einem bestimmten Grund recht gut Bescheid: 1933 wurde mein Cousin Lucian Loeb als Jude von den Nationalsozialisten aus dem öffentlichen Dienst geworfen. Mein Vater und die anderen Cousins baten ihn, ob er die Zeit, die er auf ein Visum zur Ausreise nach England warten musste, nicht nutzen könne, um die Geschichte der Familie Sichel zu erforschen. Da Lucian leitender Angestellter im Innenministerium des Landes Hessen gewesen war, wusste er genau, was zu tun und wo die Aufzeichnungen über unsere Vergangenheit zu finden waren.

    Im Zuge seiner Nachforschungen stieß er auf Geburts-, Todes- und Heiratsurkunden sowie zahlreiche juristische Schriftstücke, darunter auch Eheverträge. Einige der Dokumente waren in Französisch abgefasst, da das linke Rheinufer im Anschluss an die Französische Revolution einige Zeit zu Frankreich gehört hatte. Aufzeichnungen aus verschiedenen Synagogen belegten darüber hinaus die aktive Rolle, die meine Vorfahren in der jüdischen Gemeinde gespielt hatten. Lucian fand sogar Unterlagen über eine kleine Stiftung, die mein Urgroßvater Herz mit seinen Brüdern ins Leben gerufen hatte, um damit für die Aussteuer und den Lebensunterhalt ihrer Schwestern vorzusorgen. Letztlich konnte er sogar Licht in die Vorkommnisse rund um einen Mord an einem der Familienangehörigen bringen. Dem Mann war aufgelauert worden, nachdem er bei einer Lotterie das große Los gezogen und den Gewinn abgeholt hatte. Vorschriftsmäßig waren die Mörder verhaftet, verurteilt und hingerichtet worden.

    Dann das 19. Jahrhundert: eine Zeit, die sich ab Mitte des Jahrhunderts zu einer aufregenden Ära für Geschäftsleute mit echtem Unternehmergeist entwickelte. Vormals weit entrückte Regionen der Welt waren dank Eisenbahn und Dampfschifffahrt nun viel leichter erreichbar, zu reisen und überregional Geschäfte zu machen, war um ein Vielfaches einfacher geworden. Und es war eine Zeit des Friedens – abgesehen von drei relativ kurzen Kriegen, die Preußen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich führte – und damit des wachsenden freien Handels. Für Reisende gab es praktisch kaum Einschränkungen; die einzigen Länder, die für die Einreise einen Reisepass verlangten, waren Russland und die Vereinigten Staaten. Goldmünzen, wie sie von allen bedeutenden Staaten geprägt und ausgegeben wurden, machten es vergleichbar unkompliziert, sich zwischen den Staaten hin und her zu bewegen, wie es heute die Eurozone möglich macht.

    Die drei jungen Männer, Joseph, Ferdinand und Julius, die 1857 mit ihrem Vater Hermann nach Mainz zogen und dort ihre neue Firma gründeten, waren fleißig und geschäftstüchtig. Mainz selbst hatte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts von der geschichtsträchtigen Handelsstadt alten Zuschnitts zu einer wichtigen Drehscheibe des überregionalen Handels entwickelt. Die Brüder erbauten dort drei mehrgeschossige Wohnhäuser in einem gerade neu entstehenden Stadtviertel, der „Neustadt". Die Wohnhäuser bildeten eine Phalanx direkt an der Kaiserstraße, der neuen Prachtstraße von Mainz, mit einem großen Hof direkt dahinter. Den Abschluss des Ensembles bildete ein dreistöckiges Bürogebäude, in dem der Firmensitz des expandierenden Unternehmens untergebracht war. Auch der Wein fand hier seinen Platz; um ihn fachmännisch lagern und reifen lassen zu können, ließen die Sichels unter dem Innenhof und den Wohnhäusern eine weitläufige Kelleranlage tief in den Boden treiben.

    Jeder der drei Söhne bezog eine Etage in den Wohnhäusern, die übrigen Etagen wurden vermietet. Als ich in Mainz aufwuchs, lebte auch meine Familie in einem dieser Mehrfamilienhäuser und mein Vater und seine Cousins, inzwischen die dritte Unternehmergeneration, gingen jeden Morgen über den Innenhof in ihre Büros. Zur Mittagszeit kamen sie dann zurück, häufig von Kunden begleitet, die zum Mittagessen an den Familientisch eingeladen waren. Unverändert standen diese Gebäude dort, bis sie während des zweiten Weltkriegs durch einen Luftangriff zerstört wurden – nur wenige Jahre, nachdem wir das alles hinter uns gelassen hatten. Als ich im Frühjahr 1945 als amerikanischer Offizier dorthin zurückkehrte – es war der Tag, an dem Mainz an die Siebte US-Armee fiel –, fand ich anstatt der Gebäude nur noch Ruinen vor. Zu meiner großen Überraschung waren die Kelleranlagen unversehrt geblieben – und noch immer voller Wein. Schnellstens veranlasste ich die amerikanische Militärregierung, die Liegenschaft als Eigentum der Alliierten zu reklamieren. Das konnte die Weine glücklicherweise solange sicherstellen, bis die juristischen Fragen geklärt und der Besitz wieder Eigentum unserer Familie war.

    Im Laufe des 19. Jahrhunderts war das Familienunternehmen rasant gewachsen. Man verkaufte nicht nur Weine in ganz Deutschland, sondern in zunehmendem Maße auch in andere Länder. Vor allem der Handel mit England wurde für die Familie Sichel derart wichtig, dass sie dort 1896 ein eigenes Importunternehmen gründete und etwa zur selben Zeit auch eines in New York eröffnete.

    In der Zwischenzeit hatten die drei Brüder damit begonnen, Wein aus Frankreich zu importieren. Da sich dies immer mehr zu einem bedeutenden Teil ihrer Unternehmung entwickelte, richteten sie in Bordeaux eine eigene Firma ein: Sichel & Co., die auch die angegliederten Importunternehmen in London und New York mit französischem Wein versorgte. Um diese weitverzweigten Unternehmensstrukturen zu leiten, griffen die Brüder auf Familienangehörige zurück. Darunter waren einige Cousins und einer der Schwiegersöhne, der Sohn eines dänischen Bankiers, der seinen Nachnamen in „Sichel" änderte und die Geschäftsleitung des Londoner Unternehmens sowie die Aufsicht über die Dependance in Bordeaux übertragen bekam.

    Die Zeitspanne zwischen 1871, mithin nach Ende des deutsch-französischen Krieges, und 1914 war eine Phase zunehmenden Wohlstands und wachsenden Welthandels. Schon die ursprünglichen Teilhaber, mit Sicherheit aber ihre Söhne, sahen das Potential in der neuen Wirtschaftslage und nutzten die sich bietenden Gelegenheiten entsprechend. Sie waren nicht nur Zeugen des rapiden Wachstums der Märkte, in denen sie bereits aktiv waren, ganz neue Märkte eröffneten sich; dazu begann ein wachsender Teil der Bevölkerung in Ländern, die selbst keinen Wein produzierten, Weine zu konsumieren.

    Auf die drei Brüder, die mit ihrem Vater nach Mainz gegangen waren, folgten deren älteste Söhne und übernahmen sukzessive die Geschäfte. Die Vertreter dieser neuen Generation ergänzten sich geradezu ideal, gleichermaßen fleißig und geschäftstüchtig, brachte jeder doch seine ganz eigenen Qualitäten und Kompetenzen ein. Der Seniorpartner unter ihnen war Hermann. Er war der Sohn von Adolf Sichel, des Bruders also, der als Vertreter der Familie im Weinanbaugebiet geblieben, aber trotzdem gleichberechtigter Partner im Geschäft der Gebrüder war. Hermann war ein geborener Diplomat und kannte sich zudem mit allem gut aus, was mit Finanzen zu tun hatte. Er war es auch, der während der großen Inflation alles Geld in Wein anlegte und die Firma so vor wirtschaftlichem Schaden bewahrte. Seine Persönlichkeit machte es ihm leicht, verlässliche Kontakte zu knüpfen. So wurde er zu einer der zentralen Persönlichkeiten im Netzwerk der vielen verschiedenen Vereine und Verbände der Winzer und Weinhändler Deutschlands, die gerade entstanden. Auch wir Kinder hatten dafür ein Gespür: Wenn wir eine schlechte Note bekommen oder etwas ausgefressen hatten, half er uns immer, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Hermann war ein bedachtsamer, verständiger Mann, den nichts so schnell aus der Ruhe bringen konnte und der wusste, wie man mit Kindern spricht.

    Neben meinem Vater Eugen waren Charles und Franz die anderen beiden Partner. Mein Onkel Charles war ein begnadeter Geschäftsmann, für den ein Leben ohne tätigen Handel nicht vorstellbar war. Immer aktiv, hatte er stets bedeutende Abschlüsse im Visier und realisierte nicht selten große Gewinne. Er sprach fließend Englisch und Französisch und war derjenige, dem es gelang, den für die Firma mit Abstand wichtigsten Handelsplatz in England auszubauen. Letztendlich nahm er die britische Staatsbürgerschaft an, emigrierte im Zuge des Zweiten Weltkrieges in die Vereinigten Staaten und wurde auch dort ungemein erfolgreich; als Verkäufer war er ein allgemein anerkanntes Ass.

    Ganz anders sein jüngerer Bruder Franz: blond, blauäugig und gleichermaßen sprachbegabt wie sein Bruder, war Franz eher reserviert. Auch er konnte sich fließend in Englisch und Französisch ausdrücken, verfügte aber über einen viel weiteren Bildungshorizont. Dass Franz einer der Partner im Familienunternehmen werden sollte, war zunächst gar nicht vorgesehen gewesen. Die Familie befolgte ein ungeschriebenes Gesetz, wonach nur jeweils einer der Söhne aus einem Familienzweig in die Firma eintreten konnte – man hatte zu viele Pleiten anderer Familienunternehmen mitangesehen, weil dort eine zu große Anzahl an Familienmitgliedern ihren Lebensunterhalt aus einer Firma bezogen hatte.

    Franz wurde im Unternehmen ausgebildet, aber dass er seinen Weg anderswo machen würde, davon gingen alle aus. Er kehrte jedoch aus dem Ersten Weltkrieg mit einem Vorschlag für seine Cousins zurück: Gemeinsam mit ihm sollten sie eine neue Unternehmenssparte für den Handel mit Spirituosen gründen und er würde dann diesen Geschäftsbereich aufbauen und führen. In kürzester Zeit hatte Franz die Sichel Marken Import Gesellschaft (SMIG, wie wir sie nannten) in Berlin ins Leben gerufen und sich die exklusiven Vertriebsrechte so weltweit bekannter Marken wie Black & White Scotch Whisky, Gordon’s Gin, Rémy Martin Cognac oder Cointreau und weiterer international renommierter Spirituosenmarken für den deutschen Markt gesichert.

    Franz war in vielerlei Hinsicht visionär. Er sah die Fülle der unternehmerischen Möglichkeiten, die sich im Deutschland der Zwischenkriegszeit bot, beispielsweise die Investition in private Eisenbahnlinien, was die Familie sicherlich enorm reich gemacht hätte. Als er und zwei seiner Partner während des Zweiten Weltkriegs schlussendlich in den USA landeten, war er sofort bereit, die kleine Handelsgesellschaft zu verlassen, da sie seiner Meinung nach keine drei Partner ernähren konnte. Mit einem anderen kreativen Kopf, dem deutsch-jüdischen Weinhändler Alfred Fromm, kaufte er die kleine Import- sowie Wein- und Spirituosen-Handelsgesellschaft Picker Linz, die die Vermarktungsrechte an den Weinen der Christian Brothers besaß. Die Christian Brothers hatten sich in den 1880er Jahren im Napa Valley ein Weingut aufgebaut, um Messweine zu erzeugen, und führten das Gut auch in der Prohibitionszeit weiter. Nach Aufhebung der Prohibition produzierten sie dann auch Weine für den allgemeinen Markt und nutzten die resultierenden Profite, um ihre Missionen andernorts zu unterstützen. Zu dem Zeitpunkt als Franz Sichel und Alfred Fromm Picker Linz erwarben, waren beinahe sämtliche Weine, die von den Christian Brothers verkauft wurden, aufgespritete Weine, die sowohl als Sherry oder als Portwein, aber auch unter verschiedenen anderen Bezeichnungen verkauft wurden. Seinerzeit wurde generell in den USA mehr aufgespriteter Wein als Tafelwein getrunken. Erst Franz und Alfred brachten den Christian Brothers bei, wie man echte Tafelweine herstellt und sie in Flaschen abfüllt. Ergebnis war ein erfolgreiches gemeinsames Geschäft mit Tafelweinen. Als dann während des Zweiten Weltkriegs die Verwendung von Getreide zum Destillieren von Spirituosen staatlich limitiert wurde – was dazu führte, dass weniger Whiskey, aber auch weniger neutraler Alkohol gebrannt wurde und allgemein weniger Spirituosen erhältlich waren – machte Franz die Christian Brothers mit dem Branntweingeschäft bekannt. Dafür kauften sie Destillate von der Regierung. Um die Traubenpreise zu stabilisieren, hatte die Regierung in großem Stil Trauben aufgekauft und destillieren lassen, diese Destillate kamen nun in den Handel. Franz Sichels Initiative ist es zu verdanken, dass die Christian Brothers daraus ihren dann geradezu Epoche machenden, überaus erfolgreichen Christian Brothers Brandy entwickelten. Am Ende seines Lebens sollte er zu mir sagen: „Peter, das größte Geschenk im Leben wäre, morgens aufzuwachen und die Welt noch einmal mit neuen Augen sehen zu können."

    Spätestens 1914 hatten die Sichels ihr gutgehendes Geschäft mit deutschen und französischen Weinen nicht nur in Deutschland, England und den USA etabliert, sondern auch in Nord- und Mitteleuropa, in Russland und in weiten Teilen der Welt. Ein Handelsvertreter von Sichel, ein norwegischer Staatsbürger mit Namen Hoeltermann, bereiste von Oslo aus zweimal im Jahr die Ost- und Westküsten von Südamerika, um die sich gerade entwickelnden Märkte zu beackern. Als ich in den 1960er Jahre das Familienunternehmen übernahm, kauften noch immer einige Importeure ihren Wein bei uns, die schon vor dem Ersten Weltkrieg mit diesem Sichel-Reisenden zusammengearbeitet hatten.

    Der Erste Weltkrieg setzte dem blühenden Geschäft ein Ende. Mit Kriegsbeginn befand sich ein Teil der Familie auf der einen, der andere Teil auf der anderen verfeindeten Seite. Zwar waren die britischen Cousins in der Lage, die Eigentümerschaft an den Geschäftszweigen in London und Bordeaux zu halten, aber Verbindung zu den deutschen Beteiligungen zu halten, wurde von den Alliierten untersagt. Es brauchte erst einen zweiten Weltkrieg, um die Familie wieder zusammenzuführen. Ich habe nie wirklich verstanden, was zwischen den beiden Seiten der Familie nach dem Ersten Weltkrieg vorgefallen ist. Meine Cousins waren nicht sehr mitteilungsfreudig, wenn es die Vorkommnisse von damals betraf, aber ich konnte herausfinden, dass es nach dem Krieg einen Versuch gegeben hatte, die Familie wieder zu vereinigen. Allerdings scheiterte dieser Versuch. Die deutsche Seite muss versucht haben, das Geschäft zu dominieren; darüber hinaus hatte sich wohl einer der deutschen Partner unehrenhaft verhalten, was jede Form der Verständigung bis nach dem Zweiten Weltkrieg unmöglich machte. Sukzessive hatten sich jedoch im Laufe dieses zweiten Krieges alle auf derselben Seite wiedergefunden und auch die wirtschaftliche Lage ließ es sinnvoll erscheinen, auf enge Zusammenarbeit zu setzen: auf eine einzige Weinhandelsfirma Sichel.

    MEINE FRÜHESTEN ERINNERUNGEN

    Geboren wurde ich am 12. September 1922. Ich war das erste Kind in der Familie Sichel, das im Krankenhaus geboren wurde. Meine Eltern hatten entschieden, mit der Tradition der Hausgeburten zu brechen, nachdem die Geburt meiner Schwester Ruth am 25. Dezember 1920 für meine Mutter nicht ohne Komplikationen verlaufen war. Zudem litt meine Mutter im Herbst 1922 an Gelbsucht und wollte auch deswegen, dass die Geburt im Krankenhaus stattfand.

    Meine frühesten Erinnerungen reichen zu den lichtdurchfluteten, freundlichen Räumen in der Kaiserstraße zurück. Im Hinterhof, der zum Teil glasüberdacht war, um den Arbeitern Schutz vor schlechtem Wetter zu bieten, gab es große leere Weinfässer und hölzerne Transportkisten, lange Gummischläuche, mit denen der Wein in den Keller abgefüllt oder von dort heraufgepumpt wurde, und gefüllte Fässer und bepackte Kisten, die nur noch auf ihren Transport in aller Herren Länder warteten. Regelmäßig wurden wir Kinder ermahnt, nicht zwischen den Fässern zu spielen, und die Erwachsenen erzählten Geschichten von Kindern, die sich bei Unfällen an solchen Orten schwer verletzt hatten oder sogar zu Tode gekommen waren. Aber nach einem kurzen Schaudern war das alles schnell wieder vergessen und wir tollten zwischen den hochaufgetürmtem Fässern und Kisten glücklich mit unseren Freunden umher, spielten Verstecken und viele anderer Spiele, ohne dass uns jemals etwas dabei passierte.

    Ich kann von mir behaupten, dass ich tatsächlich im Weinhandel aufgewachsen bin. Sobald wir schulfrei hatten, schickte unsere Mutter uns mit dem zweiten Frühstück für meinen Vater über den Hof und wir trugen stolz frisch belegte Wurst- und Käsebrote in das Bürogebäude. Allerdings mussten wir auch oft genug zum Bürovorstand hinüberlaufen und dort für unsere Mutter nach Geld fragen. Üblicherweise gab uns der Buchhalter das gewünschte, konnte sich aber meistens den Kommentar „Schon wieder?" nicht verkneifen. Ich gehe heute davon aus, dass jeder der Cousins das so handhabte und dass es am Ende des Jahres eine Abrechnung dieser Ausgaben gab.

    Unsere Wohnung hatte drei Schlafzimmer und ein Wohnzimmer, von dem aus man in den „Salon" gelangte, in dem Gäste bewirtet wurden. Außerdem gab es ein Badezimmer, zwei davon separate Toiletten und ein viertes Schlafzimmer, offiziell das Gästezimmer, in dem die Wäsche gebügelt und gelegt, Socken gestopft und ähnliche Hausarbeiten erledigt wurden. Den Rest der Wohnung belegte eine große Küche mit einem enormen Kohlenofen darin, der nicht nur zum Kochen diente, sondern die gesamte Wohnung mit warmem Wasser versorgte, denn, da es nur ein Badezimmer gab, war in jedem Schlafzimmer ein Waschbecken mit Kalt- und Warmwasser angebracht, an dem wir uns morgens und abends wuschen. Das eigentliche Badezimmer nutzten wir reihum für ein Wannenbad zweimal die Woche. Jeder Raum besaß einen eigenen Kachelofen, so dass wir es im Winter gemütlich warm hatten. Abgelöst wurden die Kachelöfen Ende der 1920er oder Anfang der 1930er Jahre. Mein Vater hatte an der Börse einen ansehnlichen Gewinn erzielen können und investierte in eine Zentralheizung.

    An schönen Sommertagen gab es Frühstück, und manchmal sogar das Mittagessen, auf dem Balkon, der auf den weiten Boulevard der Kaiserstraße hinausging. Ansonsten wurde im Esszimmer gegessen – dem einzigen Raum, der noch so aussah wie im Jahr 1920, als meine Mutter eingezogen war. Während meine Mutter alle anderen Räume neu eingerichtet hatte – mit hellen Tapeten, lichtdurchlässigen Vorhängen und hübschen, leichten Möbeln – hatte mein Vater darauf bestanden, dass im Esszimmer die schweren, verzierten Eichenholzmöbel vor der dunklen Schmucktapete weiter den Geist des ausgehenden 19. Jahrhunderts verkörperten, in dem schweres, solides Kunsthandwerk ein Versprechen von Sicherheit verströmen sollte. Dort hing auch ein großes britisches Gemälde einer ländlichen Szene mit einer Kuh an der Wand und eines Tages stritten meine Schwester Ruth und ich darüber, wer das Bild erben würde. Als mein Vater uns hörte, sagte er: „Wer weiß, ob überhaupt einer von euch beiden das Bild erben wird?! Wer weiß, was die Zukunft bringt?!" Und tatsächlich wurde das Bild von den Nazis versteigert und auch nach Kriegsende ist es mir nicht gelungen, es wiederzubekommen.

    In unserem Haushalt waren in der Zeit, als wie Kinder waren, zwei oder drei Dienstmädchen angestellt, Töchter von unseren Winzern, die sich Geld für ihre Aussteuer verdienen wollten. Sie hatten in der obersten Etage in unserem Wohnhaus ihre Zimmer. Und dann gab es da noch Kättchen, unsere Köchin, die schon bei meinem Großvater als Köchin angestellt gewesen war und unter dem Personal unangefochten das Sagen hatte. Wie die meisten unserer Hausangestellten war sie eine strenggläubige Katholikin. Als vom Papst ein Heiliges Jahr ausgerufen wurde, schenkte mein Vater ihr als Dank für die vielen Jahre treuer Dienste eine Reise nach Rom.

    Auch nachdem Kättchen 1930 in den Ruhestand ging – mein Vater zahlte ihr eine Rente – war sie bei allen Familienfesten, an Weihnachten und bei Geburtstagen dabei und brachte ihre geschätzten Plätzchen und Kuchen mit. Für uns war sie viel mehr ein Familienmitglied, das uns Kindern Geschichten erzählte, die wir von unseren Eltern nie zu hören bekamen. Wir Kinder verehrten sie. Mich pflegte sie auf den riesigen Küchentisch zu setzen, so dass ich jeden ihrer Handgriffe verfolgen konnte. Sie lehrte mich nicht nur die Grundlagen des Kochens, sondern auch wie man Mayonnaise macht oder auch eine Sauce hollandaise oder Béchamelsauce und gab viele ihrer wohlgehüteten Küchengeheimnisse an mich weiter. Immer wenn meine Eltern Gäste hatten, durften wir Kinder in der Küche sein und alle Gerichte probieren, die dort für das Essen der Erwachsenen zubereitet wurden. Auf dem Ofen stand immer ein großer Topf mit Kraftbrühe, die als Grundzutat zu den vielen schmackhaften Suppen diente, die abwechselnd zu den Mahlzeiten als Vorspeise serviert wurden – und die ausgegeben wurden, wenn an der Hintertür jemand läutete, um zu betteln. Anstatt Bettler mit ein paar Groschen weiterzuschicken, glaubte meine Mutter an die Wirkung einer guten Mahlzeit. Gerade in den strengen Wintern während der Weltwirtschaftskrise war es daher ein übliches Bild, vor unserer Hintertür, wo ein kleiner Tisch und ein paar Stühle standen, jemanden sitzen zu sehen, der dort gerade seine Suppe aß und dazu ein ordentliches Stück Brot dick belegt mit Wurst.

    Das glückliche Arrangement der Familie Sichel mit diversen Winzerfamilien, das uns über die Jahre viele freundliche Hausangestellte beschert hatte, die stets guter Dinge waren und mit denen unsere Mutter umging, als seien es ihre erwachsenen Töchter, endete am 15. September 1935. Die Nationalsozialisten hatten ein sogenanntes Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre erlassen, in dem unter anderem geregelt wurde, dass in einem jüdischen Haushalt keine Dienstmädchen unter 45 Jahren mehr beschäftigt werden durften, um der „Rassenschande" vorzubeugen. Ein weiteres Gesetz entzog den Juden alle politischen und bürgerlichen Rechte, ein drittes erklärte die Hakenkreuzflagge zur Reichs-, National- und Handelsflagge, zu den Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot musste nun stets auch die Swastika gezeigt werden. Die Familie war gezwungen ihre Dienstmädchen nach Hause zu schicken und einen Butler und einige recht strenge, dabei aber stets freundliche ältere Hausangestellte einzustellen. Der Haushalt wurde weiterhin perfekt geführt, was fehlte, war das Singen und Lachen. Und das war ein Spiegelbild dessen, was sich um uns her in Deutschland abspielte. Unser neuer Butler war ein ehemaliger Staatsbediensteter, der nach England auswandern wollte und nach einer Möglichkeit suchte, seine Fertigkeiten zu vervollkommnen, um dort als Butler eine Anstellung zu finden. Gut aussehend und charmant wie er war, hatten wir Kinder schnell Vertrauen zu ihm gefasst. Wenn bei uns zu Hause Gäste eingeladen waren, wurde er aufgrund seines Äußeren, seines Auftretens und der familiären Art, wie wir alle miteinander umgingen, oft für einen der Gäste gehalten. Für uns gehörte er praktisch zur Familie – so wie es sich wohl für einen guten Butler gehört. Als er schließlich eine Anstellung in England fand und emigrierte, waren wir alle traurig, dass er uns verließ.

    Ich war kein von Gesundheit strotzendes Kind. Noch vor meinem siebten Geburtstag hatte ich bis auf Keuchhusten alle gängigen Kinderkrankheiten gehabt. Das war selbstverständlich noch zu einer Zeit, wo es noch keine vorbeugenden Impfungen gab. Ich hatte bereits Mumps, Masern, Röteln und alles, was es sonst noch zu bekommen gab, bekommen, als ich 1929 an Scharlach erkrankte. Der Arzt nahm eine Mastoidektomie bei mir vor – eine Operation, bei der ein Teil eines infizierten Knochens hinter dem Ohr entfernt wird – und ich war nie wieder krank. Zuvor war ich nicht nur öfter krank gewesen, sondern hatte auch an Untergewicht gelitten. Ich hatte keinen Appetit und musste immer ermahnt werden aufzuessen. Vor allem für meinen Papa war es unbegreiflich, dass eines seiner Kinder keine Freude am Essen haben sollte. Meine Familie versuchte beinah alles, was zur damaligen Zeit in dem Ruf stand, einen Jungen gut zu nähren und ihm einen anständigen Appetit zu verschaffen – vom Mix aus rohen Eiern und Portwein bis zu Häppchen aus Brot mit Sardellen. Nachdem ich die Scharlach-Erkrankung überstanden hatte, war das Problem verschwunden. Ich hatte Appetit, nahm zu und entwickelte eine bis heute anhaltende Freude am Essen. Mein Vater hatte also vielleicht doch Recht, wenn er sagte, eine üppige und reichhaltige Ernährung sei der Schlüssel zu lebenslanger Gesundheit und Zufriedenheit.

    Unser Familienleben spielte sich damals nach einem strikten Zeitplan ab. Wir versammelten uns alle kurz nach sieben Uhr zum gemeinsamen Frühstück, einer echten Mahlzeit samt Früchten, noch warmen Brötchen und weich gekochten Eiern, mit Wurst und Käse, Marmelade und Honig sowie Kaffee für die Erwachsenen und Milch für uns Kinder. Für die Milch wurden wir Kinder oft zum Laden an der Ecke geschickt, wo sie in Blechgefäße abgefüllt wurde, die wir von zuhause mitbrachten. Wenn wir Eier holen sollten, wurden sie in dem kleinen Laden von einer Pyramide aus frisch gelegten Eiern direkt für uns abgepackt und Butter wurde von einem enormen Berg heruntergeschnitten, der gerade aus dem Butterfass kam. So war das in den Läden, bevor Einkaufen zu so einer langweiligen Tätigkeit verkam. Ich erinnere mich auch an ein Streitgespräch, das ich mit meinem Vater hatte: Ich hatte ihn gebeten, mir Geld für den Einkauf von Butter und Milch mitzugeben. Dass das nicht nötig war, weil der Ladenbesitzer die Summe gern auf unseren Namen anschrieb, konnte ich mir nicht gleich vorstellen. Es war eine Welt, in der jeder Einkauf im Fachgeschäft erledigt wurde. Aufschnitt und Wurst wurde beim Metzger gekauft, der uns Kindern immer ein Stück heiß gemachter schmackhafter Fleischwurst über den Tresen reichte, und die Brötchen besorgte man beim Bäcker, der seinen großen Ofen gern unserer Köchin zur Verfügung stellte, da Kuchen und Backwerk darin so viel besser gelangen. Es gab Fleischereien, die auf Wild oder Geflügel spezialisiert waren, und selbstverständlich Fischhändler, die Seefisch und regionale Süßwasserfische frisch anboten, aber auch geräucherten Fisch und fertig zubereitete Fischgerichte. Und alle diese Geschäfte befanden sich nur fünf bis zehn Minuten zu Fuß von unserer Wohnung entfernt. Da die Plastiktüte noch nicht erfunden war, gingen wir nie ohne eine Stofftasche oder einen Korb aus dem Haus, eine Gewohnheit, die ich für meine Lebensmitteleinkäufe vor einiger Zeit wieder aufgegriffen habe.

    Die allermeisten Mahlzeiten wurden zuhause eingenommen. Die Hauptmahlzeit war das Mittagessen, bei dem oft Verwandte zu Gast waren und mit am Tisch saßen. Manchmal brachte mein Vater auch Kunden an unseren Mittagstisch mit. Im Lauf der Woche folgten gewöhnlich bestimmte Mahlzeiten aufeinander. Montagmittag gab es oft einen Eintopf mit Würstchen, etwa Linsen- oder Erbsensuppe, da das Gerichte waren, die sich gut vorbereiten ließen, denn Montag war der Tag der großen Wäsche. Bevor die Waschmaschinen in die Haushalte einzogen, war das eine große Sache: Im Hinterhof gab es einen Waschraum, wo die Hausangestellten die Wäsche mittels eines Waschbretts wuschen und anschließend zum Trocknen aufhingen. Von dort wurde die Wäsche in die Wohnung getragen und im Hausarbeitsraum gebügelt. Ein Gericht, das es häufig gab, war Spinat mit gebratenen Eiern oder Schmorbraten; auch andere Fleischgerichte mit Gemüsebeilage standen immer wieder auf dem Speiseplan und jeden Freitag gab es Fisch. Zum Dessert bekamen wir jeden Tag Obst, nur am Freitag gab es Pudding oder Kuchen. Das war die Belohnung dafür, dass wir den Fisch gegessen hatten – und vorsichtig mit den Gräten gewesen waren. Unausweichlich wurden wir jeden Freitag ermahnt, während des Essens nicht zu reden und uns auf die Gräten zu konzentrieren.

    Das Zeitgeschehen wurde am Mittagstisch offen diskutiert und auch, was an aktuellen Ereignissen einen gewissen Nachrichtenwert hatte, wurde besprochen. Wir Kinder waren ganz selbstverständlich am Gespräch beteiligt und auch uns wurde zugehört. Die Themen unserer Mittagsgespräche waren weit gestreut und oftmals mussten wir erst eine Enzyklopädie zu Rate ziehen, um festzustellen, wer von uns Recht hatte. Ich stellte denn auch im Laufe meines Lebens fest, dass ich am Mittagstisch meiner Eltern mehr gelernt hatte als in jeder Schule. Es war eine Zeit schnell aufeinander folgender Parlamentswahlen und bedeutender öffentlicher Unruhen. Unsere Eltern nahmen sich trotzdem immer wieder die Zeit, uns die Unterschiede zwischen den verschiedenen Parteien zu erläutern und die Persönlichkeiten der Parteiführer zu charakterisieren. Dass man zu Leuten wie Reichskanzler von Papen und anderen, die versuchten mit den Nationalsozialisten einen Handel abzuschließen, kein Vertrauen haben könne, war eine Zeitlang ein immer wiederkehrendes Thema. Es war eine Zeit, in der Separatisten, die sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs für den Anschluss der Heimatregion meiner Familie an Frankreich eingesetzt hatten, zusammengeschlagen und teilweise sogar ermordet wurden. Unsere Eltern erklärten uns ganz sachlich die Sichtweise der Separatisten – und vermittelten uns gleichzeitig, dass diese Leute ein Recht darauf hatten, ihre Meinung zu vertreten.

    Ich denke oft an meine Eltern. Insbesondere seit ich selber Vater bin. Wenn ich darüber nachdenke, wie meine Kinder mich sehen oder wie sich unser Verhältnis entwickelt, versuche ich dabei, daraus zu lernen, wie sich das Verhältnis zwischen meinen Eltern und mir gestaltete. Dabei steht mir deutlich vor Augen, wie sich im Zuge ihrer zweifachen Emigration die Weltsicht meiner Eltern änderte, wie sich ihr Verhältnis zu Freundschaften und Familie wandelte und wie sie versuchten, sich in die verschiedenen Gesellschaften der Länder zu integrieren, in denen sie Aufnahme gefunden hatten. Mit besonderer Dankbarkeit denke ich an das Gefühl der Sicherheit, das ich beinahe immer hatte: ohne Sorgen oder eine Gefühl der Bedrohung einschlafen zu können. Selbstverständlich gab es in meinem Leben auch Krisen, Zeiten, in denen mich Sorgen und Probleme nur unruhig schlafen ließen, aber meine Eltern müssen nach 1933 permanent in Sorge gewesen sein und sie waren dabei mit Sorgen in einer Größenordnung konfrontiert, die es ihnen ungemein schwer gemacht haben müssen, ein normales Familienleben aufrecht zu erhalten.

    MEINE ELTERN

    Mein Papa – so sprachen wir Kinder ihn an –, Eugen Hermann Theodor Sichel, lebte zunächst mit seinen Eltern und nach deren Tod mit seiner eigenen Familie in der Wohnung in Mainz, in der er 1881 geboren worden war – mit dem Ersten Weltkrieg, in dem er beim Militär war, als einziger Unterbrechung bis zu dem Zeitpunkt als er 1938 Deutschland verlassen musste. Solange ich mich erinnern kann, hatte er einige Kilo an Übergewicht, wogegen er meines Wissens nie etwas unternahm. Er war nichtsdestoweniger ein gutaussehender Mann mit einer positiven Lebenseinstellung. Er arbeitete hart in seiner Firma und engagierte sich zugleich in vielerlei kulturellen und sozialen Projekten. Er war ein begnadeter Gastgeber und ein aufrechter Demokrat.

    Von ihrer ganzen Persönlichkeit und ihrem emotionalen Naturell hätten meine Eltern nicht verschiedener sein können. Mein Vater war ein gefühlsbetonter Idealist, der nah am Wasser gebaut hatte oder mit dem auch einmal sein Temperament durchging, was aber immer schnell wieder vorbei ging. Mehr oder weniger äußerten sich seine Zornausbrüche in krachend zugeschlagenen Türen – tatsächlich gehörte er zu einer Generation, die ihrem Ärger Ausdruck verlieh: Alle vier Cousins der Sichelfamilie, mein Vater eingeschlossen, die gemeinsam das Familienunternehmen führten, waren für ihr Temperament bekannt.

    Mein Vater besaß einen unstillbaren Wissensdurst, ob es sich um Geschichte oder Naturwissenschaften handelte. Zwar hatte er keine Universität besucht, aber auf dem Gymnasium Latein und Griechisch gelernt – und selbstverständlich die Klassiker in diesen Sprachen gelesen, dazu auch das Neue Testament in Griechisch. Sein lebhaftes Interesse an diesen Dingen begleitete ihn bis an sein Lebensende.

    In meiner Jugendzeit, sprich bis zum Alter von 17 Jahren, betrachtete ich meinen Vater als einen Mann von großer Lebenserfahrung und natürlicher Autorität: das unbestrittene Familienoberhaupt, das wusste, was gut für mich war. Trotz seines Übergewichts stets elegant gekleidet, war der groß gewachsene Mann eine stattliche Erscheinung. Er hatte schon als relativ junger Mann sein Haar verloren und behauptete immer, das läge daran, dass er im Ersten Weltkrieg einen Stahlhelm habe tragen müssen. Da er aber gar nicht an der Front eingesetzt gewesen war, habe ich mich immer gefragt, ob das stimmen mochte.

    Mein Vater war jemand, der über die Dinge sprach, die ihm im Leben wichtig waren und ihn bewegten. Er erzählte uns, wie er in der Zeit des Ersten Weltkriegs beinahe an einer verunglückten Gallenoperation gestorben war, die katholischen Nonnen des Krankenhauses, in dem er lag, ihn aber aufopferungsvoll gesund gepflegt hatten. Das Engagement der Nonnen hatte ihn so beeindruckt – das erwähnte er oft, – dass er eine Zeitlang mit dem Gedanken gespielt hatte, zum katholischen Glauben überzutreten.

    Eugen Sichel war das jüngste Kind von Ferdinand Sichel und dessen Frau Jenny, geborene Wolff. Als einziger Sohn hatte er kaum eine Wahl: Dass er seinem Vater in dessen blühendes Handelsunternehmen folgen würde, wurde schlicht von ihm erwartet. Und auch wenn ich mir recht sicher bin, dass die Interessen meines Vaters ganz woanders lagen, lebte er in einer Zeit, in der nur wenige gegen die Wünsche und Forderungen der Elterngeneration aufbegehrten. Naturwissenschaften waren ein Interessengebiet, in dem er Zeit seines Lebens, neben seinem Wissensdurst auf kulturellem Gebiet, die Fortentwicklung der Erkenntnisse verfolgte, so dass ich mir recht sicher bin: Er hätte eine akademische Karriere der kaufmännischen vorgezogen. Unter den gegebenen Umständen machte er jedoch das Beste daraus. Nachdem die Entscheidung einmal gefallen war, dass er in den Weinhandel miteinsteigen würde, verschrieb er sich dem Familienunternehmen voll und ganz. Er nahm die ihm übertragene Verantwortung ohne Vorbehalte an und entwickelte sich schnell zu einem Weinverkoster mit exzellentem Urteil und diente der Firma jahrelang als engagierter Handelsvertreter. Es nimmt wenig Wunder, dass er, als er in die Geschäftsführung des mittlerweile international

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