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Hexenhammer 1 - Die Inquisitorin

Hexenhammer 1 - Die Inquisitorin

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Hexenhammer 1 - Die Inquisitorin

Länge:
326 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 7, 2019
ISBN:
9783955729547
Format:
Buch

Beschreibung

Der Baron Nicolas de Conde hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, um die Unsterblichkeit zu erlangen. Sein Versuch, Asmodi zu betrügen, scheiterte, und innerhalb einer einzigen Nacht wurden de Condes Frau Isabelle und seine Kinder im finsteren Wald von Wölfen zerrissen. Blind vor Schmerz ruft de Conde den Teufel ein weiteres Mal an.
Und schließt einen weiteren Pakt.
Mit einem weiteren Opfer.
Ihr Name: Charlotte de Conde.
Herausgeber:
Freigegeben:
Jun 7, 2019
ISBN:
9783955729547
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Hexenhammer 1 - Die Inquisitorin

Buchvorschau

Hexenhammer 1 - Die Inquisitorin - Uwe Voehl

Nema.

Kapitel 1

Vergangenheit

Anno Domini 1485

Letzte Nacht habe ich den Teufel erneut angerufen. Es war noch nicht lange her, dass wir uns gegenüberstanden, und Asmodi erkannte mich sofort wieder. Er erschien in der Gestalt des Papstes Sixtus IV., der erst im August letzten Jahres gestorben war. Natürlich machte sich Asmodi einen Spaß daraus, ihn noch nach dem Tode zu verhöhnen, indem er statt einer Krone zwei Bockshörner zur Schau trug, die ihm aus der Stirn erwuchsen. Auch war das goldene Kreuz, das er an einer Kette um den Hals trug, ein auf den Kopf gestelltes. Zu guter Letzt trug er in der linken Armbeuge einen toten Knaben mit einer roten Kardinalsmütze auf dem Kopf – sicherlich ein Hinweis darauf, dass dem Papst nachgesagt worden war, seine Lustknaben zu Kardinälen zu erheben.

Voller Hass starrte ich Asmodi an. Mich konnte er mit seinem Auftritt nicht mehr schockieren. Dazu hatte ich mich durch mein Tun selbst zu weit vom ehrenhaften Pfad entfernt. Wäre er ein normaler Mensch gewesen, ich wäre ihm an die Gurgel gesprungen und hätte ihn auf der Stelle erwürgt. Er hatte mein Leben zerstört, indem er meine Familie getötet und mir meine geliebte Frau und meine nicht minder geliebten Kinder genommen hatte … Erhofft hatte ich mir das ewige Leben. Bekommen hatte ich ewiges Leid.

Meine Wut war Labsal auf seiner schwarzen Seele, denn der Fürst der Finsternis grinste mich an, während er um den Bannkreis, den ich zu meinem Schutze gezogen hatte, herumtänzelte.

»Womit kann ich dir diesmal dienen?«, fragte er mit falscher Höflichkeit. »Reicht dir nicht das ewige Leben, das ich dir geschenkt habe? Dürstet dir nach Gold und Geschmeide? Nach schönen Frauen oder hübschen Knaben gar? Nach Prunk und Macht und …?«

»Schweig!«, fuhr ich ihn an. »Nichts hast du mir geschenkt. Für alles, was du mir gabst, habe ich mehr als genug bezahlt!«

Er lachte dröhnend. »Hast du dich nicht einen gelehrten Mann geschimpft? Hättest du die Schriften sorgfältig studiert, so hättest du gewusst, worauf du dich einlässt. Also, weshalb störst du mich diesmal, Baron Nicolas de Conde?«

Auch wenn er Eindruck zu schinden versuchte, wusste ich es doch besser. Indem ich ihn herbeizitiert hatte, war er in meiner Gewalt – nicht umgekehrt. Und doch fühlte ich keinen Triumph, wusste ich doch nur zu gut, dass das, was ich von ihm begehrte, mich erneut in seine Fänge trieb. Und auch er wusste es. Denn wer den Teufel herbeiruft, tut dies nicht ohne triftigen Grund. Und mag sein Begehren aus noch so reinem Herzen kommen, so weiß der Teufel es doch zu vergiften. Gewiss, der freie Menschenwille neigt zum Guten wie zum Bösen, aber um zum sündigen Handeln zu schreiten, ist es nötig, dass er von etwas zum Bösen bestimmt werde. Und wer ist dafür besser geschaffen als der Teufel selbst? Insofern, so er sich mit dem Teufel und seinen Heerscharen einlässt, ist der Mensch stets der Verlierer.

Und wieder stellte ich mir die Frage: Hatte ich nicht schon genug verloren?

»Ich will meine Familie wiederhaben. Meine Frau und meine Kinder will ich wieder in die Arme schließen.« Es fiel mir schwer, bei der Nennung des Wunsches nicht laut aufzuschluchzen, sondern ihn mit fester Stimme vorzutragen. War es Asmodis Tun oder meine eigenen schrecklichen Erinnerungen, dass ich mein schlimmstes Verbrechen wieder vor Augen sah?

Ich sah mich selbst auf dem Eulenberg inmitten eines Schwarzen Sabbats, umgeben von Hexen und anderen schauerlichen Gestalten. Ich sah Asmodi, wie er vor mir stand und forderte: »Wirst du deine Frau und die Kinder deines eigenen Fleisches und Blutes verstoßen und die aus der Schwarzen Familie als deine Brüder und Schwestern anerkennen?« Und ich hörte mich sagen, wenngleich mit einem Kloß im Hals: »Das will ich tun«, und wie damals spürte ich die Schmach und die Schande nach all den Abscheulichkeiten, nach den erlittenen Demütigungen und ungeheuerlichen Exzessen, die mich erneut schier zu überschwemmen drohten.

Doch diese Erinnerungen währten nur Sekunden, dann schob ich sie wie einen Vorhang zur Seite. Ich klammerte mich an die Erkenntnis, die ich ebenfalls anlässlich des Schwarzen Sabbats auf dem Eulenberg gewonnen hatte: Ja, ich hatte mir dort oben den Tod gewünscht, aber ich hatte auch erkannt, dass ich mich nie zum Bösen bekennen und nie ein vollwertiges Mitglied der Schwarzen Familie werden würde. Dieser Gedanke gab mir überhaupt erst die Kraft und die Zuversicht, Asmodi erneut zu beschwören, und darauf zu hoffen, dass es diesmal besser für mich ausgehen würde. Allein schon deshalb, weil ich ja nun seine Hinterlist und Tücke kannte und auf der Hut war.

Als ich mein Begehren geäußert hatte, verspottete er mich nicht. Vielmehr schien er einen Moment lang überrascht und schließlich gar irritiert bis ratlos. Am Ende schüttelte er das gehörnte Haupt. »Das ist unmöglich! Mag ich noch so mächtig sein, so ist ein Pakt ein Pakt und nicht mehr rückgängig zu machen. Das hättest du dir überlegen müssen, als du mich das erste Mal gerufen hast.«

»Dann schließen wir eben einen neuen Pakt, der den alten ungültig macht!«, beharrte ich.

»Jeder Mensch besitzt nur eine Seele, das macht sie so wertvoll, und die deine hast du mir schon verkauft.«

»Dann nimm mein Leben, es ist eh nichts mehr wert!«

»Eben! Was soll es dann mir bedeuten?«

Verzweiflung ergriff mich, zeigte sich doch, dass ich dem Teufel tatsächlich meinen für ihn wertvollsten Besitz bereits überschrieben hatte. »Nimm mein Schloss und mein Gut! Meine Reichtümer und meinen ganzen Besitz!«

»Nichts wert, nichts wert«, meckerte er, wobei die Worte nicht aus seinem Munde drangen, sondern aus dem des toten Knaben auf seinem Arm. Entsetzt schaute ich auf das Kind, dessen blutige Lippen sich zu einem bösartigen Grinsen verzogen, während in der Tiefe der pechschwarzen Augäpfel das Höllenfeuer aufloderte – als würde man in einen finsteren See blicken, auf dessen Grund blutrote Lava ausbricht.

Seit meinen schrecklichen Erlebnissen auf dem Eulenberg war ich einiges gewohnt, und auch Asmodi selbst war zum Fürchten, doch beim Anblick des untoten Teufelskindes gefror mir das Blut in den Adern.

»Es sei denn …«, sinnierte Asmodi und machte eine Pause, um mich zu quälen.

»Es sei denn, was?«, drängte ich ihn. »Sprich rasch, sonst greife ich zu anderen Mitteln!«

Diesmal quoll meckerndes Lachen gleich aus zwei Mündern – aus Asmodis Maul und dem des Knaben. Zudem hallte es nun schaurig von den steinernen Wänden wider, sodass ich bald meinte, hundert Gelächter gleichzeitig würden meine Ohren malträtieren. Ich hielt sie mir zu, doch es wurde lauter und lauter, bis ich glaubte, ich befände mich statt in meinem Schloss nahe Nancy in der ehrwürdigen Kathedrale von Notre Dame unterhalb der größten Glocke im Nordturm, die den Namen des Erzengels Gabriel trägt, und die Trommelfelle würden mir platzen.

Halb ohnmächtig wankte ich in meinem Schutzkreis, dem höllischen Lärm schutzlos ausgeliefert.

Doch unvermittelt verstummte er. »Ich hoffe, du begreifst, dass deine Drohungen ebenso sinnlos wie lächerlich sind«, sagte Asmodi, und diesmal sprach er nur wieder mit einer Stimme. »Beim ersten Mal hast du mich mithilfe des Schlüssels Salomonis gerufen, wie es die meisten Anfänger probieren. Ich gebe zu, er verfehlt seine Wirkung nicht. Doch um mir mit Bestrafung zu drohen, müsstest du jene anbeten, deren widerwärtige Namen auch dir nicht mehr über die Lippen kommen.«

Ich wusste, dass er die Wahrheit sagte. Ich hatte in der Tat versucht, ihn auch dieses Mal mit dem Schlüssel Salomonis zu beschwören, doch mir waren die Namen des lebendigen Gottes, des Sohnes und des Heiligen Geistes nicht über die Lippen gekommen. Stattdessen war mir allein bei dem Gedanken schlecht geworden, während mich gleichzeitig ein Schüttelfrost ergriffen hatte. So hatte ich zu einem schwarzmagischen Ritual gegriffen, auf das ich in einem alten Folianten gestoßen war. Damit konnte ich Asmodi beschwören, ihn aber nicht zu irgendetwas zwingen. Und niemand wusste es besser als Asmodi selbst, dass ich ihm keinen Schaden zufügen konnte.

»So sprich endlich!«, forderte ich. »Gibt es einen Weg, meine Familie von den Toten auferstehen zu lassen? Ich will ihn gehen, auch wenn es meinen eigenen Tod bedeutet und tausend Höllenqualen noch dazu!«

»Ich sagte schon, dass das nicht möglich ist. Alles hat seinen Preis, auch der niederste Wunsch.«

»So nenn ihn mir!«

»Dein holdes Weibchen kann ich dir nicht zurückgeben, sie ist tot, auf immerdar. Immerhin hast du sie selbst geopfert.«

Bei seinen Worten musste ich an mich halten, um nicht aufzuschluchzen.

»Doch deine Brut ist nicht allein durch Magie ums Leben gekommen, sondern nur infolge dieser.«

Meine Kinder! Tatsächlich waren sie durch den Wald geflohen, nachdem das Rad der Kutsche, mit der ich meine Familie hatte in Sicherheit schicken wollen, gebrochen war. Während ich auf dem Eulenberg den Sabbat feierte, wurden meine Liebsten im finsteren Wald von den Wölfen zerrissen! Wieder konnte ich nicht verhindern, dass die schrecklichen Bilder meiner Wahnsinnstat vor mir aufstiegen.

»Verfluche deine Frau!«, soufflierte mir der dämonische Chor, während mich die Gestalten umtanzten. »Du hast ihren Kopf in Händen. Wirf ihn weg!«

Sie hatten mir einen Eselskopf in die Hände gedrückt. Als würde mich eine böse Macht dazu zwingen, verkrallte ich die Hände in seinem Fell.

Ich ließ ihn fallen.

»Das sind die Arme deiner Frau!«

Jemand drückte mir zwei Eselsbeine in die Hand.

»Zerbrich sie!«

Ich schleuderte die abscheulichen Reliquien von mir.

»Hier sind ihre Augen. Zerquetsche sie!«

Ich übergab mich beinahe, als ich etwas Glitschiges in den Händen fühlte.

»Ihr Herz! Bring es zum Stillstand!« …

»Nein!«, schrie ich nun. »Nein!« Wimmernd brach ich zusammen, fiel auf die Knie, während mir einmal mehr bewusst wurde, dass ich es war, der ihren Tod zu verantworten hatte. Ich war nicht mehr wert als der gemeinste Mörder. Ich stand sogar noch unter diesem, weil ich meine eigene Familie aus Habgier ermordet hatte.

»Willst du nun hören, was ich dir vorzuschlagen habe oder nicht?«, unterbrach Asmodi mein Gewimmer, das mir umso deutlicher vor Augen führte, dass ich dem Bösen geweiht war, weil keine Tränen flossen.

Eigentlich hätte nun eine scharfe Antwort erfolgen müssen, doch ich war nur mehr imstande zu nicken.

»Ich gewähre dir deinen Wunsch. Nun, zumindest teilweise. Es steht in meiner Macht, beide Bälger zu erwecken. Doch eines wird mir gehören und fortan auf der dunklen Seite wandeln. Das andere mag selbst entscheiden …«

»Nie und nimmer werde ich einem solchen Handel zustimmen!«, begehrte ich auf und wusste doch jetzt schon, dass ich zu schwach war, nicht den dunklen Weg einzuschlagen, den er mir wies.

Er lachte auf. Auch das tote Kind in seinem Arm lachte meckernd. »Überlege es dir. Du hast bis morgen um Mitternacht Zeit. Danach wage es nicht mehr, mich anzurufen!«

Sein Gesicht verwandelte sich in eine grimmige Fratze, die vor meinen Augen wie Kerzenwachs zerfloss, sodass am Ende nur der Halsstumpf übrigblieb. Da hinein stopfte er nun das noch immer lachende Kind, bis nur noch der Kopf herausschaute.

Entsetzt ob der grausigen Demonstration seiner abartigen Künste wandte ich den Blick ab. Ein gewaltiger Donnerhall ließ mich jedoch wieder aufschauen. Asmodi war in einer gelben Wolke verschwunden. Der Gestank von Schwefel füllte den Raum.

Als sich der Rauch lichtete, schien es, als würde auch mein Verstand zurückkehren. Nein, so schwor ich mir. Nie und nimmer würde ich Asmodi ein zweites Mal auf den Leim gehen und den Handel besiegeln.

Stattdessen würde ich mich rächen, auch wenn ich dadurch das ewige Leben verspielte.

Ach, wenn ich doch nur eine Idee gehabt hätte, wie die Rache aussehen sollte, die ich mir so sehr erwünschte!

Einige Jahre später

AUFSTEHEN. Antreten. Asmodi unser, der du wandelst auf Erden. Trocken Brot und Haferschleim. Asmodi unser …

Gott war böse.

Halb im Traum noch vernahm sie den Gong, tief und misstönend, so wie jeden Morgen. Aufstehen … Rasch, rasch, bevor die Ratten kamen. Sie hörte bereits das leise Rascheln ihrer winzigen Zehen, das begierige Fiepen, mit dem sie kamen, um sie oder eines der anderen Kinder zu bestrafen … Mädchen wie Angela zum Beispiel, Angela, die im Fieber lag, weil sie viel zu lange in der Kälte hatte arbeiten müssen. Die Nonnen mochten Angela nicht. Warum, das wusste Lotte nicht. Vielleicht weil sie zarter und schwächlicher war als die anderen Mädchen im haus zur heiligen dreieinigkeit. Schwäche war Sünde. Wie so vieles andere.

Drei Ratten huschten in das Dormitorium. Gerade noch rechtzeitig waren die meisten Mädchen von ihren harten Lagern gesprungen und standen nun mit nackten Füßen auf dem kalten Steinboden.

Die meisten Mädchen, nur Angela nicht. Sie teilte sich das Lager mit Lotte und ein paar anderen. Diese waren in der Nacht immer weiter von ihr weggerückt, während Lotte sich an das von Fieberkrämpfen geschüttelte Mädchen geschmiegt hatte, um Trost zu schenken.

Sie hatte sich schmutzig dabei gefühlt, denn Trost zu geben war Sünde. Sie würde es beichten müssen und würde bestraft werden. Bestrafung bedeutete Vergebung. Vergebung bedeutete, nicht in den Himmel zu kommen. Im Himmel lauerte Gott auf einen.

Und Gott war böse.

Die drei Ratten hatten Angela bereits ins Visier genommen, so wie jedes Mal während der letzten Tage, wenn sie in den Morgenstunden kamen. Aufrecht wie Menschen wieselten sie heran. Ihre schwarzen Knopfaugen blitzten vor Bosheit. Auf dem Kopf trugen sie eine schwarze Haube, sodass sie fast wie kleine Nonnen aussahen.

Die Ratten hatten Namen. Die älteren Mädchen hatten sie ihnen verliehen. Ingrid war die mit dem kürzesten Schwanz. Irene war die Fetteste. Und Ida die Grausamste. Sie liebte es, die Mädchen an besonders empfindlichen Stellen zu beißen. Und selbst dann nicht loszulassen, wenn ihr Opfer sich vor Schmerzen die Seele aus dem Leibe schrie.

Die letzten Tage hatten sie sich alle auf Angela gestürzt. Ihr kleiner, schmächtiger Körper war mit Bissspuren übersät, manche waren entzündet und schürten noch das Fieber.

Auch jetzt huschten die Ratten auf Angela zu.

Gestern noch hatte Lotte hilflos die Augen geschlossen, nun jedoch hielt sie es nicht länger aus und stellte sich ihnen in den Weg.

Ein erstauntes Raunen ging durch die Reihen der anderen Mädchen.

»Lasst sie in Frieden«, bat Lotte. »Seht ihr denn nicht, dass Angela nicht aufstehen kann?«

»Aus dem Weg, sonst melden wir dich der Schwester Oberin!«, drohte die kurzschwänzige Ingrid mit hoher Fistelstimme. Die Haube auf ihrem Kopf wackelte vor Entrüstung. Nie zuvor hatte ein Kind es gewagt, ihnen gegenüber die Stimme zu erheben.

»Bestrafen wir das Balg doch gleich mit«, kreischte die fette Irene. Ihre Stimme überschlug sich fast. »Beißen wir ihr einen Zeh ab!«

»Aber nein, ich habe eine bessere Idee«, flüsterte die grausame Ida. Ihre Stimme klang wie das sirrende Geräusch, wenn die dicke Köchin ihre Messer aneinanderrieb, um sie zu schärfen.

Alle hielten gespannt den Atem an, als Ida eine kunstvolle Pause machte, bevor sie ihr Urteil verkündete: »Wir töten sie!«

»Nein, bitte …« Lotte schnürte es die Kehle zu. »Ihr könnt mich doch nicht …«

»Doch, wir können«, sagte Ida und grinste bösartig. »Aber nicht sofort. Wir töten dich dann, wenn du nicht damit rechnest. Vielleicht heute Nacht. Vielleicht aber auch erst in einer Woche.«

»Ja, wir töten dich!«, wiederholten Ingrid und Irene im Chor. Und immer wieder: »Wir töten dich!«

Lotte hielt sich die Ohren zu. Aber es half nichts. Das Kreischen der Ratten ging ihr durch Mark und Bein. Wie ein scharfes Messer wühlte es sich durch ihren Kopf.

Nein, wie zwei scharfe Messer. Sie schnitten und schnitten, von beiden Seiten, und jedes neue »Wir töten dich« bereitete ihr schlimmere Qual.

Da tat sie etwas, was sie noch nie gemacht hatte. Es kam tief aus ihr heraus, wie ein Reflex, der seit jeher unerkannt in ihr geschlummert hatte und nun geweckt wurde.

Ein Schrei löste sich aus ihrer Brust. Dann ein zweiter und dritter.

Lotte kreischte, und ihr Kreischen übertönte sogar das der Ratten. Die fette Irene wankte zurück. Sie flüchtete Richtung Tür, stieß mit dem Kopf gegen den Rahmen und fiel zu Boden.

Die kurzschwänzige Ingrid war nicht so schnell. Blut schoss ihr aus den pelzigen Ohren und der Nase. Nun war sie es, die sich vergeblich die Ohren zuhielt.

Ida wehrte sich bis zuletzt. Ihr Kreischen dauerte an, grub sich in Lottes Hirn, tiefer und tiefer …

… bis auch sie mit einem letzten Aufschrei auf die Knie fiel.

Erschrocken über sich selbst, brach Lotte ab. Sie konnte es nicht fassen, dass sie selbst es gewesen war, die geschrien hatte. Ihre zur Faust geballte Hand fuhr zum Mund, presste dagegen, als wollte sie die Lippen für immer verschließen, als wollte sie nicht dulden, dass noch einmal ein Schrei darüber kam.

Ida sah sie hasserfüllt an, wagte aber nichts zu sagen. Doch in ihren Augen las Lotte, dass sie ihre Drohung wahrmachen würde. Sie würde sie töten.

Nicht hier und jetzt. Aber vielleicht in der Nacht, wenn sie wehrlos auf ihrem Lager kauerte und wenn …

… wenn ich nicht schnell genug schreien kann.

Sie sah sie vor sich: Wie sie über sie herfielen, ihr einen schmutzigen Lumpen tief in den Rachen steckten, mit ihren scharfen Krallen die Augen ausschabten und …

Fast hätte sie erneut aufgeschrien, diesmal vor Grauen, aber die Faust auf ihren Lippen verhinderte es.

Die fette Irene war längst aus der Tür, die kurzschwänzige Ingrid folgte ihr fast panisch. Auch die grausame Ida trat den Rückzug an. Sie bemühte sich um einen halbwegs aufrechten Gang und schaute nicht zurück.

Dann waren sie verschwunden.

»Was hast du getan?«

Wie aus weiter Ferne drang die Stimme zu ihr. Erst allmählich kam Lotte zur Besinnung, begriff, was passiert war.

Ja, was habe ich getan?

Kundula hatte sich als erstes der Mädchen von ihrem Schrecken erholt. Die Schwarzhaarige mit den traurigen Augen war die Älteste. Nun stand sie vor Lotte und sah sie mit noch traurigerem Blick an. »Dafür werden sie uns alle bestrafen.«

Lotte nickte schuldbewusst und hielt den Kopf gesenkt.

»Ich weiß«, murmelte sie. Und: »Es tut mir leid.«

»O Asmodi, sie werden es der Schwester Oberin erzählen«, sagte ein anderes Mädchen mit schriller Stimme. Tränen schossen ihr in die Augen.

»Sie werden sich hüten, es der Schwester Oberin zu verraten«, mischte sich die stämmige Melisende ein, welche die Vernünftigste von ihnen war. Wenn Kundula keinen Rat wusste, war es Melisende, die das Kommando übernahm.

Lotte hob vorsichtig den Kopf. »Aber warum nicht?« Sie wünschte, auch sie könnte weinen, aber diese Gabe war ihr nicht vergönnt.

»Weil die Ratten dann ihre Niederlage zugeben müssten«, erklärte Melisende. »Die Schwester Oberin würde auch sie bestrafen.«

Das leuchtete auch Lotte ein. Dennoch spürte sie keine Erleichterung.

Wir töten dich.

Wir töten dich …

Fast hätte sie sich erneut die Ohren zugehalten, aber die Drohung hallte nur im Chaos ihrer Gedanken nach.

»Wir müssen uns sputen!«, rief Kundula. »Wir kommen sonst zu spät zum …«

Aufstehen. Antreten.

Der Winter war streng in diesem Jahr. Der Schnee rieselte durch die Fensternischen herein, und der Eiswind pfiff Tag und Nacht hindurch. Vor den Mündern ballte sich der Atem zu Wolken zusammen, und Hände und Füße waren blaugefroren. Dennoch trugen die Mädchen nur ihre dünnen Nachthemden am Leib, als sie in Reih und Glied vor dem Dormitorium antraten.

Der Boden unter Lottes nackten Fußsohlen fühlte sich an wie Eis. Aber wenigstens fühlte sie etwas. Irgendetwas.

Ergeben, mit gesenktem Kopf, erwartete die Mädchenschar die Schwester Oberin.

Wie jeden Morgen kam sie in Begleitung zweier Schwestern. Schwester Adelheid und Schwester Gertrud. Beide hatten sie den Rang von Zirkulatorinnen, die über die Einhaltung der Regeln wachten. Und jeden Verstoß bestraften.

Schwester Adelheid trug stets einen Haselnusszweig bei sich, den sie auch gern und häufig einsetzte. Schwester Gertrud bediente sich ausgefeilterer Strafen. Sie war eine Kräuterkundige, und schon mancher Zögling hatte von ihren Tränken Albträume und Schlimmeres erfahren. Viel Schlimmeres …

Die Schwester Oberin inspizierte die Mädchen sorgfältig. Ein jedes hielt den Kopf gesenkt, bis es die Erlaubnis bekam, ihn zu heben.

»Agnes, du bist zu dürr. Du bestehst nur noch aus Knochen«, sagte sie mit strenger Stimme, während sie das scheue, dürre Mädchen begutachtete. »Du wirst heute Morgen zwei Scheiben Brot bekommen.«

Agnes’ Augen, die in tiefen Schatten lagen, leuchteten gierig auf.

Die Schwester Oberin wandte sich Melisende zu: »Und du bist zu fett. Du frisst uns wohl die Haare vom Kopf, was?«

»Aber nein, ich …«

Schwester Adelheid hob bereits drohend die Gerte, und Melisende duckte sich schuldbewusst. »Jawohl«, sagte sie schnell. »Ich bin zu fett!«

»Es sind deine Gedanken«, erkannte die Schwester Oberin.

»Ja, ich gebe es zu: Ich träume die ganzen Nächte von üppigem Essen. Von Fleisch und …«

»Genug!«, befahl die Schwester Oberin. »Ich weiß, was mit dir los ist. Du wirst deine Gedanken zügeln, sonst setze ich einen Nachtalben auf dich an. Außerdem wirst du heute kein Brot erhalten.«

»Aber ich …«

Diesmal war Schwester Adelheid schneller. Die Gerte fuhr wie eine Peitsche über Melisendes Lippen, die sofort aufsprangen und bluteten. Melisende verbiss sich den Schmerzensschrei, denn sie wusste, dass dann eine weitere Strafe folgen würde.

»Deine Scheibe Brot bekommt …« Die Schwester Oberin schaute auf die anderen Mädchen. Jedes von ihnen hoffte, die Auserwählte zu sein. Bis auf Lotte. Die hoffte nur, dass die Ratten sie nicht verraten hatten.

»… niemand. Ihr seid es alle nicht wert!«

Wie jeden Morgen ergoss sich eine wahre Schimpfkanonade über die Köpfe der Mädchen. Die eine war zu schmutzig, die andere hatte nicht ehrfürchtig genug zu Asmodi gebetet, eine andere hatte zu schlechte Gedanken, eine weitere war zu faul. Sie alle bekamen ihr Fett weg.

Nur vor Kundula blieb sie zufrieden lächelnd stehen.

»Schau mich an, Kundula.«

Kundula gehorchte.

»Du bist schön, das wird dem Herrn gefallen. Nur deine Haare sind zu stumpf, und deine Haut ist zu teigig. Auch musst du lernen, fröhlicher zu schauen, wenn der Herr dich erwählt.«

Kundula nickte ergeben, doch in ihren Augen lag nach wie vor die Trauer wie ein Flor.

Die Schwester Oberin wandte sich an Schwester Gertrud. »Du wirst dich um sie kümmern, damit sie rechtzeitig erblüht und bereit ist für den großen Sabbat. Und etwas mehr Speck auf den Rippen täte ihrer Schönheit keinen Abbruch.«

»Ich werde mein Bestes tun, Herrin«, versprach Schwester Gertrud, und es klang wie eine finstere Drohung.

Die Schwester Oberin nickte, als sei dieser Punkt abgehakt. Sie ging zum nächsten Mädchen, und das war Lotte.

»Sieh mich an!«

Lotte hob schüchtern den Kopf.

Wir töten dich!

»In deinem Kopf ist Chaos«, erkannte die Schwester. »So wie meistens. Ich schreibe es deinem jungen Alter zu, doch …«

Sie horchte, als könnte sie Lottes Gedanken hören.

Lotte verschloss sich. Das beherrschte sie gut. Es war wie ein Reflex, sobald sie die Schwester Oberin in ihrem Kopf spürte.

Jene lächelte grausam. »Sollte ich herauskriegen, dass du dich bewusst vor mir verschließt, wirst du es bereuen, Lotte.«

Lotte sah sie mit ihrem unschuldigsten Blick an. »Das tue ich ganz bestimmt nicht, Schwester Oberin«, schwindelte sie.

»Soll ich …?« Schwester Adelheid hob die Rute, doch die Schwester Oberin schüttelte den Kopf. »Nein, sie ist bestraft genug. Mit ihrer Hässlichkeit wird sie niemand jemals erwählen.«

Mit ihrer Hässlichkeit …

Morgen für Morgen erinnerte die Schwester sie daran. Es war wie eine Wunde, in der sie wieder und wieder wühlten. Nur die anderen Kinder

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