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Narreng'schichten

Narreng'schichten

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Narreng'schichten

Länge:
284 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
May 20, 2019
ISBN:
9783957162946
Format:
Buch

Beschreibung

Humulusien, eine kleine Metropole zwischen Himmel und Erde. Ihre Bezirke werden von ihren Bewohnern liebevoll „Märchen“ genannt. Heute findet in Humulusien ein großes Fest statt. Die Gäste und auch alle Festredner auf der Bühne sind Figuren und Helden aus den verschiedensten Märchen und Geschichten von Hans Christian Andersen, Astrid Lindgren, Ludwig Braunfels, Gebrüder Grimm, und anderen. Da meldet sich das tapfere Schneiderlein zu Wort, die Gänsemagd, Frau Holle, Robin Hood, Pinocchio, Sindbad der Seefahrer und viele mehr. Sie melden sich nach längerer Abwesenheit wieder zurück und erzählen den Festgästen ihre neuesten Geschichten oder bizarren Erlebnisse von und mit der Menschheit.
Ernst Luger spielt gewissermaßen den „Hofnarr“. Er will mit den Erzählungen die Leserschaft amüsieren und unterhalten – und ihr natürlich nach Narrenart hintergründig einen Spiegel vorhalten.
Herausgeber:
Freigegeben:
May 20, 2019
ISBN:
9783957162946
Format:
Buch

Über den Autor


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Narreng'schichten - Ernst Luger

Bibliografische Informationen der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Dateien sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Impressum:

© Verlag Kern GmbH, Ilmenau

© Inhaltliche Rechte beim Autor

1. Auflage, Mai 2019

Autor: Ernst Luger

Umschlag/Layout/Satz: B. Winkler, www.winkler-layout.de,

Bildquelle Titel: Pixabay

Lektorat: Manfred Enderle

Sprache: deutsch

ISBN: 978-3-95716-275-5

ISBN E-Book: 978-3-95716-294-6

www.verlag-kern.de

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, Übersetzung, Entnahme von Abbildungen, Wiedergabe auf fotomechanischem oder ähnlichem Wege, Speicherung in DV-Systemen oder auf elektronischen Datenträgern sowie die Bereitstellung der Inhalte im Internet oder anderen Kommunikationsträgern ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlags auch bei nur auszugsweiser Verwendung strafbar.

Ernst Luger

Narrengschichten

Inhalt

Cover

Impressum

Titel

Vorwort

Festival in Humulusien (Erzähler)

Die Reise durch die Jahrhunderte (Derjenige, der auszog, um das Fürchten zu lernen.)

Tills Erzählung (Till Eulenspiegel)

„Andersrum" ist auch nicht besser! (Zwerg Nase)

Der bittere Ernst (Der gescheite Hans)

Tragischer Unfall (Baron Münchhausen)

Abenteuer Straßenkreuzung (Bruder Lustig)

Der Clochard²⁸ Blehudi (Schneewittchen)

Ei, ei, ihr lieben Leut (Robin Hood)

Vom Erwachsenwerden (Struwwelpeter)

Das „Mensch-ärgere-dich-nicht"-Spiel (Frau Holle)

Home warming party (Hans im Glück)

Der arme Krösus und der reiche Schlucker (Der kleine Lord)

Ein Dorf in heller Aufregung (Gänsemagd)

Gottfried einmal anders (Das Mädchen ohne Hände)

Der Herr im feinen Zwirn und Chapeau (Das tapfere Schneiderlein)

Das Märchen von den drei Buchstaben (König Drosselbart)

Die Reise ins Zentrum des Nichts (Der Gevatter Tod)

Spiel oder Fanatismus? (Spielhansl)

Eine Hexe erzählt (Die Hexe aus dem Knusperhäuschen)

Hurra, heute ist Wahltag (Kalif Storch)

Streit um die Weltherrschaft (Der kleine Prinz)

Kinderreime für Erwachsene! (Brüderchen und Schwesterchen)

Kleine Festpause (Des Kaisers neue Kleider)

Das Lumpenpack (Der schlaue Fuchs)

Wenn genug nicht genug ist (Der kleine Muck)

Gewinner oder Verlierer? (Der wilde Jägersmann)

Vier Mäuse auf hoher See (Däumling)

Des Schieds Gericht (Pinocchio)

Küchenturnier (Der Märchenkoch)

Eine Bürohilfe für die Mühle (Der alte Müllersmann)

Die Fahrt in die Stadt (Geißenpeter)

Das alte Haus im Weinberg (Der gestiefelte Kater)

Aufregung im Zeitwerk (Sindbad der Seefahrer)

Kartusch als Vermittler (Merlin der Zauberer)

Das Ende des Internets (Der böse Friederich)

Wettkampf im Zoo (Doktor Doolittle)

Hausmenschlein (Der Eisenhans)

Das Streitgespräch (Vertreter der Wichtelmänner)

Gesellschaftsspiele (Nikolas aus dem Buch des Struwwelpeters)

Menü phänomenal! (Das Mädchen aus „Sterntaler")

ICH (Ehrengast des Abends)

Fragen an die Nacht (Rumpelstilzchen)

Das Fest neigt sich dem Ende zu (Erzähler)

Nachwort

Figuren, die hier eine Geschichte erzählt haben

Erklärungen

Vorwort

Im Mittelalter pflegte das Volk einen viel unkomplizierteren Umgang untereinander, als wie wir das heute tun. Was aber nicht heißen soll, dass sie damals primitiver oder gar dümmer waren, aber sicher waren sie direkter und ihre Denkweise war viel geradliniger als unsere Gesellschaft heutzutage. Es wurde damals auch kein großes Theater gemacht, wer nicht entsprach, über den wurde knallhart geurteilt. Ein Beispiel dafür war der Begriff „Narr oder Krüppel. Das gemeine Volk bezeichnete jene ihrer Spezies als Narren oder Krüppel die geisteskrank, geistig behindert oder sonst wie missgestaltet waren. Wer einmal zu dieser Gruppierung gehörte, der wurde erbarmungslos an den Rand der Gesellschaft geschoben, egal ob er Hunger leiden musste oder daran seelisch zugrunde ging. Zum Glück entspricht dieses Klischee heutzutage nicht mehr unserem guten Ton, denn dies würde jeglichen Ebenbürtigkeitsgedanken ins Eck stellen. Aber auch jene Gestalten, die gerne als Spaßmacher für Unterhaltung und Belustigung sorgten, wurden als Narr oder Tor bezeichnet. Somit unterschied das gemeine Volk schon damals zwischen zwei Arten von „Narren, die natürlichen und die gekünstelten, ohne diese sprachlich voneinander zu trennen.

In der heutigen Zeit werden jene Menschen noch immer als „Narr beschimpft, die ein tollpatschiges, unreifes, dummes und/oder ignorantes Verhalten aufweisen. Meist plustern sich diese auf Basis ihrer Unwissenheit als Alleswisser auf, ohne dabei ihre eigene Beschränktheit zu erkennen. Auch gibt es heute noch jene zweite Gruppe von Menschen, die sich freiwillig als „Narren bezeichnet. In der mitteleuropäischen Fasnacht⁵ zum Beispiel sorgten diese selbsternannten Narren als Spaßmacher für Unterhaltung im großen Stil. Die „gekünstelte Rolle als Narr wird hier meist von Menschen gemimt, die sich gekonnt dumm oder tölpelhaft stellen und/oder dabei absichtlich Scherze (Blödeleien, Belustigungen, Albernheiten) treiben. Damit sich das Volk von ihren Vor- und Aufführungen in Bann gezogen fühlt, muss der Narr in seiner Rolle überzeugend wirken und dazu braucht es ein gewisses Maß an Intelligenz. Solche ambitionierten Spaßmacher gab es seit jeher und sie bekleideten oftmals auch ein sehr wichtiges Amt zu Hofe und trugen stolz den Titel „Hofnarr. Ihr Auftrag lautete, ihren Herrn samt Gefolge allzeit bei Laune zu halten und nebenbei das ganze Auditorium stets daran zu erinnern, dass auch sie nicht unfehlbar sind. Diese gesonderte Stellung bzw. die lose Bindung an gesellschaftliche Normen ermöglichten dieser Gruppe von Narren damals wie heute einen besonders großen Freiraum, da alles, was sie sagten, aufgrund ihrer „Narrheit" nicht ernst genommen, aber dessen ernster Hintergrund sehr wohl wahrgenommen wurde/wird. Diese gekünstelten Narren waren also nicht nur als Spaßmacher unterwegs, sie waren und sind heute noch Mahnmal für Unredlichkeiten in der Gesellschaft. Ihre spaßige, aber dennoch ernste Art und Weise animierte nicht selten manch einen im Volk zu ausschweifenden Fantasien. Seit jeher entstanden daraus närrisch groteske Geschichten oder Erzählungen (Märchen¹), in denen fiktive Figuren einige dieser Narreteien widerspiegelten.

Zuweilen rüttelten diese interessant-amüsant-komischen Erzählungen bei einigen Individuen etwas an ihrem Moralverständnis, jedoch liegt es an unserer Natur, dass wir uns nicht gerne unseren Lebensspiegel vorhalten lassen. Menschen sehen sich lieber in ihrem eigenen Ruhmesglanz (Nimbus) als im Spiegelbild der damaligen, wie auch heutigen Gesellschaft. Trotz Nimbus sind Schilderungen und Erzählungen aller Art noch immer ein wichtiger Teil unseres täglichen Miteinanders. Waren es früher die Menschen selbst, die untereinander Interessantes von Mund zu Ohr weitertrugen, so sind es heute mehrheitlich die verschiedenen Massenmedien, (Presse, TV, Internet usw.) die aktuelle Berichte (Erzählungen, Schilderungen, Reportagen usw.) auf technisch hochentwickeltem Niveau verbreiten. Trotz hohem Intelligenzgrad und einem exzellenten Aufklärungsstand in Bezug auf Lebensstandard, beansprucht noch heute jeder Erdenbürger seine eigene Fantasiewelt. Die Kleinen lassen sich gerne von Figuren aus Märchen, Kinderbüchern oder Filmen verzaubern, die nicht nur ihre Fantasie wesentlich bereichern, sondern eine ganz wichtige Rolle beim Erwachsenwerden (Lernprozess) spielen. Nicht nur die Kleinen, auch die Erwachsenen ziehen sich gerne in ihre eigene Fantasiewelt zurück. Sie glauben weniger an die gute Fee, lassen sich viel lieber von ihren Ideologien (Ideale, Idole) eine rosa Brille aufsetzen, die bei den meisten das Bild einer „heilen Welt erzeugen. Aber Menschen vergleichen auch und wenn ihr Idealbild nicht mehr stimmig ist, kann das ihre „gesunde Gedankenwelt komplett durcheinanderbringen. Folgen solcher zerstörter Weltbilder haben ihre Auswirkung und können bis hin zu schwerwiegenden Exzessen führen.

So betrachtet sind wir alle irgendwie „Narren", was uns aber nicht daran hindert, grundlegend ein erfolgversprechendes Miteinander anzustreben. Zum Glück wird unser gemeinsamer Alltag nicht nur von fatalen Ereignissen geprägt, mehrheitlich stolpern wir über ganz banale Geschehnisse, die eher von der ungenierten, humorvollen Seite her betrachtet werden sollten. Mein Ziel war und ist es immer noch, den einen oder anderen dazu zu animieren, seine persönliche Haltung in den Alltagsgeschehnissen ein klein wenig zu überdenken. Denn wenn heute jeder von uns einen winzig kleinen Schritt in die richtige Richtung machen würde, sähe unsere Welt morgen schon viel friedvoller und freundlicher aus. Ich bin mir sicher, dass eigentlich jeder von uns genau wüsste, wo er hier ansetzen könnte/müsste, aber eben????? (ich auch nicht).

Mit den folgenden Erzählungen möchte ich nicht über große Begebenheiten vergangener Tage berichten, auch niemanden für seine unschöne Verhaltungsweise schelten, sondern lediglich kleine Eskapaden und Stolperer aus dem Alltag gedankenanregend humorvoll widerspiegeln. Noch ein kleiner Tipp: Nehmt bitte nicht alles allzu ernst, denn auch ich bin gewissermaßen ein „Hofnarr und möchte mit meinen Erzählungen nur andere amüsieren und nicht deren Gewissen zusätzlich belasten. Hintergründig solltet ihr aber dabei nicht vergessen, dass Geschichte nicht nur rein illusorische, sondern auch reelle Vorkommnisse unseres gemeinsamen „Tun und Lassens²¹ beinhaltet.

Nun wünsch ich euch eine unterhaltsame Audienz mit meinen kleinen „Narrengeschichten".

Ernst Luger

Festival in Humulusien

(Erzähler)

Humulusien³, eine kleine Metropole zwischen Himmel und Erde. Ein Kleinstaat, der sich in tausende kleine Bezirke aufteilt, welche von den Bewohnern liebevoll Märchen genannt werden. Die Bewohner sind die hochgeschätzten Figuren und Helden aus unzähligen Märchen und Geschichten. Gründer und Bauherren dieser Metropole waren unter anderem Hans Christian Andersen, Astrid Lindgren, Ludwig Braunfels, Gebrüder Grimm u. v. a.

Heute findet in Humulusien ein großes Fest statt, das alljährliche Treffen aller Märchenfiguren² samt Nebendarstellern. Dieser Anlass ist der Grund dafür, dass auch heuer wieder alle Märchenfiguren aus ihren Märchenbüchern herauskriechen und die Kinder für diesen Abend alleine zurückgelassen werden. Das Empfangskomitee konnte bereits einige bekannte Helden begrüßen, wie zum Beispiel Aschenputtel, Bruder Lustig, Brüderchen und Schwesterchen, das tapfere Schneiderlein und noch viele andere, die in den verschiedensten Märchen in Haupt- sowie Nebenrollen ehrenvoll ihren Dienst verrichten.

Nun ist es wieder so weit und Rübezahl richtet seine Begrüßungsworte an das zahlreich erschienene Publikum. Seine Stimme schallt wie Donner durch den Saal und sofort verstummen alle, um seinen Worten zu lauschen: „Liebe Freunde, Figuren und Gestalten aus Humulusien, es ist mir wiederum eine hohe Ehre, euch alle so zahlreich und fröhlich vereint hier begrüßen zu dürfen. Ich heiße euch alle im Namen unserer geistigen Väter und unserer Stadtregierung herzlich willkommen. Wie jedes Jahr veranstalten wir am heutigen Märchentag das Festival aller Märchenfiguren und als Höhepunkt dieser Veranstaltung erzählen uns wieder diejenigen ihre Geschichte, die wiederum Seltsames oder Kurioses mit oder bei den Menschen erlebt haben. Ich wünsche euch allen einen recht unterhaltsamen Abend."

Da schon während des Dinners die Bühne zur freien Verfügung steht, erobert sogleich der erste Gastredner die Plattform. Derjenige, der vor langer Zeit in die weite Welt hinauszog, um dort das Fürchten zu lernen, greift sogleich zum Mikrofon, um seine Erlebnisse an die Zuhörerschaft weiterzugeben.

Die Reise durch die Jahrhunderte

(Derjenige, der auszog, um das Fürchten zu lernen.)

„Liebe Märchenfiguren, es ist mir eine große Freude, wieder mitten unter euch weilen zu dürfen, denn lange hielt ich mich in der Fremde auf, um dort das Fürchten zu lernen. Ich tat genau so, wie es mir meine geistigen Väter, die Gebrüder Grimm, damals aufgetragen hatten. Anfänglich zog es mich hinaus in die verschiedenen Zeitabschnitte der Vergangenheit. Meine Reise begann damals bei den Ägyptern, Etruskern und Babyloniern, die aus heutiger Sicht zeitlich sehr früh existierten und recht abwechslungsreich zu beobachten waren. Es war damals eine karge und harte Zeit, in der kriegerische Auseinandersetzungen auf der Tagesordnung standen. Aber all diese Völker und ihre streitsüchtigen Kontrahenten waren über Jahrhunderte hinweg nicht wirklich imstande, mir so richtig die Furcht in die Glieder zu jagen. Wahrscheinlich lag‘s daran, dass ich die Menschen von damals und ihr alltägliches Handeln nicht so richtig verstand, darum zog ich weiter ins alte Rom. Aber auch diese Römer mit ihrem aufgeblasenen Gehabe erheiterten mich eher, als dass sie mich erschrecken konnten. Kulturell wie auch historisch wurde mir in dieser Epoche sicherlich einiges Interessante geboten, aber beängstigend fand ich die ach so mächtigen Römer auch nicht. Auch später dann, als Cäsars Imperium zum Scheitern verurteilt war, war dies zwar imposant mitzuerleben, aber nicht aufregend genug, um dabei spürbar das Fürchten zu lernen.

Im frühen Mittelalter traf ich dann auf die Hexen und Magier, die mir schon etwas komischer vorkamen und mich nachdenklich stimmten. Das Leben dieser Menschen konnte ich schon eher nachvollziehen, aber von Angst war da immer noch keine Spur. Auch später, als die Kriege unter den Völkern brutaler wurden und Seuchen die restliche Bevölkerung arg in Mitleidenschaft zogen und dadurch sich der Alltag der Allgemeinheit immer mühsamer und armseliger gestaltete, stimmte mich das sehr traurig, aber richtige Angst empfand ich dabei keine.

Als ich dann ins 20. Jahrhundert wechselte, ließ mich das zeitlich Geschehende langsam erahnen, dass ich meinem Ziel sehr nahe war. Sogleich schraubte ich meinen Zeitschlüssel weit zurück, damit ich dieses Jahrhundert intensiver erleben konnte. Es tat sich viel, alles wurde hinterfragt und was veränderbar war, wurde verändert. Die Menschen suchten, forschten, entwickelten, produzierten und bauten, aber vor allem änderten sie. Bald war nichts mehr so, wie es früher einmal war. Für mich war das sehr lehrreich und unterhaltsam, aber auch dies trieb mir immer noch nicht die Furcht in die Knochen.

So wechselte ich noch an den Beginn des 21. Jahrhunderts. Oh Schreck, kann ich euch sagen, seid froh, dass ihr so wohlbehütet in dieser Stadt hier und in den Köpfen der Kinder leben könnt. Krieg, Völkervertreibung, Neid, Eifersucht, Bedrohungen, Raub, Mord, Drogen, Totschlag, Selbstzerstörung, Terror hat es in ähnlicher Art und Weise schon lange davor gegeben, aber nicht in dem gewaltigen Ausmaß und in dieser Vielfalt wie in dieser Zeit. Reichtum ist das Einzige, was diese Zeitgenossen als erstrebenswertes Ziel noch kannten und diesem Abgott wurde alles untergeordnet. Täuschungen, Verleumdungen und Lügen nährten zusätzlich die unersättliche Gier nach dem verlogenen und blutverschmierten Machtsymbol Geld.

Seit Menschengedenken hat es Geschöpfe gegeben, die durch ihr Auftreten und ihre Kraft eine Führerschaft innehatten. Waren es in früheren Zeiten vor allem Stärke, Charisma, Charakter oder Bildung, die einen an die Macht gelangen ließen, aber auch durch Erbschaft konnte man seine gesellschaftliche Position von seinen Vorfahren ergattern, was aber meist danebenging. Zur damaligen Zeit hieß es: Wer die Macht hat, der nahm sich auch das Geld. Jedoch im 21. Jahrhundert war Geld gleich Macht und wer die Macht innehatte, der bestimmte und regierte. Nach außen hin machte alles eine gute Figur, aber hinter diesem Schutzmantel stand sehr oft die Verantwortung für Armut, Elend, Ausbeutung, Vertreibung, Versklavung, Hungersnot, Kinderarbeit und Tod. Aufgeweckte Beobachter könnten fast den Eindruck gewinnen, dass sich das Gefühlsempfinden proportional zum Reichtum abbaut, stimmt doch oder?

All diese negativen Erlebnisse alleine schafften es immer noch nicht, mir so richtig das Fürchten zu lehren. Darum wollte ich weiter, weiter in die Zukunft dieser Menschen. Aber wie kommt man dahin? Da schoss mir eine Idee durch den Kopf: Ich könnte mich doch durch die Gedankenwelt der Erdenbewohner in ihre gedankliche Zukunft einklinken, so würde ich wenigsten ihre Zukunftsaussichten aus ihrer Sicht kennenlernen. Es funktionierte, jedoch kaum angekommen überfiel mich ein riesiger Schock.

Aus der Tundra entwich stinkendes Methangas, welches die Erdoberfläche erwärmte. Eisberge schmolzen dahin und ließen den Meeresspiegel ansteigen, was wiederum großflächige Überflutungen in Küstengebieten hervorrief. Die Vegetation im Landinneren hatte sich durch die Erderwärmung gravierend verändert, wo einst Wiesen und Wälder standen gab es nur noch Ödland und unfruchtbare Landstriche. Diese gravierenden Umweltveränderungen ließen die Tier- und Pflanzenwelt bis auf ein paar wenige Arten aussterben, wie auch die Atemluft stark mit Staubpartikeln und Schadstoffen kontaminiert war.

Unter der Menschheit herrschte eine Kultur auf Basis von Egoismus und Selbstverherrlichung. Uneingeschränkte Lebensfreude behinderte jegliche Ressourcenplanung, dafür stieg die schier endlose Gewinnsucht an. Die meisten Menschen verlagerten ihren Lebensmittelpunkt in Städte, weil es sich dort viel einfacher und vor allem bequemer leben ließ. Riesige Wohnghettos, in denen eigene Gesetzte herrschten, schossen wie Pilze aus dem Boden. Wer es konnte und vermochte, der genoss sein Leben in vollen Zügen, denn wer lebte, lebte sowieso auf Kosten anderer.

Der gläserne Mensch war zur traurigen Wirklichkeit geworden. Die Bevölkerung wurde überall beobachtet, ihre zwischenmenschlichen Konversationen aufgezeichnet, ihr Konsumverhalten erfasst und jeder Leumundverstoß⁴ protokolliert, gerichtet und geahndet. Alles was nicht ausdrücklich erlaubt war, war verboten, was aber niemanden so wirklich interessierte. Geld gab’s genügend, doch nur ein Handvoll Menschen verwaltete den größten Teil dieses so heiß begehrten Machtsymbols. Ein paar wenige demonstrierten gegen die Herrschaft von Ausbeutung, Massenkonsum und Gewinnsucht, doch wen interessierte das? Unterricht an Schulen fand schon lange keiner mehr statt, wie auch im Alltag Speis und Trank nichts mehr mit Genuss zu tun hatten, sie dienten lediglich zur Befriedigung eines Grundbedürfnisses.

Um die Rentabilität von Fabriken zu steigern, wurden Arbeiter fortlaufend durch Roboter ersetzt, was immer mehr Arbeitslose auf die Straßen trieb. Arbeitslosenunterstützung war ein Fremdwort und ohne Geld gab’s keinen Einlass in die Gesellschaft. Dadurch fristete ein Großteil der Menschheit ein Dasein am absoluten Existenzminimum. Das alles war den Mächtigen egal, was kümmerte sie der „Pöbel". In Summe ein Teufelskreis ohne Gewinner, nur Verlierer.

All das konnte ich einfach nicht mehr mit meinen Wertvorstellungen messen und so hat mir diese Zukunftsvision der Menschheit doch noch die Angst in die Glieder getrieben. Ich konnte und wollte es einfach nicht fassen, dass die Leute wirklich so über ihre Zukunft dachten. Wie ihr, wünsche ich den Menschen da unten, dass diese schaurige Vision niemals zur Realität wird.

Seit ich aus dieser Zukunft wieder zurückgekehrt bin und der Spuk für mich vorbei ist, bin ich glücklich, wieder hier verweilen zu dürfen. Trotzdem sind mir einige negative Eindrücke erhalten geblieben, darum meine Bitte an euch alle, gebt, was ihr könnt, damit in den Köpfen der Kinder ein Umdenken stattfindet. Es soll unser gemeinsames Ziel sein, diesen kleinen Erdenbürgern wieder den Weg zu den natürlichen Dingen dieser Welt zu weisen. Die Kleinen von heute sind die Großen von morgen und somit die Erben der nächsten Jahrhunderte.

Ich bin heute zum ersten Mal bei dieser Veranstaltung dabei und ich freue mich sehr auf diesen Abend. Ganz im Sinne dieser unschuldigen Kinder wünsche ich euch und mir einen erlebnisreichen Abend und viel Vergnügen."

Während der Ansprache dieses einst furchtlosen Jünglings war es im Saal mäuschenstill. Alle lauschten gespannt seiner Erzählung durch die verschiedenen Epochen. Als seine Lippen verstummen, spenden ihm die Zuhörer gebührenden Beifall.

Zum Glück braucht es noch einen Moment, bis der nächste Gastredner die Bühne betreten kann, so bleibt den Zuschauern etwas Zeit, um über die bewegten Worte noch etwas nachzudenken.

Um die Festgäste abzulenken, springt nun „Till Eulenspiegel" ganz überraschend hinter dem Vorhang hervor und verbeugt sich tief vor seinem ehrwürdigen Publikum. Sogleich hebt sich sichtlich die Stimmung im Saal und Till startet sofort durch mit seiner Erzählung.

Tills Erzählung

(Till Eulenspiegel)

„Seid gegrüßt, ihr Lieben und Bösen, ihr Kleinen und Großen, ihr „Schierchen"⁴¹ und Schönen, ihr Dummen und „G’scheiten. Heute will ich euch weder aufs Glatteis führen, noch will ich euch auf den Arm nehmen. Auch müsst ihr euch nichts hinter die Ohren schreiben, denn dort könnt ihr es ja sowieso nicht nachlesen. Ich wünsche euch einen schönen Abend und erwarte, dass ihr wohl gespeist habt. Hoffentlich seid ihr dem Leitsatz „Lieber in Massen genießen, als aus kleinen Dosen treu geblieben? Wenn ich euch so anschaue und dann „meinereiner im Spiegel bewundere, dann merke ich erst, wie mickrig und hager ich in Wirklichkeit bin. Doch esset sorglos weiter, unser „Tischlein deck dich wird sich erst leeren, wenn sich auch der Hinterste und Letzte von euch seinen Ranzen bis obenhin gefüllt hat. Merkt euch meinen Leitsatz, viel Essen macht nicht dick, es formt nur den Körper.

Muss euch dringend was erzählen. Gestern tagte unser Familienrat, denn meines Erzeugers Tochter musste ihren Zukünftigen dem Rat vorführen. Seither hat für unseren Vater das Wörtchen „Mit-Gift" plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Das Problem fand

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