Finden Sie Ihren nächsten buch Favoriten

Werden Sie noch heute Mitglied und lesen Sie 30 Tage kostenlos
Immer sind wir überall: Reisen in Italien und Österreich

Immer sind wir überall: Reisen in Italien und Österreich

Vorschau lesen

Immer sind wir überall: Reisen in Italien und Österreich

Länge:
93 Seiten
1 Stunde
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 5, 2019
ISBN:
9783990370971
Format:
Buch

Beschreibung

Sinnliche Streifzüge durch Landschaften, Kulturräume und Küchen.
Was sieht und riecht ein großer, lebensweiser, mehrfach preisgekrönter Europäer, wenn er durch Europa reist? Einer, der in seiner Person viele Kulturen vereint und den der Krieg staatenlos gemacht hat … Welche Bilder entstehen in seinem Kopf, wenn er den Duft von Aprikosen atmet – oder den von Zimt, Kaffee, Vanille … wenn er in Rom vor den Trümmern der Antike steht, vor dem verschmitzt lächelnden heiligen Prokulus in Naturns, vor den sanft gewellten Weinbergen von Melk und Krems, wenn er in die weltbeste Salami aus dem umbrischen Norcia beißt oder in Wien auf den Künstler Spoerri trifft …? Ćosić lässt uns teilhaben an seinem inspirierenden Gedankenstrom, an den überraschenden Assoziationen, die ihn auf seinen Reisen nach Italien und entlang der Donau bewegen – und die sich schließlich zu einem wundersamen Bild Mitteleuropas fügen.
Herausgeber:
Freigegeben:
Mar 5, 2019
ISBN:
9783990370971
Format:
Buch

Über den Autor


Ähnlich wie Immer sind wir überall

Buchvorschau

Immer sind wir überall - Bora Ćosić

Donaubaedeker

ITALIENREISE

Unlängst habe ich entdeckt, was alles auf dem Bild von Carlo Carrà, der Musa metafisica, drauf ist. In einem Raum, der auch von de Chirico sein könnte, steht eine Puppe ohne Gesicht mit Tennisschläger und -ball in den Händen. Im Hintergrund sind ein geometrisches Objekt und die Vedute einer Stadt zu sehen und ganz vorne, man weiß nicht warum – eine Karte meines Landes Istrien! Durch einen besonderen Kreis ist darauf das Städtchen gekennzeichnet, in dem ich mein halbes Leben verbracht habe, Rovinj. Ich weiß nicht, was diesen Meister des Futurismus dazu getrieben hat, den Ort wie eine Zielscheibe zu markieren, in die man einen Pfeil hineinstoßen kann wie in das wichtigste Ziel. Es sieht mir ganz danach aus, dass es so passiert ist, wie wenn jemand einen Globus dreht und dann aufs Geratewohl an irgendeiner Stelle mit dem Finger darauf stößt.

Rovinj, eine alte Siedlung, ehemalige Insel, die später durch einen Damm in eine Halbinsel verwandelt wurde, dieses gotische Städtchen mit den grauen Mauern und der Himmelsbläue darüber war unter anderem die Ausgangsstation vieler meiner Wallfahrten in das Land Italien. Rovigno war früher ebenfalls ein italienisches Städtchen gewesen, Wohnort armer Fischer und einiger weniger bürgerlicher Herrschaften Anfang des letzten Jahrhunderts, wovon Fotos zeugen, manche vergilbt, andere in Sepia. Weil auch hier neben Seemannshemden und Kapitänsmänteln weiße Mädchenkleider flatterten und mancher herrschaftliche Sakko aus Lüster glänzte. Dieses Städtchen, wo die Deutschen ein Ozeanographisches Institut gründeten, ein funkelndes Aquarium errichteten, voller ungewöhnlicher Meeresgeschöpfe, und eine Wiener Firma schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts eine kurze, malerische Straßenbahnlinie einführte. Diese Umgebung habe ich vor über vierzig Jahren geerbt, als ich auf jenen Steilhügel oben zog, gleich unter dem großen Glockenturm, dem der Euphemia-Kirche.

Dort unter dem Dach habe ich von all den Italienreisen geträumt, und das tue ich auch heute noch. Weil ich in nur zwei Schritten schon in einer Stadt voller Metaphysik bin, unter den nervösen und melancholischen Triestinern, wo Professor Claudio Magris seine Gemeinde lehrt, dass es auch andere Welten gibt, im Norden, und dass die riesige Donau, jeder Geografie zum Trotz, ebenfalls in dieser Stadt entsprungen zu sein scheint. Während unsere jugoslawischen Mitbürger jahrzehntelang zwischen den Triester Läden hin- und hergerannt sind, um dort Makkaroni und Slips zu kaufen, habe ich seit fernen Tagen dem alten Café Tergesteo nachgespürt, in der Hoffnung, dort die bereits verstorbenen Triestiner Schriftsteller zu treffen. Aber ich schaue auch hinauf, Richtung Opicina, wo Svevo früher gewohnt hat. In dieser windigen Stadt, die Saba besungen und wo Joyce seine dichte Prosa geschmiedet hat, haben Italiener, Slowenen, Kroaten und Deutsche verrückte futuristische Kunstwerke konstruiert und jene Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit errichtet, die auch so heißt: Frontiere d’avanguardia. Černigoj, Miletti, Jablowski, Sanzin, Crali und Eduard Stepančić, der in meiner Jugend, um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, unsere ersten Bücher beim Belgrader Verlag Nolit ausgestattet hat. Es ist schon ein Jahrhundert her, seit die wahnsinnige Revolution des Futurismus entbrannt ist und schäumend vor Wut eine neue Auffassung von Kunst und Leben propagiert hat. Das geschah von Julisch Venetien bis nach Gorizia, an der Schwelle zu diesem wundersamen Haus des Italienertums. Anton Giulio Bragaglia hat mit seiner Kamera das Leben dieser Künstlergruppe von Moment zu Moment verfolgt, vielleicht hat er so auch etwas aufgenommen, was überhaupt nicht passiert ist. Der Segelflieger kroatisch-serbischer Herkunft Drago Bjelovučić soll über Triest lebensgefährliche Loopings gedreht und Flugblätter für seine Zunft abgeworfen haben, die berühmte Tänzerin Giannina Censi tanzte den Salat im Ballett Wir essen Salat, und Marinetti drohte telegrafisch aus Rom, er werde sie wegen derartiger Dummheiten alle aus der Bewegung werfen. Etwas davon sieht man vielleicht auf den Aufnahmen von Bragaglia, aber vielleicht waren es auch nur reine Hirngespinste. Der Maler Prampolini schrieb Libretti für Ballette und er malte auch etwas. Zu dieser Zeit schnitzte dort weiter im Süden Balla seine Holzblumen und Fortunato Depero Spielzeug für futuristische Kinder. Alle standen unaufhörlich miteinander im Briefwechsel, voller Zärtlichkeiten, Beleidigungen und Flüche. Manche von ihnen kleideten sich wie Botschafter, andere wie Lumpen und Penner. Es gab viele Schirmmützen neben Halbzylindern, viele Gamaschen neben derben Soldatenstiefeln bei den anderen. Manche von ihnen waren leichenkalt, wenn sie an ihren absonderlichen Gemälden arbeiteten, andere waren von Sinnen und brüllten ständig herum. Im Stil dieses Lärms entstand die Musik des Durcheinanders, der Bruitismus. Der kroatische Komponist Malec behauptet, die Notenschrift von Russolo sei der reinste Graus.

So bin ich, diese fröhliche Geschichte überspringend, in das Land Italien geschritten, geradewegs an den Kai der Hafenstadt Triest, wo Leonor Fini gemalt, Ettore Schmitz geschrieben und im nahen Schloss Rilke voller Wehmut sein liebliches Soliloquium gedichtet hat. Schon jahrelang begleite ich das Volk von Triest, das jeden Tag ausstirbt, pünktlich um dreizehn Uhr dreißig, sich hinter seinen Vorhängen begräbt, und dann gegen halb vier nachmittags ist da plötzlich eine neue Generation dieses Populus, der, schön angezogen, seine Geschäfte öffnet, Kaffee trinkt und wieder lebendig ist. So habe ich dieses Land mit der hohlen Hand an mich genommen, wie man klares Wasser an der Quelle schöpft. Im Norden, im Aostatal, habe ich auf verwunschene mittelalterliche Burgen gestarrt, auf lila Gipfel, schneebedeckt, und dann in einem kleinen Dorf bis tief in die Nacht zugesehen, wie der kostbare Käse Fontina hergestellt wird. Auf einem Berg oberhalb von Bozen habe ich in einem Lokal, das Gäste nur nach Anmeldung empfängt, das süße Gericht gekostet, das man auf althergebrachte Art nur gemeinsam isst, aus derselben Eisenpfanne. Das Land Italien habe ich sachte gezähmt, wie ein Haustier, und umgekehrt hat es auch mich langsam angenommen. Ich weiß, dass ich in meiner frühen Jugend, als man mir in einer Triestiner Osteria die erste Pasta mit Venusmuscheln vorsetzte, äußerst skeptisch war; es kam mir so vor, als schaute mich aus dem Teller eine Unmenge von Kinderaugen an. In einem romanischen Kirchlein in der Nähe, dort in Südtirol, sah ich auf einem schon blassen Fresko aus dem siebten Jahrhundert einen vergnügten Heiligen, der ewig auf seiner Schaukel durch die Jahrhunderte schaukelt. Kaum jemand hat ein derart verspieltes Aussehen wie dieser heilige Prokulus und geht so ungezwungen einem kindlichen Vergnügen nach. Als wäre die alte Epoche schon dadurch lustig gewesen, dass die heutigen schweren Zeiten nur eine unabsehbare Perspektive waren. Fröhlich sind auch die Kinder mit dem Ball und die Jungfrauen auf dem unübersichtlichen Mosaik, dem römischen, in Piazza Armerina. Die zu Beginn des ersten Millenniums ihr Ritual in ganz modernen Bikinis ausüben, wie am Strand der Copacabana. In einem Winter habe ich am Misurinasee den schönsten Schmuck gesehen, den der Januar aus Eis herstellt, violett und resedagrün. Die großen Baumeister der Gotik und Renaissance haben nicht nur ihre grandiosen Türme und Kirchenkuppeln (manchmal der päpstlichen Tiara ähnlich) errichtet, sondern gleichzeitig, in einem kindlichen Traum, Miniaturalternativen zu

Sie haben das Ende dieser Vorschau erreicht. Registrieren Sie sich, um mehr zu lesen!
Seite 1 von 1

Rezensionen

Was die anderen über Immer sind wir überall denken

0
0 Bewertungen / 0 Rezensionen
Wie hat es Ihnen gefallen?
Bewertung: 0 von 5 Sternen

Leser-Rezensionen