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Der Ungehorsam
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eBook138 Seiten3 Stunden

Der Ungehorsam

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Über dieses E-Book

Luca, 15 Jahre alt, fährt mit den Eltern nach den Sommerferien am Meer zurück
nach Rom, die Schule beginnt, aber seine Welt ist alles andere als in Ordnung:
Ein seltsamer Widerwille gegen alle Dinge beschleicht ihn, und er begibt sich
in eine innerliche Opposition zu allem, was ihn umgibt: die wohlhabenden Eltern,
deren Fürsorge er fortan zurückweist, der Unterricht, die Freunde – alles
wird ihm langweilig, alle Bindungen sind ihm lästig und zuwider. Seinen Besitz
verschenkt er an ihm vollkommen gleichgültige Personen, was ihn mit finsterer
Freude erfüllt.
Zwei Frauen befreien Luca aus seiner Todessehnsucht: Die eine, das Kindermädchen
seiner Cousinen, sorgt für sein erotisches Erwachen, die andere, eine
Krankenschwester, die ihn nach langem Fieber gesundpflegt, wird seine erste
leidenschaftliche Liebe.
Der Ungehorsam ist einer der schönsten Romane Alberto Moravias. Meisterhaft
beschreibt er in wenigen Sätzen das gutsituierte römische Milieu und die
aufgewühlte innere Welt des jungen Luca. Messerscharf beobachtet und mit
untergründigem Witz erzählt – ein Buch zum Wiederlesen!
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum14. März 2019
ISBN9783803142566
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    Mooi, afgerond verhaal met een zeer eenvoudige structuur (1 hoofdpersonage, 4 nevenpersonages). Verhaal van een puberteitscrisis van Luca die kiest voor het ultieme verzet tegen gezag: de doodswens, maar na een zware ziekte en seksuele initiatie de levenlust vindt.

Buchvorschau

Der Ungehorsam - Alberto Moravia

www.wagenbach.de

I

Die Ferien waren vorüber. Luca hatte sie am Meer verbracht, in der Sommerwohnung der Eltern, und nun, auf der Heimreise, war ihm, als sei etwas nicht in Ordnung, als stünde ihm eine Krankheit bevor. Der Fünfzehnjährige, in letzter Zeit merklich aufgeschossen, wirkte wie ein Mann mit schmalgebliebenen Schultern, bleichem Gesicht und beherrschenden, brennenden Augen. Sie schienen die fahle Stirn, die eingefallenen Wangen gleichsam verzehren zu wollen.

Luca bat die Eltern nicht, der Schule fernbleiben zu dürfen. Der Gedanke streifte ihn nicht einmal. In einem Alter, da es näherliegt zu empfinden, als das Empfundene zu werten, stellte er zwischen verminderter Widerstandskraft und der Abneigung zu lernen keinen Zusammenhang her. Er war sich seiner Geschwächtheit ebensowenig bewußt wie der Gefahren, die sie für ihn barg. Er ging seit jeher zur Schule. Es schien ihm selbstverständlich, weiter zur Schule zu gehen. Manchmal allerdings war ihm, als sähe er den Lernstoff nicht über das Schuljahr verteilt, nach Schultagen aufgegliedert, sondern vor sich aufgetürmt, ein ragendes Gebirge, dessen glatte Felswände keine Angriffsfläche boten. Es fehlte ihm nicht an Willen. Eher an Spannkraft, an Mut: Der Körper ließ ihn im Stich wie ein erschöpfter Gaul, dessen verzweifelter Reiter vergebens die Sporen gebraucht.

Luca hatte zu jener Zeit Wutanfälle, die, scheinbar grundlos, gewittergleich losbrachen und seine verbliebenen Kräfte in wütendem Rasen aufzehrten. Meist entzündeten sie sich an der stets neuen Erbitterung über den träg-stummen Widerstand lebloser Gegenstände oder, genauer gesagt, dem Zorn über die eigene Unfähigkeit, sich ihrer zu bedienen. Ein schlecht zugeschnürter Schuh, die trotz Verfolgungsjagd verpaßte Straßenbahn, verschüttete Tinte, der Schmerz – jäh und heftig, wenn Luca, ein Buch in der Hand, das er aufgehoben hatte, den Kopf an die Tischkante stieß –, derlei Nichtigkeiten brachten ihn außer sich. Dann fluchte er, knirschte mit den Zähnen, ja vergaß sich manchmal soweit, den Tisch mit Fäusten zu schlagen, die Tintenflasche zu zerschmettern oder in Tränen auszubrechen, in ein verzweifeltes Schluchzen, das, dem Anlaß nicht entsprechend, unverstandener Ausdruck vergessenen Leides zu sein schien. Die Welt war ihm feindlich gesonnen, und er haßte die Welt seinerseits, führte Krieg gegen sie, gegen alles, was ihn umgab. Diese Aufsässigkeit der Dinge sowie sein Unvermögen, ihrer Herr zu werden, trat während der Ferien täglich auf neue Art zutage. Und besonders ein Zwischenfall überzeugte Luca, daß zwischen ihm und dem Leben keine Einigung möglich war.

Luca bastelte gern. Wann immer es Pannen gab, wandte man sich an ihn. Eines Abends verlosch das Licht: Kurzschluß. Die Mutter rief laut nach Luca. Er nahm sein Werkzeug, tappte durch das Dunkel zu ihr und fing an herumzuhantieren. Plötzlich – hatte er es versäumt, die nötigen Vorkehrungen zu treffen, hatte er unbedachterweise den Stromkreis zu früh geschlossen –, wie dem auch gewesen sein mochte, Strom jagte durch seinen Körper. Luca schrie auf, umklammerte jedoch – natürliche Reaktion – die Drähte nur desto fester. Die Mutter, außer sich, stand ratlos dabei; Luca brüllte, der Strom schoß durch seine Finger, mit einer bösartigen Kraft, die nicht dem Draht zu entströmen schien, sondern der ganzen Welt, jener feindlich-geheimnisvollen, die er nicht verstand und die er haßte. Endlich, nach langem Durcheinander, kam jemand auf den Gedanken, den Hauptschalter abzustellen. Luca öffnete mühsam die Hände, warf sich in die Arme der Mutter und weinte. Sie drückte ihn an sich und glättete zärtlich sein Haar, doch ohne rechte Überzeugung: Sie begriff nicht, warum er schluchzte. Luca weinte lange, am ganzen Körper zitternd, nicht zuletzt, weil er erkennen mußte, daß die Zärtlichkeit der Mutter ihn nicht mehr heilte wie einst. Es wurde licht. Luca besah seine Hände. Drei Finger waren versengt. Der Strom hatte sie versehrt, sein Zeichen in die Kuppen gegraben: drei winzige gezackte Blitze.

Der nächste Wutanfall ereilte Luca in der Eisenbahn, auf der Heimreise vom Meer. Er hatte das Frühstück, eine Schale lauwarmen schlechten Kaffees, im Morgengrauen hinuntergestürzt, inmitten von Koffern und Kisten, der Ungastlichkeit des Aufbruchs. »Iß ordentlich«, hatte die Mutter gesagt, über ihre Tasse hinweg, »im Speisewagen wird spät serviert.«

Die Aussicht, im Speisewagen zu essen, hatte Luca erfreut. An diesen Tischchen – er hatte sie oft schon in anderen Zügen bemerkt, bei Bahnhofsaufenthalten – aß man gewiß mit Behagen, mit Freude und Appetit. Brot, Suppe, Fleisch, von Kellnern gereicht, mit Messer und Gabel verzehrt, während der Zug das fliehende Land vor sich herjagte, mußten anders und besser schmecken. Luca litt unter Mißachtung, hielt viel auf äußere Form. Er haßte es aus tiefstem Herzen, im Abteil Reiseproviant zu essen, Pakete auf dem Schoß, aus fettigen Papieren Brötchen hervorzuziehen. Bei solchen Mahlzeiten fehlte es nie an stummen, verachtungsvollen Zeugen, die in der Absicht, den Speisewagen aufzusuchen, die Sandwichfamilie hoheitsvoll musterten. Die vornehme alte Dame zum Beispiel, auf der Fahrt in die Ferien … Wie mißbilligend hatte sie zugesehen. Luca hatte sich doppelt geschämt: daß er so essen mußte und daß er sich dessen schämte. Und vor lauter Demütigung war sein Appetit verflogen.

Nun, diesmal hieß es nicht, dick belegte Brote aus fettigen Papieren zu schälen. Ein angenehmer Gedanke. Luca saß lange Zeit ruhig und blickte zum Fenster hinaus. Der Speisewagenkellner kam, um die Platzkarten auszugeben. Der Vater schwieg. Luca dachte: wahrscheinlich beim zweiten Service – und betrachtete weiter die Landschaft. Da hörte er den Vater sagen: »Eigentlich könnten wir in Orvieto Proviant kaufen. Das ist wesentlich billiger, als in den Speisewagen zu gehen. Außerdem sind die Sachen, die man in den Körbchen bekommt, qualitativ viel besser.«

Der Vater sprach ruhig, leidenschaftslos, und Luca verstand sehr wohl, daß nicht Geiz die Überlegung bestimmte, sondern einfache Vernunft. Die Mutter, Sparmaßnahmen jederzeit zugänglich, sagte gleichmütig: »Wie du meinst. Eigentlich hätte ich lieber im Speisewagen gegessen. Man macht sich sonst die Hände so fettig.«

Zwei Erwachsene besprachen eine Nichtigkeit. Die Unterhaltung, gelassen-freundschaftlich geführt, endete mit dem Sieg des Vaters, einem so läppischen, so leicht errungenen Sieg, daß das Ganze eher an eine Übereinkunft gleichgestimmter Seelen gemahnte. Luca wußte genau, daß sich der Verzicht auf den Plan, im Speisewagen zu essen, nicht gegen ihn richtete. Trotzdem schoß Wut in ihm hoch. Und was ihn am meisten verletzte: Weder Vater noch Mutter fragten nach seiner Meinung, als wäre er ein Gegenstand, ein Ding, und auf Grund seiner Dinghaftigkeit keines Gedankens fähig, keiner Vorliebe, keines Wunsches. Seine Enttäuschung war um so tiefer, als er dem Aufenthalt im Speisewagen mit Freude entgegengesehen hatte. Und zu diesen Widrigkeiten gesellte sich eine weitere, die auf den ersten Blick mit der Speisewagensache nichts zu tun zu haben schien: der sonderbare Zorn, der ihn unweigerlich befiel, wenn Menschen oder Dinge sich seinem Willen widersetzten, der plötzlich, auf einmal, ausbrach wie ein uneindämmbarer Brand, ihn erfaßte und versengte. Luca wurde bleich, biß die Zähne zusammen, sein Körper versteifte sich. Einen Augenblick war er versucht, sich aus dem Zug zu stürzen. Die Anwandlung erschreckte ihn weder, noch schien sie ihm absurd: Das niederdrückende Bewußtsein der eigenen Machtlosigkeit suchte sich Luft zu machen. Er schlug die Augen auf, musterte seine Eltern, als sähe er sie zum erstenmal, als hätte die Wut, ein grelles, schmerzendes Licht, ihre Züge neu gezeichnet.

Da war die Mutter, blond, hager, mit einem kantigen Gesicht, dem die vorspringende Nase, der gerade, schmallippige Mund etwas Kluges, Herrisches verliehen; der Vater, ebenfalls blond, aber rundlich weich, mit sanften, gutmütigen Zügen, die zu verschwimmen schienen. Zum erstenmal war es Luca, als sei ihm das Wesen der Eltern – Härte und Tugend der Mutter, Vernünftigkeit, Wohlwollen des Vaters – nicht nur fremd, sondern geradezu feindlich, als wollte ihm nichts auf der Welt ihre Eigenschaften näherbringen, ja als erreichten sie ihn wie das Licht kalter, ferner Sterne, die sich jeder Annäherung entzogen. Wahrscheinlich wären die Eltern mit ihm in den Speisewagen gegangen – nach kurzem Sträuben der Mutter, die es nicht liebte, Beschlossenes zu widerrufen –, hätte er seinen Wunsch ausgesprochen. Aber er wollte die Eltern um keinen Preis zu Handlungen veranlassen, die sie, unbeeinflußt, nie und nimmer ausgeführt hätten. Die Heftigkeit seines Wunsches, im Speisewagen zu essen, störte und ärgerte ihn wie ein sinnloser Impuls, der keine Beachtung verdiente. Aber es ging längst nicht mehr darum, im Speisewagen zu essen oder nicht, sondern darum, daß jene Feindseligkeit, die ihm überall entgegenschlug, nun auch von den Eltern ausströmte. Das rückte sie von ihm weg, mochten sie ihn noch so sehr lieben, verwies sie in die Reihen der zu bekämpfenden Kräfte.

Lucas Zorn legte sich nicht. Der Zug hielt in Orvieto. Der Vater stieg aus – Luca sah ihm nach, mit äußerstem Widerwillen –, kaufte Proviant und kam atemlos zurück. Sorgfältig schloß er die Tür, hakte das Klapptischchen ein, setzte die drei Schachteln ab und fragte mit jener oberflächlichen, leicht weinerlichen Beflissenheit, die für ihn bezeichnend war: »Chino, bist du hungrig? Sollen wir jetzt essen? Oder möchtest du lieber warten?« Luca sagte, ohne sich umzuwenden: »Ich esse, wenn ihr eßt.« Der Zug setzte sich in Bewegung. Beim Anblick der Landschaft, die langsam, dann schneller vorüberzog, ließ Lucas Wut etwas nach. Aber auf einmal – er wußte nicht, wieso – überfiel sie ihn mit neuer Macht. Er konnte sich nicht mehr beherrschen, sprang auf, verließ das Abteil, ging geradewegs zur Toilette, betrat die Kabine und knallte die Tür zu. In dem Spiegel oberhalb des Waschbeckens sah Luca sein Gesicht, seinen weit aufgerissenen Mund, doch kein Laut kam aus seiner Kehle. Dennoch wußte er, daß er schrie, mit seinem ganzen Körper. Der Zug jagte voran, heftig, unaufhaltsam, durchratterte Weiche um Weiche. Alles klirrte, ächzte, die Achsen, die Scheiben, der Messingfensterrahmen, das Trinkglas in seinem Ständer – Hunderte Eisenteilchen wurden durcheinandergerüttelt. Und in dem Getöse stand Luca, verkrampft, gespannt, offenen Mundes, mit dem unsinnigen Gefühl, den Lärm zu überschreien. Der Zug – so erschien es ihm – war sein Zorn, war gestaltgewordene Wut, würde im nächsten Augenblick aus den Schienen springen, durch die Luft jagen und an den Hügeln zerschellen.

Endlich kehrte er ins Abteil zurück. Die Proviantschachteln waren offen. Der Vater, eine Zeitung über die Knie gelegt, bereitete Brötchen. »Für dich«, sagte er und reichte Luca das erste. Dann fragte er seine Frau: »Möchtest du den Wein jetzt? Aber

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