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Die Dritte Aufklärung

Die Dritte Aufklärung

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Die Dritte Aufklärung

Länge:
89 Seiten
1 Stunde
Freigegeben:
Oct 23, 2018
ISBN:
9783964765024
Format:
Buch

Beschreibung

Wir haben zu allem eine Meinung, aber kaum noch Argumente – es wird Zeit für eine neue Aufklärungsbewegung! Michael Hampe zeigt, warum auch die Dritte Aufklärung nur eine Bildungsbewegung sein kann. Wir brauchen wieder gemeinsame kulturelle Projekte, aus denen Sinn und nicht nur Reichtum entsteht, um weder Gewalt, Grausamkeit noch Illusionen als Ersatz-Intensitäten in unserer Lebenserfahrung zu verfallen. Solche kollektiven Projekte und die mit ihnen einhergehenden Erfahrungen von Intensität entstehen aus Bildungsprozessen. Dabei geht es Hampe nicht um Elitenbildung. Es geht um den Erwerb einer gemeinschaftlichen Kreativität, die uns den Mut und die Mündigkeit verleiht, die Zukunft nicht einfach nur zu beobachten, sondern zu gestalten. "Und Verkünder kommender Paradiese und Höllen nach Hause zu schicken."
Freigegeben:
Oct 23, 2018
ISBN:
9783964765024
Format:
Buch

Über den Autor

Michael Hampe teaches philosophy at ETH Zurich.


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Buchvorschau

Die Dritte Aufklärung - Michael Hampe

Dank

Vom Streben nach Autonomie zur Meinungsinflation in universaler Konkurrenz

Illusionslosigkeit

Illusionen können Mut machen und Kräfte freisetzen. Niemand kommt ganz ohne sie aus. Doch sie sind auch gefährlich. Wer sich in einer gesundheitlich oder geschäftlich schwierigen Lage befindet und sich lieber nicht vor Augen führt, wie die Dinge liegen, wie groß die Gefahr ist, in der er schwebt, weil er sich vorgaukelt, alles werde »schon gut ausgehen«, macht sich, auch wenn er sich damit beruhigen kann, wehrlos gegenüber den Bedrohungen, denen er ausgesetzt ist. Illusionen spielen auch in Politik und Kultur eine wichtige Rolle. Doch gerade hier sind sie schwer zu erkennen.

Gibt es in der Gegenwart eine bedrohliche Lage, über die sich die Betroffenen mit Illusionen hinwegtäuschen? Der Aufstieg autoritärer Politiker in zahlreichen Ländern infolge einer globalen Finanzkrise nach Jahrzehnten, in denen sich Freiheit und Wohlstand auf der ganzen Welt zu vermehren schienen, erinnert viele an die Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts, an die Zeit unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg: Die sich ausbreitende Wut auf ein vielfältiges, freiheitliches Leben, die um sich greifende Intellektuellen- und Medienschelte, die Verachtung für eigentlich funktionierende staatliche Institutionen – all das hat es schon einmal gegeben. Hat die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright recht, wenn sie vor einer Wiederkehr des Faschismus warnt, vor der sich ausbreitenden Tendenz, mit Meinungsmanipulation, Hass und Gewalt die eigenen politischen und kulturellen Ziele durchsetzen zu wollen und dabei diejenigen, die sich einem entgegenstellen, auszugrenzen, einzuschüchtern und sich lügend zum vermeintlichen Sprachrohr der schweigenden Mehrheit zu erklären?¹ Wiederholt sich in der Wahl von Männern wie Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei, Narendra Modi in Indien und zuletzt Donald Trump in den USA die Geschichte? Sehen wir hier die Nachfolger von Francisco Franco, Benito Mussolini, Josef Stalin, Tojo Hideki und Adolf Hitler vor uns? Stehen uns große Gewaltausbrüche bevor?

In der Regel werden diese Fragen in Diskussionen über die gegenwärtige Krise der Demokratie gestellt. Demokratien setzen idealerweise wohlinformierte und am Gemeinwesen interessierte Bürgerinnen und Bürger voraus, die sich in der Öffentlichkeit ohne Furcht voreinander (oder der Regierung) in offenen und kritischen Debatten über ihre gemeinsamen Ziele austauschen. Nur da, wo Meinungstoleranz und keine Repression herrscht, kann ein angstfreier öffentlicher Raum für Diskussionen entstehen. Der Austausch in diesem Raum ist die Grundlage für eine freie Wahl, in der die Mehrheit die Regierung ihres Vertrauens an die Macht bringt. Von diesem Ideal, das so vielleicht nie Wirklichkeit gewesen ist, sehen viele auch die Gemeinwesen »klassischer Demokratien« sich gegenwärtig immer mehr entfernen. Obwohl regelmäßig Wahlen abgehalten würden, seien diese zu einem von PR- und Social-Media-Beratern kontrollierten »reinen Spektakel« verkommen, in dem »die Mehrheit der Bürger […] eine passive, schweigende, ja sogar apathische Rolle« spiele.² Entscheidungen würden nach diesem Wahlspektakel, in dem es nicht um Abwägung von Argumenten, sondern die Anheizung von Stimmungen und eine möglichst effektive Verbreitung von Fehlinformationen gehe, von Experten hinter verschlossenen Türen gefällt. Weil die Wählerinnen und Wähler das durchschauten, hätten sie kein Vertrauen mehr in die zur Wahl stehenden Politiker und das demokratische System der Regierungsbildung.

Wohlinformierte und am Gemeinwohl interessierte Bürger, die Existenz einer Öffentlichkeit, in der sich Menschen wahrhaftig und ohne Furcht über gemeinsame Ziele austauschen können, und Vertrauen in die politischen Institutionen sind jedoch nicht etwas, was notwendig an Demokratie als Regierungsform gebunden wäre. Hier handelt es sich vielmehr um Charakteristika einer aufgeklärten politischen Kultur, die auch einer Demokratie förderlich sind, aber nicht an sie gebunden sein müssen. Wir neigen dazu, eine aufgeklärte Kultur, demokratische Regierungsbildung, Achtung der Menschenrechte und freie Marktwirtschaft als eine Einheit zu sehen, in der sich die genannten Elemente gegenseitig bedingen. Doch das ist nicht der Fall. Es kann Marktwirtschaft ohne Demokratie und ohne Menschenrechte geben (wie in China und Singapur), Demokratie ohne Marktwirtschaft (wie in der Römischen Republik ab 509 v. Chr., wo Latifundienwirtschaft herrschte) und eben auch aufgeklärte Kultur ohne Demokratie.

So fanden vergangene Bewegungen der Aufklärung nicht in Demokratien in unserem modernen Sinne statt, sondern in Sklavenhaltergesellschaften wie dem klassischen Athen und absolutistischen Monarchien wie dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Auch in der Athener Sklavenhaltergesellschaft gab es eine Hochschätzung des Arguments, von Kritik und einer angstfreien Öffentlichkeit. Auch im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gab es nach dem Westfälischen Frieden, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, religiöse Toleranz und die Möglichkeit, dass »Untertanen« den Rechtsweg gegen ihre »Obrigkeit« beschreiten und mit Argumenten mit denen stritten, die sie regierten.³

Das bedeutet, dass sich Gesellschaften mit sehr unterschiedlichen politischen Systemen aufklären können. Es heißt aber auch umgekehrt, dass dasselbe politische System sowohl in einer aufgeklärten wie in einer unaufgeklärten Kultur realisiert sein kann. Die NSDAP und Hitler wurden im Dritten Reich in Wahlen bestätigt. Aber dies geschah nicht in einer aufgeklärten Kultur. Es herrschte vielmehr ein repressives, von Gewalttätigkeit und Lügen bestimmtes öffentliches Klima. Es könnte sein, dass wir uns gegenwärtig nicht primär in einer Krise der Demokratie befinden, sondern eine Erosion der aufgeklärten Kultur stattgefunden hat, die sich auf die Art und Weise auswirkt, wie Demokratien »funktionieren«. Wenn das der Fall ist, darf man sich keine Illusionen machen und muss eine weitere Aufklärungsbewegung anstreben. Es könnte sein, dass der Verlust einer aufgeklärten Kultur gravierender ist als der der Demokratie. Vielleicht würde es sich in einem modernen Preußen mit aufgeklärtem Absolutismus besser leben als in einer nationalsozialistischen »Demokratie«, die die aufgeklärte Kultur ausgelöscht hat (ohne dass damit eine aufgeklärte Demokratie als die beste gemeinschaftliche Lebensform, die wir kennen, infrage gestellt sein soll).

In der Antike gab es bei Platon, Aristoteles, Polybios und Cicero die Lehre vom Kreislauf der Verfassungen: Danach kippen gute Herrschaftsformen wie Monarchie, Aristokratie und Demokratie, wenn sie

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