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Der Himmel ist ein sehr großer Mann: Roman
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eBook165 Seiten2 Stunden

Der Himmel ist ein sehr großer Mann: Roman

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Über dieses E-Book

Ein Buchhändler, das Kind, ein Ritter. Das Kind blickt nach vorn, der Buchhändler zurück, der Ritter hat die Zeit überwunden. Peter Zimmermanns neuer Roman handelt von nichts weniger als dem Leben, er führt zusammen, was uns Menschen eint. Ein großer und wunderschöner Roman.

Der Buchhändler führt ein ruhiges Leben. Er lebt stark in der Vergangenheit, erinnert sich an seine Kindheit, an das ständige Schweigen des Vaters, der ihn an den Wochenenden und in den Ferien mit dem Auto zu den Großeltern bringt. An die Wochenenden in den Wäldern, wo der Bub herumstreift und seinen Phantasien nachjagt. An das plötzliche Verschwinden der Großmutter. An die fremde Frau, die an Großmutters Stelle tritt. Das Kind sieht alles, aber verstehen kann es die Erwachsenenwelt nicht.
Doch eines Tages geschieht im Leben des Jungen etwas Wundervolles: Ein Ritter bricht in seine magische Welt ein, eine Gestalt aus einer anderen Zeit. Der Ritter lebt ewig, etwas oder jemand treibt ihn durch die Jahrhunderte und hat offensichtlich Freude daran, ihn die Geschichte der menschlichen Zivilisation durchleben zu lassen. Der Bub hat nun jemanden gefunden, der ihm Antworten auf seine vielen Fragen gibt. In gemeinsamen Gesprächen erzählt ihm der Ritter von seinen Erlebnissen und von seinen Erkenntnissen – hier wird der Roman großartig und das Lesen zum reinen Genuss.

Peter Zimmermanns geschliffene und gehaltvolle Prosa erweist sich erneut als gelungenes Beispiel eines magischen Realismus, für den Sachlichkeit und Wunder nicht als Gegensätze gelten.
SpracheDeutsch
HerausgeberMilena Verlag
Erscheinungsdatum19. Juni 2019
ISBN9783903184473
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    Buchvorschau

    Der Himmel ist ein sehr großer Mann - Peter Zimmermann

    BUSFAHRER

    DIE ABWESENHEIT

    Ein paar Tage noch, dann ist Weihnachten, doch es regnet seit gut einer Woche mit wenigen Unterbrechungen und der Boden ist weich wie im April. Es dämmert den ganzen Tag über und von Süden her, vom Meer und der friulanischen Ebene, bläst der Wind immer neue Wolken heran, die sich an den Berghängen verfangen und den Himmel schiefergrau verschließen. Die feuchte Haut der nackten Bäume glänzt im Licht der Straßenlaternen, die Äste schlagen aneinander, als applaudierten sie der ungewöhnlichen Wetterlage. Hangaufwärts wiegen sich schwarz die Tannen und die Fichten und balgen sich mit den Böen, und es riecht nach Moder und Moos und auch ein wenig nach Salz.

    Hinter den Häusern wird es rasch dunkel und der Buchhändler geht, nachdem er den Laden zugesperrt hat, allein durch den Abend, ohne Schnee und ohne Mond, die Anhöhe hinauf. Er friert nicht wie früher an den klaren Dezemberabenden, wenn die kalte Luft in der Lunge brannte und es um ihn herum funkelte wie in Laurins unterirdischem Reich. Er geht trotz der Nässe mit offenem Mantel, der Kopf fühlt sich nach dem ersten Anstieg heiß an. Tropfen rinnen ihm übers Gesicht und lösen sich vom Kinn oder versickern im Hemdkragen, die Hose klebt an den Oberschenkeln. Er stellt sich vor, dass die Straße an einer Küste entlang führt und die Wellen, die an den Uferfelsen brechen, in die Höhe geworfen werden und über ihm zerstäuben. Er kann das Meer ebensowenig sehen wie die Wiese, den Abhang, die Büsche, alles ist von der Dunkelheit verschluckt, ausgelöscht. In einigen Häusern brennt Licht, aber die sind weit entfernt und eigentlich nicht als Häuser zu erkennen, sondern nur einzelne Fenster als kleine gelbe Rechtecke oder Punkte. Warum also sollen es Häuser sein und nicht Boote, die zurück in den Hafen fahren, oder Schiffe, die vor Anker liegen? Zu Weihnachten kehren die Seeleute heim, auch die Fischer mit ihrem traurigen Fang, durchnässt betreten sie ihre Hütten und fragen sich, womit sie ihre Kinder überraschen werden.

    Als er Kind war, lag zu dieser Zeit der Schnee gut zwei Meter hoch, und wenn er die Straße bergauf zum Haus der Großeltern ging, bewegte er sich durch einen weißen Schützengraben. Über ihm war nur die kalte Sonne, oder der Mond, wenn es dämmerte, wie ein schief aufgeklebtes Schnipsel Buntpapier auf dunkelblauem Filz. Was er von der Welt sehen konnte, war nicht viel, ein bisschen weiß, ein bisschen blau, ein bisschen gelb. Was eben um ihn herum war. Den Rest dachte er sich aus. Manchmal grub er eine Höhle in den Schnee, hockte sich hinein und wartete, bis ein Auto vorbeifuhr, sich im ersten Gang die Straße hochmühte und auf dem glatten Untergrund die Spur nicht halten konnte. Der Motor jaulte und manchmal stieß ein Wagen dumpf gegen die Schneewechte am Straßenrand. Dann schloss er die Augen und sah Panzerkolonnen an sich vorbeiziehen oder über seinem Kopf eine Reiterarmee den Berg hinabsprengen, doch er wusste sich gut aufgehoben in seinem Versteck. Möglicherweise würde niemand den Angriff überleben, bloß er, der Unentdeckte, der allein durch die Wüste aus Schnee oder auch Sand, Ruinen und rauchenden Wracks ging.

    Wenn er dann wieder aus dem Loch hervorkroch und weitermarschierte, stand schließlich das Haus der Großeltern unversehrt an der Stelle, an der es stand, seit er auf der Welt war. Und durch das Küchenfenster sah er unten im Tal die dampfende Fabrik und die grauen Häuser und die Straße, die den Ort in zwei Hälften teilte. Die Wirklichkeit war eingefroren in der kalten Dezemberluft, und der Winter schien kein Ende zu nehmen, damals. Jetzt ist er nichts weiter als Regen auf seinem Gesicht, durchnässte Schuhe und ein Geruch, der nicht hierhergehört. Das Meer ist zweihundert Kilometer weit entfernt, dazwischen liegen Berge und eine breite Ebene, und dennoch scheint es herangerückt zu sein an den Ort, den er nie verlassen hat und nie verlassen wird, jedenfalls nicht freiwillig.

    Und ehe die Straße sich scharf nach links krümmt, zweigt er auf den Fußpfad ab, der ihn wieder zurück in den Ort führt, vorbei an den Baracken der Fabrikarbeiter, die schon lange leer stehen und deren Mauern an vielen Stellen gespalten sind vom Frost und von der Nässe. Er weiß, wo er hintreten muss, er braucht die schmale Linie aus gestampfter Erde nicht zu sehen, sie ist da, seit er sich erinnern kann, und manchmal wünscht er sich tatsächlich, augenblicklich in Kampfhandlungen zu geraten, nur um im vertrauten Gelände abzutauchen und sich in der Unsichtbarkeit so geborgen zu fühlen wie damals in der Schneehöhle. Aber er ist ja kein Kind mehr, das verschwindet, weil das Wünschen noch hilft.

    Mit jedem Schritt versinkt er im weichen Boden und manchmal windet sich die nasse Erde unter seinen Sohlen wie ein Tier, auf dessen Rücken er versehentlich getreten ist. Er muss die Arme ausbreiten, um die Balance zu halten, aber er ist sich seiner Sache sicher, wie der Artist, der täglich über den Köpfen der Zuschauer auf dem Seil geht und sich von den Rufen und Pfiffen nicht beirren lässt. Im Gehen ist er mit der Welt verwachsen. Nichts lässt sich mit dem Gehen vergleichen. Vor allem in der Dunkelheit, im vertrauten Gelände. Es ist, wie wenn man eine Tür nach der anderen aufstößt und nie an ein Ende kommt. Man muss das Licht nicht aufdrehen und verirrt sich dennoch nicht. Eine Tür folgt auf die andere, ein Raum auf den nächsten, es gibt keine Überraschungen. Das Denken füllt die Finsternis aus, alle Gesichter und Geräusche entspringen dem Denken, werden aus dem Kopf in die Welt gesetzt und vom Kopf beherrscht.

    Der Anker hat nichts gefunden, hatte der Weiße Ritter gesagt, weder ein Land noch einen Ort, nirgends ist ein Bleiben, niemals eine Rast. Eine Tür nach der anderen, ein Tag nach dem anderen, ein Winter, ein Sommer nach dem anderen. Wenn der Buchhändler den drei Buben von dem Weißen Ritter erzählt, lachen sie ihn immer aus, jedenfalls lächeln sie verlegen und vielleicht auch ein bisschen verächtlich über den älteren Mann, der ihnen ein Märchen aufbinden möchte. Sie können nicht wissen, dass es kein Märchen ist, sie kommen in seinen Laden und schauen sich die Taschenbücher an, die im Regal neben der Eingangstür stehen. Sie ziehen das eine oder andere heraus, schauen sich den Einband an, blättern und tun, als wüssten sie Bescheid.

    Als sie das erste Mal gekommen waren, hatte er sie argwöhnisch beobachtet, sie hatten nicht so ausgesehen, als wären sie ernsthaft an Wunschloses Unglück oder Das Glasperlenspiel interessiert. Er hatte damit gerechnet, dass sie nur auf eine Gelegenheit warteten, irgendetwas mitgehen zu lassen. Er hatte sie nicht aus den Augen gelassen, auch wenn er Kundschaft hatte, dann waren sie wieder abgezogen, ohne etwas zu sagen. Aber sie kamen wieder, einmal im Monat vielleicht, nahmen die Bücher in Augenschein, vor allem die neu eingelangten, und eines Tages sah er ihnen zu, wie sie über einem davon länger die Köpfe zusammensteckten, darin lasen und immer wieder kicherten. Es kam nicht oft vor, dass jemand etwas anderes als einen Krimi oder einen Wanderführer verlangte, aber der Kleinste war es, der mit dem dicken Haar und den Sommersprossen, der Frost auf den Ladentisch legte und fragte, was es koste. Er bezahlte den Preis und als dann alle drei den Laden verließen, boxten sie sich gegenseitig auf die Oberarme. Es fehlte nur, dass einer einen Luftsprung gemacht hätte.

    Beim nächsten Besuch fragte er sie, wie ihnen Frost gefallen habe, und nach einem Moment des Erschreckens oder Erstaunens, weil sie offensichtlich nicht damit gerechnet hatten, dass der Buchhändler sich für ihre Belange interessierte, sagte der Kleine mit dem dicken Haar kleinlaut, das Buch sei über weite Strecken sehr komisch, auch wenn er das Gefühl habe, dass der Autor das gar nicht beabsichtigte. Zugleich, mischte sich sein Freund mit den zusammenstehenden Augen ein, vergehe einem aber das Lachen, weil alles im Buch an ihren kleinen Ort erinnere, an die Eltern, die Gasthäuser und die Männer, die dort meistens stumm an den Tischen säßen. Der dritte sagte nichts und schaute zu Boden. Das tat er auch später meistens, wenn sie ein paar Sätze über die Bücher austauschten, die immer der Kleine bezahlte. Wenn er etwas sagte, war es immer nur genau oder sicher, oder er murmelte nur. Der Weiße Ritter stellte dann die gewohnte Ordnung wieder her. Sobald der Buchhändler ihn erwähnte, grinsten die Buben und wurden wohl in ihrer Überzeugung bestärkt, dass man sich auf Erwachsene nicht allzu sehr einlassen dürfe.

    Wer will es ihnen verdenken, sagt der Buchhändler sich und plagt sich mit dem Tier unter seinen Füßen. Der Regen hat es wachsen und unruhig werden lassen.

    Es gibt ja nicht oft Gelegenheit zu lachen, wenn man den ganzen Tag im Laden steht und Geschenkpapier, Bleistifte, Klebebänder und manchmal ein Buch verkauft, Briefe und Pakete entgegennimmt und ausgibt – und schließlich, wenn man die Tür hinter sich abschließt, seine abendliche Runde dreht, immer die Straße hinauf zum Haus, und ehe man es erreicht, nach rechts, den erdigen Steig an den Arbeiterbaracken vorbei zur stillgelegten Fabrik einschlägt und schließlich zuhause ankommt. Dort ist es still, nur manchmal kracht das Blechdach in der Hitze oder im Frost, oder schlägt der Regen auf. Es ist immer still unterm Himmel, jedenfalls unter seinem, der nicht der Himmel aller ist. So jedenfalls kommt es ihm vor, denn nicht jeder sieht dort oben einen großen Mann. Kinder vielleicht, aber nicht Erwachsene.

    Er hört seine Schritte und manchmal ein Auto oder das Wummern eines Flugzeugs am Himmel oder die Blätter der Bäume und Sträucher. Brechende Äste, Vögel, selten Stimmen. All das verstärkt die Stille nur. Das war einmal anders, aber jetzt ist es fast ein Wunder, dass unter all den alten Leuten und den paar Übriggebliebenen aus einer anderen Zeit, mit denen die Welt nichts mehr anzufangen weiß, drei Buben bei ihm auftauchen, die er nie zuvor gesehen hat. Wobei er weiß, dass es beim Sehen nicht darauf ankommt, was da ist, sondern dass da mehr ist, als man denkt. Dass über den Dingen oft noch etwas liegt, und darüber vielleicht noch etwas. So wie das Meer da ist, wo Hügel und Berge sind. Drüben auf der Wiese ein Feuer und Körper wie Scherenschnitte, hockend oder die Flamme umkreisend. Und doch ist dieselbe Stelle auch in Dunkelheit getaucht, oder es liegt Nebel über dem Gras und der Himmel ist verhangen und blau und wüstengelb und voller Sterne. Auch wenn er im Laden steht, schaut er in die Gesichter, bis er ein zweites, ein drittes entdeckt. Die Leute sind verunsichert, wenn er sie so anschaut und nichts sagt. Sie reden dann auch nur das Nötigste mit ihm, halten ihn für eigensinnig und sind froh, wenn sie die Ladentür wieder von außen schließen können. Aber es ist nun einmal der einzige Laden im Ort, um den niemand einen Bogen machen kann, es sei denn, er fährt dreißig Kilometer weit in die Stadt. Den Alten ist das zu weit, und die Übriggebliebenen haben kein Geld für derlei Ausflüge. Aber bei den Buben ist es etwas anderes. Sie waren fremd von Anfang an, und er sah nichts außer drei Milchgesichter.

    Unter anderen Umständen hätte die Beflissenheit der Buben bei der Begutachtung der Bücher, ihre Ernsthaftigkeit beim Befühlen des Papiers und des Einbands, ihre etwas altkluge Neugier, wenn sie ihn fragen, ob er diesen Roman oder jene Erzählung schon gelesen habe, etwas Komisches. Sie sind erst einen Schritt von der Kindheit entfernt, und doch unterlaufen sie seine Erwartungen, weil ihre bartlosen Gesichter ein Versteck für etwas anderes zu sein scheinen, etwas Älteres, nicht hierher Gehörendes, dem er nicht auf die Spur kommt.

    Eines Tages, als er sie dabei beobachtete, wie sie Uhr ohne Zeiger, Am Rande der Nacht und Der wiedergefundene Freund vor sich auflegten, drei Bücher, die er schon seit vielen Jahren im Regal stehen hatte, sodass er fürchtete, sie würden zerfallen, wenn er einmal auf den Gedanken käme, sie auszusortieren, drei Bücher, die er gelesen hatte, als er ungefähr so alt war wie sie, kam ihm der Gedanke, dass er auf sich selbst, aufgespalten durch ein Prisma, schaute. Er sah drei Teile von etwas Ganzem, das war das Irritierende. Er musste sie nur zusammenfügen. Als er auflachte, sahen ihn die drei einen Augenblick lang ausdruckslos an, dann grinsten auch sie. Der Kleine kniff die Augen zusammen und der, der nie etwas sagte, tippte sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn.

    Am Ende der Kindheit wird man ein anderer. Ob das den Buben klar ist, weiß er nicht, ihm jedenfalls wurde das so deutlich wie nichts sonst im Leben.

    Am Ende seiner Kindheit gab es da oben im Haus nichts zu lachen. Das war nicht immer so, ganz und gar nicht, doch dem Kind, das nun keines mehr war, kam es vor, als sei die Hülle, die es viele Jahre lang klein gehalten hatte, innerhalb eines Augenblicks aufgebrochen. Es war aber nicht der Körper, dem es darunter zu eng geworden war. Vielmehr hatte es durch die allmählich durchscheinend gewordene Schicht etwas von der Welt dahinter gesehen, etwas, das ihm vorher verborgen geblieben war. Seine Vorstellungen und Gedanken begannen sich aufzublähen, auch seine Erwartungen. Das war keine Sache von heute auf morgen, aber niemand hatte es wahrhaben wollen. Davor war für das Kind die Welt mit den Augen zu ermessen gewesen, sie

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