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Krimi Sommer Sammelband 1001 – Ermittler, Mörder, Schnüffler auf 1660 Seiten, Juni 2019

Krimi Sommer Sammelband 1001 – Ermittler, Mörder, Schnüffler auf 1660 Seiten, Juni 2019

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Krimi Sommer Sammelband 1001 – Ermittler, Mörder, Schnüffler auf 1660 Seiten, Juni 2019

Länge:
1.916 Seiten
23 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
30. Juni 2019
ISBN:
9781386273967
Format:
Buch

Beschreibung

Krimi Sommer Sammelband 1001 – Ermittler, Mörder, Schnüffler auf 1660 Seiten, Juni 2019

von Alfred Bekker & Alfred Wallon & Reiner Frank Hornig & W.A.Hary & Horst Bieber

Der Umfang dieses Buchs entspricht Taschenbuchseiten.

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Horst Bieber: Hüte deine Stimme

W.A.Hary: Ein Mörder übernimmt sich

W.A.Hary: Der Running-Man

Reiner Frank Hornig: Der zweite Anruf

Alfred Wallon: Eisiger Hass

Alfred Bekker: Tod eines Schnüfflers

Alfred Wallon: Gefährliche Jagd

Alfred Bekker: Killer ohne Skrupel

Alfred Wallon: Die Thailand-Connection

W.A.Hary: Ein Killer kommt selten allein

Horst Bieber: Was bleibt ist das Verbrechen

Horst Bieber: ...acht, neun, aus?

Alfred Bekker: Der Mann mit der Seidenkrawatte

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Herausgeber:
Freigegeben:
30. Juni 2019
ISBN:
9781386273967
Format:
Buch

Über den Autor

Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. 1984 machte er Abitur, leistete danach Zivildienst auf der Pflegestation eines Altenheims und studierte an der Universität Osnabrück für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Insgesamt 13 Jahre war er danach im Schuldienst tätig, bevor er sich ausschließlich der Schriftstellerei widmete. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten. Er war Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', 'Da Vincis Fälle', 'Elbenkinder' und 'Die wilden Orks' entwickelte. Seine Fantasy-Romane um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' und die 'Gorian'-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Darüber hinaus schreibt er weiterhin Krimis und gemeinsam mit seiner Frau unter dem Pseudonym Conny Walden historische Romane. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er unter dem Namen John Devlin. Für Krimis verwendete er auch das Pseudonym Neal Chadwick. Seine Romane erschienen u.a. bei Blanvalet, BVK, Goldmann, Lyx, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.


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Buchvorschau

Krimi Sommer Sammelband 1001 – Ermittler, Mörder, Schnüffler auf 1660 Seiten, Juni 2019 - Alfred Bekker

Krimi Sommer Sammelband 1001 – Ermittler, Mörder, Schnüffler auf 1660 Seiten, Juni 2019

von  Alfred Bekker & Alfred Wallon & Reiner Frank Hornig & W.A.Hary & Horst Bieber

KRIMIS DER SONDERKLASSE - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Horst Bieber: Hüte deine Stimme

W.A.Hary: Ein Mörder übernimmt sich

W.A.Hary: Der Running-Man

Reiner Frank Hornig: Der zweite Anruf

Alfred Wallon: Eisiger Hass

Alfred Bekker: Tod eines Schnüfflers

Alfred Wallon: Gefährliche Jagd

Alfred Bekker: Killer ohne Skrupel

Alfred Wallon: Die Thailand-Connection

W.A.Hary: Ein Killer kommt selten allein

Horst Bieber: Was bleibt ist das Verbrechen

Horst Bieber: ...acht, neun, aus?

Alfred Bekker: Der Mann mit der Seidenkrawatte

ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch

© by Authors

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Hüte deine Stimme

Kriminalroman

von Horst Bieber

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: unsplash mit Kathrin Peschel, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappentext:

Rike Weber kommt nach vielen Jahren zurück nach Mittelburg, um endlich, nach neunzehn Jahren, den Mord an ihren Eltern und ihrer Schwester aufzuklären. Anhand einer Stimme, die sie seit jenem Tag selbst in ihren Träumen verfolgt, macht sie sich auf die Suche – und wird fündig.

Doch die schwierigste Aufgabe steht noch bevor, man muss vor Gericht verwendbare Beweise finden, und das nach so vielen Jahren, die den oder die Täter überführen. Maria (Ria) Zeller, Erste Hauptkommissarin der Tellheimer Polizei kennt so manche Tricks und unterstützt ihre Kollegen der Mittelburger Polizei tatkräftig ...

Personen:

(U l)rike Dorn: Goldschmiedin aus Mittelburg

Jutta Forst: Angestellte im Hotel Schmalspur

Ria Zeller: Erste Kriminalhauptkommissarin (KHK) aus Tellheim

Udo Lampert: Hauptkommissar (HK(S)) in Mittelburg; außer Dienst

Anna Schulke: OK(S) in Mittelburg

Lars Herding: Staatsanwalt in Tellheim

Emil Franzen: Versicherungsvertreter in Mittelburg

Gustav Helmich: Friseurmeister in Mittelburg

Ingo Junker: Elektriker in Mechanische Werke Mittelburg (MWM)

Freya Prätz: geborene Rosen (Blümchen), Angestellte bei der Wiesenbachtalbahn

Roland (Ronny) Baxter: Kleinkrimineller aus Mittelburg

Elvira: Bardame im Hinterhaus

Alle Namen und Taten, Geschäfte und Firmen sind frei erfunden.

Selbst das Bundesland Leinigen mit seiner Hauptstadt Tellheim existieren nur in der Fantasie des Autors. Dasselbe gilt für die Leininger Stadt Mittelburg. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären also rein zufällig.

Erstes Kapitel

Die junge Frau war zu Fuß vom Bahnhof Mittelburg in die Breite Gasse gelaufen. Sie zog einen Rollenkoffer hinter sich her und hatte eine Handtasche mit langem Trageriemen über eine Schulter gehängt. Sie trug Jeans, ein weißes Shirt mit kurzen Ärmeln, blaue Laufschuhe und hatte, wie die meisten Menschen, eine dunkle Sonnenbrille aufgesetzt. Sie war hübsch, aber sie fiel nicht auf. Zielstrebig steuerte sie das Hotel Schmalspur an.

„Guten Tag, mein Name ist Rike Weber, ich habe bei Ihnen ein Zimmer bestellt."

„Guten Tag, Frau Weber. Nummer 11 im ersten Stock. Wissen Sie schon, wie lange Sie bleiben wollen? Die Blondine an der Rezeption trug ein kleines Namensschildchen am Revers „Jutta Forst.

„Das hängt von meinem Glück ab."

„Wie bitte? Ich verstehe nicht."

Die junge Frau lachte: „Ich möchte mit einem Kollegen ein kleines Juwelier- und Uhrengeschäft aufmachen und suche nun nach einem geeigneten Ladenlokal mit Werkstatt."

„Ich kann Ihnen einen guten Makler empfehlen."

„Danke nein, die Courtage möchten wir uns gerne sparen."

„Kennen Sie sich denn in Mittelburg aus?"

„Ja und nein. Ich bin hier zwar geboren, aber im Alter von sechs Jahren zu Pflegeeltern nach Tellheim gekommen. Jetzt muss ich den Ort erst wieder erkunden und nach einem geeigneten Platz ausschauen."

„Na, da wünsche ich Ihnen viel Erfolg. In Mittelburg heute etwas Bezahlbares zu finden, braucht schon viel Glück."

„Danke."

„Ihr Schlüssel, bitte. Das Restaurant hat bis zweiundzwanzig Uhr geöffnet, Frühstück gibt es von sieben Uhr dreißig bis zehn Uhr dreißig.

„Ich danke Ihnen."

DAS ZIMMER MIT BAD war nicht groß, aber zweckmäßig eingerichtet, hier konnte man es aushalten und sie wollte nicht unnötig Geld ausgeben. Es gab eine winzige Minibar und einen ordentlichen Fernseher. Sie hatte einen kleinen Radiowecker mitgebracht und suchte nach dem dritten Programm von Radio Leinigen (RL Kultur).

Über dem kleinen Schreibtisch entdeckte sie eine Steckdose und schloss das Ladegerät für ihr Handy an. Der Hof, auf den ihr Fenster ging, war nicht gerade eine Augenweide, aber ruhig. Sie konnte wohl das Fenster in der Nacht einen Spalt weit offen lassen oder klappen.

Weil es noch hell und warm war, ging sie noch einmal aus dem Haus und lief Richtung Bahnhof, der eher klein ausgefallen war. Hier hielt die S-Bahn aus Tellheim und man konnte in die Schmalspurbahn umsteigen, die durch das Wiesenbachtal hinauf zum Pass führte, hinter dem man ins Lantetal hinunterlaufen konnte. Das „Golfhotel an der Lante" war immer gut besetzt und eines der wenigen Ziele, für die Touristen, die nach Leiningen kamen. Die Restaurierung der Mittelburg verzögerte sich immer wieder, weil es an Geld fehlte, und am Wochenende erschienen ganze Heerscharen von Familien nur, um mit einer Schmalspur-Dampflok hinauf zum Pass zu fahren. Normalerweise wurden längst Dieselloks eingesetzt, aber an Sonntagen war Nostalgie angesagt und der Einsatz freiwilliger Helfer.

RUND UM DEN BAHNHOF gab es ein kleines Zentrum mit Lokalen, Spielhallen, einer Disco und einem ziemlich großen Schuppen für Bowling und Kegeln. Das große Leben tobte hier nicht, und das Kino neben dem Bowling-Center sah einigermaßen heruntergekommen aus. Aber die kleine Eisdiele daneben war bei dieser Hitze gut besucht. Zwei Häuser weiter fand sie eine „Bude", so hieß in Leiningen die Mischung aus Mini-Restaurant und kleiner Kneipe.

Die „Funzel warb mit „Leininger Rollen, die jede Leininger Hausfrau backen konnte: Auf einen dünn ausgewalzten Teigboden kam eine Füllung aus gebratenem Hackfleisch mit gewürfelten Zwiebeln und Kräutern, Knoblauch und etwas geriebenem Käse. Darauf wurde ein zweiter dünner Teigboden gelegt. Das Ganze wurde dann sorgfältig mit Öl eingepinselt, behutsam zusammengerollt und im Backofen fertig gebacken.

Das Schöne war, dass man in eine „Bude nach seiner Wahl große und kleine Stücke bestellen konnte, die vor dem Servieren gewogen wurden. Rike hatte in ihrer Lehrzeit auch stundenweise in einer Tellheimer „Bude gearbeitet. Eine Leininger Redensart besagte: Ein Mädchen, das keine Rolle backen konnte, sollte besser nicht heiraten. Oder auch: Zu dumm, eine Rolle zu backen.

Rike nahm ein mittelgroßes Stück, trank ein kleines Bier dazu und lief anschließend weiter durch die immer noch belebte „Neustadt", wie das Viertel rund um den Bahnhof hieß. Als sie später nach dem Duschen in ihr Bett fiel, spürte sie ihre Waden und hatte am nächsten Morgen tatsächlich einen kleinen Muskelkater.

DAS FRÜHSTÜCKSBUFFET war alles andere als „schmalspurig". Wer alles durchprobiert hatte, konnte sich ein Mittagessen sparen. Bevor sie das Hotel verließ, rief sie Freund Thorsten an.

„Ich wollte dir nur eine schöne Woche wünschen."

„Danke, gleichfalls, und wo bist du jetzt?"

„Das sage ich dir vielleicht bei meinem nächsten Anruf. Mach dir keine Sorgen, mir geht’s gut und ich bin auf der Straße vorsichtig."

„Ciao."

Sie kaufte sich einen Stadtplan und einen „Zweifarbenkuli". Mit Rot markierte sie die Straßen, durch die sie gelaufen war und strich die Namen im Straßenverzeichnis aus. Zwei Nullen bedeuteten: Kommt überhaupt nicht in Frage. Ein Kreuz: Vielleicht. Zwei Kreuze: Top, mehr nachfragen.

Mittelburg war nicht groß, aber es reichte, damit man am Abend seine Füße spürte. Abends studierte sie den Anzeigenteil des Talboten Ausgabe Mittelburg. Das Immobilienangebot war mehr als bescheiden, und ihr fiel auf, dass die Mieten in den Straßen, die sie mit zwei Nullen versehen hatte, deutlich niedriger lagen als in den Ein-Kreuz-Straßen.

Sie raffte sich auf und zog noch drei Stunden durch „Buden und Kneipen, trank überall ein kleines „Mittelburger Leichtbier, das ganz gut schmeckte, aber wenig Alkohol enthielt. Es wurde auch in Pizzerien und an Imbissständen ausgeschenkt. Sie fühlte sich ziemlich abgefüllt, als sie später ins Bett fiel.

Die nächsten Tage verliefen nicht anders. Sie suchte nach einem geeigneten Ladenlokal und trank abends Leichtbier in möglichst vielen „Buden, Kneipen und Restaurants. Es war schon erstaunlich, wie viel Alkohol-„Tankstellen es in so einer kleinen Mittelstadt gab und wie wenig freie Läden oder Geschäfte mit Aufklebern an den Schaufenstern: „Räumungsverkauf".

UM DIE NEUSTADT HERUM war ein breiter Gürtel mit Mietwohnungen, Einzel- und Doppelhäusern in kleinen Gärten entstanden. Sie fand nur eine „Bude, einen Supermarkt und eine Tankstelle. Hier wurden abends die Bürgersteige hochgeklappt und der Fuchs schlich herum, um den Gänsen eine Gute Nacht zu wünschen. Sie sah sich schon nach einer Bushaltestelle um, als sie ein Lokal mit dem Namen „Wasserburg bemerkte. Das Lokal war noch hell erleuchtet, die Fenster standen weit offen und nach dem Lärm und Gepolter umfallender Kegel zu schließen, wurde hier noch kräftig gefeiert. Rechts und links der „Wasserburg" gab es zwei voll besetzte Parkplätze. An der Eingangstür hing ein Schild:

„Geschlossene Gesellschaft. Eintritt nur für geladene Gäste."

Dazu gehörte sie nun nicht. Sie merkte sich Namen und Anschrift und stieß auch bald auf die gesuchte Haltestelle und fuhr mit dem vorletzten Bus in die Neustadt, gönnte sich noch ein kleines Stück Leininger Rolle und fiel wie erschlagen in ihr Bett. Nachts wachte sie einmal auf und fragte sich ernsthaft, ob sie sich nicht was ganz Verrücktes vorgenommen hatte. Wenn sie die gesuchten Leute nicht fand, sollte sie denen vielleicht ein Zeichen geben, damit diese sie fanden.

Sie stand auf, trank einen Schluck Sprudel und trat ans Fenster. Warum räumte eigentlich keiner diesen verwahrlosten Hof auf? Aufräumen, das war’s doch. Sie legte sich wieder hin und schlief den Rest der Nacht sehr gut und wurde durch das Läuten von Kirchenglocken geweckt.

DER ALLUMFASSENDE STADTPLAN verriet ihr auch, dass sie mit der Buslinie 15 vom Bahnhof Richtung „Lauberquelle fahren musste. Es gab eine eigene Haltestelle „Neuer Friedhof. Dort stieg sie aus und ging in das kleine Blumengeschäft am Eingang.

„Ich brauche einen großen und möglichst auffälligen Blumenstrauß.

Geschmack ist nicht gefragt. Außerdem hätte ich gerne eine Grabvase für die Pracht. Verleihen Sie auch Gartengeräte, um ein wahrscheinlich verwildertes Grab wieder etwas herzurichten?"

„Ja, nur für einen Tag?"

„Ich bringe sie heute Mittag wieder zurück."

„Sie kommen nicht oft auf den Neuen Friedhof?"

„Nein, ich glaube, das letzte Mal war ich vor fünf Jahren hier."

Der Blumenstrauß war riesig und grellbunt, aber die Verkäuferin hatte eine passende Steckvase herausgesucht.

An den Weg zum Familiengrab konnte sie sich noch genau erinnern. Es war, wie sie vermutete, völlig verwildert und der Grabstein so verdreckt, dass die Inschrift kaum noch zu lesen war. Sie holte sich etwas Wasser und hatte genug Papiertaschentücher eingesteckt, um den Stein mit feuchtem Papier abzuwischen.

Konrad und Linda Dorn

sowie Tochter Cornelia

Er war neunundvierzig Jahre alt geworden, seine Frau Linda achtunddreißig Jahre und Cornelia Dorn nur elf Jahre.

Gut zwei Stunden wühlte sie wie eine Verrückte auf dem Grab herum, riss Unkraut und vertrocknete Sträucher und Blumen heraus, beschnitt die Hecke zum Nachbargrab und schleppte alle Reste in die Abfallkiste. Anschließend wässerte sie ausgiebig.

Sie war nicht die Einzige, die auf die Idee gekommen war, wieder mal Ordnung zu schaffen. In der nächsten Grabreihe arbeitete auch eine Frau mit einem rotblonden Dschungel auf dem Kopf. Als Rike sich einmal aufrichtete, stand da plötzlich eine ziemlich groß geratene Walküre, die Rike neugierig, aber nicht unfreundlich musterte. Rike sammelte die ausgeliehenen Gartengeräte ein, gab sie wieder im Blumengeschäft ab und fuhr zum Bahnhof Mittelburg zurück.

NACH DEM DUSCHEN BETRACHTETE sie sich lange im Spiegel. So wild wie bei der rotblonden Nachbarin auf dem Friedhof sah es auf ihrem Kopf noch nicht aus, aber einmal Haare waschen, schneiden und föhnen war schon angesagt, zumal; wenn Thorsten sie besuchte. Der knötterte, weil ihr Anruf ungelegen kam.

„Du wolltest mir bestimmt sagen, wo du dich rumtreibst."

Das Wort „rumtreiben ärgerte sie: „Beim nächsten Mal, bestimmt.

Er brummte nur, seine Rike war schwierig, das wusste er schon.

ALS SIE IN DIE LOBBY hinunterkam, hatte die junge Frau Dienst, bei der sie eingecheckt hatte. Rike winkte ihr zu, und die Blonde fragte:

„Guten Abend, Frau Weber. Haben Sie schon was gefunden?"

„Nein, leider noch nicht."

„Dann habe ich vielleicht einen Tipp für Sie. Das Modehaus Reschke in der Ankerstraße schließt Ende Juli. Hanjo Reschke hat sich gestern hier von seiner Stammtischrunde verabschiedet."

Die Ankerstraße hatte in Rikes Stadtplan ein Kreuz bekommen.

„Herr Reschke wird mich fragen, woher ich das weiß."

Die Blonde lachte und deutete auf das kleine Schildchen, das sie wieder am Revers trug. „Sagen Sie ruhig, von Jutta Forst aus dem Hotel Schmalspur. Wir kennen uns seit Ewigkeiten, ich bin mit seiner Tochter Franziska in die Grundschule gegangen."

„Vielen Dank, Frau Forst. Am Montag stehe ich dort gleich ganz früh auf der Matte."

Montags hatten die meisten Friseur-Salons geschlossen, das traf sich gut. Also futterte sie sich durch das Büfett, und sauste anschließend zum Bahnhof. Sie bekam noch eine Karte für den „Tal-Express. Die Dampflok schnaufte schon und stieß dunkle Wolken aus. Beim Anfahren hörte man, dass sie schwer arbeiten musste, um den voll besetzten Zug in Bewegung zu setzen und dann nach dem Bahnhof Mittelburg zu beschleunigen. Bis zur nächsten Station Wiesenbrück verlief die Strecke noch auf ebener Fläche, links und rechts begleitet von großen Werbeschildern für GALI-Feinkost. Viele trugen einen nachträglich aufgeklebten Papierstreifen „Jetzt auch Leininger Rollen.

Die große Überraschung für Rike war aber die Schaffnerin, eine Walküre mit einem feuerroten Haardschungel auf dem Kopf. Kein Zweifel, das war die Frau, die gestern auch auf dem Neuen Friedhof gewerkelt hatte. Wenn sie Rike bei der Fahrkartenkontrolle auch erkannt haben sollte, ließ sie sich das nicht anmerken.

Nach Wiesenbrück ging es im Wiesenbachtal aufwärts, der Zug wurde noch langsamer, die Dampflok schnaufte heftiger, und die ersten Witzbolde fragten laut in die Runde, wer noch mit aussteigen und schieben helfen wolle. Bald passierten sie die ersten Rampen und Tunnel, wechselten über schmale Brücken von einem Ufer auf das andere. Die Holzbänke waren hart, die Federung des alten Wagons gewöhnungsbedürftig, und als sie an dem ersten LP-Schild vorbeikamen, fragte ein kleiner Junge hinter Rike laut: „Papa, was bedeutet L und P?"

Weil der Vater nicht antwortete, drehte sich Rike nach einer Weile zu dem Jungen um: „L und P bedeutet: Läuten und Pfeifen."

Der Junge protestierte: „Nicht langsam fahren?"

„Nein."

Sie hatte auf der Berufsschule noch Kurskolleginnen gehabt, die sich bei schriftlichen Arbeiten mehr rote Striche durch Rechtschreibfehler einfingen als durch sachlich falsche Antworten.

IM NÄCHSTEN TUNNEL konnte man das Läuten und Pfeifen deutlich hören.

Oben an der Pass-Station stieg Rike aus und lief auf einem ausgeschilderten Weg einmal an dem Miniaturwasserfall und den Teichen vorbei, die den Anfang des Wiesenbaches bildeten.

Auf der Rückfahrt legte der Tal-Express ein höheres Tempo vor, was die Holzbänke aber noch härter und glatter machte. In so ziemlich jeder Kurve rutschte Rike entweder Richtung Mittelgang oder sie knallte mit ihrer Nachbarin zusammen, die es zum Glück mit Humor nahm.

Rike war froh, als sie in Mittelburg aussteigen und auf nicht mehr schwankendem Boden laufen konnte. Auch die heutige Runde durch die „Buden" und Lokale verlief erfolglos.

AM NÄCHSTEN MORGEN flitze sie nach einem verkürzten Frühstück in die Ankerstraße, das Modegeschäft Reschke hatte schon geöffnet und der Chef war für sie zu sprechen. Als Erstes fragte er tatsächlich: „Woher wissen Sie das?"

„Von Jutta Forst aus dem Hotel Schmalspur, ich wohne dort und stromere durch die Stadt auf der Suche nach einem Ladenlokal. Ich bin Goldschmiedin und mein Freund ist Uhrmacher. Gemeinsam wollen wir uns selbständig machen."

„Ob Mittelburg dafür der rechte Platz ist?"

„Keine Konkurrenz und niedrigere Preise als in ausgesprochenen Kur- und Touristen-Zentren. Wir haben beide gut gespart und können auch schwierige Anfangsmonate überstehen."

„Dann wollen wir uns Ihren Traumshop mal ansehen."

Sie schämte sich, dass sie den alten, hilfsbereiten Mann so belog.

Ob Thorsten mit nach Mittelburg ziehen würde, und jeden Tag mit der S-Bahn nach Tellheim pendeln würde, stand längst noch nicht fest. Sie gab Reschke ihre Handynummer und als Adresse in der nächsten Woche noch das Hotel Schmalspur an.

An der Einmündung der Ankerstraße in die Lantener Straße gab es einen Damen- und Herren-Friseur, der dienstags bis samstags täglich um neun Uhr öffnete. Sie wusste, wo sie den nächsten Vormittag verbringen würde.

Zweites Kapitel

Die Schaffnerin mit den feuerroten Haaren hatte sich mit ihrem Mann Leo Prätz im Vorsignal verabredet, das war eine gemütliche Kneipe in der Nähe des Bahnhofs Wiesenbrück. Die Schaffnerin hatte sich wegen des Lärms in den Wagen der Schmalspurbahn beim Sprechen eine gewisse Lautstärke angewöhnt, sodass alle Gäste des Vorsignals mühelos mitbekamen, wie Leo sein Blümchen begrüßte und sich ausführlich erzählen ließ, wie viel Mühe es sie am Sonntag gekostet hatte, das Grab seiner Mutter auf dem Neuen Friedhof in Mittelburg wieder halbwegs herzurichten.

„Ich danke dir, mein Schatz."

„Ich war übrigens nicht die einzige Amateurgärtnerin."

„Wie meinst du das?"

„Da hat noch eine junge Frau aufgeräumt, gejätet und den Stein sauber gemacht."

„Kanntest du die Frau?"

„Nein, aber ich habe mir hinterher den Stein angesehen. Vater, Mutter und eine Tochter Cornelia Dorn."

„Kenne ich nicht."

Zwei Tische neben dem Paar saß Emil Franzen und zuckte zusammen, als er den Namen Dorn hörte. Er ließ sich aber nichts anmerken und zahlte erst, als Leo und Blümchen Prätz das Vorsignal verlassen hatten.

Einmal hatte es ja passieren müssen; welche fremde Frau würde sich die Mühe machen, das Grab einer anderen Familie in Ordnung zu bringen? Er musste unbedingt die anderen warnen. Franzen schlief schlecht in dieser Nacht.

RIKE BEDANKTE SICH am nächsten Morgen bei Jutta Forst, die wieder an der Rezeption stand: „Ein goldrichtiger Tipp, herzlichen Dank. Jetzt muss ich nur noch meinen Freund aus Tellheim herbeizitieren und ihn davon überzeugen, dass ich eine vernünftige Wahl getroffen habe."

„Viel Erfolg, Frau Weber. Bei Männern weiß man ja nie!"

Im Salon Helmich musste sie nur eine halbe Stunde warten, bis ein Platz für sie frei wurde. „Schneiden, waschen und föhnen, okay."

Rike hasste das Haare waschen, aber die junge Friseuse stellte sich sehr geschickt an. Plötzlich traute Rike ihren Ohren nicht. Da war die Stimme, die sie in all den Jahren nicht vergessen hatte, seltsam heiser, kratzig und rau, wie gebrochen und nicht unter voller Kontrolle des Sprechenden. „Emil, was verschafft mir die Ehre deines Besuches. Willst du dir ausnahmsweise einmal die Haare schneiden lassen?"

„Nein, Gustav, ich muss unbedingt mit dir und Ingo reden. Sofort und so, dass uns keiner belauschen kann. Es geht um Leben und Tod."

„Übertreib man nicht so!"

„Tu ich nicht."

RIKE ERINNERTE SICH blitzartig: Genau hier hatte sie die Stimme zum ersten Mal gehört. Drei Wochen bevor sie eingeschult werden sollte. Ihre Mutter meinte, vorher müsse dieser verfilzte und verklebte Wuschel auf ihrem Kopf einer vernünftigen Frisur weichen. Der Salon Helmich war bekannt dafür, dass er auch renitenten oder ängstlichen Kindern die Haare schneiden konnte, ohne bei ihnen dauerhafte Phobien zu erzeugen.

Ihre Mutter staunte, als sie ihre Tochter hinterher bewunderte: „Herr Helmich, sind Sie sicher, dass das mein Kind ist, das ich eben hier bei Ihnen abgeliefert habe?"

„Gefällt es Ihnen?"

„Sie sind ein Zauberer, Herr Helmich."

„Danke für das Kompliment. Zwischendurch habe ich aber daran gedacht, meine elektrische Heckenschere zu holen. Ihre Tochter hat die reinsten Drahthaare."

DAS WAR VOR NEUNZEHN Jahren gewesen, und nun hatte sie diese unverwechselbare Stimme wieder gehört. Sie gab ein sehr reichliches Trinkgeld und wartete anschließend auf der anderen Straßenseite, bis ein mittelalterlicher Mann hastig den Salon Helmich verließ und in ein Auto stieg. Im letzten Moment dachte Rike daran, sich das Kennzeichen und den Namen Ingo aufzuschreiben, danach fragte sie sich zur Mittelburger Polizei durch.

Drittes Kapitel

Das Revier der Mittelburger Polizei war in einem Anbau des Stadthauses untergebracht. Gegenüber lag das ehemalige Ständehaus, in dem heute eine Gemäldegalerie und eine Teestube untergebracht waren.

Die Polizisten sahen Rike neugierig an; an ihrer Frisur konnte es wohl nicht liegen.

„Guten Tag, mein Name ist Ulrike Dorn und ich würde gern mit einem Kollegen oder einer Kollegin sprechen, die oder der sich noch an ein Verbrechen erinnern kann, das vor ziemlich genau neunzehn Jahren hier in Mittelburg begangen wurde."

Der ältere Polizist kratzte sich das Kinn. „Wir helfen gerne, aber Sie müssten uns schon etwas mehr verraten. Waren Sie Opfer dieses Verbrechens?"

„Ja, Einbrecher haben meinen Vater, meine Mutter und meine Schwester erschossen."

Eine ältere, grauhaarige Beamtin, die im Hintergrund saß, mischte sich ein: „Wie war Ihr Name, bitte?"

„Dorn, Ulrike Dorn."

„Und was führt Sie jetzt zu uns?"

„Ich glaube, ich habe einen der Täter identifiziert."

Die Frau wandte sich an den Beamten, der zuerst mit Rike gesprochen hatte: „Vor neunzehn Jahren war Udo noch im Dienst."

„Richtig."

„Meinst du, wir könnten ihn ins Revier holen?"

„Er ist ziemlich klapprig auf den Beinen, aber im Kopf noch völlig klar. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Rufst du ihn an?"

„Mache ich. Und zu Rike gewandt erklärte sie: „Wir haben einen pensionierten Kollegen, der ganz in der Nähe wohnt. Er könnte sich noch erinnern. Es dauert allerdings etwas.

„Das macht gar nichts, ich habe Zeit und warte gerne."

Zum Telefonieren ging die Frau in ein anderes Zimmer; als sie zurückkam, knurrte sie nur: „Ich brauch einen starken Kollegen, der mir und Udo hilft, die Treppe herunterzukommen und mich später beim Rollstuhlschieben ablöst."

„Nimm Stefan mit. Er kennt Udo von den Skatabenden des Reviers. Ich fange mit dem Papierkram an."

„Okay."

Als die grauhaarige Frau mit ihrer Begleitung, einer Art Kleiderschrank auf Füßen, das Revier verlassen hatte, fragte der Wachhabende nach Name, Geburtsdatum und allerlei anderen Daten. „Frau Dorn, können wir Sie telefonisch erreichen?"

„Ja, natürlich." Sie schrieb ihm ihre Handynummer auf.

„Und jetzt brauchte ich noch Ihre Anschrift."

„Ich wohne in Tellheim, Sophienstraße 25."

„Das heißt, Sie fahren heute Abend noch zurück?"

„Nein. Ich habe mir vor gut einer Woche unter dem Namen Rike Weber ein Zimmer im Hotel Schmalspur genommen."

„Warum der falsche Name?"

„Ich suche die Mörder meiner Familie hier in Mittelburg. Ich kenne sie nicht, aber was, wenn sie mich oder meinen richtigen Namen erkennen?"

„Nach neunzehn Jahren?"

„Man hat schon Pferde kotzen sehen, und das direkt vor der Apotheke", erwiderte sie trocken.

FÜNF MINUTEN SPÄTER, in denen ein ungemütliches Schweigen geherrscht hatte, kamen die Grauhaarige und ihr Kleiderschrank-Kollege zurück. Sie schoben einen Rollstuhl ins Revier. Der alte Mann sah wirklich klapprig aus, aber sein Gehirn funktionierte noch tadellos.

„Ulrike Dorn? Dann sind Sie das kleine Mädchen, das sich in der Toilette eingeschlossen hatte und das wir ins Krankenhaus bringen mussten?"

„Ja."

„Und jetzt haben Sie einen der Täter identifiziert?"

„Vielleicht. Und zwar an seiner Stimme. Die hatte ich schon einmal gehört, die kann man nicht verwechseln. Aber ich habe mich nicht daran erinnern können, wann, wo und aus welchem Anlass ich diesem Mann begegnet bin."

„Warum haben Sie das der Kripo nie erzählt? Entschuldigung, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Udo Lampert, vor neunzehn Jahren war ich hier Revierleiter und mit den Kollegen zu Ihrem Elternhaus gefahren, als eine Haushaltshilfe völlig aufgelöst meldete, sie habe drei Tote im Hause Dorn gefunden.

Wir wussten, dass in dem Haus vier Personen gelebt hatten, aber Sie haben wir nicht sofort gefunden. Erst als eine Kollegin noch einmal alle Türen kontrollierte, ist ihr die verschlossene WC-Tür aufgefallen. Wir mussten sie aufbrechen, und als Sie herauskamen und Ihre ermordete Schwester in der Blutlache sahen, haben Sie einen solchen Schreikrampf bekommen, dass wir um Ihr Leben gefürchtet haben und uns nicht anders zu helfen wussten, als Sie nach Tellheim in die Uniklinik zu bringen. Können Sie mir erzählen, wann und wo Ihnen diese Stimme erneut begegnet ist?"

„Heute Morgen im Frisiersalon Helmich; Ecke Anker–Lantener Straße.

Ich habe mir die Haare schneiden lassen. Da kam ein Mann in den Salon gestürmt: ‚Gustav, ich muss unbedingt mit dir und Ingo reden. Sofort, es geht um Leben und Tod‘."

„Sie wissen nicht zufällig, wer dieser aufgeregte Mann war?", wurde sie in ihrer Schilderung von Lampert unterbrochen.

„Herr Helmich hat ihn mit Emil angeredet. Und ich habe mir das Kennzeichen seines Wagens notiert, als er fortfuhr." Sie gab ihm den kleinen Zettel.

„Großartig." Nach einer kurzen Pause fuhr Lampert traurig fort: „Wissen Sie, Frau Dorn, in dem Fall ist damals bös’ geschlampt worden. Wir waren ja nur die Schutzpolizei, zuständig war die Kripo, und die hat sich von einem völlig überforderten Staatsanwalt herumschubsen und in die Irre schicken lassen. Er hieß Hornvogel und war sein Gehalt nicht wert. Was halten Sie von einem Kaffee?"

„Sehr viel, Herr Lampert."

„Dann werde ich den mal bestellen und heraussuchen lassen, wem dieses Kennzeichen gehört."

Nach zehn Minuten kam Lampert zurückgerollt, die grauhaarige Frau balancierte ein Tablett mit zwei vollen Tassen herein.

„Vielen Dank", sagte Rike erleichtert.

„Setz’ dich zu uns, Anna. Frau Dorn ist noch nicht fertig. Meine frühere Kollegin Anna Schulke", stellte Lampert die Grauhaarige vor.

„Nach der Klinik bin ich sehr bald zu Pflegeeltern nach Tellheim gekommen. Mit dem Paar habe ich sehr viel Glück gehabt, sie liebten mich, wie ihr eigenes Kind. Nach dem Abitur konnte ich eine Goldschmiedelehre beginnen und im Anschluss eine sehr gute Stelle bei Miller & Thorn bekommen. Ich konnte sparen und hatte mir fest vorgenommen, wenn ich etwas Geld auf meinem Sparkonto angesammelt hatte, würde ich nach Mittelburg fahren und den Mann mit der seltsamen Stimme, die mir noch immer in den Ohren lag, suchen."

Anna beugte sich vor: „Würden Sie mir bitte erzählen, wann Sie diese seltsame Stimme zum ersten Mal gehört haben?"

„Das war ein paar Wochen vor meiner Einschulung. Meine Mutter meinte, mit dieser Wildnis auf dem Kopf könne ich nicht zur Schule gehen. Sie hat mich in den Salon Helmich gebracht. Und als Mutter mich später abholte, fragte Helmich stolz: ‚Na, Frau Dorn, erkennen Sie Ihre Tochter wieder?‘"

„Sie haben diese Stimme danach noch einmal gehört?"

„Ja, an dem Abend, als meine Eltern und meine Schwester ermordet wurden. Ich hatte mir den Magen verdorben und musste jede halbe Stunde auf den Topf. Ich war gerade an der Tür zur Toilette, als ich fremde, Männerstimmen im Haus gehörte habe. Und die klangen nicht sehr freundlich. Einer fragte: ‚Und wo hat der Scheißkerl seine Schätze versteckt?‘ Und die seltsame Stimme antwortete: ‚Im Keller soll es einen Tresor geben. Beeilt euch gefälligst.‘ Da habe ich Angst bekommen und mich leise im Klo eingeschlossen. Wenig später hat mein Vater laut gefragt: ‚Franzen, verdammt, was machen Sie denn hier?‘ Und plötzlich hat es dreimal laut geknallt, meine Mutter hat geschrien. Meine Schwester hat geschrien, und dann kommt der Filmriss. Ich bin erst in einem Krankenhaus wieder zu mir gekommen."

Lampert sagte düster: „Schade, dass wir das alles damals nicht erfahren haben. Helmichs Besucher heute Vormittag heißt übrigens Emil Franzen."

„Und wie soll es jetzt weitergehen?", wollte Anna wissen.

„Ich mache aus dem, was uns Ulrike Dorn berichtet hat, ein vernünftiges Protokoll, und wenn sie das unterschrieben hat, müsst ihr das Protokoll nach Tellheim ans R–11 schicken, die neue Chefin soll so tüchtig wie hartnäckig sein. Ich rede freiwillig mit dem zuständigen Staatsanwalt; der wird sich freuen zu hören, dass nach neunzehn Jahren die Kollegen Glück und Zufall aktiv geworden sind."

„Und was mache ich?!", fragte Rike etwas aufsässig.

„Sie bleiben bitte im Hotel Schmalspur und warten, bis wir Sie bitten, mit einem Personalausweis noch einmal aufs Revier zu kommen."

„Sie denken bitte daran, dass ich im Hotel unter dem Namen Rike Weber eingecheckt habe."

„Warum ausgerechnet Weber?"

„Mein Freund in Tellheim heißt Thorsten Weber."

„Ja dann. Wir sehen uns noch, Frau Dorn. Und bis dahin; bitte keine Alleingänge. Wer dreimal gemordet hat, schreckt vor einem vierten Mord nicht zurück."

Rike lief erleichtert ins Hotel zurück. Ihr war ein schwerer Stein von der Seele gefallen, sie hatte schließlich erreicht, was sie sich vorgenommen hatte.

Viertes Kapitel

Die drei Männer trafen sich bei Franzen. In seinem Büro gab es einen großen Tisch, an dem alle Platz fanden. Sie waren besorgt und alle lehnten ab, etwas zu trinken. Zuerst musste Franzen möglichst genau und umfassend berichten, was er im Vorsignal von der stämmigen Frau mit den feuerroten Haaren gehört hatte. „Und die Feuerrote kannte die Frau nicht?", wollte Ingo Junker wissen.

„Nein, sie hat ihrem Begleiter nur erzählt, dass sie sich später den Stein auf dem Grab angeschaut hat, das die fremde Frau so mühsam in Ordnung gebracht hatte."

„Und auf dem Stein standen die Namen Konrad, Linda und Cornelia Dorn?

„Ja."

„Dann spricht tatsächlich einiges dafür, dass es sich um die zweite Dorn-Tochter handelt."

„Wie alt müsste die jetzt sein?"

Helmich rechnete: „Etwa fünfundzwanzig."

„Ja, stimmte Franzen zu. „Das könnte hinkommen!

„Was sucht sie nach all den Jahren in Mittelburg? Soviel ich weiß, lebt sie doch in Tellheim."

„Vielleicht wollte sie nur das Grab ihrer Eltern in Ordnung bringen."

„Hoffentlich", verbesserte Junker.

„Wie meint du das?", erkundigte sich Franzen.

„Oder sie ist gekommen, um etwas zu suchen."

„Du denkst doch nicht ..."

„Warum nicht?"

Franzen ergriff wieder das Wort: „Bevor wir hier stundenlang herumrätseln, lasst uns systematisch vorgehen: Angenommen, die Dorn ist nur nach Mittelburg gekommen, um das Grab ordentlich zu machen. Dann ist sie abends nach Tellheim zurückgefahren."

Die beiden nickten.

„In Tellheim wohnt sie in der Sophienstraße 25."

„Woher weißt du das?", fragte Helmich scharf.

„Die Telefonauskunft war so freundlich, mich mit dem Anschluss Ulrike Dorn zu verbinden."

„Richtig, das zweite Dörnchen hieß Ulrike", brummte Junker.

„Eine unbekannte Frau kam ans Telefon: Ulrike sei nicht da. Sie sei verreist. Nein, sie wisse nicht, wohin und wie lange sie fortbleiben werde. Meinen Namen habe ich natürlich nicht genannt."

„Unterstellen wir mal, sie ist nach Mittelburg gekommen, um uns zu suchen. Dann muss sie irgendwo wohnen. Ich habe alle Hotels in der Stadt und der näheren Umgebung angerufen. Nirgendwo wohnt eine Ulrike Dorn."

„Vielleicht unter einem falschen Namen", murrte Junker.

„Schön, aber unter welchem?"

„Woher soll ich das wissen?"

Ingo Junker und Emil Franzen waren sich nicht grün, das wusste auch Helmich.

„Und was machen wir jetzt?, erkundigte sich Helmich nervös: „Hat einer von euch eine Idee oder einen Vorschlag?

Alle schwiegen hilflos. Neunzehn Jahre hatten sie mit ihrem schlechten Gewissen gelebt und vieles verdrängt; die Furcht, sie müssten jetzt für ihr Verbrechen zahlen, lähmte sie regelrecht.

Junker fasste sich als Erster: „In dem Tresor sollte doch viel Bargeld und Schmuck liegen, nicht wahr, Gustav?"

„Ja."

„Woher wusstest du das eigentlich?"

„Von einem Hausmädchen der Dorns. Du machst dir keine Vorstellung, was Frauen mit nassen Haaren oder unter der Trockenhaube so alles erzählen."

„Aber in dem Tresor lag nichts, bis auf diese scheußliche und wertlose Bernsteinkette."

„Leider richtig."

„Und warum dann diese ganze sinnlose Ballerei?"

Wieder trat Schweigen ein. Diese Frage hatten sich alle schon mehr als einmal gestellt. Null Beute und drei Tote. Lebenslänglich für nichts. Wer hatte eigentlich mit der Schießerei angefangen? Wer hatte ein Motiv?

Den Plan, bei Dorn einzubrechen, hatten sie erst gefasst, nachdem Helmich bei einem ihrer geselligen Abende erzählte, was eine schwatzhafte Kundin über die versteckten Reichtümer der Bauunternehmerfamilie Dorn in dem Salon verbreitet hatte, in dem Helmich damals arbeitete und den er gerne gekauft hätte. Allen drei stand vor neunzehn Jahren das Wasser bis zum Hals.

Helmich hatte sich mit dem Umbau und der Einrichtung seines Salons hoffnungslos übernommen und konnte den Kredit nicht mehr bedienen.

Emil Franzen, wegen Betrugs und Untreue vorbestraft, pokerte immer noch und hatte sich Geld von einem Kredithai geliehen, der sein Geld zurückforderte und mit Gewalt drohte.

Ingo Junker gab mehr für Frauen und Alkohol aus, als er bei MWM verdiente. Aber er war der Einzige aus dem Trio, der schweißen und sich ein Schweißgerät „besorgen" konnte. Wider Erwarten war das Ehepaar Dorn zu Hause und nicht zum sogenannten Burgenball gegangen, auf dem bei Musik, Tanz und einem kalten Büfett für die weitere Restaurierung der Mittelburg Geld gesammelt wurde.

Woran Konrad Dorn den Versicherungsvertreter Emil Franzen trotz der Maskierung erkannt hatte, wusste niemand, ebenso wenig, warum Franzen gegen alle Vereinbarungen seine Walther PPQ M2 mitgenommen und sofort auf Dorn und seine dazu kommende Frau Linda und anschließend auf Cornelia Dorn geschossen hatte, konnte oder wollte Franzen nicht erklären. Ein dritter Schuss, ein Querschläger, hatte dann Cornelia Dorn getroffen, die mit ihren Eltern von der Veranda hereinkam; sie war wie ihre Mutter verblutet.

Helmich hatte darauf bestanden, nach der Schießerei nicht sofort das Weite zu suchen, sondern wie geplant den Tresor im Keller aufzuschweißen.

Junker hatte oft überlegt, ob Emil Franzen nicht seine eigenen Gründe gehabt hatte, Vater und Mutter Dorn zu töten. Aber das blieb bis heute ungeklärt und seit vielen Jahren schwiegen die drei über den verhängnisvollen Abend.

Staatsanwalt Hornvogel ließ das Argument nicht gelten, dass ein Einbrecher nach dem ersten Toten das Weite gesucht hätte. Die Spusi (Spurensicherung) hatte vor und im Haus Hinweise auf mindestens drei Täter gesichert, und Hornvogel legte sich fest: Hier hatte eine Abrechnung stattgefunden, und der leere Tresor im Keller war nur ein Ablenkungsmanöver. So „von oben" in eine falsche Ermittlungsrichtung gezwungen, wurde keiner der Täter je gefunden, nicht einmal verdächtigt.

Der Dreifach-Mord erregte bundesweit großes Aufsehen, es hagelte massive Kritik auf die unfähige Kripo hernieder. Hornvogel wurde abgelöst und zum Oberstaatsanwalt befördert. Die junge Kommissarin Marlene Schelm lernte daraus, dass man den offiziellen Ermittler auch mal umgehen oder täuschen musste. Das begründete ihren Erfolg, aber auch ihr ewig schwieriges Verhältnis zur Anklagebehörde. Aber von diesen internen Konsequenzen war nie etwas nach draußen gedrungen.

FRANZEN RÄUSPERTE SICH: „Hat einer von euch eine Idee, wie diese Dorn heute aussieht?"

Alle schüttelten den Kopf.

„Dann bleibt nur eines. Wir müssen noch einmal alle Hotels und Pensionen abklappern, ob sich irgendwo eine junge Frau Mitte zwanzig aus Tellheim eingemietet hat. Als Geburtsort kann Mittelburg angegeben sein."

„Das ist doch Schwachsinn, Emil!", empörte sich Helmich.

„Hast du eine bessere Idee?"

Helmich hustete und würgte ein „Nein" heraus.

„Schön, wenn ihr lieber untätig warten wollt, bis das Unheil über euch hereinbricht, kann ich euch nicht daran hindern. Hier ist eine Liste der Mittelburger Hotels und Pensionen. Wer mitmachen will, sucht sich einen Ort aus, streicht ihn durch und schreibt seinen Namen daneben. Zugegeben, es ist eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Aber besser, als nichts zu tun."

FRANZEN, EIN VERSICHERUNGSVERKÄUFER mit Überredungstalent, kannte seine Pappenheimer, und er wusste, wie man Kunden köderte. Helmich und er suchten sich eine Anschrift heraus, strichen sie durch und schrieben ihre Namen neben den Strich. Als Letzter war Ingo Junker an der Reihe.

Sein Objekt, das Hotel Schmalspur war noch frei, und auf der Straße rief er sofort dort an.

„Hallo, Jutta. Hier ist Ingo. Was hältst du davon, wenn ich dich heute Abend zu einer ordentlichen Leiningen Rolle und anschließend zu ein paar bunten Cocktails im Hinterhaus einlade?"

„Sehr gute Idee, Ingo. Aber ich habe Dienst bis zweiundzwanzig Uhr."

„Kein Problem, fünf nach zehn stehe ich vor dem Eingang und warte auf dich."

„Prima. Bis dann, Ingo."

INGO JUNKER HATTE IMMER schon ein begehrliches Auge auf die sexy Nachbarstochter Jutta Forst gehabt. Wenn man so das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden konnte, wollte er gerne mitmachen. Jutta kam pünktlich aus dem Hotel Schmalspur. Die Leiniger Rolle in der Funzel war ausgezeichnet und ergab eine belastbare Grundlage für die Genüsse im Hinterhaus.

Die Cocktails hier waren bunt, stark und erstaunlich preiswert, weil nicht alle Bestandteile gegen Rechnung im Großhandel gekauft waren, was Ingo wusste; er kannte die Tricks der Transportschäden, Reklamationen und Diebstähle. Die bunten Genüsse zeigten auch bald die erhoffte Wirkung. Jutta rutschte näher und wehrte seine Hand, die sich auf Ihre Pobacken legte, nicht ernsthaft ab.

„Jutta, ich hab’ mal eine Frage."

„Tut mir leid, Ingo, aber heute geht es nicht."

„Nein, ich wollte was ganz anderes fragen. Ist im Schmalspur eine junge Frau Mitte zwanzig aus Tellheim abgestiegen? Ich warte seit Tagen darauf, dass sie mir endlich das Geld zurückbringt, das ich ihrem Vater geliehen habe, bei mir wird es langsam knapp."

„Wie heißt denn der Mann?"

„Er nannte sich Kaufmann, aber ich glaube nicht, dass das sein richtiger Name ist. Unter uns Kumpels heißt er nur der Kölsche Jupp."

Jutta Forst begann zu überlegen und trank zügig den nächsten giftgrünen Tropical aus. Den Ausschlag gab aber nicht der Alkohol, sondern seine Hand, die angefangen hatte, ihren Po sanft zu kneten, zu streicheln und zu massieren.

„Ja, sagte sie endlich, „wir haben eine Frau aus Tellheim, die hier in Mittelburg mit ihrem Freund ein Juwelier- und Uhrengeschäft aufmachen will und nun tagelang durch die Stadt läuft, um ein passendes Ladenlokal zu finden.

„Toll, das könnte sie sein. Wie heißt sie denn?"

„Rike Weber." Na ja, ein falscher Name war in ihrer Lage verständlich, dachte er.

Jutta umklammerte seinen Arm. „Du, das muss aber alles unter uns bleiben. Wenn mein Chef erfährt, dass ich Auskünfte über unsere Gäste gebe, fliege ich hochkant raus."

„Keine Angst, ich sage nichts. Wollen wir gehen?"

Sie brauchte seinen starken Arm, um ohne Unfall nach Hause zu kommen, und gluckste leise, als er ihr vor der Haustür in den Ausschnitt fasste.

UM NEUN UHR AM NÄCHSTEN Morgen stand Ingo gestiefelt und gespornt gegenüber des Hotels Schmalspur, verborgen hinter einem mächtigen Straßenbaum, das frisch geladene Fotohandy griffbereit. Er musste sich in Geduld üben, erst gegen zehn Uhr bimmelte das Handy, Jutta flüsterte: „Sie geht jetzt, Jeans, eine helle gelbe Stoffjacke und ein Strohhut mit einer blauen Schleife."

Er hatte das Handy parat, als Rike das Hotel verließ. Sie bemerkte nicht, dass ein fremder Mann sie mehrfach fotografierte, und schlenderte gemütlich Richtung Ständehaus. Ingo konnte ihr ohne Mühe folgen. Wohin wollte sie bloß? Schließlich hätte er am liebsten vor Wut laut losgebrüllt, denn plötzlich überquerte sie die Straße und verschwand im Polizeirevier neben dem Rathaus.

UDO LAMPERT UND ANNA Schulke erwarteten sie schon. Er saß im Rollstuhl und sie wedelte mit einem kleinen Packen Papier.

„Schön, dass Sie sofort kommen konnten. Das ist das Protokoll, das ich aus Ihren Angaben formuliert habe. Sie lesen sich das bitte in aller Ruhe und gründlich durch, und wenn Sie einverstanden sind, unterschreiben Sie es bitte. Kaffee?"

„Gerne." Rike setzte sich in das Nebenzimmer und studierte Satz für Satz. Neu war für sie nur, dass das Auto, in dem der aufgeregte Mann aus dem Salon Helmich losgefahren war, auf einen Emil Franzen zugelassen war, dem Mann, der so überstürzt in den Frisiersalon geplatzt kam. Nach etwa einer halben Stunde ging sie in das erste Zimmer zurück, wo Anne Schulke hinter einem Schreibtisch saß und in einem Stapel Akten blätterte.

Rike unterschrieb das Protokoll, und Anna Schulke nahm den kleinen Packen auf und sauste an das Fax-Gerät.

Fünftes Kapitel

Ria Zeller, Erste Hauptkommissarin im R–11 der Tellheimer Kriminalpolizei, lud sich zu einem Kaffee bei Arne Wilster ein, der das Archiv der Kripo leitete und für sein ungewöhnliches Gedächtnis bekannt war.

„Lies dir das Fax bitte mal durch, Arne, das ist mir und der Staatsanwaltschaft aus Mittelburg geschickt worden. Und ich schnorre mir mal in der Zwischenzeit bei Anja einen Becher Kaffee."

Als sie mit dem vollen Becher zurückkam, lächelte er grimmig: „Und ob ich mich an den Fall erinnere. Eine der größten Blamagen der Leininger Kripo. Ein unfähiger Oberkommissar ohne Rückgrat. Ein noch unfähigerer, aber vom Ehrgeiz zerfressener Staatsanwalt – das konnte nur in einer Katastrophe enden."

„Meinst du, wir haben jetzt eine Chance?"

„Ja, ich kenne Lampert von früher, ein guter Mann mit einer tüchtigen Kollegin Anna Schulke. Aber Hornvogel hatte beide wie Schuhabtreter behandelt."

„Apropos Hornvogel. Warum ist der dann noch zum Oberstaatsanwalt und zum Leitenden befördert worden?"

„Sagt dir der Begriff Peters Principle was?"

„Ja, tut er. Und was ist aus Lampert geworden?"

„Knochenkrebs, vorzeitig pensioniert."

„Ob Herding mitmacht?"

„Hundert pro."

EINE HALBE STUNDE SPÄTER brachte Anja Stich, Wilsters Assistentin, die Akte „Mord zum Nachteil von Konrad Dorn, Linda Dorn und Cornelia Dorn ins R–11 und als Staatsanwalt Lars Herding bei ihr anrief, hatten sie beide die Akte bereits gelesen. Herding schimpfte: „Da fallen einem ja die Ohren ab. Übernehmen Sie?

„Ja. Besorgen Sie mir einen Durchsuchungsbeschluss für Geschäft und Wohnung dieses Gustav Helmich?"

„Gleich morgen."

„Ich steige auch im Hotel Schmalspur ab. Es liegt sehr günstig zum Frisiersalon Helmich und dem Polizeirevier Mittelburg."

„Dann halten Sie die Aussage dieser Ulrike Dorn für glaubwürdig?"

„Ja. Sie ist so verrückt, dass sie stimmen muss. Wir alle kennen doch die Kollegen Glück und Zufall, auch wenn sie manchmal neunzehn Jahre lang schlafen und die Mitarbeit verweigern."

„Das ist auch meine Einschätzung. Hals- und Beinbruch, Frau Zeller. Ich telefoniere heute noch mit Lampert."

Sechstes Kapitel

Ria Zeller nahm sich ein Taxi vom Bahnhof Mittelburg zum Hotel Schmalspur und löste auf der kurzen Fahrt gleich zwei Rätsel. Sie erfuhr vom redefreudigen Fahrer, was eine Leiniger Rolle war und wie das Hotel zu seinem kuriosen Namen gekommen war: Als die DB die Wiesenbachtalbahn aufgeben wollte, gründete sich blitzschnell eine Bürgerinitiative zum Erhalt der Strecke. Sie tagte regelmäßig in dem kleinen Hotel Krone und hatte dort auch ihre Geschäftsräume. Als es dem Hotelbesitzer gelang, im Harz eine 99er Schmalspur-Lok zu kaufen und quer durch Deutschland nach Mittelburg zu transportieren, schlug der Talbote vor, das Hotel Krone in Hotel Schmalspur umzutaufen.

Gedruckt und getan. Die Talbahn mit ihren Holzklassewagons war am Sonntag, von einer Dampflok gezogen, Ausflugsziel für viele Besucher und werktags überlebenswichtig für die Landwirtschaft im Tal, die ihre Produktion auf Öko umgestellt hatte.

AN DER REZEPTION DES Hotels Schmalspur arbeitete eine junge Frau mit einem Schildchen „Jutta Forst" am Revers ihrer Dienstjacke, und Ria wunderte sich, warum die Hübsche sie so ängstlich musterte, als sie ihren Namen und Beruf angab.

Anschließend fragte sie sich zum Polizeirevier neben dem Rathaus durch und wurde stürmisch begrüßt. Herding hatte angerufen, ein Durchsuchungsbeschluss sei unterwegs, und Ria ließ sich von Anna Schulke die Neustadt, die nur halb wieder hergestellte Mittelburg und das wirtschaftliche Herz des Ortes zeigen: die „Mechanischen Werke Mittelburg (MWM). Außerdem erfuhr sie alles über die Herstellung von Leininger Rollen. Ria lud Anna in das angeblich beste Rollen-Lokal mit dem sinnigen Namen „Rollenstapler ein. Es war gut besucht und die Auswahl riesig, sodass Ria sich kaum entscheiden konnte.

„LIEBE KOLLEGIN, ICH habe in der Akte gelesen, dass Konrad Dorn Bauunternehmer war. War er auch ein reicher Mann?"

„Ach was. Dorn hatte sich mit seinen Steinmetzgesellen auf die Reparatur und Restaurierung von Friesen und Gesimsen aus dem roten Sandstein spezialisiert, aus dem alle wichtigen und offiziellen Gebäude dieser Stadt errichtet wurden, an dem aber der Zahn der Zeit und der saure Regen nagen. Von reich konnte keine Rede sein. Trotzdem hatte es immer Gerüchte gegeben, Dorn verwahre in seinem Kellertresor viel Bargeld und viel wertvollen Schmuck auf, was ich immer für dummes Zeug gehalten habe."

„Aber die Einbrecher haben vielleicht daran geglaubt."

„Schon möglich. Aber in die Richtung ist ja nie ermittelt worden."

„So viel Schlamperei wie in diesem Fall findet man selten in den Ermittlungsakten."

„Ja. Seit Udo aus dem Dienst ausgeschieden ist, haben wir uns oft über den Fall unterhalten. Er glaubte, dass wir als harmlose Schutzpolizisten in einen Machtkampf geraten seien, der in Tellheim ausgetragen wurde."

Das gab’s, wie Ria genau wusste. „Was hatte denn die große Gerüchteküche dazu beigetragen?"

„Nicht viel. Aber der Friedhof war bei der Beerdigung der Dorns regelrecht überfüllt."

SIE GINGEN GEMEINSAM zu Fuß ins Revier zurück. Anna Schulke wurde oft gegrüßt und grüßte häufig mit dem Namen des oder der Entgegenkommenden zurück. Die Oberkommissarin kannte ihre Neustadt und die Neustadt kannte sie.

Gegen einundzwanzig Uhr rief sie Ria im Hotel an: „Alle Beschlüsse sind da. Wir sehen uns morgen früh um acht Uhr dreißig auf dem Revier, einverstanden?"

„Na klar, gute Nacht."

Ria ging noch einmal hinunter in die Hotelbar. Ihre Leininger Rolle hatte außer Hackfleisch und Zwiebeln offenbar noch Peperoni oder ähnlich scharf schmeckende Durstmacher enthalten. Sie freute sich auf ein frisch gezapftes Bier.

An der Rezeption unterhielt sich Jutta Forst mit einem Mann Anfang dreißig, der erschrocken hochsah und sich gleich darauf bemühte, unsichtbar und von Ria nicht bemerkt zu werden. Ohne dieses merkwürdige Verhalten wäre er Ria gar nicht aufgefallen, aber so musterte sie den Schönling genau und er gefiel ihr gar nicht. Auch Jutta Forst machte ein Gesicht, als wünsche sie den Mann ohne Rückflugkarte auf den Mond.

Ria ging weiter zur Bar und löschte den Rollen-Brand mit einem kühlen Bier. Um zweiundzwanzig Uhr lag sie schließlich im Bett. Der morgige Tag würde lang und wahrscheinlich unangenehm werden.

Siebtes Kapitel

Punkt neun Uhr standen Anna Schulke und Ria Zeller mit einem Durchsuchungstrupp vor dem Damen- und Herren-Salon Gustav Helmich . Helmich fiel aus allen Wolken, als er eintraf. „Was wollen Sie von mir?"

„Wir haben einen Durchsuchungsbeschluss und werden Ihr Geschäft sowie Ihre Wohnung durchsuchen."

„Und wozu das?"

„Um etwas zu finden, was Sie am 6. Juni 2000 aus dem Hause Dorn mitgenommen oder deutlicher gesagt: geklaut haben."

„Juni 2000? Heute, neunzehn Jahre später kommen Sie deswegen zu mir und wollen alles auf den Kopf stellen?"

„Ja! Können Sie sich noch daran erinnern, wo Sie am 6. Juni 2000 waren? Eine kleine Hilfe: An jenem Abend fand das sogenannte Burgfest statt, zu dem Konrad und Linda Dorn eingeladen waren, aber nicht hingegangen sind, weil Linda Dorn am nächsten Morgen in die Uniklinik Tellheim fahren sollte."

„Woher soll ich jetzt noch wissen, was ich an einem bestimmten Tag vor so vielen Jahren gemacht habe, das ist doch hochkarätiger Schwachsinn. Ich rufe meinen Anwalt an."

„Tun Sie das, Herr Helmich. Wir fangen dann schon mal mit der Durchsuchung an."

„Das dürfen Sie nicht!"

„Oh doch, das dürfen wir. Fragen Sie Ihren Anwalt." Ria Zeller zwinkerte Anna Schulke zu. Der Mann hatte Angst; das Datum 6.6.2000 sagte ihm etwas, denn seine so schon unschöne Stimme war abstoßend schrill geworden, als man auf diesen Tag zu sprechen kam.

Helmichs Anwalt Andreas Tellring kam wenig später und wollte sich an Anna Schulke wenden, die er offensichtlich kannte. Doch die winkte ab: „Die Hauptkommissarin Maria Zeller leitet die Ermittlungen!"

„Na schön. Was soll das Ganze, Frau Zeller?"

„Wir suchen nach einem Hinweis, dass Gustav Helmich am 6. Juni 2000 im Hause Dorn gewesen ist. An jenem Abend wurden das Ehepaar Konrad und Linda sowie deren Tochter Cornelia ermordet. Wenn Gustav Helmich an dem Tag im Haus der Dorns war, ist er unter Umständen ein sehr wichtiger Zeuge für uns."

„Und warum kommen Sie erst jetzt, nach neunzehn Jahren, mit dieser Sache zu meinem Mandanten?"

„Weil eine Zeugin, die Herr Helmich im Hause Dorn bemerkt hatte, sich erst jetzt bei uns gemeldet hat."

„Und warum erst so spät?"

„Das wird man Ihnen erklären, wenn unsere Untersuchungen abgeschlossen sind."

„Bis dahin wird mein Mandant schweigen."

Ria sah ihn lange an: „Verehrter Herr Anwalt, Ihr Mandant hat kein Zeugnisverweigerungsrecht, wie Sie genau wissen."

„Wollen Sie ihm mit Beugehaft drohen?"

„Das entscheidet ein Vorsitzender Richter, nicht eine Kommissarin."

Anna Schulke war zu Beginn der Diskussion in das Geschäft gegangen und kam jetzt mit einem durchsichtigen Plastikbeutel zurück, in dem sich eine Porzellangruppe auf einem Porzellansockel befand. Sie trug blaue Plastikhandschuhe und holte den Gegenstand heraus, zog mit dem Schlüssel, der in dem Sockel steckte, ein Uhrwerk auf und löste die Sperre. Vier Bauernmädchen aus Porzellan tanzten, sich dabei drehend, um einen Maibaum, dazu spielte eine Spieluhr „Der Mai ist gekommen". Es war genau der Kitsch, den Kinder liebten, und diese Spieluhr hatte im Warteraum für Kinder gestanden, die sich aus einer Kiste mit großen Legosteinen oder einer Kiste mit Bilderbüchern bedienen konnten, während Mama unter Figaros Fingern schöner wurde.

„Das Hausmädchen der Dorns ist mit uns gleich nach dem Mord durch alle Räume gegangen und hat uns diktiert, was fehlte, zum Beispiel eine solche Spieluhr, die im Wohnzimmer stand."

Tellring griff sofort ein: „Diese Uhr oder eine, die genauso aussah?"

„Das muss die Kriminaltechnik noch untersuchen."

Die Männer hatten vier Kartons aus dem Frisiersalon geschleppt und in einem Kleintransporter verstaut. Zu Tellrings großem Ärger nahmen sie Helmich mit auf das Revier.

HELMICH WOLLTE BEI der Vernehmung keinen Anwalt.

„Sind Sie mal in Dorns Haus gewesen?"

„Ja."

„Und wann war das?"

„Das weiß ich nicht mehr. Aber zu dem Zeitpunkt lebten Konrad und Linda noch; ich habe damals mit beiden gesprochen."

„Um was ging es in dem Gespräch? Wissen Sie das noch?"

Er zögerte, als müsse er überlegen: „Um eine Jubiläumsfeier. Dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert Jahre Mittelburg. So eine Feier mit Musik und Freibier kostet und ich habe Geld gesammelt. Die Dorns waren bei solchen Anlässen immer sehr großzügig."

Ria nickte: „Herr Helmich, kennen Sie einen Emil Franzen?"

„Oh ja, sozusagen zweimal."

„Was heißt das?"

„Privatim haben wir uns im Kegelklub Alle neune kennengelernt.

Danach geschäftlich. Ich hatte Stress mit meiner Versicherung und habe Emil – er ist Versicherungskaufmann – gefragt, ob er mir eine ordentliche Versicherung besorgen kann."

„Konnte er?"

„Ja."

„Dann sind Sie befreundet?"

Helmich schnitt eine Grimasse: „Befreundet? Nee, Emil ist ein Pumpgenie, an seine Freunde erinnert er sich erst, wenn er seine Schulden zurückzahlen muss. Und da fordern einige Typen ihr Geld, denen ich nicht im Dunkeln begegnen möchte."

„Steckt er zurzeit wieder in einer solchen Klemme?"

„Und ob. Eine Abreibung hat er schon hinter sich, und beim nächsten Mal will man ihm die Finger brechen."

„Dann haben Sie ihm am Dienstag nichts geliehen?"

„Bin ich verrückt? Emil Geld zu leihen, heißt, es zu verschenken oder zu verbrennen!"

„Oder den Grill damit anzuheizen, versetzte Ria trocken, „eine Frage noch. Wer ist Ingo?

„Ich kenne nur einen Ingo. Ingo Junker. Er ist auch Kegler im Alle neune."

„Hat er auch einen Beruf?"

„Ja, er ist Elektriker bei MWM."

„Danke, das wär’s vorerst. Sie können gehen, Herr Helmich. Aber es wäre gut, wenn Sie in den nächsten Tagen nicht verreisen würden."

„Habe ich nicht vor."

Ria sah ihm unbehaglich nach. Das war ein harter Brocken, der sehr schnell schaltete und sich nicht einschüchtern ließ.

„Sagen Sie mal, liebe Kollegin, von dieser Liste verschwundener Gegenstände aus dem Hause Dorn habe ich in den Akten aber nichts gelesen."

„Es wollte sie ja keiner haben."

„Wie bitte?"

„Dieser Staatsanwalt hat Udo und mich nur angefaucht, wir sollten uns gefälligst nicht in die Arbeit der Kripo einmischen."

Ihre frühere Chefin, Marlene Schelm, hatte dafür einen Lieblingsspruch parat: „Die einzige unbegrenzte menschliche Fähigkeit ist die Dummheit."

VOR DER WOHNUNG VON Emil Franzen mussten sie fast zwei Stunden warten, bis der kleine, schmächtige und zappelige Mann erschien, der dem Motto huldigte „Angriff ist die beste Verteidigung".

„Gustav hat mich angerufen, dass Sie bei ihm waren und sich nach seinem Alibi für den Todestag der Familie Dorn erkundigt haben."

„Dasselbe würden wir von Ihnen auch gerne wissen", brummte Anna Schulke.

„Okay, aber dazu müssen Sie mir Zeit geben, in meinen alten Unterlagen nachzuschauen."

„Daran soll es nicht scheitern, Herr Franzen, knurrte Ria. „Aber es braucht ja wohl kein Aktenstudium, uns zu sagen, warum Sie am Dienstag bei Helmich im Salon gewesen sind.

„Nein, ich wollte mir Geld pumpen."

„Und warum?"

„Ich habe Schulden bei einem ganz unangenehmen Patron, einem gewalttätigen Zeitgenossen."

„Dessen Namen Sie uns sicherlich sagen können."

„Natürlich, er heißt Roland Baxter und wird allgemein Ronny genannt."

„Und wo finden wir diesen Ronny?"

„Ab zweiundzwanzig Uhr meistens im Hinterhaus."

„Ach, da wird der geklaute Schnaps aus Transportschäden jetzt verkauft?", fauchte Anna ihn an.

„Davon weiß ich nichts", wehrte sich Franzen.

„Wie hoch sind denn Ihre Schulden bei Ronny."

„Mit Zinsen um die Fünfzehntausend."

Da konnte ein professioneller Geldverleiher schon mal rabiat werden.

Franzen versprach, seine alten Unterlagen zu studieren und Bescheid zu geben, wenn er was über den 6. Juni 2000 gefunden hatte.

„Aber vorher nicht verreisen!", warnte Anna Schulke.

„Wo denken Sie hin!"

Anna Schulke wollte ins Revier zurück und Ria gegen zweiundzwanzig Uhr im Hotel Schmalspur abholen.

DAS Hinterhaus entsprach völlig seinem Namen. Alleine hätte sich Ria nie in diese Höhle gewagt, und ihre Dienstwaffe hatte sie in Tellheim gelassen. Die Bedienung an der Bar, eine fast grotesk auf jung und sexy getrimmte, stark geschminkte Frau zweite Hälfte dreißig beäugte sie misstrauisch, was sich legte, als Ria sagte: „Wir warten auf Ronny, um ihm etwas zu geben."

Ronny, die Karikatur eines skrupellosen Schmierlappens mit kriminellen Neigungen, erschien um zweiundzwanzig Uhr fünfzehn und wurde von der Barfrau direkt zu Anna und Ria geschickt. Er lächelte breit und erwartungsvoll: „Ihr habt was für mich?"

„Ja, sagte Anna schnell. „Eine Vorladung aufs Revier für morgen zehn Uhr zu einem Plauderstündchen mit der Kripo.

„Warum denn das?"

„Ein Zeuge hat Sie als sein Alibi angegeben, und das Alibi wollen – nein – müssen wir nachprüfen."

„Dazu haben Sie kein Recht."

„Und ob wir das haben. Fragen Sie Ihren Anwalt oder bringen Sie ihn gleich mit. Gut möglich, dass Sie ihn brauchen."

„Was soll das denn heißen?"

„Herr Baxter, wir halten Sie für einen illegalen Geldverleiher und denken, dass wir das auch vor Gericht beweisen können."

Anna Schulke setzte noch eines drauf: „Dieser Schuppen hier gehört doch Ihnen?"

„Nein, ich bin nur ein Partner."

„Na dann, Partner, freuen Sie sich auf Besuch der Steuerfahndung und unsere Kripo-Kollegen aus den Abteilungen Diebstahl und Raub.

Diese Cocktails sind außergewöhnlich preiswert. Für den regulären Einkauf dieser Flaschenbatterie dort an der Wand gibt es doch bestimmt korrekte Rechnungen mit Mehrwertsteuerangaben? Und für Elvira, diese offenherzige Bedienung an der Bar, zahlen Sie doch bestimmt den Arbeitgeber-Anteil für Rentenversicherung und Krankenkasse – oder?"

„Hören Sie schon auf. Wer hat mich verpfiffen, einer aus dem Trio?"

„Dazu müssten wir wissen, wer zu diesem Trio gehört. Schön langsam, damit wir mitschreiben können."

Ronny merkte, dass er in eine selbst aufgestellte Falle gelaufen war, aber nun war es zu spät für einen Rückzieher.

„Emil Franzen, Gustav Helmich und Ingo Junker."

„Das sind alles Kegler?"

„Auch Dartspieler."

Anna schnalzte mit der Zunge: „Ein schönes Trio. Ist Junker immer noch so hinter jungen Frauen her?"

„Ich glaube, ja."

Ria war mit dem Ergebnis ihrer Überrumpelung nicht so recht zufrieden.

Ronny war viel zu schnell eingeknickt und hatte viel zu schnell nachgegeben. Was führte er im Schilde? Die einzig tröstliche Überlegung war: Wenn er glaubte, er sei verpfiffen worden, hatte er mit den Namen der Dreierbande wohl auch den Mann genannt, von dem er glaubte, der habe ihn verraten.

Sie zahlten ihre Getränke, und Anna Schulke begleitete Ria noch zum Hotel: „Der Name Emil Franzen kommt mir sehr bekannt vor. Ich telefoniere gleich noch mit Lampert. Bis morgen dann, ich wünsche eine gute Nacht."

Achtes Kapitel

Udo Lampert schien , was das Gedächtnis betraf, mit Arne Wilster verwandt zu sein. „Emil Franzen ist Versicherungsvertreter und ist Ende der neunziger Jahre wegen mehrfachem Betrug und Untreue zu Knast verurteilt worden."

„Dann hat ihn seine Versicherung bestimmt gefeuert?"

„Und ob. Seitdem schlägt er sich als Selbständiger mehr schlecht denn recht durch.

„Sie haben doch sicher schon herausgefunden, was aus den andern aus der Dreierbande geworden ist?"

Helmich hat einen Frisiersalon und soll es am Anfang sehr schwer gehabt haben, über die Runden zu kommen.

„Und Ingo Junker?"

„Der hat einen festen Job als Elektriker beim MWM und betätigt sich erfolgreich als Schürzenjäger und weniger erfolgreich als Pokerspieler."

„Das heißt, das Trio hatte um 2000 herum Geldsorgen?"

„Kann man so sagen."

„Mir wird immer unverständlicher, warum man nicht in diese Richtung ermittelt hat."

Anna Schulke zuckte die Achseln und zog ab, um mit dem Revierkollegen „Kleiderschrank" Udo Lampert in seinem Rollstuhl zu holen.

RONNY BAXTER PLATZTE fast vor Selbstbewusstsein. Ria grinste: „Sie haben uns gestern drei Namen genannt, alle hatten um das Jahr 2000 herum Schulden oder steckten in Geldnöten. Und was war damals mit Ihnen?"

„Von Mitte 1998 bis Herbst 2001 hat der Land Leiningen für mich gesorgt, und zwar in der JVA Lensen. Keine Chance, Geld auszugeben oder groß Schulden zu machen."

Das ließ sich leicht nachprüfen.

„Wussten Sie von den Gerüchten, dass Dorn viel Bargeld und Schmuck in seinem Tresor aufbewahrt haben sollte?"

„Ja, wusste ich. Und nach meiner Entlassung aus Lensen habe ich auch gehört, dass Dorns Tresor aufgeschweißt und geleert worden ist."

„Kannten Sie die Dorns?"

„Ja und nein. Ihn nicht, aber Linda Dorn, damals noch Linda Sturm, wohnte zwei Straßen weiter. Nachdem ich sie einmal auf dem Spielplatz verhauen hatte, wollte sie von mir nichts mehr wissen."

„Was ihnen sicherlich das Herz gebrochen hat", spottete Ria Zeller.

„Und wie ... Sonst noch was, Frau Kommissarin? Oder kann ich gehen?"

„Nehmen Sie’s sportlich. Wegen unserer Plauderei mussten Sie heute wohl ungewohnt früh aufstehen. Sie werden sich wundern, wie lang so ein Tag ist und was man alles erledigen kann, solange es noch hell ist."

NACH BAXTERS ABGANG setzten sich Anna Schulke, Udo Lampert und Ria Zeller zum Kaffee zusammen.

„Das ist ausgegangen wie das Dornberger Schießen, stöhnte Ria. „Sie haben sich damals doch auch Gedanken über das Motiv gemacht.

„Sicher, sagte Lampert ungeduldig. „Geld. Die im wahrsten Sinne des Wortes sagenhaften Schätze des Konrad Dorn. Das hätte auch den Kreis der möglichen Täter eingegrenzt, auf Mittelburg oder die unmittelbare Umgebung. Denn im Wiesenbachtal hat sich meines Wissens keiner für den Unternehmer Dorn interessiert.

„Aber warum dann drei Tote?"

Anna Schulke bot eine Erklärung an: „Konrad oder Linda Dorn müssen den oder die Täter erkannt haben, bevor der oder die sich an das Aufschweißen des Tresors gemacht haben."

Ria überlegte. „Das klingt vernünftig, setzt aber auch einen ziemlich abgebrühten Täter voraus. Im Keller zu schweißen, während im Erdgeschoss ein Toter liegt und zwei Menschen verbluten."

„Oder anders ausgedrückt: Wie groß muss die Angst des oder der Täter vor den Folgen gewesen sein, sollten er oder sie ohne Geld aus dem Hause Dorn abziehen?"

Lampert nickte. „Gut möglich, Anna. Aber es ist auch Handeln in Panik möglich, gerade wenn es sich um Profis handelte."

Ria fasste zusammen: „Wer hat warum geschossen. Wenn es unser Trio Helmich, Franzen und Junker war, haben wir zwei Zeugen und einen Schützen. Wie kriegen wir die beiden Nichtschützen dazu, den Schützen zu denunzieren? Oder glaubt einer von Ihnen, dass es zwei Todesschützen gibt? Dann müssten unsere drei die Waffe jeweils weitergeben haben; aber warum?"

„Damit sich auch ein anderer schuldig macht?" Anna Schulke lächelte unbehaglich.

Ria winkte ab: „Glaube ich nicht, ein Täter hat dreimal geschossen, eine Kugel traf Vater Dorn, die zweite Mutter Dorn und die dritte als Querschläger die Tochter Cornelia. Ich denke, wir haben einen Schützen und zwei Mittäter oder Beihelfer. Wie bekommen wir die dazu, den dritten, den Schützen, zu verraten?"

„Ihnen klar machen, dass Geständnisse sich fast immer positiv auf das Strafmaß auswirken?", meinte Lampert unsicher.

Ria fand den Vorschlag sehr praktikabel. Es bedeutet für die beiden Beihelfer zwar auch Knast, aber voraussichtlich nicht lebenslänglich.

„Gut, dann wollen wir es riskieren. Morgen um zehn alle drei wieder hier?"

Sie hatte nur einmal nach dem dümmlichen Gestottere von Angeklagten: „Das haben wir nicht gewollt die Frage des Richters gehört, die ihr plötzlich auch auf der Zunge lag: „Warum haben Sie es dann getan?

Neuntes Kapitel

Natürlich waren ihre drei Kandidaten nervös und unruhig. Vom Frühstückstisch abgeholt und ins Polizeirevier gebracht zu werden, konnte auch dicke Nerven flattern lassen.

Sie wurden in das kleine Nebenzimmer geführt, wo auf dem Tisch für jeden ein Glas Wasser stand und in der Mitte ein Aufnahmegerät aufgebaut war. Ria sprach die erforderliche Eröffnungsformel und diktierte die Uhrzeit in das Gerät.

„Ich glaube, Sie wissen alle, warum Sie hier sind. Es geht um den Abend des 6.6.2000 und die Ermordung von Konrad, Linda und Cornelia Dorn. Möchte jemand freiwillig ein Geständnis ablegen?"

„... Nein? Dann will ich Ihnen verraten, was wir wissen und auch vor Gericht beweisen können. Sie waren schon vor dem Jahr 2000 gut miteinander bekannt, Mitglieder des Kegelclubs Alle neune und steckten zur Jahrtausendwende in finanziellen Nöten. Emil Franzen hatte Spielschulden und war schon einmal von einem Geldverleiher verprügelt worden, weil er nicht rechtzeitig zurückzahlen konnte. Gustav Helmich hatte sich beim Kauf und Umbau seines Frisiersalons übernommen und konnte den Kredit der Bank nicht mehr bedienen. Ingo Junker gab mehr Geld aus, als er bei MWM verdiente, vor allem für seine vielen Freundinnen. Helmich hatte in einem Frisörgeschäft, in dem er arbeitete, von einem schwatzhaften Hausmädchen der Dorns das Märchen gehört, Dorn bewahre in seinem Kellertresor viel Bargeld und wertvollen Schmuck auf. Ingo Junker konnte immer Geld gebrauchen und Helmich und Franzen brauchten Junker, weil er wohl als Einziger schweißen und die nötigen Geräte besorgen konnte."

„Alles Blech", murmelte Junker gut verständlich.

„Meinen

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