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Zwischen Tod und Leben: Den Karsamstag neu entdecken

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Zwischen Tod und Leben: Den Karsamstag neu entdecken

Länge:
363 Seiten
4 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 15, 2019
ISBN:
9783451816659
Format:
Buch

Beschreibung

Hat der christliche Glaube heute noch eine Chance, oder ist das Leben nicht schon bunt und mitreißend genug? Frère John lebt seit über vierzig Jahren in der Communauté von Taizé. Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage nimmt er die theologische Bedeutung des Karsamstags in den Blick. Dieser Tag zwischen Tod und Auferstehung kann uns den Glauben neu verstehen lassen als eine radikale, weltumspannende Wirklichkeit, als ein Weg zu einem Leben der Klarheit und der Hoffnung, ein Leben in der Welt, ohne von der Welt zu sein.
Herausgeber:
Freigegeben:
Apr 15, 2019
ISBN:
9783451816659
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Zwischen Tod und Leben - John (Frère)

Frère John, Taizé

Zwischen Tod und Leben

Den Karsamstag neu entdecken

Originalausgabe:

Terre de passage. Le samedi saint et la redécouverte de l’au-delà

Übersetzung aus dem Englischen: Kleine Schwester Teresa-Johanna von Jesus

© 2017 Ateliers et Presses de Taizé, 71250 Taizé Communauté, France

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2019

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Als Bibeltext ist zugrundegelegt

Die Bibel. Die Heilige Schrift

des Alten und Neuen Bundes

Vollständige deutsche Ausgabe

© Verlag Herder Freiburg im Breisgau 2005

Umschlagmotiv: Frère Marc, Taizé

Covergestaltung: wunderlichundweigand

Innengestaltung: Barbara Herrmann, Freiburg

ISBN Print 978-3-451-38447-9

ISBN E-Book 978-3-451-81665-9

Inhalt

Hinführung

I

Die Frage der Eschatologie

1 Das Dilemma

Ein Volk der Hoffnung

Das Ende des Zeitalters

Die Zeit ist erfüllt!

Schon und noch nicht

II

Biblische Überlegungen zum Karsamstag

2 Eine allumfassende Solidarität

Das Totenreich

Der letzte Platz

Zu den Sündern gezählt?

Die Entwaffnung des Bösen

Den Toten verkündigen

Licht aus dem Osten

Ein paradoxer Sieg

3 Das Schweigen Gottes

Verbirg nicht dein Angesicht!

Verloren im Exil

Der Klang des Schweigens

Vom Schweigen in die Stille

4 Der Sabbat

Ein »nutzloser« Tag

Gott besteigt seinen Thron

Ein Tag der Freude, der Freiheit und der Ruhe

Jesus und der Sabbat

Samstag oder Sonntag?

Inspiration der Liturgie

Das heilige Triduum

III

Der Raum und die Zeit des Karsamstags

5 Leben in den Randgebieten

Der Schwellenzustand

Zwischen Tod und Auferstehung

Johannes: In und doch nicht von dieser Welt

Paulus: Im Fleisch, aber nicht nach dem Fleisch

Außerhalb des Lagers

Der Papst und die Peripherie

Eine Mehrheitsreligion?

Die klösterliche Alternative

Eine neue Epoche?

6 Jetzt ist die Zeit!

Der Kairos ist hier!

Christus, unser Passah

Die Stunde Jesu

Das ewige Jetzt

Eine Zeit wie Musik und Tanz

Licht in der Dunkelheit

Lauf weiter!

Die Hoffnung kann nicht trügen

Und die Zukunft?

Eine Zeit, um zu bauen

Nachtrag: Ein Leben, das alle Hoffnung übersteigt

IV

Ein Leben im Karsamstag der Geschichte

7 Leere und Fülle

Eine erfolgreiche Revolution

Die Tage des Messias

Geh durch das schmale Tor!

Der Karsamstag, ein Passah

Der Kairos als Wendepunkt

Eine Politik der verbrannten Erde

Technokratie und Kapitalismus

Und die Erfüllung?

Die sakramentale Logik

Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!

Die andere Seite der Geschichte Jesu

Namen und Abkürzungen der verwendeteten biblischen Bücher

Hinführung

Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. (Lk 12,49)

Dieses Buch geht davon aus, dass der christliche Glaube eschatologisch ist. Was ist damit gemeint? Eschatologie bedeutet wörtlich: die Lehre von den letzten Dingen. Lange Zeit verstand man in den gängigen theologischen Abhandlungen darunter: Tod, Gericht, Himmel und Hölle. In diesem Buch wird Eschatologie in einem umfassenderen und zugleich grundlegenderen Sinn verstanden, welcher – stets nahe an den Worten der Bibel – deutlich macht, wohin die Nachfolge Jesu führt.

Für die Kirche ist es mittlerweile zu einer entscheidenden Frage geworden, wie sie sich selbst versteht: Wenn sie die Vorstellung derer übernimmt, die sie von außen betrachten, wird sie zu einer Religion unter anderen, mit einer bestimmten Lehre und bestimmten Gewohnheiten ritueller Art, welche die spirituellen Bedürfnisse einiger Zeitgenossen befriedigen. Oder aber sie besinnt sich auf das, was sie von den Schriften des Neuen Testaments her zu sein beansprucht, nämlich die geheimnisvolle und alles Erwartbare übersteigende Verheißung, dass die »letzten Dinge« bereits angebrochen sind, um diese Welt von Grund auf zu verwandeln. Wenn die Kirche diese Verheißung bezeugt und sie gewissermaßen selbst der Anfang deren Verwirklichung ist, stellt sich die Frage, an welchen Zeichen man diesen Prozess erkennen kann. Konkret gefragt: Was hat sich in unserer Welt dadurch verändert, dass vor 2000 Jahren in Palästina ein Mann gelebt hat, der zu Tode gefoltert wurde, in den Augen seiner Anhänger aber auferstanden ist und lebt?

Man kann dieselbe Frage auch noch aus einem anderen Blickwinkel stellen: Wird man dem christlichen Glauben gerecht, wenn man ihn als einen Aspekt betrachtet, der auf friedliche Weise neben den vielen anderen Aspekten des alltäglichen Lebens eines Menschen einhergeht? Oder liegt es nicht in der Natur des christlichen Glaubens, das ganze Leben zu umfassen und zu verwandeln? Für mich, der ich seit über 40 Jahren einer monastischen Gemeinschaft angehöre, ist diese Frage nicht theoretischer Art, sondern von vitalem Interesse. Doch auch für Christen, die vor den alltäglichen Herausforderungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der Familie und der Arbeit stehen, stellt sich diese Frage, sofern sie beginnen, nach einem alles zusammenhaltenden Lebenssinn zu suchen.

Zwei Impulse halfen mir bei der Frage, worin die eschatologische Qualität des Glaubens für den einzelnen Menschen und für die Kirche besteht. Dies waren zum einen ein »Ungenügen« und zum anderen eine »Ahnung«!

Wenn Theologen darüber nachdenken, wie durch das Kommen Christi das Absolute in unser Menschsein eingetreten ist, sprechen sie oft von einer paradoxen Spannung zwischen »schon und noch nicht«. Die endzeitliche Verwandlung des Lebens und der ganzen Welt ist eine in der Gegenwart in Erfüllung gegangene Verheißung und zugleich eine noch ausstehende Zukunft. Man muss dankbar sein für diese Formel des »schon und noch nicht«. Doch sie beinhaltet auch die Versuchung, zu einer – im wörtlichen Sinn – »schlüssigen Formel« zu erstarren. Genau darin besteht für mich das »Ungenügen«: Diese Formel wird allzu schnell im Sinn einer Definition gebraucht, einer abschließenden Erklärung, die von allem weiteren Suchen entbindet. Anstatt das »schon und noch nicht« als den Anfang eines Weges zu verstehen, der zu immer tieferem Verstehen führt, macht man es zum Ende einer Sackgasse.

Diese Versuchung besteht auch hinsichtlich vieler anderer dogmatischer Aussagen. Dogmen wollen ein Glaubensgeheimnis schützen und bewahren. Deshalb sind sie unverzichtbar, aber sie können und wollen die Glaubensgeheimnisse nicht abschließend erklären. Das bekannte Dogma des Konzils von Chalcedon (451 n. Chr.), dass Christus »wahrer Gott und wahrer Mensch« sei, wies falsche Auffassungen bezüglich der Person Christi zurück und gab der nachfolgenden theologischen Reflexion die Richtung vor. Wäre die Formel von Chalcedon als »letztes Wort« angesehen worden, hätte sie alles weitere Suchen und Vertiefen überflüssig gemacht. Ähnlich verhält es sich mit der in diesem Buch so wichtigen Formel des »schon und noch nicht« des Reiches Gottes in dieser Welt. Es wäre hochmütig und eingebildet, würde man ein göttliches Geheimnis endgültig ergründen wollen; vielmehr geht es darum, wie wir im Blick auf die endzeitliche Erfüllung als Christen unser Leben in der heutigen Welt führen können – inmitten dieser Spannung von »schon und noch nicht«. Dies betrifft vor allem die Haltung der Hoffnung: Worauf können wir berechtigterweise hoffen, wenn wir uns auf das Evangelium stützen? Und was ist dagegen im Blick auf das Göttliche bloße Illusion oder menschliches Wunschdenken?

Der zweite Impuls, der mich bei meinem Nachdenken über die Frage der Endzeit beschäftigte, war eine Ahnung, die ich schon lange in mir trug: Wir müssen uns einem ganz bestimmten Tag im Kalender zuwenden, der zumindest in der westlichen Kirche weitgehend in Vergessenheit geraten ist – dem Karsamstag. Vielleicht wurde dieser Tag schlichtweg deswegen vergessen, weil im Evangelium fast nichts von diesem Tag überliefert ist. Allerdings ist der Karsamstag genau der Tag, an dem Tod und Auferstehung Christi miteinander in Berührung kommen. Insofern stellt er einen guten Ausgangspunkt für eine Untersuchung dar, die den Übergang von Erde und Himmel, von Gegenwart und Zukunft, von Ende und Neuanfang in den Blick nimmt.

In Gesprächen mit anderen Menschen hat es mich oft erstaunt, wie viele unserer Zeitgenossen sich in der Situation des Karsamstags wiederfinden. Am Beginn eines neuen Jahrtausends scheint dieser Tag, an dem alles vollbracht, aber noch nichts sichtbar ist, zunehmend an Bedeutung zu gewinnen. Könnte man sagen, dass wir uns aus historischer Sicht in einer Art »Karsamstagsperiode« befinden, in einem Zeitalter, in dem sich unzählige Hoffnungen als illusorisch erwiesen haben und niemand weiß, was an ihre Stelle treten kann? Falls dem so ist, könnte diese, durch mein persönliches Interesse begonnene Untersuchung, auch für andere von Bedeutung sein.

Das vorliegende Buch beginnt mit einem einleitenden Kapitel, das sich mit dem Dilemma der christlichen Eschatologie beschäftigt und es mit dem Thema des Karsamstags in Verbindung bringt. Im darauffolgenden Teil werden verschiedene biblische Elemente des Karsamstags untersucht: Zunächst wird die Perspektive Jesu eingenommen und sein Hinabsteigen in das Reich des Todes betrachtet (Kapitel 2). Anschließend stehen die Jünger und ihre Erfahrung der Verlassenheit bzw. des Schweigens Gottes (Kapitel 3) im Vordergrund, worauf eine Abhandlung über die Bedeutung des jüdischen Sabbats (Kapitel 4) folgt. Schritt für Schritt wird offensichtlich, dass Jesu Übergang vom Tod ins Leben die Heraufkunft des wahren Sabbats zur Folge hatte: Dieser eröffnet einen neuen Raum und eine neue Zeit, die – eingewurzelt im Hier und Jetzt – ihre ganz eigene Logik hat. In Kapitel 5 und 6 wird versucht, diesen Raum und diese Zeit zu beschreiben. Im abschließenden Kapitel 7 fasse ich meine Beobachtungen zusammen und ziehe einige Schlussfolgerungen. Dadurch möchte ich zeigen, auf welche Weise die Wiederentdeckung des Karsamstags ein wertvoller Wegweiser sein kann, der sowohl unserem persönlichen Glaubensleben als auch dem Leben der Kirche eine neue Richtung im »Karsamstag der Geschichte« gibt, den wir, wie mir scheint, derzeit erleben.

I

Die Frage der Eschatologie

1

Das Dilemma

Was bedeutet es, Christ zu sein? Auf diese Schlüsselfrage können unsere Zeitgenossen eine Vielzahl von Antworten geben. Ihre Bandbreite erstreckt sich von »ein guter Mensch sein« über »jeden Sonntag zur Kirche gehen« bis hin zur »Wiedergeburt durch die Begegnung mit meinem persönlichen Retter Jesus Christus«. Um jedoch eine maßgebliche, dauerhaft gültige Antwort zu finden, müssen wir uns den grundlegenden Schriften der Christenheit zuwenden, die uns als das Neue Testament bekannt sind. Wir wollen mehr oder weniger zufällig drei Texte herausgreifen, die unser Thema betreffen. Am Ende des Johannesevangeliums begründet der Evangelist, warum er schreibt:

Diese [Zeichen] aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr als Glaubende Leben habt in seinem Namen. (Joh 20,31)

Und zu Beginn des Evangeliums nach Markus geben uns die ersten Worte, die Jesus spricht, Aufschluss über die wesentliche Aussage seiner Botschaft:

Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,15)

Schließlich schreibt der heilige Paulus an die Frauen und Männer, die in der griechischen Stadt Korinth als Erste an Christus als den Messias glauben:

Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten. (1 Kor 15,20f.)

Messias, Gottes Sohn, Reich Gottes, Auferstehung der Toten … Das sind keine vom Verstand geprägten oder abstrakt philosophischen Vorstellungen. Es handelt sich um Begriffe, die sowohl uns als auch den meisten Menschen im Laufe der Zeitgeschichte nur schwer zugänglich sind und waren. Die Ausdrücke platzieren uns unmissverständlich in die Gedankenwelt einer bestimmten Gruppe von Menschen, in ihre Zeit und an ihren Lebensort – das jüdische Volk vor ungefähr 2000 Jahren. Die oben angewandte Sprache drückt die Hoffnung Israels aus, und die Texte behaupten, dass sich eben jene Hoffnung durch das Leben eines einzelnen, bestimmten Menschen – Jesus von Nazareth – jetzt erfüllt: Der Messias ist da, das Reich Gottes ist greifbar, die Auferstehung hat begonnen. Dies ist der Kern der von den Jüngern bezeugten »Guten Nachricht«. Um die wahrhafte Bedeutung des christlichen Glaubens zu verstehen, müssen wir daher mit einer Betrachtung der Weltanschauung jenes Volkes beginnen, in dem dieser Mann geboren wurde.

Ein Volk der Hoffnung

Einer der Gründe, warum sich das winzige Volk Israel von allen anderen Nationen unterscheidet, ist zweifelsfrei seine einzigartige Vision von der Geschichte der Menschheit. Die Erzählungen davon finden sich in den heiligen Schriften, die später von den Christen als das Alte Testament bezeichnet werden. Sie beschreiben die Handlungen eines Gottes, der anders ist als alle Götter. Er ist nicht einfach nur der Gott eines einzelnen Volkes, der im Wettstreit oder Schulterschluss mit anderen, ähnlichen Göttern steht, sondern er ist der Schöpfer und Herrscher des ganzen Universums. Und der Geschichte zufolge tritt dieser Gott in eine besondere Beziehung mit Israel, um aus dem Volk ein »Königreich von Priestern« (Ex 19,6) zu machen, ein lebendiges Zeichen seiner Gegenwart im Herzen der von ihm erschaffenen Welt.

Der Gott der hebräischen Bibel war weit davon entfernt, den Menschen gleichgültig oder abgeneigt zu begegnen. Vielmehr zeigte er sich leidenschaftlich um ihr Wohl besorgt. In seinem Grundwesen war er wohlwollend, »ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Gnade und Treue« (Ex 34,6), und das von ihm geschaffene Universum war »sehr gut« (Gen 1,31).

Es ist keine große Einsicht vonnöten, um das Dilemma zu erkennen, das in dieser Sichtweise ihren Ursprung nimmt. Die Welt, die wir wahrnehmen und in der wir tagtäglich leben, scheint mit dieser Beschreibung ihres Schöpfers und seinen Absichten nicht übereinzustimmen. Das ist keine neue Entdeckung. Schon frühzeitig nahmen die Menschen die offensichtliche Unvereinbarkeit wahr, die zwischen einem guten Gott und einer nicht immer guten Welt bestand. Die Vorstellung von einem mächtigen und dafür weniger wohlwollenden Gott, oder anders ausgedrückt, das Bild eines wohlwollenden Gottes, dessen Macht beschränkt ist, scheint jeweils besser auf unsere Welt zuzutreffen als das Bild, das uns die Bibel von der Göttlichkeit gibt.

Für diese scheinbare Unvereinbarkeit zwischen einem allmächtigen und liebenden Gott und einer alles andere als perfekten Welt wurden verschiedene Lösungsansätze entwickelt. Bleiben wir auf einer rein spekulativen Ebene, dann ist keiner von ihnen vollauf befriedigend. Der allgemein bekannte Versuch, das Problem anzugehen, stellt die Wahlfreiheit des Menschen in den Mittelpunkt. Um sein Universum auszufüllen, ist Gott das Risiko eingegangen, Wesen zu erschaffen, deren Verhalten nicht im Voraus bestimmt ist. Die Menschen sind mit einem Verstand und mit einem Willen ausgestattet; sie versuchen, die Welt zu verstehen und daraus folgend zu handeln. Daher können sie sich irren oder sich aufgrund ihrer begrenzten Sicht sogar auf eine Weise benehmen, die zwar ihnen, nicht aber den Menschen und ihrem Umfeld nützt. Das von Gott eingegangene Risiko birgt in sich einen Verzicht: Gott will das Universum und die menschliche Gesellschaft nicht durch einen eigenmächtigen Entschluss auf die bestmögliche Weise leiten. Die göttliche Macht will vielmehr die Wahlfreiheit des Menschen respektieren. Daher ist Gott gezwungen, einen Weg zu finden, auf dem die Freiheit des Handelnden nicht aufgehoben, sondern so erhellt wird, dass der Mensch dem bestmöglichen Weg folgt.

Natürlich berücksichtigt die Bibel die Vorstellung von der menschlichen Freiheit. Sie tut dies allerdings nicht zuerst, um eine Rechtfertigung dafür zu liefern, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Sie erkennt sie eher als Teil des Problems. Wir suchen in der Bibel vergebens nach einer befriedigenden, intellektuellen Erklärung für den anscheinenden Gegensatz zwischen der Güte des Schöpfers und dem Zustand der erschaffenen Welt. Stattdessen finden wir eine mögliche Lösung: Die Bibel ist darum bemüht, uns eine Hoffnung zu schenken und diese zu umschreiben.

Diese Hoffnung kommt bereits auf den ersten Seiten der hebräischen Schriften zum Vorschein. Wenn die Bibel in ihrer Grundaussage die Geschichte von Gottes liebender Beziehung zu der von ihm geschaffenen Welt ist, dienen die ersten elf Kapitel des Buches Genesis als eine die Dramatik aufbauende Vorgeschichte. Sie erzählen eine Geschichte, die uns erklärt, weshalb die beschriebene Beziehung so problematisch ist und nur mit der Zeit aufgearbeitet werden kann. Wir entdecken ein Universum, das in sich gut und zugleich beschädigt ist, weil der Mensch dazu neigt, nicht in Übereinstimmung mit dem Weitblick des Schöpfers, sondern aus seinem eigenen, begrenzten Blickwinkel heraus zu handeln. Nichtsdestotrotz versichert uns die Bibel, dass weder das menschliche Fehlverhalten noch seine Ichbezogenheit dazu in der Lage sind, die guten und schöpferischen Absichten Gottes außer Kraft zu setzen. Selbst im äußersten Fall findet Gott noch immer einen rechtschaffenen Mann. Es ist Noah und die Geschichte von der großen Flut in Genesis 6 – 9, in der Gott es scheinbar bereut, die Menschheit überhaupt geschaffen zu haben. Durch diese eine Person und deren Familie kann alles einen neuen Anfang nehmen.

Gott ist quasi dazu in der Lage, den menschlichen Fehler in Gutes zu wandeln. Der Versuch, in Babel einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reicht (Gen 11), führt zur Verschiedenheit der Sprachen, durch die die Menschheit getrennt und zerstreut wird. Gleichzeitig und glücklicherweise folgt aus diesem vermeintlichen Fehler aber auch, dass die Erde bevölkert und ein Weg hin zu einer Einheit bereitet wird, die sich nicht in der Gleichförmigkeit ausdrückt, sondern in der Versöhnung der Unterschiede, die in einer umfassenden Einheit bewahrt bleiben.

Im 12. Kapitel des Buches Genesis findet sich der Übergang von der Vorgeschichte zur Geschichte an sich. Im dort beginnenden Bericht von Abraham erscheint das Thema der Hoffnung bereits als Leitmotiv der biblischen Erzählung. Es wird durch ein anderes, ihm verwandtes Motiv ausgedrückt, dem Motiv der Verheißung. Der unbekannte Gott, der eines Tages in das Leben des Patriarchen eintritt, kommt nicht, um ihn zu warnen oder zu verdammen, sondern mit der Verheißung eines Segens, der Verkündigung eines größeren Lebens. Und dieses Versprechen betrifft nicht nur ihn, sondern auch seine Nachkommen und, durch sie, die ganze Menschheit:

Der Herr sprach zu Abraham: Ziehe fort aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! Ich will dich zu einem großen Volk machen. Ich will dich segnen und deinen Namen groß machen; du sollst ein Segen sein. Ich werde segnen, die dich segnen, und die dich verwünschen, werde ich verfluchen! Durch dich sollen gesegnet sein alle Generationen der Erde. (Gen 12,1–3)

Die Verheißung von einem größeren Leben wird die treibende Kraft der Geschichte, und dies nicht nur im Buch Genesis, sondern in der gesamten hebräischen Bibel. In den folgenden Büchern wird sie durch politische Befreiungen und die Schenkung eines Landes dargestellt, aber sie erschöpft sich nie in einem bestimmten Handeln des göttlichen Wohlwollens. Stets reicht sie über sich selbst hinaus.

Es ist nicht immer einfach, einen zeitlichen Ablauf der biblischen Geschehnisse herauszuarbeiten, denn die Endfassungen einer Vielzahl der Bücher der Bibel haben im Laufe der Jahrhunderte eine lange und vielschichtige Entwicklung durchlaufen. Dennoch kann man annehmen, dass die ersten Äußerungen von einer Hoffnung in Verbindung zu einem besonderen Umstand standen: dem Sieg in einem Kampf, dem Ende einer gelungenen Reise, der Rückkehr aus einer Gefangenschaft. Gleichzeitig werden diese bestimmten Ereignisse in den Büchern der großen Propheten Israels jedoch als Zeichen von etwas Größerem und Bedeutsameren verstanden.

Auf den ersten Blick mag zum Beispiel der Ausdruck vom »Tag des Herrn« eine Art gewesen sein, die Aufmerksamkeit auf ein besonderes Eingreifen Gottes zu lenken, durch das er ein vom Feind belagertes Volk rettete. In Jesaja 9,3 verweist der »Tag von Midian« auf die Geschichte im Buch der Richter 6 –7, in der von Gideon berichtet wird, der mit einer Handvoll Männer und mit Gottes Beistand eine viel stärkere Militärmacht überwältigt. Schrittweise nimmt der Ausdruck »Tag des Herrn« jedoch eine weitaus umfassendere Bedeutung an, indem er für das Ende aller Unterdrückung und menschlichen Überheblichkeit steht, die vom Feuer der Leidenschaft Gottes vernichtet werden. In den prophetischen Büchern bedeutet der »Tag des Herrn« daher die absolute Vernichtung des Bösen, einschließlich des Bösen im Volk Israel selbst. Das erklärt auch, warum der Vorsatz einer Errettung zuweilen aus dem Blick schwindet und es eher so scheint, als sei sie zu fürchten (siehe Am 5,18 –20; Jes 13,6ff.; Zef 1,14ff.).

Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass dieser zerstörerische Moment einzig das nötige Vorspiel für den Beginn eines neuen Zeitabschnitts ist, in dem sich Gottes Verheißung an seine Getreuen endlich erfüllen wird:

An jenem Tag wird es geschehen: Der Herr wird die Hand zum zweiten Mal erheben, (…) um die Versprengten Israels wieder zu sammeln, um die Zerstreuten Judas zusammenzuführen. (…) An jenem Tag wirst du sagen: Ich preise dich, Herr. (…) An jenem Tag brauchst du dich nicht mehr zu schämen. (…) An jenem Tag wird man zu Jerusalem sagen: Fürchte dich nicht, Zion! Lass die Hände nicht sinken! Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er jubelt über dich voller Freude, er erneuert seine Liebe zu dir. (Jes 11,11f.; 12,1; Zef 3,11.16f.)

Was aus dem Blickwinkel derer, die einzig auf die Bewahrung ihrer trügerischen Vorteile und Sicherheiten bedacht sind, nichts als Vernichtung und Angst hervorruft, ist in Wahrheit ein Neubeginn, der Eintritt in eine erneuerte Welt.

Das Ende des Zeitalters

In den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung schafft die Hoffnung Israels bei den Menschen ein neues und umfassendes Verständnis der Weltgeschichte. Etwa sechshundert Jahre bevor Jesus von Nazareth geboren wurde, überfiel die babylonische Armee das winzige Königreich Juda, zerstörte den Tempel von Jerusalem und deportierte die führenden Männer des Volkes. Diese Katastrophe brachte für das Volk Israel dennoch unerwartete positive Auswirkungen: In Babylon, dem Land der Verschleppung und des Exils, hatten die Priester und Schriftgelehrten die Zeit und die Muse, ihre alten Traditionen zu sammeln und in einen zusammenhängenden Bericht zu fassen. So entstand das Herzstück der hebräischen Bibel, wie wir sie heute kennen. Ungefähr fünfzig Jahre später änderte sich die politische Lage in der Region erneut, und die Juden erhielten die Erlaubnis, in ihre Heimat zurückzukehren. Diese Heimkehr entsprach jedoch nicht den Erwartungen. Noch immer waren sie ein Volk in Gefangenschaft, noch immer wurden sie von einem feindlichen Reich beherrscht. Es hatte lediglich ein Wechsel der Machthaber stattgefunden.

In diesen Jahren war die Hoffnung Israels weniger mit besonderen Ereignissen verknüpft als vielmehr mit einer tiefgreifenden Veränderung der Umstände, unter denen das Volk leben musste. Israel erwartete die Schaffung einer neuen Weltordnung. Natürlicherweise wurde diese Hoffnung nicht von allen auf die gleiche Weise verstanden und zum Ausdruck gebracht. Es wäre falsch, sich an dieser Stelle eine Sammlung von dogmatischen Wahrheiten vorzustellen, die von allen in jeder Einzelheit akzeptiert wurde. Aber die grundsätzliche Aussage jener Erwartung, die auf einer Rückschau haltenden Lektüre der alten prophetischen Bücher und der Geschichte basierte und die durch die unglücklichen Ereignisse der Gegenwart aufgeladen war, formte dennoch ein einheitliches Ganzes. Die Hoffnung lautete in etwa folgendermaßen:

Gott wird einmal mehr in die Geschichte eingreifen und Partei für uns ergreifen. Gott wird alle unsere Feinde vernichten und es uns erlauben, als sein Volk in Frieden und Wohlstand zu leben. Er wird die zerstreuten Stämme wieder zu einem Volk vereinen. Diese Nation wird von ganzem Herzen zu Gott umkehren und den Bund halten, indem sie das Gesetz Gottes befolgt. Wenn die anderen Völker der Erde sehen, was Gott für sein Volk tut, werden auch sie nach Jerusalem kommen, um von Gott zu lernen und auf seinen Wegen zu gehen. Das wird der Beginn eines Zeitalters des Friedens sein, nicht nur für Israel, sondern für die ganze Welt. Keiner der Glaubenden wird von dieser Erfüllung ausgeschlossen sein; sogar die Toten werden daran Anteil haben. Und auch der übrige Teil der Schöpfung wird mit hineingenommen: »Dann wohnt der Wolf beim Lamm. (…) Alle Bäume des Waldes [ jubeln]« (Jes 11,6; Ps 96,12).

In einigen Schriften der vorchristlichen Zeitrechnung wird eine ganze Theologie in bildhafter Form ausgedrückt. Die meisten schafften es nicht bis in den sogenannten Kanon der Bibel, in die Liste der Bücher, die in unserer Bibel gesammelt sind. Eines der wenigen Bücher dieser Art, das in die Sammlung aufgenommen wurde, ist das Buch Daniel. Im siebten Kapitel dieses Werkes berichtet der Prophet von einer Vision, in der er vier Ungeheuer sieht, die aus dem Meer steigen. Am Ende folgt ihnen ein Wesen von menschlicher Gestalt, ein »Menschensohn«, der vom Himmel herabsteigt und dem »Macht, Herrlichkeit und Königsherrschaft« über alle Völker gegeben werden (Dan 7,14). Die Deutung dieser Vision besagt, dass es sich bei den vier Ungeheuern um vier »Könige« oder Großreiche handelt, die aufeinander folgen und die Nationen beherrschen, bis sie am Ende von den »Heiligen des Höchsten« abgelöst werden, dem geheiligten Israel. Dieses Buch wurde in einer Zeit geschrieben, in der das Volk der Bibel in Drangsal und Verzweiflung lebte, und kann demzufolge als Versuch angesehen werden, die Hoffnung der verfolgten Nation neu zu wecken und zu stützen. Letztendlich will es zum Ausdruck bringen, dass die gegenwärtigen Schwierigkeiten kein Versehen oder Fehler Gottes, sondern Teil der Entwicklung sind, die zur endgültigen Fülle der göttlichen Verheißungen führt.

Drei der am Anfang dieses Kapitels genannten Ausdrücke finden im Bild, das Israels Hoffnung beschreibt, leicht ihren Platz. Befassen wir uns zunächst mit dem Reich Gottes. Für die Menschen der Bibel ist Gott der Herrscher des Universums. Das Problem besteht darin, dass die Menschen das Gesetz Gottes nicht anerkennen, sondern es vorziehen, ihrer Willkür zu folgen und an den unglücklichen Folgen ihres Eigensinns zu leiden. Die Getreuen ihrerseits sehnen sich nach einer Zeit, in der Gott von allen als König anerkannt wird, so dass alle Völker »auf seinen Pfaden (…) gehen« (Jes 2,3) und zur wahren Freude finden. Wenn dies geschieht, wird die Welt tatsächlich zum »Reich Gottes«, einem Reich, in dem Gerechtigkeit und Frieden herrschen. Diese Erwartung wird besonders deutlich im zweiten Teil des Buches Jesaja formuliert:

Willkommen sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der den Frieden verkündet, der frohe Kunde

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