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Das Mieder der Frau Triebelhorn

Das Mieder der Frau Triebelhorn

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Das Mieder der Frau Triebelhorn

Länge:
260 Seiten
3 Stunden
Freigegeben:
31. Juli 2019
ISBN:
9783724523772
Format:
Buch

Beschreibung

"Ich brauche in meinem Leben nur Menschen, die mich in ihrem auch brauchen." Nach diesem Motto gestaltet Annabelle ihr Leben. Sie ist eine interessierte, moderne, selbstständige Frau und sie ist Single. Überzeugter Single. Durch einen Zufall lernt sie den erfolgreichen Geschäftsmann Marc kennen. Marc hat alles, was ein Mann sich wünschen kann. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb beginnt er mit Annabelle eine sinnliche, leidenschaftliche Affäre. Während sich Annabelle vor der Liebe fürchtet, lernt Marc schon bald die Fesseln der Sinneslust kennen – und die Reaktion seiner Ehefrau. Hätte er rückblickend anders gehandelt?
Dieser packende Roman beschreibt das pralle Leben zweier Menschen, die sich wie Magnete anziehen und doch abstossen, die fasziniert sind vom Gegenüber und sich doch verachten. Eine Verbindung, die es eigentlich nicht geben darf. Und trotzdem gibt es sie.
Wie geht ein Paar mit einem Seitensprung um? Kann es eine zweite Chance geben? Was macht Paare stark? Gibt es ein Geheimnis glücklicher Beziehungen?
Freigegeben:
31. Juli 2019
ISBN:
9783724523772
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Das Mieder der Frau Triebelhorn - Esther Oberle

Autorin

Die Ankunft

Der Rachen des Förderbandes gibt ihn endlich frei. Marc packt mit festem Griff den unscheinbaren dunkelblauen Koffer und mit elegantem Schwung platziert er ihn auf seinem Trolley. Er erscheint ihm schwer. Irgendwie schwerer als vor dem langen Flug von Frankfurt nach Miami.

Es war ein ruhiger Flug – Marc nutzte die Zeit und vertiefte sich in seine Dossiers. Ja, er ist überzeugt, dass es ein guter Deal ist, den er hier machen kann. Nur den Lokalpolitiker Van de Fries und den eifrigen Umweltaktivisten John Niemeier muss er noch auf seine Seite ziehen. Vor sechs Wochen hat er die beiden bereits getroffen – sie konnten sich jedoch nicht einigen. Dieses Mal muss Marc zwingend einen Schritt weiterkommen.

Es sind zwei ziemlich bissige Typen, die seiner Firma enorm schaden könnten. Deshalb kümmert er sich selbst um die Angelegenheit. Marc weiss, dass es den beiden gefällt, wenn der Chef persönlich vorbeikommt. Ein bisschen hofieren muss man ihnen. Doch Marc als erfahrener, hartgesottener Manager ist überzeugt, dass er die beiden überzeugen kann.

Gedankenverloren schiebt Marc den ungelenken Airport Metalltrolley durch die Zollkontrolle. Nein, er hat nichts zu verzollen – ein Businesstrip wie schon so viele.

«Wenn die Gespräche mit Van de Fries und Niemeier hier in Miami gut laufen, könnte ich mir vielleicht diesmal noch einen freien Tag unter der Sonne Floridas gönnen. Nach harten Verhandlungen mit den Widersachern den Sieg mit einem Gin Tonic am Hotelpool des Ritz Carlton feiern, einfach abhängen, die Sonne auf den muskulösen Körper scheinen lassen – ja genau! Das ist es!»

Eine fantastische Idee. Nur er allein. Keine Kunden, die sich beschweren, keine liebende und doch manchmal nervende Ehefrau, keine Kids, die ständig etwas vom Papa wollen. Einfach mal einen Tag Ruhe. Erholung. Entspannung pur. Sonne und Pool. Vielleicht eine wohltuende Massage? Nötig hätte er es. Ein traumhafter Gedanke: ein Time-out. Und das hier in Florida, in Miami.

Miami, diese kosmopolitische Stadt an der Südspitze Floridas. Der kubanische Einfluss spiegelt sich in vielen Cafés und Zigarrengeschäften entlang der Calle Ocho in Little Havanna wider. Miami Beach mit seinem türkisblauen Wasser und dem legendären Sandstrand. Dieser angesagte Ort ist für farbenfrohe Art-déco-Gebäude, Strandhotels und trendige Nachtclubs bekannt und es ist einer der Orte, in dem die Schiffe von Marcs Reederei anlegen. TCPC Transcaribbean Platinum Cruises – Marc führt das Unternehmen erfolgreich in dritter Generation.

Ein gelbes Taxi hält an. Mit elegantem Schwung hebt Marc seinen dunkelblauen Koffer ins Wageninnere. Nein, nicht in den Kofferraum. Lieber behält er ihn im Auge, neben sich, auf der langen Sitzbank.

«Zum Ritz Carlton, bitte», gibt Marc mit seiner tiefen, sonoren Stimme die Anweisung.

Der Driver nickt und beschleunigt seinen Chevrolet Impala. Nur wenig Verkehr gibt’s zu dieser späten Stunde.

Als er vorletzten Monat hier war, landete seine Maschine aus Genua in der gleissenden Mittagshitze dieser amerikanischen Metropole. In Genua musste er ein schwieriges Gespräch mit Andrea Giovanoli führen, dem Verantwortlichen seines Luxusschiffes «Royal Diamond». Der Italiener hatte Geld unterschlagen und Marc war ihm auf die Schliche gekommen. Die Konsequenz war knallhart: Marc hat Giovanoli fristlos entlassen. Die leisen Zweifel, weil Giovanoli Familienvater ist und es bestimmt nicht leicht für ihn werden wird, einen neuen Job zu finden, hatte Marc schnell verdrängt nach seiner Devise: «Mach die Probleme anderer nicht zu deinen eigenen.»

Dank seines grossen Netzwerks war es für Marc einfach, einen neuen Kapitän für seine «Royal Diamond» zu finden.

Er selbst ist viel in der Welt herumgereist: Gibt es eigentlich noch eine Ecke dieser Welt, die er nicht schon gesehen hat? Ahuahu hat er besucht, auf Amerikiwhati Island und auf Aiguilles Island war er bereits. Bare und White Island waren wohl die exotischsten Destinationen, die er besucht hat – an Bord seiner «Royal Pearl».

Ja, Marc hats geschafft. So jedenfalls wird er von seinen Mitmenschen wahrgenommen: Der Mann, dem alles gelingt. Marc, der Erfolgreiche. Er reist rund um den Globus, entwirft Schiffe und lässt sie konstruieren, verhandelt, kauft, weiht ein und prostet auserwählten Gästen mit Champagner zu. Häppchen hier, Lachsbrötchen da, Politikern aus dem In- und Ausland hofieren – man weiss ja nie, ob einen vielleicht einmal solche Verantwortungsträger nützlich sein könnten. Marc der Weltenbürger.

Doch wo bleibt sein Liebes- und Familienleben? Ist er sich in all den äusserst erfolgreichen Businessjahren fremd geworden? Macht ihn der Erfolg einsam? Welches Ziel hat er eigentlich? Ist es Geld? Macht? Verantwortung? Status? Gibt es nicht immer noch reichere, noch mächtigere Menschen? Ist ein solches Ziel überhaupt erstrebenswert? Wo ist seine Heimat? Was ist der Sinn seines Lebens? Welche Befriedigung hat er, wenn er von anderen hofiert und bewundert wird? Wer oder was wäre er ohne seinen Job?

«Sir, wir sind hier, im Ritz Carlton.»

Marc schreckt von seinen Gedanken auf.

«Oh, thanks. Great.» Er drückt dem Taxifahrer ein paar Dollarscheine in die Hand. «Sir, der Rest ist für sie.»

Marc ist müde, doch der Rezeptionist hat Verständnis. Schliesslich ist Mitternacht gerade vorbei. Es gibt kein langes Eincheckprozedere – Marc kennt man im Ritz Carlton.

«Dieselbe Suite wie letztes Mal – Sie waren doch zufrieden mit der Location, mit der Aussicht und dem Balkon?», fragt der Angestellte.

«Ja, das war wunderbar! Hier ist mein Smartphone.» Er streckt ihm sein Telefon hin und der Rezeptionist speist die Ritz-Carlton-App mit der passenden Technik. Digitalisierung pur.

«Phänomenal», meint Marc.

«Ja, Sir, Sie können damit nicht nur ihre Zimmertüre öffnen, sondern im ganzen Hotel inklusive den Bars und Shops ganz einfach mit ihrem Smartphone bezahlen, Zeitungen und Zeitschriften kostenfrei herunterladen, Ihren Roomservice bestellen, Flugpläne checken und vieles mehr.»

«Ja, wunderbar. Danke. Ich kenne den Weg. Gute Nacht.» Marc nimmt sein Mobilephone und fährt hinauf zum 44. Stock. Sein dunkelblauer Koffer stellt er vor der Suite 4428 ab und hält sein kleines schickes Telefon an den Sensor. Die Tür öffnet sich. Die Technik funktioniert. Endlich da!

Der Koffer

Wunderschön hergerichtet ist seine Suite. Eine gefüllte Pralinenschachtel steht auf dem runden Glastisch. Ein hübsches Kärtchen steht daneben: «Welcome home, Mister Redford.» Marc nimmt seinen Koffer, hebt ihn auf den Metallständer im begehbaren Schrank und dreht am Zahlenschloss: 1507. Nichts passiert. Was ist denn los? 1507 lautet der Code seines Zahlenschlosses. Definitiv. Er dreht nochmals am Zahlenschloss. Und nochmals. 1507. 1507. Kein «klick». Nichts. Tot.

Marc ist müde, entnervt. Er will nur noch unter die warme Dusche. Morgen ist das wichtige Meeting mit Van de Fries und Niemeier. 1507. Komm schon! 1507!

Er ruft den Concierge mit seinem Telefon an – die App funktioniert in der Tat einwandfrei.

«Bitte kommen Sie hoch und öffnen Sie meinen Koffer. Das blöde Schloss klemmt.»

«Yes Sir», ertönt die nette Stimme von José, dem liebenswürdigen Concierge. Er ist gebürtiger Portugiese und seit Ewigkeiten im Ritz Carlton. José kennt alle Gäste und deren Macken. «Ich komme sofort mit dem Schlüssel zu Ihnen hoch, Mister Redford.»

Marc schaut seinen dunkelblauen Koffer genau an und plötzlich überkommt ihn ein kalter Schauer. Da am kleinen Seitengriff prangt ein feines rosa Satinband. Wie kommt das kleine Ding dort hin? Wozu soll das gut sein? Und seine drei Initialen am Koffer – die hat jemand abgekratzt. So fies! Wie unvorsichtig die Gepäcktransporteure doch mit fremden Stücken umgehen! Die goldfarbenen Initialen M.R.R. Marc Richard Redford sind weg. Ja, er heisst Redford, und nein, er ist nicht verwandt mit Robert Redford, dem Schauspieler. Und nein, er kennt ihn nicht. Und mit der Schuhmanufaktur Redford hat er auch nichts zu tun. Obwohl er zugegebenermassen sehr gerne exklusives Schuhwerk trägt, am liebsten italienische Modelle.

Marcs Vorfahren kommen jedoch nicht aus Italien, sondern aus Hamburg. Seine Eltern waren vermögend. Die Reederei warf schon damals ordentlich Geld ab. Doch auf eine Eliteuniversität schickten sie ihn nicht. Er sollte sich selbst entwickeln und entfalten können. Früher war Marc ein Minimalist, ein bequemer und eher fauler Student. Seine Interessen galten eher den Partys, Frauen und Rockkonzerten. Liebend gern hörte er Santana. Diese Musik verschmolz nordamerikanischen Rock und lateinamerikanische Rhythmen zu einer neuen Stilform, dem Latin Rock. Dieser Stil löste schon damals die Sehnsucht bei ihm aus, die grosse weite Welt zu entdecken – ohne seine Eltern. Und klar, Led Zeppelin und Deep Purple, Status Quo und die Rolling Stones – sie alle gehörten zu seinem Repertoire.

Doch dann mit fünfundzwanzig begriff er endlich, dass er nicht für seine Eltern lernte, sondern für sich, legte sich mächtig ins Zeug und machte einen brillanten Hochschulabschluss. Während der Semesterferien verdiente er sich mit Touristenführungen durch seine Heimatstadt Hamburg ein paar Euro hinzu. Er hasste es, von seinen Eltern abhängig zu sein und wollte es aus eigener Kraft schaffen.

Er wuchs in der Nähe der Bernadottestrasse auf. Vielleicht sieht er deshalb fast ein bisschen adlig aus? Seine dunkelblonden, etwas längeren, dichten Haare wirken elegant und schick. Er ist gross, muskulös und durchtrainiert. Halt doch ein bisschen wie Robert Redford in jungen Jahren – das jedenfalls bekommt er jeweils von den Damen zu hören. Robert Redford – 1507 – rosa Satinband: Herrschaft – das ist nicht sein Koffer!

José klingelt und Marc öffnet die breite Türe des Appartements.

«Bitte kommen Sie herein, José.»

«Gern. Wo ist Ihr Koffer, Mister Redford?»

«Bitte, dort im Schrankzimmer. José, es ist sehr nett, dass Sie mir helfen. Das Zahlenschloss verhakte sich offenbar in der Kälte des Frachtraumes oder beim Transport und jetzt klemmt es.»

«Kein Problem, Mister Redford.» José zückt einen professionellen Kofferschlüssel. Genau so einen benutzen auch die Zollbeamten: Damit kann man alle modernen Kofferschlösser im Handumdrehen knacken. Damit werden am Airport auch Stichproben durchgeführt. Wurde sein Koffer etwa auch auf diese Weise gescreent? Deshalb die abgekratzten Lettern M. R. R.?

Klick-klack. Das Schloss ist entriegelt. Nervös und mit leicht zittrigen Händen drückt Marc die beiden Metallschlösser gegen rechts und öffnet den dunkelblauen Kofferdeckel.

Ein Seidenfoulard verdeckt den Kofferinhalt.

«Danke, José. Sie haben mir sehr geholfen.»

«Keine Ursache, Sir. Gute Nacht.»

Marc starrt in den Koffer. Das ist definitiv nicht sein Seidenfoulard. Es ist auch nicht das Hermès-Carée seiner Ehefrau Charlotte. Er zupft am Seidentuch und lässt es auf den weissen Hochfloor-Teppich fallen. Da: ein Kulturbeutel in elegantem dunkelrotem Lackleder. Zaghaft – fast ein bisschen verschämt – öffnet Marc den Reissverschluss. Lippenstifte in unterschiedlichen Rottönen offenbaren sich, Nagellack in knallrot und ein Minilack «Velvet 396», Puder und Pasten, Döschen und Fläschchen und ein Chanel Noir. Marc öffnet den edlen schwarzen Flakon und schnuppert am schweren Amberduft. Dieser orientalische Duft entführt seine Gedanken in 1001 Nacht … Bauchtänzerin mit pechschwarzem Haar, üppiger Oberweite und kreisenden Hüften. In seinen Ohren meint er die klimpernden goldfarbenen Münzen am Röckchen zu hören. Orientalische Rhythmen, Trommel, Zither, Flöte …

Lautes Lachen und schrilles Kreischen holen Marc in die Gegenwart zurück. Spät heimkehrende Partygänger scheinen angetrunken durch den Hotelkorridor zu schwanken. Sie gröhlen. Die suchen bestimmt ihr Zimmer. Hoffentlich hat der Alkohol den Orientierungssinn der Partygänger nicht zu sehr eingenebelt.

Marc legt den dunkelroten Kulturbeutel beiseite. Eine Weile hält er inne. Was soll er tun? Das ist ein fremder Koffer. Aber identisch mit dem seinen. Wo aber ist sein Gepäck? Er braucht dringend die ergänzenden Unterlagen für sein Meeting mit Van de Fries und Niemeier. Gerhard Schmid, sein Finanzchef, hat ihm alle zusätzlich notwendigen Papiere mitgegeben und die hat er dummerweise in seinem Koffer deponiert. Es sind wichtige Papiere. Muss er Geri bitten, ihm die Papiere per Mail nochmal zuzustellen? Hat er überhaupt Kopien angelegt? Ja, wahrscheinlich schon. Geri ist ein alter Hase und mit allen Wassern gewaschen. Er war schon in der Firma tätig, als Marcs Vater noch am Ruder war. Als Buchhalter hat er in der Reederei angefangen. Zwischenzeitlich ist die Firma gross geworden. Und erfolgreich. Marc hat das Unternehmen vorwärts gebracht. Geri, wie er von allen liebevoll genannt wird, ist ein wirklich netter, äusserst korrekter älterer Mann. «Gut, eine solche Vertrauensperson in seiner Firma zu haben», denkt Marc.

Er braucht jedoch nicht nur Geris Unterlagen für das Meeting, er braucht auch seinen anthrazitfarbenen Massanzug mit dem frisch gebügelten Hemd. Charlotte faltete es liebevoll zusammen, und sie pflegt immer ein kleines Zettelchen zwischen den Hemden zu verstecken. Charlotte, du Liebe!

Doch wem zum Kuckuck gehört dieses Gepäck? Offenbar einer Lady, ja. Aber wie findet Marc diese Person? Deponierte die Unbekannte ihre Adresse oder Telefonnummer irgendwo im Koffer? Vielleicht ist sie eine Geschäftsfrau, die ihre Unterlagen, Hotelreservationen und Rückflugtickets im Koffer transportiert? Leichtsinnig wäre das. Solche Unterlagen gehören ins Handgepäck, klar doch. Das kann sich Marc auch hinter die Ohren schreiben. Oder vielleicht ist sie Teilnehmerin einer Reisegruppe und er findet das Programm ihrer Rundreise? Vielleicht ist die Lady auch nur auf Kurzvisite in Miami und reist dann weiter auf die Karibikinsel St. Martin? Wie kommt er jetzt auf St. Martin? Ach ja, das ist einer der wohl verrücktesten Airports – und ja, eines seiner Schiffe cruist momentan in der Karibik und legt auf St. Martin, Antigua, St. Vincent, Barbados, Tobago und Cozumel an. Eine fantastische Kreuzfahrt – Marc hat damals seine Frau Charlotte auf die Jungfernfahrt dieses fantastischen Luxusschiffes mitgenommen. Schön hatten sie es in ihrer modernen Suite mit Balkon – ach, war das herrlich, abzuhängen, zu entspannen, sich mit Charlotte verwöhnen zu lassen. Sie genossen es so sehr.

Und nun steht Marc vor diesem fremden Koffer. Hätte er ihn nicht öffnen dürfen? Würde er als Dieb oder gar als Lustmolch eingestuft? Nein! Er will doch nur den Namen dieser fremden Frau herausfinden. Er will ihr den Koffer zurückgeben, und wer weiss: Vielleicht hat sie aus Versehen seinen mitgenommen? Marc sucht weiter. Er durchwühlt den Kofferinhalt. Da: ein schickes hellbeiges Minikleid von Courrèges, liebevoll gefaltet – trägt nicht die Première Dame von Frankreich solche kurzen Kleidchen? Wie heisst sie schon wieder? Brigitte? Das wäre ja der Hammer, hätte Marc den Koffer der First Lady aus Versehen mitgenommen. Doch nein, die Première Dame fliegt logischerweise im Präsidentenjet. Wem zum Teufel gehört denn dieses Zeug? Und hier, ein pechschwarzes Spitzenkleid von Dolce & Gabbana – klar doch, das «kleine Schwarze» gehört in jeden Koffer einer Dame von Welt. Und da – ein knallrotes Kostüm – sehr eng geschnittene, scharfe Linienführung: Sie muss schlank sein. Ein fuchsiafarbener Hosenanzug – ein Zweireiher – scheint ein lässig weites Modell zu sein, und da, ein schwarzer Damensmoking. Das satinglänzende Revers fällt auf. Tief ausgeschnitten. Auf einen Knopf zu schliessen – ob die Dame darunter nur ihren Büstenhalter trägt? Die vier weissen Businessblusen sind makellos, gebügelt und gefaltet in speziellen Wäschebeuteln versorgt. Ein grauer Anzug von Hugo Boss komplettiert ihre Garderobe. Und da sind ziemlich elegante dunkelblaue Jeans – und hier, eine total abgefuckte, zerrissene und mit roten und weissen Farbspritzern dekorierte Destroyed Jeans Grösse 26. Oh, die Dame scheint modisch orientiert und eher jugendlich zu sein.

Die Kleidergrösse erinnern ihn an Charlotte. Seine Charlotte, die jetzt über siebentausend Kilometer weit entfernt ist. Charlotte – das wäre deine Konfektionsgrösse. Oder legte sie nach der Geburt von Jonas und Christian an Gewicht zu? Ja, ihre Hüften wurden in den sieben Ehejahren doch etwas fülliger, und ja, ihr Bauch ist nicht mehr ganz so flach wie damals. Vielleicht ein paar Dellen und Schwangerschaftsstreifen. Doch sie gibt sich Mühe, ihre Figur zu halten. Mässig treibt sie Sport, geht ins Gym, macht Yoga und Pilates.

Marc zupft am weissen T-Shirt, welches unter der kaputten Jeans hervorblitzt. In grossen schwarzen Lettern steht «Karl» auf der Vorderseite dieses Basics. Karl – das ist wohl nicht der Name des Ehemannes dieser fremden Frau, sondern der Herr Lagerfeld ist damit gemeint. Marc legt das Shirt beiseite und starrt auf die darunterliegenden Dessous. Donnerwetter: heisse Strings, ein Hauch von Nichts! Wer zum Kuckuck zieht sich so was an? Ein Lächeln huscht über das unrasierte Gesicht von Marc. Pflegte Charlotte nicht jeweils zu sagen: diese Strings seien «Arsch-frisst-Hose»-Modelle? Ein hautfarbener Büstenhalter – oh wie schrecklich – ein diskretes Modell mit vorgeformten Cups – welche Grösse?

75 D. Oh, die Lady hat aber eine üppige Oberweite! Marc möchte wieder in seine Fantasie abtauchen, doch dieses hautfarbene unschöne Ding holt ihn auf den Boden der Realität zurück. Als «Abtörner-Modell» tituliert Charlotte diese Dinger, doch trägt auch sie genau solche Modelle – jedoch nur unter den weissen Blusen und T-Shirts. Charlotte meinte, dass Frau anstelle dieser nudefarbenen sogar rote Büstenhalter unter weissen T-Shirts tragen kann, ohne dass diese stützenden Hilfsmittel durch den feinen Stoff schimmern. Ob das wohl stimmt? Rote Modelle scheint die Unbekannte jedoch nicht zu tragen – aber da – was ist denn das? Ein in Seidenpapier eingewickeltes, schweres Teil. Marc packt es aus: ein pechschwarzes Ledermieder! Oh mein Gott! Die rote Schnürung am Rücken, die blitzenden Ösen! Keine Cups, nur ein Mieder. Ein heisses Ledermieder. Wahnsinn! Rockig. Verrucht. Sexy. Erotisch. Hammermässig. Sadomaso?

Charlotte trägt jeweils eines unter ihrem Dirndl. Ein harmloses weisses Baumwollmieder, um den Busen etwas besser zur Geltung zu bringen. Ja, als Marc und sie vor wenigen Monaten auf dem Oktoberfest beim Käfer in München waren, trug Charlotte ihr nettes Mieder. Sie behauptete, das sei ein richtiges Mieder. Doch wenn Marc sich nun dieses Teil genauer anschaut – DAS hier ist ein richtiges Mieder! Die rote Rückenschnürung betont die Sexyness des Modells und die Metallstäbchen modellieren bestimmt eine extreme Wespentaille. Marc stellt sich vor, wie die Brüste der Unbekannten in diesem Ledermieder zur Geltung kommen. Es sind straffe Brüste. Die gepflegten Hände von Marc streichen über das Teil. Charlotte würde niemals ein so verruchtes Mieder tragen. Wieso eigentlich nicht? Es würde ihm gefallen, sie würde ihn heiss machen, verführen. Der Puls von Marc erhöht sich und eine leichte Röte huscht über seine Wangen. Marc ist erregt.

Charlotte

Seine grosse Liebe, die Mutter seiner beiden Söhne. Charlotte mit ihrer herrlich erfrischenden natürlichen Art. Früher trug sie Make-up, betonte ihre hohen Wangenknochen mit einem Hauch Rouge, schminkte ihre schön geformten Lippen meist mit einem auberginefarbenen Lippenstift – passend zu ihrem rotstichigen langen Haar. Charlotte sah zauberhaft, ja elfenhaft aus. Damals, vor acht Jahren, als die beiden sich begegneten. Es war «Liebe auf den ersten Blick». Jedenfalls für Marc. Er war sich sofort sicher: diese oder keine. Es folgte das traditionelle Drehbuch: Schon nach drei Monaten

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