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Die Zeitmaschine und ihr Bau

Die Zeitmaschine und ihr Bau

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Die Zeitmaschine und ihr Bau

Länge:
353 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 30, 2019
ISBN:
9783749416363
Format:
Buch

Beschreibung

Gibt es eine Zeitmaschine? Die Erzählung "Die Zeitmaschine und ihr Bau" beantwortet diese Frage mit "Ja" und gibt noch einen Bauplan hinzu. Dieser Bau hat jedoch nichts mit den bisher existierenden Pseudo-Zeitmaschinen aus Physik, Religion, Kunst, Psychologie oder Esoterik zu tun. Der Bau der Zeitmaschine erfolgt in dieser Erzählung auch nicht theoretisch, sondern praktisch und sehr konkret. Ein Mann nimmt sich diesen bisher unmöglichen Bau vor, da es für ihn die letzte Möglichkeit bedeutet, seinen Depressionen zu entfliehen. Nun halten auch seine massiven Selbstzweifel seine unglaubliche Geschichte nicht mehr auf. In den anschließenden Kurzgeschichten wird diese Stimmung weitergeführt. Mit zahlreichen Illustrationen des Autors.
Herausgeber:
Freigegeben:
Oct 30, 2019
ISBN:
9783749416363
Format:
Buch

Über den Autor

Mario A. Lorenz ist am 26. 07. 1969 in Mainz am Rhein geboren. Er ist Diplom-Pädagoge, Autor von Erzählungen und Zeichner und Maler. Er lebte in diversen Städten im Rhein-Main-Gebiet und seit 2006 in Berlin.


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Die Zeitmaschine und ihr Bau - Mario A. Lorenz

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Vorwort

Mein besonderer Dank gilt meinen Eltern

sowie Thomas Henke und Annette Kuhl, die sehr viel

zum Erscheinen dieses Buches beigetragen haben.

ZEITMASCHINE

Die Zeitmaschin voll Öl

Die rost im Unkraut rum

Ob sie mal gegangen ist?

Die Zeiten sind jedenfalls rum.

Mit ner Zeitmaschin

Grad über die Grenz

Seh‘n ob da das Geld noch gilt

Voll Hoffnung, daß wir bald

Wieder zu Hause sin.

Halbgeschenkte Einwegzeitmaschin

Da lenkste nur gradaus

Hüpfste rin, fährst erstmal hin

Reicht sie zum Mond noch aus?

Harte Bank

Schrott im Tank

Alles geht noch.

Gott sei Dank.

Da drin der Knall

Das macht den Schall

Die Uhr zeigt‘s an:

Die Zeit is all

Das Licht ist das Schnellste was wir kennen.

Danach kommt gleich der Schatten.

I

Es war die Zeit der großen Armut. Die einen litten unter der Erwerbslosigkeit im Land, und die anderen produzierten Dinge, mit denen niemandem geholfen werden konnte. Eigentlich eine sehr einfache Zeit. Vieles neutralisierte sich selbst. Nichts Rechtes wollte man einem mehr anraten in diesen Zeiten. Unsichtbarkeit. Am Besten, man machte was man wollte. Trat nun das Selbst hervor? Gleich jedoch was ich machte, vieles wurde unangenehm. Wollte ich denn wirklich das tun, was ich vor hatte? Ja, sicher. Früher sicher einmal. Werde ich es noch ein wenig wollen? Am Besten, ich ließ es fließen wie es war. Ich wußte nur: „Zukunft". Die kam immer. Und dann? Ich aß, ich trank, immer so weiter.

Man mußte etwas tun, an das man nicht glaubte, um daran glauben zu können. Das war der Sprung über den eigenen Schatten. Das Licht war das Schnellste was wir kannten. Danach kam gleich der Schatten. Grundsätzlich konnte man die bisherige Wissenschaft vergessen. Der wissenschaftliche Konsens schwand nach langer Zeit. Physik und Philosophie verschmolzen oder tauschten sich gar aus. Der Ausspruch „das ist nur seine Unsicherheit" wurde in modischer Häufigkeit gebraucht (etwa zwischen 1989 und 1993). Man fand sich wieder einmal an einer Wende.

Wenn die einen glauben, daß es etwas gibt, sagen Andere das Gegenteil, und beide Seiten bauen sozusagen ihren Glauben zu ihrer Realität aus. Sie glauben und denken so lange auf ihre Art - bis jeder von ihnen so viele Beweise für die Richtigkeit seines Denkens hat, daß sich der Begriff spaltet, der die Sache beschreibt, um die es geht.

Meine Möglichkeiten mehrten sich nicht dadurch, daß ich ein kleines Ziel hatte. Nach den Enttäuschungen der letzten Tage, die ich nicht alle wiedergeben will, nutzten mir meine alten Gedanken, die mir Sicherheit gegeben hatten, wenig, und ich dachte weniger an diese Sicherheit.

Wie oft geschah schon Unglaubliches, und jedesmal, wenn der Beweis für das Geschehene kam, als ich glaubte, hatte ich das Gefühl, es zu spät zu glauben. Warum immer mit dem Glauben hinter dem Geschehenen herhängen? Sicher, man kann es nicht einfach umkehren. Erst glauben, was dann überraschend passieren wird. Aber vorbereitet sein, völlig frei von Unglauben.

Ein unglaublich positives Gefühl überkam mich. Ja, es gibt alles! So etwas darf man sagen. So dicht sind die Begriffe nicht, daß man nicht in sie hineinreisen könnte. Alles schien sich schön wie Glas ineinanderzugeben. Nimm ein Stichwort, das unwirklich ist: Zeitmaschine! Zeitmaschine zum Beispiel. - Mach es wirklich! Was ist das schon, eine Zeitmaschine? Entgleitet mir der Begriff? Ist er abgeschlossen als Bezeichnung für eine Sache, die sich mir völlig verschließt, weil es sie nicht gibt?

Worum ging es da, bei dem Bau der Zeitmaschine? Es ging nicht darum, einen Sensationsrausch zu erleben oder sich in eine Fiktion zu flüchten.

Es ging um Selbsterfahrung. Etwas ganz anderes zu versuchen, Hoffnung zu spüren. Etwas angehen, von dem man selbst kaum glaubt, daß es geht. Den Glauben anwachsen lassen. Zweifel aushalten und locker bleiben falls alles abstürzt. Sich freimachen von äußeren Normen, die Wahrheit anlocken, einen Freund finden. Funktioniert dann die Maschine tatsächlich, so handelt es sich auch um eine Selbsterfahrung: eine andere Zeit um mich herum. Plötzlich eine ganz andere Zeit um mich herum, und ich noch immer in der Zeit, die eigentlich ist.

Ja. Ich wollte eine Zeitmaschine bauen. Ich machte mich von da an auf den Weg. Ich wollte erfahren, was mir bei diesem Vorhaben passieren würde. Eines jedoch war gewiß: Wollte ich vorankommen, so sollten die von mir unternommenen Schritte ähnlich gewagt sein wie das dadurch angestrebte Ziel.

Im Folgenden war alles, was ich anstellte, um die Lösung zu finden verdächtig fruchtbar. So viele, die ich traf, erzählten mir von Zeitreisen, und einige glaubten an die Zeitmaschine. Nach einem Monat bereits kam ich gar nicht mehr weiter. Was redeten die da eigentlich alle? Ich bekam Zeitmaschinen zu sehen, die fast alles andere waren als eine Zeitmaschine. Erfüllten sie ihre Funktion auch nur ansatzweise? Jedenfalls hübsch sahen sie aus, und ich bat wenigstens die Bastler und Spinner um Erlaubnis, alles zu fotografieren. Der Buchbinder Fritz Funk vor seinem Farbenbeschleuniger, dreihundert Arbeitsstunden. Die Farbscheiben. Fritz mit Jagdhut, die Farbscheiben zeigend. Die grünen Scheiben im Sonnenlicht. Fritz mit Frau und Antriebsmotor...

Vielleicht war es schwer, nach etwas zu suchen, während man nicht die geringste Vorstellung davon hatte, was es denn eigentlich war. Was war denn eine Zeitmaschine? Ich suchte und gab Anzeigen auf, bis ich mich von jeder weiteren Hilfsbereitschaft nur noch behindert sah.

Also was jetzt - dachte ich - auf dem Tisch dort: kostenlose Kleinanzeigen. Dort habe ich es mit dieser und jener Formulierung versucht, nach dem Motto, daß probieren kostenfrei sei: Wer baut eine Zeitmaschine und meint das ernst? Wer hat Neues zum Thema Zeitmaschinen erfahren? Wer hilft beim Aufbau einer Selbsthilfegruppe gegen Diskriminierung von Erfindern (Zeitmaschine u. a.)? Das Probieren... das war wohl nichts. Ein gewagter Schritt... na, ich werde Maschine, Zeit, Erfindung nicht mehr erwähnen. Einfach andere Anzeigen aufgeben. Welche Menschen könnten passend sein für meine Suche? Welches andere Thema könnte diese Menschen durch eine Anzeige mit mir verbinden? Die alte Werkzeugkiste dort? Nein, aber die muß weg. Also Anzeige gemacht: „Werkzeuge zu verkaufen". Vielleicht schafft dies durch Zufall die richtigen Kontakte.

Weiter. Das Brot? Das Brot, warum das Brot, das wird schlecht. Ja sicher , ein spontaner Mensch wird es sich holen bevor es schlecht wird. Die Möglichkeit, daß sich jemand auf meine Anzeige hin bis morgen von mir einen Rest Brot schenken läßt, ist zwar gering... Zeitmaschine hin oder her... ich schreibe einfach, das Brot sei original aus den Zwanzigern von Oma, wird so etwas nicht gesammelt? Eingemachtes muß ich verkaufen. Aus den Vierzigern, als die Umwelt noch rein war. Das geht. Aber das ist ja gelogen. Ich habe doch gar kein Eingemachtes. Ich habe doch nur das Stück Brot. Kein Problem, wenn jemand antwortet, werde ich eben selbst das Eingemachte über Anzeigen suchen, um es mit Gewinn, genauer gesagt mit Freude, weiterzuverkaufen.

So entstanden neue Kontakte, und die, die mich näher kannten, wußten nach und nach von meiner Suche. Ich schrieb Artikel und Geschichten über das Thema Zeitmaschine, ließ sie ausdrucken, machte wahllos Zeichnungen dazu, die mir mit der Zeit wie von selbst immer sympathischer wurden, stellte sie auf Präsentationen vor und machte mich teilweise dabei lächerlich, ließ diese Präsentationen wiederum auf Video mitfilmen und schnitt Kurzfilme daraus, die stellte ich dann vor, machte mich teilweise wiederum lächerlich.

Ich weiß nicht mehr genau woher, aber immer hatte ich fast den sicheren Eindruck, einen kleinen Schritt voranzukommen. Mein Umkreis änderte sich mit der Zeit, und alle Welt, die ich sah, schien mehr und mehr meine eigene. Man kann ja fahren, wohin man will, und nur wenn man gerade an dem Platz ist, für den man gut ist, kann man von diesem Platz aus die Schönheit der Welt sehen. So freute ich mich besonders, mit Dingen und Menschen zusammenzukommen, die mir oft so entsprachen, daß ich meinte, andere müßten meinen, daß sie nicht zu dieser Welt gehörten. Da sollte doch auch jemand darunter sein mit einer Zeitmaschine im Keller - und seien es nur ein paar Pläne oder auch nur ein, zwei durchgestrichene Sätze, die aber den ernstzunehmenden Versuch eines Maschinenbaues andeuteten.

Bei Peter hatte ich einen Wasserhahn gesehen, den ich als Zeitmaschinenteil für meinen Fantasyfilm ausleihen wollte. Peter war nicht da. Eine Freundin öffnete, „Du mußt mal die Hühnerzunge fragen. Der macht das bestimmt, sagte sie nebenbei, als ich mich vorgestellt hatte. „Was macht der denn?, fragte ich. „Zeitmaschine. Wie? Zeitmaschine? Bauen? Oder was? „Echt, sagte sie merklich süßer als vorhin ,er erzählt davon nicht allen so oft, daß sie eine rechte Vorstellung davon bekommen könnten. Du suchst wohl nach solchen Maschinen? Dir wird er öfter davon erzählen. So oft, daß du bald weißt, ob er sie auch wirklich baut. An dem Geheimnis von diesem Maschinenbau schien sie Gefallen zu bekommen, und ob sie selbst daran glaubte, sah ich nicht. Wasserfallartig mündete ihr blondes Haar kornfeldfarben in einen Zopf. Meine Faszination könnte sie angesteckt haben.

„Seine Adresse?, fragte ich nur. „Die Hühnerzunge? Ich schreibe sie dir auf.

Ich sollte mit meiner Suche weiterkommen. Das wurde mir langsam klar. Viele Menschen sammeln nur Erfahrungen, um dadurch ihre alte festgefahrene Einstellung weiter zu festigen. Wer das Paradoxe offen lebte, hatte bei ihnen verloren. Im Prinzip machte ich das auch - mit der Zeitmaschine. Begann sich bei mir auch vieles zu festigen, so war mir doch aufgrund der absurden Art meines Zieles bisher stets klar, daß meine Suche und die Existenz dieses Zieles kein Muß waren. Mein Ziel beruhte lediglich auf einer Annahme.

Je mehr Hinweise ich bei meinen Forschungen fand, um so verwirrender gestaltete sich meine Materialsammlung. Wo war also wirklich der Ansatzpunkt? Betrachte die ganze Welt. Der Rest, das mußt du selber sein, dachte ich. Die Welt würde sogar eine Zeitmaschine bauen. Durch mich? An den eigenen Haaren sollte ich mich aus dem Sumpf ziehen. Aus dem Nichts. Riß ich mir die Haare dabei aus? Sollte das eine Hoffnung sein? Warum nicht. Wenn wenigstens die Haare schon aus dem Sumpf wären!

II

Höher als ein Schornstein standen zwei Sterne über dem Dach am Himmel. Als sich die Tür öffnete, stand ein Mann darin und bot mir die Hand: „Guten Tag. Hühnerzunge. Komm herein. War Hühnerzunges Maschine echt? Gab es sie überhaupt? Wenn ich etwas deutlich spüren konnte dann in Zusammenhang mit der Kunst. Das Erleben. Die Ästhetik. Das Schöne, von dem man so viel leicht „verkraften konnte, wie man zum Verständnis der Welt brauchte. Wahrheit. Ich sah nur mehr originelle und weniger originelle Dinge. Originell war das ja, was Hühnerzung anstellte... und teilweise seine „Vorgänger".

Hatte mich das tägliche Aufstehen nicht mehr Hoffnung gekostet als das absurdeste Vorhaben? Was immer Hühnerzunge wollte, selbst wenn das mit der Maschine für ihn ganz klar wäre: Für mich war diese Zeitmaschine noch immer eine Art von Hoffnung. Wenn er schon Zeitreisen in bestimmte Situationen vorbereiten mochte, so war mein Ziel immer noch, meinen Glauben zu stärken. Auf dem Weg zum Bau einer Zeitmaschine konnte ich dies sehr gut. Das Ziel war weit genug entfernt, um Raum für Experimente zu haben. Die bekannten Filme mit den unrealistischen Maschinen. Der Grad der Unwahrscheinlichkeit eines Zeitmaschinenbaues schien nicht zu hoch und nicht zu niedrig, geeignet, um meinen Glauben zu schärfen.

Wir hatten uns einige wirklich schöne Abende gemacht. Einmal war ich gerade gut ins Erzählen gekommen, als Hühnerzunge merkte, daß ich mich nicht ganz traute, noch mehr von den Fakten hin zu meinen eigenen Gedanken zu schweifen. „Erzähl ruhig. „Ich finde ja auch, daß all diese Antiquitäten und diese Dinge sich so wenig ändern sollten wie möglich. Nur so ist bei mir ein Gefühl für Vergangenes denkbar. Was eigentlich schon paradox ist. Aber da sind noch die abgetretenen Treppenstufen und abgenutzten Geländer mit den vielen Kratzern, Hühnerzunge, die erzeugen bei mir das Gefühl erst richtig. Ich denke, das liegt daran, daß der Blick in die Zeit eine Art Führung braucht: die Kratzer und Kerben, die über die Jahrhunderte nach und nach in Abständen in das Geländer kamen... Jeder Kratzer ist eine Markierung auf dem Weg durch die Zeit, den das Holz gegangen ist. Wie durch eine perspektivische Zeichnung wurden meine Blicke in diese Zeit gezogen. Und dann dein Kommentar, wie alt dein Haus schon sei (1906)! Das für ein Kind schwer Faßbare, daß es außer der Zeit, die man selbst erlebt hat, noch eine andere gibt. Ich habe von einem Gemälde eines alten Meisters gehört, das das Jenseits durch eine Röhre darstellt, die so gut gemalt ist, daß es den Blick in die Bilder hineinzieht. Hühnerzunge freute sich. „Vieles was du redest... das gehört zu meinen Erlebnissen. Es ist schon lange in meinem Kopf, und ich bin sehr glücklich, dich deine frisch entwickelten Gedanken formulieren zu hören." Ich durfte bei Hühnerzung wohnen.

Ich hatte damals etwas den Mut verloren, und so kam ich zu der Idee mit der Zeitmaschine, die doch eher von Menschen stammen kann, die schon dem eigentlichen Lebensgang etwas fern sind. Um zu glauben, daß es auch für mich noch etwas gibt, wollte ich sehen, ob es alles gibt. Nur einmal sehen... Über meinen Schatten springen - in diese Situation konnte ich nur kommen wenn ich mich um etwas bemühte, an das ich schwer glauben konnte, etwas, das nicht in meinem Blickwinkel lag und außer Sicht war.

Den Blick für das Ganze wollte ich zwar nie verlieren, aber für dieses eine Mal Sehen wurde ich schnell zu vielem bereit. Denn die Aussage, man erreiche alles, worauf man alle seine Kräfte konzentriere, schien mir plausibel. Nun saßen wir in unserem Maschinenbau, und je großartiger sich die Ereignisse ankündigten, um so mehr endeten unsere Überlegungen, um deren Realisierung Raum zu geben: Als ob nun die Realität auf all das zuvor Erträumte einging, empfand ich jedes Detail und jede Eigenschaft der möglichen Zeitmaschine intensiver als in der Vision - aber doch so anders.

Hühnerzunge hatte mich inzwischen in ein paar „Maschinen"-Pläne eingeweiht, die für mich aber noch keinen wesentlichen Zusammenhang mit einer Zeitmaschine erkennen ließen, und mich angewiesen, sie in bestimmter Weise zu bearbeiten.

Was hatte ich mir denn schon vorgestellt? Ein paar abstrakte Dinge. Wenn diese „Visionen zu Ende waren, hatte ich sie mit allerlei konkreten Vorstellungen illustriert, die eher zur Dekoration gedacht waren. Eisenteile und alte Sofas mit Schaltknüppeln in meinem Kopf oder auf Schrottplätzen antworteten meinem Verlangen nach Greifbarem. Was war die Zeit? Von Maschinen war bei dem Projekt nichts sichtbar. Und dennoch Maschinenbau. Ein ganzes Gebäude in dem „herumgebaut wurde, und die Funktion der Maschine - die konnte man hier schon beim Bau erleben: Das Zeitgefühl. Die Wirkung der Maschine schien teilweise ihrer Existenz vorangestellt. Ich hatte mir nie eine bestimmte Zeitmaschine vorgestellt und konnte so auch nie eine solche bekommen. Die Zeitmaschine wirkte im voraus. Wir konnten ja beim „Bau" soviel erleben, in so vielen Variationen, teilweise auf mehrere Arten im gleichzeitigen Zusammenklingen.

Ich hatte nachts einen Traum: Ich wollte ins eigentliche Leben zurückkehren. Aber wo war es nur? Also ging ich zum Bahnhof, um fortzufahren, da mir unser Projekt zu extravagant schien. Der Schalterbeamte fragte nach der Richtung. Ich zählte Orte auf: „Da muß ich überall nicht hin. Einfach nur so ins normale Leben. „Gehen sie heim, so kann ich ihnen keine Karte verkaufen. So ging ich wieder zu Hühnerzunge und zu unserer Zeitmaschine. Ich erwachte.

Würde die Wissenschaft entdecken, daß es Gott gibt, so könnte sie auch dies erklären. Das fiel mir ein. Wenn mir dieser Gedanke auch jetzt nicht weiterhalf, so hatte ich doch dadurch etwas neues im Kopf für den nächsten Heimweg.

Selten hatte Hühnerzunge seine Nachhilfeschüler bei sich im Haus. „Ein neues Kreuz? „Das ist nicht beliebt. Mit Religion kannst du geil in der Klasse provozieren. Der Harald macht es noch geiler. Der hat eine Freundin, und die ist so häßlich. Der hat mir gesagt, er findet es geil, alle damit zu schocken. Die sieht aber so aus, daß es dem Harald nichts ausmacht. Cooler Trick. Okay, bei denen sind auch alle hart drauf. Seine Oma ist total hart. Der Harald muß auch Nachhilfe nehmen, und die Oma findet die vielen Freundinnen zu viel und da nervt sie den Harald immer. Gestern hat der Harald zur Oma gesagt, Einstein hätte doch auch so doofe Liebesbriefe geschrieben. Da hat sie gemeint, wer die Atombombe hat, kann sich so was erlauben. Die Hühnerzunge ging zu Mathe über, und ich baute etwas lustlos an unserer Zeitmaschine weiter. Sein Leben war lebendiger als meines.

Einer, der ernsthaft eine Zeitmaschine bauen will und mit umwerfenden Erwartungen darüber meditiert, findet leichter einen Zweiten als er denkt; aber das gegenseitige Mißtrauen von Hühnerzunge und mir, der andere könnte gar keinen ernsthaften Zeitmaschinen-Plan im Kopf haben und könnte es auf einen groß angelegten Scherz oder gar Test angelegt haben, war äußerst intensiv spürbar. Die Kraft, mit der wir beide unseren Glauben ausstrahlten, zwang uns jedoch mehr und mehr, unserem gegenseitigen Vertrauen nachzugeben. Es ging um eine Sache, die uns leicht hätte besessen machen können, falls sie gelang, doch auch Hühnerzunge schien anzunehmen, daß alles, was hier gelingen konnte, nicht nur im Ergebnis, sondern im festen Glauben an das Unfaßbare enden würde.

Wo er wohl seine angefangene Konstruktion und die eigentlich wichtigen Pläne hatte? So hielt ich mich mehrere Tage in seinem Haus auf und - während wir redeten und uns näher kamen wuchs mein Verdacht, daß er von ganz konkreten Plänen sprach. Von bestimmten Plänen, die ihn wohl schon lange beschäftigt hatten. Hühnerzunge war für einen halben Tag unterwegs. Ich sollte in der Wohnung noch etwas helfen und lag zwischendurch auf dem Teppich, wo ich lange über meine vielen Erinnerungen nachdachte. Bisher hatte ich das Gefühl intensiver Stimmung beim Betrachten von Antiquitäten oder alten Gegenständen. Ich glaube, ich verstand vergangene Epochen besser als deren Zeitgenossen, da ich den Kontrast zum Neuen fühlen konnte. Dennoch war das Gefühl oft so stark, daß ich dachte, es schon einmal erlebt haben zu müssen.

Dann gab es noch Erinnerungen aus meinem eigenen Leben, deren Alter ich nicht hoch genug schätzte, um sie zu spüren. Dinge, die ich wenige Jahre nach meiner Geburt nicht mitbekommen hatte, zum Beispiel aus der Politik, empfinde ich als alt und die lebendigen Erinnerungen aus gleicher Zeit als neu.

So blickte ich in Hühnerzunges Wohnung umher und bekam plötzlich den Eindruck, der dem Auftauchen eines seltenen Tieres entsprach: Da war auf einmal der Türrahmen, der Boden, der Schrank und ließen mich nur an die Gegenwart denken. Sie waren einfach da: Gleich, wie lange und wie lange noch. Bei meinem nächsten Gedanken verschwand dieses seltene Tier blitzschnell.

Eigentlich arbeitete ich nun schon lange mit Hühnerzunge zusammen. Wir unterhielten uns seit Wochen über alles. Daß das zentrale Thema letztlich unser Projekt war, lag doch auf der Hand. Ab und zu kam uns dann eine großartige Idee. Irgendwie hatte ich den Verdacht, Hühnerzunge könnte als reiner Denker, so wie ich ihn nun recht gut kannte, nicht leben. Die Arbeiten in seinem Haus begannen mich mehr und mehr zu langweilen.

Er mußte in seiner Abwesenheit an einem konkreten Projekt arbeiten. Er war nun immer häufiger abwesend und sagte, er wolle mich gerne bald mitnehmen, weil er dann länger dort bleiben wolle. Meine mitgebrachten Schreibarbeiten verloren ihren Reiz gänzlich, als ich das Nötigste erledigt hatte. Auch die Stadt, in die ich oft mit dem Zug fuhr, bot wenig Neues.

Hühnerzunge mochte mich. Es war angenehm, mein Leben ein Stück in seiner Gegenwart spielen zu lassen. Da hatte ich die meiste Zeit verbacken, erklärte ich am Ende, aber meine derzeitige peinliche Situation ist ja ausschließlich ein Produkt der Vergangenheit. Und die Vergangenheit gibt es nicht. Die Vergangenheit hat es einmal gegeben. Wichtig ist, zu betrachten, was ich jetzt tue. Ich habe auch gelernt, mich selbst für das Gute, für das ich nun motiviert bin, zu loben. Beurteilung von außen schlägt gerne auf mich ein. Warum kann ich mein

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