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Genderlinguistik: Eine Einführung in Sprache, Gespräch und Geschlecht

Genderlinguistik: Eine Einführung in Sprache, Gespräch und Geschlecht

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Genderlinguistik: Eine Einführung in Sprache, Gespräch und Geschlecht

Länge:
1,027 Seiten
11 Stunden
Freigegeben:
Dec 10, 2018
ISBN:
9783823301523
Format:
Buch

Beschreibung

In kaum einer Disziplin divergieren wissenschaftlicher Forschungs- und öffentlicher Kenntnisstand so stark wie bei dem Thema Genderlinguistik. Dies liegt unter anderem daran, dass es bislang keine Einführung gibt, die Verständlichkeit mit wissenschaftlichem Anspruch verbindet.
Dieses Studienbuch richtet sich an Studierende und Lehrende der Germanistischen Linguistik und anderer Philologien. Es bietet eine fundierte, und dabei stets verständliche Einführung in das Thema sowie einen Überblick über die aktuelle Forschungslage. Behandelt werden alle Bereiche der Systemlinguistik sowie der Sozio- und Gesprächslinguistik. Das inhaltliche Spektrum reicht von stimmlichen Unterschieden, dem Komplex Genus Sexus Gender und Personennamen über die Konstruktion von Geschlecht in Wörterbüchern bis hin zu Unterschieden in Gesprächen, auch in der Scherz- und der institutionellen Kommunikation. Es schließt mit einem Kapitel zu den Neuen Medien, in denen zunehmend genderisierte Selbstdarstellungen zu beobachten sind. Eine umfangreiche Bibliographie bietet eine gute Grundlage für die weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema.
Freigegeben:
Dec 10, 2018
ISBN:
9783823301523
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Genderlinguistik - Helga Kotthoff

Register

Vorwort

Kaum ein Thema löst so vehemente, oft reflexhafte Reaktionen aus wie die Genderlinguistik. Längst hat sich ein öffentlicher Disput entsponnen, der sich zwar immer wieder über ‚die Sprache‘ äußert, aber weit von der dafür zuständigen wissenschaftlichen Disziplin, der Sprachwissenschaft, entfernt ist. Dieser weitgehend uninformiert und emotional geführte Diskurs hat sich so weit verselbständigt und dabei auf vermeintliche Vorschriften oder gar „Sprechverbote" kapriziert, dass sich die Linguistik selbst gar nicht mehr zu Wort meldet: Man wüsste nicht, wo man anzufangen hätte. Ohne linguistische Elementarkenntnisse lässt sich kaum etwas vermitteln. Deshalb dringen weder Erkenntnisse aus der Linguistik nach außen noch fragt die Öffentlichkeit, ob die Linguistik etwas dazu zu sagen hätte. Wir meinen jedoch, dass dies dringend angezeigt ist.

Wir legen daher für alle diejenigen, die sich für die faszinierende Disziplin der Sprachwissenschaft interessieren, eine Einführung vor, die versucht, den aktuellen Wissensstand zum Komplex Sprache und Geschlecht allgemeinverständlich zu präsentieren. Manche Bereiche sind gut erforscht, andere weniger, viele auch gar nicht. Im letzten Fall müssen wir uns auf (meist) US-amerikanische Forschungen beziehen, die aufzeigen, was für das Deutsche noch zu leisten wäre. Da die Genderlinguistik (im Gegensatz zu anderen genderbezogenen Disziplinen) nie an deutschen Universitäten institutionalisiert wurde, sind gravierende Wissensdefizite zu beklagen, die die deutsche oft weit hinter die angelsächsische Genderlinguistik zurücktreten lässt. Solche Forschungslücken werden in dieser Einführung, die sich in erster Linie an die Studierenden unseres Faches wendet, benannt.

Zur besseren Orientierung im Buch sind zentrale Begriffe und Schlagwörter durch Fettdruck hervorgehoben. Außerdem sind manche Abschnitte in Textkästen gefasst und mit Icons versehen, die unterschiedliche Funktionen haben. Es handelt sich dabei um Abschnitte,

die wir für besonders wichtig halten,

die interessante Hintergrundinformationen bieten oder unsere Ausführungen vertiefen oder

Beispiele darstellen.

Dem Narr-Verlag und insbesondere Tillmann Bub danken wir für die tatkräftige und freundliche Unterstützung. Lena Späth sind wir für die kritische Lektüre aus studentischer Perspektive dankbar, Pepe Droste und dem Freiburger Forschungskolloquium für wertvolle Kommentare zu Kap. 12. Lea Sonek, Claudia Koontz, Elena Gritzner und Petra Landwehr haben aufwändige Layout-Arbeiten geleistet.

Die einzelnen Kap. wurden wie folgt aufgeteilt: Helga Kotthoff ist Verfasserin von Kap. 2 und 11 bis 14, Damaris Nübling von Kap. 3 bis 10, Kap. 1 stammt von beiden. Autorin von Kap. 15 ist Claudia Schmidt.

Freiburg und Mainz, im November 2018

Helga Kotthoff, Damaris Nübling, Claudia Schmidt

1. Wozu Genderlinguistik?

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Goffman 1994, 131)

Diese Einführung ist kein feministischer Leitfaden. Sie ist auch keine Einführung in die feministische Linguistik, da sie keinen sprachpolitischen Anspruch verfolgt (hierzu Samel 2000; Pusch 1984). Als eine der wichtigsten Vertreterinnen der feministischen Linguistik schreibt Pusch (1990, 13):

Als feministische Wissenschaft ist die feministische Systemlinguistik ‚parteilich‘, d.h., sie bewertet und kritisiert ihre Befunde, begnügt sich nicht mit der Beschreibung, sondern zielt auf Änderung des Systems in Richtung auf eine gründliche Entpatrifizierung und partielle Feminisierung, damit aus Männersprachen humane Sprachen werden.

Diese Haltung ist legitim. Dennoch versuchen wir in dieser Einführung eine möglichst unparteiliche Position einzunehmen. Dabei thematisieren wir durchaus sprachpolitische Vorschläge, da sie den öffentlichen Diskurs bestimmen und bereits zu greifbaren Effekten in Form von Sprachwandel geführt haben. Um ein Beispiel zu nennen: Wir bewerten das Indefinitpronomen man, obwohl es an Mann anklingt, damit etymologisch verwandt ist und maskulines Genus hat, mit Referenz auf Frauen nicht als ‚falsch‘ oder ‚inkongruent‘, auch wenn dies die feministische Sprachwissenschaft tut und das feminine Indefinitpronomen frau kreiert hat. Viele haben an dem Satz „Wie kann man seine Schwangerschaft feststellen?" nichts auszusetzen und verwenden ihn selbstverständlich mit Bezug auf sich selbst oder auf andere Frauen. Dies gilt es festzustellen und nicht zu bewerten. Zur Wirkung feministischer Neuerungen kann man als Beispiel maskuline Formen (wie Student, jeder) anführen, die durch die Etablierung und Empfehlung femininer Formen stärker auf die männliche Referenz reduziert wurden und werden.

Was für das Deutsche fehlt, ist eine möglichst wertungsfreie Genderlinguistik, die den Einfluss der sozialen Variablen Geschlecht auf ‚die Sprache‘ (das System) und ‚das Sprechen‘ (Sprachverwendung, Gespräche) untersucht, und, wenn ein solcher Einfluss gegeben ist, diesen (möglichst) bemisst. Dass es dabei zur Feststellung von Asymmetrien kommt und zur Bestätigung von vielem, was die feministische Linguistik bereits erforscht und beschrieben hat, bedeutet nicht, auf sprachpolitische Maßnahmen abzuzielen, so sinnvoll und berechtigt sie sein mögen (hierzu gibt es mittlerweile viel Literatur, s. jüngst von Duden „Richtig Gendern"). Natürlich haben jahrhundertelang praktizierte Geschlechterunterscheidungen, Ungleichbewertungen und Hierarchisierungen nicht nur das Sprachsystem geprägt, sie wirken auch bis heute auf unser Sprachverhalten, in unsere Interaktionen ein. Diese Einführung behandelt daher einerseits den Sprachgebrauch, wie er sich im Sprechen über und durch die Geschlechter manifestiert; die gesprächs- und medienanalytische Genderforschung wird dabei auf den neuesten Stand gebracht. Andererseits analysieren wir das Sprachsystem, das in seinen erhärteten lexikalischen und grammatischen Strukturen frühere Gespräche, Geschlechterordnungen und das Sprechen über die Geschlechter konserviert, perpetuiert und reproduziert. Seit einigen Jahrzehnten werden Unterscheidungen nach Geschlecht politisch unterbunden, Geschlecht darf z.B. bei Bewerbungen und beruflichen Zugängen (außer dem Beruf des Priesters) keine Rolle spielen (undoing gender). Auch in vielen gesellschaftlichen Bereichen verliert diese Unterscheidung an Relevanz, sie wird zunehmend zurückgewiesen. Mütter gehen immer öfter arbeiten und Väter kümmern sich zunehmend um die Kinderversorgung. Auch hier stellt sich die Frage, ob solcher gesellschaftlicher Wandel sich bereits in ‚Sprache und Gespräch‘ niedergeschlagen hat oder dies derzeit tut.

1.1 Was ist Geschlecht?

Geschlecht ist eine in vielen Gesellschaften praktizierte soziale Unterscheidung von Menschen, die am Körper ansetzt. Als Geschlechtszugehörigkeit wird hier das begriffen, wozu Menschen sich selbst bekennen. In den meisten Fällen entspricht ihre Geschlechtsidentität (Gender) der bei der Geburt vorgenommenen und von den Genitalien abgeleiteten Geschlechts(klassen)zuordnung (Sexus). Ist der Sexus nicht schon vorher bekannt, so lautet die erste Frage von Angehörigen nach der Geburt: „Und – was ist es?. Mit „was könnte theoretisch viel gemeint sein, praktisch bezieht es sich nur auf das Geschlecht. Die Geschlechtszuordnung sortiert die Menschen von Anfang an in (mindestens) zwei Klassen und hat gewaltige soziale Folgen (zur jüngst etablierten dritten Klasse im Personenstandsregister s.u.). Das, was nach der Geburt allerorten vorgeführt und tagtäglich eingeübt wird, ist die – graduell ausgeprägte – soziale Geschlechterrolle (Gender), die die Binarität in aller Regel vergrößert. Mit Gender sind somit alle an die biologische (anatomische) Geschlechtsbestimmung andockenden vielfältigen Praktiken der Geschlechtsdarstellung (doing gender) gemeint (Kap. 2). Diese sind viel wirkmächtiger als Genitalien, Chromosomen- oder Hormonsätze und bestehen aus kulturell und historisch variablen Kleidungs-, Ornamentierungs-, Konsum-, Betätigungs-, Verhaltens- und auch Sprechweisen, die sachlich und logisch keinerlei Bezug zu dem haben, was man bei der Geburt zwischen den Beinen vorgefunden hat. Sie werden jedoch so früh und leidenschaftlich betrieben und dabei erhärtet, dass sie bald für Natur, für ‚angeboren‘ gehalten werden (Naturalisierung von Gender). Versuche, ins Genderinventar der anderen Geschlechtsklasse zu greifen (röcketragende Männer, krawattetragende Frauen), werden mehr oder weniger stark sanktioniert. Röcketragende Männer riskieren sogar den Verlust ihres Geschlechts, mindestens ihres Status, während hosetragende Frauen mittlerweile das Hosengeschlecht neutralisiert haben. Noch 1970 wurde die Parlamentarierin Lenelotte von Bothmer, weil sie es wagte, im Bundestag einen Hosenanzug zu tragen, von den (nicht anders gewandeten) Herren übel beschimpft („Sie sind ein unanständiges würdeloses Weib!; „Sie sind keine Dame!). Gender ist damit hochvariabel, kontingent und historisch wandel- inkl. umkehrbar (so war rosa früher die ‚Farbe der Jungen‘).

Die bei der Geburt vorgenommene Klassifikation wird als lebenslang begriffen und mit der Vergabe eines ebenfalls lebenslang geltenden, vergeschlechtlichten Namens hör- und sichtbar gemacht (Kap. 9). Eltern, die ihrem Kind schon lange vor der Geburt einen Proto- bzw. Pränatalnamen geben, ändern diesen häufig mit der Geschlechtsdiagnose. Da der Mehrheitsglaube der an zwei Geschlechter ist und tief in Gesellschaft, Gesetze, Sprache etc. eingelassen ist, untersuchen wir diese historisch sehr alte Unterscheidung in der deutschen Sprache. In diesem nicht-biologistischen Sinn sprechen wir von Gender oder einfach nur von Geschlecht, das die Kopplung von Gender an Geschlechtsorgane weder negiert noch erfordert. Auch viele andere Gesellschaften beziehen bei der Geschlechterunterscheidung körperliche Geschlechtsmerkmale ein. Da das natürliche, biologische oder körperliche Geschlecht oft sichtbar ist sowie – auf vielfältigste Art und Weise – sichtbar gemacht wird und auch bei der Geschlechtszuweisung durchaus thematisiert wird (der hat ja gar keinen Bart! die hat ja einen richtigen Bart!), da wir außerdem bei Kühen, Bullen und anderen Tieren nicht von Gender sprechen können, sondern deren Geschlechtsklasse sich nur aus körperlichen Merkmalen ergibt, sprechen wir auch von Sexus.

Auch auf der biologischen Sexusebene gelangte in den letzten Jahrzehnten die (medizinisch schon ältere) Erkenntnis ins allgemeine Bewusstsein, dass sich eine strikte Zweigeschlechtlichkeit nicht aufrechterhalten lässt. Auf anatomischer (innere und äußere Geschlechtsorgane), chromosomaler und hormonaler Ebene existieren vielfältige Zwischentypen und -formen, die bislang bald nach der Geburt medizinisch zugunsten der Geschlechtsbinarität bearbeitet (‚vereindeutigt‘) wurden. Auch so schafft man zwei (und nur zwei) Geschlechter und bannt man Ambiguität.

Gegenwärtig können wir beobachten, dass sich immer mehr Geschlechter und Geschlechtsidentitäten Gehör und Respekt verschaffen, z.B. Intersex-Personen (mit uneindeutigen Geschlechtsorganen), die heute nach der Geburt nicht mehr operativ vereindeutigt werden müssen (man wartet ihre eigene Entscheidung ab) und die seit neuestem von einem dritten Geschlechtseintrag („inter/divers") Gebrauch machen können. Ebenso kann die Geschlechtsidentität (auch soziales oder psychologisches Geschlecht genannt) von der genitalienbezogenen Zuordnung abweichen (Transgender). Auch gibt es Personen, die sich jenseits jeglichen Geschlechts positionieren, jegliche Geschlechtszugehörigkeit also gekündigt haben (dem entsprechen in der Religion AtheistInnen): Sie weisen, egal, wie ihr Körper beschaffen ist, jegliche Vergeschlechtlichung von sich. Hier erlangen die Genitalien den Status von Haarfarbe oder Sommersprossen, sie sind irrelevant. Dabei haben auch geschlechtsfreie Menschen mit der Tatsache zu kämpfen, dass ihnen, ob sie es wollen oder nicht, ein Geschlecht übergestülpt wird: In jeder Begegnung versucht das Gegenüber, ihnen eine von zwei Geschlechtsklassen zuzuweisen. Auch die (deutsche) Sprache erzwingt eine Geschlechtsbinarisierung, da sie gerade in zentralen Bereichen nur zwei Optionen (und nicht drei oder vier) vorsieht, so etwa bei der Anrede (Frau oder Herr), in der Warteschlange (die Dame/der Herr war vor mir dran und kaum diese Person war vor mir dran), bei den Pronomen der 3. Person (sie oder er), bei der Namengebung (Michael oder Michaela). Unisexnamen (Toni, Nicola) irritieren viele, führen zu Nachfragen und werden nur selten vergeben. Standesämter raten von ihnen ab.

Wir werden dieses Spektrum an geschlechtlicher Vielfalt mit in den Bick nehmen, ohne umgekehrt aus dem Blick zu verlieren, dass die große Mehrheit der Menschen der Zweigeschlechtlichkeit frönt und sich mehr oder wenig stark zu ihrem Geschlecht bekennt. Beim doing gender (Kap. 2) werden auch biologische Fakten ins Feld geführt: Stimmunterschiede werden dramatisiert, Bekleidungen gewählt, die deutlich auf die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale hinweisen bzw. diese exponieren, Operationen durchgeführt, die die biologischen Geschlechtsmerkmale bearbeiten, vergrößern, ‚optimieren‘, betonen, Bärte werden wachsen gelassen etc. Biologische Geschlechtsmerkmale werden somit (neben einer Palette an kulturellen Indices) mehr oder weniger bewusst zur Geschlechtsdarstellung eingesetzt – ein Blick ins Fernsehen, ins Internet oder auch nur ein Tritt vor die Tür reichen zur Bestätigung dessen aus. Biologische Sexus- und soziale Genderklasse korrelieren zu weit über 90 %, und dies wird von vielen affirmiert.

Daher differenzieren wir (entgegen radikalkonstruktivistischen Ansätzen von Judith Butler und anderen) zwischen Sexus und Gender, wohl wissend, dass Gender relevanter für die Geschlechtsdarstellung und -zuordnung ist und in keiner logischen Beziehung zum Sexus steht. Die Soziologie unterscheidet in diesem Sinn zwischen Weibchen und Männchen (Sexus) sowie zwischen Frauen und Männern (Gender) (Hirschauer 2013). Wir alle führen einen Körper mit uns, der für andere sichtbar ist und dem diese ein Geschlecht zuweisen (ein Faktum, das Butler vernachlässigt). Dies zeigt: Geschlecht ‚gehört‘ nicht nur dem Individuum, Geschlecht wird in aller Regel und binnen kürzester Zeit von außen zugewiesen. Gelingt die Geschlechtszuweisung nicht, führt dies (beiderseits) zu Irritationen. Dies erfahren Transgender-Personen zu Beginn ihrer Transition, wenn sie Hormone einnehmen, ihre Kleidung verändern etc. Hier erweist sich das alltägliche Interesse an einer wohlgeformten Geschlechtergrenze am offensichtlichsten: „Also uns sind Beschwerden über Sie zu Ohren gekommen. Sie sind geschlechtlich nicht eindeutig", zitiert eine davon betroffene Trans-Person ihren Arbeitgeber (Schmidt-Jüngst 2018a, 66). Viele gehen im Alltag davon aus, dass jede Person genau ein festes Geschlecht hat. Jemanden nach ihrem/seinem Geschlecht zu fragen, bedeutet, es als solches zu bezweifeln. Die meisten Menschen würde diese Frage schockieren (sie wird auch kaum gestellt), selbst wenn sie an der Geschlechtsdarstellung (Gender) desinteressiert sind. Ab der Geburt wird das, was Geschlecht primär ausmacht, so schnell und intensiv verinnerlicht, ohne dass man sich (einschließlich vieler erschreckter Eltern, die behaupten, bei der Erziehung keinen Unterschied zu machen) dessen bewusst ist. Da wir uns im Folgenden nicht immer dazu äußern können und wollen, ob Sexus- und Genderklasse übereinstimmen, sprechen wir vereinfachend von Geschlecht, wenn wir die persönliche Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen meinen.¹ Umso konsequenter werden wir in der Grammatik das Wort Geschlecht meiden (wir sprechen dort nur von Genus).

In ihrem berühmten Werk „Das andere Geschlecht" (1949) erklärte Simone de Beauvoir:

Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es [d.h.: dazu gemacht]. Keine biologische, psychische oder ökonomische Bestimmung legt die Gestalt fest, die der weibliche Mensch in der Gesellschaft annimmt. (Beauvoir 1992, 334).

Das große Anliegen der linguistischen Geschlechterforschung war und ist es, in diesem Sinn die sprachlichen und kommunikativen Beiträge zur Gestaltung von Männlichkeiten, Weiblichkeiten, Zwischen- und Transidentitäten nachzuzeichnen. Die noch größere Frage, wie es zur sprachlichen Geschlechtsdifferenzung überhaupt kommt – phylo-, historio- wie ontogenetisch –, ist noch kaum beantwortet: Weder wissen wir, ob alle Sprachen Geschlecht kodieren (und, wenn ja, wie verpflichtend und seit wann sie es tun), noch wie sich im Zeitverlauf der Ausdruck dieser Information verändert, verstärkt oder abschwächt. Dieses Buch wird dazu neue Einblicke liefern.

1.2 Geschichte der linguistischen Genderforschung

Die linguistische, feministisch geprägte Forschung zu Sprache, Gespräch und Geschlecht blickt in Deutschland inzwischen auf eine über vierzigjährige Geschichte zurück. Damit wurde eine soziolinguistische Teildisziplin begründet, die mehr in den USA als in Deutschland intensiv beforscht wird. Da die Genderlinguistik in Deutschland nie institutionalisiert wurde (es gibt keinen Lehrstuhl mit genderlinguistischer Ausrichtung), hinkt die Forschung zum Deutschen beträchtlich der englisch-amerikanischen hinterher. Immer wieder werden wir in dieser Einführung auf gravierende Forschungs- und Wissensdefizite zum Deutschen hinweisen müssen. Manche Kapitel (z.B. Kap. 12 zur Soziolinguistik) sind darauf angewiesen, sich auf anglophone Länder zu beziehen. Dennoch versuchen wir, uns in dieser Einführung so weit wie möglich auf das Deutsche zu konzentrieren. Dabei müssen wir (aus Platzgründen) kontrastive Betrachtungen, so wichtig und interessant sie wären, weitestgehend ausklammern (dazu seien die Bände „Gender across languages" von Hellinger/Bußmann 2001–2003 sowie Hellinger/Motschenbacher 2015 empfohlen, die 42 Sprachen untersuchen). Dennoch hat sich innerhalb der bisherigen Forschung ein breites Spektrum an Fragestellungen entwickelt, das sich mit grammatischem Genus ebenso beschäftigt wie mit Wortbildung, Namen, Gesprächsforschung und Genderstilisierungen in den sog. Neuen Medien. Dabei kommt eine Bandbreite an qualitativ-interpretativen und quantifizierenden Methoden zum Einsatz.

Zu Beginn der 1970er Jahre entstanden in den USA erste Studien zum Zusammenhang von Patriarchat, Sprache und Diskurs. 1970 hatte Mary Ritchie Key auf der Tagung der American Dialect Society ihren Vortrag „Linguistic Behavior of Male and Female" gehalten (1972), 1972 analysierten Casey Miller und Kate Swift Sexismen im Wortschatz, und 1973 erschien Lakoffs Beobachtungsstudie dazu, wie Frauen in Sprache und Sprechen marginalisiert werden, z.B. wie sie im sog. generischen Maskulinum verschwinden und einen Sprechstil der Zurückhaltung, Unterordnung und Unsicherheit praktizieren, der ihre gesellschaftliche Zweitrangigkeit absichert. LinguistInnen widmeten sich auch der textuellen Repräsentation der Geschlechter, z.B. in Kinder- und Schulbüchern (Nilsen 1971, 1973; Ott 2017a, b), in denen mehr Jungen auftraten und viel interessanteren Tätigkeiten nachgingen als die wenigen Mädchen.

Seither hat sich die internationale linguistische Geschlechterforschung zu einem lebendigen Forschungsgebiet entwickelt. Sie beschäftigt sich mit Grammatik und Diskurs, mit Sprachsystem, Sprachwandel und Sprachverhalten, auch im Kulturvergleich (Günthner/Kotthoff 1991; Hellinger/Bußmann 2001–2003; Hellinger/Motschenbacher 2015). Cameron (1998) und Coates (1998) haben wichtige Veröffentlichungen in zwei Readern zugänglich gemacht. Auch ein Handbuch zu Sprache, Kommunikation und Geschlecht steht zur Verfügung (Holmes/Meyerhoff 2003).

In Deutschland bildeten Beiträge von Luise Pusch und Senta Trömel-Plötz den Auftakt zur feministischen Linguistik. Trömel-Plötz (1978) griff in „Linguistik und Frauensprache" Fragestellungen aus den USA auf und übertrug sie auf das Deutsche. Sie identifizierte und kritisierte dabei bzgl. des Sprachsystems das frauenverschleiernde sog. generische Maskulinum wie der Zuhörer, bei dem sich Frauen mitgemeint fühlen dürfen, das sich aber oft genug als geschlechtsspezifisch-männlich erweist. Auch Wortbildungsasymmetrien (Gott → Göttin, aber Krankenschwester → *Krankenbruder) sowie semantische und lexikalische Asymmetrien identifiziert sie erstmals, des Weiteren Unterschiede im sprachlichen Verhalten. Dem folgte die Replik „Die Frauen und die Sprache von Kalverkämper (1979), der das Anliegen der Linguistin missverstanden hatte und ihr einen linguistisch-strukturalistischen Nachhilfekurs angedeihen ließ. Dies wiederum hat Pusch (1979) zu einer Antwort veranlasst, in der sie für das Deutsche den Grundstein zur feministischen Linguistik gelegt hat. Dem sind mehrere gewichtige Aufsätze und Bände von Trömel-Plötz, Pusch, aber auch anderen LinguistInnen gefolgt (so 1995 ein Überblicksartikel von Bußmann, mehrere Beiträge von Schoenthal, 2012 der Sammelband „Genderlinguistik von Günthner et al.). Samel (2000) hat die erste Einführung in die feminische Linguistik verfasst, gefolgt von Klann-Delius (2005). Ayaß (2008) hat mit „Kommunikation und Geschlecht" eine Einführung in Kommunikationssoziologie vorgelegt. Bis heute ist die Disziplin der feministischen Linguistik bzw. Genderlinguistik ein umstrittenes und ideologisch umkämpftes Feld mit zahlreichen, sehr unterschiedlichen feministischen und antifeministischen Strömungen. Gravierende Wissensdefizite und ins Kraut schießende Vermutungen, persönliche Meinungen und vehement artikulierte Überzeugungen meist ohne linguistische Fundierung sind die Folge, unter Beteiligung von Fachleuten und Laien. Insbesondere der öffentliche Diskurs ist durch eine robuste Ignoranz gegenüber der Linguistik geprägt, er verzichtet auf die linguistische Forschung. Diese Einführung versucht deshalb, einen Überblick über den aktuellen, oft verstreut publizierten Wissensstand zu liefern, aber auch die zahlreichen Forschungsdefizite zu benennen.

In diesem Band vertreten wir ein gemäßigtes Konzept des sprachlichen Konstruktivismus. Es besteht kein Zweifel daran, dass Geschlechtsdarstellungen (doing gender) nicht nur durch Kleidung, Körperstilisierungen, Berufe, Tätigkeiten und Institutionen produziert werden, sondern maßgeblich durch Sprache und Sprechen, sei es in Gesprächen und Interaktionen, sei es durch Anreden, Namensnennungen, die Verwendung von Pronomen, oder – auf noch subtilere Weise – durch grammatische Strukturen: Geschlecht ist im Deutschen sehr präsent, man kann der Geschlechtsauskunft kaum entrinnen. Sprachsysteme bestehen aus der Härtung jahrhundertelangen Sprechens der Geschlechter mit- und übereinander. Nicht nur die Lexik (Wortschatz), auch die „Grammatik ist geronnener Diskurs (Haspelmath 2002, 270), denn „Grammatik entsteht als Nebenprodukt des Sprechens in der sozialen Interaktion (ebd., 262). Offensichtlich ist oder war (viele Jahrhunderte lang) Geschlecht in der Interaktion eine so wichtige Information, dass Geschlechtshinweise tief in die deutsche Grammatik eingesickert sind. Damit handelt es sich um ein kaum zu umschiffendes Phänomen, das Geschlecht ständig aufruft. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass das deutsche Sprachsystem eine Obsession mit Gender hat.

Wir betrachten das Verhältnis zwischen Sprache und ‚Wirklichkeit‘ im Sinne eines moderaten sprachlichen Relativitätsprinzips als ein flexibles, wechselseitiges Bedingungsgefüge: Einerseits prägt und präformiert die Sprache als Sediment früherer Diskurse unsere Wahrnehmung (und damit auch die Wirklichkeit). Sie determiniert sie aber nicht; sonst wäre Sprachwandel (der permanent stattfindet) kaum denkbar. Andererseits und umgekehrt aktiviert man beim Sprechen eben diese Kategorien und Informationen in jeder einzelnen Äußerung. So sind Ausdrücke wie Köchin, Arzt, sie, er nicht nur bloße Referenzformen, sondern gleichzeitig (je nach Sichtweise ausschließlich) Appellationen mit wirklichkeitskonstituierender Funktion (Hornscheidt 1998, 2006). Unseres Erachtens vollzieht sich Wirklichkeit auch jenseits sprachlicher Handlungen, wenngleich sie maßgeblich diskursiv hergestellt wird. So beobachten wir immer wieder, dass und wie veränderte soziale Verhältnisse sich in der Sprache niederschlagen. Hierzu schreibt Haß-Zumkehr (2003):

Wir finden in der Sprache weniger ein Abbild als einen Abdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse vor […], der die Wahrnehmung so lange prägt, bis entweder die Verhältnisse oder die Wahrnehmung der Verhältnisse in Misskredit geraten. Bewusste Veränderungen der Sprache sollen die Wahrnehmung korrigieren. Auch veränderte gesellschaftliche Verhältnisse können jedoch zu Veränderungen in der Sprache führen, auf die die feministische Sprachkritik nicht abgezielt hatte. Tatsächlich lässt sich beides oft gar nicht voneinander trennen (162).

Im Folgenden distanzieren wir uns von einseitig-radikalkonstruktivistischen Ansätzen, die die Sprache bzw. das Sprechen verabsolutieren.

Wir gehen davon aus, dass spezifische Sprechaktivitäten und Kommunikationsstile in der Gesellschaft mit historisch entstandenen Genderassoziationen verbunden sind, die je nach Kontext unterschiedlich genutzt werden können. Innerhalb eines sozialen Milieus eignen sich interpretierbare Genderfolien für die Inszenierung verschiedener sozialer Identitäten. Mit einem zurückhaltenden Gesprächsstil (der traditionell eher als feminin gesehen wird) kann ein Mann sich z.B. in einem bestimmten Kontext als „Nicht-Macho oder als „neuer Mann inszenieren. Auch Typenzitationen wie das Sprechen in der Rolle eines Kiezdeutsch-Sprechers bedeuten bei männlichen und weiblichen Jugendlichen nicht dasselbe. Wer eine Queer-Identität für sich beansprucht oder eine andere Art von Transgression lebt, kann diese über semiotische Anleihen hier wie dort kommunizieren. In den folgenden Kapiteln wird unsere gegenstandsorientierte Herangehensweise an Geschlechterverhältnisse in Sprache und Kommunikation deutlicher. Wir konzipieren die Genderlinguistik so, dass auch Fragen einer „queeren Linguistik" (Motschenbacher 2012) eingehen.

Im Buch gibt es Kapitel, die von ihrer methodischen Ausrichtung her historisch-philologisch oder textanalytisch-philologisch orientiert sind: Daneben stehen sozialwissenschaftlich oder medienwissenschaftlich ausgerichtete. Selbst naturwissenschaftliche Anteile werden im Kap. 3 über die Stimme tangiert. Die Gesprächs- und Medienforschung (Kap. 13, 14, 15) verbindet sozialwissenschaftliche und linguistische Methoden.

1.3 Aufbau dieser Einführung

Vorab ein Wort zur Personenreferenz: Da ein generisches Maskulinum (Kap. 5) nur beschränkte Gültigkeit hat, werden wir es weitgehend meiden. Wir verwenden stattdessen verschiedene Formen der Beidnennung, meistens das große Binnen-I. Daneben praktizieren wir das, wofür uns „Das kleine Etymologicum" von Kristin Kopf (2014) als praktikables Vorbild erscheint. Hier die betreffende Passage:

Bei generischer Verwendung von Personenbezeichnungen (wenn keine konkreten Individuen gemeint sind) wird in diesem Buch die weibliche oder die männliche Form gebraucht. Die Zuweisung erfolgt per Zufall, über eine randomisierte Liste. Gemeint sind aber immer alle Menschen, egal welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen (oder ob sie das überhaupt tun). Auch die Fälle, in denen unklar ist, ob beide Geschlechter gemeint sind, wurden großzügig den generischen Bezeichnungen zugeschlagen. Sie werden im Folgenden also auf Vorfahrinnen, Griechinnen, Lexikografinnen … stoßen, die alle Nicht-Frauen mitmeinen – und auf Ahnen, Goten und Sprachwissenschaftler, die die Nicht-Männer mit einschließen (11).

Eine der häufigsten Reaktionen auf dieses Buch bestand in dem interessanten Vorwurf, Frauen genannt zu haben, wo angeblich eindeutig nur Männer gemeint sein können. So bestand man bspw. ohne Rücksicht auf historische Tatsachen darauf, dass an der Völkerwanderung nur Männer beteiligt waren. Hinzu kam, dass die weiblichen Formen, obwohl sie im Buch genau 50 % ausmachen, als dominierend kritisiert wurden. Dies deutet auf einen gravierenden allgemeinen male-bias hin. Dem kann man, wie mittlerweile erwiesen ist, nur mit der Sichtbarmachung von Frauen begegnen. In dieser Einführung praktizieren wir also verschiedene Mischverfahren, die den Text nicht schwerfälliger werden lassen.

Unser Band enthält neben dieser Einleitung 14 Kapitel, die kurz skizziert werden.

Kap. 2, „Doing, undoing und indexing gender" stellt die Konzepte des doing gender und indexing gender vor. Gesellschaften haben Vorstellungen davon, welches kommunikative Verhaltensrepertoire eher als weiblich oder als eher männlich gilt, und auch Praktiken, Kindern und Erwachsenen diesbezügliche Erwartungen zu spiegeln. Hat sich im Laufe seiner Enkulturation ein Kind etwa über Kleidungs- und andere Verhaltenssemiotiken zu einem erkennbaren Mädchen oder Jungen gemacht, braucht diese Mitgliedschaftskategorie nur noch mitzulaufen, kann aber auf unterschiedliche Art und Weise salient gemacht werden. Viele Anzeigeverfahren von Gender sind bspw. über die Mode habitualisiert. In der Kommunikationsstilistik gibt es keine strenge Genderexklusivität, sehr wohl aber in manchen Bereichen höhere Auftretensfrequenzen (z.B. freundliches Lachen bei Frauen). Dies indiziert Unterstützung des Gegenübers, die weiblich konnotiert ist. Alle Geschlechter können sich so verhalten und erlangen darüber spezifische Identitätsprofile.

Kap. 3, „Prosodie und Phonologie", befasst sich mit der Stimme, die man (wie kaum sonst etwas an der Sprache) für etwas so Biologisches und Angeborenes hält wie Haare oder Körperteile. Forschungen zeigen jedoch, dass auch die Stimme, ihre Tonhöhe und ihr Verlauf (Modulation) weitaus mehr Kultur als Natur enthält. Auch werden Frauen- und Männerstimmen durch Höher- bzw. Tieferlegung voneinander differenziert, ihr Überschneidungsbereich wird schärfer abgetrennt als natürlichweise der Fall. Frauen- und Männerstimmen verändern sich auch historisch, und sie unterscheiden sich im interkulturellen Vergleich. Als noch konstruierter erweist sich die Singstimme. Ab dem 19. Jh. wurden Tenor und Alt voneinander separiert und Frauen- und Männerstimmen außerdem klanglich polarisiert (Koloraturen werden weiblich).

Kap. 4, „Nominalklassifikation", widmet sich der zweifachen Klassifikation der Substantive durch Genus und durch Deklinationsklasse (als der Art und Weise, Kasus und Numerus auszudrücken). In diesen Tiefen der deutschen Grammatik sind (historische) Geschlechtervorstellungen fest verankert, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Hier legen wir die Bezüge sowohl von Genus als auch von Deklinationsklasse zu Geschlecht offen. Beide Klassifikationen haben massiven Anteil an der Produktion der Zweigeschlechtlichkeit und der asymmetrischen sprachlichen Ausstattung entsprechender Personenbezeichnungen. So ist es kein sprachgeschichtlicher Zufall, dass maskuline Personenreferenzen am Nomen drei bis vier Kasus unterscheiden, feminine dagegen gar keinen. Dies weist subtil auf handlungsmächtige Männer und ohnmächtige Frauen hin. Beim Genus erweisen sich die Frauenbezeichnungen im Neutrum (Weib, Mädchen, Fräulein) als Hinweise auf unreife oder unangenehme Frauen, in jedem Fall auf solche, die ihre soziale Funktion (Ehe, Mutterschaft) (noch) nicht erreicht oder verfehlt haben.

Kap. 5 zum sog. generischen Maskulinum behandelt genaugenommen einen Teil von Kap. 4, nämlich die vieldiskutierte Frage, ob das grammatische Maskulinum bei Personenbezeichnungen (wie der Zuschauer) sich auf beide Geschlechter zu beziehen in der Lage ist, wie dies manche Grammatiken und viele Laien behaupten. Um diese Frage linguistisch anzugehen, referieren wir zehn (psycho-)linguistische Untersuchungen, die die öffentliche Diskussion bislang nicht zur Kenntnis genommen hat und die wir abschließend interpretieren und einordnen. Vor allem nehmen wir grammatische und referenzsemantische Unterscheidungen vor, die den Numerus und die syntaktische Einbettung dieser Maskulina berücksichtigen und maßgeblich darüber entscheiden, ob sie geschlechtsübergreifend referieren können. Auch Indefinitpronomen wie man, jemand, keiner werden berücksichtigt.

Kap. 6 thematisiert die Morphologie, vor allem die Wortbildung. Hier wird das breite Spektrum an morphologischen und morphosyntaktischen Verfahren der Geschlechtsspezifikation und der Geschlechtsabstraktion vorgestellt, z.B. (häufige) Feminin- und (seltene) Maskulinmovierungen (Köchin – Witwer), substantivierte Partizipien und Adjektive (Behinderte, Arbeitslose), Attribute wie weiblich/männlich etc. und die Frage, wann und zu welchem Zweck welche Strategie gewählt wird. Auch wird der Frage nachgegangen, warum viele einen Satz wie sie ist Raucher akzeptabel, andere inakzeptabel finden. Dass und warum Diminution mehr mit weiblichem als mit männlichem Geschlecht zu tun hat, wird ebenfalls erhellt.

Kap. 7 thematisiert die Syntax. Zunächst werden syntaktische Verfestigungen in Form sog. Formulierungs- oder Sprachgebrauchsmuster erfasst, so das häufige Faktum, dass die (Ehe-)Frau syntaktisch hinter ihrem Mann herläuft und dabei in seinem Schatten bleibt, denn meist wird sie nicht (anonym) oder weniger individualisiert als er (etwa durch den bloßen Vornamen), z.B. Helmut Kohl und Frau (Hannelore). Die bei Katastrophenmeldungen zu lesende Wendung darunter auch Frauen und Kinder weist dagegen Männer als weniger wichtig und wertvoll aus. Anschließend wenden wir uns sog. Binomialen (Koordinationen) zu, die – je nach Kontext – den Mann vor die Frau (Mann und Frau) oder die Frau vor den Mann stellen (Mama und Papa). Hier zeigen wir, dass soziale Geschlechterrollen die jeweilige Abfolge bestimmen und dass es im Laufe der Zeit zu Lockerungen kommen kann.

Kap. 8 adressiert den Kernbereich sprachlicher Bausteine, die Lexeme. Es klärt zunächst die Etymologie von Geschlecht sowie der wichtigsten Frauen- und Männerbezeichnungen. Dann wendet es sich der Pejorisierung und ihren Qualitäten zu, die die meisten Frauenbezeichnungen im Laufe ihrer Geschichte erfahren haben. Auch werden Geschlechterstereotype in Sprich- und Schimpfwörtern herausgearbeitet. Anschließend werden lexikalische Asymmetrien identifiziert, etwa dass ein Liebhaber etwas anderes ist als eine Liebhaberin, aber auch dass Mutter und Vater sich durch mehr als ihr Geschlecht unterscheiden. Abschließend wird das lexikografische doing gender in Wörterbüchern aufgezeigt, in denen oft jahrhundertealte Stereotypen unreflektiert überdauert haben. Nicht unerwähnt bleiben darf das linguistische doing gender, das durch diese Disziplin selbst betrieben wird.

Kap. 9 befasst sich mit einer der größten Bühnen der Geschlechterdarstellung, den Personennamen. Bekanntlich verweisen Rufnamen direkt auf ein bestimmtes Geschlecht, Unisexnamen sind selten und führen immer noch zu Irritationen. Geschlecht lässt sich dabei der Phonologie von Rufnamen entnehmen, d.h. es ist tief in diese Strukturen eingelassen. Bis ins 18. und 19. Jh. hinein war es üblich, die Familiennamen von Frauen zu movieren (die Lutherin). Dieser sprachlich markierten Zugehörigkeit zu einem Mann entspricht noch heute die Praxis, dass bei der Eheschließung in der großen Mehrzahl der Fälle die Frau den Namen des Mannes annimmt. Schließlich wird auch mit der dialektal gegebenen Möglichkeit der Neutralisierung weiblicher Rufnamen (das Heidi), aber auch von Familiennamen (das Merkel) ein namengrammatisches Thema aufgegriffen und der Ratio dahinter nachgegangen.

Mit der Schreibung in Kap. 10 beschließen wir den systemlinguistischen Teil. Auch die Schreibung leistet einen beträchtlichen Beitrag zur Geschlechterunterscheidung. So gibt es erste Hinweise darauf, dass sich die Substantivgroßschreibung bei Lexemen für Männer früher durchgesetzt hat als bei solchen für Frauen. Auch bei Kosenamen auf –[i] lässt sich bei sonst gleich klingenden Namen beobachten, dass die Schreibung doch das Geschlecht verrät, vgl. Bobbie für Frauen vs. Bobby für Männer. Schließlich werden die verschiedenen grafischen Strategien (wie Schrägstriche, Sterne, Unterstriche) behandelt, die entweder Frauen und Männer sichtbar machen sollen oder Personen, die sich jenseits der Zweigeschlechtlichkeit verorten.

Kap. 11, „Gender, Sozialisation, Kommunikation", fragt danach, wie das Kind die Kategorie Gender erwirbt. Beim Hineinwachsen in eine Kultur begegnen dem Kind implizite und explizite Verfahren, die auf Gender hindeuten. In Westeuropa und Amerika ist eine kontextuelle Diversität beobachbar, bspw. wird in Kindergartenstudien keine starke Genderdifferenzierung in Interaktion und Verhalten der Erzieher/innen gegenüber den Kindern mehr belegt. Gleichzeitig ist Gender Marketing zu einem unübersehbaren Faktor geworden: Die Produktwelt besonders für Kinder ist in den letzten Jahren einer absurden Zweiteilung ausgesetzt worden, gegen die die rosa und blauen Strampelhosen von vor 50 Jahren harmlos sind. In diesem Kapitel wird ein Überblick über Familieninteraktionen, Gender in Kindercliquen, in der Schule und im Konsumsektor gegeben.

In Kap. 12, „Gender in der Soziolinguistik", rekapitulieren wir die Forschung zu Gender in der korrelationalen und interaktionalen Soziolinguistik. Sehr oft hat diese gezeigt, dass phonetische, syntaktische und auch pragmatische Variablen nicht nur eine Schichtenprägung aufweisen, sondern auch zwischen den Geschlechtern systematisch variieren. Die im englischen Sprachraum durchgeführten Studien zeigen, dass Menschen sich mittels einer bestimmten Aussprache oder eines Satzbaus mehr oder weniger unbewusst als einen sozialen Typus entwerfen. So spielt bspw. auch kulturelle Widerständigkeit in solche Selbstinszenierungen hinein. Die deutschsprachige Soziolinguistik ist im Hinblick auf die Integration sprachlicher Indices in eine soziale Semiotik viel zurückhaltender und liefert deshalb in Bezug auf Gender wenig Erhellendes.

In Kap. 13, „Gender im Gespräch", wird kurz auf verschiedene Sprachverhaltensbereiche eingegangen, die in der nun fast fünfzigjährigen Geschichte der linguistischen Genderforschung als mehr oder weniger typisch für das eine oder andere Geschlecht angesehen wurden: Unterbrechungen, hohe Direktheitsstufen bei Aufforderungen und humoristischen Frotzelaktivitäten, Eingehen auf Themen, Herausstreichen eigener Kompetenzen usw. Dabei muss feministische Folklore an manchen Stellen zurückgewiesen werden, so die des Unterbrechens als männlicher Verhaltensstrategie. Als sehr relevant zeigt sich, dass jeweils gleiche Sprachverhaltensweisen oftmals von der sozialen Umgebung nicht gleich rezipiert werden. Tatsächlich ist beispielsweise die Autorität weiblicher Führungspersonen weniger gesichert als die männlicher. Die Statusdimension ist durchgängig mit Gender verquickt. Hohe Redezeiten und Themengestaltungen in Gesprächen sind primär mit Status verbunden. Auch die Genderdimensionen von Scherzkommunikation werden erhellt. Aus der Beobachtung, wer sich wem gegenüber welche Scherze erlauben kann und ob und wie diese von den Interagierenden goutiert werden, lässt sich die soziale Mikrostruktur einer Situation ablesen.

In Kap. 14, „Fernsehen, Radio und Printmedien, stellen wir interdisziplinäre Zugänge zu verschiedenen Bereichen der massenmedialen Kommunikation vor. Frauen sind noch immer viel weniger nachrichtenwürdig als Männer, was die Machtverteilung in der Welt unmittelbar ausdrückt. Männer in bedeutenden Positionen dominieren nach wie vor die Massenmedien. So rekreieren Fernsehen, Radio und Zeitungen assoziative Verbindungen von Männlichkeit und Macht. Unterhaltungs- und Wettkampfshows wie „Germany’s next Topmodel und die Werbung werden etwas genauer betrachtet, z.B. die Entwicklung der Radiowerbung unter Einschluss der Analyse einiger Spots. Vor allem in der TV- und Bühnencomedy finden sich graduell unterschiedlich starke Inszenierungen widerständiger weiblicher Typen, deren Spektrum sich enorm erweitert hat. Wir arbeiten bei der Beschreibung komischer Figuren weiterhin mit dem Ansatz der sozialen Indexikalisierung.

Im letzten Kap. 15 wird danach gefragt, inwieweit die durch die Neuen Medien geschaffenen vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten mit z.T. spezifischer sprachlicher Ausgestaltung Geschlechtsunterschiede in der Nutzung aufweisen, welche Stilisierungen von Gender sich herausgebildet haben und ob die sprachlichen Handlungsmöglichkeiten im Netz die Binarität der Geschlechter verstärken oder zu ihrer Auflösung beitragen. Einbezogen werden auch Analysen multimodaler Texte, da visuelle Daten Aufschluss darüber geben können, wie die Gestaltung des Köpers zu Genderkonstruktionen beiträgt. Hier wird vor allem auf die Funktion und Gestaltung von Selfies eingegangen. Berücksichtigt werden neben (internet-)linguistischen Arbeiten Forschungsergebnisse aus den Medienwissenschaften.

2. Doing , undoing und indexing gender in Sprache und Gespräch

2.1 Was heißt „Konstruktion" von Geschlecht?

Den Basisgedanken einer gesellschaftlichen Konstruktion von Geschlecht stützen wir auf Berger und Luckmanns (1966/1987) Sicht, nach der in der Alltagswelt die Vis-à-vis-Situation zentral ist, in der Menschen in Aktion, Reaktion und Gegenreaktion miteinander interagieren (Reziprozität). Die/der Andere ist dabei als anderes Subjekt wahrzunehmen und bildet ein Spiegelbild für die eigene Ich-Wahrnehmung. Die Vis-à-vis-Interaktion ist dynamisch und flexibel, folgt aber vorgeprägten sozialen Typisierungen, die im Laufe der Geschichte spezifische Prägungen erfahren haben. In solche Prägungen wird ein Kind zunächst hineingeboren. Eine historische Perspektive auf soziale Typisierung ist somit von Belang. Der Basisgedanke der gesellschaftlichen Konstruktion verleugnet in unserer Lesart keine biologischen Gegebenheiten, sondern beleuchtet deren Aus- oder Umbau, Unterstreichung und (Ir)Relevantsetzung.

Die sogenannten Baby X-Studien zeigen eindrücklich, dass und wie die Erwachsenen das gesellschaftliche Gendersystem an das Kind herantragen (mehr dazu in Kap. 10). Erwachsene fahren mit dem zunächst von der Genitalienbestimmung ausgehenden Sortiervorgang für das Kind fort, indem sie z.B. das Schreien eines männlichen Babys eher als Ausdruck von Aggression hören als das Schreien eines weiblichen: Als den Erwachsenen in einem viel zitierten Experiment erzählt wurde, dass ein kleines Mädchen schreie, interpretierten sie dasselbe Schreien desselben Kindes eher als Ausdruck von Angst (Condry/Condry 1976).

Man hört derzeit manchmal die Kritik, in den Anfängen der Geschlechterforschung sei diese essentialistisch vorgegangen (Kerner 2007); sie sei von einer biologischen Essenz ausgegangen und habe aus dieser psychische Eigenschaften und Verhalten abgeleitet. Wir werden sehen, dass diese Kritik auf die linguistische Forschung nicht zutrifft. Zumindest weite Teile der sprach- und kommunikationswissenschaftlichen Geschlechterforschung standen von Anfang an eher in einer durch George Herbert Mead geprägten, interaktionssymbolischen Tradition und in einer sozialkonstruktivistischen.

Sozialkonstruktivismus in der Geschlechterforschung

In dieser Tradition geht man davon aus, dass Kinder durch eine historisch vorgeprägte Sicht auf soziale Typen indirekt ihre Selbstwahrnehmung lernen. Das heißt nicht, dass man sie als eine „black box" sieht, auf die das gesellschaftlich vorherrschende Genderbild einfach projiziert wird. Prägungen gehen aber entlang gängiger Vorstellungen von weiblichem und männlichem Verhalten vonstatten, die die Kinder in ihren jeweiligen Lebenswelten verstärken oder abmildern können. Im Zusammenhang mit der Interpretation ihrer Äußerungen und ihres Verhaltens bilden sie entsprechende Gefühle auch im Bezug auf sich selbst aus.

2.2 Was heißt doing gender ?

In den Sozial- und Kommunikationswissenschaften stellt sich bei allen sozialen Kategorien, denen im Alltag Relevanz zugeschrieben wird, die Frage, wie dies geschieht (Kotthoff 2002a). In keiner (bekannten) Kultur bleibt es bezüglich folgenschwerer sozialer Kategorien grundsätzlich nur beim Konstatiereren physischer oder psychologischer Differenzen. Auch der sozialen Kategorie Alter liegt beispielsweise zunächst ein physiologischer Prozess zu Grunde. Darüber hinaus wird gesellschaftlich relevant gesetzt, dass beispielsweise ein Kind ab einem gewissen Alter laufen lernt; Alter ist mit Verhaltensstandards verbunden; Jugendliche markieren den Übergang von der Kindheit zum Jugendalter aktiv, indem sie sich anders kleiden und anderen Aktivitäten nachgehen (auch gehört Rauchen oft als semiotische Anzeige des Verlassens des Kind-Status dazu; Eckert 2014). In konservativ-islamischen Milieus soll das geschlechtsreife Mädchen sein Haar verbergen. Mit dem Erreichen der Menstruation und Gebärfähigkeit wird nun über ein Kopftuch in der Öffentlichkeit die Relevanz von Alter, Religion und Geschlecht gleichzeitig semiotisch demonstriert. In vielen Gesellschaften leistet beispielsweise das Auftragen von Make up die gekoppelte Anzeige von Alter und Weiblichkeit. Genauso wie es eine große Bandbreite an Möglichkeiten gibt, die Kategorie Alter über den Körper hinaus oder gegen ihn gerichtet (das Ziel der Kosmetikindustrie) semiotisch kundzutun, bietet auch das soziale und kulturelle Geschlecht (Gender), die Möglichkeit, in graduell abgestufter Relevanz inszeniert zu werden.

2.2.1 Der Ethnomethodologe Harald Garfinkel und seine Agnes-Studie

In den Sozialwissenschaften arbeiten wir zur Erfassung der Relevantsetzung mit dem Konzept des doing gender, das auf Harold Garfinkels „Agnes-Studie" (1967) fußt. Agnes (Pseudonym) wurde 1958 an das Medical Center der University of California Los Angeles überwiesen. Sie besaß weder Eierstöcke noch Gebärmutter. Die männlichen Genitalien, die für Agnes einen grausamen Schlag des Schicksals darstellten, wurden ihr entfernt. Um die Operation herum wurde das Lernen weiblicher Verhaltensweisen zentral. Agnes war fortwährend damit beschäftigt, sich als Frau zu präsentieren und dies zu routinisieren. Diesen Vorgang nennt Garfinkel (1967, 118) „passing. Ihr Geschlecht verlangt nun eine Ausübung, die Kinder meist ohne hohe Bewusstheit allmählich erwerben. Diese Ausübung („doing) von Femininität verlangt beispielsweise als weiblich geltende Kleidungs- und Haarstile und Arbeit an der Stimme (Kap. 3). „Doing" (tun) erfasst zunächst die Alltagsbeobachtung, dass Geschlecht einer Inszenierung bedarf, wenn es bemerkbar sein und Konsequenzen haben soll, die für alle interpretierbar sind.

Der Soziologe Garfinkel verfolgte, wie sich die Transfrau Agnes nach ihrer Operation (vom Mann zur Frau) auf allen Ebenen des Verhaltens in das kulturelle Frau-Sein im Kalifornien der sechziger Jahre einübte, darunter auch das Gesprächsverhalten. Zunächst einmal hatte Agnes sich nach der Entscheidung, als Frau leben zu wollen und nach Operationen, mittels Kleidungs- und Körpergestaltungssemiotik als erkennbare Frau umstilisiert. Auf dieser Ebene liegen auch heute noch die auffälligsten Genderstilisierungen.

Auf dem Terrain des Gesprächsverhaltens musste und wollte Agnes z.B. lernen, sich in argumentativen Gesprächen nicht durchzusetzen, sondern stattdessen einzulenken, was sie und ihr Umfeld als typisch für Frauen erkannt hatte. Vor allem ihr Freund lehrte sie, nicht zu insistieren und nicht so stark ihre Meinung zu verteidigen, weil das unweiblich sei. Ihr soziales Umfeld fungierte dabei als Ratgeber für das Aufführen von Frau-Sein. Sie musste und wollte es lernen, sich von Männern bestimmte Höflichkeiten angedeihen zu lassen und andere selbst zu praktizieren. Agnes hörte auf, Frauen zur Zigarette Feuer zu geben und hielt stattdessen selbst einem Mann sichtbar ihre der Anzündung harrende Zigarette hin, damit dieser sein Feuerzeug zücke. Agnes verwendete viele Euphemismen, weil sie das als frauentypisches Sprechen empfand. Garfinkel diskutierte Verhaltensweisen, die damals noch gemeinhin als natürlich galten, als in kultureller Praxis wechselseitig erzeugtes „accomplishment" (Leistung). Die Komponenten der Genderpraxis konnten in Agnes’ Umfeld gut in ihrer Machart und Bedeutung erkannt werden.

Der Gedanke der interaktiven Wechselseitigkeit ist für die gesamte Ethnomethodologie sehr bedeutungsvoll. Ayaß (2007) verdeutlicht, dass auch Garfinkel selbst am doing gender rund um Agnes beteiligt war, weil auch er sie genderspezifisch behandelte (z.B. durch spezifische Höflichkeiten als Frau bestätigte und sich selbst gleichzeitig als Mann).

Ayaß (2008, 152) widmet der Rezeptionsgeschichte dieser klassischen Studie, die diesseits- und jenseits des Atlantiks lange ignoriert wurde, einige Ausführungen. Mit Hirschauer (1993b, 58) konstatiert Ayaß, dass „ein Gutteil feministischer Grundlagenforschung außerhalb der Frauenforschung stattfand. Butlers theoretisches Buch „Gender Trouble lese sich wie ein spätes Echo auf Garfinkels und Goffmans Studien. Allerdings nehme Butler gar nicht zur Kenntnis, dass ihre wesentlichen Thesen von der sozialen Konstruiertheit des Geschlechts bereits bei Garfinkel zu finden seien, der solche Prozesse auch empirisch rekonstruiert habe. Wir möchten diese bedenkliche wissenschaftsgeschichtliche Unterschlagung, der sich leider auch in der Folge Forscher/innen blind angeschlossen haben (z.B. betreibt Villa (2003) in ihrer Einführung in Butlers Werk keine Richtigstellung bezüglich der Entwicklung konstruktivistischen Denkens über Gender), nicht fortsetzen und kommen auf andere Kritikpunkte an dem einflussreichen Buch „Gender Trouble" später zurück.

Hirschauer (1993a) hat etwa dreißig Jahre später mittels einer ethnografischen Studie darüber, wie die Transition sowohl von Frau zu Mann wie von Mann zu Frau vor sich geht, sehr genau beschrieben, was medizinische und psychologische ExpertInnen leisten, um diese durch ihr professionelles Engagement eine soziale Wirklichkeit werden zu lassen. Dabei belegt er mit einer Fülle ethnografischer Daten die allgemeine These, „daß die medizinische Konstruktion der Transsexualität ein immanenter Bestandteil der zeitgenössischen Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit ist (ebd., 9). Gerade weil die Trennung der Geschlechter im Alltag immer weniger gelebt werde, erweise sich die „Geschlechtsidentität als „letzte Bastion des Glaubens an ein wahres Geschlecht" (1993, 115). Dieser Glaube findet sich nicht nur bei Stimmexperten und Kosmetikerinnen, die beim passing zu Werke gehen.

2.2.2 Goffmans Sicht auf Arrangements der Geschlechter

¹

Nur kurz nach Erscheinen von Garfinkels Studie hat Erving Goffman die Betrachtungsweise von Geschlecht innerhalb der Soziologie und den Kommunikationswissenschaften weiter revolutioniert. Er kritisiert im „Arrangement der Geschlechter (1977) die Sozialwissenschaften, welche bis dato die Prozesse der fortlaufenden Geschlechterkonstruktion kaum erforscht hätten. Für viele Wissenschaftler/innen war die Bedeutung des Faktors Geschlecht ein Phänomen, welches im Rahmen von Rolle, Privileg und Benachteilung erfassbar schien. Mit der Untersuchung von „Rollenverhalten seien sie, so Goffman, der immensen Bedeutung des geschlossenen Bündels an Glaubensvorstellungen und Praktiken nicht gerecht geworden, welche geltend gemacht werden, um das gesellschaftliche Arrangement der Geschlechter als natürliches auszugeben und abzusichern.

Goffman ist hauptsächlich in seinem Buch „Gender Advertisement (1976, dt. „Geschlecht und Werbung 1981) und in seinem Aufsatz „The Arrangement between the Sexes" (1977, dt. 1994) auf die Methoden der Geschlechterstilisierung eingegangen. Wir verdanken ihm die Betrachtungsweise von Geschlecht als naturalisiertem Ordnungsfaktor von Interaktionen, eine Konzeption, welche weit reichende theoretische und empirisch-forschungspraktische Ausblicke auf Fragen von Geschlechterverhältnissen und Kommunikation eröffnete.

Seine Genderanalysen fügen sich konsequent in seine Studien zu Interaktionsritualen ein. Sein Forschungsprogramm lässt sich als das Studium der direkten und unmittelbaren Interaktion umreißen, wie es Knoblauch im Vorwort zur Herausgabe seiner Schriften zu Gender (1994) herausgearbeitet hat. Im Zusammenhang mit der Erforschung der Interaktionsordnung hat er sich auch Fragen der Darstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit gewidmet; diese Darstellungen implizieren immer auch normative Zuweisungsakte für die gesellschaftlichen Plätze der Individuen. Verschiedentlich ist Goffman dem Vorwurf begegnet, er analysiere nicht die Gesellschaft mit ihren Schichten-, Klassen- und Einkommensstrukturen, sondern Verhalten von Individuen. Dieser Vorwurf könnte potentiell auch die Genderanalysen betreffen. Kaum je ist bei ihm die Rede davon, dass Männer weltweit den Großteil der Produktionsmittel besitzen und Frauen schlechter bezahlt werden und außerdem in der Regel die Familienarbeit auf ihren Schultern lastet. Hier gilt, was er in der „Rahmen Analyse süffisant zu Bedenken gab: „Persönlich halte ich die Gesellschaft in jeder Hinsicht für das Primäre und die jeweiligen Beziehungen eines einzelnen für das Sekundäre; die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich nur mit Sekundärem (22ff.).

Goffman geht davon aus, dass sich die Verhaltenssymbolik der Geschlechter zu einem gewichtigen Teil an der Mittelschichts-Idealversion des Eltern-Kind-Komplexes orientiere. Zu diesem humanen Grundmuster gehöre das hilflose Kind und der es beschützende Erwachsene. Da Goffman glaubt, dass Männlichkeitsrituale sich eher am Elternstatus orientieren und Weiblichkeitsrituale sich eher am Kindstatus, belasse ich es bei der Redeweise „der Erwachsene". Wir zählen ein paar Bereiche auf, in denen Rituale des Genderismus Elemente aus dem Eltern-Kind-Komplex in Szene setzen.

Das Kind ist bewegungsmäßig instabil. Es wird vom Erwachsenen gestützt. Weibliche Kleidung (Stöckelschuhe, enge und komplizierte Röcke) ritualisiert Instabilität.

Der Erwachsene erklärt dem Kind die Welt; er belehrt und das Kind nimmt die Belehrungen an. In unserer Berufswelt gelangen Frauen seltener in die Positionen und Institutionen, welche die Welt erklären.

Das Kind darf sich emotional freier ausdrücken als der beherrschte Erwachsene. Es darf weinen, herumalbern und euphorische Bewegtheit ausdrücken. Starke Gefühlsbewegungen gelten bei uns als unmännlich, aber durchaus als weiblich.

Der Erwachsene muss immer bereit sein zur Selbstverteidigung, Frauen und Kinder nicht. Männer bewaffnen sich auch in Bedrohungssituationen mehr als Frauen.

2.2.3 Geschlecht als reflexiv institutionalisiert

An der Dramatisierung (Relevanzzuspitzung) der sexuierten Sozialordnung in alltäglichen Begegnungen sind viele Verhaltensdimensionen beteiligt, z.B. kann ich mich mehr oder weniger genderisiert kleiden oder mich mehr oder weniger im Sinne kultureller Stereotype verhalten. Ich kann als Frau eine hohe Stimme mit starker Behauchung für mich einspielen oder auch nicht (Kap. 3).

Ähnlich wie die Ethnomethodologie geht Goffman davon aus, dass der Zugang zu gesellschaftlichen Positionen, Rängen und Funktionen kein ausschließlich exogener Faktor der Kommunikation ist, sondern endogen in der sozialen Begegnung mitproduziert wird. Ich bin also im Bezug auf meine Rolle gesellschaftlich nicht ausschließlich durch äußere Faktoren festgelegt, sondern produziere sie selbst im Austausch mit. Daher rührt das starke Interesse der sozialkonstruktivistischen Richtungen an Interaktionen.

Rekonstruktion der Genderrelevanz: Hier lässt sich nachzeichnen, dass beispielsweise eine junge Frau in einem Prüfungsgespräch kaum zu Wort kam, weil der ältere, männliche Professor die Themen selbst ausformulierte. Wenn wir nur diesen einen interaktionalen Kontext analysieren, können wir die Struktur des Gesprächs beschreiben, wissen aber nicht, ob hier tatsächlich Genderkategorien die institutionellen Kategorien überschrieben haben. Wusste die junge Frau nichts, so dass der Professor selbst reden musste? Tritt der Professor gegenüber männlichen und weiblichen Studierenden unterschiedlich auf? Wenn wir sagen, dass Gender aus einem Bündel an Typisierungen besteht, müssen wir diese personen- und situationenübergreifend nachweisen.

In „Das Arrangement der Geschlechter" erläutert Goffman Geschlecht als eine Angelegenheit institutioneller Reflexivität. Das heißt, dass das soziale Geschlecht so institutionalisiert wird, dass es genau die Merkmale des Männlichen und Weiblichen entwickelt, welche angeblich die differente Institutionalisierung begründen. Sein durchgängiges Argument lautet, dass die körperlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern als solche keine große Bedeutung haben für die Fähigkeiten, die wir für die Bewältigung der meisten Aufgaben im Alltag brauchen. Warum also, lautet dann die Frage, lassen Gesellschaften irrelevante Unterschiede sozial so bedeutsam werden, dass sich die ganze Arbeitsteilung darauf aufbaut? Diese Institutionalisierung von zwei Geschlechtern schließt immer auch normative Zuweisungsakte für die gesellschaftlichen Plätze der Individuen ein. Unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu gesellschaftlichen Positionen sind darin eingeschlossen. Wenn beispielsweise weibliche Wesen als zart gelten, kann die Kleidung dies unterstreichen (was sie bis heute in vielen Kulturen tut). Man erlaubt weiblichen Kindern kein lautes Herumbrüllen, weil es nicht zu den Annahmen passt, die man sich bereits gebildet hat. Zur Zartheit passt Turnen besser als Fußball. Solche Prozesse der Verstetigung nennt Goffman „Institutionalisierung".

2.2.4 Rückbindungen ans Biologische

Die Institutionalisierung der Geschlechtlichkeit lässt sich an bestimmbare biologische Merkmale rückbinden. Der Verankerungsprozess biologischer Differenz ist aber in allen seinen Schattierungen sozial. Obwohl die kulturellen Ausdrucksformen des Männlichen und des Weiblichen kaum etwas mit der Biologie zu tun haben, liefert diese dennoch die Grenzlinien, woran Semiotiken rückgekoppelt werden. Der Code des Geschlechts prägt die Vorstellungen der Menschen von ihrer Natur, nicht umgekehrt. Genau diesen Gedanken schreibt Butler (1988) sich originär selbst zu. Insofern entspricht Goffmans Sicht auch derjenigen postmoderner Theorien. Universal beobachtbar ist die Tatsache, dass Menschen sich eine Natur konstruieren. Beobachtbar ist auch, dass natürliche Phänomene (Schwangerschaft, Alter, Körpergröße, Geburt, Tod) in diese Konstruktionen eingehen. Goffman gibt diese Begriffe nicht auf und verleugnet auch nicht ihre Materialität. Damit unterscheidet er sich von Butlers frühen Arbeiten. Sie hatte zunächst die Performanz des sozialen Geschlechts als so zentral gesetzt, dass auch das biologische Geschlecht als von dieser Performanz gestaltet gesehen wurde (Butler 1991, zur Kritik daran siehe Kotthoff/Wodak 1997). Auch bei Goffman werden Geschlecht und Gender einander nicht dichotomisch gegenübergestellt. Das biologische Geschlecht wird auch hier nicht für das Substrat gehalten, woran die Konstruktion von Gender anknüpft.

Goffman (1977, 1979) und Garfinkel (1967) arbeiteten kulturgebundene Methoden der Geschlechterstilisierung empirisch so heraus, dass der Beschreibung der Phänomenbereiche viel Raum gegeben wird, z.B. derjenige der höflichen Etikette, der Frauen als das zartere Geschlecht symbolisiert und Männer als das robustere. Wie nebenbei gerät das robustere Geschlecht eher an die Schalthebel der Macht. Daran konnte die Genderlinguistik anknüpfen. Mit ihren historischen Analysen dazu, dass Männernamen und -bezeichnungen in der Entstehung der Großschreibung von Substantiven eher groß geschrieben wurden als Frauenbezeichnungen (Kap. 4), oder Studien dazu, dass Väter in der Familie mehr Imperative von sich geben als Mütter (Kap. 10), absolviert sie dabei vornehmlich ein sozialwissenschaftlich-rekonstruktives Programm, kein philosophisch-dekonstruktives.

2.2.5 Gender hervorbringen und/oder mitlaufen lassen

Innerhalb der Ethnomethodologie wird zwischen sozialen Kategorien im Fokus der Aufmerksamkeit und Habitualisierungen, die nur mehr im Hintergrund des Handelns der Menschen mitlaufen, unterschieden. Viele Kategorien sind genderisiert. Das Zuschreiben bringt eine Kategorie hervor oder lässt sie mitlaufen. Im Zentrum des Konzepts der „Mitgliedschaft in einer sozialen Kategorie" stehen zwei Beobachtungen:

Personen werden in Gesprächen mit Hilfe bestimmter Mitgliedschaftskategorien als Zugehörige bzw. Mitglieder bestimmter Gruppen erkennbar gemacht und klassifiziert.

Diese Zugehörigkeitskategorien sind ihrerseits in jeweils übergeordnete Kategoriensammlungen integriert, deren einzelne Kategorien zusammengehören:

„Bezeichnungen wie ‚Lehrer‘, ‚Franzose‘ oder ‚Mozartfan‘ erscheinen in dieser Perspektive als Vehikel der Darstellung von Mitgliedschaft bzw. Zugehörigkeit. Bezeichnungen wie ‚Beruf‘ oder ‚Nation‘ erscheinen als die jeweils übergeordneten ‚category sets‘, auf die die Teilnehmer bei dieser Darstellungsarbeit zurückgreifen können. Beide Beobachtungen geben zusammengenommen Anlass für eine Reihe von Fragen, die darum kreisen, wie Mitgliedschaftskategorien in Gesprächen eingesetzt werden und wie sie die Anfertigung und das Verstehen ‚sinnvoller‘ Beschreibungen von Personen und Handlungen, Situationen und Ereignissen ermöglichen und nahelegen¹" (Hausendorf 2002, 27).

Der Reiz dieses von Hausendorf grob umrissenen Konzepts liegt darin, Zugehörigkeit bzw. Mitgliedschaft in einer sozialen Kategorie nicht als ein Phänomen von immer gleicher Relevanz zu behandeln, sondern als eines, das von den Mitgliedern einer Gruppe systematisch erzeugt wird. Spreckels (2006) zeigt beispielsweise, wie eine Mädchenclique bestimmte andere Mädchen als „Britneys" (in Anlehnung an den Popstar Britney Spears) klassifiziert und unter sich eine Abgrenzung von diesem stark geschminkten

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