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von wegen alternativlos: Wandlungsimpulse für mehr Nachhaltigkeit in Gesellschaft, Landwirtschaft und Ernährung

von wegen alternativlos: Wandlungsimpulse für mehr Nachhaltigkeit in Gesellschaft, Landwirtschaft und Ernährung

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von wegen alternativlos: Wandlungsimpulse für mehr Nachhaltigkeit in Gesellschaft, Landwirtschaft und Ernährung

Länge:
667 Seiten
6 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
26. Aug. 2019
ISBN:
9783749492565
Format:
Buch

Beschreibung

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts treten wir in eine Phase ein, in der die Umweltrisiken mehr und mehr zu Tage treten, d. h. die Umweltschäden werden für jeden unmittelbar erfahrbar. Die ökologische Krise liegt also nicht mehr in unbestimmter zeitlicher Entfernung, sie entfaltet sich vielmehr in der Gegenwart, direkt vor unseren Augen. Daneben werden strukturelle Umbrüche erkennbar, die unsere gegenwärtige Gesellschaft verändern.
Betrachten wir die Zukunft durch die Brille unserer bisherigen Erfahrung mit der Industriegesellschaft, so erkennen wir zwar den strukturellen Umbruch, der gegenwärtig stattfindet, aber wir sehen vor allem Bedrohung, Auflösung und Untergang. Das bereits vor vier Jahrzehnten mit der Publikation "Die Grenzen des Wachstums" aufgeworfene Problem der Vereinbarkeit von Umwelt- und Ressourcenschutz einerseits mit Wirtschaftswachstum andererseits ist nach wie vor ebenso aktuell wie ungelöst.
Die aktuelle, postindustrielle Gesellschaft wird als Übergangsgesellschaft eingestuft, deren Woher in der Industriegesellschaft und deren Wohin aus heutiger Sicht in der sich anbahnenden Wissensgesellschaft liegt. Außerdem werden die Chancen der Übergangsphase ausgelotet und Erneuerungsimpulse für den Wandel aufgezeigt.
Im Zentrum dieses Buches stehen die Umweltbelastungen und gesundheitlichen Risiken, die aus der aktuell relevanten Lebensmittelproduktion resultieren, denen wir in der sich auflösenden Industriegesellschaft ausgesetzt sind. Die Land- und Ernährungswirtschaft ist ein sehr prägnantes Beispiel dafür, welch tiefe Spuren die technischen Veränderungen in den letzten 50 Jahren in diesem Sektor hinterlassen haben.
Neben all den gesellschaftlichen Umbrüchen gibt es eine Reihe von Impulsen für einen Wandel der Gesellschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit und Humanität, diese werden ebenfalls im Buch vorgestellt, gemeint sind Erneuerungsimpulse für eine zukunftsfähige gesellschaftliche Entwicklung. Schließlich müssen nicht nur die Politiker, Entscheidungsträger und Eliten der Gesellschaft ihr Verhalten verändern und umlernen. Jeder von uns ist aufgefordert, aus seinem "Zuschauersessel" aufzustehen und seinen Lebensstil aktiv nachhaltiger zu gestalten.
Herausgeber:
Freigegeben:
26. Aug. 2019
ISBN:
9783749492565
Format:
Buch

Über den Autor

Jörgen Beckmann, geboren 1950 in Hannover. Studium der Biologie und Promotion zum Dr. rer. nat. (1981) an der Universität Hannover mit biochemischem Thema. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Botanik der Uni Hannover, am Zukunfts-Institut in Barsinghausen und an der HERA-Forschungsstelle für ökologischen Landbau in Uess/Eifel. Wissenschaftlicher Geschäftsführer der Stiftung Kaiserstühler Garten in Eichstetten bei Freiburg sowie Geschäftsführer von Pro Specie Rara Deutschland (bis 2015). Seit der Gründung der Regionalwert AG Freiburg im Jahr 2006 ist er an dem Unternehmen engagiert; seit 2014 arbeitet er im Vorstand der Forschungsgesellschaft Die Agronauten. Seit mehr als 30 Jahren führt er Forschungsarbeiten durch zu den Themen Saatgut, Pflanzenzüchtung, insbesondere für den ökologischen Landbau, sowie zur Agrobiodiversität und aktuell zur nachhaltigen Entwicklung in der Landwirtschaft. Als Autor hat Jörgen Beckmann Argumente für das Verständnis von Pflanzenzüchtung aus einer erweiterten Sicht der Natur zusammengetragen, denn seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit dem Paradigmenwandel in der Biologie.


Buchvorschau

von wegen alternativlos - Jörgen Beckmann

61.

TEIL 1

Die Ökobewegung der 1970er Jahre und deren

Vordenker fordern einen neuen Umgang mit der

Natur und humane gesellschaftliche Bedingungen

1 Die Ökobewegung kommt in Gang

Die Ökobewegung als Teil der Umweltbewegung in Deutschland entstand in den 1970er Jahren. In dieser Zeit wurde vielen, insbesondere jungen Menschen mehr und mehr bewusst, dass die nunmehr voll entfaltete Industriegesellschaft ein erhebliches, zu Katastrophen fähiges Risiko- und Vernichtungspotenzial geschaffen hatte. Dies wurde an den Gefahren der Nutzung von Atomenergie, der Folgewirkungen der Chemieindustrie (deren Produktion und Produkte), den Folgen der Ressourcenübernutzung, den Problemen des Kraftfahrzeug- und Flugzeugverkehrs (Smog), der Chemisierung der Landwirtschaft (Dünger und Pflanzenschutz), dem Waldsterben, der Gefährdung der Erdatmosphäre (Ozonloch) unübersehbar deutlich.

Zu Beginn der 1970er Jahre bildeten sich immer mehr Organisationen und Bürgerinitiativen, die sich für einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt einsetzten. In Deutschland wurden sehr viele lokale und regionale Bürgerinitiativen gegründet sowie überregional 1972 der „Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), 1975 der „Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und 1980 Greenpeace Deutschland. Die Ölkrise von 1973 demonstrierte die Abhängigkeit der Industriestaaten von fossilen Treibstoffen. Anlässlich des Jom-Kippur-Krieges drosselte die arabisch dominierte Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC) die Fördermengen drastisch. In der Bundesrepublik Deutschland wurde als direkte Reaktion auf die Krise an vier autofreien Sonntagen im Herbst 1973 ein allgemeines Fahrverbot verhängt sowie für sechs Monate generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen (100 km/h auf Autobahnen, 80 km/h auf Landstraßen) eingeführt. Speziell die leeren Straßen führten die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen deutlich vor Augen. Außerdem erhöhte die Ölkrise das Umwelt-Problembewusstsein in der Öffentlichkeit merklich und initiierte aktive Energiesparmaßnahmen in Deutschland.¹⁰

Die Ölkrise im Jahr 1973 gab den Umweltinitiativen zusätzliche Schubkraft, denn aus dieser Krise resultierten auch die Regierungspläne, die Atomkraft zur wesentlichen Energieversorgungsquelle auszubauen. Gegen den weiteren Bau von Atomkraftwerken leisteten die Bürgerinitiativen erbitterten Widerstand. Dieser Widerstand gipfelte in den Kämpfen um den Bau der Atomkraftwerke in Wyhl (1975), Brokdorf (1976) oder Grohnde (1977), um die atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf und um das Endlager in Gorleben (1980).¹¹ Die Protestanten waren überrascht, mit welcher Härte der Staat die Atomenergie durchzusetzen beabsichtigte. Die Folgen waren heftige Straßenschlachten mit der Polizei. In den 1980er Jahren waren Atomanlagen einerseits durch die Debatte um die Gefahren beim Betrieb der Anlagen und andererseits durch die Reaktorunglücke von Harrisburg (USA) 1979 und Tschernobyl 1986 (Sowjetunion) sehr stark umstritten.

In der öffentlichen Wahrnehmung war die Anti-Atomkraft-Bewegung in den 1970er und 1980er Jahren ein wesentlicher Teil der Ökobewegung - sie war eine Protestbewegung, die geprägt wurde von den Kämpfen um Whyl, Brokdorf und Gorleben. Der Widerstand gegen Kernenergie war identitätsstiftend für die Ökobewegung. Die Nutzung der Atomkraft war neben der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen ein zentrales Thema der Ökobewegung, die Umweltschützer forderten vor allem einen „humaneren" Fortschritt in der Industriegesellschaft. Um diesen zu realisieren, strebten sie an, die vorhandenen Technologien ökologisch optimiert zu nutzen oder bislang unbewältigte Probleme der Naturnutzung (Wasserentsorgung, Luftreinhaltung usw.) durch den Einsatz neuer und aus ökologischer Sicht effizienterer Technologien zu lösen.¹² Gefordert wurden der Ausstieg aus der Atomenergie-Nutzung und die Förderung der Entwicklung erneuerbarer Energien wie die Sonnen- und Windenergie. Überall dort, wo der technische Fortschritt besondere Risiken produzierte, propagierte die Ökobewegung die Entwicklung von alternativen Technologien.

Ähnlich wie der Atomreaktorunfall in Tschernobyl 1986 die Gefahren der zivilen Nutzung der Atomenergie der Öffentlichkeit vor Augen führte, so zeigte die Dioxin-Katastrophe von Seveso im Jahr 1976 überdeutlich, welche Gefahren von chemischen Großanlagen ausgehen können. In einem Chemiewerk im oberitalienischen Seveso kam es 1976 zu einer Explosion, bei der eine große Menge des hochgiftigen Dioxins freigesetzt wurde. Tagelang schwebte die tödliche Wolke mit dem Seveso-Gift über dem Ort, ohne dass die Öffentlichkeit über die von dem Giftgas ausgehenden Gefahren informiert wurde. Die Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung liefen dadurch viel zu spät an. Hunderte von Menschen kamen mit Verätzungen und akuten Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus. Bei ungeborenen Kindern waren schwere Missbildungen zu erwarten, so dass viele schwangere Frauen Abtreibungen vornahmen. Ein Gebiet von mehr als 320 Hektar, in dem rund 5000 Menschen lebten, wurde verseucht. Tiere starben auf den vergifteten Weiden. 3.000 Haustiere verendeten und 70.000 wurden notgeschlachtet. Für lange Zeit sind Ackerbau und Viehzucht in dieser Region nicht mehr möglich. Der Bestseller „Seveso ist überall – Die tödlichen Risiken der Chemie" von Egmont Koch und Fritz Vahrenholt erhob das Ereignis Seveso zu einem symbolischen Mahnmal für die öffentliche Gefährdung durch multinationale Chemiekonzerne. Das Buch beschäftigte sich explizit mit Unfällen, mangelnden Zulassungskontrollen, Risiken und Entsorgungsproblemen der europäischen Chemieindustrie.¹³

Weitere Themenbereiche der Ökologiebewegung waren Kampagnen zur Müllvermeidung, zum Klimaschutz und zum Verbraucherschutz, in dessen Zusammenhang wurde die Verwendung chemischer Zusatzstoffe in den Lebensmitteln kritisiert. Die Umweltschützer wollten insbesondere aufmerksam machen auf die Wirkungen, die von giftigen Chemikalien und von der Atomenergie ausgehen können, die die Menschen und die Natur gefährden. Sie wollten, dass der technische Fortschritt noch beherrschbar bleibt und sie wollten vor allem einen „humanen" Fortschritt. Im Kern ging es der Umweltbewegung darum, dass die gegenwärtig lebenden Generationen ihre ökonomischen und ökologischen Bedürfnisse auf eine solche Art befriedigen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Eingefordert wurde ein Umweltbewusstsein, gemeint war die Einsicht in die Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen durch diesen selbst. „Im Mainstream entwickelte die Ökobewegung nie ein politisches Programm über die Negation von zu viel Zerstörung hinaus. Mit der Zerstörung der Naturressourcen kann es so nicht weitergehen... Es fehlt eine politische Vorstellung darüber, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die nicht dem Prinzip des Wirtschaftswachstums und der grenzenlosen Steigerungslogik folgt - dies kennzeichnet die Ökobewegung heute mehr denn je aus. Die Ökobewegung war nie utopisch."¹⁴

Die Umweltverbände analysierten die Umweltprobleme, klagten die Wirtschaft an und sorgten durch öffentlichkeitswirksame Aktionen wie Massendemonstrationen oder Schornsteinbesetzungen für Medienwirksamkeit. Der Schwerpunkt der Kritik lag jedoch meist auf den Symptomen der Umwelt- und Naturkrise und nur ansatzweise auch auf den dahinterliegenden Ursachen. Konkrete Pläne und Vorschläge, wie die Wirtschaft umgebaut und mehr für den Umweltschutz leisten könnte, gab es in der Umweltbewegung kaum; dieses Feld überließ sie weitgehend der Politik. „Auffällig an der Ökobewegung war, dass sie sich sehr schnell und sehr pragmatisch mit der Industriegesellschaft arrangierte, indem sie bereits früh anstrebte, diese ökologisch, ökonomisch und sozial machbar umzubauen."¹⁵

Anhänger der Umweltbewegung - oft auch „Ökos genannt - verfolgten über den Umweltschutz hinausgehende reformerische Ziele, die sich in einem alternativen Lebensstil niederschlugen. Die „Ökos waren in den Anfangsjahren zumeist Teil einer links geprägten Jugendkultur, der sog. „alternativen Szene, die sich auf ein neues politisch-soziales Bewusstsein und eine neue kulturelle Identität begründete. Die meisten von ihnen schlossen sich Bürgerinitiativen an und protestierten gegen die Nutzung der Atomkraft. Wer in dieser Zeit gelebt hat, erinnert sich wie die „Ökos schon an ihrem Äußeren, besonders an ihrer Kleidung zu erkennen waren: die Haare waren lang, die „Klamotten" eher nachlässig. Die meist jungen Leute lebten in einer WG, ernährten sich vollwertig mit Müsli - gesunde Lebensmittel und Selbstgebackenes standen im Mittelpunkt. Sie kauften ihre Lebensmittel in Bioläden ein und benutzten natürlich Jutebeutel.

„Selbstverwirklichung war ein zentraler Begriff, der zum typischen Vokabular des linksalternativen Milieus in der Bundesrepublik der 1970er und frühen 1980er Jahre gehörte. Man wollte aus der Welt der Eltern ausbrechen und damit verbunden war damals die Kritik an der Massenkonsumgesellschaft und der Entfremdung in der Industriemoderne, an Arbeitsspezialisierung sowie an den Rollenbildern der Eltern. Für die Alternativen ging es eben nicht länger um mehr Autos, mehr Konsum, sondern um die Aufforderung, sich selbst zu finden. Das Credo „verändere dich selbst, dann veränderst du die Gesellschaft war ein Projekt der Alternativkultur, denn es ging um Selbstbestimmung, Selbsterfahrung, Selbstentfaltung, Selbstverwirklichung – man wollte befreit und anders leben können.¹⁶ Damit verbunden war der Versuch andere Arbeitsformen auszuprobieren, in flachen Hierarchien im Teamwork Entscheidungen zu treffen, ohne die ordnende Hand eines Chefs. Bevorzugt wurde eine Arbeit in einem selbstverwalteten Alternativprojekt oder in einem Kollektiv. Im Kollektiv zu arbeiten hieß, keine Hierarchie, gleicher Lohn für alle oder sogar der sog. Bedürfnislohn, bei dem jeder so viel kriegt, wie er braucht. Das Arbeiten in einem Kollektiv bedeutete Integration und Geborgenheit, allerdings forderte das Projekt den ganzen Menschen, wobei die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwammen. „Es war vor allem die Sehnsucht nach der kollektiven Identität, nach dem Aufgehen im Gemeinsamen, das nicht nur die politischen Gruppen, sondern auch die Experimente der Alternativbewegung geprägt hatte."¹⁷

Durch die Ökobewegung mit ihrem bewussten Umgang mit der Natur wurde auch der ökologische Landbau wesentlich vorangetrieben und konnte sich mehr und mehr in der Gesellschaft etablieren. Weil viele Anhänger auf eine gesunde Ernährung möglichst frei von chemischen Stoffen (Pestiziden) achteten, stieg die Nachfrage nach Waren aus ökologischer Erzeugung.¹⁸ Die Umweltbewegung war letztlich sehr wirkungsvoll, denn mit dem Erstarken der Ökobewegung rückten immer stärker Fragen nachhaltigen Wirtschaftens insbesondere im Energiesektor ins öffentliche Bewusstsein. In der BRD entstanden in den 1970er Jahren die ersten unabhängigen, (alternativen) wissenschaftlichen Institute wie das Öko-Institut in Freiburg (Gründung im Jahr 1977). Diese Institute lieferten der Umweltbewegung den wissenschaftlichen Unterbau für ihren Protest. Sie setzten sich durch ihre kritische Haltung von der klassischen universitären Wissenschaft ab, die zu diesem Zeitpunkt stark technologiefreundlich und industrienah war.¹⁹ Die Ökobewegung fand in Deutschland ihren institutionellen Niederschlag u. a. in der Einrichtung des Umweltbundesamtes (1978) sowie in der Gründung der Bundespartei „Die Grünen (1980). „Die Grünen haben wesentlich zur Verankerung des Umweltgedankens in der deutschen Politik beigetragen. Als Reaktion auf eine der schlimmsten Umweltkatastrophen aller Zeiten, dem Atomreaktorunglück im ukrainischen Tschernobyl, ernannte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl 1986 den ersten Umweltminister der BRD und schuf damit das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.²⁰

Anfang der 1990er Jahre geriet die Umweltbewegung in Deutschland in eine Krise. Inzwischen hatten sich die Umweltorganisationen von einer reinen Protestbewegung hin zu teilweise sehr kompetenten Interessensvertretungen von Umwelt- und Naturschutzbelangen gegenüber Öffentlichkeit, Politik und Verwaltung entwickelt. Daneben begannen die Feindbilder der Umweltbewegung unscharf zu werden. Das lag zum Teil an den Erfolgen der Umweltpolitik, so konnte die Luft- und Wasserverschmutzung in vielen Bereichen merklich gesenkt werden. Zum anderen lag es auch daran, dass die Industrie sich des Themas Umweltschutz nun annahm. Mit großen Werbe- und Öffentlichkeitskampagnen versuchten Unternehmen ihr schlechtes Umwelt-Image aufzubessern. Im „Öko-Marketing sahen die Marketingexperten neue Chancen in der Platzierung von „grünen und „Öko"-Produkten. Infolgedessen wurde es für Umweltverbände wie Greenpeace immer schwieriger, durch spektakuläre Aktionen auf Umweltprobleme hinzuweisen.²¹

Weiterhin macht die Umweltbewegung durch die Verbände und Bürgerinitiativen auf Missstände beim Umweltschutz aufmerksam. Zunehmend an Bedeutung gewinnt aber die Aufgabe aufzuzeigen, wie eine Gesellschaft die ökologische Wende herbeiführen und dann mit ihr leben kann. Die Umweltbewegung musste deshalb Zukunftsentwürfe schaffen. Solche Entwürfe wurden bereits in den 1970er Jahren verfasst, zu den wichtigsten Impulsgebern aus dieser Zeit zählten Ernst Friedrich Schumacher, Erich Fromm und Ivan Illich.


¹⁰ DIE ZEIT - Autofreier Sonntag: Am Sonntag zum „Ölsparwandertag" (Ausg. 25.11.2013) .Online: http://www.zeit.de/mobilitaet/2013-11/oelkrise-autofrei-1973

¹¹ ECOreporter.de - Die Umweltschutzbewegung. Online: http://www.ecoreporter.de/artikel/die-umweltschutzbewegung-25-04-2013.html

¹² Degrowth: Umweltbewegung. Online: https://www.degrowth.info/de/dib/degrowth-in-bewegungen/umweltbewegung/

¹³ Umwelt und Erinnerung - Ökologische Erinnerungsorte - Seveso ist überall. Online: http://www.umweltunderinnerung.de/index.php/kapitelseiten/verschmutzte-natur/50-seveso-ist-ueberall

¹⁴ Welzer, H. (2014): Selbst Denken. Eine Anleitung zum Widerstand; S. 101.

¹⁵ Bechmann, A., Steitz, M. (2016/1): Die Konventionalisierung der Nachhaltigkeitspolitik; S.98.

¹⁶ vgl. Reichardt, S. (2014): Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren.

¹⁷ Horx, M. (1985): Das Ende der Alternativen; S. 13.

¹⁸ vgl. Vogt, G. (2000): Entstehung und Entwicklung des ökologischen Landbaus.

¹⁹ vgl. Bechmann, A., Steitz, M. (2016/1): Die Konventionalisierung der Nachhaltigkeitspolitik.

²⁰ Konrad Adenauer Stiftung - Die Umweltbewegungen. Online: http://www.kas.de/wf/de/71.7706/

²¹ ECOreporter.de - Die Umweltschutzbewegung. Online: http://www.ecoreporter.de/artikel/die-umweltschutzbewegung-25-04-2013.html

2 Namhafte Vordenker der Ökobewegung

2.1 Ernst Friedrich Schumacher: Small is Beautiful -

Die Rückkehr zum menschlichen Maß

Ernst Friedrich Schumacher (1911 - 1977) war ein britischer Ökonom deutscher Herkunft. Er wurde bekannt durch seinen Einsatz für humane Wirtschafts- und Technikstrukturen. Schumacher glaubte an die Überwindbarkeit des Kapitalismus und an eine Ökonomie, deren Grundlagen die Würde des Menschen berücksichtigen. Der Technikgläubigkeit seiner Zeit setzte er eine Wirtschaftsweise entgegen, in der Ethik und Moral ihren Platz haben und in der die Ökonomie wieder ins Soziale eingebettet ist. In seinem bekannten Werk Small is beautiful entwarf er die Idee einer Rückkehr zum menschlichen Maß. Mehr als 40 Jahre später ist diese Idee zukunftsweisend und moderner denn je: Wir müssen zurückfinden zu einer auf Permanenz ausgerichteten Lebensweise, also dem, was wir heute unter dem Begriff Nachhaltigkeit verstehen, so lautete Schumachers Vision bereits im Jahr 1973.

Ein Grundfehler in der westlichen Denk- und Lebensweise liegt laut Schumacher in der Haltung des Menschen gegenüber der Natur: „Der moderne Mensch erfährt sich selbst nicht als Teil der Natur, sondern als eine von außen kommende Kraft, die dazu bestimmt ist die Natur zu beherrschen und zu überwinden."²² Aus dem Blickwinkel der Ökonomie wird das „natürliche Kapital" als etwas angenommen, das uns unbegrenzt zur Verfügung steht und wir folglich verbrauchen können - so wie wir es bereits seit mehr als zwei Jahrhunderten mit den fossilen Brennstoffen Kohle und Erdöl tun. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat ein rasanter Anstieg in der industriellen Produktion stattgefunden und seitdem wurden die fossilen Brennstoffe und Bodenschätze in einem noch nie da gewesen Tempo verbraucht. „Das kam aber so plötzlich, dass wir kaum bemerkten, wie schnell wir den unersetzlichen Habenposten des Kapitals aufzehrten, nämlich die Toleranzen, die die gütige Natur stets zur Verfügung stellt." (S. 16) Schumacher warnt vor dem Glauben, wir hätten die Probleme der Produktion gelöst: „diese Täuschung geht hauptsächlich auf unsere Unfähigkeit zurück zu erkennen, dass das moderne Industriesystem mit all seiner intellektuellen Verfeinerung die Basis aufbraucht, auf der es errichtet wurde." (S. 17)

Schumachers Kritik an den Wirtschaftswissenschaften bezieht sich auf die Annahme, den Rahmen, innerhalb dessen wirtschaftliches Handeln stattfindet, als gegeben zu setzen, d. h. als stetig und unzerstörbar zu behandeln. „Da jetzt aber zunehmende Anzeichen von Umweltzerstörung vorliegen, insbesondere in der lebenden Natur, werden die gesamte Sehweise und das System der Wirtschaftswissenschaft infrage gestellt." (S. 46) Ökonomisches Wachstum wird mithin zu erheblichen Teilen auf Kosten von Gemeingütern erzeugt. Zu seiner These, die heutige Wirtschaft basiere auf dem Verbrauch des „natürlichen Kapitals, führt Schumacher in „Die Rückkehr zum menschlichen Maß aus: „...dass nämlich Wirtschaftswachstum, das vom Standpunkt der Wirtschaftswissenschaft, Physik, Chemie und Technik keine erkennbaren Grenzen hat, vom Standpunkt der Umweltforschung zwangsläufig an Grenzen stößt. Eine Haltung dem Leben gegenüber, die Erfüllung ausschließlich im Streben nach Reichtum – kurz gesagt im Materialismus – sucht, passt nicht in diese Welt, weil sie kein begrenzendes Prinzip anerkennt." (S. 26) Und weiter heißt es bei Schumacher: „Die moderne Wirtschaft wird von einem Rausch der Habsucht vorwärts getrieben und schwelgt in einer Orgie des Neides. Das aber sind keine zufälligen Züge, sondern die eigentlichen Ursachen ihres auf Ausdehnung gerichteten Erfolges. Die Frage ist, ob solche Ursachen auf lange Zeit hin Erfolg haben können oder ob sie in sich den Keim der Zerstörung tragen." (S. 27)

E. F. Schumacher hatte bereits 1973 erkannt, wie groß der Einfluss der ökonomischen Modelle auf unser Denken und Handeln in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft war und sein wird und er sah, dass der Mensch mit seinen individuellen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Wertepräferenzen im strukturellen Modell der Wirtschaft ungenügend und in den Formeln, Orientierungsgrößen und Kennzahlen zur Unternehmensführung (Wachstumsrate, Kapitalkoeffizient, Kosten-Nutzen-Analyse) nicht berücksichtigt wird.

Ein paar Lebensdaten zu E. F. Schumacher sind hilfreich, um sein Lebenswerk besser verstehen zu können:²³ Schumacher wurde 1911 in Bonn geboren, sein Vater war ein angesehener Nationalökonom. Sein Studium der Volkswirtschaftslehre absolvierte er an verschiedenen Universitäten in Berlin, New York und Oxford - hier wurde er ein Freund von John Maynard Keynes, dem berühmten Nachkriegsökonomen. Schumacher floh vor den Nazis und emigrierte 1937 mit seiner Familie nach England. Nach dem Krieg war Schumacher ein sehr gefragter Wirtschaftsberater, u. a. ein Experte für den Kohlebergbau in England. 1950 machte ihn die britische Kohlebehörde mit ihren über 800.000 Angestellten zum Chefberater für die anstehende Verstaatlichung. 1965 gründete Schumacher mit Freunden das „Institut of Intermediate Technology Development. „Mittlere Technologie wurde zu einem Schlüsselbegriff für ihn. Nebenbei schrieb er für den „Observer und er schrieb Bücher: „Small is beautiful – die Rückkehr zum menschlichen Maß wurde in den 1970er Jahren zu einem Kultbuch. Es folgten „Das Ende der Epoche und „Rat für die Ratlosen. Bis zu seinem Tod war Schumacher außerdem Präsident der „Soil Association", die den ökologischen Landbau propagierte. 1977 starb er während einer Zugfahrt von Lausanne nach St. Moritz an einem Herzanfall.

Schumacher spannte den Bogen vom Tradierten zum Zukunftsfähigen und er verband dies stets mit der Leitfrage nach dem menschlichen Maß. Ein menschliches Maß im geistigen und materiellen Streben zu finden, war sein Ziel. Die philosophische Basis seines Wirtschaftsentwurfs bildet dabei die Buddhistische Ökonomie. Sie lehnt die übertriebene Bindung an materielle Güter ab. Es geht schlicht darum, mit einem Minimum an Konsum ein Maximum an Glück zu erreichen. Das ausschließlich auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaften moderner Industrienationen ist mit diesem Denken nicht vereinbar. Nach dem buddhistischen Denken wird die Wahrheit auf den Kopf gestellt, wenn „Güter für wichtiger als Menschen und Konsum für wichtiger als schöpferisches Tun gehalten wird." (S. 51)

„Vom buddhistischen Standpunkt aus gesehen, erfüllt Arbeit mindestens drei Aufgaben: sie gibt dem Menschen die Möglichkeit, seine Fähigkeiten zu nutzen und zu entwickeln. Sie hilft ihm, aus seiner Ichbezogenheit herauszutreten, indem sie ihn mit anderen Menschen in einer gemeinsamen Aufgabe verbindet, und sie erzeugt die Güter und Dienstleistungen, die für ein menschenwürdiges Dasein erforderlich sind. […] Arbeit so zu organisieren, dass sie für den Arbeiter sinnlos, langweilig, verdummend oder nervenaufreibend ist, wäre ein Verbrechen. Aus einer solchen Haltung ginge hervor, Güter seien wichtiger als Menschen. Das aber entspräche einem erschreckenden Mangel an Mitgefühl und der wesen-zerstörenden Hinnahme eines Lebens auf der primitivsten Stufe der Existenz." (S. 49)

Ein menschliches Maß für ein gutes Leben in tragbarer Verantwortung, das wollte E. F. Schumacher vor allem als Anspruch in der Arbeitswelt zurückgewinnen. In „Die Rückkehr zum menschlichen Maß" schreibt er: „Das menschliche Wesen wird vor allem durch seine Arbeit gestaltet. Bei einer sinnvollen, durch Menschenwürde und Freiheit getanen Arbeit ruht Segen auf denen, die sie tun, und auf ihren Erzeugnissen." (S. 50)

Mit Begriffen wie Würde, Segen, Mitgefühl versucht Schumacher humanistische Werte in die Ökonomie zu integrieren und setzte sich damit der Gefahr aus, als unmodern und rückständig gebrandmarkt zu werden. Sein Anliegen steht damit in einem bemerkenswerten Kontrast zu der ausschließlich auf Wachstum ausgerichteten Ökonomie moderner Industrienationen. Es ist kein Naturgesetz, dass Organisationen, Technologien und Firmen immer wachsen müssen. Mit dem Motto „immer größer, immer weiter, immer schneller haben wir die Umweltzerstörung in den letzten Jahrzehnten dramatisch voranschreiten lassen. Heute leidet die Weltwirtschaft unter Ressourcenknappheit und drohenden Verteilungskonflikten. Schumacher war gegen Wirtschaftswachstum als Zweck an sich. Er war gegen die Gigantomanie von Unternehmen, gegen die Abhängigkeit von Öl und Atomkraft. Er führte den Begriff der „mittleren Technologie ein und meinte damit eine, die klug und raffiniert ist, aber geringe Investitionen braucht, die reparaturfreundlich ist, den Menschen lokal hilft und zu ihren Gegebenheiten passt. Er war für Dezentralisierung und Überschaubarkeit, weil Verantwortung nur in überschaubaren Strukturen wirklich tragbar ist. Aus demselben Grund war er für das kleine Privateigentum und gegen das große. Die Ökonomie der Stetigkeit verlangt eine gründliche Umorientierung von Wissenschaft und Technik.

„Es geht um die bewusste Anwendung unserer ungeheuren technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten für den Kampf gegen die Erniedrigung des Menschen. Was heißt denn Demokratie, Freiheit, Menschenwürde, Lebensstandard, Selbstverwirklichung, Erfüllung? Geht es dabei um Güter oder um Menschen? Selbstverständlich geht es um Menschen. Doch Menschen können nur in kleinen, überschaubaren Gruppen sie selbst sein. Wir müssen daher lernen, uns gegliederte Strukturen vorzustellen, innerhalb derer eine Vielzahl kleiner Einheiten ihren Platz behaupten kann. Wenn unser wirtschaftswissenschaftliches Denken das nicht erfasst, dann taugt es nichts […].

[…] Gute Technik, gutes Werkzeug ist etwas Herrliches, es steckt wirkliche Intelligenz darin. Gute Technik ist nicht einfach von Menschen entwickelt, sie entwickelt die Menschen. Gewalttätig hingegen ist eine Technik, wenn sie mit Gewalt Schneisen durch natürliche Systeme schlägt, immer im Glauben, unbeabsichtigter Schaden und unvorhergesehene Nebenwirkungen ließen sich durch weitere gewaltsame Eingriffe beseitigen." (S. 67)

Schumachers ganzes Streben galt dem Einsatz für humane Wirtschafts- und Technikstrukturen. Sein Institut für mittlere Technologien (Institut of Intermediate Technology Development) stellte praktische und intelligente Technikanwendungen für die Dritte Welt bereit. Bereits Anfang der 1970er Jahre setzte er sich als Präsident der „Soil Association" mit dem ökologischen Landbau auseinander. Mit seinem erweiterten Blick auf die Lebens- und Produktionsverhältnisse hebt Schumacher die besondere Rolle der Landwirtschaft hervor, wenn er sagt: „Der Boden trägt die Ackerkrume, und diese eine ungeheure Vielfalt lebender Wesen, zu denen auch der Mensch gehört. Zwischen Zivilisation und Ackerkrume gab es in allen Kulturen einen Zusammenhang. Die Landwirtschaft ist keine Industrie, sondern etwas wesentlich anderes." (S. 97)

Solidarische Landwirtschaft, urbanes Gärtnern, Transition Towns und all die anderen neuen Bewegungen für eine selbstbestimmte Bürgergesellschaft und regionales Wirtschaften wären ganz in seinem Sinn gewesen. Mit seiner Vision einer humanen Technologie, die einen geringeren ökologischen Fußabdruck hinterlässt und den Menschen ein Höchstmaß an selbstbestimmten Tätigkeiten erlaubt, hat er viel von dem vorweggenommen, was wir heute unter nachhaltiger Entwicklung verstehen. „Small is beautiful ist daher aktueller denn je, ein perfekter Wegweiser in eine Welt, in der die Wirtschaft dem Menschen dient und nicht umgekehrt. E. F. Schumachers Werk „Die Rückkehr zum menschlichen Maß gilt heute als ein Klassiker für eine alternative wirtschaftliche Denkweise und er selber als einer der bedeutendsten Kritiker der technischen Zivilisation.

2.2 Erich Fromm – Haben und Sein

Erich Fromm (1900 - 1980) ist als Psychoanalytiker und Sozialpsychologe ebenso bekannt wie als Autor und bedeutender Humanist des 20. Jahrhunderts. Fromm setzte sich für das Bewusstsein von der qualitativen Einzigartigkeit des menschlichen Lebens ein. Eine Aussage von Erich Fromm aus dem Jahr 1980 belegt seine Grundhaltung: „Solange es Leben gibt, solange glaube ich an die Hoffnung, dass das Potential, das in uns angelegt ist, wieder durchbrechen wird, sich wieder äußern wird. Solcher Glaube hängt davon ab, wie viel jeder bei sich selbst von dieser Hoffnung spürt und miterlebt und sie damit anderen in gewisser Weise mitteilen kann."²⁴

Erich Fromm wurde 1900 in Frankfurt am Main geboren, er stammte aus einer streng religiösen jüdischen Familie. Fromm bezeichnete sich selbst gern als vormodernen Menschen, da er zunächst nur den Talmud und die Bibel studierte, darüber hinaus zehrte er von den Geschichten, die ihm über seine Vorfahren erzählt wurden. Ursprünglich wollte Erich Fromm Rabbiner werden, er studierte dann jedoch Psychologie, Philosophie und Soziologie an den Universitäten in Heidelberg (bei Alfred Weber) und in München sowie am Institut für Psychoanalyse in Berlin. 1922 schloss er sein Studium mit der Promotion ab (über das jüdische Gesetz) und begann seine Laufbahn als Psychotherapeut. In den späten 1920er Jahren folgte Fromm einem Ruf Max Horkheimers an das Frankfurter Institut für Sozialforschung. Dort ergab sich eine Zusammenarbeit mit Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse.²⁵ Fromm verband in seinen Werken soziologisches und psychologisches Denken.

Ein Jahr nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten siedelte Fromm nach New York über, wohin auch das Institut für Sozialforschung emigrierte. In New York betrieb Fromm eine Praxis für Psychoanalyse und lehrte an der Columbia Universität. Ende 1939 kam es zum Bruch mit dem Frankfurter Institut für Sozialforschung. 1940 nahm Fromm die amerikanische Staatsbürgerschaft an und wurde Professor für Psychologie in Vermont (1941-1949). Fromm verließ 1949 die USA und zog nach Mexiko. Dort gründete er in Mexico City eine Praxis und wurde Professor für Psychoanalyse an der dortigen Universität. 1952 starb seine Frau Henny Gurland. Im Jahr darauf heiratete er die US-Amerikanerin Annis Freemann. Ab 1957 war er in der amerikanischen Friedensbewegung aktiv. Die ganze Zeit über praktizierte Fromm auch als Analytiker und schrieb eine Reihe von Büchern zur Psychoanalyse und zur Gesellschaft. 1974 verließ Fromm Mexiko und siedelte wieder nach Europa über. Dort ließ er sich in Muralto im Schweizer Tessin nieder, wo er 1980 starb.

Zu seinen bedeutendsten Werken zählt „Die Furcht vor der Freiheit von 1941, hierin bezog Fromm deutlich Position gegen den Nationalsozialismus. Weitere bemerkenswerte Bücher sind „Die Kunst des Liebens (1956), „Anatomie der menschlichen Destruktivität aus dem Jahr 1973 sowie „Haben oder Sein (1976). In diesem Werk zeigt Fromm, wie sehr unsere Gesellschaft vom Haben und Habenwollen bestimmt ist – der Mensch ist der Diener des Wirtschaftssystems, und er will immer mehr haben, weil das System es so vorsieht. Der Psychoanalytiker, Kulturphilosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm beleuchtete kritisch die Psychoanalyse Siegmund Freuds und erweiterte sie. Im Grunde genommen ist Fromms Theorie eine einzigartige Verbindung von Freud und Marx: Freuds Erkenntnis betont die Bedingtheit des Menschen durch das Unbewusste, während Marx die sozioökonomische Bedingtheit in den Vordergrund stellt. Fromm als Humanist baute zwischen diesen beiden Extremen eine Brücke – den Gedanken der Freiheit. Durch die Willensfreiheit des Menschen wird es möglich, die Determinismen von Freud und Marx zu transzendieren.²⁶ Fromm macht die Freiheit zum zentralen Merkmal der menschlichen Natur. „Ich versuche zu zeigen, dass die Triebe, die gesellschaftliche Handlungen motivieren, nicht, wie Freud annimmt, Sublimierungen der sexuellen Instinkte sind, sondern Produkte des gesellschaftlichen Prozesses, oder genauer gesagt, Reaktionen auf bestimmte Konstellationen, unter denen der Mensch seine Instinkte befriedigen muss."²⁷

In kritischer Abwandlung von Freud entwickelt Fromm die Theorie des autoritären Charakters. Mit seinen Untersuchungen zum „autoritären Charakter wollte Fromm - wie auch Adorno und Horkheimer vom Frankfurter Institut für Sozialforschung - erklären, wie es möglich war, dass die politischen Machthaber, insbesondere Hitler, bei all ihren Aktivitäten auf ein gefügiges Volk bauen konnten. Bereits Wilhelm Reich behauptete in seinem Werk „Massenpsychologie des Faschismus einen fundamentalen Zusammenhang zwischen autoritärer Triebunterdrückung und faschistischer Ideologie. Die autoritär geformte Familie sei die Keimzelle des autoritären Staates. Aus psychoanalytischer Sicht bildet sich der autoritäre Charakter aus, wenn aggressivtriebhafte und andere Bedürfnisse des Kindes durch elterliche Gehorsamkeitsforderungen zu stark unterdrückt und schließlich auf andere Menschen, sozial Schwächere oder Minderheiten gerichtet werden.

Fromm beschreibt zwei Formen des autoritären Charakters: Die eine Form ist, sich der Macht anderer zu unterwerfen, passiv und ergeben zu werden. Die andere Form ist, selbst eine Autorität zu werden, ein Mensch, der versucht andere Menschen zu kontrollieren. Auf beiden Wegen entzieht man sich selbst der eigenen individuellen Identität. Zur Form des autoritären Charakters passt das Verhalten: man macht sich klein, um - als Teil des Großen - groß zu sein. „Man will Befehle erhalten, damit man nicht in die Notwendigkeit kommt, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen."²⁸ Es ist dieser Typ Mensch, auf dem die autoritären Systeme wie Nationalsozialismus und Stalinismus beruhen. Ein solcher passiv-autoritärer Mensch hat - nicht selten nur unbewusst - ein Gefühl der Minderwertigkeit, der Ohnmacht, der Verlassenheit. Weil er tief einsam und von einer tiefen Angst ergriffen ist, sucht er die Verbundenheit und er findet sie in der symbiotischen Beziehung, in dem Sich-eins-Fühlen mit anderen. „Der passive-autoritäre, oder wie wir auch sagen können, der masochistische, zur Unterwerfung neigende Charakter, hat das Ziel - wenn auch unbewusst - sich zum Teil einer größeren Einheit zu machen. Fromm stellt dem passiven Typ den aktivautoritären, sadistischen Charakter gegenüber. „Er erscheint seinen Anhängern selbstsicher und mächtig und doch ist er ängstlich und einsam wie der masochistische Charakter. Während der Masochist sich stark fühlt, weil er ein kleines Teilchen eines Großen ist, fühlt sich der Sadist stark, weil er andere, und wenn möglich viele andere, in sich hineingenommen, sozusagen aufgefressen hat. Sadismus definiert Fromm als Wunsch einer Person physische oder psychische Schmerzen zuzufügen. Im sadistischen Charakter dominiert der Trieb andere zu kontrollieren.

„Was das Wesen der autoritären Persönlichkeit ausmacht, ist eine Unfähigkeit: die Unfähigkeit, auf sich selbst zu stehen, unabhängig zu sein oder, um es anders auszudrücken, die Freiheit zu ertragen." Dem autoritären Charakter stellt Fromm den reifen Menschen gegenüber - jener Mensch, der sich nicht anklammern muss, weil er die Welt, Menschen und Dinge in aktiver Weise ergreift und begreift.

In seinem Werk „Die Kunst des Liebens" macht Fromm deutlich, wie sehr sich der autoritäre Charakter im Kapitalismus ausgeprägt hat: „Der moderne Kapitalismus braucht Menschen, die in großer Zahl reibungslos funktionieren, die immer mehr konsumieren wollen, deren Geschmack standardisiert ist und leicht vorausgesehen und beeinflußt werden kann. Er braucht Menschen, die sich frei und unabhängig vorkommen und meinen, für sie gebe es keine Autorität, keine Prinzipien und kein Gewissen – und die trotzdem bereit sind, sich kommandieren zu lassen, zu tun, was man von ihnen erwartet, und sich reibungslos in die Gesellschaftsmaschinerie einzufügen; Menschen, die sich führen lassen, ohne daß man Gewalt anwenden müßte, die sich ohne Führer führen lassen und die kein eigentliches Ziel haben außer dem, den Erwartungen zu entsprechen, in Bewegung zu bleiben, zu funktionieren und voranzukommen. […] Jeder glaubt sich dann in Sicherheit, wenn er möglichst dicht bei der Herde bleibt und sich in seinem Denken, Fühlen und Handeln nicht von den anderen unterscheidet."²⁹

Auch im heutigen Kapitalismus bemühen wir uns, die Freiheit zu vermeiden, indem wir mit anderen verschmelzen, indem wir Teil des autoritären Wirtschaftssystems werden – so wie dies auf eine andere Weise auch im Nationalsozialismus geschehen ist. Wenn ich so aussehe, rede, denke und fühle wie alle anderen in meiner Gesellschaft, dann verschmelze ich mit der Menge und muss meine Freiheit nicht ergreifen oder die eigene Verantwortung übernehmen. Weil man genauso ausschaut wie so viele andere Menschen um einen herum, fühlt man sich nicht mehr alleine - aber man ist auch nicht mehr man selbst. Das Ergebnis der Interaktion zwischen individueller psychischer Struktur und sozioökonomische Struktur bezeichnet Fromm als „sozialen Charakter". „Die sozioökonomische Struktur einer Gesellschaft formt den sozialen Charakter ihrer Mitglieder dergestalt, dass sie tun wollen, was sie tun sollen."³⁰

In unserer vom kapitalistischen Wirtschaftssystem dominierten Gesellschaft orientiert sich alles daran, ob sich etwas vermarkten lässt oder nicht. Menschen versuchen mit Bedürfnissen, Wünschen, aber auch mit der Not Geschäfte zu machen und Erfolg zu haben. In psychologischer Hinsicht bedeutet das Orientieren am Ökonomischen, nicht das eigene Sein zählt, sondern nur das, was sich vermarkten lässt. Dies führt nach Fromm zu einer Entwertung des Seins und des echten Selbsterlebnisses des Menschen. „Ich habe die Bezeichnung „Marktcharakter gewählt, weil der einzelne sich selbst als Ware und den eigenen Wert nicht als „Gebrauchswert, sondern als „Tauschwert erlebt. Der Mensch wird zur Ware auf dem „Persönlichkeitsmarkt." Folglich hängt der eigene Erfolg stark davon ab, wie gut sich ein Mensch auf dem Markt verkauft – „wir alle müssen bestimmten Stereotypen entsprechen, die ungeachtet aller Unterschiede eine Bedingung erfüllen müssen: gefragt zu sein.... Der Mensch kümmert sich nicht mehr um sein Leben und sein Glück, sondern um seine Verkäuflichkeit."³¹

Laut Fromm braucht der Kapitalismus angepasste Menschen, die konsumieren wollen, deren Verhalten voraussehbar ist, die sich leicht beeinflussen lassen und die sich dennoch frei und unabhängig fühlen. Wie sehr ein solches Verhalten auch Auswirkungen hat auf unsere Fähigkeit zu lieben, dieser Frage ist Fromm in seinem Buch „Die Kunst des Liebens" nachgegangen, das im Jahr 1956 erschien. Lieben ist eine Kunst, die gelernt sein will. „Ich möchte den Leser davon überzeugen, daß alle seine Versuche zu lieben fehlschlagen müssen, sofern er nicht aktiv versucht, seine ganze Persönlichkeit zu entwickeln, und es ihm so gelingt, produktiv zu werden; ich möchte zeigen, daß es in der Liebe zu einem anderen Menschen überhaupt keine Erfüllung ohne die Liebe zum Nächsten, ohne wahre Demut, ohne Mut, Glaube und Disziplin geben kann."³²

Für die meisten Menschen liegt das Problem der Liebe darin, geliebt zu werden und nicht in der eigenen Fähigkeit zu lieben. Für Erich Fromm ist die Liebe – neben der Vernunft – die wichtigste seelische Triebfeder des Menschen. Sie wächst und entwickelt eine verändernde Kraft nur in dem Maße, als sie praktiziert wird. „Liebe hat keinen Zweck.... Deshalb ist Liebe auch heute sehr selten die Liebe ohne Zweck, jene Liebe, in der alles, was wichtig ist, der Akt des Liebens selbst ist, wo also das Sein und nicht das Konsumieren die entscheidende Rolle spielt und wo Liebe der Selbstausdruck des Menschen, die Mitteilung der eigenen Fähigkeiten ist."³³

Fromm war ein weiser Vordenker und Visionär mit geradezu verblüffenden Fähigkeiten, die Entwicklung der Gesellschaft so genau vorhersagen zu können, dass man sich heute – einige Jahrzehnte nach deren Veröffentlichung - geradezu ertappt fühlt, in einen vorgehaltenen Spiegel zu blicken. In seiner Beschäftigung mit soziologischen und kulturphilosophischen Fragen setzte sich Erich Fromm mit der psychologischen Voraussetzung für eine neue gesellschaftliche Struktur auseinander. Angesichts der ständig zunehmenden Gewalttätigkeit und Destruktivität auf der ganzen Welt suchte Fromm nach den Ursachen für die zerstörerische Aggressivität des Menschen. Fromm war immer interessiert, die wirklich bösen Menschen dieser Welt verstehen zu lernen.

Erich Fromm gelingt in „Anatomie der menschlichen Destruktivität" der schlüssige Beweis, dass es nicht die Aggression schlechthin gibt, jenen Begriff, der als Erklärung für alle Gewaltsamkeiten in unserer Gesellschaft dienen muss. Fromm unterscheidet vielmehr zwischen der biologisch angepassten, defensiven Aggression und einer zweiten Form, „die nur für den Menschen kennzeichnend ist und die er nicht mit anderen Säugetieren teilt: seine Neigung zu töten und zu quälen, und zwar ohne „Ursache rein als Selbstzweck, nicht zur Verteidigung seines Lebens, sondern als Ziel, das in sich selbst wünschenswert und lustvoll ist.³⁴Und Fromm arbeitet in seinem Buch „Anatomie der menschlichen Destruktivität eine weitere, dritte Position heraus, die besonders durch das Postulat der Freiheit gekennzeichnet ist. Wenn die „Destruktiviät des Menschen weder ausschließlich durch Instinkte noch durch seine Umwelt determiniert, sondern charakterbedingt ist, so besitzt er die Freiheit, sich davon loszusagen. In der Sicht Fromms ist der Mensch von Natur aus auf Selbstentfaltung, Freiheit, Autonomie, Kooperation und Produktivität hin angelegt – nicht auf Zerstörung.³⁵

Fromm glaubt daran, dass der Mensch noch für das Leben gerettet werden kann, dann nämlich, wenn die Bedingungen geschaffen werden „daß die Entwicklung des Menschen, jenes unvollendeten Wesens – wie es einzig in der Natur vorhanden ist – zum obersten Ziel aller sozialen Bestrebungen gemacht wird. Echte Freiheit und Unabhängigkeit und das Ende aller Formen ausbeuterischer Herrschaft könnten die Liebe zum Leben wirksam werden lassen, jene Kraft, die allein die Liebe zum Tod besiegen kann."³⁶Diese destruktive Kraft kommt zum Beispiel durch gewaltige Exzesse einzelner Gruppierungen wie Hooligans, Rechtsradikale, oder Terroristen zum Ausdruck. Die Gruppen üben „grundlos" Gewalt aus. Solche Menschen finden Faszination am Gewalttätigen. Dies resultiert aus der Unfähigkeit, das Leben zu lieben. Deshalb besteht für sie die Möglichkeit, in der Zerstörung sich selbst zu erleben.

Erich Fromm hat sein Werk Haben oder Sein - die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft im Jahr 1976 veröffentlicht. Dieses Werk Fromms gilt als eines seiner berühmtesten Werke, in dem er eine zentrale Frage unseres modernen Lebens, die Frage nach Haben oder Sein behandelt. Es zeigt, wie sehr unsere Gesellschaft vom Haben und Habenwollen bestimmt ist - der Mensch ist der Diener des Wirtschaftssystems - und er will immer mehr haben, weil das System es so vorsieht. „Es bedeutet, daß ich alles für mich haben möchte; daß nicht Teilen sondern Besitzen mir Vergnügen bereitet; daß ich immer habgieriger werden muss, denn wenn Haben mein Ziel ist, bin ich umso mehr, je mehr ich habe."³⁷

Dem Haben stellt Fromm die Existenzweise des Seins gegenüber: Hier definiert der Mensch sich nicht über seinen Besitz, sondern darüber, was er ist. Hier erlebt er, statt zu horten, ist ganz bei sich und anderen und bringt seinen

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