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DER SCHRIFTSTELLER UND DER TOD: Ein Augsburg-Krimi

DER SCHRIFTSTELLER UND DER TOD: Ein Augsburg-Krimi

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DER SCHRIFTSTELLER UND DER TOD: Ein Augsburg-Krimi

Länge:
243 Seiten
3 Stunden
Herausgeber:
Freigegeben:
27. Aug. 2019
ISBN:
9783748713913
Format:
Buch

Beschreibung

Die Ehe von Thomas Scholz ist gescheitert. Hartz 4 droht.
Eine fatale Situation, denn der soziale Abstieg ist in greifbare Nähe gerückt. Ausgerechnet jetzt eröffnet ihm das Schicksal eine Chance: Die ganzen Jahre über hat er von einer erfolgreichen Karriere als Schriftsteller geträumt, aber letztendlich erschienen seine Romane bisher nur bei kleineren Verlagen. Jetzt eröffnet ihm seine Literatur-Agentin eine Möglichkeit, dass sein Roman bei einem großen Publikumsverlag erscheinen könnte – und ausgerechnet in diesem Moment befindet sich Scholz inmitten einer Schreibblockade. Gerade, als er eine Mordszene schildern muss. In seiner Verzweiflung greift er zu einer sehr ungewöhnlichen Methode – indem er selbst einen Mord begeht. Und es bleibt nicht nur bei diesem einen Mord...

Die Kriminalpsychologin Julia Ried hat sich aus privaten Gründen nach Augsburg versetzen lassen. Zusammen mit ihrem Kollegen, Hauptkommissar Robert Brandner, muss sie den grausamen Mord an einer Prostituierten aufklären. Aber auch nach sorgfältigen Ermittlungen gibt es immer noch keine brauchbaren Hinweise auf den Täter. Das ändert sich erst, als ein zweiter Mord geschieht. Julia ahnt zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht, dass sie selbst im Blickfeld des Mörders steht...

Der Schriftsteller und der Tod ist nach Das Augsburg-Experiment bereits der zweite Regionalkrimi aus Augsburg – spannend in Szene gesetzt von Alfred Wallon.
Herausgeber:
Freigegeben:
27. Aug. 2019
ISBN:
9783748713913
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

DER SCHRIFTSTELLER UND DER TOD - Alfred Wallon

Kapitel

Das Buch

Die Ehe von Thomas Scholz ist gescheitert. Hartz 4 droht.

Eine fatale Situation, denn der soziale Abstieg ist in greifbare Nähe gerückt. Ausgerechnet jetzt eröffnet ihm das Schicksal eine Chance: Die ganzen Jahre über hat er von einer erfolgreichen Karriere als Schriftsteller geträumt, aber letztendlich erschienen seine Romane bisher nur bei kleineren Verlagen. Jetzt eröffnet ihm seine Literatur-Agentin eine Möglichkeit, dass sein Roman bei einem großen Publikumsverlag erscheinen könnte – und ausgerechnet in diesem Moment befindet sich Scholz inmitten einer Schreibblockade. Gerade, als er eine Mordszene schildern muss. In seiner Verzweiflung greift er zu einer sehr ungewöhnlichen Methode – indem er selbst einen Mord begeht. Und es bleibt nicht nur bei diesem einen Mord...

Die Kriminalpsychologin Julia Ried hat sich aus privaten Gründen nach Augsburg versetzen lassen. Zusammen mit ihrem Kollegen, Hauptkommissar Robert Brandner, muss sie den grausamen Mord an einer Prostituierten aufklären. Aber auch nach sorgfältigen Ermittlungen gibt es immer noch keine brauchbaren Hinweise auf den Täter. Das ändert sich erst, als ein zweiter Mord geschieht. Julia ahnt zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht, dass sie selbst im Blickfeld des Mörders steht...

Der Schriftsteller und der Tod ist nach Das Augsburg-Experiment bereits der zweite Regionalkrimi aus Augsburg – spannend in Szene gesetzt von Alfred Wallon.

DER SCHRIFSTELLER UND DER TOD

Erstes Kapitel

Er war wütend. Und verzweifelt. Weil sein Zeitfenster immer enger wurde. Schon wieder löschte er den Absatz, den er gerade geschrieben hatte. Weil er einfach nichts taugte. Genauso wenig wie die anderen zehn Gedankenansätze, die er seit zwei Stunden in Worte zu fassen versuchte. Worte, die den Leser dieser Geschichte auch fesseln sollten.

»Scheiße«, murmelte er. Seine Hände zitterten, als er einen weiteren Versuch startete. Die Schrift auf dem Bildschirm verschwamm allmählich vor seinen Augen. Zu lange hatte er seine Konzentration dem Text gewidmet, hatte Wort um Wort genau durchdacht. Ich muss das irgendwie hinbekommen, verdammt noch mal...

Aber heute war wohl nicht sein Tag. Auch nicht gestern und vorgestern, oder die ganze letzte Woche. Mit einer fahrigen Handbewegung wischte er sich einige Schweißtropfen aus der Stirn und griff anschließend nach dem Glas Wein. Beinahe hätte er es umgestoßen. Er war immer noch zu unkonzentriert.

Er setzte das Glas an die Lippen und schluckte den Inhalt, als wäre es Wasser. Aber besser fühlte er sich dadurch auch nicht. Nur unsäglich müde.

Du bist ein Versager!, schrie eine Stimme in seinem Kopf. Du hockst schon die ganze Woche vor dem Computer und schaffst es trotzdem nicht, weiterzukommen. Vor einem halben Jahr hast du noch große Sprüche geklopft, dass ein Routinier wie du niemals eine Schreibblockade bekommen wird. Und ausgerechnet dann, wenn man am wenigsten damit rechnet, ist sie auf einmal da!

In seinem Magen verstärkte sich das Gefühl der Übelkeit, als er sich vor Augen hielt, dass er wirklich schon eine ganze Woche lang nichts geschrieben hatte. Oder besser gesagt nichts Verwertbares, was die Agentin gnädig stimmen würde. Er durfte nicht zurückfallen in alte Strukturen. Nicht jetzt, wo er diese Chance bekommen hatte. Sie würde ihm kein zweites Mal geboten werden.

Er war so wütend über sich und seine eigene Unfähigkeit, dass ihm gar nicht auffiel, dass er schon eine halbe Stunde auf den Bildschirm gestarrt hatte. Aber das Weiß darauf war immer noch leer. Keine spannenden Sätze, keine vernünftige Handlung, Stattdessen fühlte sich der Mann wie in einer Sackgasse, aus der es kein Entkommen mehr gab.

Ich schreibe einen Krimi, nur mit dem Morden klappt es nicht so richtig, formulierte er in Gedanken sein Resümee. Verdammt, es kann doch nicht so schwer sein, etwas richtig Blutiges zu schildern. Dass der Leser gefesselt wird und einfach nur weiterliest. Dass die Spannung ihn fast zerreißt. Dass er nicht vergisst.

Aber ausgerechnet an dieser Hürde war er bis jetzt gescheitert. Gnadenlos! Und je weiter er sich den Kopf darüber zerbrach, wie er das ändern konnte, umso mehr musste er sich eingestehen, dass er keine Lösung parat hatte. Er drehte sich im Kreis und kam nicht weiter.

»Wie lange brauchst du noch?«, riss ihn auf einmal eine Stimme jenseits der Tür aus den Gedanken. »Wir müssen noch einkaufen!«

Er murmelte einen leisen Fluch und ballte beide Hände zu Fäusten. Sekunden später wurde die Tür aufgerissen.

»Sag mal, warum antwortest du nicht? Ich habe dir eine Frage gestellt. Oder bist du taub?«

Er spürte ihren kritischen Blick, der sich auf den Computer richtete. Er seufzte innerlich, weil er genau wusste, was jetzt kommen würde.

»Wie lange willst du dich eigentlich noch mit diesem Unsinn beschäftigen?«, lautete dann auch prompt die Frage seiner Frau. »Es bringt dir doch ohnehin kein Geld aufs Konto. Lass es bleiben und tue lieber was Vernünftiges.«

»Was ich mache, ist vernünftig«, erwiderte er mit gezwungener Ruhe, während er mit Zeige- und Mittelfinger seiner linken Hand auf den Schreibtisch trommelte. Wer ihn genau kannte, der konnte deutlich sehen, dass das Fass schon fast übergelaufen war. Nur seine Frau nicht. Aber die kapierte ja ohnehin nicht, was ihm wirklich etwas bedeutete.

»Vernünftig nenne ich das, was uns ein sorgenfreies Leben beschert«, erwiderte sie. »Und deine brotlose Kunst trägt absolut nichts dazu bei. Also was ist jetzt? Wie lange soll ich noch warten, bis du endlich fertig bist?«

»Gib mir noch zehn Minuten«, erwiderte er. »Dann komme ich. Und in diesen zehn Minuten lässt du mich in Ruhe, verstanden?«

Die letzten Worte klangen heftiger, als er das eigentlich beabsichtigt hatte. Seine Frau war eine Meisterin darin, nicht nur den wunden Punkt genau zu treffen, sondern mit einer Nadel in dieser Wunde auch noch pausenlos herumzustochern. Als wenn ihr das die Befriedigung verschaffte, die er ihr schon lange nicht mehr bieten konnte.

»Der große Meister hat gesprochen«, kommentierte sie seine letzten Worte. »Also – ich warte dann auf dich. Und ich schaue dabei auf die Uhr. Zehn Minuten. Länger nicht.«

Bevor er etwas darauf erwidern konnte, hatte sie den Raum wieder verlassen. Genau das hasste er am meisten. Wenn er keine Gelegenheit bekam, ihr seine Gedanken zu erklären, und warum er sich mit solchen – seiner Meinung nach völlig unwichtigen Dingen wie gemeinsames Einkaufen überhaupt beschäftigen und Zeit verschwenden musste. Aber so denken und fühlten eben die meisten Menschen. Die einfachen Gemüter vor allem. So wie seine Frau.

Dass er jetzt viel zu aufgewühlt war, um die gesetzte Frist von zehn Minuten mit etwas Sinnvollem füllen zu können, wusste er. Sie hatte es wieder einmal mit wenigen Worten geschafft, ihn so zu reizen, dass er für den Rest des Tages nichts mehr hinbekommen würde. Und das in dieser ohnehin schon angespannten Situation.

Er schaltete den Computer aus und griff nach der Sonntags-Zeitung. Lustlos durchblätterte er die Seiten, bis er auf einmal innehielt. Die Seite mit den Kontaktanzeigen hatte er etwas gründlicher angeschaut als es ein verheirateter Mann eigentlich tun sollte. Mehrmals hatte er darüber nachgedacht, eines der Angebote zu nutzen und sich wenigstens etwas Bestätigung zu holen. Selbst wenn er dafür bezahlen musste.

Eine der Anzeigen interessierte ihn, ohne dass er sich zunächst erklären konnte, warum das so war. Aber irgendwie sprach ihn die Formulierung an und löste etwas in ihm aus.

Anna ( 23 ) erfüllt alle deine Wünsche, lautete der Text der Anzeige. Ich mache mit dir, was deine Frau nicht kann. Lebe deine Fantasien aus. Ruf mich an...

Plötzlich wusste er die Lösung. So klar und deutlich, dass er sich im Nachhinein fragte, warum er nicht schon viel früher auf den Gedanken gekommen war. Die Last der Tatenlosigkeit, die sich wie eine Glocke über ihn gestülpt und ihn schon fast am Atmen gehindert hatte, würde schnell verschwinden. Er musste nur etwas dagegen tun. Etwas, das keinen weiteren Aufschub duldete.

Zum ersten Mal seit einer Woche schaffte er es wieder zu lächeln. Weil er einen Weg gefunden hatte, wie er seine Schreibblockade effektiv überwinden konnte. Und danach würde er bald seine persönliche Zielgerade erreichen!

Sein Lächeln verschwand, als er das Zimmer verließ. Aber der Gedanke, endlich Licht am Ende des Tunnels sehen zu können, gab ihm Kraft. Auch dafür, dass er jetzt mit seiner Frau in den Supermarkt fahren musste.

*

Er ließ seine Blicke nach links und rechts schweifen. Die Ungeduld wuchs, aber auch die noch vorhandenen Zweifel, ob das wirklich richtig war, was er tat. Erneut schaute er auf seine Armbanduhr. Kurz nach 20 Uhr. Noch zu früh, um von einem gelungenen Abend zu sprechen – aber schon zu spät für jemanden, der sonst eigentlich um diese Uhrzeit schon zuhause war und die ewige Monotonie eines gescheiterten Ehelebens Tag für Tag ertragen musste. Ohne Aussicht auf Besserung!

Ich bin sicher nicht der einzige Mann, der so etwas tut, versuchte er seine, sich überschlagenden Gedanken zu ordnen. Es ist keine Sünde – es ist Befreiung von einem unsichtbaren Joch...

Das betreffende Haus in der Ebnerstraße im Augsburger Stadtteil Oberhausen war ein schmuckloses und in die Jahre gekommenes, unscheinbares Reihenhaus. Mit Mietern, die alle ihr eigenes Leben führten und sich keinen Deut um das kümmerten, was ihr Nachbar tat oder trieb. Genau solch einen Ort hatte er gesucht, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Als die Frau ihm mit rauchiger Stimme und mit osteuropäischem Akzent am Telefon gesagt hatte, wohin er kommen sollte, hatte er aufgeatmet. Weil diese Umstände vieles leichter machten. Sein Auto hatte er am unteren Teil der Ulmer Straße abgestellt und die knapp 300 Meter bis zum Haus der Prostituierten zu Fuß zurückgelegt. Jetzt hatte er sein Ziel erreicht, nahm all seinen Mut zusammen und umschloss mit den Fingern der rechten Hand den ledernen Griff des Aktenkoffers etwas fester. Den Inhalt hatte er ein wenig zweckentfremdet, so dass niemand auf den Gedanken kam, dass sich irgendetwas anderes als Akten darin befand.

Versicherungsvertreter besuchen ihre potenziellen Kunden meistens am Abend, sinnierte er, während er sich dem betreffenden Hauseingang näherte. Also los jetzt – ich muss es hinter mich bringen, damit ich endlich weiterkomme.

Er klingelte im 4. Stock, wo sich die Wohnung der Frau befand, die sich in der Zeitungsanzeige Anna genannt hatte. Ob dies wirklich ihr richtiger Name war, wusste er nicht. Es spielte auch keine Rolle. Sie war perfekt für das, was er sich vorgenommen hatte, und er hoffte, dass die ganze Sache genauso reibungslos über die Bühne ging, wie er es geplant hatte.

Die Tür öffnete sich. Er betrat ein muffig riechendes Treppenhaus. Irgendwo schräg über ihm stritten sich ein Mann und eine Frau in einer Sprache, die er nicht kannte. Sekunden später folgte das Weinen eines Kindes, das aber kurz darauf wieder verstummte. Genau wie der Streit.

Er ging die Treppenstufen nach oben, bis er vor der Wohnung stand. Die Tür war bereits einen Spalt geöffnet, und er blickte in das stark geschminkte Gesicht einer dunkelhaarigen Frau, die mit ihren Reizen nicht geizte. Sie taxierte ihn kurz von Kopf bis Fuß und lächelte ihn dann geschäftstüchtig an. Dabei stellte sie sich so geschickt in Pose, dass er ihre langen Beine genau sehen konnte.

»Komm rein«, forderte sie ihn auf und trat einen Schritt zur Seite. »Schön, dass du gekommen bist.«

Er schluckte kurz und betrat dann die Wohnung. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, jagte ein Gedanke den anderen. Immer vorwärts, Schritt um Schritt. Es geht kein Weg zurück... Seltsam, dass er ausgerechnet jetzt an den Song von Wolfsheim denken musste. Aber im Grunde genommen hatte dieser Typ namens Heppner ja Recht.

»Erledigen wir gleich das Geschäftliche«, riss ihn die Stimme der Frau aus seinen Gedanken fast brutal in die Wirklichkeit zurück. »100 Euro für normalen Service. Wenn du Extrawünsche hast, kostet es entsprechend mehr. Was willst du?«

»Viel mehr«, krächzte er und hatte große Mühe, seine Empfindungen unter Kontrolle zu bekommen. In seinen Augen flackerte es unruhig, aber die Prostituierte namens Anna hatte ihn in diesem Moment nicht angeschaut.

»Dann gib mir 300 Euro«, verlangte sie und streckte die Hand lächelnd aus. Ihre Augen blieben jedoch nach wie vor kalt, als er den geforderten Betrag zahlte. »Das Schlafzimmer ist dort hinten. Geh schon mal hinein – ich komme gleich nach...«

Er tat das, was Anna ihm gesagt hatte und betrat den Raum. Den Mittelpunkt bildete ein großes französisches Bett, das von einem indirekten rötlichen Licht erhellt wurde. Genau die halbseidene Atmosphäre, wie man es erwartete.

Er stellte seinen Aktenkoffer auf dem Bett ab, öffnete ihn und warf einen Blick auf den Inhalt. Gerade als seine Finger nach einem scharfen Messer tasteten, kam Anna ins Schlafzimmer. Sie trug nichts außer einem winzigen Tangaslip und schaute ihn erwartungsvoll an.

»Worauf wartest du noch?«, fragte sie ihn mit einem Augenaufschlag, der an Eindeutigkeit nicht zu überbieten war. »Oder willst du, dass ich dich ausziehe?«

»Das mache ich schon noch«, erwiderte er, während er sich hastig erhob. »Später...«

Zwei Sekunden später hatte er sich auch schon auf die Prostituierte gestürzt. Seine linke Hand presste sich auf ihren Mund, während er mit der rechten ausholte und ihr einen Schlag versetzte. Die fast nackte Frau brach zusammen und rührte sich nicht mehr.

Er grinste in stiller Vorfreude, als er auf sie hinabschaute. Dann bückte er sich, hob sie hoch und legte sie aufs Bett. Und anschließend begann er mit den Vorbereitungen für das, was ihn wirklich hierher geführt hatte...

*

Anna wusste, dass irgendetwas nicht stimmte, als sie die Augen zu öffnen versuchte. Aber es gelang ihr nicht. Irgendetwas hinderte sie daran. Erst dann spürte sie den Druck auf dem Gesicht und begriff, dass ihr jemand die Augen verbunden hatte. Sie konnte weder Arme noch Beine bewegen. Anna war völlig hilflos.

In diesen ersten Sekunden spürte sie eine alles überlagernde Panik. Anna stöhnte. Was war überhaupt mit ihr geschehen? Es änderte nichts daran, dass sie Angst hatte. Todesangst. Sie war wehrlos und nackt. Sie zitterte. Nicht nur aufgrund der Kälte, die ihr über die Haut strich.

Schlimmer noch als die Hilflosigkeit war die Tatsache, dass sich irgendjemand in ihrer unmittelbaren Nähe aufhielt. Sie spürte die Anwesenheit eines anderen Menschen. Sie hörte sein schnelles Atmen. Erst dann erinnerte sie sich daran, was geschehen war, bevor eine plötzliche Dunkelheit alle Sinne überlagert hatte. Bilder, die harmlos gewesen waren. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihr Bewusstsein in einen dunklen Schacht gestürzt war.

»Binde mich los«, hörte sie sich mit einer Stimme sagen, die ihr fremd erschien. »Jetzt komm schon – die Sache hier ist kein Spaß mehr...«

Trotz der verzweifelten Lage versuchte sie ruhig zu bleiben. Falls sie darauf gehofft hatte, dass ihre Bitte die Situation ändern würde, so geschah das nicht. Dieser Kerl unternahm gar nichts, um sie von den Fesseln zu befreien. Im Gegenteil – er schien sich sogar über ihre Hilflosigkeit richtig zu amüsieren. Sein Atem ging schneller. Er keuchte förmlich. Ganz in der Nähe ihres Kopfes.

Oh nein. Der Typ hat sie nicht mehr alle. Ein perverser Freak. Ich muss hier weg. Sofort!, dachte sie.

Sie hätte den Typ erst gar nicht in ihre Wohnung kommen lassen sollen. Dann wäre ihr diese ganze Scheiße erspart geblieben. Aber jetzt...?

»Wenn du schreist, wirst du es sofort büßen«, erklang seine Stimme in scharfem Ton. »Du sprichst erst, wenn ich es dir sage. Hast du das verstanden?«

Annas Gedanken überschlugen sich. Sie wollte um Hilfe schreien. Aber genau in dem Moment presste sich eine schwielige Hand auf ihren Mund. So fest, dass sie nur wenig Luft bekam. Ihr Herz raste, und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie wusste nur, dass sie den Anweisungen dieses Mannes Folge leisten musste.

Sie bewegte kurz den Kopf und hoffte darauf, dass der Mann es als Geste der Zustimmung und Unterwerfung auffasste. Sekunden später löste sich der Druck auf ihrem Mund, und die Hand entfernte sich wieder. Die Luft, die Anna jetzt gierig einatmete, hatte sie noch nie so intensiv empfunden.

»Du solltest ruhiger werden«, hörte sie seine Stimme irgendwo seitlich neben sich. Ihr Körper zuckte zusammen, als sie seine Finger an ihrem rechten Bein spürte. Wie sie langsam höher glitten, einer Schlange gleich – und dann an einer Stelle verharrten, die sie in diesen Sekunden absolut keine Erregung spüren ließ.

Plötzlich klatschte ihr etwas gegen die Wange. Hart und schmerzhaft. Anna schrie auf und zitterte am ganzen Körper. Die Tatsache, nicht zu sehen, was als nächstes geschah, raubte ihr fast den Verstand. Vor allem, als sie etwas Spitzes und Kaltes an den Brüsten fühlte. Etwas, dessen Berührung ausreichte, um sie noch mehr zu schockieren.

»Du solltest dich abfinden mit der Rolle, die ich dir zugewiesen habe«, vernahm sie erneut die Stimme des Mannes neben sich. »Du bist Teil eines grandiosen Einakters – und ich bin dein einziger Zuschauer. Natürlich habe ich geahnt, dass du die zugewiesene Rolle ablehnst. Aber die Aufführung hat bereits begonnen. Finde dich damit ab. Du wirst jetzt gleich etwas empfinden, was alle anderen Gefühle überlagert. Sei dankbar, dass du diejenige bist, die ich ausgewählt habe.«

Sie hörte ein Geräusch. Irgendwo oberhalb ihres Kopfes. Dann presste sich plötzlich etwas Klebriges auf ihren Mund, das die Lippen versiegelte. Erneut überlagerte blanke Panik sämtliche Gedanken,  Die Luft wurde durch das Klebeband auf ihrem Mund knapp. Sie konnte nicht richtig atmen, versuchte sich aufzubäumen. Aber die Fesseln ließen das nicht zu. Sie atmete durch die Nase, weil ihr keine andere Chance mehr blieb.

Plötzlich spürte sie ein heißes Brennen zwischen den Brüsten. Sie versuchte zu schreien. Aber das Klebeband verwandelte es schon im Ansatz in ein dumpfes Stöhnen. Niemand konnte sie hören.

»...es fällt mir schwer, meine Gedanken in Worte zu

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