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Proflexionen

Proflexionen

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Proflexionen

Länge:
246 Seiten
2 Stunden
Freigegeben:
May 10, 2019
ISBN:
9783957576620
Format:
Buch

Beschreibung

Nach Inkonsistenzen, Evidenzterror, Splitter und Subjekt und Wahrheit setzt der Philosoph Marcus Steinweg mit den Proflexionen sein eigensinniges Denken fort und nimmt den Leser mit auf den Weg. In prägnanten und hochverdichteten Kurztexten, Denkbildern, Bemerkungen und Miniaturen zu Autoren wie Simone Weil, Georg Trakl, Fernando Pessoa, Etel Adnan, Peter Handke, Franz Kafka, Jean-Luc Nancy oder Ludwig Wittgenstein kristallisiert sich seine unabschließbare Arbeit an den Antinomien des Denkens. Motive wie ›Manhattan‹, ›Kindheit‹, ›Gespenster‹, ›Liebestheologie‹, ›Diätetik‹, ›Schnee‹, ›Professorenphilosophie‹, ›Märchenstunde‹, ›Freundschaft‹ dienen ihm nicht als Reflexionsgrund, sondern als Anlass zu Proflexionen: Affirmationen nicht des Bestehenden, sondern seiner Inkonsistenz. Immer geht es Steinweg darum, Denken als Vorwärtsdynamik statt als Rückversicherung zu praktizieren.
Freigegeben:
May 10, 2019
ISBN:
9783957576620
Format:
Buch

Über den Autor


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Buchvorschau

Proflexionen - Marcus Steinweg

Marcus Steinweg

PROFLEXIONEN

INHALT

1. Kritzeln

2. Immanenzdichtung

3. Notiz zu Handke

4. Schreiben

5. Ausweglos

6. Notiz zu Pessoa

7. Exzesse der Hellsichtigkeit

8. Träumen

9. Qui suis-je?

10. Überflug

11. Schwimmen

12. Sekunde

13. Gier

14. Lesen

15. Schaukel

16. Problem

17. Notiz zu Wittgenstein

18. Schwelle

19. Hunger

20. Selbstverausgabung

21. Schwarz

22. Unterwegs

23. Ungerettet

24. Spiel

25. Notiz zu Musil

26. Denkraum

27. Aporien

28. Hotelzimmer

29. Indifferenz

30. Traurig

31. Notiz zu Robert Walser

32. Null

33. Brennpunkt

34. Schulden

35. Ein Kartesianer des Dunklen

36. Feuer

37. Kunstwerk

38. Angst

39. Notiz zu Kierkegaard

40. Stein

41. Strumpf

42. Brief

43. Gewährenlassen

44. Wüste

45. Wasser

46. Unbestimmtheitsgleichung

47. Absolution

48. Existenz

49. Beatitudo

50. Notiz zu Jaspers

51. Versuchung

52. Geiz

53. Puppen

54. Notiz zu Cavell

55. Kafka an Felice

56. D.

57. Sprachmüll

58. Tränen

59. Frau

60. Märchenstunde

61. Komplexe Realität

62. Notiz zu John Berger

63. Lektion

64. Autofahren mit Lacan

65. Perlen

66. Notiz zu Genet

67. Unterschied

68. Manhattan

69. Schwert

70. Appell

71. Kaninchen

72. Gras

73. Glückliche Tiere

74. Ozean

75. Müdigkeit

76. Notiz zu Adorno

77. Wille

78. Come on!

79. Geschwister

80. Begriff

81. Sieben Tropfen Glück

82. Kreativität

83. Antigone

84. Linie

85. Neues Licht

86. Notiz zu Ingeborg Bachmann

87. Ressentiment

88. Nacht

89. Crazy

90. Journal

91. Liebe

92. Fucked up

93. Ja

94. Notiz zu einer Notiz

95. Was kann Literatur?

96. Schmerz

97. Ergriffen

98. Notiz zu Trakl

99. Grotesk

100. Form

101. Sentimentalität

102. Subjekt

103. Notiz zu Heiner Müller

104. Dichter

105. Bühne

106. Nein

107. Manchmal

108. Gespensterphilosophen

109. Ermutigung

110. Linien, Löcher, Knoten

111. Beten

112. Schraube

113. Nichtidentität

114. Tiere

115. Notiz zu Nancy

116. Postkarte

117. Paraphrase

118. Schreiben

119. Leid der Transparenz

120. Gewöhnung

121. Unterschied

122. Rettung

123. Professorenphilosophie

124. Mutter

125. Notiz zu Kafka

126. Ideologiekritik

127. Daedalus ohne Ikarus

128. Inexistenz

129. Mond

130. Baustelle

131. Notiz zu Hegel

132. Komik

133. Lob des Losers

134. Differenzidiotie

135. Freundschaft

136. Diätetik

137. Vor der Tür

138. Insel

139. Pretty?

140. Erschöpft

141. Dummheit

142. Scheu

143. Aussichtslos

144. S. W.

145. Glück

146. Trottel

147. Haargenau

148. Es kostet mehr, als es kostet

149. Liebestheologie

150. Idiot

151. Lawine

152. Nackt bei offenem Fenster

153. Summen

154. Diätetik 2

155. Molotowcocktail

156. Boden

157. Analyse

158. Kind

159. Streuner

160. Notiz zu Zwetajewa

161. Faszination

162. Monotonie = Anorexie?

163. Vereinigung

164. Kritizismus

165. Traum

166. Magie

Anmerkungen

KRITZELN

Von Friederike Mayröcker kann man lernen, dass Schreiben Kritzeln heißt. Das gilt auch für die Philosophie. So konsistent sie auft ritt, so sehr bleibt sie Experiment. Ohne Beiläufigkeit ist sie nichts. Statt Bälle wirft sie Wörter in die Luft. Kritzeln heißt Krakeln. Spuren zeichnen in den Wind. Es geht um Kontingenzvertrauen, ums Zerreißen der vertrauten Sprache und um ihre Rekomposition. Wie Karten werden die Gedanken neu gemischt. Man darf nicht zu behutsam mit ihnen umgehen. Man soll sein Denken nicht schonen. Wer nicht mit hohem Einsatz spielt, denkt nicht. Das kritzelnde Denken ist ein ποιεῖν = ein Hervorbringen des Unbekannten im Akt des Schreibens. Auch der Schreibgrund bleibt nicht unangetastet. Das Schreiben ist die Dynamik seiner Durchlöcherung. Wie Vögel oder Insekten schwirren die Wörter durch den Raum. Das heißt nicht, dass sie keiner Regel folgen, aber regelmäßig mit den Regeln brechen. Darin liegt ihre Regelhaftigkeit. Zum kritzelnden Denken gehört Unbekümmertheit. Nie geht es darum, Fehler zu vermeiden. Es geht darum, mit ihnen zu spielen. Sich von ihnen kitzeln zu lassen. Wer kritzelt, tut es im Abseits der Bedeutung. Von hier aus rührt er an den Sinn. Sinn, der dem Nichtsinn verbunden bleibt, dem Loch in der Matrix, der ontologischen Inkonsistenz, die der Inexistenz Gottes korreliert. Kritzeln heißt, mit der Präzision der Dichtung denken, indem man Zeichen nahezu blind koagieren lässt, bis sie eine Wahrheit generieren, die den Schleier der Bedeutung zerreißt. Das Ergebnis ist eine neu erschlossene Wüste: »wo? befindest, du, dich?«¹

IMMANENZDICHTUNG

In seinem Fragment zu Friederike Mayröcker sagt Handke vom Lesen, dass es ein »Mitbuchstabieren, Entdecken, Welt- und Selbsterforschen sei.«² Statt in ihm ein Entschlüsseln auszumachen, Hermeneutik, plündernde Exegese, definiert Handke es als ein Begleiten, Sichüberraschenlassen, erwartungsloses Herausfinden. Lesen heißt Mitlesen. Das Lesen assistiert dem gelesenen Text, ohne ihn zu maßregeln. Es gibt ihm Zeit und Raum. Der Text selbst ist ein Raum-Zeit-Gebilde, eine »Konstruktion«³, die sich als solche ausstellt. Er verstellt sich nicht zum πνεῦμα, zum flüsternden Spiritus, Geist oder Lufthauch. Es reicht nicht aus zu sagen, dass Dichtung Fiktion sei und lüge. Wenn sie etwas taugt, dann ist sie wahr im Sinne einer Wahrheitskonstruktion, die ganz in diese Welt gehört. Vielleicht lässt sich von Immanenzdichtung sprechen. Ihre Transzendenzpunkte sind »Wortspalt[e]«⁴. Durch sie strömt ein Gespensteratem, der das Bekannte und Erklärte ebenso auseinander- wie zusammenhält. Das Mitbuchstabieren, von dem Handke spricht, impliziert die Bereitschaft, sich auf die Risse im Textgewebe einzulassen. Ein Text ist kein geschlossenes Gefüge. Er darf nicht verfugt sein, wie Handke einmal, Heidegger kritisierend, sagt: »Die dichte Fügung. Da ist alles richtig – und nichts.«⁵ Der Text besteht aus Löchern, durch die Luft geht, die ihrer Metaphorisierung widersteht. Nur Idioten machen aus ihr einen Götteratem. Dabei liegt die Leistung der Dichtung darin, die Ritzen im Text nicht zu schließen. Fürs Gedicht sind sie unverzichtbar. Ihr Geltenlassen betrifft das Lesen wie das Schreiben. Von Mayröcker sagt Handke, dass sie »die einzige deutschsprachige Dichterin« sei, »die weint. Und sie weint sachlich, mit den Sachen, den Dingen, den Menschen – in sachlicher Liebe.«⁶ Im Vorbeigehen gelingt ihm dabei eine Definition der Liebe: Sie muss sachlich sein, noch wenn sie zu Tränen führt. Sie ist Mitgehen mit dem Geliebten, nicht in ein Außerhalb, sondern in alternativloser Immanenz.

NOTIZ ZU HANDKE

Handke sagt, es ginge darum, dem »Aufsteigen der Leere«⁷ beizuwohnen. Im Schreiben tut sie sich auf. Es öffnen sich Zwischenräume. Der Raum der Bedeutungen und Sprachen erweist sich als rissig. In die Risse schlüpft das Subjekt. »Diese Momente, wo die Leere sich auftut, das sind Dauermomente, mit denen man – wie man in der Umgangssprache sagt – etwas anfangen kann.«⁸ Mit ihnen fängt der Schreibmoment an. In der Erfahrung gesteigerter Insignifikanz. Schreibend entzieht sich der Schreibende der Autorität der Rhetoriken und Zeichen. Er verlängert die Sprache in ihr Jenseits, lässt sie mit sich brechen, reibt sie gegen sich auf. Nicht indem er ihr Außenelemente einträgt, sondern indem er sie mit dem ihr inhärenten Außen vernäht. Erst in den Zwischenräumen der Sprache ist Sprache möglich, die sich der Wiederholung des Bekannten entzieht. Wie Rilke und Heidegger spricht Handke vom Offenen, das die Leere ist oder der Zwischenraum. Giorgio Agamben schreibt von der Notwendigkeit, sich dem »Mysterium«, auf dessen Kontaktverlust wir mit Sprache reagieren, nicht zu entziehen. Das Mysterium, das er, im Verweis auf Gershom Scholem, mit dem Feuer konnotiert, muss kein theologisches sein.⁹ Als Index seiner ontologischen Inkonsistenz ist es Bruch des Bekannten mit sich selbst, weshalb angesichts des Mysteriums »die künstlerische Schöpfung nur zu einer Karikatur werden«¹⁰ kann. Dass sich inmitten der Sprache Leere auftut, heißt, dass die Sprache über die Fähigkeit verfügt, inmitten der Immanenz aus sich herauszutreten. Statt um die Reaktivierung religiöser Transzendenz geht es um Resistenz gegenüber dem Immanentismus des Kausalen und Historischen, der seine Brüche ignoriert. Dies nennt Handke Erzählen ohne Dramaturgie und Plot. Daher die Nähe zu Cézanne.¹¹ Es ist ein Realisieren. Eine Verdopplung des Bestehenden, um es aus sich heraus ins Element des Textes oder der Farbe zu überführen. Statt Übersetzungsarbeit zu sein, erschafft es neue Realität inmitten der bestehenden. Dies ist die schöpferische Dimension der Kunst: ohne aus dem Bestehenden herauszutreten, es in etwas Neues zu verwandeln, das von ihm zeugt. Erst im Austritt aus der Geschichte tritt das Subjekt in sie ein. Die Dialektik von Mysterium und Historie erweist sich als komplex. Ein Name der Anerkennung dieser Komplexität, die sich sämtlichen Erlösungsversprechen sperrt, ist Literatur. Ein anderer Philosophie.

SCHREIBEN

Mit Kafka und Handke – vielleicht mit allen Schriftstellern und Dichtern – stellt sich Marguerite Duras die Frage, was Schreiben sei. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass zum Écrire Selbstentmächtigung gehört. Hier liegt seine Souveränität. Nicht im Gelingen, nicht in Könnerschaft, sondern in der Bereitschaft, sich im Schreibprozess verloren zu gehen. Schreiben bedeutet, sich auf diese Verlorenheit einzulassen. Schreibend umzirkelt Duras das Loch im Herzen der Realität.

AUSWEGLOS

Fernando Pessoa spricht vom »inneren Schlaf«¹², Duras vom »inneren Schatten«¹³. Es geht ums Nichts, ums Außen und um die Leere ohne Trost. Zuletzt ist eine Traurigkeit gemeint, die jedes Wort zerreißt. Jeder Satz ist von ihr heimgesucht, noch die Syntax wird von ihr zerstört. Zerstörung, die vom Leben handelt, vom Verlust, den es darstellt, vom Vergehen ohne Sinn. Nichts kann Pessoa vor diesem Schlaf retten, der noch die äußerste Wachheit kontrolliert. Im Traum zerfallen alle Konsistenzen. Liebe und Freundschaft erweisen sich als Chimären. Selbst die Gespenster sind nicht mehr gespenstisch. Sie sind Phantome, von denen der Träumende sich Exil erhofft, und dieser Hoffnung wird entsprochen, indem ihm jeder Ausweg genommen wird, das erträumte Jenseits, die Transzendenz: »ich will nicht einmal vor irgendetwas entfliehen.«¹⁴

NOTIZ ZU PESSOA

Im Buch der Unruhe stößt der Leser auf eine Passage, die »Ästhetik der Gleichgültigkeit«¹⁵ betitelt ist. Der Protagonist des Buchs, der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, öffnet sich dem Gewaltcharakter der Realität. Was wir Wirklichkeit nennen, greift in die Substanz des Subjekts ein. Zur künstlerischen Existenz gehört spielerischer Umgang mit ihr. Nie beugt sie sich dem Imperialismus des Bestehenden. Zugleich darf sie seine Wirksamkeit nicht bestreiten. Kunst spielt keine Kinderspiele, aber sie spielt, d. h. sie öffnet sich der Kontingenz. Wie Friedrich Nietzsche wusste, beruht diese Öffnung auf leidenschaftlicher Indifferenz. Nietzsche kennt das Spiel mit dem Zufall, das nur diejenigen zu spielen wagen, die bereit sind, ins Unbestimmte zu gehen. Nietzsches amor fati hat nichts mit Determinismus zu tun. Es beschreibt eine an Gleichgültigkeit grenzende Offenheit fürs Nichtvorhersehbare. Pessoa schreibt vom »inneren Taktgefühl«, das die Neutralisierung subjektiver Empfindungen verlangt = rationale Noblesse = Widerstand gegenüber dem Pathos des Sentiments = Resistenz gegenüber der Versuchung, sich als Gefühlstier aufzuwerfen, das sich seinen Pathologien/Neigungen beugt. Zur künstlerischen Existenz gehört Gleichgültigkeit. Nie folgt sie dem Geschmack. Zugleich misstraut sie den Objektivierungen der Wissenschaft und folgt anderen Vorstellungen. Spiel und Ernsthaftigkeit verbinden sich in ihr. Im Übersehenen und Hässlichen entdeckt sie Schönheit. Ihre Gleichgültigkeit muss wörtlich genommen werden. Sie wertet nicht. Sie blickt. So widersteht sie ihrer eigenen Kultur, die das Dispositiv politischer, ästhetischer,

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