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Von Hirten und Schafen: Missbrauch in der katholischen Kirche - Ein Seelsorger sagt Stopp
Von Hirten und Schafen: Missbrauch in der katholischen Kirche - Ein Seelsorger sagt Stopp
Von Hirten und Schafen: Missbrauch in der katholischen Kirche - Ein Seelsorger sagt Stopp
eBook358 Seiten4 Stunden

Von Hirten und Schafen: Missbrauch in der katholischen Kirche - Ein Seelsorger sagt Stopp

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Über dieses E-Book

Als Diakon und Referent in der Kirchenleitung kommt der promovierte Theologe Thomas Hanstein mit vielem bis dahin Ungeahntem in Kontakt und geht deshalb auf Abstand zum Kirchendienst. Im zweiten Jahr seiner Auszeit als Diakon erscheint dieses Buch.
Hanstein sieht im Missbrauch das Symptom einer speziellen Übergriffigkeit, die systemisch, amtstheologisch und kirchenrechtlich untermauert wird. Der Autor erklärt milieuspezifische Hintergründe von Machtmissbrauch und Übergriffigkeit in der katholischen Kirche auf verständliche Weise und regt zur Systemanalyse und Systemkorrektur der Amtskirche an.
Der Insider-Einblick in Strukturen, die Missbrauch in der katholischen Kirche begünstigen, macht deutlich, warum es sich beim Missbrauchsskandal nicht bloß um eine Häufung von Einzelfällen handelt.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum9. Sept. 2019
ISBN9783828872622
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    Buchvorschau

    Von Hirten und Schafen - Thomas Hanstein

    Thomas Hanstein

    Von Hirten und Schafen

    Thomas Hanstein

    Von Hirten und Schafen

    Missbrauch in der katholischen Kirche – Ein Seelsorger sagt Stopp

    Tectum Verlag

    Thomas Hanstein

    Von Hirten und Schafen

    Missbrauch in der katholischen Kirche – Ein Seelsorger sagt Stopp

    © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019

    E-Pub 978-3-8288-7262-2

    (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4320-2 im Tectum Verlag erschienen.)

    Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes

    #1227079750 von Alexxndr, www.shutterstock.com, und einer Fotografie von Michel Oeler, www.unsplash.com

    Abbildungen im Innenteil: Sylvia M. Ebner, M.A.

    Autorenportrait: Angie Ehinger, Master in Photography

    Alle Rechte vorbehalten

    Besuchen Sie uns im Internet:

    www.tectum-verlag.de

    Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

    Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

    in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

    Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

    allen betroffenen von sexueller gewalt,

    religiösem missbrauch und jeder

    form von übergriffigkeit in der

    katholischen kirche

    gewidmet

    Inhalt

    Grußwort – Einer für viele

    Persönliches Vorwort

    „Wahrlich, ich sage euch, insofern ihr es getan habt einem dieser meiner geringsten Brüder, habt ihr es mir getan!" (Matthäusevangelium 25,40)

    Einleitung – Im zehnten Jahr „danach"

    „Die Lüge ist wie ein Schneeball. Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er." (Martin Luther)

    Missbrauchtes Vertrauen

    Hausgemachte Aufklärung

    Angeordnete Veränderungsprozesse

    Persönliche Sünde oder systemische Schuld?

    Arbeitsthesen zum Missbrauch

    Kirche als System

    „Jesus hat das Reich Gottes verkündet, gekommen ist die Kirche." (Alfred Loisy)

    System und Systemgrenzen

    Kirche und Macht(erhaltung)

    Absolutismus – ein geschichtliches Phänomen?

    Das katholische Menschenbild

    Zwischenertrag

    Amt und Macht

    „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut." (Lord Acton)

    Sakramentales Amtsverständnis

    Berufung und Sukzession

    Kleriker und Klerikalismus

    Blutsbrüder – dicker als Wasser

    Demut als Kadavergehorsam

    Ein Nährboden der Eitelkeiten

    Zwischenertrag

    Milieu-Sprache

    „Relevanz erzeugt man nicht mit Banalität." (Erik Flügge)

    Spezielle Sprache eines speziellen Milieus

    Liturgiezauber und pastorale Begriffswolken

    Zuckerbrot und Peitsche

    Zwischenertrag

    Moral und Sittenlehre

    „Wer jemandem die Liebe verbieten kann, hat ihn vollkommen in seiner Hand." (Eugen Drewermann)

    Moral und Doppelmoral

    Sexualität und Enthaltsamkeit

    Kirche als Erzieherin

    Aufbauen oder klein halten

    Von Tätern und Opfern

    Zwischenertrag

    Lehramt und Kirchenrecht

    „Ich habe durch das Studium der Theologie hinter die Kulissen, ich habe der Kirche und dem Dogma in die Karten geschaut." (Friedrich Theodor von Vischer)

    Lehramt statt Theologie

    Von Hirten und Schafen

    Kirchenrecht und Tradition

    Kirchenrecht – paralleles Recht?

    Konziliarer Aufbruch – aktuelle Restauration

    Zwischenertrag

    Fazit: Ein Seelsorger sagt Stopp

    „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." (Matthäusevangelium 7,16)

    Persönliches Schlusswort

    „Wenn das System die Menschen von Gott wegbringt, muss man die Menschen vor dem System schützen." (Thomas Hanstein)

    Schlagwortverzeichnis

    Anmerkungen und Literaturhinweise

    Grußwort

    Einer für viele

    Noch ein Buch über die ‚verirrten Hirten‘. Die ehemalige rechte Hand eines Bischofs, von 2010 bis 2013 dessen persönlicher Referent, erzählt uns, was sich hinter den dicken Kirchenmauern alles abspielt.

    Es ist aber nicht irgendein Buch wie die vielen anderen der vergangenen zehn Jahre, seitdem die Medien sich mit dem Missbrauchssumpf der katholischen Kirche beschäftigen. Es ist eine sachliche und strukturierte Zusammenfassung verschwiegener Kirchenstrukturen. Thomas Hanstein analysiert die Mentalität von „Hirten und Schafen", wie er sie in seiner Zeit im Kirchendienst und als systemischer Coach erlebt hat.

    Nicht nur durch die vielen tausend leidvollen Geschichten, von denen ich in meiner Amtszeit als Vorsitzender von netzwerkB Kenntnis erhielt, kann ich Hansteins Schilderungen bestätigen. Es ist auch meine persönliche Geschichte, die dies zulässt, meine Geschichte als Opfer von sexualisierter Gewalt durch einen Priester. Mit 25.000 Euro versuchte mich der Bischof von Magdeburg wieder zum Schweigen zu bringen.

    Nein, der zehntausendfache Missbrauch in der katholischen Kirche lässt sich nicht monokausal erklären. Und in diese Falle tappt unser Autor auch nicht. Hierzu habe ich mich bereits im Jahr 2010 in der ARD-Sendung „‚hart aber fair‘ – Der Priester und der Sex" ausgesprochen. Würden alle Priester so im Zölibat leben, wie Mahatma Gandhi es in seiner Biographie beschrieben hat, wäre es möglich, dem ‚Gott der Wahrheit‘, so wie Gandhi ihn verstanden hat, näherzukommen. Die dicken, gewaltvollen Mauern des Vatikans verhindern das jedoch. Dank Hanstein bekommen diese Mauern nun Risse!

    Er schildert in seinem Buch sachlich und nachweislich die Hintergründe, die zu dem Versagen der katholischen Kirche geführt haben, die Verbrechen der sexualisierten Gewalt und deren Verschweigen aufzuarbeiten. Dabei hinterlässt er nicht den Eindruck, der katholischen Kirche Schaden zufügen zu wollen. Aber was die Großen der Kirche bis heute nicht leisten, tut ein „kleiner" Diakon: Hanstein stellt sich konsequent auf die Seite der Missbrauchsopfer. Ihnen hat er sein neues Buch gewidmet.

    Nicht nur die unterlassene Hilfeleistung gegenüber den Opfern und das Fehlen einer angemessenen Schadensersatzleistung werden auf den folgenden Seiten angesprochen, vielmehr werden auch die Hintergründe deutlich gemacht, warum die Kirche hier systematisch versagt hat. Auch für Menschen, die nicht unmittelbar mit der Kirche vertraut sind, ist dieses Buch eine wertvolle Hilfe, um die Zusammenhänge von Politik und Kirche in Deutschland besser verstehen zu können.

    Norbert Denef,

    erstes von der katholischen Kirche

    Deutschlands anerkanntes Missbrauchsopfer

    Persönliches Vorwort

    „Wahrlich, ich sage euch, insofern ihr es getan habt einem

    dieser meiner geringsten Brüder, habt ihr es mir getan!"

    Matthäusevangelium 25,40

    Man schrieb das Jahr 2010. Konturen und Umrisse wurden sichtbar. Aus dem farbenfrohen Spiel der kirchlichen Arbeit traten plötzlich ganz andere Schattierungen hervor. Bald schon zeichnete sich ab, dass in der Kirche nichts mehr so sein sollte wie zuvor. Denn in diesem Jahr bestimmte nur ein großes Thema die Kirche: die ersten Missbrauchsfälle, die nach und nach ans Licht kamen. Damit steht die katholische Kirche¹ mittlerweile im zehnten Jahr der „Aufarbeitung" dessen, was sich tausendfach – und, wie sich herausgestellt hat, mit Wissen vieler Kirchenoberen – an sexueller Übergriffigkeit aus und in den Reihen der Kirche ereignet hat.

    Auch meine „Kirchenkarriere" sollte in diesem Jahr beginnen, unter diesen speziellen Vorzeichen. Ich hatte mich in den zurückliegenden drei Jahren zum Seelsorger ausbilden lassen, um – neben meinem Hauptberuf – im Auftrag der Kirche tätig werden zu können. Es war die Einzelbegleitung, die sich wie ein roter Faden durch meine letzten Berufsjahre zog. Ausgerechnet in der Kirche meinte ich den Ort finden zu können, an dem dies gelingen sollte. Dabei waren die letzten Monate bis zur Ordination zum Diakon im Frühjahr 2010 von gemischten Gefühlen geprägt. Die Ausbildung war beendet, die Einladungskarten geschrieben² – und mehr und mehr Freunde sagten ihre Teilnahme an der Feier ab. Sie konnten nicht verstehen, „wie sich so ein kritischer Geist an eine solche Kirche binden kann, so die Formulierung eines Kollegen im Hauptberuf. Ich schwankte zwar, hielt den Einwänden und Zweifeln aber stand. Schließlich hatte es bereits in der Ausbildungszeit viele Rückmeldungen gegeben, die mich als „geborenen Seelsorger sahen. Bei meiner Amtseinsetzung zum Diakon „im Zivilberuf wünschte ich mir das Lied: „Ich träume eine Kirche, in der kein Mensch mehr lügt³. Denn ich war aufgewühlt von dem, was die Medien da ans Licht gebracht hatten. War das noch „meine" Kirche, in der so Unfassbares geschehen sein sollte?

    Ein halbes Jahr nur in der Seelsorge verging, und ich wurde in die Bistumsleitung berufen, ja befördert. Ich ließ mich – biblisch verstanden und aus dem frischen Selbstverständnis eines Diakons heraus – rufen und sollte im „Auge des Orkans viel Ungeahntes zu Gesicht bekommen. Als ich meine inneren Kämpfe als Seelsorger einmal einem hohen geistlichen Würdenträger anvertraute, schaute er mich nur scharf an, bevor er fragte, ob ich nicht Familienvater sei. Ich bejahte, meinte, dass mich das Thema Missbrauch gerade deshalb so sehr erschrecke. Worauf er, in aller Kühle und mit einem zynischen Lächeln, nach der Zahl meiner Kinder fragte und dann erwiderte: Dann wisse ich doch sicher auch, dass „die Zahlen bei euch Vätern viel höher lägen. Auch wenn die Missbrauchszahlen in Familien tatsächlich alarmierend sind, war dies hier doch nur eines: Ablenkung.⁴ Ethisch lässt sich eine solche „Argumentation nur unter „ferner liefen einordnen. Denn das Argument, „die anderen tun es doch auch, taugt moralisch nichts. Es würde jede andere Straftat ebenso rechtfertigen oder zumindest relativieren. Was die moralische Entwicklung des Menschen⁵ betrifft, so ist diese „Logik auf der Ebene eines Kleinkindes anzusiedeln. Andere Begebenheiten lassen sich beliebig ergänzen. Als ich beispielsweise einem Geistlichen von einem Gespräch mit einem missbrauchten Mann und – anonym – von dessen Psychosen erzählte, meinte der Priester, dieser Zustand sei zwar bedauerlich, aber er sehe keinen Zusammenhang zwischen der psychischen Erkrankung und dem körperlichen Missbrauch – der „im Übrigen auch nicht bewiesen und sicher auch schön längst verheilt sei. Schließlich habe „jeder sein Kreuz zu tragen, und oft würden „Dinge im Rückblick auch übertrieben dargestellt".

    Viele solcher Erfahrungen, hier beispielhaft im O-Ton wiedergegeben, zeigten mir, dass es neben vielen guten Seelsorgern auch etliche Funktionäre und Amtsbürokraten in der Kirche gibt, die unfähig sind zu einem Perspektivwechsel, zum Denken und Fühlen von den Betroffenen her. Immer wieder musste ich dies in der seelsorglichen Begleitung und im Coaching feststellen. Diese Haltung war einer der großen Kritikpunkte in allen Gesprächen mit den missbrauchten Menschen. Die fehlende – echte – Empathie erklärte ich mir anfangs noch als persönliches Defizit, bis ich erkannte, dass es systemisch vor allem um eines ging: die Organisation zu schützen. Noch vor der vereinbarten Zeit kündigte ich meine kirchliche Anstellung. Es waren genau jene Jahre, in denen die Mehrzahl aller Missbrauchsmeldungen in der Kirchenleitung einging und in denen Strukturen zur Behandlung dieses Themas noch im Aufbau waren. Einige Zeit darauf ließ ich mich auch von meinem nebenberuflichen Seelsorgeauftrag freistellen. Ich war im achten Jahr nach dem Aufkommen dieses Themas und hatte vieles – nicht nur das Thema Missbrauch – zu verarbeiten. Aus einem tiefen inneren Bedürfnis heraus musste ich mir einen Stopp verordnen, galt es doch, meine Identifikation mit dieser Kirche neu zu klären. Jetzt, im zweiten Jahr meiner Auszeit als Seelsorger, erscheint dieses Buch.

    Über mehrere Jahre war ich mit leitenden kirchlichen Aufgaben betraut. Ich schreibe hier aber nicht aus dem heraus, was ich dabei alles erfahren und erlebt habe. Diese Zeit liegt hinter mir. Das, was ich in dieser Zeit systemisch von der Spezialität katholische Kirche gelernt habe, verstehe ich im Rückblick als gute Fortbildung für die systemische Begleitung von Menschen nicht nur aus dem katholischen Milieu, sondern auch aus anderen hierarchisch aufgebauten Organisationen und für die Frage des Umgangs mit Machtstrukturen. Vielmehr werfe ich hier als Seelsorger, Coach und Theologe einen analytisch-systemischen Blick auf grundlegende Problemfelder in der katholischen Kirche, um die sich das Thema Missbrauch rankt.

    Aufgrund meiner kirchlichen Milieu-Erfahrungen sehe ich im Missbrauch das Symptom einer speziellen Übergriffigkeit, die systemisch, amtstheologisch und kirchenrechtlich untermauert wird. Persönlich habe ich – auch trotz bedenklicher Erfahrungen in kirchlichen Kreisen – einige Jahre daran geglaubt, dass sich auch in der katholischen Kirche Grundlegendes ändern könne. Die Mehrzahl aller pastoralen Mitarbeiter leidet unter der Situation der Kirche. Und wenn – biblisch gesprochen – „ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit"⁶. Ich habe es mir eine Weile lang angetan, dann aber entschieden, dass ich – bei allem theologischen Idealismus – nicht zum Leiden angetreten bin, sondern um Menschen in wichtigen und schwierigen Situationen ihres Lebens zu unterstützen. Denn es zeugt nicht gerade von Gesundheit, sich für ein krankes System aufzuopfern. Meiner seelsorglichen Leidenschaft – der Begleitung von Einzelpersonen und Teams – gehe ich nach wie vor nach, nun aber in einer neuen Rolle. Anfangs habe ich mich darum bemüht, ein anderes – humanistisches – Menschenbild in die Seelsorge zu übernehmen.⁷ Später habe ich mich, mit zunehmender innerer Distanzierung von der Amtskirche, auch aus der Seelsorge zurückgezogen und mich, nach einem berufsbegleitenden Kontaktstudium, auf das Feld Coaching und Beratung⁸ konzentriert. Ich bin inhaltlich nun ähnlich unterwegs, aber innerlich freier, weil es ganz um die Menschen geht, nicht um einen Apparat und seine System- und Machterhaltung.

    Was ich in dieser Zeit meiner Distanz von der Kirche immer wieder gehört habe, hat mich nachdenklich gemacht: ob mir „denn nichts fehle. Und jedes Mal konnte ich – ehrlich und authentisch – antworten, dass dies nicht der Fall sei. Pastorale Berufschristen irritiert dies noch immer. Doch mir hat es gezeigt, dass ich die Kirche nicht „gebraucht habe. „Gebraucht" haben mich einzelne Menschen, und das war gut und schön. Vielmehr hat der Abstand von der Kirche ein anderes Phänomen mit sich gebracht: Je mehr ich mich innerlich entfernt habe, umso stärker habe ich das wiederentdeckt, was mich in den Kirchendienst geführt hatte: Spiritualität. Und das ist bezeichnenderweise genau jene Ebene, die vielen kirchlichen Mitarbeitern – gerade in geistlichen Leitungspositionen, aber auch der katholischen Kirche selbst in aller Funktionalität und systemischen Nabelschau – mehr und mehr abhandengekommen ist. Auf dieser Basis aber lässt sich erst christliche Empathie für Menschen entwickeln. Von dieser inneren Quelle her erst sind kirchliche Mitarbeiter – und ist die Kirche selbst – nicht nur ansprechend, sondern zugleich weniger anfällig für Tendenzen der Überheblichkeit und Übergriffigkeit. Mit ein wenig Entfernung sehe ich nun so manche Merkwürdigkeit noch etwas klarer.

    Von meinen mittlerweile fast 25 Berufsjahren in ganz verschiedenen Bereichen – der freien Wirtschaft, dem Schul- und Hochschulwesen und eben auch der Kirche – waren die relativ wenigen Jahre im Kirchendienst für mich die anstrengendsten. Und dies weiß Gott nicht wegen der Schwere der Arbeit – seelsorgliche Gespräche, Begleitungen und auch Gottesdienste gingen mir ganz frei und locker von der Hand. Nein, mühselig war es, weil dieses Milieu ganz eigene Spielregeln und eine sehr spezielle Organisationskultur mitsamt einer sehr spezifischen Sprache hat. So musste ich, obwohl die basiskirchliche Arbeit in meiner Kindheit und auch noch frühen Jugend ein wichtiger Bereich war, nach wenigen Jahren im Kirchendienst erkennen, dass diese Kirche so, wie sie sich mit dem Skandalon (griech.: „etwas zutiefst Anstößiges) des Missbrauchsskandals gezeigt hatte, nicht mehr „mein Milieu war. Christliche Haltung und christliches Leben hatte ich biographisch anders erlebt – und erlernt. Auch als Seelsorger habe ich etliche gute Geistliche und einige lebendige Gemeinden erlebt. Deshalb will dieses Buch auch nicht als Schwarzmalerei verstanden werden. Nur bringt Schönfärberei welcher Art auch immer die Kirche in ihrer aktuellen Lage nicht weiter. Sie versteht sich als Familie. Wer aufmuckt, gilt als Nestbeschmutzer, weil es das „heimelige" Gefühl verletzen könnte. Hier findet sich ein jahrhundertealtes Muster, das sich nur punktuell zu lockern scheint. Dabei weiß jeder Personalberater, dass es gerade die Querdenker sind, die in Zeiten der Veränderung neue Impulse zu setzen vermögen. Stattdessen werden sie isoliert, verlacht oder angegriffen. Prominente Beispiele dafür gibt es viele. Dieser Gefahr stellt sich dieses Buch jedoch gern.

    Und wie ging es mit dem „Thema Missbrauch in den letzten zehn Jahren in der katholischen Kirche weiter? Freilich, man musste sich kümmern, nachdem die Medien sich daran so festgekrallt hatten. Und man kümmerte sich: Betroffenheitserklärungen wurden verlesen, Schutz- und Präventionsprogramme aufgelegt, erweiterte polizeiliche Führungszeugnisse für pastorale Mitarbeiter eingeführt, Studien in Auftrag gegeben – und auch wieder zurückgezogen. Doch ein ganzes Jahrzehnt, Tausende missbrauchte und weit mehr ausgetretene Menschen haben offensichtlich nicht ausgereicht, dass der kulturell-genetische Code dieser Kirche auf Mark und Bein geprüft worden wäre. So sehr der Maßnahmenkatalog auf der sogenannten „Antimissbrauchskonferenz in diesem Februar⁹ – wie das starke Engagement des aktuellen Papstes in diesem Thema – zu begrüßen ist, so wenig geht er nach innen, berührt er den „Zwiebelkern¹⁰ des katholischen Mindsets. Althergebrachte Redewendungen wie „Der Teufel sitzt im Chorgestühl oder die mir anvertraute Lebensweisheit eines alten Paters – „Der Weg zur Hölle ist mit Priesterköpfen gepflastert – zeugen von dem tiefen kollektiven Wissen um die Anfälligkeit der Kirche für das Böse. Selbst die Bibel warnt mit zum Teil drastischen Worten und Bildern vor dieser Haltung. Nur einzelne Bischöfe trauten sich in den letzten Jahren gelegentlich auch deutlichere Worte. Sie wurden dafür von anderen „Mitbrüdern zum Teil scharf angegriffen. Die Mehrzahl aber schwieg, versteckte sich hinter der Bischofskonferenz, machte „Dienst nach Vorschrift" – auf Kosten des deutschen Steuerzahlers, mit einer B-Dotierung. Der Leser mag selbst prüfen, was dies in Zahlen bedeutet. Und auf Kosten aller, die an der Basis – in den Gemeinden und als Religionslehrer – buchstäblich ihren Kopf hinhalten.

    Meine beiden theologischen Studienschwerpunkte waren Kirchengeschichte und Religionspädagogik. Als Kirchengeschichtler weiß ich natürlich um die „Wirrungen und Irrungen" der katholischen Kirche im Laufe der Zeit. Jedoch rechtfertigt keine einzelne davon diesen neuen historischen Skandal, der in der systemischen Vertuschung von moralisch höchst verwerflichen Handlungen und rechtlich gesehen von Straftaten besteht. Auch als Religionspädagoge kam ich mit meinen Erklärungen an Grenzen, ebenso mit meiner Identifikation mit einer Kirche, die zu solchen Ungeheuerlichkeiten fähig ist.¹¹ Die Arbeit an der Basis – am meisten außerhalb des geschlossenen Systems Kirche – hat nicht nur das Thema, sondern vor allem das jahrelange Lavieren auf höchster Ebene erheblich erschwert. Gleichzeitig ist das, was die „Hirten" der Kirche tun, nur ihre Aufgabe: Schaden von der Kirche abzuwenden, so wie sie es bei ihrer Amtseinsetzung versprochen haben. Viele verstehen bis heute – systemisch durchaus nachvollziehbar – den Schutz in der Verteidigung. Die abwehrende Hand auf dem Cover dieses Buches – eine Haltung, die zu verinnerlichen in der kirchlichen Jugendarbeit das Gebot der Stunde ist – ist damit ein doppeldeutiges Symbol, spiegelt es doch auch das Verhalten vieler Verantwortlicher bei diesem Thema. Wir haben es hier mit einem sehr alten und doch immer noch wirksamen Muster dieser Kirche zu tun.Kirchengeschichtlich lässt sich nachweisen, dass in Krisenzeiten – zum Beispiel zur Zeit des Nationalsozialismus – die Deutsche Bischofskonferenz in unterschiedliche Lager gespalten war. Damit waren wichtige Beschlüsse nicht möglich, und die Kirche hat sich so immer wieder selbst die Möglichkeit genommen, an wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen konstruktiv mitzuwirken. Dieses Struktur- und Milieuproblem setzt sich seit einem Jahrzehnt in der Auseinandersetzung mit dem Phänomen Missbrauch fort. Die katholische Kirche steht an einem historischen Wendepunkt, den der Missbrauchsskandal nur ausgelöst hat. Sie befindet sich in einer epochalen Identitätskrise. Nicht nur die Bedingungsfaktoren kirchlichen Missbrauchs wären daher zu untersuchen, sondern all jene Größen, die der Kirche und ihren Vertretern eine zu große Macht einräumen – während die Gesellschaft pluraler und interkultureller wird. Doch obwohl sich hier und da eine Ahnung von dieser bevorstehenden Wendezeit zu zeigen scheint, bäumen sich Kräfte gegen die schmerzliche Wahrheit auf. Und sie beschönigen, vertrösten, tappen in die Rechtfertigungsfalle. All diese Tendenzen sind Ausdruck von Angst. Von einer Angst, die wiederum die Veränderungsbereitschaft, so sie besteht, lähmt.

    Da ich meine publizistische Arbeit mittlerweile auf Fachbücher und Ratgeber im Bereich Coaching und Beratung verlagert habe, hätte es eigentlich kein weiteres Buch im Kontext Kirche „gebraucht". Doch das Thema kam in Gesprächen mit Klienten immer wieder auf. Neben Angeboten für Unternehmen und Privatpersonen coache ich unter anderem auch kirchliche Mitarbeiter¹² und Führungskräfte, und nicht zuletzt Gespräche mit „Missbrauchsopfern¹³ waren eine starke Motivation für diese Publikation. Wo Fallbeispiele aus Gesprächen in dieses Buch eingeflossen sind, war es immer auf ausdrücklichen Wunsch der jeweiligen Gesprächspartner. Derartige Zitate – als „O-Töne kenntlich gemacht – werden immer dann eingebaut, wo das erkennbare Muster keinen Einzelfall darstellt, sondern von ähnlichen Beispielen mehrfach bestätigt wird. Trotzdem erhebt die Nennung von realen Fallbeispielen keinen Anspruch auf Repräsentativität. Dieses Buch ist keine Studie, sondern ein persönlicher Beitrag. Die entsprechenden Zitate sind anonymisiert, womit kein Rückschluss auf den jeweiligen Kontext möglich ist.

    Für diese Gesprächspartner – und auch die (mir) bislang nicht Bekannten – habe ich dieses Buch geschrieben. Damit schließt sich der Kreis zu meiner Motivation vor über zehn Jahren, als ich mich für eine weitere, eine seelsorgliche Ausbildung entschieden hatte: Menschen in wichtigen Fragestellungen ihres Lebens zu begleiten. Im Auftrag der katholischen Kirche zu arbeiten, ist mir aus Glaubens- und Gewissensgründen derzeit nicht möglich. Ich befinde mich spirituell in einer Klärungsphase – mit offenem Ergebnis. Auch dieses Buch hat Energie erfordert. Es will milieuspezifische Hintergründe von Missbrauch und Übergriffigkeit in der katholischen Kirche deutlich machen und zur Systemanalyse und Systemkorrektur der Amtskirche anregen. Denn was in den letzten zehn Jahren seitens der Kirche unternommen wurde, war vor allem Reaktion, Symptomarbeit und Systemschutz. Erst, wenn die Kirche von der Reaktion nach außen zur Aktion nach innen kommt, hat sie eine Chance auf Veränderung – so „Mann" sie in der kirchlichen Obrigkeit überhaupt will. Dass dieses Buch von vielen innerkirchlichen Stimmen als konstruktiver Beitrag verstanden wird, steht nicht zu befürchten. Doch davon lasse ich mich nicht leiten. Denn auch Jesus hätte sich hier zu Wort gemeldet – oder dieser Kirche schon längst den Rücken gekehrt.

    Ich danke allen Gesprächspartnern auf dem Weg zu dieser Publikation, besonders meinen Klienten und den Betroffenen des Systems – aufgrund des vertraulichen Charakters ohne Namensnennung, aber nicht weniger – herzlich. Ebenso Sylvia Ebner für die gelungenen Illustrationen zu diesem Buch, Angelika Zink für ihr interessiertes und gründliches Korrekturlesen und Dr. Volker Manz für das zuverlässige Lektorat. Last not least danke ich Eleonore Asmuth, Karin Bawidamann, Sarah Bellersheim und Tamara Kuhn für die umsichtige Begleitung des Buches auf dem Weg in den Druck.

    Thomas Hanstein, Pfingsten 2019

    Einleitung

    Im zehnten Jahr „danach"

    „Die Lüge ist wie ein Schneeball.

    Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er."

    Martin Luther

    Missbrauchtes Vertrauen

    Sexueller Missbrauch war in jedem Einzelfall nur möglich, weil auf der sozialen Ebene zuvor Vertrauen missbraucht wurde. Unter jedem einzelnen konkreten Missbrauch liegt deshalb der Missbrauch eines Vertrauensverhältnisses. Dies ist verachtenswert, gänzlich unabhängig von der Funktion des Täters. Zusätzlich problematisch ist es, weil kirchliche Sprache und Verkündigung nicht ohne den Begriff des Vertrauens auskommen. Glaube und Vertrauen sind in der Bibel ein und dasselbe. Viele Bibelstellen sprechen von Vertrauen, vor allem auch, wenn es um Jesus und seine Jünger geht. So gesehen wurde durch den vielfachen Missbrauch und den darunterliegenden Vertrauensmissbrauch einer der basalen Pfeiler der Kirche zerstört – und damit nachhaltig ihre Glaubwürdigkeit. Die katholische Kirche ist zu einer sozialen Institution neben vielen anderen geworden. Sie mag nach wie vor mit einer deutlich höheren gesellschaftlichen Macht ausgestattet sein, ein besonderes Ethos und eine besondere Verpflichtung zu biblischem

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