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Nebel des Vergessens: Weltensymphonie
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Nebel des Vergessens: Weltensymphonie
eBook573 Seiten8 Stunden

Nebel des Vergessens: Weltensymphonie

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Über dieses E-Book

Verraten. Gefangen. Gefoltert. Anysa verliert das Vertrauen in sich selbst und ihren einzigen Freund: Iskander. Sie sucht Zuflucht im Tod, doch auch der ist ihr nicht vergönnt. Sie wird ins Leben zurückgerissen. Eine umfassende Amnesie schützt sie vor der Antwort, die auch ihr letztes bisschen Hoffnung zunichtemachen würde. Hat Iskander sie wirklich an Meridor verraten?
Unerwartet wird ihr Hilfe zuteil. Sie findet Freunde und lebt ein Leben, das nur geborgt ist. Doch das weiß sie nicht. Deshalb müssen ihre neuen Freunde entscheiden, ob sie Anysa ihre wahre Herkunft verraten oder nicht.
Doch es bleibt kaum noch Zeit, denn der Zerstörer und der Morgenstern befinden sich auf dem Weg zu Anysa. Kann er bewirken, dass der Morgenstern die junge Elbin mit dem Weltenhammer vernichtet? Das Rad des Schicksals dreht sich weiter, während die Schreiberin der Weltenbücher unter dem dunklen Einfluss des Zerstörers steht.

Dieser Fantasyroman ist der 4. Band einer spektakulären Reihe, die Magie mit Literatur und Musik verbindet.
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum1. Sept. 2019
ISBN9783944879727
Nebel des Vergessens: Weltensymphonie
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    Nebel des Vergessens - Lana Morgenstern

    Ende.

    In Feindeshand

    Wünsche dir lieber, du wärst Anysas Bruder, sonst hätte ich keine Verwendung mehr für dich!

    In halsbrecherischem Tempo preschte Andero durch das Zweistromtal, ohne auf den Zustand seines Pferdes zu achten. Das keuchte bereits bedrohlich und hatte deutlich an Tempo verloren. Doch den drohenden Zusammenbruch des Tieres nahm Andero gar nicht wahr. Er folgte Noreindos Suchstein wie ein Jäger, der die Spur seiner Beute aufgenommen hatte. Der Suchstein war auf Anysa eingestellt und wies ihm mittels eines sanft leuchtenden blauen Bandes den Weg zur Gesuchten. Doch auch ohne Suchstein hätte Andero gewusst, wohin seine Tochter gebracht worden war. Zornesröte stieg ihm ins Gesicht, wenn er an Iskander dachte. Wenn er diesen Mann in die Finger bekäme, würde Iskander sich den Tod herbeiwünschen.

    Noch größer aber war seine Wut auf Noreindo und Tanako, die Anysa mit dem Verräter in den Wald gehen ließen. Welche Sicherheit stellten schon drei Elbenkrieger dar, wenn die Überlebenden des meridorianischen Heeres sich noch im Tal aufhielten? Die wenigen Bauern waren nicht als wirkungsvoller Schutz zu bezeichnen, egal wie oft sie ums Lager patrouilliert waren. Andero hätte sich dafür ohrfeigen können, dass er den Elben schon wieder das Leben seiner Tochter anvertraut hatte. Offensichtlich hatte er aus seinen Fehlern vor über zwanzig Jahren nichts gelernt. Wäre er doch nur mit Anysa in die Berge geflohen. Dort hätten sie sich verstecken können.

    »Hätte ich es doch nur getan«, murmelte er und beugte sich tiefer über den Hals seines Pferdes. Bald würden sie dichten Wald erreichen, danach würde die Reise langsamer verlaufen. Über Wurzeln und Steine konnten die Pferde allzu schnell stolpern.

    »Andero«, rief Tanako hinter ihm, doch der reagierte nicht. »Andero, so wartet doch!«

    Plötzlich schoss eine Feuerkugel an dem Vater vorbei, die nur wenige Meter vor ihm auf dem Boden explodierte. Sein Pferd stieg auf die Hinterbeine und versuchte, ihn abzuschütteln. Doch mit einem harten Griff bekam er es schnell wieder unter Kontrolle. Verärgert sah er sich um.

    Noreindo stand unweit von ihm und senkte seinen Arm.

    »Tanako verlangte, dass Ihr warten sollt. Was davon versteht Ihr nicht?«, wollte der Elbenmagier wissen, stieg von seinem Pferd und ging zum Waldrand.

    »Warum reiten wir nicht weiter?«, fragte Andero erbost. Seine Unruhe machte sich auch bei seinem Tier bemerkbar. Es tänzelte nervös mit den Beinen und rollte wild mit den Augen.

    »Die Pferde müssen ruhen und wir ebenso«, antwortete der Gefragte ruhig und band sein Tier an einen Baumstamm.

    Tanako und die übrigen Elbenkrieger taten es ihm gleich. Tomko und Tikros hatten sich an der Suche nach Anysa beteiligt, obwohl sie schwer verwundet waren. Noreindo konnte ihnen mit seiner Magie zwar etwas helfen, dennoch mussten sie mit ihren Kräften stark haushalten. Tomko konnte kaum aufrecht gehen, seine Bewegungen waren fahrig. Tikros erging es etwas besser, doch in einem Kampf würden sie beide nicht bestehen. Trotzdem hatte Noreindo sie mitgenommen, da sie sich verpflichtet fühlten, Anysa zu befreien. Immerhin waren es die beiden Krieger, denen Anysa entrissen worden war. Auch wenn das eine sehr gute Falle von Iskander war, hatten sie dennoch versagt.

    Tanako machte sich die meisten Vorwürfe, da Iskander bei ihm aufgewachsen war und er ihn unterrichtet hatte. Alles was der Verräter wusste und konnte, hatte er von dem großen Elben gelernt. Wie konnte sein Mentor sich dermaßen in ihm täuschen? Es sah doch danach aus, als würde Iskander etwas für Anysa empfinden, sie zumindest mögen.

    Und nun dieser Verrat! Zuerst hatte Iskander sich Anysas Vertrauen erschlichen und sie gegen die Elben aufgebracht, um sie anschließend an Torak auszuliefern. Wie lange hatte er das schon geplant? Menschen waren schon immer unberechenbar, vor allem, was ihre Gefühle und ihre Gier nach Gold anbelangte. Das bestätigte sich durch Iskander nun wieder einmal, denn der hatte Anysa gewiss für eine gute Belohnung verraten.

    Ein Maunzen ließ Tanako aufschauen. Er sah Oscar in die Augen. Der Kater saß noch auf dem Rücken seines Pferdes vor seinem Sattel. Tanako hob seine Hand und streichelte ihn hinter den Ohren. Wohlig schloss Anysas treuer Begleiter die Augen und schnurrte leise.

    »Wir finden dein Frauchen«, beruhigte er den Kater. Am Tag ihrer plötzlichen Abreise war Oscar vor Tanako erschienen und hatte versucht, aufs Pferd zu kommen. Offenbar wollte der Kater unbedingt mitkommen. Tanako war klar, dass er Anysas Kater nicht zurücklassen konnte, daher hatte er ihn auf die beschwerliche Reise mitgenommen.

    Sie schlugen ein kleines Lager auf und rasteten drei Stunden. Die Pferde wurden abgerieben und gefüttert. Noreindo kümmerte sich um Tomkos und Tikros’ Verletzungen und gab ihnen etwas von seiner Kraft. Andero tigerte indes unruhig auf und ab. Er wollte nicht rasten, denn jede Minute, die verstrich, brachte Anysa Meridors Herrscher näher. Selbst als Tanako ihm etwas Brot und Käse geben wollte, lehnte er ab. Er hatte keinen Hunger, ihm war übel, außerdem setzten ihm starke Kopfschmerzen zu. Die Sorge um seine Tochter, die sich bald in Anarubas Händen befinden musste, schien seinen Körper zerreißen zu wollen. Wie sollte er in dieser Situation an so etwas Profanes wie Essen denken? Kurz bevor sie ihren Weg fortsetzen wollten, ging Tanako erneut zu Anysas Vater und hielt ihm etwas Essen hin.

    »Geht mir aus den Augen, Tanako«, herrschte Andero ihn an. Seine Hilflosigkeit schlug jetzt in Wut um, die er unbedingt loswerden musste. Tanako stand ihm gegenüber und war ein gutes Opfer für den Vater. »Immer seid Ihr in der Nähe, wenn meiner Familie etwas zustößt.« Anklagend zeigte er mit dem Finger auf den großen Elben. Sein Gesicht war vor Wut verzerrt. »Ihr habt gesagt, Anysa drohe keine Gefahr, und Ihr habt mir versichert, sie sei beschützt. Erinnert Euch das an etwas?« Tanako schwieg, denn er konnte die Worte des Vaters nicht entkräften.

    »Ihr tut meiner Familie nicht gut, also haltet Euch fortan fern von uns!« Andero drehte sich um und verschränkte die Arme vor der Brust.

    »Ihr seid Eurer Tochter keine Hilfe, wenn Ihr in Ciag vor Erschöpfung zusammenbrecht.«

    Die Worte des Elben enthielten einen gewissen Wahrheitsgehalt. Verärgert drehte Andero sich um, riss Tanako das Brot und den Käse aus den Händen und vertilgte es schnell.

    Wenig später wurden die Pferde gesattelt, und es ging weiter. Der Suchstein in Noreindos Hand leuchtete blau auf, als der Magier ihn beschwor. Ein hellblaues Band schoss aus dem Artefakt, als es Anysas magische Spur aufgenommen hatte. Es suchte sich etwa einen Meter über dem Waldboden einen Weg, dem die Männer mit den Pferden folgen konnten und verschwand in der Ferne zwischen den Bäumen. Mit der Zeit nahm die Anzahl der Bäume immer weiter ab, das Gelände wurde felsiger, die Temperatur sank.

    Die Verfolger näherten sich nun der meridorianischen Grenze, und es wurde immer schwieriger für sie, unentdeckt durchs Land zu reisen. Sie konnten Rendors Klamm nicht als Pass über das Landora-Gebirge nutzen, da der von Soldaten gut bewacht wurde. Andero schlug vor, dass Noreindo einen Illusionszauber anwenden sollte, um sie unentdeckt über die Grenze zu schmuggeln. Doch der Elbenmagier schüttelte den Kopf, noch bevor Andero seinen Vorschlag ausgesprochen hatte. Die Feinde hatten eigene Magier dabei, die Noreindos Illusionszauber sofort durchschauen würden.

    »Wozu haben wir überhaupt einen Magier dabei?«, grollte daraufhin Andero und ballte die Hand zur Faust. So blieb ihnen nur der weitaus gefährlichere Weg über das Gebirge. In den Bergen hielt der Winter nach wie vor an seiner Herrschaft fest, und ihre Pferde mussten durch hohen Schnee gehen. Ein schnelles Tempo war nicht mehr möglich, und der eisige Wind ließ selbst die Elben frieren. Noreindo musste seine Magie wirken, damit sie die kaum fußbreiten Pfade entlang des Abgrunds überhaupt betreten konnten. Er verdichtete den Schnee, sodass die Pferde mit ihren Hufen nicht einsanken. Gleichzeitig sorgte er dafür, dass kein Tier ins Rutschen kam. Es war eine anstrengende Aufgabe, die seine ganze Konzentration erforderte. Dabei musste er aufpassen, nicht zu viel Magie zu verwenden, da das von einem guten Magier bemerkt werden konnte.

    Schließlich schafften sie es, das Landora-Gebirge ohne Zwischenfälle zu überqueren, und befanden sich bald darauf in Meridor.

    »Wir brauchen neue Kleidung«, forderte Noreindo, als sie sich einem Dorf näherten. Mit der elbischen Kleidung fielen sie sofort auf, weshalb sie sich bisher stets vom Weg entfernt hatten, sobald Einheimische ihnen zu begegnen drohten. Durch diese mühselige Vorgehensweise kamen sie noch langsamer voran, deshalb musste eine andere Lösung her.

    Andero schien am besten für einen Diebstahl geeignet zu sein, denn er als Mensch fiel mit seiner Kleidung aus der Mark am wenigsten auf.

    Also schlich Andero sich im Schutz der Dunkelheit an das erste Haus des Dorfes heran. Er hatte Glück, denn auf der Leine hinter dem Haus hing wahrhaftig Wäsche. Gebückt rannte er zu der Wäsche, griff sich alles, dessen er habhaft werden konnte und drehte um. In der Dunkelheit vermochte er nicht zu erkennen, was er mitgenommen hatte. Deshalb hoffte er, dass etwas Brauchbares dabei war. Bei den Elben angekommen, folgte die Ernüchterung. Die Ausbeute bestand aus zwei Hosen, einem Unterhemd, einem Unterrock und zwei Schürzen. Dazu kam noch ein Leinenkleid.

    »Wer zieht das Kleid an?«, wollte Tanako wissen. Er wollte versuchen, die angespannte Stimmung etwas zu lockern und mehr Gefühle zu zeigen. Andero sollte das Gefühl bekommen, dass er nicht allein unter Elben war. Damit wollte Tanako verhindern, dass der Vater die Gruppe verließ, um auf eigene Faust nach Anysa zu suchen. Das würde ihm nicht gelingen, und bei dem Versuch konnte er sogar ums Leben kommen. Darunter würde Anysas ohnehin schon frostiges Verhältnis zum elbischen Volk noch mehr leiden.

    »Derjenige, der so dumm fragt«, antwortete Andero missgelaunt und warf ihm das Kleid entgegen. Tanako hielt es sich an den Körper und schüttelte den Kopf.

    »Passt nicht, aber vielleicht Euch?«, mit diesen Worten warf er das Kleid zu seinem Freund zurück. Der fing es nicht auf, beachtete den Elben noch nicht einmal, sondern verschwand wieder zwischen den Bäumen.

    »Ich organisiere mehr Kleidung«, waren seine knappen Worte.

    Noreindo missbilligte Anderos Verhalten, denn er war der Anführer dieser Gruppe und niemand durfte sich unerlaubt entfernen. Doch er musste Andero recht geben, sie brauchten mehr Hemden und Umhänge.

    Während also Andero einen Diebstahl nach dem anderen beging, schnitten die Elben aus dem Leinenkleid handtellerbreite Stirnbänder, die sie sich um die Köpfe banden, um ihre spitzen Ohren zu verdecken.

    Nach einer Weile kam Andero mit etlichen Umhängen zurück, ein paar Hemden waren auch dabei. Die dunkle, abgetragene Kleidung tarnte sie sicher gut, solange sie keiner genaueren Kontrolle unterzogen wurden. Nun stand ihnen die schwierigere Aufgabe bevor, unbehelligt durch Meridor und nach Ciag zu gelangen.

    Letzten Endes hatte Anysa nun doch ihren Willen bekommen, wir sind nach Ciag unterwegs, dachte Noreindo. Auch wenn der Grund dafür ein anderer war, würde er die günstige Gelegenheit nutzen und mit Anysa auch gleich Osero befreien. Er hoffte auf Filsondre, der sich in Meridor aufhalten musste. Vielleicht hatte der Krieger Osero sogar schon befreien können und war ihnen nun eine willkommene Hilfe.

    Torak führte sein Pferd durch das große Tor in den Hof der Burg Wendrock. Sie war eine beeindruckende Burg mit wuchtigen Türmen und hohen Mauern. Der Kriegsherr musste erst mehrere Tore durchqueren, bevor er auf den Burghof gelangte. An jedem einzelnen Tor wurde er nach dem Grund seines Eintretens gefragt, obwohl er jedem Posten hinlänglich bekannt war. Geduldig ließ er diese Prozedur über sich ergehen, denn wenn er dagegen aufbegehrte, würde das Ganze nur noch länger dauern.

    Iskander hingegen hatte seine Waffen bereits am ersten Tor abgeben müssen. Auch Anysa war durchsucht worden, was Iskander gar nicht gefiel. Doch er riss sich zusammen und unternahm nichts gegen die grobe Behandlung der bewusstlosen Elbin, da er keinen Ärger provozieren wollte.

    Hinter unzähligen Schießscharten standen Soldaten mit gespannten Bögen bereit, die jeden Schritt des Menschen aufmerksam verfolgten. Mit jedem Schritt seines Pferdes wuchs Iskanders Beklemmung. Als sie den Burghof erreichten, begrüßten sie eine Schar Soldaten sowie der Meistermagier persönlich.

    Nordazu würdigte Torak keines Blickes und eilte zu Iskander. Gierig rieb er sich seine skelettartigen Hände und hatte den Blick dabei starr auf die schlafende Anysa gerichtet.

    »Nun bist du endlich bei mir«, freute er sich und streckte die Hände nach ihr aus.

    Iskander ließ sein Pferd wenige Schritte rückwärtsgehen und entzog Anysa damit Nordazus Griff. Der Meistermagier schaute verwundert auf, hob seine Hand und schoss einen magischen Strahl gegen Iskanders Brust. Der wurde von seinem Pferd geschleudert und ließ dabei Anysa fallen. Doch sie stürzte nicht zu Boden, sondern wurde von Perdur aufgefangen, der direkt neben Nordazu stand.

    »Siehst du, Perdur. Torak hat das geschafft, wozu du seit zwanzig Jahren nicht fähig warst. Bring sie in meine Gemächer«, befahl er seinem Söldner.

    Perdur ging mit Anysa auf den Armen in die Burg. Iskander stand auf und sah ihr sorgenvoll nach. Mit einer Geste holte der Meistermagier sich seine Aufmerksamkeit zurück.

    »Ihr habt getan, wofür ich Euch angeheuert hatte. Nehmt Euer Gold und geht, bevor ich es mir anders überlege«, sagte er und hielt die Hand auffordernd zu Seite. Ein Diener eilte herbei und reichte ihm ein Säckchen aus Samt, das schwer in der Hand des alten Mannes lag. Dieses Säckchen hielt er nun Iskander entgegen und wartete ungeduldig.

    »Was ist?«, wollte er wissen. »Das ist genau die Summe Gold, die wir ausgehandelt hatten. Nehmt es oder geht, aber verplempert nicht meine Zeit!«

    Iskander sah das Säckchen voller Gold angewidert an, als hielte Nordazu eine Schlange in der Hand. Er wusste, dass sich in dem Säckchen weit mehr Gold befand, als er in den vergangenen Jahren zusammen verdient hatte. Damit hätte er ausgesorgt und könnte in den Ruhestand gehen.

    Genau das waren seine Gedanken, bevor Anysa in sein Leben geplatzt war und ihm die magischen Worte gesagt hatte. Sie war nicht seine erste Frau gewesen, und er hatte schon von manchem Weib genau dieselben Worte gehört. Doch sie waren stets nur eine Floskel gewesen, die schnell ausgesprochen und noch schneller vergessen war. Er hatte in den Augen der Frauen ausnahmslos die Lüge gelesen, die mit den Worten einherging.

    Allein bei Anysa war das anders gewesen. Sie hatte ein reines Herz und war grundehrlich. Sie meinte ihre Worte genauso, wie sie sie ausgesprochen hatte. Und er hatte sie verraten.

    Obwohl er das Gold nicht haben wollte, nahm er es von Nordazu entgegen. Hätte er das nicht getan, wäre der Meistermagier misstrauisch geworden und er, Iskander, hätte den Burghof gewiss nicht lebend verlassen. Doch das musste ihm gelingen, wenn er Anysa befreien wollte.

    Iskander schwang sich auf sein Pferd und verließ das Burggelände unbehelligt. Er brauchte Zeit, um sich eine Strategie zu überlegen. In der erstbesten Herberge, an der er vorbeikam, nahm er sich ein Zimmer. Wie sich herausstellte, war es eine sehr schmutzige Unterkunft. Die Ratten liefen an ihm vorbei, als wäre er nicht anwesend, und das Bett war eine Hochburg für Ungeziefer. Doch das alles störte ihn nicht, denn er hatte sich die Herberge nicht wegen ihres guten Komforts ausgesucht, sondern weil er seine Verfolger genauer in Augenschein nehmen wollte.

    Natürlich ließ Nordazu ihn nicht allein durch Ciag reiten. Er hatte zwei seiner Soldaten losgeschickt, ihn zu beschatten. Sie trugen nicht die Uniform der meridorianischen Soldaten, sondern die Kleidung der Einwohner Ciags. Dennoch hatte Iskander die beiden sofort bemerkt und überlegte nun fieberhaft, wie er sie loswerden konnte, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. An sich dürfte das in Ciag kein Problem sein, denn die Stadt war ein Pfuhl aus Angst, Leid und Gewalt, die versteckt oder offen in verwinkelten Gassen und dunklen Ecken herrschten. Wenn er zwei Männer in eine solch dunkle Ecke lockte, um sie zu töten, würde kein Hahn danach krähen. Er würde das Problem lösen und danach Anysa befreien. Das musste ihm unbedingt vor den Elben gelingen, die Meridor wahrscheinlich bereits betreten hatten. Nur wenn er sie als Erster aus Anarubas Gefangenschaft befreien konnte, war ihre gemeinsame Flucht nach Anagard möglich. Er musste versuchen, Anysa nach Berlin zurückzuschicken, denn auf Landory schwebte sie immer in Gefahr.

    »So, wie ich es dir versprochen habe«, murmelte er, verließ die Herberge und nahm seinen Dolch in die Hand. Seinen Blick hatte er auf den ersten Verfolger geheftet. Er begann, seinen Plan auszuführen, und hoffte, dass er Ciag in ein paar Tagen gemeinsam mit Anysa verlassen konnte.

    Nordazu trat in sein Schlafgemach ein und blieb überrascht stehen. Er hatte befohlen, dass die Elbin auf seinem Bett liegen sollte, doch sie war nicht da. Er ging auf den Flur und suchte Perdur, den er unweit seines Zimmers fand.

    »Wo ist sie?«, wollte er barsch wissen.

    »Ich wollte sie zu Eurem Gemach bringen, als ich den Befehl erhielt, sie unserem Herrn auszuhändigen«, erwiderte der Söldner und ging an Nordazu vorbei. Er ahnte, dass der Zorn in Nordazu emporsteigen musste und wollte besser nicht in der Nähe sein, wenn der Meistermagier ihm freien Lauf ließ.

    Nordazu schlug den Weg zu Anarubas Privatgemächern ein. Ihm war bewusst, dass der Dämon sein eigenes Interesse an der Elbin hatte. Doch Nordazu wollte sie zuerst sehen und ihr bei dieser Gelegenheit vielleicht etwas von ihrer Magie nehmen. Sie verfügte über ein enormes magisches Potenzial. Die Aura, die sie umgab, konnte Nordazu deutlich spüren. Leider spürte sie aber auch Anaruba.

    Der Meistermagier betrat den Flügel von Wendrock, in dem sich Anarubas Privatgemächer befanden. Er wollte an den Wachen vorbeigehen, als ein Soldat sich ihm in den Weg stellte.

    »Ihr dürft diesen Flügel nicht betreten«, sagte er bestimmt. Ein zweiter Soldat stellte sich neben seinen Kameraden und vertrat dem Alten ebenso den Weg.

    »Lasst mich durch, Kerle. Wisst ihr denn nicht, wer ich bin?«, donnerte Nordazu. Der Soldat nickte und verbeugte sich leicht.

    »Ihr seid Nordazu Galyris Holdro, Meistermagier von Meridor. Dennoch haben wir Anweisung, niemanden durchzulassen, auch Euch nicht. Es tut uns leid.«

    Nordazu ballte die Hand zur Faust. Seine Haut spannte sich so straff über seine dünnen Finger, dass es aussah, als würde sie jeden Moment reißen. Er machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Flügel. Natürlich hätte er die Wachen mit einem Wink beiseite schieben, sie mit seiner Magie gar töten können. Doch was hätte ihm das gebracht? Gegen Anaruba hatte er keine Chance, noch nicht. Das sollte sich ändern, wenn er Anysas Magie habhaft werden konnte. Seine Zeit würde kommen. Nordazu hoffte, dass Anaruba genug von Anysas Magie übrig ließ, damit er sie für seine eigenen Zwecke nutzen konnte. Sein Herrscher würde nicht etwa mit subtilen Mitteln vorgehen, wie er es geplant hatte, sondern vielmehr mit roher Gewalt. Ob die Elbin die harte Hand des Dämons überleben würde? Nordazu musste seine Pläne anpassen, um Anysa aus Anarubas Händen zu befreien.

    Anaruba stand vor seinem Bett und sah Anysa lange an. Schlafend lag sie in seinen Kissen, die Haare, die ihr makelloses Gesicht umspielten, lagen wirr auf der Seidendecke. Er wunderte sich, dass sie keine spitzen Ohren hatte. Dass sie eine Elbin war, erkannte er jedoch an ihrem feinen Körperbau und den zarten Gesichtszügen. Sie strahlte Würde und Eleganz aus. Ihre Aura hatte er bereits gespürt, bevor Perdur sie auf seinen Armen hereingetragen hatte.

    Endlich war sie in seiner Gewalt, und er konnte sich ihre Magie zu Nutze machen. Ihre Aura erinnerte ihn stark an die des jungen Mannes, der in seinen Kerkern eingesperrt war. Das war insofern eigenartig, da er diese Aura noch nie zuvor bei einem Menschen oder Elben erlebt hatte. Und nun strahlten gleich beide diese ungewöhnliche Aura aus. Diese Aura war wie der Geruch eines wohlriechenden Bratens, der eine leckere Mahlzeit versprach. Der Wohlgeruch der Auren dieser beiden Gefangenen war das Versprechen auf große Macht.

    Allerdings schien es bei dem Mann, als verschwinde seine Aura mit jedem Tag mehr. Warum geschah das? Ob das bei der Frau auch so sein würde? Er musste sich eilen, die Aura und damit die Magie der Gefangenen in sich aufzunehmen. Der nachdenkliche Ausdruck auf Anarubas Gesicht verschwand und machte Entschlossenheit Platz.

    »Wach auf!«, forderte er barsch und schickte einen magischen Strahl in ihren Körper. Damit neutralisierte er das Schlafmittel. Mit einem Keuchen öffnete Anysa die Augen.

    Sie setzte sich auf, sah sich panisch um und verstand im ersten Moment nicht, wo sie sich befand. Sie saß in einem großen Bett, das in einem Zimmer mit groben Mauern stand. Der Raum wirkte erdrückend auf sie. Außerdem haftete ihm eine böse Aura an. Kälte strömte von den Wänden, Dunkelheit schluckte das Tageslicht, sodass es in den Ecken tiefe Schatten gab. Das hier war kein Raum, der zum Verweilen einlud. Nein, er begrüßte den Gast als Feind.

    Erst jetzt fiel Anysas Blick auf den großen Mann, der wie kein anderer in diesen Raum passte. Als sie ihn sah, bekam der Ausdruck »groß wie ein Bär« eine wahrhaftige Bedeutung. Dieser Mann musste die Größe und die Stärke eines Bären haben, dazu kam eine enorme Brutalität, die seine Haltung und sein Gesichtsausdruck ausstrahlten. Seine muskelbepackten Arme zeichneten sich hart unter dem Seidenhemd ab. Die Armbänder um seine Handgelenke waren mit Stacheln versehen, desgleichen seine lederne Weste. Ein kleiner Dolch steckte hinter seinen Gürtel, aber kein Schwert. Eine Waffe brauchte dieser Mann auch nicht, allein sein Anblick war furchteinflößend genug.

    Erschrocken schrie Anysa auf und rutschte so weit zurück, bis sie gegen das Kopfende des Bettes stieß. Sie fühlte sich unendlich schwach und hatte kaum die Kraft, ihre Gliedmaßen zu bewegen. Was war geschehen? Sie erinnerte sich daran, dass Torak sie überfallen hatte. Tomko und Tikros wurden getötet. Doch was war mit Iskander geschehen und wie war sie hierhergekommen? Wo war sie überhaupt?

    »Wer seid Ihr?«, wollte sie mit schwacher Stimme wissen. Sie erschreckte sich, wie dünn und gebrechlich sie sich anhörte. Ihr Kopf schmerzte höllisch und ein schlechter Geschmack lag auf ihrer Zunge. Sie spürte, dass sie sehr lange geschlafen haben musste, und die Ungewissheit zerrte an ihren Nerven.

    »Mein Name ist Anaruba Elerdas Tsyrak, Herrscher über Meridor und die Mark. Du befindest dich hier in Ciag. Bald werde ich auch über Adarak und damit über ganz Landory herrschen.« Er kam näher an das Bett heran, und Anysa versuchte, noch einen weiteren Rückzugsweg zu finden. Sie wich zur Seite aus, doch Anaruba war schneller und ergriff sie an den Armen. Er zog sie dicht an sein Gesicht, sodass sie das Funkeln in seinen Augen sehen konnte. Und das war nicht nur eine Metapher. Nein, in seinen schwarzen Augen glomm wahrhaftig ein roter Funke, der mal größer, mal kleiner wurde, als führte er ein Eigenleben.

    »Ob du willst oder nicht, Du wirst mir bei meinem Vorhaben helfen, Anysa.« Seine Stimme glich dem Donnerschlag eines Gewitters, sie hallte von den nackten, kalten Wänden wider. Ihre Schwingungen drangen in Anysas Körper ein. Seine Augen wurden jetzt groß, während der rote Funke darin erlosch. Die Schwärze aus ihnen schoss Anysa entgegen und drang in sie ein. Verzweifelt versuchte sie, einen Schutzschild aufzubauen, doch Anaruba schob ihn lächelnd beiseite, als hätte er niemals existiert. Er drang in ihre Gedanken ein und holte sämtliche Erinnerungen und Gefühle hervor, die sie bisher gesammelt hatte. Seine klebrigen Fühler wühlten in ihren intimsten Gedanken und Wünschen, sie hinterließen in ihr das Gefühl von Scham. Er fand sogar die Musik in ihr. Um sie noch mehr zu quälen, begann er nun, die Töne langsam zu zerstören.

    Tränen des Schmerzes und der Angst quollen in ihren Augen und rollten an ihren Wangen herunter. Gegen seinen eisernen Griff konnte sie sich nicht wehren, ja, sie besaß nicht einmal mehr die Kraft, etwas zu sagen. Das, was er ihr antat, war schlimmer als jede Verletzung, die sie seit ihrer Ankunft auf Landory erlitten hatte.

    Schließlich fand Anaruba ein kleines Licht, das in Musik gebettet war. Brutal griff er danach und spürte für einen Moment die immense Kraft, die darin schlummerte. Doch jetzt schleuderte ihn ein gleißend heller Strahl aus Anysas Kopf, worauf er sie augenblicklich losließ. Keuchend sackte Anysa in sich zusammen und blieb reglos auf dem Bett liegen. Anaruba stolperte von ihr weg. Mit beiden Händen hielt er sich den Kopf, der zu explodieren schien. Noch nie zuvor hatte eines seiner Opfer ihn aus seinem Kopf zu verbannen vermocht. Noch nie hatte eine Person, ob Dämon, Mensch oder Elb, derartiges gewagt.

    Doch! Er dachte daran, dass ihm dasselbe sogar erst kürzlich passiert war, wenn auch nicht in demselben Maß wie bei Anysa. Der junge Mann im Kerker hatte sich geweigert, ihm seine ganze Magie zu überlassen. Anaruba konnte sich wohl einiges davon einverleiben, aber eben nicht alles. Und auch bei ihm war er auf eine Barriere gestoßen, die er bis heute nicht zu überwinden vermochte. Doch die Zeit im Kerker würde den Mann mürbe machen, und wenn sein Körper erst geschwächt war, dürfte er weniger Probleme haben, sich den wichtigsten Rest Magie aus dem Mann zu holen.

    Anysa wusste, was dieses Licht zusammen mit der Musik zu bedeuten hatte. Das waren ihre Liebe zu Iskander und ihre Liebe zur Musik, die sich miteinander vereint hatten, um sie zu beschützen. Doch ein böses Wesen wie Anaruba verstand die Liebe nicht. Erst recht war er nicht dazu in der Lage, ihre Wirkungsweise zu durchschauen.

    Er kam wieder zu Anysa, zerrte sie hoch und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Sie wäre von der Wucht dieses Schlags wohl aufs Bett geschleudert worden, hätte er sie nicht oben gehalten. Immer wieder schlug er sie und ließ seiner Wut freien Lauf.

    »Dir werde ich es zeigen, mich so zu behandeln! Gewähre mir Zugang zu deinem Geist! Gib mir deine Magie oder du wirst sterben!«, schrie er, zerrte sie vom Bett herunter und ließ sie auf den Boden fallen.

    Aus ihrer aufgerissenen Lippe und aus ihrer Nase blutete Anysa. Anaruba sank auf die Knie, umfasste ihren Kopf mit beiden Händen und drang erneut brutal in ihren Geist ein. Er fand ihre Magie diesmal noch schneller, doch als er danach greifen wollte, war da wieder dieses Licht mit der Musik, die ihn aus ihrem Geist herausschleuderten. Doch er bemerkte, dass Anysa etwas fehlte. Es war, als würde er nur eine Hälfte von ihr sehen, während ihm die andere verborgen blieb.

    Anaruba erhob sich und versetzte Anysa mit seinen schweren Stiefeln mehrere Tritte in den Unterleib. Anysa krümmte sich vor Schmerzen. Blut stieg in ihrem Körper auf, das aus ihren Mund lief. Sie nahm die Gewalt, die der Dämon ihr antat, kaum noch wahr, denn ihr Blick begann sich bereits zu verschleiern.

    Von neuem zerrte Anaruba sie hoch, holte aus und schlug ihr die geballte Faust ins Gesicht. Dieser Schlag raubte Anysa sofort das Bewusstsein und rettete sie damit vor den Schmerzen. Erneut sandte der Dämon seinen Geist aus, um ihre Magie zu holen. Wieder fand er sie und konnte ein wenig davon für sich abzweigen. Ihre Magie war neu und rein, sie war so unschuldig wie ein Neugeborenes. Wie flüssiges Feuer durchflutete sie seine Adern. Doch gleich darauf stieß er wieder auf die Barriere. Ein sehr hoher, klarer Ton schleuderte ihn aus ihrem Geist. Jetzt bemerkte er, dass ihr Anhänger dabei aufleuchtete und sofort griff er danach. Mit einem schrecklichen Schrei ließ er das Schmuckstück augenblicklich wieder los und schleuderte Anysa zu Boden. Atemlos starrte er die junge Frau an. Gleich darauf starrte er ungläubig auf seine Hand. An den Stellen, wo seine Haut den Anhänger berührt hatte, war sie verbrannt. Jetzt griff Anaruba mit seiner Magie nach dem Schmuckstück, doch das Resultat war diesmal noch verheerender. Sobald seine Magie den Anhänger berührte, entfachte ein Feuer in seinem Geist, das ihn von innen heraus verbrennen wollte. Die Schmerzen hörten erst wieder auf, als er von dem Schmuckstück abließ. Obwohl sie bewusstlos und blutend auf seinem Teppich lag, den sie dabei auch noch beschmutzte, war sie dennoch im Stande, ihm zu widerstehen.

    Erregung durchflutete Anaruba. Wenn es ihm gelingen würde, sich diese Magie anzueignen, wäre er unbesiegbar und könnte Landory im Sturm erobern. Er sandte einen Ruf nach Nordazu aus und legte sich auf das Bett. Auf dem Kopfkissen sah er ebenfalls Blutspritzer von dieser verfluchten Elbin. Er würde den Bezug wechseln lassen müssen.

    Nach wenigen Minuten klopfte es an seiner Tür. Gleich darauf trat der Meistermagier ein. Noch bevor er sich verbeugte, sah er Anysa blutend und offenbar bewusstlos auf dem Boden liegen. Anaruba hatte sie übel zugerichtet. Doch er hatte offenbar nicht das bekommen, was er haben wollte. Die Worte seines Herrschers bestätigten seinen Verdacht.

    »Lasst sie in den Kerker werfen! Sorgt aber dafür, dass sie nicht stirbt. Möglicherweise helfen ihr ein paar Tage in unserem besten Zimmer auf die Sprünge. Sie wird mich bald anflehen, dass ich ihre Magie nehme«, rief Anaruba und starrte weiter an die Decke. »Und verdoppelt die Wachen um das Schloss! Ich vermute, dass die Elben es wagen, nach Ciag zu kommen, um sie zu befreien. Diesem Elbenpack ist alles zuzutrauen.«

    Nordazu rief einen Soldaten zu sich und deutete auf Anysa.

    »Hebt sie auf und folgt mir«, befahl er barsch, verbeugte sich erneut und verließ das Zimmer.

    Tief unter die Erde führte der Weg, bis sie die Kerker erreichten, wo ihnen der Gestank von Fäkalien, Tod und Verwesung in die Nase stieg. Nordazu hielt sich ein mit Rosmarin getränktes Tuch vor die Nase, um den Gestank zu ertragen. Fackeln erhellten die Korridore nur ungenügend, doch er drang noch tiefer unter die Erde vor. Endlich war er am Ziel. Er betrat eine leere Zelle. Der Soldat mit seiner Last folgte ihm und legte Anysa auf den mit Stroh übersäten Boden, bevor er eilig wieder hinausging.

    Nordazu sandte seine Fühler aus und drang mit ihnen in Anysas Geist ein. Er sah in ihr Leben, das wie ein Buch offen vor ihm lag. Ihre Wünsche und Hoffnungen kamen ihm genauso entgegengeflogen wie ihre Ängste und Verzweiflungen. Ein inneres Licht zog ihn magisch an. Zugleich konnte er eine wunderschöne Musik hören. Als er sie berühren wollte, prallte er erschrocken vor dem Licht zurück. Anysas Magie drängte ihn aus ihrem Geist. Nordazu war es nicht möglich, mehr als nur ein winziges Stück ihrer Magie zu nehmen.

    Darum hat Anaruba sich dermaßen an ihr ausgelassen, dachte der Meistermagier. Er würde Anarubas Befehl vorerst Folge leisten.

    Nordazu sandte seine Magie in ihren geschundenen Körper und half ihm ein wenig bei der Heilung. In einem Punkt hatte sein Herr vollkommen recht: Anysa durfte auf keinen Fall sterben!

    Schließlich baute er eine Barriere um ihren Geist auf, damit sie nicht an ihre Magie gelangte. Doch der Schild blieb nicht aufrecht stehen, sondern sackte sofort in sich zusammen. Verwundert wirkte er die Barriere noch einmal, aber wieder mit demselben Ergebnis.

    Der Meistermagier erinnerte sich an Anysas Ankunft und daran, dass sie in einen tiefen Schlaf versetzt war. Nun war ihm auch klar, warum das notwendig war. Der Armreif Syal würde hier Abhilfe schaffen, denn gegen ihn sollte selbst die junge Elbin nicht ankommen. Dennoch würde er kein Risiko eingehen, denn die Art und Weise, wie sie ihre Magie wirkte, war ihm gänzlich unbekannt. Deshalb wollte er sie zusätzlich mit einem schwachen Schlafmittel ruhigstellen. Er verließ die Zelle, um ein Mittel zuzubereiten, welches sie zwar nicht in einen Tiefschlaf versetzen, jedoch daran hindern sollte, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

    Als Nordazu nach wenigen Metern an einer Zelle vorbeikam, vor der ein Soldat Wache hielt, blieb er stehen und äugte durch das kleine Fenster in der Tür, welches einen Blick in den dahinterliegenden Raum ermöglichte.

    Osero lag auf dem Boden. Er atmete nur sehr schwach. Er war krank und hatte noch nicht einmal mehr die Kraft, die Ratten von seinem Körper fernzuhalten, die bereits an seinen Gliedmaßen nagten. Augenblicklich sandte Nordazu seine Magie aus, mit der er das Ungeziefer verscheuchte. Mit einer herrischen Geste befahl er der Tür, sich zu öffnen. Die Tür gehorchte knarrend. Als er die Zelle betrat, hielt er sich angeekelt ein Tuch vor Mund und Nase. Menschen konnten so widerlich stinken, wenn sie in ihren eigenen Exkrementen und Ausdünstungen lagen! Er kniete nieder und berührte den Armreif Syal mit seinem rechten Zeigefinger. Ein leises Klicken war zu hören, worauf das Schmuckstück, das so harmlos aussah, von Oseros Handgelenk herab und zu Boden fiel. Als Nordazu es aufhob, war er aufs Neue verwundert, wie unendlich leicht und warm es sich in seiner Hand anfühlte.

    Als Osero vorsichtig die Augen öffnete, sah er Nordazu vor sich knien. Der hielt den Armreif in der Hand. Der junge Magier fühlte nach seiner Magie. Doch dieses Mal war da keine Barriere, die ihn daran hinderte, sie zu ergreifen. Er nutzte die Chance, raffte das letzte bisschen Kraft zusammen und sog sich voller Magie. Ihre Umarmung war so bittersüß und ließ seinen Körper wohlig vibrieren. Erst jetzt bemerkte er, wie leer er sich gefühlt hatte und wie viel die Magie ihm bedeutete.

    Nordazu war nur einen Moment unaufmerksam und genau den nutze Osero. Er schleuderte ihm seine Magie entgegen und richtete sich auf. Der Meistermagier fühlte sich von einer unsichtbaren Hand gepackt und gegen die Wand geschleudert. Doch seine gebrechlich anmutende Erscheinung stand im krassen Widerspruch zu seiner machtvollen Magie. Noch bevor Nordazu auf dem Boden aufschlug, sandte er eine Barriere mit so enormer Stärke, dass Osero gepeinigt aufschrie, als sie ihn traf. Er hatte das Gefühl, dass er in Stücke gerissen, auseinandergenommen und seziert wurde wie ein Stück Vieh. Aufs Neue wurde ihm seine Magie entrissen und hinter eine pulsierende Wand aus Eiseskälte getrieben. Er versuchte noch einmal, nach seiner Magie zu greifen. Doch schon allein die Berührung der Barriere ließ ihn zusammenzucken. Einen Schrei konnte er nur mit Mühe unterdrücken.

    Nordazu richtete sich auf und wischte das Blut von seiner Lippe. Wütend sah er seine rot gefärbte Hand an und richtete seinen Blick auf Osero. Der starrte aus weit aufgerissenen Augen zu ihm. Er war unfähig, etwas zu sagen.

    »Lass dir das eine Lehre sein, Aris. Mich überlistet man nicht«, zischte er und ging zu Osero.

    »Ich bin nicht Aris«, erwiderte der Magier automatisch. Er fühlte sich von einer unsichtbaren Hand gepackt und in die Höhe gehoben.

    »Wünsche dir lieber, du wärst Anysas Bruder, sonst hätte ich keine Verwendung mehr für dich!«

    Eine unsichtbare Kraft schleuderte Osero mit enormer Wucht gegen die Decke und anschließend mit rasender Geschwindigkeit auf den Boden. Augenblicklich verlor der junge Magier sein Bewusstsein. Blut rann ihm aus Nase und Mund. Nordazus beruhigte indes seinen schnellen Herzschlag und atmete tief durch. Oseros Angriff hatte ihn überrascht. Er hatte nicht im Geringsten damit gerechnet, dass er dazu in der Lage war. Diese Kraft bestärkte ihn in seinem Verdacht, dass es sich bei Osero um Aris handeln musste. Doch da war etwas, das nicht recht passen wollte. Die Aura, welche Anysa umgab, war nicht identisch mit der von Osero. Sie ähnelten sich erheblich, waren aber nicht völlig gleich, wie es bei Zwillingen sein sollte. Außerdem war sie heute nicht mehr so deutlich zu spüren wie noch am Tag zuvor. Wie konnte das möglich sein?

    Der Meistermagier schüttelte den Kopf, drehte sich um und verließ die Zelle. Auf der Schwelle sah er noch einmal zu Osero, um den sich mittlerweile eine große Blutlache gebildet hatte. Offensichtlich war er doch schwerer verletzt, als es den Anschein hatte. Nordazu seufzte und sandte seine Magie aus, um auch Oseros Körper zu helfen. Er reinigte die Wunden des Jungmagiers und ließ sie sich schließen. Sodann wirkte er einen Schutzschild um ihn, damit seine vierbeinigen Zellengenossen ihn in Ruhe ließen. Um seine Schwäche würde er sich später kümmern müssen. Er wollte nicht, dass seine Magie mit ihm starb.

    Er ging den Weg zurück, den er gekommen war. Noch einmal begab er sich zu Anysa. Sie lag noch immer bewusstlos am Boden. Allerdings war ihre Atmung jetzt ruhiger geworden, und ihre Stirn fühlte sich nicht mehr so heiß an. Seine Magie wirkte, sie half bei der Heilung ihrer Wunden.

    »Nun werde ich dafür sorgen, dass du mir keinen Ärger machst«, sagte er, als er Anysa den Armreif Syal um das rechte Handgelenk legte.

    Der Armreif passte sich augenblicklich dem Umfang ihres Handgelenks an. Jetzt passte kein Haar mehr zwischen Haut und Armreif. Mit einem leisen Klick verschloss sich das Schmuckstück, sein Verschluss verschwand, als hätte es ihn nie gegeben. Der Syal wirkte nun, als sei er aus einem Stück hergestellt.

    Plötzlich erfüllte leise Musik die Zelle. Nordazu sah sich verwundert um. Der Armreif an Anysas Handgelenk pulsierte. In sekundenschneller Folge war der Spalt zur Öffnung des Armreifs mal zu sehen und dann wieder verschwunden. Nordazu sandte noch etwas von seiner Magie in den Armreif. Damit stärkte er die Barriere in Anysas Geist. Es dauerte noch ein paar Minuten, doch schließlich gab der Syal Ruhe und führte seine Aufgabe aus. Er schirmte Anysa von ihrer Magie ab.

    »Merkwürdig«, murmelte Nordazu. Das eben Gesehene bestärkte ihn in seiner Absicht, ihr noch ein schwaches Beruhigungsmittel zu geben.

    Flucht nach vorn

    Dumm wie ein Meter Waldweg.

    Nein, wir werden uns nicht gegen die Elben wenden! Bist du verrückt geworden, Haron?«, fragte Glaso erregt und ging auf und ab. Das war in dem Versammlungsraum, der bis auf den letzten Stehplatz gefüllt war, eine beachtliche Leistung. Bei jedem Wort hatte er seinen Kopf geschüttelt und konnte auch jetzt nicht damit aufhören. »Du kennst die Geschichte dieses Tals. Willst du, dass sie es sich zurückholen? Wir haben bereits Meridor im Rücken, wir können nicht auch noch Adarak gegen uns aufbringen.«

    Haron stand mit geballten Fäusten auf der kleinen Bühne und funkelte Glaso an. Verstand er denn nicht, warum er diesen Vorschlag gemacht hatte? »Nur der junge Syraner ist in der Lage, Anysa zu befreien. Wir haben versagt und müssen es jetzt wiedergutmachen.«

    »Gar nichts haben wir! Die Elben müssen schon selbst auf sich aufpassen. Wir haben unseren eigenen Ärger mit den Soldaten«, erwiderte Glaso wütend.

    »Siehst du denn nicht, dass wir nur gemeinsam gegen Meridor ankommen können? Manchmal bist du wirklich dumm wie ein Meter Waldweg, Glaso«, antwortete Haron hämisch.

    »Wer von uns ist hier der Dumme? Du willst die Elben bekämpfen, die noch in unserem Dorf sind! Das nenne ich nicht nur dumm, sondern verantwortungslos!«

    »Du verstehst es einfach nicht. Anysa ist die stärkste Magierin, die Landory je hervorgebracht hat.«

    »Woher willst du das wissen?«, fragte Glaso lauernd. Er war stehengeblieben, hatte die Hände in die Hüften gestützt und beugte sich leicht vor. »Wenn sie so stark ist, wie kommt es dann, dass sie so einfach entführt werden konnte? Was erdreistest du dich denn, über Magie zu befinden? Bist du ein Magier? Hattest du schon mit welchen zu tun?«

    »Ihre Entführung war Verrat, den sie nicht vorhersehen konnte. Aber sie ist sehr stark«, gab Haron unwirsch zurück, »Pips ist auch sehr stark in der Magie, sonst hätte Noreindo ihn nicht so behandelt. Er fürchtet sich geradezu vor dem Syraner.« Auf die weiteren Anschuldigungen seines Freundes ging er gar nicht ein.

    »Und dem sollen wir helfen? Aus welchem Grund denn?« Seine Frage hallte durch den Raum und wurde von mehreren Zuhörern aufgegriffen.

    »Weil er auf unserer Seite steht und weil er Anysa befreien kann. Die Elben werden scheitern. Du siehst doch, dass sie die Entführung nicht verhindern konnten. Allein Anysa ist unsere Rettung. Sie ist der Asranyias, von dem in der Prophezeiung die Rede ist.«

    Ein Raunen ging durch den Versammlungsraum. Die Einwohner sahen einander an und flüsterten hinter vorgehaltener Hand. Bisher hatte noch nie jemand diesen Titel so eindeutig ausgesprochen, wie Haron es gewagt hatte. Seit sie Anysa zum ersten Mal auf dem Plateau gesehen hatten und Zeugen ihrer Magie geworden waren, machte der Begriff Asranyias die Runde durchs Dorf. Für Haron war das spätestens an dem Tag klar geworden, an dem Anysa dem Schlachtfeld zu neuem Leben verholfen und die Natur sich das blutgetränkte Land zurückerobert hatte.

    Und Pips? Ja, er spürte, dass Pips und Anysa durch etwas verbunden waren, obwohl er sie beide noch nie zusammen gesehen hatte. Er wusste mit unerschütterlicher Gewissheit, dass Anysa Pips dringend benötigte. Das wiederum war nur möglich, wenn es ihm gelang, von hier zu fliehen.

    Das war mit einem halben Dutzend Elbenkrieger vor der Tür, die sein Haus bewachten, gewiss gar nicht so einfach. Der junge Syraner stand unter Hausarrest und durfte Harons Haus nicht verlassen. Er konnte auch keine Magie wirken, da Noreindo ihm eine Barriere in den Kopf gepflanzt hatte. Also blieb nichts anderes übrig, als dass sie ihm auf natürlichem Wege zur Flucht verhelfen mussten.

    Noch immer hatte Haron ein schlechtes Gewissen. Er war es gewesen, der Pips in Noreindos Hände gegeben hatte. Sicherlich hatte der Syraner dem Elbenmagier zu verdanken, dass er überhaupt noch lebte. Der Preis dafür waren seine Freiheit und sein Glaube an Freundschaft gewesen. Ja, er hatte es geschafft, ein freundschaftliches Verhältnis zu Pips aufzubauen. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als der von seinem Verrat erfahren hatte. Pips’ Gesichtsausdruck, vor allem die maßlose Enttäuschung, die darin zu lesen war, würde Haron niemals vergessen.

    »Die Elben werden es uns danken, wenn Anysa gerettet wird«, versicherte er, doch Glaso schüttelte weiter den Kopf. Kann er überhaupt etwas anders sagen als immer nur ›nein‹?, dachte Haron.

    »Die Elben merken sich alles, und wenn einer von ihnen zu Schaden kommt, werden wir dafür bezahlen.«

    »Jetzt tut mal nicht so, als wären die Elben ein blutrünstiges Volk«, begehrte Beraso auf. Er mischte sich zum ersten Mal in den Streit ein. Der Alte war hier zwar nur Gast, doch immerhin ging es um Pips, der für ihn wie ein Enkel war.

    »Was wisst Ihr schon von den Elben, alter Mann?«, gab Glaso zurück. »Ich bin ihnen selbst schon mehrfach begegnet und weiß, dass sie sehr nachtragend sein können.«

    Beraso zog eine Augenbraue hoch und fixierte seinen Blick. Glaso wich ihm nicht aus, sondern starrte stur zurück. Nachtragend würde ich sie nicht nennen, dachte Beraso. Aber sie achten stets auf ihren Vorteil und ziehen ihre Pläne konsequent durch.

    »Ich kenne die Elben sehr genau. Ich selbst war in Tharul, als sie sich um Anysa bemühten«, betonte Beraso. Dabei achtete er peinlich darauf, dass die Dorfbewohner nicht die Wahrheit erfuhren. Sie mussten nicht wissen, das Anysa tatsächlich eine Gefangene der Elben war.

    »Sie ist eine von ihnen und lebte auf Tharelis. Ich bin derselben Meinung wie Haron, dass die Elbin der Asranyias sein könnte. Und ich denke auch, dass Pips in der Lage sein könnte, sie zu befreien.« Beraso schwieg, denn mehr hatte er dazu nicht zu sagen.

    »Der alte Mann hat recht«, mischte sich nun auch Gerot in das Gespräch ein. Er war im Dorf geblieben, nachdem Noreindo ihm verboten hatte, mit nach Meridor zu reisen. Der Elbenmagier hatte keine Gründe für diese Entscheidung genannt, da er ihm keine Erklärung schuldig war. Andero hatte auch nicht versucht, den Elben umzustimmen, und so war Gerot im Zweistromtal

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